Schwups: Das Böse in uns

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    Das Böse in uns

    Mit nacktem Oberkörper und schwitzenden Händen sitzt Mirko vor seinem Computer.
    Seine Augen brennen, der Körper glüht.
    Nervös blickt er hinter sich und kontrolliert zum wiederholten Mal, ob der Rollladen geschlossen ist. Die einzige Lichtquelle im Zimmer ist der Monitor.
    Als Mirko den Whisky zum Mund führt, klirren die Eiswürfel. Der Alkohol schürt das Feuer in ihm, es lodert und treibt ihn nah an eine Grenze, so nah.
    Die Datei trägt den schlichten Namen Archiv. Mirko fährt langsam mit der Maus drüber, zögert, klickt einmal, hält inne – spielt mit ihr, liebkost sie beinahe.
    Für einen Teil seines Bewusstseins ist dies das Vorspiel – jenen Teil, der die Hitze genießt und das Adrenalin dazu verwendet, sie am Brennen zu halten. Es ist der Teil, den Mirko seit beinahe zwanzig Jahren unterdrückt, doch seit ihn Karolin verlassen hat, kommt er wieder und wieder als dunkler Trieb zum Vorschein. Immerzu flüstert er, quält ihn, lässt ihn nachts nicht schlafen und bringt ihn dazu, sich im Internet von Leuten, die sich Der Gönner nennen, Dateien senden zu lassen.
    Der andere Teil seines Bewusstseins drängt ihn, ins Badezimmer zu gehen und den einzigen vernünftigen Weg zu wählen, das Feuer zu löschen. Doch je länger Mirko wartet, umso mehr wird dieses Drängen zu einem leisen Flehen, während jener Teil zunehmend im Alkohol versinkt.
    Einmal nur, sagt er sich. Vielleicht ist dann endlich Ruhe. Nur am Rande nimmt er wahr, dass hier bereits das Böse spricht, der Hexenmeister, der dieses Mal gewinnt und das Feuer entfacht.
    Er öffnet die Datei. Sie enthält eine Liste von etwa zwanzig Bildern, und ohne weiteres Nachdenken klickt Mirko auf das erste. Es zeigt zwei Jungen im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren, die auf einem Bett sitzen. Sie sehen wie Geschwister aus, und beide sind bis auf ihre Unterhosen nackt. Die Hitze in Mirkos Körper explodiert, wie ein Tsunami breitet sie sich aus, erreicht sein Herz, seinen Kopf und seinen Schritt.
    Mit zitternden Fingern öffnet er den Reißverschluss seiner Hose und greift hinein. Sein Blick fällt auf die Gesichter, ihre jungen, unschuldigen Gesichter, ihr dichtes blondes Haar, und seine Augen gleiten hinab auf ihre Arme und Brüste, wieder zurück in die Gesichter, Klick auf das nächste Bild, Blick bis zum Bauchnabel hinunter, er fährt sich mit der Zunge über die Lippen, nächstes Bild, endlich, endlich wandert sein Blick noch tiefer, tiefer, sein Griff wird fester, wieder zurück in die Gesichter, nach unten, oben, unten, oben, und im selben Rhythmus bewegt sich nun seine Hand, nächster Klick, er sieht ihre glatte Haut, ihre schmalen Lippen, und er –
    Er krampft und zuckt, während klebrige Flüssigkeit bis in sein Gesicht spritzt und sich auf seinem Bauch verteilt.
    Einen Augenblick keucht er, dann reißt er seine Hand von der Maus, als sei sie eine glühende Herdplatte. Auf dem letzten Bild sieht er zwei traurige Kinder, die sich vor einem schäbigen Bett fotografieren lassen mussten. Wie immer in diesem Moment, wenn das Böse seine Befriedigung bekommen hat und verschwindet, empfindet er Ekel vor sich selbst. Dieses Mal ist es schlimmer, denn dieses Mal waren die Bilder nicht nur in seinem Kopf. Der Geschmack nach Whisky und sein eigener Geruch lassen ihn würgen.
    Mirko schlägt die Hände vor sein Gesicht, und während das Sperma auf seinem Körper trocknet, beginnt er laut zu schluchzen.
    „Oh Gott“, ruft er. „Hilf mir, hilf mir bitte. Hilf mir!
    Für den Augenblick ist das Feuer erloschen, doch er weiß, dass der Hexenmeister irgendwann zurückkehren und es aufs Neue entfachen wird.

    „Du Dreckschwein also hast Timo getötet.“
    Es ist der Moment, in dem der Mann aus Davids Träumen endlich ein Gesicht bekommt. Unzählige Male wurde er nachts von seinem Sohn an die Hand genommen und eine unbekannte Straße hinunter geführt. Schau, Papa, sagte Timo und blickte mit großen Augen zu ihm auf, da vorne sitzt der Mann, der mich mitgenommen hat. Doch David sah stets nur eine Gestalt in der Ferne, die schwarz gekleidet am Straßenrand saß und das Gesicht abwendete. Und je näher er diesem Unbekannten kam, umso weiter entfernte sich dieser, ohne auch nur die kleinste Bewegung zu machen.
    Jetzt sitzt er direkt vor ihm, unfähig, sich zu bewegen.
    Er windet sich, doch die Fesseln halten ihn auf dem Stuhl. Durch das Klebeband hindurch hört David das Wimmern.
    Die Luft im alten Wasserturm ist stickig, und David hat das Gefühl, als laste ein großes Gewicht auf seinem Brustkorb. Er beugt sich zu dem Mann hinunter, dessen Augen weit aufgerissen sind. Sein Gesicht ist schweißüberströmt, und David riecht seine Ausdünstungen, hört den keuchenden Atem.
    Den ersten Schlag bohrt er in den Magen des Mannes, spürt, wie sämtliche Luft aus dessen Körper entweicht und er zusammensinkt. Panisch atmet er durch die Nase und richtet sich wieder auf. Auch wenn seine Schreie den Körper nicht verlassen, kann David sie hören. Er ballt erneut die Faust und trifft die Schläfe des Mannes. Der festgeschraubte Stuhl bewegt sich keinen Millimeter. Die Vorbereitungen sind perfekt, wie es David versprochen wurde.
    Durch den Schlag wird der Mann zur Seite gerissen, seine Schreie verwandeln sich in ein gleichmäßiges Stöhnen, und David befürchtet einen Augenblick, er könne das Bewusstsein verlieren.
    Er richtet sich wieder auf. Auf einem Tisch liegen zwei Gegenstände, einer davon ist der Personalausweis des Mannes. Er nimmt ihn und liest vor: „Mirko Desche, sechsunddreißig Jahre alt. Wohnhaft in Berlin.“ Er wirft ihn dem Mann ins Gesicht.
    „Zwei Sachen. Ich möchte nur zwei Sachen von dir wissen.“ Er greift in seine Tasche, zieht das Foto eines blonden Jungen mit Brille heraus und hält es Desche vor die Augen. Erkenntnis blitzt in ihnen auf, doch das genügt David nicht.
    Du musst dir sicher sein.
    „Das ist Timo. Mein Sohn. Mein Sohn, verstehst du? Hast du ihn mir genommen?“
    Desche heult, ein farbloser Rotzfaden hängt an seiner Nasenspitze.
    David reißt ihm das Klebeband vom Mund, und Desche krümmt sich, hustet. David packt ihn an den Haaren, zieht sein Gesicht wieder hoch. „Antworte mir, du verdammter Bastard. Hast du ihn mir genommen?“
    Desche wird von einem Weinkrampf geschüttelt. Er nickt. „Es tut mir so leid“, bringt er hervor. „Es – es tut mir so Leid. Bitte –“
    „Elender Bastard“, antwortet David. „Warum? Warum?“ Er schreit es ihm ins Gesicht, bedeckt es mit feinen Speicheltropfen. Dann greift er sich den zweiten Gegenstand auf dem Tisch, eine Pistole, und presst den Lauf auf Desches Stirn.

    Die Kinder befinden sich etwa fünfzig Meter vor Mirkos Auto.
    Der Morgen ist ungewöhnlich warm, und Mirko hat das Wagenfenster heruntergekurbelt. Er trägt eine Sonnenbrille und eine Schirmmütze. Es ist zwar nicht wahrscheinlich, dass ein Bekannter vorbeikommt, doch er möchte kein Risiko eingehen.
    Er lässt seine Blicke über die Kinder schweifen. Für ihn sind sie Verderben und Erlösung zugleich, tauchen sowohl in seinen guten als auch in den schlechten Träumen auf. Er bemerkt einen kleinen, rundlichen Jungen, der gelangweilt in Richtung Schule geht und einen Turnbeutel in der Hand schwenkt. Er ist dem Jungen nicht unähnlich, dem Mirko vor mehr als zwanzig Jahren in der Dusche des Schwimmbades begegnete. Damals ertappte er sich, wie er die Augen nicht mehr von dem kleinen Körper nehmen konnte.
    Seitdem fürchtet und begehrt er sie.
    Das Verlangen ist immer da, manchmal offen und direkt, manchmal wie durch eine Flut überspült. Einzig in den Jahren, als er es endlich schaffte, eine erwachsene Frau zu lieben, verschonte es ihn – oder kauerte vielleicht auch nur hungrig in einer Ecke, denn als Karolin ihn verließ, fiel es umso wilder über ihn her; erschreckend nicht aufgrund seiner Bösartigkeit, sondern wegen seiner Vertrautheit.
    Ein leichter Wind weht die Stimmen und das Lachen der Schulkinder in den Wagen, und Mirko muss wieder an die Kinder auf den Fotos denken.
    Vor zwei Tagen meldete sich Der Gönner bei ihm und fragte, ob er weiteres Material wolle. Mirko löschte daraufhin den Email-Account, den er eigens für diese Kommunikation eingerichtet hatte, ebenso wie die Bilder.
    Er kaut an seinen Nägeln, reißt manche ein und hinterlässt blutige Fingerkuppen. Die Schmerzen lenken ihn ab.
    Er sollte nicht hier sein. Gestern noch beschloss er, endlich die Kontaktstelle in der Luisenstraße aufzusuchen oder wenigstens dort anzurufen, doch stattdessen ist er wieder hier gelandet. Vor der Schule. In erster Linie interessieren ihn die Jungen. Er fragt sich, ob -
    „Hallo.“
    Die helle Stimme neben seinem Wagen lässt ihn aufschrecken. Er dreht sich zur Seite und sieht einen kleinen Jungen, vielleicht zehn Jahre alt, mit blondem Haar.
    „Hallo“, antwortet Mirko unsicher.
    „Können Sie mir helfen?“
    Wo kommt der auf einmal her?, fragt sich Mirko. „Was ist denn?“
    Der Junge schaut ihn mit verlegenen Augen an. Die Brillengläser lassen sie größer erscheinen, und Mirko vermutet, dass er dadurch zur Zielscheibe von Spott in seiner Klasse wird. Vermutlich ist er deshalb allein unterwegs.
    „Mir ist mein Schlüssel in den Gully da hinten gefallen. Ich komm einfach nicht an ihn ran.“ Tränen schießen in seine Augen.
    Mirko wirft einen letzten Blick auf die Gruppe von Kindern, dann nickt er und steigt aus. Seine Handflächen werden feucht, und er versucht, keine bösen Gedanken in sich aufkommen zu lassen.
    „Es ist da hinten“, sagt der Junge.
    Er kämpft dagegen an, wehrt sich.
    „Alles klar. Kein Problem. Wir holen ihn da raus.“
    Der Junge lächelt schüchtern; Mirko kennt dieses Lächeln und weiß, was es bedeutet.
    Er beginnt, Vertrauen zu fassen.

    David findet sich zur verabredeten Zeit am verabredeten Ort ein. Der Mann, der sich Herr J. nennt, ist pünktlich. Er fährt in einem grauen Lieferwagen ohne Aufschrift vor, und David steigt auf den Beifahrersitz.
    „Hallo David. Schön, dass Sie gekommen sind“, sagt Herr J.
    David antwortet nichts. Sie fahren eine Weile schweigend durch Berlin, immer wieder wirft er flüchtige Blicke auf den Fahrer. Der Mann ist noch sehr jung, vielleicht Anfang zwanzig. Quer über sein Kinn zieht sich eine weiße Narbe. Er macht auf David nicht den Eindruck, als könne er seinen Teil der Abmachung einhalten, doch er ist der berühmte letzte Strohhalm, an den man sich klammert.
    „Wo fahren wir hin?“, fragt David schließlich.
    „An einen Ort, den ich kenne“, lautet die knappe Antwort.
    „Und dort treffe ich ihn?“
    „Das habe ich Ihnen versprochen, nicht wahr? Ich verabscheue Leute, die nicht ehrlich sind. Ich bin es in jedem Fall, darauf können Sie sich verlassen.“
    „Und dann? Was passiert dann?“
    Der Mann lächelt. „Das liegt ganz bei Ihnen. Sie können entscheiden.“
    Sie fahren weiter, aus Berlin heraus, die Gegend wird ländlicher.
    Die Stille macht David verrückt. „Wer ist es?“, will er wissen.
    Herr J. antwortet nicht.
    „Sagen Sie mir, wer es ist.“
    „Das erfahren Sie gleich, David. Gedulden Sie sich noch ein paar Minuten, dann bekommen Sie alle Antworten. Wir haben alles vorbereitet.“
    „Ich fasse es nicht, dass Sie ihn gefunden haben.“
    „Nun, auf noch etwas können Sie sich verlassen: Wir finden alle.“
    Herr J. steuert den Lieferwagen auf einen schmalen Feldweg, und kurze Zeit später erreichen sie ein graues, zylinderförmiges Gebäude.
    Herr J. stoppt den Wagen. „Ein alter Wasserturm“, sagt er. „Er wird heute nicht mehr verwendet. Wir haben innen alles für Sie vorbereitet, David. Perfekt vorbereitet. Sie erfahren seine Identität, und Sie werden eine Waffe vorfinden. Sie enthält genau einen Schuss.“
    Der Mann – der Junge, es ist noch ein Junge, sagt sich David – lächelt ihn an. „Falls Sie Gebrauch davon machen möchten.“
    David zögert. Bei ausgeschaltetem Motor wirkt die Stille noch drückender. Tränen schießen in seine Augen, und plötzlich fühlt er sich müde.
    „Was erwarten Sie von mir? Was soll ich tun?“
    „David“, antwortet Herr J. und legt ihm eine Hand auf den Arm, „bleiben Sie ruhig. Sie sind hier das Opfer, vergessen Sie das nicht. Es liegt bei Ihnen, wie Sie den Täter bestrafen.“
    „Aber – aber ich meine, ich kann da nicht einfach hingehen. Ich brauche einen Beweis, verstehen Sie? Dass Sie den Richtigen haben.“
    Herr J. schüttelt den Kopf. „Ich kann Ihnen keinen Beweis geben. Aber fragen Sie ihn. Er wird gestehen.“
    „Wird er das?“
    „Da bin ich sicher.“
    David steigt aus und geht mit langsamen Schritten auf den Wasserturm zu. Er denkt an Timo, an sein seltenes Lachen. Es verblasst von Tag zu Tag mehr, und David fürchtet den Tag, an dem er es nicht mehr vor sich sieht.
    Er zieht ein Foto aus der Tasche. Es zeigt Timo vor dem Eurosat im Europapark. Schnelle Autos und Achterbahnen haben ihn immer begeistert. Einen Monat später war diese Aufnahme in der Tagesschau zu sehen.
    Durch eine enge Tür betritt David den Turm. Innen ist es dunkler und deutlich kühler. In der Mitte sieht er einen Mann auf einem Stuhl sitzen. Er ist daran gefesselt, und sein Mund ist mit Klebeband überklebt. Er schaut David mit großen Augen an.
    David geht auf ihn zu. Endlich hat er ein Gesicht, endlich.
    Als er spricht, zittert seine Stimme, und mit ihrem Klang kommt die Wut: „Du Dreckschwein also hast Timo getötet.“

    Es ist bereits spät am Abend, als das Telefon klingelt.
    Mirko lässt es klingeln. Er starrt in die Dunkelheit seiner Wohnung und beobachtet, wie das letzte Licht der Abenddämmerung verschwindet. So muss es in seinem Herz ausgesehen haben, als die Dunkelheit darin Einzug fand.
    Einmal nur. Vielleicht ist dann endlich Ruhe.
    Was für ein schrecklicher Fehler. Dies war seine Rechtfertigung, um die verbotenen Bilder zu öffnen, und er dachte, damit den Hexenmeister vertreiben zu können.
    Im Gegenteil. Im Gegenteil.
    In seiner Vorstellung ist es ein alter, ausgemergelter Mann. Er flüstert immerzu, ohne dass Mirko jemals ein Wort verstehen kann. Es ist eine fremde Sprache, doch der Klang reicht aus, um zu wissen, was er möchte. Versuchen. Er möchte Mirko versuchen und ihn an Orte locken, die jenseits einer Grenze liegen. Seine Stimme ist böse und gleichzeitig anziehend, so anziehend. Mit dem Öffnen der Bilder hat er jene Grenze überschritten und befindet sich nun auf der Seite des Hexenmeisters, der nicht mehr flüstert.
    Jetzt brüllt er, ohne Unterlass.
    Das Telefon hört nicht auf zu klingeln, und irgendwann nimmt Mirko ab.
    „Hallo?“ In der Stille der Wohnung klingt seine eigene Stimme fremd.
    „Desche? Mirko Desche?“
    „Ja. Wer ist da?“
    Stille. Mirko hört noch nicht einmal ein Atmen. „Wer ist da?“ Ein dummer Spaß, war ja klar, wer sollte auch zu dieser Zeit –
    „Ein Gönner.“
    Mirkos Herz gefriert, das Blut stockt in seinen Adern, für einen Augenblick bleibt die Zeit stehen.
    „Wer?“
    „Sie haben schon verstanden. Wir wissen Bescheid. Über alles.“
    Wir?
    Mirko sinkt in sich zusammen. Plötzlich sieht er seinen eigenen Tod vor sich; er weiß, dass er diesen Schlag nicht überleben kann.
    „Sind Sie – von der Polizei?“
    „Machen Sie sich nicht lächerlich. Wenn wir von der Polizei wären, würden wir nicht anrufen. Hören Sie zu, Desche. Wenn Sie unsere Anweisungen befolgen, wird die Polizei nichts von Ihnen und Ihren Taten erfahren. Sind Sie interessiert?“
    „Ja“, antwortet Mirko sofort, doch er keucht so stark, dass es kaum zu verstehen ist.
    „Das ist gut. Sehr gut sogar. Es ist klug, zu kooperieren.“
    Mirko spürt Schmerzen, als sich seine Hand um den Hörer krampft, doch er kann die Finger nicht entspannen.
    „Passen Sie auf. Sie steigen jetzt in Ihren Wagen und fahren an folgenden Ort.“

    Es war ihr Lächeln, in das er sich sofort verliebte, als er sie vor über fünfzehn Jahren das erste Mal traf. Seitdem begleitet ihn dieses Lächeln durch sein Leben und ist fester Bestandteil sowohl der großen Ereignisse – ihrer Hochzeit, der Geburt von Timo – als auch der kleinen, intimen Momente.
    Heute sieht David dieses Lächeln nur noch auf Fotos. Er erinnert sich sogar an den Moment, als er es zum letzten Mal in der Wirklichkeit sah: Das war vor fünf Monaten, als sie von einem Ausflug mit ihrer Schulklasse zurückkam.
    Sie sagte: „Oh Mann, du glaubst nicht, was das für ein schöner Tag war, wir haben –“
    Er sagte: „Timo ist nicht nach Hause gekommen.“
    Sie sagte: „Was?“
    Er sagte: „Timo ist nicht nach Hause gekommen.“
    Und dann verschwand das Lächeln und ist seitdem nicht zurückgekehrt. Manchmal denkt David, sie habe es zu Timo in den Sarg gelegt, um ihm ein wenig Hoffnung zu schenken.
    Jetzt blickt ihn Kerstin mit aufgequollenem Gesicht an. Ihre Augen sind verweint, die ungepflegten Haare stehen zu allen Seiten vom Kopf ab.
    „Du hast ihn gehen lassen?“, schreit sie. „Bist du wahnsinnig?“
    „Kerstin, beruhige dich“, sagt er im Bewusstsein, vielleicht einen Fehler begangen zu haben.
    Sagen Sie es niemandem, hat Herr J. gewarnt. Das muss Ihr Geheimnis bleiben. Doch welcher Mensch kann ein solches Geheimnis beherbergen?
    „Wer ist es?“, fragt sie, die Stimme scharf wie ein Rasiermesser.
    „Das hat er nicht gesagt -“
    Sag mir wer es ist!“ Sie steht vor ihm, nur ein Schatten aus alten Tagen, und schlägt mit ihren Fäusten auf seine Brust, schwach, so erschreckend schwach.
    David lässt es über sich ergehen. Irgendwann sinkt sie vor ihm auf den Boden, beinahe zu erschöpft zum Weinen.
    „Er hat nicht gesagt, wer es ist. Er hat nur gesagt, er kennt den Mann.“
    Immer ist es der Mann. Niemals der Täter. Oder gar Timos Mörder.
    „Wie kann er das?“, schluchzt Kerstin zu seinen Füßen. „Wie kann er ihn kennen?“
    David zittert am ganzen Körper. Dieses Zittern setzte sofort nach der Begegnung mit Herr J. ein und hält bis jetzt an.
    „Er hat gemeint, er arbeitet für eine privat finanzierte Organisation. Offiziell kennt man sie nicht, doch sie haben wohl starke Sponsoren. Sie ermitteln bei Verbrechen, keine Ahnung, sie finden die Täter, wo die Polizei schon aufgibt.“
    Natürlich hat die Polizei nicht aufgegeben, doch es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis sie die SOKO Timo irgendwann von ihrer heutigen Stärke von fünfzig Mann reduzieren – und eines Tages ganz auflösen.
    Kerstin blickt zu ihm hoch. „Wir müssen zur Polizei. Wir müssen das der Polizei sagen.“
    David leckt sich über die Lippen. „Warte, Kerstin. Warte mal. Dieser Mann hat gesagt, dass wir das auf keinen Fall dürfen, ansonsten wird er uns nicht mehr kontaktieren. Er sagt, die Gefahr ist zu groß, dass ihre ganze Organisation auffliegt. Aber er hat mir versprochen, mich zum Täter zu bringen. Das hat er mir versprochen! Verstehst du?“
    Sie sieht nicht aus, als ob sie versteht. „Warum -?“
    „Er sagt, er will Gerechtigkeit. Deshalb geht er auch nicht zur Polizei. Er sagt, die kann nicht für Gerechtigkeit sorgen. Er will mir selbst die Möglichkeit geben, den Täter zu bestrafen. Nur mir. Er will mich zu einer Gegenüberstellung bringen. Dann sehe ich ihn. Verstehst du?“
    Ihr Blick klart ein wenig auf. „Du sollst den Täter bestrafen?“
    David nickt. „Ja, das hat er gesagt.“
    „Aber wie?“
    „Das weiß ich auch nicht. Er hat nur gemeint, er meldet sich wieder. Mehr hat er nicht gesagt.“
    Wieder beginnt Kerstin zu weinen. „Warum hast du ihn nur gehen lassen? Was, wenn er sich nicht mehr meldet? Was dann?“
    David beugt sich zu ihr hinunter, nimmt ihr Gesicht in seine Hände und dreht es zu sich. „Das wird er. Weshalb hätte er sonst überhaupt zu mir kommen sollen? Hör zu, es ist wichtig, dass du das niemandem erzählst. Niemandem, verstehst du? Das ist jetzt unser Geheimnis, und wir schauen, wie es sich entwickelt.“
    Er erinnert sich an seine Geschichte, sein Märchen, das er Kerstin erst vor kurzem erzählte. Ein Schauder ergreift seinen Körper und lässt ihn frösteln.
    „Vor allem“, sagt er, „müssen wir jetzt ganz genau überlegen, was wir tun.“

    Über die dampfenden Schüsseln mit Mais und Nudeln fällt sein Blick immer wieder auf den neuen Freund der Schwester. Ihm wird schlecht bei diesem aufgesetzten Grinsen, doch die Eltern lassen sich täuschen. Wie dumm sie doch sind.
    Er hält sich zurück und spricht nur das Nötigste. Auch wenn die Wut in ihm rüttelt wie ein Gefangener an den Stangen seines Käfigs, bleibt er nach außen ruhig, wie immer.
    „Die Frage ist jetzt“, sagt der Schönling und tupft sich mit einer Serviette über die Lippen, „ob es eine Legitimation dafür gab. Und nicht nur das, man muss hier zwei Aspekte berücksichtigen.“ Er spricht über Politik und begeht damit einen Fehler, den man beim ersten Besuch bei den Eltern der Freundin vermeiden sollte. Doch es ist seit einiger Zeit das beherrschende Thema. „Zum Einen stellt sich die Frage nach der rechtlichen Legitimation. Hier muss man nicht lange diskutieren, der Fall ist klar: Es gab keine. Der andere Punkt ist die moralische Betrachtung. Darf ein Land, das sich selbst Rechtsstaatlichkeit auferlegt, in ein anderes Land marschieren und einen Bürger dieses Landes rechtswidrig exekutieren? Auch hier ist die Antwort klar: Sie dürfen es nicht, ganz gleich, unter welchen Umständen. Daher ist diese Aktion mit Nachdruck zu verurteilen.“
    Die Mutter lächelt, der Vater nickt. Schwächlinge, allesamt. Fallen auf diese gestelzten Worte rein. Er kann nicht verstehen, dass sie –
    „Es ist doch das Natürlichste auf der Welt.“ Er ist überrascht, als er sich sprechen hört. Vier Augenpaare richten sich auf ihn.
    „Bitte?“
    „Ich sage, dass es ganz natürlich war, was die Amis gemacht haben. Es war ihr gutes Recht.“
    Die Schwester verdreht die Augen. „Jetzt geht das wieder los.“
    „Einen Augenblick“, sagt der Freund, als gebe es hier etwas zu regeln. „Recht sprechen darf nur die Judikative. Die Gesetze – insbesondere die Verfassung und die Menschenrechte – erlauben keine Ausnahme. Wenn man beginnt, dies zu missachten, ganz gleich aus welchem Grund, wird man das immer wieder tun.“ Er blickt in die Runde, setzt ein schuldbewusstes Lächeln auf. „Und gerade unsere eigene Geschichte hat uns ja gezeigt, wo so etwas endet.“
    Das kleine Gefängnis, in das er seine Wut pfercht, droht zu bersten.
    „Kennst du Mike Godwin?“
    „Wen?“
    „Nicht so wichtig. Vergiss es. Es macht überhaupt keinen Sinn, dass die Judikative“ - auf dieses Wort legt er eine spöttische Betonung - „irgendwelche Urteile fällt. Das hat mit Gerechtigkeit nichts zu tun, weil ein Verbrechen immer etwas Persönliches zwischen Opfer und Täter ist. Und nur das Opfer kann den Täter der Gerechtigkeit nach richten.“
    „Er lebt in seiner eigenen Welt“, sagt die Schwester. „Er hat mal eine Schularbeit geschrieben mit dem Titel Die gerechte Gesellschaft. Da steht so Stuss drin. Sein Gemeinschaftskundelehrer hat ihm dafür eine Fünf gegeben. Wahrscheinlich hat er darüber gelacht.“
    Er hätte gute Lust, ihr die Gabel ins Auge zu rammen. Weshalb muss sie das jetzt erwähnen?
    „Soll das heißen, in einer 'gerechten' Gesellschaft herrscht Selbstjustiz?“ Der Schönling sieht aus, als wurde er gebeten, einem Erwachsenen die Uhr zu erklären.
    „Ganz und gar nicht. Selbstjustiz besagt, dass der Bürger das Recht selbst in die Hand nimmt und eigenverantwortlich handelt, abseits staatlicher Kontrolle und Gesetze. In einer gerechten Gesellschaft“ - hier straft er die Schwester mit einem bösen Blick - „sorgt der Staat selbst dafür, dass das Opfer den Täter bestrafen kann. Die Strafverfolgung liegt in staatlicher Hand, doch statt vor ein Gericht wird der Täter zu seinem Opfer geführt, und dieses entscheidet – unter staatlicher Aufsicht – über die Strafe, und führt diese auch gleich selbst aus. Dies ist das einzige Gesetz. Das ist genau das Gegenteil von Selbstjustiz.“
    „Eine etwas seltsame Philosophie, die du da vertrittst.“
    „Warum? Menschen wie Marianne Bachmeier oder Witali Kalojew haben das verstanden.“
    Die Mutter seufzt und nennt vorwurfsvoll seinen Namen, doch er lässt sich jetzt nicht mehr bremsen. „Kalojew, kennst du den?“
    Kopfschütteln auf der anderen Seite des Tisches.
    „Das ist der Russe, der bei dem Flugzeugunglück von Überlingen seine Frau und zwei Kinder verloren und später den verantwortlichen Lotsen erstochen hat. Weil die ach so tolle Judikative überhaupt nichts getan hat. Der Lotse hat über siebzig Menschenleben auf dem Gewissen und wurde nicht einmal offiziell schuldig gesprochen. Was ist das für eine Judikative? Was hättest du getan, wenn es deine Kinder gewesen wären? Schlaue Sprüche geklopft?“
    Schweigen zieht über den Tisch, wie immer, wenn die Argumente ausgehen.
    „Du musst darauf nicht eingehen“, sagt die Schwester irgendwann. „Er redet immer so wirres Zeug.“
    Doch der Schönling lässt das nicht auf sich sitzen. Vermutlich ist er gewohnt, dass jeder bewundernd zu ihm aufschaut und ihm nach dem Mund redet. Eine andere Meinung zu hören scheint ihn zu irritieren. „Und was geschieht in deiner gerechten Gesellschaft, wenn das Opfer – oder einer der Angehörigen im Falle eines Mordes – den Täter nicht bestrafen möchte? Käme der dann ungestraft davon?“
    „Ausgeschlossen. Im Gegenteil, es gäbe keine Mörder mehr in unserer Gesellschaft, weil sie alle ihrer gerechten Strafe zugeführt würden. Sie würden alle sterben für ihre Tat.“
    „Bitte entschuldigen Sie sein Verhalten“, sagt die Mutter. „Er meint es nicht so.“
    Auch der Vater raunzt etwas in seine Richtung. Sie fallen ihm in den Rücken, halten zur Ignoranz. Wie immer lachen sie über ihn.
    „Du glaubst wirklich, dass alle Hinterbliebenen die Täter tot sehen wollen? Und sie auch noch selbst umbringen?“
    „Ich bin überzeugt davon.“
    Die Schwester schüttelt den Kopf. „Das ist so dumm. Das funktioniert nur in einer Welt, in der in jedem von uns etwas Böses steckt. Und so ist es einfach nicht.“
    „Es ist nichts Böses. Nur der Instinkt nach Gerechtigkeit, und ja, der steckt in jedem von uns.“
    „Rache ist immer etwas Böses. Und um nichts anderes geht es hier, nicht um Gesetze und nicht um Gerechtigkeit. Merk dir das, Bruderherz.“
    Rache. Sie versteht noch nicht einmal das Grundsätzliche. In diesem Moment wird ihm klar, dass er sie nicht überzeugen kann.
    Vielleicht hat er genug über seine These nachgedacht, geschrieben und gesprochen.
    Vielleicht ist es endlich an der Zeit, sie zu beweisen.

    Die Schnur schneidet scharf in Mirkos Handgelenke.
    Er wimmert, möchte sprechen, traut sich nicht. Natürlich war es ein Fehler, sich ins Auto zu setzen und zu dem alten Wasserturm zu fahren. Er erinnert sich, wie ihn während des Telefonats das Gefühl beschlich, bald zu sterben. Und vielleicht würde er das, hier, an diesem dunklen Ort.
    Vielleicht ist er nur deshalb gekommen.
    „Ist er fest?“, fragt der Mann mit der Narbe am Kinn. Er ist jung, so jung. Wie kann er nur so jung sein, fragt sich Mirko.
    Der andere steht hinter dem Stuhl und gibt keine Antwort, hat vielleicht nur genickt. Mirko spürt, dass er fest ist.
    Er will fragen, was sie wollen. Er will wissen, wie sie an seine Telefonnummer kamen. Er möchte so vieles erfahren, aber Schweigen ist die bessere Alternative. Das haben sie ihm klar gemacht.
    Der Mann mit der Narbe – offenbar der Anführer – legt seinen Personalausweis auf einen Tisch.
    „Er hat das Recht, zu wissen, mit wem er es hier zu tun hat“, sagt er zu seinem Kumpel.
    Dann zieht er eine Pistole aus der Tasche, und Mirko spürt, wie seine Blase nachlässt. Er fährt damit über Mirkos Gesicht. „Hör zu, Kinderficker. Das hier ist ein Spiel, verstehst du? So etwas wie ein Experiment. Dir passiert nichts, wenn du mitspielst. Wenn du dich weigerst, bist du dran. Verstanden?“
    Mirko nickt, er weiß, dass er so oder so dran ist.
    „Also. Wie du weißt, kenne ich deine Vorlieben, du perverses Stück Dreck. Du hast dir von mir und Gott weiß von wem noch diese Bilder schicken lassen. Wer weiß, was du sonst noch alles gemacht hast, Kinderficker.“
    Mirko laufen Tränen über das Gesicht. Und jetzt spricht er doch, weil die Wahrheit hier so wichtig ist. „Ich habe nie – ich habe nie ein Kind angerührt. Niemals! Das mit den Bildern, ja, das geb ich zu, und es war ein dummer dummer Fehler. Aber ich habe nie ein Kind angerührt!“
    Der Mann mit der Narbe zuckt mit den Schultern. „Vielleicht stimmt das, vielleicht auch nicht. Ist vielleicht auch egal, weil wenn du es noch nicht getan hast, tust du es demnächst, wie alle Pädos. Was macht das für einen Unterschied?“
    „Ich habe es nie getan und werde es nie tun. Das macht einen Unterschied.“
    „Wie auch immer. Hör mir jetzt zu. In etwa zwei Stunden wird ein Mann hier sein, dem du noch nie begegnet bist. Er wird – vermutlich nicht ganz nett sein. Er wird denken, du hast seinen Sohn ermordet.“
    „Was?“
    „Was auch immer er dich fragt, du wirst zustimmen. Und wenn er dich beschuldigt, den Heiland persönlich ans Kreuz genagelt zu haben, wirst du auch das gestehen. Das sind die Regeln. Wenn du sie befolgst, kommst du davon. Wenn nicht, wird alle Welt erfahren, was für ein perverses Stück Scheiße du bist, als erstes einmal Karolin. Also, hast du das verstanden?“
    Mirko versteht überhaupt nichts. Der Mann vor ihm wedelt erneut mit der Waffe. „Mach dir keine Sorgen deswegen. Die ist nur ein Requisit. Nicht geladen. Also Mirko, spiel mit, und dir passiert nichts. Es liegt bei dir.“
    Dann verschließen sie seinen Mund mit Klebeband, und die Worte fliegen durch Mirkos Kopf wie ein Komet.
    Wenn nicht, wird alle Welt erfahren, was für ein perverses Stück Scheiße du bist.
    Als erstes einmal Karolin.


    „Du Dreckschwein also hast Timo getötet.“
    Die Stimme ist klar, doch das Bild könnte besser sein. Sie sitzen im hinteren Teil des Lieferwagens und blicken auf das Notebook.
    „Ich fasse es nicht, dass wir das durchziehen. Ich fasse es nicht“, sagt Dirk.
    Jan ignoriert ihn, er klebt mit seinen Augen nur wenige Zentimeter vor dem Bildschirm. Es sind diese Momente, derentwegen Dirk seine Gesellschaft sucht und seine durchaus eigentümlichen Wege mit ihm geht. Hier vermischt sich ein freidenkerischer Geist mit zielgerichtetem Tatendrang, und er ist überzeugt, dass Jan eines Tages Großes vollbringen wird. Er ist Vordenker und Macher zugleich.
    „Das Bild ist nicht gut“, sagt Jan.
    „Ich weiß. Schlechte Lichtverhältnisse da drin. Aber es reicht, oder?“
    Keine Antwort.
    Sie haben Monate in die Vorbereitung investiert. Als Jan die Geschichte des kleinen Timo hörte, sprang er sofort darauf an.
    Genau das ist es, so ein Verbrechen brauchen wir. Das ist ein emotional, das ist grausam, schau doch nur, wie manche Leute hier gleich wieder nach der Todesstrafe schreien. Das ist perfekt.
    Sie beobachten, wie das Opfer dem Täter in den Bauch schlägt – noch bevor er die erste Frage gestellt hat. Jan klatscht in die Hände. „Jawohl, mach ihn fertig!“ Seine Augen glänzen.
    Als nach drei Monaten noch immer kein Täter präsentiert wurde, nahm eine vage Idee langsam Gestalt an.
    Wir nehmen den Vater. Die Mutter ist zu labil. Wir liefern ihm, was er will, und weil wir ihm das liefern, stellt er nicht zu viele Fragen. Wir behaupten, so etwas öfter zu tun, behaupten, wir kommen von einer Organisation oder so. Es klingt vielleicht nicht glaubwürdig, aber in diesem Moment wird er uns glauben, weil wir diejenigen sind, die ihm geben, was er braucht. Und Menschen glauben immer denen, die ihnen das geben, was sie brauchen.
    Ein zweiter Schlag geht in das Gesicht des Täters, und Jan ballt eine Hand zur Faust. „Hast du gesehen?“, kreischt er. „Hast du das gesehen? Es ist noch besser, als ich dachte. Mann, Mann, ich habe Recht. Ich habe Recht! Er bestraft ihn!“
    Dann brauchen wir einen Täter. Er muss eine Vorliebe für Kinder haben, so wird es kein großer Verlust für die Gesellschaft, und wir kommen der Wahrheit zumindest nahe. Aber er muss gleichzeitig auch ein normales Leben führen, denn er muss etwas zu verlieren haben. So jemanden finden wir im Internet, und wir schicken ihm einen Trojaner. Dann finden wir heraus, wo er wohnt, und kontaktieren ihn. Und er wird für uns den Täter spielen, eben weil er etwas zu verlieren hat.
    Erst jetzt beginnt das Opfer zu sprechen und entlockt dem Täter das falsche Geständnis.
    Weil er etwas zu verlieren hat.
    Dirks Arme überziehen sich mit einer Gänsehaut angesichts der Perfektion, mit der Jans Plan aufgeht. Keine Frage, hier sitzt ein großer Geist.
    Und dann schauen wir, ob das Opfer bereit ist, den Täter zu bestrafen. Wir beweisen meine Theorie, denn ich bin überzeugt, das Opfer wird den Täter hinrichten. Und das Opfer ist in diesem Fall kein Wahnsinniger, kein Psychopath, und es lauert auch nichts Böses in ihm. Er ist ein normaler Mensch, wie du und ich, und genauso wie er würden auch wir in einer gerechten Gesellschaft den Täter hinrichten. Wir alle würden das tun.
    Jetzt nimmt das Opfer die Pistole und hält sie dem Täter an den Kopf.
    „Scheiße, er drückt ab. Er drückt ab, wetten?“
    Dirk hat sich noch vor wenigen Minuten selbst überzeugt, dass genau ein Schuss im Magazin ist.
    Und wenn er ihn tötet, haben wir nur Gutes getan. Das Opfer wird seinen Frieden finden, es gibt einen Kinderficker weniger auf der Welt, und das Wichtigste – ich habe einen Beweis, dass ich im Recht bin. Dass meine Gesellschaft funktioniert.
    Das Opfer drückt den Lauf der Waffe fest auf den Kopf des Täters. Selbst bei den schwachen Lichtverhältnissen ist das Zittern seiner Hand nicht zu übersehen. Dirk spürt, wie seine Knie weich werden. Er blickt kurz zu Jan; dieser scheint kaum mehr zu atmen.
    Plötzlich beugt sich das Opfer erneut zu dem Täter hinunter und flüstert etwas in dessen Ohr.
    „Was sagt er da?“, kreischt Jan. „Was hat er gesagt? Ich will das hören!“
    Dirk fummelt am Lautstärkeregler, doch dieser ist bereits voll aufgedreht.
    „Ich hab es nicht hören können. Aber wir haben es ja aufgezeichnet. Vielleicht können wir nachher -“
    Doch er spricht den Satz nicht zu Ende, denn in diesem Augenblick passiert zum ersten Mal an diesem Nachmittag etwas völlig Unerwartetes.

    „Hör mir zu, Kerstin, ich möchte dir eine Geschichte erzählen. Ein Märchen. Ich habe davon geträumt.“
    Im Dunkel des Wohnzimmers kann David nicht einmal Kerstins Gesicht sehen, doch anhand ihrer Körperhaltung vermutet er, dass sie noch wach ist. Als sich vor etwas mehr als einer halben Stunde das letzte Tageslicht zurückzog, waren ihre Augen wenigstens halb offen. Mehr kann er bei den Tabletten und dem Alkohol nicht erwarten.
    Es ist ihre Art, damit umzugehen. Ihre Flucht aus der Realität.
    Nach Timos Tod begann sie, überall in der Wohnung seine Sachen zu verteilen. Modellflugzeuge, Kuscheltiere, Raumfähren. Inzwischen wirkt die Wohnung wie ein übergroßes Kinderzimmer und beherbergt in jeder Ecke eine Erinnerung. Hin und wieder wird sie durch einen Autoscheinwerfer erhellt, und in diesen Momenten spiegelt sich das Licht in den Augen der Kuscheltiere und lässt sie beinahe lebendig wirken.
    „Es war einmal ein Ehepaar, das hatte einen Sohn“, beginnt David, ohne zu wissen, ob Kerstin ihm zuhört. „Es waren arme, aber sehr gerechte Leute. Eines Tages wird ihr Sohn in einen dunklen Wald verschleppt und dort getötet.“
    Von Kerstin kommt keine Reaktion.
    „Das Ehepaar ist untröstlich, sie wissen nicht, ob sie über den Verlust des geliebten Kindes jemals hinwegkommen. Sie wenden sich an den König und bitten um Hilfe, er möge doch seine Soldaten zur Verfügung stellen, um das schreckliche Verbrechen aufzuklären, doch der König schickt sie weg. Weil sie arm sind, schenkt man ihnen keine Beachtung und lässt sie mit ihrer Trauer allein. Doch weil es gerechte Leute sind, hat Gott Mitleid und schickt ihnen eines Tages einen Engel. Der Engel sagt: 'Ich kann euren Sohn nicht wieder lebendig machen, aber Gott hat Erbarmen und will euch helfen.' Er stellt sie vor zwei Alternativen: Entweder werden sie von Gott viel Kraft und weitere Kinder geschenkt bekommen; sie werden wieder eine richtige Familie und eines Tages sogar glücklich sein, doch der Mord an ihrem Sohn bleibt ungesühnt. 'Oder', sagt der Engel, 'Gott lässt den Täter Höllenqualen leiden und schickt ihn in die ewige Verdammnis. Dort wird er bis an das Ende aller Zeiten im Fegefeuer schmoren, ihr jedoch werdet an der Trauer über den verlorenen Sohn zerbrechen.'“
    David wartet auf eine Reaktion von Kerstin, doch sie bleibt aus.
    Der Scheinwerfer eines Autos zuckt durch die Dunkelheit und erhellt eines von Timos geliebten Modellflugzeugen.
    Wenn ich groß bin, Papa, fliege ich bis über die Wolken. Doch diese Pläne durchkreuzte jemand und stieß ihn stattdessen in ein dunkles Grab.
    „Wie würdest du entscheiden?“, fragt David.
    Kerstin antwortet; ihre Stimme klingt monoton und schläfrig, gleichzeitig aber auch bestimmt.
    Im Grunde seines Herzens war David die Antwort klar. In seinem Traum hat er ebenso entschieden.

    „Wie kann er ihn gehen lassen? Wie kann er das tun?
    Jan ist außer sich. Er ist aufgesprungen und läuft im Heck des Lieferwagens hin und her.
    „Vielleicht ist er nicht überzeugt“, antwortete Dirk. „Oder er hat gerochen, dass was nicht stimmt.“
    „Er verschont den Täter? Er spaziert einfach so davon und verschont den Täter? Wie kann er das?“ Jans Stimme überschlägt sich, er packt Dirk am Kragen und zieht ihn nach oben. „Wie kann er das?
    „Ich – ich weiß nicht –“, stammelt Dirk.
    Jan lässt von ihm ab, sinkt auf seinen Stuhl und fährt sich mit der Hand durch die verschwitzten Haare. Er lacht. „Unglaublich. Ich fasse es nicht. Da präsentieren wir ihm den Mörder seines Kindes, und er haut einfach ab. Wie kann er nur?“
    Dirk schweigt. Schlauer Junge. Er kann jetzt ohnehin nichts Richtiges sagen.
    „Das spricht nicht gegen meine Theorie. Das besagt nur, dass wir es hier mit einem Geisteskranken zu tun haben. Die sind natürlich ausgenommen. Nur gesunden Opfern wird erlaubt, die Täter zu bestrafen. Verstehst du?“ Wieder lacht er.
    Dirk nickt, doch Jan sieht die Zweifel in seinen Augen.
    Die Worte der Schwester hallen in seinem Kopf, und zum ersten Mal rütteln sie am Grundgerüst seiner Anschauung.
    Das funktioniert nur in einer Welt, in der in jedem von uns etwas Böses steckt. Und so ist es einfach nicht.

    Lange nachdem Mirkos Zeitgefühl ihn verlassen hat, betritt einer der beiden Jungen den Wasserturm. Nicht der Anführer, zum Glück nicht.
    Mirko weint. Seine Handgelenke schmerzen, die Muskeln in seinen Unterarmen brennen. Er weiß, was jetzt kommt. Nie hat er geglaubt, diese Sache lebend zu überstehen.
    Er sieht, wie der Junge ein Messer zückt. Nein, will Mirko schreien, doch im nächsten Moment steht der Junge bereits hinter ihm und durchtrennt die Fesseln. Mirko zieht die Arme nach vorne und blickt ungläubig auf seine Hände. Das Seil hat tiefe Abdrücke in der Haut hinterlassen.
    „Hau ab“, sagt der Junge.
    Mirko blickt auf. „Was?“
    „Hau ab. Mach, dass du verschwindest. Du hast es hinter dir.“
    „Ihr – ihr lasst mich gehen?“
    Der Junge nickt.
    Mirko kann seine Tränen nicht mehr halten, er schluchzt wie ein kleines Kind. „Warum habt ihr das getan? Was sollte das?“
    Der Junge sieht sich um, er scheint verlegen zu sein. „Es sollte dir eine Lehre sein“, sagt er schließlich. „Es sollte dir eine Lehre sein, in Zukunft die Hände von Kindern zu lassen. Wenn du auch nur ein Wort von dem erzählst, was hier vorgefallen ist, kommt alles raus. Hast du verstanden?“
    Mirko nickt und steht langsam auf. „Ich erzähle es niemandem. Ich schwöre das. Ich werde mich bessern. Ich mach eine Therapie, das wollte ich sowieso schon seit langem machen. Ich – ich hab mich nur nie getraut, wegen Karolin und Tim – wenn sie etwas davon mitbekommen, wird sie mich ihn nie wieder sehen lassen, das weiß ich. Schon jetzt sehe ich ihn praktisch nie.“
    „Schon gut. Verschwinde jetzt.“
    „Aber jetzt, jetzt mache ich die Therapie. Ich fang von vorne an. Das verspreche ich.“
    Obwohl Mirko weiterhin das Bedürfnis hat, seine Einsicht in Worte zu packen und sie so realistischer werden zu lassen, geht er schließlich mit unsicheren Schritten aus dem Turm. Die untergehende Sonne taucht den Himmel in ein tiefes Rot, und Mirko nimmt jede Farbe, jedes Geräusch viel intensiver wahr. Es riecht nach Blumen und frisch gemähtem Gras. Es riecht nach Sommer, nach Leben.
    Es ist vorbei, denkt er. Er kann diese Wahrheit kaum fassen, da er seit dem Anruf gestern Abend davon ausgegangen war, den nächsten Abend nicht mehr zu erleben.
    Es ist vorbei, und ich habe es überstanden.
    Während er sich dies immer wieder sagt, breitet sich eine Wärme der Zuversicht in seinem Körper aus – nicht zu vergleichen mit jenem drängenden Brennen des Hexenmeisters. In diesem Augenblick, als die Sonne in der realen Welt untergeht, erscheint sie in seinem Inneren in neuem Licht. Er ist überzeugt, jedes Problem zu lösen. Für einen Mann, der dem Tod ins Auge gesehen hat, ist keine Hürde zu hoch.
    Er wird die lang aufgeschobene Therapie angehen.
    Er wird aufhören zu trinken.
    Er wird wieder einen Arbeitsplatz finden.
    Und vielleicht, ja vielleicht kann er eines Tages auch mit Karolin eine Übereinkunft treffen und erreichen, dass er mehr Zeit mit Tim verbringen darf als ihn nur ein Mal alle vierzehn Tage zu sich zu holen. Vielleicht hört er dann auch endlich auf, sich morgens vor die Schule zu stellen, um einen kurzen Blick auf seinen Sohn zu werfen, den er so sehr vermisst.
    Nur einen Augenblick denkt er zurück an die letzten Worte des verzweifelten Mannes; wie ein Schatten legen sich diese über seine innere Sonne, begleitet von einem fernen Grollen.
    Jetzt weiß ich, wer du bist.

    ***

    „Da kommt jemand.“
    „Sind sie es? Kannst du sie erkennen?“
    „Noch nicht. Moment.“
    David sitzt im Keller seines Hauses und trommelt ungeduldig mit den Fingern auf den Tisch. Seine Hand zittert so stark, dass ihm beinahe der Hörer herunter fällt. Gleich wird Kerstin den einen Satz sagen.
    Gleich.
    Vor ihm liegt angekettet und geknebelt ein spindeldürrer Mirko Desche. Nachdem sie ihn erwischt hatten, war es nicht schwer, sämtliche Einzelheiten über sein Leben in Erfahrung zu bringen. Er gab ihnen sehr bereitwillig Auskunft, vor allem dann, als sie drohten, ihn mit kochendem Wasser zu übergießen.
    Er lebt getrennt von seiner Partnerin, das gemeinsame Kind – ein zehnjähriger Junge namens Tim – wohnt bei ihr. Zunächst waren sie skeptisch, ob es sich bei Desche wirklich um diesen Mann handelte, vor allem auch weil er das Verbrechen mit einem Mal vehement abstritt, doch nachdem sie in seiner Wohnung waren, verschwand auch der letzte Zweifel. Er war offensichtlich Alkoholiker und hatte die Kontaktdaten des Präventionsprojekts Dunkelfeld der Charité sowohl in seinem Geldbeutel als auch auf seinem PC. Dort konnte David gelöschte Dateien wiederherstellen, die jeden Zweifel aus der Welt räumten.
    Mirko Desche ist pädophil, er hatte die Gelegenheit, und schließlich hatte er den Mord gegenüber David bereits gestanden. Das genügte. Er war Timos Mörder.
    „Erkennst du sie jetzt?“
    „Noch nicht. Sieht aber so aus, als ob sie es sind.“
    Über die Lautsprecher hört David, wie Kerstin den Motor des Geländewagens startet. Ein tiefes, schweres Geräusch. Sein Herz rennt und rennt.
    Vor vier Wochen erfuhr Desche zum ersten Mal, was wahre Schmerzen sind – seine Eltern kamen bei einem tragischen Autounfall ums Leben. Mitten in der Nacht fuhren sie bei Regen auf einer Landstraße. Es gab keine Zeugen, wenn man einmal davon absieht, dass David mit dem Telefon und dem Lautsprecher in Desches engem Verlies saß und sie alles mitanhörten.
    „Sie sind es.“
    Das ist die Nachricht, auf die David wartete. „Bist du sicher?“
    „Klar. Desches Partnerin. Karolin. Und Tim. Kein Zweifel.“
    Sie würden ins Gefängnis gehen, das war ihnen klar. Doch welche Rolle spielt es, ein Leben in Gefangenschaft zu verbringen, wenn die innere Welt längst in sich zusammengefallen ist?
    Nur noch eine Sache ist entscheidend.
    Der Tod wäre zu gut für ihn. Er soll leiden, so wie wir. Wir nehmen ihm nach und nach alles, was er liebt. Ihn aber lassen wir am Leben, damit er erfährt, was wirkliches Leid bedeutet.
    David lächelt, er fühlt sich losgelöst von sich selbst, fern seines Körpers, fern seines Gewissens, ein Zustand, in dem nichts mehr eine Rolle spielt. Wie kann ihn noch irgendetwas berühren, wo ihn sein Sohn doch für immer losgelassen hat?
    Er blickt in das eingefallene Gesicht von Desche, der nackt vor ihm liegt und panisch in seinen Knebel schreit.
    „Dann los“, sagt er und schließt die Augen.
    Durch die Lautsprecher hört er, wie der Motor aufheult, immer lauter wird und irgendwann selbst die erstickten Schreie Desches übertönt.
    Geändert von Schwups (27.08.2012 um 22:21 Uhr) Grund: Anmerkungen von elisabeth, Maeuser, Asterix, Hanniball, lakita und Friedel eingearbeitet - vielen Dank dafür.

  2. #2
    Hallo Schwups,

    krasse Geschichte hast Du da geschrieben. Du hast jede Menge Abgründe in einen Erzählstrang gepackt.

    Super geschrieben - nur an einigen wenigen Stellen (auf die gehe ich gleich ein) bin ich ein wneig gestolpert.

    Die Aufteilung der verschiedenen Erzählstränge ist Dir sehr gut gelungen. Du hast den Spannungsbogen sehr gut aufgezogen. An manchen Stellen dachte ich zu wissen was kommt und wie die Geschichte ausgehen wird, aber dann kam es doch wieder anders.

    Nur hat mir persönlich der Schluss leider nicht gefallen. Das ist etwas zu viel finde ich. Zu unwahrscheinlich für mich.

    Ein paar Hinweise von meiner Seite:

    Doch je länger Mirko wartet, umso mehr wird dieses Drängen zu einem leisen Flehen, während jener Teil zunehmend im Alkohol versinkt.
    Schön geschrieben!

    Das mit dem Hexenmeister gefällt mir persönlich nicht.

    Einen Augenblick keucht er, dann reißt er seine Hand von der Maus, als sei sie eine glühende Herdplatte.
    Den Satz finde ich sehr stark.

    Mirko schlägt die Hände vor sein Gesicht, und während das Sperma auf seinem Körper trocknet, beginnt er laut zu schluchzen.
    „Oh Gott“, ruft er. „Hilf mir, hilf mir bitte. Hilf mir!“
    Für den Augenblick ist das Feuer erloschen, doch er weiß, dass der Hexenmeister irgendwann zurückkehren und es aufs Neue entfachen wird.
    Ich weiß nicht, ob das nicht ein wenig zu stark ist. Schließlich hat er, auch wenn er natürlich etwas moralisch verwerfliches tut und sich dessen schmerzhaft bewußt ist, doch keinem Kind direkt ein Leid angetan bis dahin. Mir kommt es also ein weing überzogen vor. Angenommen er wäre jetzt niedergeschlagen und müde und legt sich ins Bett und beim Einschlafen weint er, ob seiner Einsamkeit und Verzweiflung, leise vor sich hin - Okay. Aber dieses Jammerweib-Geschrei empfinde ich als haltlos.

    Es ist der Moment, in dem der Mann aus Davids Träumen endlich ein Gesicht bekommt.
    Der Satz spricht Bände - sehr gut.

    Manche von ihnen laufen gemächlich, einige hüpfen, andere albern herum. Sie tragen ihre Schulranzen auf dem Rücken, nicht wenige schwenken zusätzlich einen Turnbeutel in der Hand. Sie bilden kleine Gruppen oder gehen allein.
    Diese Beschreibung könnte etwas emotionaler sein. So dass der Leser nicht ein wenig mehr Bezug zu den Kindern bekommt. Eventuell eine kleine Anekdote, die den Leser einen Bezug zu den Kindern aufbauen lässt. Dass sie Turnbeutel haben oder wie sie gehen ist zu nüchtern. Du könntest hier den moralischen Zwiespalt noch verstärken.

    Auch wenn er Richtung Westen blickt, trägt er eine Sonnenbrille und eine Schirmmütze.
    Das mit "Westen" ist störend für mich. Es genügt zu wissen, dass er eine Sonnenbrille und eine Schrimmütze trägt.

    Er hält Ausschau nach den Kindern. Beobachtet sie.
    Wenn man die Geschichte komplett kennt, ist das nicht ganz richtig. Im Grunde sucht er ja nach nur einem Kind. Das kannst Du auch schreiben, ohne Dich zu verraten.
    Er beobachtet die Kinder. Sucht zwischen ihnen nach einem bestimmten.

    Er kaut an seinen Nägeln, reißt sie bis zum Nagelbett ab und hinterlässt blutige Fingerkuppen.
    Autsch! Das "reißt sie bis zum Nagelbett ab" klingt als würde er sich die Nägel tatsächlich herausreißen. Das tut ja keiner. Diese paar Wörter würde ich also aus dem Satz nehmen.

    Der Junge lächelt schüchtern; Mirko kennt dieses Lächeln und weiß, was es bedeutet.
    Er beginnt, Vertrauen zu fassen.
    Das - wenn ich die Geschichte richtig verstanden habe* - soll ja wieder ein wenig auf die falsche Fährte locken, oder?

    * Mirko ist zwar schon pädophil, aber er fährt doch in erster Linie zur Schule, um seinen Sohn zu sehen, oder? Nicht um sich ein Opfer zu suchen. (Was ich später im Text mit dem "Wow, der Arme Kerl wollte ja nie ..." Gefühl so verstanden habe)

    „Nun, auf noch etwas können Sie sich verlassen: Wir finden alle.“
    Das "wir" wird klein geschrieben - hab ich unlängst erst gelernt :o)



    Ich bin mir auch nicht sicher, ob eine solche Drohung tatsächlich genügen würde einen Mord zuzugeben, den man nicht begangen hat. Sicherlich tut man einiges, um soetwas nicht herauskommen zu lassen, aber einen (pädophilen) Mord gestehen? Und dann hatte er ja trotz allem Lebensangst. Da sagt man doch nicht ja, wenn man denkt dafür umgebracht zu werden?
    Das ist aber mein Eindruck - vielleicht solltest Du Dir dazu noch mehr Meinungen einholen. Ich denke da müsste mehr Druck aufgebaut werden.
    Sowas wie "Vielleicht bringt Dich der Kerl für den Mord um, aber nur vielleicht. Wenn Du ihn aber nicht gestehst, erschießen wir Dich sofort." Oder so.

    „Du hast ihn gehen lassen?“, schreit sie. „Bist du wahnsinnig?“
    Das ist gut, da dachte ich schon er hätte den Mörder bereits gehen lassen. Dann merkt man "Ah, doch nicht, hier geht es erst einmal um Jan/Drik", und dann lässte er den Mörder dann doch wieder gehen. (Und am Ende doch nicht, was mir persönlich zu viel hin und her ist.)
    Ebenso dachte ich wegen des einen Schusses in der Pistole "Ne, wenn er damit den Mörder erschießt, wäre das zu offensichtlich. Aber ganz bestimmt erschießt er sich selbst wenn er vor dem Mörder steht, weil ihm aufgeht, dass sein Leben sowieso nichts mehr wert ist, auch wenn der Mörder stirbt." Aber das war wieder eine Fehlannahme. Das hast Du recht gut drauf.

    Der Freund der Schwester ist wirklich ätzend. So gelingt es Dir zu Jan, auch wenn er etwas Falsches tut, eine gewisse Sympathie aufzubauen. Clever!

    Das mit dem Märchen ist sehr schön ausgedacht und beschrieben!

    Doch diese Pläne durchkreuzte jemand und stieß ihn stattdessen in ein dunkles Grab.
    Das braucht es nicht. Würde ich weglassen.

    Okay, das Ende gefällt mir, wie gesagt nicht. Das ist mir zu unwahrscheinlich. Aber trotzdem finde ich die Geschichte sehr gut und hab sie gerne und mit Spannung gelesen!

    Liebe Grüße

    elisabeth

  3. #3
    Grüß dich, Schwups!

    Eine neue Geschichte von dir - schönes Ding. Dann wollen wir mal. Ich hab's diesmal so gemacht, dass ich nach jedem Abschnitt gleich was aufgeschrieben hab, du kannst also meinen Leseprozess quasi live verfolgen. Ich wollte nichts vergessen und denke, für dich ist es vielleicht ganz interessant.


    Mirkos innerer Kampf am Anfang ist gut dargestellt; jeder hat wohl schon einmal etwas gemacht, von dem er wusste, dass er es nicht tun sollte.
    Durch seine Reaktion auf seine Tat verhinderst du das klassische okay, er ist der Böse-Abstempeln des Lesers und bringst ihn ihm stattdessen näher; sehr gut.


    Mein Sohn, verstehst du? Hast du ihn mir genommen?“
    du verdammter Bastard. Hast du ihn mir genommen?“
    Hast du ihn mir genommen - hm, klingt für mich fast ein bisschen poetisch. In dieser Situation vielleicht was Plumpereres, Aggressiveres (?)

    Auch der zweite Absatz ist stark. Der Traum gefällt mir. Gut, wie du in wenigen Sätzen viel Inhalt erzählst. Jetzt bekommt man quasi die Außensicht auf Mirko. Das vorhandene Maß an Sympathie für Mirko lässt nach. Die Szene in dem Wasserturm ist dann einfach spannend.


    Vor der Schule. Die Zeit ist ebenfalls Präsens, deswegen kann ich erst nicht einordnen, wann hier das Jetzt ist. Später wird’s klar: das findet vor den ersten beiden Absätzen statt.
    Mirko hat den Kontakt zum Gönner abgebrochen, die Bilder gelöscht; die Sympathie steigt wieder etwas. Gut hineingedacht, das mit dem obsessiven Nägelkauen fand ich gut.
    Die Sache mit dem Schlüssel im Gulli finde ich ein bisschen gestellt, evtl. könnte der Junge etwas sagen wie „Ich komm einfach nicht ran, hab’s sogar schon mit dem Stock hier probiert“ oder so. Fände ich realistischer.


    Einen Monat nach dieser Aufnahme war sie in der Tagesschau zu sehen.
    Hier war ich kurz wegen des "sie" irritiert: worauf bezieht sich das? (Ok, die Aufnahme) Geht bestimmt eingängiger.

    Aha, eine Rückblende. Spannende Sache mit David und dem jungen Mann im Lieferwagen. Ich frage mich, wer der Kerl ist und wie „sie“ Mirko gefunden haben. Stark der Konflikt Davids, der endlich den Täter vor sich haben will. Kleine Ahnung meinerseits: Evtl. ist Mirko das gar nicht? Wegen dem Beweis, den der junge Mann nicht liefern kann.
    Schön mit dem letzten Satz, der im vorletzten Absatz der erste war.


    Gute Darstellung Mirkos Innenleben anhand der Beschreibung des „Hexenmeisters“. Spannender Twist mit dem Anrufer: Jetzt sitzt Mirko schön in der Scheiße.


    Im folgenden Absatz erzählst du wieder viel in wenigen Sätzen: Das Verschwinden Timos. Schön eingebettet in die Kerstins-Lächeln-Sache.
    Der junger Herr J. taucht wieder (erstmals) auf. Interessant, aber auch zwielichtig. Eine Selbstjustiz-Organisation?


    Sein Gemeinschaftskundelehrer hat ihm dafür eine fünf gegeben.
    Ich glaub; Fünf

    „Soll das heißen, in einer „gerechten“ Gesellschaft herrscht Selbstjustiz?“
    Die mittleren Tüddelchen müssten einfach sein

    Ah, eine Art Zwischenspiel. Mir ist nicht klar, wer hier „er“ ist. Die Frage nach Gerechtigkeit, u.a. am Bsp. von Bin Laden wird rechtlich und moralisch diskutiert. Interessant, auch als es später zum „Bösen in uns“ kommt, was ja auch der Titel der Geschichte ist. Hier legst du ein Fundament für die Geschichte und charakterisierst gleichzeitig „ihn“. Geschickt, und bringt Abwechslung.


    Natürlich war es ein Fehler, ins Auto zu sitzen und zu dem alten Wasserturm zu fahren.
    Fehler, sich ins Auto zu setzen und

    Aah – Erkenntnis. Der „er“ von eben ist wahrscheinlich der Typ mit der Narbe, der Gönner. Das Ganze ist also wirklich eine abgekarterte Sache, Mirko wird erpresst. Krass.
    (Musste kurz nachgucken, wer Karoline noch war, hatte sich bei mir nicht so richtig festgesetzt, vielleicht am Anfang kurz einen Satz zur Trennung, damit’s mehr hängen bleibt?)


    „Du Dreckschwein also hast Timo getötet.“ – Cooler Anfang, mehr und mehr Puzzleteile erscheinen, alles fügt sich zusammen.
    Sehr starker Absatz: Gönner ist Jan, der sich einen perfiden Plan ausgedacht hat, um seine Theorie zu bestätigen. Mit dabei sein Gehilfe – gute Darstellung der Beziehung zwischen den Beiden nebenbei.
    Cliffhanger am Ende – sehr spannend.


    Gefällt mir sehr gut, der Absatz mit dem Märchen (das vorher schon mal angesprochen wurde), die Schilderung Kerstins Verhalten macht das Ganze greifbarer.
    Am Ende glaube ich zu wissen, wie sie sich entschieden hat; vielleicht geht das Ganze noch gut aus.


    Ah, schöne Sache; David tut es nicht, und Jans Theorie wird erschüttert.


    Er sieht, wie der Junge ein Messer zückt. Nein, will Mirko schreien, doch im nächsten Moment steht der Junge bereits hinter ihm und durchtrennt die Fesseln.
    Oh, bitte nicht, das ist soo ausgelutscht; ein Messer wird gezückt, das Opfer kriegt Panik, dann werden bloß die fesseln durchgeschnitten ...

    Große Erleichterung, Mirko kann gehen. Ist Jan so anständig, seine Niederlage einzugestehen oder handelt Dirk vielleicht, ohne, dass Jan es weiß?
    David reicht es, ein Gesicht des Täters zu haben?

    Vielleicht hört er dann auch endlich auf, sich morgens vor die Schule zu stellen, um einen kurzen Blick auf seinen Sohn zu werfen, den er so sehr vermisst.
    Im ersten Moment fand ich das nicht so doll, zu stark hingebogen, aber wenn man drüber nachdenkt, passt es eigentlich. (Naja, ist schon etwas hingebogen:
    stattdessen ist er wieder hier gelandet. Vor der Schule. Und beobachtet die Kinder. Vor allem interessieren ihn die Jungen.
    )


    Boah, wie fies. Von wegen David lässt ihn gehen. Nein, er will ihn richtig leiden lassen. Das findet Jan sicher gut.
    Ich habe diesen letzten Absatz ein paar Mal gelesen. Ich denke, ein Problem ist, dass ich da kein Bild von David vor Augen hatte. Er trommelt auf den Tisch, sonst gibt es keine Angaben. Wo ist er? Mit wem redet er? Erst beim wiederholten Lesen hab ich’s begriffen; er ist mit Mirko in einem Raum und steht in Kontakt mit Kerstin, die gerade Karolin und Tim überfahren wird, so wie Mirkos Eltern vorher. Harter Tobak.
    D.h. Jan und Dirk haben damit vielleicht gar nichts mehr damit zu tun, das würde bedeuten, dass das Böse in uns (oder besser gesagt in David und Kerstin) noch viel größer ist als angenommen; ein erschreckendes Fazit (gut auch, wie David über den leisen Zweifel in sich einfach drüberwalzt).


    Fazit: Krasse Geschichte, spannender Plot mit psychologischem und moralischem Tiefgang, überraschende Wendungen, Spiel mit den Erwartungen des Lesers, das Ganze durchdacht, sauber geschrieben, raffiniert erzählt - hat mir sehr gut gefallen!
    Vielleicht könntest du noch etwas an dem letzten Absatz polieren, damit der eingängiger wird.

    Viele Grüße,
    Maeuser
    Geändert von Maeuser (02.06.2011 um 15:24 Uhr)

  4. #4
    Mitglied seit
    20.02.2006
    Beiträge
    3.007

    Aktuelles Buch: Die Stilfibel

    He Schwups,

    ein wirklich fieses Teil. Du spielst gekonnt mit den Erwartungen des Lesers, hast echte Cliffhanger drin und verlierst dich trotz der Länge nicht in Nebensächlichkeiten.
    Stark, wie du zwischen deinen drei Figuren springst, ein prächtiger Aufbau. Am wenigsten greifbar finde ich Mirko. Da hätte ich mir noch eine Spur mehr von seiner Persönlichkeit gewünscht. Da fehlt mir der letzte Feinschliff, um mir seine Obsession verständlich zu machen.
    Auch das Ende schwächelt im Vergleich mit dem Rest etwas, da stimme ich Mäuser zu. Das schwebt irgendwie, da fehlt mir die Erdung. Doppelt fies ist die Lösung, weil Jans Theorie letztlich doch aufgeht, er es aber nicht miterleben darf. Das finde ich echt gelungen. Auch, dass du hier auf jeden Spaltter verzichtest, sondern den Horror perfide subtil transportiert, ist ein dicker Pluspunkt.
    Abzug gibt es noch für den Titel. Das ist schon ein bisschen argh abgegriffen und macht dieses subtile etwas kaputt.

    gern gelesen
    grüßlichst
    weltenläufer

  5. #5
    Mein lieber Herr Schwups,

    bereits der erste Absatz jagt mir Wellen des Grauens durch den Laib.

    Das kann doch nicht wahr sein, das ist doch nicht „der“ Schwups, der hier schreibt, das ist sein kleiner Bruder.
    Ich will auf diese Katastrophe nicht näher eingehen. Nur soviel: falsche Bezüge und unsägliches Wirrwarr mit Feuer, das gelöscht werden soll, ausgerechnet mit Alkohol, der in Kehle und Magen brennt, am Ende solls Feuer im Bad gelöscht werden. Brennt da etwa die Kloschüssel? Und der Hexenmeister, der dieses Mal gewinnt. Hat er sonst oft verloren? Also doch kein Meister, bloß ein Lehrling? Und der kommt aus dem Verstand gekrochen? Ausgerechnet dem Teil unserer Persönlichkeit, der allgemein als wach, scharfsinnig, kontrolliert und über Gefühle erhaben erachtet wird?

    Nun gut, immerhin …
    … was danach kommt, ist eine geschickt und attraktiv gestrickte Kriminalgeschichte. Spannend in jeder Zeile, mit aktuellem Bezug, ohne Überlängen und – was ich sehr selten sagen kann – glaubhaft.

    Ein zunächst bekanntes Motiv erfährt eine überraschende Wende, die um Längen besser ist als in dem Roman „Panik“ von Gianluca Morozzi.

    Auch sind immer wieder herausragende Stellen zu finden wie hier:
    „Und dann verschwand das Lächeln und ist seitdem nicht zurückgekehrt. Manchmal denkt David, sie hat es zu Timo in den Sarg gelegt, um ihm ein wenig Hoffnung zu schenken.“

    Ja, und an einigen Stellen hast du es auf gefällige Weise geschafft, ganz dezent auf die Tränendrüse zu drücken. Das ist auch ein Kunststück.

    Noch ein wenig dran feilen, lieber Schwups, und dann … mal schauen, ob …

    Lieben Gruß

    Asterix

  6. #6
    Mitglied seit
    01.01.2010
    Beiträge
    703
    Hallo elisabeth

    Schön, dass dir die Geschichte gefallen hat.

    Die Aufteilung der verschiedenen Erzählstränge ist Dir sehr gut gelungen.
    Danke, da war ich mir nicht sicher, ob man als Leser nicht durcheinander kommt, weil immer wieder neue Figuren eingeführt werden und ja auch die Reihenfolge nicht chronologisch ist.

    Das mit dem Hexenmeister gefällt mir persönlich nicht.
    Ja ich bin auch nicht ganz zufrieden, aber mir fällt hier einfach der passende Vergleich (noch?) nicht ein. Ich hatte zunächst Inquisitor, das fand ich aber noch weniger passend. Wie personifiziert sich der böse Trieb? Hm, ich denk mal noch drüber nach ...

    Ich weiß nicht, ob das nicht ein wenig zu stark ist. Schließlich hat er, auch wenn er natürlich etwas moralisch verwerfliches tut und sich dessen schmerzhaft bewußt ist, doch keinem Kind direkt ein Leid angetan bis dahin.
    Das ist richtig, und dennoch hat er hier eine Grenze überschritten, bei der sich ein pädophiler Mann strafbar macht. Hier hat er zum ersten Mal gegen seinen Trieb verloren, und das bringt ihn so sehr in Verzweiflung. Zudem sind es auch die Bilder, die er jetzt - nachdem die sexuelle Erregung verschwunden ist - als widerlich empfindet. Und bedenke, dass er zu dem Zeitpunkt recht betrunken ist - ich denke, da kann ein solcher Ausbruch schon passieren.

    Diese Beschreibung könnte etwas emotionaler sein. So dass der Leser nicht ein wenig mehr Bezug zu den Kindern bekommt. Eventuell eine kleine Anekdote, die den Leser einen Bezug zu den Kindern aufbauen lässt.
    Da muss ich nochmal drüber nachdenken, das hab ich vorerst mal so gelassen.

    Deine anderen Anmerkungen zu diesem Absatz habe ich übernommen, danke auch für den Hinweis mit den Nägeln - ich habs mal abgeändert gelassen, weil ich seine Nervosität zeigen will, aber dass er sich die Nägel rausreisst ist natürlich Quatsch .

    Das - wenn ich die Geschichte richtig verstanden habe* - soll ja wieder ein wenig auf die falsche Fährte locken, oder?
    Ähm, ja. Auch mit blonden Haaren und Brille ist der Junge natürlich nicht Timo und bleibt unversehrt.

    Das "wir" wird klein geschrieben - hab ich unlängst erst gelernt :o)
    Bist du sicher? Wikipedia schreibt:

    Nach dem Doppelpunkt wird groß weitergeschrieben, wenn ein selbstständiger Satz folgt.
    Und woanders hab ich gelesen:

    Nach dem Doppelpunkt schreibt man klein*, außer wenn die dem Doppelpunkt folgende Erläuterung als Ganzsatz verstanden wird
    Da ich den folgenden Satz als "Ganzsatz" verstehe, lasse ich ihn mal groß.

    Ich bin mir auch nicht sicher, ob eine solche Drohung tatsächlich genügen würde einen Mord zuzugeben, den man nicht begangen hat. Sicherlich tut man einiges, um soetwas nicht herauskommen zu lassen, aber einen (pädophilen) Mord gestehen? Und dann hatte er ja trotz allem Lebensangst. Da sagt man doch nicht ja, wenn man denkt dafür umgebracht zu werden?
    Mirko denkt ja, seine einzige Chance, aus der Sache rauszukommen, ist die, den Mord zu gestehen. Ferner denkt er auch, bei der Waffe handelt es sich nur um ein Requisit, von ihr geht also nicht direkt eine Bedrohung für ihn aus. Mehr noch als die Angst um sein Leben hat er Angst davor, dass Karolin von seiner Neigung erfährt. Und genau das drohen ihm Jan und Dirk an, wenn er nicht mitspielt. Aber ich gebe dir Recht, die Sache ist relativ grenzwertig. Deshalb hab ich ihn auch nie explizit gestehen lassen, sondern er nickt nur und sagt, dass es ihm Leid tut.

    Ebenso dachte ich wegen des einen Schusses in der Pistole "Ne, wenn er damit den Mörder erschießt, wäre das zu offensichtlich. Aber ganz bestimmt erschießt er sich selbst wenn er vor dem Mörder steht,
    Das war tatsächlich mal eine Idee, dass er sich selbst erschießt. Hab ich dann aber wieder verworfen, weil ihm mehr an einer Bestrafung des Täters gelegen sein müsste. Sein Sohn ist seit fünf Monaten tot, da hätte er schon längst Selbstmord begehen können.

    Doch diese Pläne durchkreuzte jemand und stieß ihn stattdessen in ein dunkles Grab.

    Das braucht es nicht. Würde ich weglassen.
    Ich lass es drin, weil ich den Gegensatz zu dem "ich fliege bis über die Wolken" im Satz davor drin haben möchte.

    Vielen Dank für dein ausführliches Feedback!

    ***

    Hallo Maeuser

    Interessant, wie die Geschichte in ihren einzelnen Etappen auf dich gewirkt hat.

    Durch seine Reaktion auf seine Tat verhinderst du das klassische okay, er ist der Böse-Abstempeln des Lesers
    Ja genau, das war die Idee. Pädophile Menschen sind schließlich keine Monster, ich wollte ihn als jemanden darstellen, der an dieser Neigung zunehmends verzweifelt und sie nicht mit Freuden auslebt.

    Hast du ihn mir genommen - hm, klingt für mich fast ein bisschen poetisch. In dieser Situation vielleicht was Plumpereres, Aggressiveres (?)
    Ja hab ich auch überlegt, aber "Hast du ihn getötet" geht schlecht, da er ja sämtliche Ausdrücke, die direkt auf den Tod und/oder das Verbrechen anspielen, versucht zu vermeiden. So nennt der den Täter ja auch nie "Timos Mörder". Da finde ich dieses "genommen" noch ziemlich neutral.

    Vor der Schule. Die Zeit ist ebenfalls Präsens, deswegen kann ich erst nicht einordnen, wann hier das Jetzt ist. Später wird’s klar: das findet vor den ersten beiden Absätzen statt.
    Ja genau. Wie ich bei elisabeth schon geschrieben habe, war ich nicht ganz sicher, wie das rüberkommt. Ich fand es mal sehr reizvoll, eine Geschichte Memento-mässig von hinten nach vorne zu erzählen, auch wenn das hier nur auf den Erzählstrang von David zutrifft (und mit dem letzten Absatz auch nicht ganz konsequent umgesetzt ist, zugegeben).

    Die Sache mit dem Gulli und der Tagesschau hab ich eingearbeitet, auch die Fünf ist jetzt groß und die Anführungszeichen einfach.

    Ah, eine Art Zwischenspiel. Mir ist nicht klar, wer hier „er“ ist.
    Eigentlich wollte ich Jans Namen nie erwähnen, aber es ließ sich dann in einem Absatz nicht mehr vermeiden. Hätte ich dann hier vielleicht auch schon machen können.

    Am Ende glaube ich zu wissen, wie sie sich entschieden hat; vielleicht geht das Ganze noch gut aus.
    Nee nee, nicht in meinen Geschichten ...

    Oh, bitte nicht, das ist soo ausgelutscht; ein Messer wird gezückt, das Opfer kriegt Panik, dann werden bloß die fesseln durchgeschnitten ...
    Hm das kommt vielleicht blöd rüber, wollte das gar nicht so betonen und den Leser täuschen.

    Ich habe diesen letzten Absatz ein paar Mal gelesen. Ich denke, ein Problem ist, dass ich da kein Bild von David vor Augen hatte. Er trommelt auf den Tisch, sonst gibt es keine Angaben. Wo ist er? Mit wem redet er? Erst beim wiederholten Lesen hab ich’s begriffen; er ist mit Mirko in einem Raum und steht in Kontakt mit Kerstin, die gerade Karolin und Tim überfahren wird, so wie Mirkos Eltern vorher. Harter Tobak.
    Ja da geh ich gleich nochmal drüber und mach das deutlicher, danke für den Hinweis.

    Freut mich dass dus gern gelesen hast, merci fürs wie immer konstruktive und ausführliche Feedback!

    ***

    Hallo weltenläufer

    Am wenigsten greifbar finde ich Mirko. Da hätte ich mir noch eine Spur mehr von seiner Persönlichkeit gewünscht. Da fehlt mir der letzte Feinschliff, um mir seine Obsession verständlich zu machen.
    Ich denke das lässt sich sehr gut mit elisabeths Vorschlag kombinieren, die Kinder vor der Schule eingängiger zu beschreiben, also mehr aus Mirkos Sicht. Da werd ich noch dran arbeiten.

    Auch das Ende schwächelt im Vergleich mit dem Rest etwas, da stimme ich Mäuser zu. Das schwebt irgendwie, da fehlt mir die Erdung.
    Ich versuche mal noch, hier deutlicher zu werden, vor allem die Namen schneller zu erwähnen. Das soll nicht so nebulös bleiben.

    Doppelt fies ist die Lösung, weil Jans Theorie letztlich doch aufgeht, er es aber nicht miterleben darf.
    Ja genau das ist der springende Punkt, daher muss auch der letzte Absatz mit der Bestrafung sein.

    Abzug gibt es noch für den Titel.
    Mist, schon wieder der Titel . Irgendwie schein ich da immer ein bisschen daneben zu greifen. Er hat sich knapp gegen "Die gerechte Gesellschaft" durchgesetzt, irgendwie stand der von Anfang an, trotz leiser Zweifel.

    Danke dir fürs Lesen und Feedback!

    ***

    Hi Asterix

    Ich will auf diese Katastrophe nicht näher eingehen.
    Ohje, echt so schlimm?

    Also den Alkohol-Bezug hab ich mal geändert, ich hatte da mehr die Eiswürfel im Kopf, die das Feuer löschen sollen, aber da hast du natürlich recht. Jetzt passt auch der Vergleich besser, dass er sich die Bilder nur anschaut, weil er betrunken ist (und so sozusagen die Hemmschwelle sinkt). Guter Hinweis, vielen Dank!

    am Ende solls Feuer im Bad gelöscht werden. Brennt da etwa die Kloschüssel?
    . Es ist ja das Feuer in ihm = sexuelle Erregung. Und wie löscht man das im Bad, wenn einen die Freundin verlassen hat?

    Und der Hexenmeister, der dieses Mal gewinnt. Hat er sonst oft verloren?
    Ja, in dem Sinn, dass Mikro noch nie straffällig wegen seiner Neigung geworden ist, dh. er hat das Feuer immer auf "legale" Weise gelöscht, wenn du so willst. Jetzt hat er ihm erstmals nachgegeben. Über den Hexenmeister denk ich nochmal nach - vielleicht fällt mir da noch was Passenderes ein.

    Und der kommt aus dem Verstand gekrochen?
    Ist geändert - ich wollte "Bewusstsein" vermeiden weil das davor und danach schon erwähnt wird und hab das falsche Synonym gewählt. Jetzt hab ich es in "Trieb" geändert, was passender ist.

    Nun gut, immerhin …
    … was danach kommt, ist eine geschickt und attraktiv gestrickte Kriminalgeschichte. Spannend in jeder Zeile, mit aktuellem Bezug, ohne Überlängen und – was ich sehr selten sagen kann – glaubhaft.
    Hey vielen Dank! Ich hab mich an meine letzte Geschichte aus dieser Rubrik erinnert, wo du gerade die Glaubwürdigkeit der Protagonisten sehr stark in Frage gestellt hast. Schön dass es diesmal besser gelungen ist .

    Noch ein wenig dran feilen, lieber Schwups, und dann … mal schauen, ob …
    Ja wie gesagt, der Hexenmeister, da denk ich nochmal drüber nach ...

    Vielen Dank Asterix fürs Lesen und die Kritik.

  7. #7
    Hallo Schwups!

    Vielleicht bist du noch nicht fertig, aber ich möchte nochmal auf die Bezüge hinweisen.
    Der Monitor ist die einzige Lichtquelle im Zimmer, seine Augen brennen, der Körper glüht.
    Als er den Whisky an seinen Mund führt,
    Ist jeweils syntaktisch inkohärent.
    Ich meine, auch wenn hier eine semantische Kohärenz erkennbar ist, darf solche Konstruktion gern vermieden werden; Stichwort: Eleganz.

    Lieben Gruß

    Asterix

  8. #8
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    Hallo Schwups

    Wirklich echt scheusslich die Geschichte, die du da entwickelt hast und zugleich mit höchst fragwürdigem Rechtsempfinden der Protagonisten unterlegt hast. Doch sie ist durchgehend spannend und bereits im Einstieg sehr plausibel aufgebaut. Dass du mit Bachmeier und Kapolew wirkliche Opfer, die zu Tätern wurden, einbaust, gibt es dem Ganzen einen inszenierten Hauch von Realem. Das Fiktive nimmt dann mit den beiden "Organisatoren" wieder Gestalt an, und verliert seine Realität im Schlusspart vollständig. Doch zum Glück, es war nur eine fantasievolle Geschichte, die Rollen sehr fein gezeichnet.

    Er krampft und zuckt, während klebrige Flüssigkeit bis in sein Gesicht spritzt und sich auf seinem Bauch verteilt.
    Das markierte finde ich übertrieben und unnötig.

    Als Fiktion sehr gern gelesen.

    Gruss

    Anakreon

  9. #9
    Mitglied seit
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    Hi Asterix

    Vielleicht bist du noch nicht fertig, aber ich möchte nochmal auf die Bezüge hinweisen.
    Bin in der Tat noch nicht fertig, am WE hatte ich leider keine Zeit und hab nur schnell die Sachen gemacht die einfach waren und/oder direkt ins Auge gefallen sind. Danke für die Hinweise, das ist mir tatsächlich nicht mehr aufgefallen. Wie du schreibst, es ist glaube ich klar was gemeint ist an den Stellen und führt nicht zu zweideutigem Verständnis, aber das kann man natürlich besser machen.

    Bin da noch dran ...

    ***

    Hallo Anakreon

    Wirklich echt scheusslich die Geschichte, die du da entwickelt hast
    Ich fasse das mal als Kompliment auf (sie soll ja schließlich scheusslich sein)

    Dass du mit Bachmeier und Kapolew wirkliche Opfer
    Haben wir hier die Notker/Nottke-Retourkutsche? Hab nochmal geschaut, der Mann heisst Kalojew.

    Das Fiktive nimmt dann mit den beiden "Organisatoren" wieder Gestalt an, und verliert seine Realität im Schlusspart vollständig. Doch zum Glück, es war nur eine fantasievolle Geschichte,
    Es ist zwar nur eine Geschichte, aber ich weiss nicht, wie wir leben würden, wenn eine "gerechte Gesellschaft" nach dem Modell von Jan tatsächlich Wirklichkeit würde. Ich denke, Menschen wie David und Kerstin wären dann evtl. keine Seltenheit.

    Das markierte finde ich übertrieben und unnötig.
    Ja ist dreckig, aber ich finde es passt in die Szene und zu der Geschichte.

    Als Fiktion sehr gern gelesen.
    Ich danke dir fürs Lesen und deinen Kommentar.

  10. #10
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    So, ich hab noch ein wenig am ersten und dritten Absatz gearbeitet. Sind aber eigentlich nur Kleinigkeiten. Karolin wird jetzt im dritten Absatz auch kurz erwähnt, damit sich der Leser später besser an sie erinnert.

    Geblieben ist der Hexenmeister - mir will da partout kein anderes Bild einfallen, aber so unpassend finde ich es auch nicht.

    Danke nochmal an alle Leser fürs hilfreiche Feedback!

  11. #11
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    Aktuelles Buch: Liebesbrand, Zaimoglu

    Hallo Schwups,

    die Geschichte find ich spannend und gut geschrieben. Pädos sind wirklich schlimm (dran). Ich hatte vor vielen Jahren mal einen Tatort gesehen mit diesem Thema, und mir wurde es richtig übel dabei.
    Dieser Zwiespalt von Mirko, eigentlich ist es falsch was ich tue, ich will es nicht, aber es kommt doch durch, ist gut beschrieben.
    Selbstjustiz ist immer so ein Thema. Ich denke wer so verzweifelt und so voller Hass ist, und sich von der Justiz im Stich gelassen fühlt, der kommt auf solche Gedanken.
    Gern, aber mit Grausen gelesen.

    Gruß
    Leia4e
    Geändert von Leia4e (22.07.2011 um 12:40 Uhr)

  12. #12
    Mitglied seit
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    Hallo Leia4e

    Ich danke dir fürs Lesen und dein Feedback.

    Pädos sind wirklich schlimm (dran).
    Ja das finde ich auch. Ich habe vor einigen Monaten in der Telefon-Talksendung Domian einen pädophilen Mann gehört, der von seinen Leiden erzählt hat. Das hat mir eine ganz neue Sicht auf diese Menschen eröffnet, meist liest man von ihnen ja leider nur in Verbindung mit Verbrechen. Es gibt aber eben auch sehr viele, die nicht kriminell sind, und ich glaube, dass diese sehr unter ihrer Neigung leiden.

    Selbstjustiz ist immer so ein Thema. Ich denke wer so verzweifelt und so voller Hass ist, und sich von der Justiz im Stich gelassen fühlt, der kommt auf solche Gedanken.
    Ja ich denke auch dass das im Bereich des Möglichen liegt, auch wenn es in der Geschichte viell. etwas übertrieben dargestellt ist.

    Viele Grüße.

  13. #13
    Hallo Schwups!

    Habe mir schon lange vorgenommen, deine Geschichte zu lesen und zu kommentieren, jetzt endlich habe ich mal die Zeit dazu. Habe recht viel nachzuholen.

    Also vorweg: mir hat die Story recht gut gefallen, du packst ein heißes Eisen an, das leicht zur klischeebeladenen Posse hätte verkommen können. Du eröffnest eine neue Sicht auf die Problematik Pädophilie (na ja, nicht neu, aber du machst es dir nicht einfach ["Rübe ab" und so]).
    Insofern ist der Ansatzpunkt, den du wählst auch sehr interessant, sind ja hier die "Bösen" eigentlich die Opfer und der "Täter" wird zum unschuldigen Opfer.
    Das ist auf jeden Fall die Empfehlung wert, immer ist es das, wenn der Leser zum Nachdenken angeregt wird.

    Der Aufbau war, nun ja, zumindest nicht Einheitsbrei, obwohl ich in einigen Momenten an "Memento" erinnert war. Hast du einmal einen Rückwärts-Sprung drin oder habe ich gerade da etwas falsch verstanden?

    Einige Sachen, die mir aufgefallen sind:

    Die schwitzenden Hände zu Anfang finde ich als Bild irgendwie unschön, unrund. Meist sind es ja Personen, die schwitzen, nicht?

    Auf dem letzten Bild sieht er zwei traurige Kinder, die sich vor einem schäbigen Bett fotografieren lassen mussten und missbraucht, vielleicht gar geschändet wurden
    Der Nachsatz - die Wertung - empfinde ich als überflüssig. Es ginge viel besser ohne ihn, und du überlässt dem Leser das Denken.

    Auch wenn seine Schreie den Körper nicht verlassen
    Hmm, das hat mir schon bei dem Naidoo nicht gefallen, außerdem heißt es kurze Zeit später:

    seine Schreie verwandeln sich in ein gleichmäßiges Stöhnen
    Passt nicht zusammen, irgendwie.

    Sonst hätte er sie vielleicht noch einmal angesehen, wenn das Feuer wieder brennt.
    Der Satz ist sowas von ü. Wie oben, die Wertung überlass dem Leser, er will auch noch was zu Denken haben.

    Die Sonne lässt sein blondes Haar beinahe glitzern.
    Wie darf ich mir dieses Bild dann vorstellen?


    Ich habe mir im Verlauf immer weniger Notizen gemacht, was bedeutet, dass es zu spannend war, um micht mit orthografischem oder grammatikalischem Kleinkram zu belasten.
    Was mir aufgefallen ist:

    Manchmal denkt David, sie hat es zu Timo in den Sarg gelegt, um ihm ein wenig Hoffnung zu schenken.
    Super, wirklich!
    Wobei ich den Nachsatz weggelassen hätte.

    Sie haben Monate für die Vorbereitung investiert.
    Sie haben in die Vorbereitung investiert!

    ...scheint jede Hürde machbar.
    Ja, ja. Machen kann so 'ne Hürde jeder, es kommt darauf an, sie zu nehmen!


    Wie gesagt, hat mir gut gefallen das Stück. Hebt sich von ähnlichen Werken ab durch Originalität und Gehalt.


    Schöne Grüße von meiner Seite!
    Geändert von Hanniball (11.09.2011 um 06:39 Uhr)

  14. #14
    Mitglied seit
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    1.614
    Hallo Schwups.

    Hab mich aufgrund von Zeitmangel immer ein wenig an der Länge gestört und daher erst gar nicht angefangen. Schande über mein Haupt!
    Habe deine Geschichte gerade in einem Rutsch durchgelesen, mir zunächst vorgenommen, gute oder weniger gute Passagen zu zitieren, es dann aber verworfen, weil ich einfach nur gefesselt war.
    Besonders hervorheben möchte ich hier den nicht linearen Aufbau, das Springen zwischen den Perspektiven und die stellenweise eingebauten Cliffhanger. Dickes Kompliment. Sowas hält mich als Leser bei der Stange.

    Zu Mirko: hervorragende Darstellung des Gefühlskampfes (die Idee mit dem Hexenmeister fand ich persönlich grandios; du personifizierst hier das Böse, wodurch dieses ein Gesicht bekommt. Besser als immer nur alles in einem inneren Monolog ablaufen zu lassen) Huch, letzteres mache ich ja selber immer. Mist
    Für mich war dieser Kampf, in dem die Begierde die Oberhand gewinnt, absolut realistisch. Bei sexkranken Menschen ist es ja häufig so, dass sie nach der Befriedigung Ekel über das Getane empfinden.

    Zu David: durchaus nachvollziehbares Handeln; mir persönlich bleibt er etwas zu flach. Bitte nicht falsch verstehen, aber im Gegensatz zu Mirko, bei dem du sehr in die Tiefe gehst, erlebe ich bei David mehr das äußere Handeln.
    Sehr gut gefallen hat mir das mit dem Traum. Scheiße, war das spannend. Hervorragend umgesetzt!

    Zu Jan: Hm ... Ehrlich gesagt, mag ich solche Typen nicht. Von daher ging ich da eh mit einer entsprechenden Antipathie ran. Was allerdings von deinem ausgezeichneten Stil zeugt, da du ihn so rübergebracht hast, dass du entsprechende Gefühle bei mir hervorgerufen hast.

    Fazit: wirklich verdiente Empfehlung!

    Danke und Gruß! Salem

  15. #15
    Mitglied seit
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    703
    Hallo Hanniball

    Habe mir schon lange vorgenommen, deine Geschichte zu lesen und zu kommentieren, jetzt endlich habe ich mal die Zeit dazu. Habe recht viel nachzuholen.
    Vielen Dank fürs Lesen und deinen Kommentar!

    Also vorweg: mir hat die Story recht gut gefallen, du packst ein heißes Eisen an, das leicht zur klischeebeladenen Posse hätte verkommen können. Du eröffnest eine neue Sicht auf die Problematik Pädophilie (na ja, nicht neu, aber du machst es dir nicht einfach ["Rübe ab" und so]).
    Das stimmt, die Sicht ist nicht neu - es gibt da bspw. auch einen Film mit Kevin Bacon, in dem er einen Pädophilen spielt, der eben aus dem Knast entlassen wurde. Den hab ich irgendwann mal spät in der Nacht gesehen und fand ihn recht gelungen, eben auch weil er eine (damals für mich) neue Sicht auf ein Tabuthema wirft; ähnlich wie der Anrufer in der Talksendung.

    Insofern ist der Ansatzpunkt, den du wählst auch sehr interessant, sind ja hier die "Bösen" eigentlich die Opfer und der "Täter" wird zum unschuldigen Opfer.
    Genau das wollte ich mit der Geschichte thematisieren. Es sind eben immer die auch von dir oben erwähnten schnellen Rufe nach "Rübe ab", die aus Opfern sehr schnell Täter machen (würden), ohne dass sie sich darüber bewusst sind. Oder anderes Beispiel: War die angedrohte Folter gegenüber dem Kindsmörder Magnus Gäfgen gerechtfertigt (oder gar gerecht) oder nicht? Ich finde das sind extrem schwierige Fragen.

    Der Aufbau war, nun ja, zumindest nicht Einheitsbrei, obwohl ich in einigen Momenten an "Memento" erinnert war. Hast du einmal einen Rückwärts-Sprung drin oder habe ich gerade da etwas falsch verstanden?
    Nein, das hast du schon richtig verstanden. Die Teile, die aus Sicht von David beschrieben sind (mit Ausnahme des allerletzten Abschnitts) sind in chronologisch "verkehrter" Reihenfolge geschrieben - der Rest läuft normal. Ursprünglich wollte ich beide Erzählfäden von verschiedenen Richtungen auf ein- und dasselbe Kapitel "hinauslaufen" lassen, aber das hat nicht funktioniert. Ich finde die Geschichte allerdings interessanter, wenn ein Teil "rückwärts" läuft.

    Danke dir auch für deine Anmerkungen zum Text. Umgesetzt habe ich alles bis auf:

    Die schwitzenden Hände zu Anfang finde ich als Bild irgendwie unschön, unrund. Meist sind es ja Personen, die schwitzen, nicht?
    Stimmt, Personen schwitzen, aber eben an bestimmten Körperteilen. Schwitzende Hände sind ein typisches Zeichen von Nervosität, und da er zumindest mit einer Hand die Maus bedient, fällt ihm dort der Schweiß am ehesten auf.

    Auch wenn seine Schreie den Körper nicht verlassen
    Hmm, das hat mir schon bei dem Naidoo nicht gefallen, außerdem heißt es kurze Zeit später:
    Ich wollte hier das verbrauchte "unterdrückte Schreien" vermeiden.

    seine Schreie verwandeln sich in ein gleichmäßiges Stöhnen
    Passt nicht zusammen, irgendwie.
    Die Schreie sind ja schon da ... stell dir jemanden vor, der erst in ein Klebeband schreit und dann anfängt zu stöhnen, da merkt man schon einen Unterschied, auch wenn die Schreie anfangs nicht so laut waren, als wenn der Mund offen gewesen wäre.

    Wie gesagt, hat mir gut gefallen das Stück. Hebt sich von ähnlichen Werken ab durch Originalität und Gehalt.
    Danke nochmal ... und es freut mich, wenn dich die Geschichte zum Nachdenken gebracht hat.

    ****

    Hallo Salem

    Hab mich aufgrund von Zeitmangel immer ein wenig an der Länge gestört und daher erst gar nicht angefangen.
    ... umso mehr freut es mich, dass du dich doch noch rangetraut und sie nicht nur gelesen, sondern auch kommentiert hast. Dafür schonmal ein herzliches Dankeschön!

    Habe deine Geschichte gerade in einem Rutsch durchgelesen, mir zunächst vorgenommen, gute oder weniger gute Passagen zu zitieren, es dann aber verworfen, weil ich einfach nur gefesselt war.
    Besonders hervorheben möchte ich hier den nicht linearen Aufbau, das Springen zwischen den Perspektiven und die stellenweise eingebauten Cliffhanger. Dickes Kompliment. Sowas hält mich als Leser bei der Stange.
    Hey vielen Dank für das Lob! Gerade was die Cliffhanger angeht kommt der Geschichte glaub der nicht-lineare Aufbau zugute, von daher cool dass es so funktioniert hat.

    Zu Mirko: hervorragende Darstellung des Gefühlskampfes (die Idee mit dem Hexenmeister fand ich persönlich grandios; du personifizierst hier das Böse, wodurch dieses ein Gesicht bekommt. Besser als immer nur alles in einem inneren Monolog ablaufen zu lassen)
    Ich glaub du bist der Erste der den Hexenmeister lobend erwähnt . Hier war ich ja noch eine Weile unschlüssig, vielleicht ist es auch ein abgenutztes Bild, aber hier finde ich es einfach passend.

    Bei sexkranken Menschen ist es ja häufig so, dass sie nach der Befriedigung Ekel über das Getane empfinden.
    Exakt ... eben wenn der Trieb, der sie überhaupt erst soweit gebracht hat, befriedigt ist. Bei Verbrechern wie Vergewaltigern und Mördern gilt das oft nicht, da es (in sehr vielen Fällen) nicht der sexuelle Trieb ist, der sie drängt ... aber in eine solche Kategorie fällt Mirko ja nicht, er ist eben, wie du sagst, sexkrank. Gut beobachtet.

    Zu David: durchaus nachvollziehbares Handeln; mir persönlich bleibt er etwas zu flach. Bitte nicht falsch verstehen, aber im Gegensatz zu Mirko, bei dem du sehr in die Tiefe gehst, erlebe ich bei David mehr das äußere Handeln.
    Ja, das stimmt. Während in den Szenen mit Mirko zumindest am Anfang nicht viel passiert, sondern sich viel in seinem Kopf abspielt, versuche ich in den Szenen mit David, die Handlung voranzutreiben ... vermutlich war daher einfach weniger Platz für eine Charakterisierung. Noch schlimmer ist es eigentlich bei Kerstin, die ja auch eine entscheidende Rolle spielt. Der Traum war dann tatsächlich der Versuch, dies nachzuholen. Ganz zufrieden bin ich damit noch nicht, aber ich denke, die Geschichte funktioniert so. Ausufern soll sie dann ja auch nicht; wichtiger finde ich da den Abschnitt, der einen Einblick in Jans Innenleben zeigt.

    Zu Jan: Hm ... Ehrlich gesagt, mag ich solche Typen nicht. Von daher ging ich da eh mit einer entsprechenden Antipathie ran. Was allerdings von deinem ausgezeichneten Stil zeugt, da du ihn so rübergebracht hast, dass du entsprechende Gefühle bei mir hervorgerufen hast.
    Ja das fasse ich auch durchaus als Kompliment auf. "Diese Figur ist mir unsympathisch" ist 1000mal besser als "Diese Figur interessiert mich nicht", insofern vielen Dank .

    Fazit: wirklich verdiente Empfehlung!
    Schön wenn es dir gefallen hat.

    Also nochmal danke euch beiden & bis zum nächsten Mal.

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