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  1. #1

    Die Überflüssigen

    Ich freue mich, habe ich doch gerade folgende Nachricht erhalten:

    24 Teilnehmer wurden ausgewählt und werden als Gewinner des Kurzgeschichten Schreibwettbewerbs 2012 “Ein Tag in dunkler Zukunft” in unserer Anthologie veröffentlicht ...
    Wir freuen uns, nun mitteilen zu können, dass auch du es unter die 24 besten Einsendungen geschafft hast.
    Geändert von Fliege (08.03.2013 um 12:05 Uhr)

  2. #2
    Liebe Fliege,

    bitte gib zu, dass dies eine Satire ist, du dich nur nicht getraut hast, sie in die Satireabteilung zu stellen.

    Ich habe deine Geschichte gerne gelesen.

    Ich wünschte mir nur, du würdest noch bissiger werden. Z.B. (das ist leider im Moment das einzige, was mir einfällt) könnte dieses Formular, das auf dem Fließband abfährt, mit Alarm wieder bei der Prota eintreffen, weil der Scanner gemerkt hat, dass irgendwo ein Komma oder ein Punkt übersehen wurde.
    Und alle schauen sie vorwurfsvoll an, weil sie solch einen eklatanten Fehler begangen hat.

    Dann (doch dies fällt mir auch grad ein) könnte die heimelige Atmosphäre im Wartesaal dadurch konterkariert werden, dass immer dann, wenn eine neue Nummer auf der Anzeigetafel auftaucht ein ohrenbetäubendes Signal (such dir was Fieses die Ohren Beileidigendes aus) erschallt, das alle von den Sesseln reißt.

    Als deine Prota den sog. Aufwachraum verlässt, könnte just in der Sekunde, in der sie die Türklinke nimmt, um den Raum zu verlassen, hinter ihr ein Schwall Desinfektionsmittel versprüht werden, direkt aus der Wand kommend.

    Und Papi sollte/könnte noch deutlicher draußen stehen, also gezielt nicht reingelassen werden, weil das nur Plätze wegnimmt. Oder vielleicht sogar, falls er die Protagonistin hingefahren hat, wird er schroff an der Eingangstür zurückgewiesen, weil er in der OP-Anstalt nichts verloren hat.

    Also ich bin jetzt nicht sauer, wenn du meine Ideen nicht verarbeiten möchtest. Mir geht es mehr darum, dir aufzuzeigen, wohin die Geschichte auch gehen könnte.

    Hier an dieser Stelle möchte ich aber so oder so gerne mehr erfahren:

    Die Stimme blafft mich an und verschwindet. Irgendwann kommt sie zurück und sagt mir, dass ich jetzt gehen könne.
    Was blafft diese Stimme?


    Diese zwei Dingelchen sind mir noch aufgefallen:

    Zum erneuten abhören der Nachricht, drücken Sie bitte die Eins.
    Abhören


    Ich strebe auf das kleinen Fenster über dem ...
    kleine


    Fazit: Nette kleine Geschichte, die noch hohes Satirepotential hat oder kann es eine Parodie werden, weil die Realität genauso gruselig ist?


    Lieben Gruß

    lakita
    Geändert von Fliege (03.12.2011 um 21:19 Uhr) Grund: repariert ;)

  3. #3
    Mitglied seit
    29.01.2010
    Beiträge
    1.496
    Hallo Fliege

    Mit habe ich diese Geschichte verkraftet, obwohl zu Beginn die Pampelmusen meine Gedanken kurz zu pummeligen Musen abschweifen liessen. Den „technokratischen“ Ablauf im Gesundheitswesen hast du da schön karikiert. Manchmal wirkte mir der Text als Leser etwas hektisch, aber insgesamt gelungen.

    Bei diesen Worten stockte ich:

    Er wirkt so liebvoll und gewissenhaft, dass ich mir wünsche, dort mein nächstes Leben als Guppy zu verbringen.
    liebevoll … Beim Zahnkarpfen habe ich dafür doch glatt Wegs Groupie gelesen, es fügte sich so.


    Sie ist im freundlichen gelb gestrichen und man hat Strandbilder aufgehangen.
    auf gehangen / aufgehängt

    „Unser Verein setzt sich dafür ein, dass die Anzahl der Fische reduziert wird. Die armen Tiere, dass ist doch kein Leben so nicht.
    das ist doch kein Leben, so nicht.

    War mir ein kleines Lesevergnügen.

    Schöne Grüsse

    Anakreon

  4. #4
    Liebe lakita,

    bitte gib zu, dass dies eine Satire ist, du dich nur nicht getraut hast, sie in die Satireabteilung zu stellen.
    Erwischt! Weil ich dachte, dass es zu wenig lustig ist und auch nicht gar so überzeichnet. Und nun lese ich das hier bei - Was passt in diese Rubrik:

    Entgegen landläufiger Meinung muss eine Satire nicht zwangsläufig komisch sein, wenngleich natürlich Humor ein häufiges Stilmittel der Satire ist. Aber: Es ist nicht ihr primäres Ziel!
    Verdammt!

    Ich habe deine Geschichte gerne gelesen.
    Das freut mich. Das freut immer.

    Ich wünschte mir nur, du würdest noch bissiger werden.
    Alle Deine Ideen finde ich super! Und ja, da steckt noch Potential in Richtung Überzeichnung drin, keine Frage. Aber eigentlich habe ich bewusst darauf verzichtet, um es möglichst nah an der Realität zu belassen.

    Hier an dieser Stelle möchte ich aber so oder so gerne mehr erfahren:

    Was blafft diese Stimme?
    Wirklich? Na gut, wenn das noch mehr wollen, bekommst Du Deinen Anschnauzer

    Diese zwei Dingelchen sind mir noch aufgefallen:
    Dingelchen kauf ich gern.


    Hallo Anakreon,

    Mit habe ich diese Geschichte verkraftet, ...
    Na Gott sei Dank. Mich freut das sehr.

    obwohl zu Beginn die Pampelmusen meine Gedanken kurz zu pummeligen Musen abschweifen liessen.
    Sag mal. Ab in die Ecke Du lustiger Molch

    Manchmal wirkte mir der Text als Leser etwas hektisch, aber insgesamt gelungen.
    Ja, da gebe ich Dir Recht. Aber ich wollt das nicht so pathetisch in die Länge ziehen.

    Beim Zahnkarpfen habe ich dafür doch glatt Wegs Groupie gelesen, es fügte sich so.
    Hehe Wenn das noch anderen so geht, dann wechsle ich den Groupie gegen einen Neonfisch aus, oder wie die richtig heißen mögen.

    War mir ein kleines Lesevergnügen.
    Danke.

    Vielen Dank fürs lesen und Eure Kommentare.

    Liebe Grüße an Euch
    Fliege
    Geändert von Fliege (03.12.2011 um 21:23 Uhr)

  5. #5
    Mitglied seit
    08.12.2009
    Beiträge
    100

    Aktuelles Buch: Limit

    Hallo Fliege,
    für mich ist das eine SF-Satire: Der Selbstbedienungspatient.
    Gern gelesen!

    Letzte Zeile: „Bombenfest sitzen die jetzt.“
    Da sich dieser Satz nur auf den vorhergehenden beziehen kann, muss es 'Bombenfest sitzt das jetzt' heißen – nämlich das Gebiss.

    Lieben Gruß
    kinnison

  6. #6
    Hallo Fliege!

    Personal ist überflüssig. Ich bin sicher, dein Krankenhaus existiert schon in den Köpfen einiger Planer. Da in der Handlung kein Pflegepersonal in Erscheinung tritt, könnte es sein, das es auch in Hintergrund keines gibt. Die blaffende Stimme kommt wahrscheinlich via Telefon aus Indien. Blöd nur, dass die Planer das Loch in der Wand für den Kaffee vergessen haben.
    Aufgaben des Pflegepersonals werden von Automaten und Computer bewerkstelligt. Dazu steht sehr schön im Kontrast die „persönliche“ Pflege der Zierfische.
    Die Tierschützerin verstärkt den Kontrast noch, gibt dem Thema aber auch einen zusätzlichen Dreh: Niemand kümmert sich um die Einhaltung artgerechter Pflege von (kranken) Menschen.
    Mit der Aussage des Vaters (Aber die Arzte, die sind super) komm ich nicht ganz klar. Könnte sein, dass er die kritiklose Masse repräsentiert, die alles hinnimmt.

    Vom Ernst des Themas weg ist die Geschichte auch amüsant:

    *Das Wort pathologisch kenne ich. Es klingt nicht gut, es klingt so ... tot.
    * Meine Krankenkasse scheint meine Gedanken zu kennen und empfängt mich mit den Worten: Sie müssen nicht sterben!
    * Erklärt mir CIN und Pap, erläutert, dass mein Unterleib Krebszellen heranzüchtet.
    * dass ich mir wünsche, dort mein nächstes Leben als Guppy zu verbringen.
    * Schließlich hatte ich vor Pap und CIN Hunger, und wer weiß, was man mit so was noch Essen darf, also nehme ich von allem etwas mit.

    Diese Beispiele sollten genügen.

    Das mittlere Bild ist schief und ich versuche, es gerade auszurichten,
    Auch da ein Schmunzeln, weil mir sofort Loriot einfiel.

    Nett, dass du wenigstens ein paar Krümel Kleinkram in deinem Text belassen hast, sonst wäre meine Nörgelseele verhungert.

    was man mit so was noch Essen darf,
    Ich meine, essen müsste klein.

    dass auch sie keine Schmerzen hatte und seit dem alles gut ist,
    seitdem

    Sie ist im freundlichen gelb gestrichen
    Gelb

    Das die Tür geöffnet wird und sich mein Bett bewegt, bekomme ich nur noch marginal mit.
    Dass

    Mir wird schwindlig, bei dem Versuch mich hinzusetzen, also lasse ich es, schlafe noch einmal ein und träume
    Da sie liegt: aufzusetzen

    Als ich wieder erwache geht es mir besser.
    Komma hin.

    Vollkommen überrascht, nuschel ich in den Apparat
    Komma weg.

    Sehr gern gelesen

    Asterix

  7. #7
    Hey kinnison,

    für mich ist das eine SF-Satire: Der Selbstbedienungspatient.
    Also doch Satire. Mich freut es ja .

    Gern gelesen!
    Danke für den Kommentar. So kurz, so schön. Und natürlich - das Gebiss, nicht die Zähne. Habe ich ausgebessert.


    Holla Asterix,

    Deine Lesart hat mich wirklich sehr gefreut. Da hab ich gar nix mehr zu sagen.

    Ich bin sicher, dein Krankenhaus existiert schon in den Köpfen einiger Planer.
    Ich bin mir sicher, wir sind jetzt schon nah dran. Ich hab in drei Tagen Krankenhaus, drei Minuten einen Arzt gesehen. Es fehlen also nur noch drei Minuten .

    Die blaffende Stimme kommt wahrscheinlich via Telefon aus Indien.


    Blöd nur, dass die Planer das Loch in der Wand für den Kaffee vergessen haben.
    Mein Reden!

    Mit der Aussage des Vaters (Aber die Arzte, die sind super) komm ich nicht ganz klar. Könnte sein, dass er die kritiklose Masse repräsentiert, die alles hinnimmt.
    Solange es einem selbst noch gut geht ... ja, hast Recht.

    Vom Ernst des Themas weg ist die Geschichte auch amüsant:
    Das war ja meine größte Sorge. Schön das es funktioniert.

    Nett, dass du wenigstens ein paar Krümel Kleinkram in deinem Text belassen hast, sonst wäre meine Nörgelseele verhungert.
    Mit diesen Krümeln bin ich sehr großzügig *schäm*

    Ich mach mich gleich ans Werk.

    Sie ist im freundlichen gelb gestrichen
    Gelb
    Wieso denn groß? Ich glaub Dir ja, aber warum denn?

    Lieben Dank für diesen Kommentar. Der war so schön ...


    Liebe Grüße an Euch beide
    Fliege
    Geändert von Fliege (04.12.2011 um 09:18 Uhr)

  8. #8
    Wieso denn groß? Ich glaub Dir ja, aber warum denn?
    Riecht mir nach substantiviertem Adjektiv. Hab es zur Sicherheit eben gegoogelt und bei Pons etwas gefunden: Ganz in Blau gekleidet. Ich vermute nun, der Satz müsste so lauten:
    Sie ist in freundlichem Gelb gestrichen …

    Schönen Abend noch

  9. #9
    Riecht mir nach substantiviertem Adjektiv. Hab es zur Sicherheit eben gegoogelt und bei Pons etwas gefunden: Ganz in Blau gekleidet. Ich vermute nun, der Satz müsste so lauten:
    Sie ist in freundlichem Gelb gestrichen …
    Aha *Glühlampe an*

    Danke

  10. #10
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    Aktuelles Buch: Candide, Voltaire

    Hallo Fliege,

    auch mir gefällt der Text, vor allem weil er eine generelle Entwicklung aufzeigt, die für viele schmerzhaft ist: Apparate, wo man sich eigentlich menschliche Zuwendung erwarten würde und diese technokratische Sprache - aber Hauptsache, das Ergebnis stimmt! Männer (hier der Vater der Protagonistin) haben damit sicher weniger Probleme als Frauen.

    Wie schon per PN geschrieben, handelt es sich meiner Meinung nach eher nicht um eine Satire, weil die Überspitzung fehlt, die Ironie, der Sarkasmus, das Durch-den-Kakao-ziehen. Gefühlsmäßig spüre ich da eher Betroffenheit. Also passt er hervorragend in die Rubrik Gesellschaft - obwohl ich mich natürlich gefreut hätte, mal wieder etwas Gutes in Satire gepostet zu sehen.

    Das neue Ende mit den Zierfischen und der Tierschutz-Tante ist für meinen Geschmack nicht Knalleffekt genug. Das ginge sicher noch provokanter, zu zeigen, wie die blöden Fische all das Einfühlungsvermögen und die Besorgnis um das Befinden bekommen, die die Protagonistin so gerne hätte.

    „Unser Verein setzt sich dafür ein, dass die Anzahl der Fische reduziert wird.
    Reduzieren bedeutet für den Aquarianer meistens umbringen. Überzählige Guppys werden gern als Lebendfutter für größere Fische genommen. Hier hat es die Protagonistin besser. Immerhin lebt sie noch.

    Liebe Grüße,

    Berg

  11. #11
    Hallo Berg,

    und vielen Dank für Deinen Krankenbesuch .

    auch mir gefällt der Text, vor allem weil er eine generelle Entwicklung aufzeigt, die für viele schmerzhaft ist: ...
    freu

    Gefühlsmäßig spüre ich da eher Betroffenheit. Also passt er hervorragend in die Rubrik Gesellschaft - ...
    Betroffenheit ist gut. Betroffenheit ist viel besser als Übertreibung, die das Ziel hat, Lachen zu erzeugen. Inzwischen habe ich mich auch gut mit Gesellschaft arrangiert. Ich hatte nur befürchtet, meine Geschichte hier in Richtung - die Prot. lebt den Konflikt ja nicht aus, sie hat zu wenig Charakter etc. verteidigen zu müssen. Weil, dass ist ja alles Absicht und nicht die Prot. ist Thema, sondern sie ist Mittel zum Zweck. Da dies aber bisher ausblieb, bin ich ganz glücklich hier .

    Reduzieren bedeutet für den Aquarianer meistens umbringen. Überzählige Guppys werden gern als Lebendfutter für größere Fische genommen. Hier hat es die Protagonistin besser. Immerhin lebt sie noch.
    Ja, Tierschutz geht manchmal seltsame Wege. Bei Halle hat man an einem See dass Angeln verboten, weil eine Kröte geschützt werden sollte. Durch das Ausbleiben der Angler fühlten sich aber andere Tiere dort sehr wohl und fraßen die Kröten auf. Hab ich mal gehört.

    Vielen Dank und lieben Gruß Fliege

  12. #12
    Liebe Fliege;


    Berg schreibt:
    obwohl ich mich natürlich gefreut hätte, mal wieder etwas Gutes in Satire gepostet zu sehen.
    Genau! Ich würde es gut aushalten können, wenn du diese Geschichte noch mehr überspitzt und überziehst und denn den Verschub in die Satireabteilung beantragst.

    Berg schreibt:
    „Unser Verein setzt sich dafür ein, dass die Anzahl der Fische reduziert wird.

    Reduzieren bedeutet für den Aquarianer meistens umbringen. Überzählige Guppys werden gern als Lebendfutter für größere Fische genommen.
    Wie wärs, wenn die Tierschützer ein weiteres Aquarium fordern?
    Natürlich auf Kosten der Sitzplätze in dem Wartesaal.


    Lieben Gruß

    lakita

  13. #13
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    Aktuelles Buch: Heimito von Doderer: Die Dämonen

    Hallo Fliege!

    Die Geschichte ist doch letztlich ziemlich affirmativ, d.h. das System eigentlich gut heißend, und das kommt daher, weil du dich wieder einmal vor einem Konflikt drückst. Wenn du also irgendwie die entmenschlichte, übertechnisierte medizinische Versorgung anprangern willst, dann seh ich die Stoßrichtung nicht ganz. Es läuft doch alles glatt, die Protagonistin fügt sich in das System ein, begehrt nie auf, kommt am Ende wieder heil raus. Und fast scheint es am Ende, dass sie anders ist: Keine Emotionen mehr, ihren Körper nimmt sie kaum wahr. Sie verlangt keine Erklärung, ob alles gut gegangen ist, sie erscheint nicht mehr als fühlendes Wesen, das einen lebendigen Körper besitzt. Denkt sie nicht darüber nach, wie es jetzt um das behandelte Organ steht, welches ja immerhin das zentrale Organ ihrer Weiblichkeit ist, blutet sie nicht, als sie aufsteht? Das System ist der Antagonist in dieser Geschichte, aber es kommt zu keiner Auseinandersetzung, sondern zu einer Unterordnung.

    Ich hab mich gefragt, welche Rolle eigentlich der Vater spielt: Und durchaus könnte man ihn als personifizierten Vater Staat sehen, der das System gut findet und es seiner Tochter sozusagen empfiehlt, sie folgt ihm einfach.

    Am Ende wird die andere Seite dieser Gesellschaft gezeigt, nämlich dass "Menschlichkeit" oder gute, artgerechte Behandlung nur mehr für die Tiere eingefordert wird. Ich finde das eine gute und zutreffende Beobachtung, denn manchmal hat man den Eindruck, das Überleben der letzten zwanzig sibirischen Tiger wäre wichtiger als das Überleben von Millionen von Kindern.
    Also die Botschaft, dass irgendetwas in dieser Gesellschaft nicht stimmt, die diese beiden Seiten hervorbringt, die kommt auf jeden Fall an, aber ich denke, diesmal hätte ein Konflikt der Geschichte wirklich gut getan. Dann würde/könnte es wahrscheinlich tatsächlich mehr in Richtung Satire gehen, ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass sie sich den kleinen Finger abhackt, um mehr Zuwendung zu bekommen oder nur um zu sehen, wie die dann drauf reagieren. So etwas in der Art.
    Sicher ein guter Text, aber da wäre noch mehr drin gewesen.

    Pampelmusen! Nach fünf Minuten Obst anstarren, hatte ich mich entschieden.
    die Zeit ist falsch, da du dann Präsens hast: "habe ich mich entschieden"
    Guten Tag Frau Tassow. Die pathologischen Ergebnisse ihrer Vorsorgeuntersuchung ergaben einen Pap-Wert von Vier a und einen CIN-Wert von Drei. Per SMS erhalten sie eine Internetadresse und ihren Zugangscode.
    Komma und Rufzeichen: Guten Tag, Frau Tassow! Höflichkeitsformen groß: Ihrer ... erhalten Sie ... Ihren ...
    Zum erneuten Abhören der Nachricht, drücken Sie bitte die Eins.
    ohne Komma
    Das Wort pathologisch kenne ich.
    mit Anführungszeichen: "pathologisch"
    was man mit so was noch Essen darf,
    klein: essen
    und seit dem rutscht seine Prothese nicht mehr.
    Zusammen: seitdem
    Zwei Wochen später stehe ich mit meiner Reisetasche vor einem Neubau am südlichen Stadtrand. Hier hatte mein Vater sich vor ein paar Wochen am Kiefer operieren lassen und seit dem rutscht seine Prothese nicht mehr. Er schwört auf die Ärzte hier.
    der Vater heißt das System gut
    Ich passiere mit meiner Reisetasche das Drehkreuz am Eingang und erhalte eine Nummer in doppelter Ausführung. Eine für die mitgebrachten Formulare, die bei der Anmeldung abzugeben seien; die Zweite sollte ich später auf meiner OP-Kleidung – gut sichtbar – anbringen.
    Von wem erhält sie die Nummern? Von wem bekommt sie die weiterführenden Infos? Maschine oder Mensch, das müsste hier schon gesagt werden - klein: die zweite
    Ich strebe auf das kleine Fenster über dem groß Anmeldung steht zu,
    Komma: Fenster, über dem - unter Anführungszeichen "Anmeldung"
    Große Anzeigentafeln
    Anzeigetafeln ... Anzeigentafel wäre wohl eher eine Werbung
    Vollkommen überrascht nuschel ich in den Apparat
    nuschle
    Die Stimme blafft mich an und verschwindet.
    kann eine Stimme verschwinden? Wenn dann nur, indem sie leiser wird, aber ich glaub nicht, dass das hier so gemeint ist
    Es befindet sich in einem Umschlag am Fußende ihres Bettes.
    groß: Ihres
    sie kommen doch gerade aus dem Operationszentrum
    groß: Sie

    Gruß
    Andrea

  14. #14
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    Aktuelles Buch: China Miéville: Perdido Street Station

    Hallo,

    ich finde der Text funktioniert bis zur Hälfte ganz hervorragend, weil er nur etwas zeigt, er zeigt es überspitzt, aber lässt es dem Leser die Schlüsse daraus zu ziehen, später sagt er dem Leser auch noch deutlicher, was er denken soll, da geht ihm ein bisschen die Luft aus.

    Was mir gefallen hat, war der Anfang, weil da viel symmetrisch ist natürlich. Das "Einkaufen" ist genau so technisiert wie im späteren Verlauf die Behandlung, auch die Freundinnen erreicht sie nur am Telefon. Alles ist gleich viel wert, alles ist beigeordnet. Da ruft sie die Freundin an und dann die nächste, geht alphabetisch vor.
    Das ist alles wirklich gut, finde ich, es fehlt dann am ende noch etwas, wo die Geschichte hingehen kann. Sie zeigt am Anfang wie unser System Menschen alleine lässt. Das ist durch den technischen Fortschritt eben leicht möglich.
    Der Arzt nimmt sich nicht die Zeit den Patienten genau auseinanderzusetzen, was los ist, sondern es fällt in die Eigenverantwortung des Patienten sich darüber zu informieren (die FAQ im Internet war sehr schön, die Selbsthilfegruppe usw.).
    Das ist etwas, das man in den letzten 50 Jahren in vielen Bereichen hatte. Die Tante Emma Läden wurden aufgelöst, weil sie nicht mehr rentabel waren durch den Fortschritt. Damit haben sie auch die sekundäre Funktion verloren (Leute haben sich dort unterhalten). Mit dem Aufkommen der Rechtschreibprüfung und der Computertextverarbeitung haben viele Zeitungsredaktionen ihre Korrekturleser eingespart, das waren aber auch immer die in den Redaktionen, die auf Stil und Grammatik geachtet haben. Und hier in der Geschichte streicht man den Patienten die Zuwendung weg. Das Gefühl: Da ist jemand, der hat studiert, der kennt sich aus, bei dem bin ich in guten Händen.
    Das ist schon wichtig, das auch anzusprechen, denke ich. Nur geht es dann halt nicht so weiter. Dieses Fehlen ist ja auch am stärksten am Anfang so einer Diagnose, dass dann wer da ist, der das begleitet. Und das Gefühl, dass das fehlt, ist ja am Anfang so stark - oder sogar stärker - als am Ende, dann ist die Geschichte gut, weil das Gefühl im Verlauf der Handlung nicht stärker wird, sondern eher schwächer, geht es der Geschichte auch so.

    Am Anfang übrigens auch ein stärkerer Stil, beiläufig, bissig, hat mir gut gefallen.
    Satire oder nicht ... ach. Es ist ja kein Wunder, dass es so selten hier im Forum gelungene literarische Satiren gibt. Es gibt ohnehin nur wenige Satiren, die auch als Erzählung funktionieren. Die Satire ist heute eine journalistische Form. In Erzählungen müsste man da in die Parabel mit rein meistens ... das dann noch "erzählerisch" hinzukriegen, ist echt schwer, glaube ich. Deshalb sind auch Humor-Geschichten hier so selten, lustig schreiben können einige, aber lustig eine Geschichte zu erzählen auch noch - das ist schon schwierig. Und ein gesellschaftliches Problem mit den Mitteln einer Satire zu besprechen und dabei noch eine Geschichte zu erzählen ... jo, da hat man schon beide Hände voll zu tun mit sowas. Deshalb gibt's da eben so selten welche. Lieber hier drauf konzentrieren, was genau hier passiert, was mit der Frau los ist, auf den Spannungsbogen achten, da tut man der Geschichte einen größeren Gefallen mit.

    Gruß
    Quinn

    P.S.: Alles, was Andrea sagt, ist richtig. Dadurch dass ein Antagonist fehlt, hat es am Anfang dieses wunderbar Unterkühlte. Diese stumme Hilflosigkeit, die Frage, ob es denn normal ist, so zu empfinden, ob mit ihr vielleicht was nicht stimmt, weil keiner überhaupt fragt, wie sie damit klar kommt. Das ist das Tolle an der ersten Hälfte. Da ist eine Frau, die denkt, sie kennt die Spielregeln für die Welt sehr genau, und dann kommt sie in diesen Patienten-Bereich rein und dort kennt sie die Spielregeln nicht. Denn sie hat Angst und denkt: Na, darum wird sich schon wer kümmern. Aber es tut keiner. Und dann zweifelt sie ja an sich und nicht an den anderen. Das ist die Stärke an der Geschichte, mit der Situation können sich - behaupte ich - unheimlich viele identifizieren.
    Aber durch das Fehlen eines anderen geht der Geschichte zum Ende hin bisschen die Luft aus.
    Geändert von Quinn (05.12.2011 um 18:59 Uhr)

  15. #15
    Liebe lakita,

    Genau! Ich würde es gut aushalten können, wenn du diese Geschichte noch mehr überspitzt und überziehst und denn den Verschub in die Satireabteilung beantragst.
    Vielleicht mach ich das irgendwann. Ideenvorlagen hast du ja schon einige geliefert. Aber im Augenblick will ich die Geschichte so belassen. Aber Übung macht den Meister und irgendwann übe ich Satire, da bin ich mir sicher. Wer weiß, vielleicht lasse ich das Ding ja in einem Jahr verschieben . Gebt mir Zeit, ich muss mich erst von meinen Intentionen verabschieden, bevor ich mich entschließe, sie dem Lachen zu opfern.


    Liebe Frau H.,

    ich geh mal chronologisch durch die Kritik, sonst verheddere ich mich noch. Danke erst Mal auf jeden Fall.

    Die Geschichte ist doch letztlich ziemlich affirmativ, d.h. das System eigentlich gut heißend, und das kommt daher, weil du dich wieder einmal vor einem Konflikt drückst.
    Das ist schon der zentrale Punkt, den ja auch Quinn anreißt. Wir haben keinen Konflikt, weil die Protagonistin als Antagonisten ein gesellschaftliches System hat. Und klar, fühlt sie sich darin nicht wohl. Das wird, glaub ich aber auch deutlich. Wenn ich jetzt mit der Geschichte aber keine Geschichte im literarisch wertvollen Sinn erzählen will, sondern ein Abbild schaffen möchte, dann gehören zu diesem Abbild zwei Seiten. Die eine bedingt das andere. Das System hat sich also entwickelt und es konnte soweit kommen, weil niemand sich auflehnte. Weil es nach hinten raus, dem Menschen immer noch gut geht. Sie wird geheilt entlassen. Wenn ich aber nicht nur das System anprangern will, sondern auch dieses Hinnehmen - was ja irgendwie auch typisch für unsere Zeit ist, dann darf meine Prot. nicht rebellieren. Es rebelliert ja keiner mehr. Oder nur selten. Über Mindestlöhne wird im Bundestag geredet, aber nicht auf den Straßen. Und die Friseure gehen trotz mieser Bezahlung jeden Tag Haare schneiden/waschen/föhnen. Die Pflegeberufe - alle Verbrennungskanditaten, weil für Pflege kaum noch Zeit bleibt zwischen dokumentieren für Krankenkassen und Personaleinsparung. Und wenn, dann sind es die Gewerkschaften, die an den Löhnen kurbeln, aber am Problem selber nicht.
    Der Vater bewirbt das System, die Protagonistin erduldet es. Wenn mir also dieser Aspekt menschlichen Verhaltens wichtig ist, dann kann (meiner Meinung nach) der Konflikt nicht ausgetragen werden. Und wenn in Deiner Lesart am Ende eine Frau die Klinik verlässt, die entleert scheint (keine Bedürfnisse hat/äußert), dann finde ich das gut.
    Geht es mir im ersten Teil um diesen Ersatz des Menschens durch die Technik, ist im zweiten Teil der Fokus auf den Menschen in diesem System gerichtet und gipfelt darin, dass er für Guppys eher eintritt, als für sich selbst. Es ist wohl wahr, dass dabei das "literarische" im Sinne von Konflikt und Charakterisierung zurücktritt, aber mir war es eben wichtig. Und besser hab ich es halt nicht hinbekommen, beides zu vereinbaren . Mag sein, dass mir der zweite Teil an meinen Fähigkeiten scheitert.

    Und fast scheint es am Ende, dass sie anders ist: Keine Emotionen mehr, ihren Körper nimmt sie kaum wahr. Sie verlangt keine Erklärung, ob alles gut gegangen ist, sie erscheint nicht mehr als fühlendes Wesen, das einen lebendigen Körper besitzt.
    Ich finde das super, das Du das so liest .

    Das System ist der Antagonist in dieser Geschichte, aber es kommt zu keiner Auseinandersetzung, sondern zu einer Unterordnung.
    Genau.

    Ich hab mich gefragt, welche Rolle eigentlich der Vater spielt: Und durchaus könnte man ihn als personifizierten Vater Staat sehen, der das System gut findet und es seiner Tochter sozusagen empfiehlt, sie folgt ihm einfach.
    Ich hab das zwar so nicht bewusst geschrieben, aber jetzt bin ich stolz drauf!

    Am Ende wird die andere Seite dieser Gesellschaft gezeigt, nämlich dass "Menschlichkeit" oder gute, artgerechte Behandlung nur mehr für die Tiere eingefordert wird. Ich finde das eine gute und zutreffende Beobachtung, ...
    Danke. Also, wenn ich das alles so lese, dann habe ich doch eine Menge richtig gemacht .

    Sicher ein guter Text, aber da wäre noch mehr drin gewesen.
    Wahrscheinlich. Je nachdem, welche Erwartung man hat.

    Für die Liste natürlich ein Schmatz! Und für den Rest auch.


    Hey Quinn,

    ich finde der Text funktioniert bis zur Hälfte ganz hervorragend, weil er nur etwas zeigt, er zeigt es überspitzt, aber lässt es dem Leser die Schlüsse daraus zu ziehen, ...
    Das nehme ich jetzt als Lob und freue mich!

    ... später sagt er dem Leser auch noch deutlicher, was er denken soll, da geht ihm ein bisschen die Luft aus.
    Und das werde ich wohl akzeptieren müssen.

    Deine ganzen Gedanken zum Anfang, ja ... die mag ich gern.

    Dieses Fehlen ist ja auch am stärksten am Anfang so einer Diagnose, dass dann wer da ist, der das begleitet. Und das Gefühl, dass das fehlt, ist ja am Anfang so stark - oder sogar stärker - als am Ende, dann ist die Geschichte gut, weil das Gefühl im Verlauf der Handlung nicht stärker wird, sondern eher schwächer, geht es der Geschichte auch so.
    Das finde ich einen sehr spannenden Punkt, den ich selbst so noch gar nicht gesehen habe. Aber es macht Sinn. Nur das mein zweiter Gesichtspunkt (siehe Antwort zu Andrea), den ich hab einflechten wollen, scheinbar nicht so zieht.

    Und ein gesellschaftliches Problem mit den Mitteln einer Satire zu besprechen und dabei noch eine Geschichte zu erzählen ... jo, da hat man schon beide Hände voll zu tun mit sowas.
    Unterschreib ich sofort.

    Vielen lieben Dank Euch. Auch wenn ich mich noch in Verteidigungshaltung befinde (und zu Recht aus meinem Verständnis heraus), mein Unterbewußtsein hört Euch zu. Ich bin mir ganz sicher. Es schreibt schon so tolle Sachen wie Vater Staat!

    Liebe Grüße
    Fliege

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