Abstimmungsergebnis zur Challenge "Auf der Mauer stand mit Kreide"

Almquist: Der grüne Fedora

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Alltag, Erotik

Ergebnis 1 bis 8 von 8
  1. #1
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    Der grüne Fedora

    ,,Ob du deine Tabletten genommen hast!“
    ,,Nein.“
    ,,Warum nicht?“
    ,,Ich habe es vergessen.“
    ,,Tu’ es, bitte, jetzt! Sie liegen oben, im Gästezimmer.“ Oskar erhob sich, warf ihren Eltern einen entschuldigenden Blick zu und verließ hastig den verschwenderisch gedeckten Kaffeetisch. So musste es sich anfühlen sehr alt, senil und sehr verheiratet zu sein, doch war Oskar noch in den Zwanzigern, darüber hinaus hochbegabt und noch nicht einmal verlobt. Als er die letzte Treppenstufe übersprang, war ihm das Herz schon etwas leichter. Er riss das erstbeste Fenster auf, lehnte sich hinaus in den werdenden Frühling und breitete seine Gedanken aus, die ihm verknotet und verstrickt im Kopf gelegen hatten. Kaum etwas war quälender für Oskar als sich im Kreis der Familie zu befinden, egal ob es die eigene, eine fremde oder eine werdende war. Sekunden um Sekunden wurden mühsam aufeinander geklatscht und verwandelten sich, sobald sie vergingen, in Leichen aus Zeit. Die alten Freys, wie er ihre Eltern nannte, waren recht gebildete, humorvolle Menschen mit der warmen Neugierde idealer Eltern, jeder ihrer Blicke wünschte Oskar nur das Allerbeste, und dafür wünschte er ihnen die Pest an den Hals.
    Als er sich auf die Fensterbank setzte und den ersten Zug von seiner Zigarette nahm, stimmte seine Atmung plötzlich ein schnelles Stakkato an, die Welt drehte sich um die eigene Achse, sodass die Wolken plötzlich unter ihm hingen, und er hielt sich im Fensterrahmen fest, aus Angst, in den Himmel zu fallen. Er war nur ein paar hundert Kilometer weg von daheim, und außerdem war Helen, seine portable Heimat, bei ihm, die fast soviel Oskar war wie er selbst, und trotzdem krallte er sich im Holz fest, als gölten hier andere Gesetze, als versuche die Fremde, ihn auszukippen. Stöhnend warf er die Zigarette in den Abgrund.

    Auf dem Rückweg (die Tabletten hatte er vergessen) ließ ihn der Blick durch eine halb geöffnete Tür abrupt innehalten. Seine Gedanken fielen zu Boden. Im Zimmer, das neben ihrem lag, stand eine junge Frau vor einem mannshohen Spiegel, nackt bis auf einen altmodischen Hut auf dem Kopf, einem grünen Fedora. Ihre caramelfarbene Hinterpartie, von der Frische mit einer feinen Gänsehaut überzogen, war Oskar zugewandt, das einfallende Lichte spiegelte sich auf ihrem glatten Rücken.
    ,,Mia…“ flüsterte er, hoffentlich nur in seinem Kopf. Mia Frey mochte neunzehn oder zwanzig Jahre alt sein, das Nesthäkchen der Familie, in der sie niemandem ähnlich sah (wie es für Oskar nun überdeutlich zu erkennen war). Sie war so zierlich wie ihre Schwester, auch in Größe und Gewicht mussten sie fast übereinstimmen, aber Mia war runder, jede Linie ihres Körpers endete in einer Kurve, ihre Haut war gebräunt und ihr Haar fiel in lustigen, dunklen Kringeln auf die bronzenen Schultern. Lediglich ihre Augen, ein Gemisch aus grau, grün und braun, mochten die ihrer Mutter sein.
    Oskar zuckte zusammen. Sie hatte den Kopf gehoben und ihr Spiegelbild hatte ihm geradewegs in die Augen gesehen. Oder hatte es nicht? Seine Brille lag unten auf dem Kaffeetisch. Wie reagierte die unberechenbare Mia Frey mit ihrem seltsamen Filzhut darauf, von gerade ihm begafft zu werden? Würde sie aufschreien oder mit den Achseln zucken? Oder bat sie ihn vielleicht, bei einem Reisverschluss zu helfen? Nein, er hatte sich wohl getäuscht, sie ging an den Kleiderschrank und rupfte einige Kleider heraus, ohne ihn zu beachten. Oskar machte, dass er wegkam. Der grüne Fedora aber ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.

    Seine Hände zitterten schon, vom viele Kaffee, wie er behauptete, und noch war kein Ende in Sicht. Herr Frey gratulierte Oskar zu seiner Beförderung. Er selbst war Gründer und Leiter einer kleinen Exportfirma, ein fleißiger, aber genügsamer Mensch, ein milder Patriarch, der seiner Frau die meisten Entscheidungen überließ, und doch zufrieden in der Gewissheit lebte, dass er im Zweifel das letzte Wort behielt. Außerdem war er ein unterdrückter Schöngeist, der leidenschaftlich Schallplatten sammelte und sich auch selbst gelegentlich an den Flügel setzte, um ein paar Jazzakkorde zu klimpern, aber große Scheu hatte, es vor Fremden zu tun, und sich vielleicht in so manchen schlafarmen Nächten fragte, ob ihm ein Künstlerleben denn so schlecht zu Gesicht gestanden hätte.
    Oskar dankte, seine Lippen lächelten. Er hasste es, über seine Arbeit zu sprechen.
    ,,Wie dürfen wir dich jetzt nennen?“ fragte der Alte. Oskars linker Mundwinkel hielt sich tapfer, der Rechte gab auf, und das Lächeln drohte zu kentern.
    ,,Art Director.“ Die Freys machten anerkennende Brummgeräusche, Helen drückte ihm liebevoll die Hand.
    ,,Und das in deinem Alter“, sagte der Alte Frey mit gebremster Jovialität, ,,Chapeau.“
    ,,Die Werbung ist eine sehr jugendliche Branche“, gab Oskar bescheiden zurück, und leerte seinen dritten oder vierten Kaffee. Durch das Fenster war der Frühling zu sehen, doch drang er nicht durch das Glas. In die Ferne waren ein paar Berge gedrängt, schmachtend ließ er seinen Blick auf ihnen umherklettern. Schwer zu glauben, dass die Luft auf den Gipfeln dünner sein sollte als hier unten. Jemand rief seinen Namen, vermutlich nicht zum ersten mal.
    ,,Oskar?“ Helen starrte ihn mit routiniert beherrschter Ungeduld an.
    ,,Entschuldige, was?“
    ,,Wie hoch war noch mal dein IQ?“ Sein Ausflug in den Bergen musste ausgiebiger gewesen sein als gedacht, er konnte nicht zurückverfolgen, wie sie auf dieses Thema gekommen waren. Die Frage war ihm peinlich, und obwohl er wusste, dass alle hier die Antwort kannten, sprach er die Zahl noch einmal aus.
    ,,Alle Achtung“, sagte Frau Frey, aber auch sie schien die Frage ungemütlich zu finden.
    ,,Ich musste ihn damals testen lassen, weil ich an gleich zwei Gebrechen leide, die meistens mit Dummheit verwechselt werden“ erklärte Oskar. Das wussten sie natürlich auch. Hochbegabte, die einen Satz weder fehlerfrei schreiben noch ohne Hilfe von Tabletten zu Ende denken konnten, waren selten. Frau Frey wechselte das Thema und fragte nach der Größe und des Schnitts ihrer neuen Wohnung, nach der Warmmiete und wie lange die Suche gedauert hatte. Helen übernahm die Zügel, denn Oskar konnte keine der Fragen beantworten.
    Dann betrat Mia die Küche. Sie trug ein T-Shirt, das bis zu den Oberschenkeln reichte, dafür keine Hose, der Fedora saß schief wie ein Betrunkener auf dem verschwenderischen Lockenhaar. Oskar stand auf, um sie zu begrüßen, sie hielt inne und musterte ihn.
    ,,Ceci n'est pas Oskar Lux“, sagte sie dann, hüpfte in seine Arme, löste sich jedoch wieder, bevor er ,,très bien“ sagen konnte, und setzte sich auf den freien Stuhl.
    ,,Was meinst du damit?“ fragte ihre Schwester, von der Konspiration unangenehm berührt. Mia spielte auf ihre erste Begegnung mit Oskar an, vor etwa einem Jahr. Er hatte sie vom Bahnhof abgeholt, Helen musste länger arbeiten, und da einige Stunden totzuschlagen waren, ging er mit ihr in eine Ausstellung.

    ,,Und das soll sein berühmtestes Bild sein?“ fragte sie ungläubig. ,,Eine Pfeife, und darunter steht auf französisch das ist keine Pfeife?“
    ,,Eigentlich ist es nur ein Entwurf. Das richtige Bild hängt in L.A..“ Oskar schmunzelte. ,,Deine Schwester mag Magritte auch nicht besonders. Sie hält ihn für überschätzt. Vielleicht glaubt sie sogar, dass sie besser malt… aber was soll’s, ich kann’s nicht beurteilen, ich versteh’ nicht viel von Kunst.“ Mia kniff die Augen zusammen und ging näher an das Bild heran.
    ,,Dann muss ich ihm wohl doch noch ne Chance geben, hm?“ Sie las laut den Titel vor.
    ,,Der Verrat der Bilder. Warum Verrat? Weil die Pfeife keine richtige Pfeife ist? Sondern nur ein Bild? Will er uns das damit sagen?“ Oskar war tief beeindruckt.
    ,,Ja… im Grunde ist es das.“ Süffisant grinste sie ihn an.
    ,,Wie einfallsreich.“ Sie tänzelte zum nächsten Bild. Darauf war eine Brücke unter einem gelben Horizont zu sehen. Am Geländer stand ein Mann, er trug einen schwarzen Anzug und sah in die Ferne, aus seinem Rücken ragte ein Paar schwarzer Flügel. Neben der geflügelten Gestalt, etwas abseits, lag ein Löwe, der unbeteiligt ins Leere sah. Mia blieb vor dem melancholisch wirkenden Gemälde stehen und stemmte ihre Hand in die Hüfte, ihre Figur beschrieb eine grandiose Kurve.
    ,,Und das hier? Was sagt dir das?“ fragte sie mokant. Oskar versuchte, die überschäumende Üppigkeit seiner Gedanken in einen gewöhnlichen Satz zu quetschen.
    ,,Naja, das Bild heißt Heimweh… der Mann mit den Flügeln und der Löwe… beide stehen auf eine Brücke, auf die sie offensichtlich nicht gehören. Die Brücke ist vielleicht die Verbindung zwischen zwei Welten… ich würd’ sagen, sie sind dort gestrandet, finden nicht mehr zurück… und sehnen sich nach ihrer Heimat.“
    ,,Der Löwe sieht etwas… resigniert aus.“
    ,,Ja. Tieren haben ja vermutlich weniger Fantasie. Vielleicht kann er sich seine Heimat nicht mehr vorstellen, weiß nur noch, dass sie irgendwo sein muss.“
    ,,Oder er hatte nie eine… hat Heimweh nach etwas, das es gar nicht gibt, weißt du.“ Sie blickte ihn über ihre Schulter hinweg an, er löste schnell den Blick von ihrem Hintern.
    ,,Ja, vielleicht.“
    ,,Oder vielleicht bewacht ihn der Löwe. Dass er nicht wegfliegen kann.“
    ,,Und warum bewacht er ihn?“
    ,,Irgendwer wird’s ihm befohlen haben. Der nicht will, dass der Mann dahin geht, wo auch andere Männer Flügel haben.“ Sie hakte sich bei ihm ein und zog ihn mit erstaunlicher Kraft zum nächsten Bild. Oskar fragte sich, ob er jemals jemanden getroffen hatte, der rätselhafter war als sie.

    ,,Er malt immer so, oder?“, fragte sie, als sie am Ende angelangt waren. ,,Dass etwas da ist, was nicht da sein sollte. Oder dass etwas verkehrt herum ist. Oder etwas fehlt. Warum tut er das, was meinst du?“ Oskar reichte ihr ihre Jacke und wühlte in seinem Kopf nach einem klugen Bonmot.
    ,,Er hat einmal gesagt, dass ihn das fasziniert, was durch das verdeckt wird, was wir sehen. Ich glaube, er will… er muss die Sachen umstellen, damit sie Sinn ergeben. Er will einen anderen Blick auf die Dinge werfen, als die alle Anderen es tun, und weil das nicht geht, ändert er einfach die Dinge. Das ist für ihn… Magie, oder sowas. Das Mysteriöse, das es nur in der Kunst gibt, nur da geben kann. Er will die Wirklichkeit unwirklich machen, damit sie ihm etwas bedeutet.“ Sie starrte ihn an, die Jacke hing schlaff in ihrer Faust.
    ,,Meinst du, er langweilt sich?“ fragte sie.
    ,,Kann schon sein.“
    Als sie hinausgingen, wartete Helen schon auf der anderen Straßenseite auf sie, um sie herum herrschte ein träger Regen. Als sie für einen Moment hinter einem wartenden Lastwagen verschwand, breitete Mia schnell ihr Halstuch über Oskars Gesicht aus und gab ihm dort, wo sein Mund lag, einen raschen Kuss.
    ,,Bis bald, du Pfeife“, rief sie, und rannte über die Straße.
    Es war natürlich eine harmlose Kinderei, und außerdem war es der billigst zu habende Dünkel, sich in schwachen Stunden ein Leben an der Seite der sinnlicheren Schwester vorzustellen, sie als die zu ihm Passendere zu sehen, und Oskar widerstand ihm. Dennoch lief er nicht mit über die Straße, um Helen zu küssen, da er die harte Hand der Realität fürchtete. Stattdessen blieb er stehen und winkte, ließ den Regen für einen Moment sein Haupt tränken und fuhr dann zurück zur Arbeit. Als er in der U-Bahn sein Abbild im dunklen Fenster sah, flackerte ein weiteres Bild von Magritte auf seiner imaginären Leinwand auf: Die Rückansicht eines schwarzhaarigen Mannes, der vor einem Badezimmerspiegel stand. Im Spiegel war auch nur seine Rückseite zu sehen.

    ,,Wie läuft’s bei dir, Oskar? Hast du immer noch diesen langweiligen Job?“ Mia kippte die verbliebenen Gebäckstücke auf ihren Teller und stopfte sich das erstbeste in den Mund.
    ,,Ja, ich leite jetzt sogar ein ganzes langweiliges Team.“ Mit prallen Backen starrte sie ihn an.
    ,,Warum?“
    ,,Das ist das, was andere Menschen tun, Mia“, sagte Helen ohne allzu viel menschliche Wärme, ,,sie stehen morgens auf und gehen zur Arbeit, um Geld zu verdienen. Und wenn ihnen ihre Arbeit nicht gefällt, geben sie nicht gleich auf und lassen Mama und Papa alles bezahlen.“
    ,,Und du?“ fragte Mia so sanft, dass es Oskar fröstelte. ,,Zeigst Kindern, wie man Bilder malt, weil deine niemand kaufen will?“ Frau Frey wollte sie zur Ordnung rufen, doch Helen winkte ab, ihr Gesicht verwandelte sich in eine Wüste.
    ,,Ja, warum nicht? Wo liegt für dich das Problem?“ fragte sie beherrscht. Mia fuhr fort:
    ,,Sollte das nicht lieber jemand tun, der weiß, wie es geht? Oder soll das nur die nächste Generation von Kunstlehrern werden?“ Helens Hände begangen zu zitterten. Es war ein Zorn, den sonst nur der Mantel der Höflichkeit bedeckte, und jetzt in seiner Nacktheit für alle sichtbar wurde.
    ,,Du weißt genau, ich war die beste in meinem Jahrgang“, brachte sie hervor, als quetschte sie etwas durch einen Spalt. Mia lachte nur.
    ,,Ja, ich weiß! Wie alle großen Künstler. Nein, nein, du gehörst in die Schule. Benoten und benotet werden, das liegt dir.“ Sie wandte sich an Oskar. ,,Wie hältst du es bloß mit ihr aus? Bastelt sie dir einen goldenen Stern, wenn du den Müll runterbringst?“
    ,,Das reicht jetzt, Mia!“ rollte der Alte dazwischen.
    ,,Es lässt sich fabelhaft mit ihr aushalten“, versuchte Oskar, die brennende Lunte zu durchtrennen, ,,und ich finde übrigens auch ihre Bilder sehr gut. Geben wir ihr noch ein wenig Zeit, dann wird der Erfolg schon nachkommen.“ Er ergriff Helens bebende Hand. Mia machte ein Gesicht, als hätte er sie geschlagen.
    ,,Und was ist mit dir? Schreibst weiter Texte über Waschmittel, machst Fischstäbchen sexy, damit ihr euch die Riesenwohnung leisten könnt? Bis vielleicht mal irgendein geisteskranker ein Bild von ihr kauft?“ Helen schien zu implodieren, kein Ton verließ ihre aufeinander gepressten Lippen, doch wurde dahinter sicher die letzte Mildäugigkeit für ihr Schwester zerrissen.
    ,,Schluss jetzt, alle beide!“ Frau Frey gab sich einige Mühe, zornig zu klingen, doch ihre Augen waren voll langsamer Melancholie, die Oskar gleich an ihr aufgefallen war, als er ihr zum ersten mal die Hand schüttelte. Sie war eine noch immer schöne, herzliche Frau, die seit ihrer Hochzeit immer Mutter und Hausfrau gewesen, und laut Helen in beidem hervorragend war, doch lag in der Art, in der sie lächelte, ihre Töchter küsste und ihrem Mann Kaffee kochte, lag eine Sehnsucht, lag die einmalige Berührung mit einer aufregenden Vergangenheit.
    ,,Helen ist eine ernsthafte Künstlerin, aber ist sich nicht zu schade, für sich zu sorgen, solange sie damit kein Geld verdienen kann“ sagte sie bestimmt. ,,Mia… hat ihren Weg noch nicht gefunden. Na und? Von dem was ich so höre, ist das heutzutage völlig normal. Und Oskar macht seine Arbeit gut, und fertig.“
    ,,Aber er hasst sie!“ rief Mia. Ihre Wangen glühten, sie sah herrlich aus. ,,Sag’s ihnen doch, du Pfeife! Wie lange waren wir in der Ausstellung? Zwei oder drei Stunden? Die reichten mir um zu sehen, dass du alles hasst, dich alles langweilt! Deine bescheuerte Arbeit, deine bescheuerte Beziehung! Du hältst das nicht mehr lange durch, bist völlig verkrampft, fast so verkrampft wie meine verklemmte…“
    ,,Halt den Mund“ sagte Oskar. Es klang weder laut noch streng, eher teilnahmslos, mit Autorität war er nie begabt gewesen.
    ,,Du hast recht, manchmal langweile ich mich. Das stimmt. Alle Menschen tun das. Deswegen bezahlen sie Eintritt, um sich Bilder anzusehen.“ Er hob den Kopf.
    ,,Aber ich bin zufrieden.“ Das schien sie endgültig aus der Fassung zu bringen.
    ,,Was bist du nur für ein…“ Sie sprang auf, riss sich den Fedora vom Kopf, schleuderte ihn zu Boden und rannte hinaus, der Hut kullerte Oskar vor die Füße. Er hob ihn auf.
    ,,Woher hat sie den bloß?“ fragte er, etwas Heiterkeit probierend. Helen richtete sich auf, würdevoll strich sie ihr Kleid glatt und atmete lange ein und aus.
    ,,Den hat sie mit mir zusammen gekauft, in einem Second-Hand-Laden, als sie mich besuchen kam“, sagte sie, ,,nachdem ihr beide in der Ausstellung ward.“ Oskar drehte und wendete ihn ein paar mal, dann setzte er ihn auf. Helen brachte ein Lächeln zustande.
    ,,Wie ein Idiot“ sagte sie. Oskar ging in den Flur und sah in den Spiegel.
    ,,Ja“ sagte er. Die Konversation wurde wieder aufgenommen, doch wollte sie nicht recht gelingen. Die Freys schienen sich an so viel Temperament in den eigenen Reihen noch immer nicht gewöhnt zu haben. Frau Frey blickte ins Leere, ihr Mann versuchte sie mit etwas Zärtlichkeit zu gewinnen, wurde aber abgewimmelt, und er setzte sich niedergeschlagen an seinen Platz. Erst jetzt erkannte Oskar, wie hilflos der Alte gegenüber seiner Frau war. Er fragte sich, welches Wort Mia gerade gefehlt hatte.

    Wenig später fuhren die alten Freys mit Helen in die Stadt, Mia war noch immer fort. Oskar hatte abgelehnt, er wollte sich hinlegen. Doch sein Atem ging kurz, die Wände waren nah, er fand keinen Schlaf. Etwas Alkohol würde helfen. Er durchsuchte die Küche, fand aber nur verkorkte Weinflaschen, und er wollte nicht, dass jemand seine Not bemerkte. Schließlich entdeckte er einen angebrochenen Whiskey, und da er mit dem Trinken etwas aus der Übung war, schüttete er ihn mit etwas Kaffee zusammen. So streifte er, Rilkes Panther nicht unähnlich, durch das Haus und nippte von seinem Irish Coffee, bis er zur Neige ging, dann ging er erneut in die Küche und machte sich einen neuen, diese Prozedur wiederholte er mehrere male, bis er hörte, dass jemand die Haustür aufschloss. Er ergriff den Fedora und folgte den Schritten bis in Mias Zimmer. Sie saß auf dem Bett und starrte aus dem Fenster.
    ,,Du bist wieder da“ sagte er.
    ,,Wo soll ich schon hingehen“ antwortete sie.
    ,,Ich hab’ deinen Hut.“ Sie winkte ab.
    ,,Behalt’ ihn. Ist ein albernes Teil.“
    ,,Ich mag ihn.“
    ,,Dann behalt ihn doch.“
    ,,Ich mag ihn an dir.“ Sie zuckte mit den Achseln.
    ,,Schön für dich.“
    ,,Oh, warte, ich hab’ noch was für dich!“ Er eilte ins Gästezimmer und kam mit einem zylindrischen Paket zurück, er öffnete und entrollte es rasch.
    ,,Helen meinte, du hattest letzten Monat Geburtstag, also…“ Es war ein Poster, darauf abgebildet war eine Brücke, ein Löwe und ein Mann mit schwarzen Flügeln.
    ,,Es war sehr schwer, gerade an dieses Bild zu kommen.“ Sie betrachtete es Weile, dann sagte sie mit einer Stimme wie Trockeneis:
    ,,Was soll ich damit? Mir an die Wand hängen? Jeden Tag draufschauen und träumen? Wovon? Was soll mir das bringen? Wenn du mir einen gefallen tun willst, schenk’ mir einen Haufen Geld, damit ich von hier weg kann.“ Oskar stand nur da, er hatte wohl das falsche Drehbuch gelesen.
    ,,Und jetzt hau’ ab.“ Oskar bewegte sich nicht.
    ,,Raus hier!“ Oskar spürte, wie er in den Himmel fiel, wie er ausgekippt wurde, mörderischer Schwindel hatte ihn ergriffen, sein Körper strebte in zwei Richtungen. Und dann, in diesem Moment, geschah etwas seltsames: Die Zeit hörte auf, eine gerade Linie zu sein, stattdessen gabelte sie sich in zwei Richtungen; ein Beobachter hätte, vorausgesetzt, das Haus der Freys wäre offen wie ein Guckkasten gewesen, bestaunen können, wie der eine Oskar Lux mit Fedora und Magritte in den Händen das Zimmer verließ, um sich in der Küche noch einen Irish Coffee zu machen, anschließend ins Bett zu fallen und viele, wir wissen nicht wieviele Stunden zu schlafen,
    und den anderen Oskar, der sich zu Mia setzte und ein paar Worte, wir wissen nicht welche Worte sprach, und sich bald mit ihr verschlungen umherwälzte, sich von ihr ausziehen ließ und sie dafür auszog, lange ausatmete als sie ihn bestieg, verwundert feststelle, dass ihre stramme Erregung und ihre verschwenderische Feuchte ihn nicht verschreckten, seine Zaghaftigkeit sie nicht störte, sie nach einer Weile einfach von ihm runterstieg, ihn an den Hüften packte und in sich hineinzog, und wir wollen diesem Oskar Lux bei allen Bedenken die Erfahrung gönnen, gewollt und nicht nur geduldet zu sein, doch unvergesslich bleibt nur der kurze Moment, in dem wir die Gelegenheit gehabt hätten, beide Oskars zugleich in einem Zimmer zu sehen, den einen fliehend, den anderen bleibend, und wer mag sich schon anmaßen zu beurteilen, ob es zwischen ihnen überhaupt einen Unterschied gibt.

    Als er sich aus dem Knäuel ihrer Glieder befreite und seine Leidenschaft restlos ausgetrunken war, trat an ihre Stelle eine vollkommene, wohl temperierte Stille, kein Gedanke formte ein Wort. Dieses Etwas, das auch Oskar war, das unter seinem Scheitel wohnte und ständig nach ihm rief, ihn quälte, wenn Menschen um ihn waren, wenn er selbst voller Menschen war, blieb stumm, lag schlafend im Nebenzimmer. Alles, was Oskar im Moment war, war sein schlanker, weißer Körper, der in der Frische langsam abkühlte, war das, was er sah, ein Fenster mit einer gleichgültig blühenden Welt dahinter und einen albernen grünen Hut auf dem Boden, waren die schmalen Arme und Hände, die sich von hinten um seinen Hals legten, und die anschmiegsamen Töne, die in der Stimme tanzten, die ihm leise ins Ohr sprach:
    ,,Also das war Oskar Lux, da bin ich ganz sicher.“ Die Worte glitten in ihn hinein, verhallten aber ohne jede Spur, kein Echo, keine Antwort, keine Angst.
    Geändert von Almquist (11.01.2017 um 19:58 Uhr)

  2. #2
    Mitglied seit
    12.11.2016
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    Viel Spaß beim Lesen
    Geändert von Almquist (12.01.2017 um 09:45 Uhr)

  3. #3
    maria.meerhaba ist gerade online Senior-Mitglied
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    Aktuelles Buch: Gezeichnet

    Hallo @Almquist

    Bevor die Geschichte in der Versenkung verschwindet, sollte ich sie mal als Erste zerreißen. Schon der Anfang, das allererste Zeichen sorgt bei mir für Kopfschütteln: ,,
    Wieso zwei Beistriche? Hast du nicht das „ auf Lager? Es sieht einfach nur hässlich aus.

    ,,Tu’ es, bitte, jetzt! Sie liegen oben, im Gästezimmer.“
    Das ist jetzt mein persönlicher Geschmack, aber ich finde, man sollte nie eine Geschichte mit einem Dialog anfangen lassen. Das zwingt den Leser auf die billigste Art, sich Stimme und Gesicht vorzustellen, was meistens im Laufe der Geschichte der Vorstellung nicht entspricht und den Lesefluss stört. Außer natürlich der Dialog am Anfang ist fucking awesome und sorgt für die richtige Portion Spannung. Das hier tut es nicht.

    darüber hinaus hochbegabt
    waren recht gebildete, humorvolle Menschen mit der warmen Neugierde idealer Eltern
    Du hast den Moment gehabt, gleich am Anfang, um diese Beschreibungen auf die Züge deiner Eltern zu legen, ihn als hochbegabt, sie als gebildete humorvolle Menschen zu beschreiben. Du überspringst das einfach, gibst so eine platte Beschreibung hin, der ich einfach keinen Glauben schenke, weil am Anfang dieser Dialog dafür gesorgt hat, dass ich einen kleinen Trottel vor Augen hatte. Vor allem dieses „Ich habe es vergessen.“ sorgt dafür, dass sein IQ in meinen Augen unter 100 fällt. Das ist eben das Problem mit Dialogen am Anfang.

    das einfallende Lichte
    Das einfallende Licht.

    Mia Frey mochte neunzehn oder zwanzig Jahre alt sein, das Nesthäkchen der Familie, in der sie niemandem ähnlich sah
    Spannt er gerade seine Schwester aus? Nein, anscheinend nicht. Aber das ist so wirr erklärt, diese beiden Elternteile, dass ich die ganze Zeit gedacht habe, dass es sich um Oskars Eltern handeln.

    und ging näher an das Bild heran.
    Ging sie näher

    ,,Ja… im Grunde ist es das.“ Süffisant grinste sie ihn an.
    Ich mach hier einen Punkt. Es geht einfach nicht anders. Du weichst viel zu sehr in Beschreibungen aus und sorgst für ein Wirrwarr, durch das ich nur schwer durchblicken kann. Gleich am Anfang hast du viele Figuren, denen du nicht genügend Raum gönnst und ich den Eindruck hatte, es wären seine leiblichen Eltern und nicht die Schwiegeeltern. Dann kommt die nächste Figur und noch eine Figur, die mich überrumpelt und das sorgt dafür, dass der Lesefluss gebrochen wird und mir die Lust zum Lesen vergeht. Du beschreibst die Figuren auch falsch, behauptest einfach, sie wären intellektuell, ohne es zu zeigen, was dafür sorgt, dass ich deinen Figuren keinen Glauben schenke. Es genügt nicht, dass man ungewöhnliche Gedanken hat, es braucht Materie, die Figuren brauchen ein Gesicht, eine Vorgeschichte, vor allem eine Seele, die sie mir sympathisch macht und ich mir nicht wie ein Außenseiter fühle, der nur zusieht und nichts mitempfindet.

    Der kurze Moment, in der er durch die offene Tür spannt, da war alles anders, da stimmte zwar nicht alles, aber da war ich für einen Moment in der Geschichte, stand mit dem Erzähler in der Tür und habe wie er zugesehen. Doch bei dem nächsten Szenenwechsel hat es mich wieder aus der Geschichte gehauen. Die sitzen da irgendwo, reden, denken, Beschreibung auf Beschreibung und diese eintönig sorgt dafür, dass ich mich immer weiter von der Geschichte entferne. Sorry, aber für mich funktioniert sie nicht und wenn eine KG bei den Wortkriegern nach einem Tag keine Kritik bekommt, dann macht der Autor etwas falsch.

    LG
    Maria

  4. #4
    Kerkyra ist offline Mitglied
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    Aktuelles Buch: The post-birthday world, Lionel Shriver

    Hallo @Almquist,

    ich habe Deine Geschichte gerne gelesen, obwohl sie manchmal nicht ganz flüssig zu lesen ist, aber darauf gehe ich gleich noch ein. Oskar Lux ist ja eigentlich die Hauptperson in der Geschichte, aber der Schwesternkonflikt hat mich viel mehr angesprungen. Die Charakterisierung sowohl von Helen als auch von Mia gelingt Dir ziemlich gut, Oskar bleibt für mich blass. Er ist hochbegabt, nimmt aber Tabletten wegen zweier "Gebrechen", Legasthenie? und ? Ich kann ihn nicht greifen.
    Die dauernde Kritik an den Eltern ist für mich nicht so nachvollziehbar, sind sie einfach zu nett? Oder lastet irgendein dunkles Geheimnis auf dieser Familie.
    Der Schluss ist, sorry, ein bisschen vermurkst, da blicke ich dann gar nicht mehr durch. Die Idee mit den Parallelwelten ist nicht schlecht, aber die plötzliche Erzählperspektive von außen gefällt mir nicht.

    Jetzt möchte ich noch ein bisschen auf das Sprachliche eingehen. Du schreibst sehr poetisch, was ich ganz schön finde, hast ganz schöne Bilder, z.B.
    Durch das Fenster war der Frühling zu sehen, doch drang er nicht durch das Glas.
    oder
    ... waren ein paar Berge gedrängt, schmachtend ließ er seinen Blick auf ihnen umherklettern.
    Aber teilweise übertreibst Du es mit Deinen Formulierungen und dann wirkt es etwas bemüht. Hier habe ich ein paar Stellen rausgesucht:

    Außerdem war er ein unterdrückter Schöngeist, der leidenschaftlich Schallplatten sammelte und sich auch selbst gelegentlich an den Flügel setzte, um ein paar Jazzakkorde zu klimpern, aber große Scheu hatte, es vor Fremden zu tun, und sich vielleicht in so manchen schlafarmen Nächten fragte, ob ihm ein Künstlerleben denn so schlecht zu Gesicht gestanden hätte.
    Uff, was für ein Satz! Ich würde einen Punkt setzen: Außerdem war er ein unterdrückter Schöngeist, der leidenschaftlich Schallplatten sammelte und sich auch selbst gelegentlich an den Flügel setzte, um ein paar Jazzakkorde zu klimpern, aber große Scheu hatte, es vor Fremden zu tun. In so manchen schlafarmen Nächten fragte er sich, ob ihm ein Künstlerleben denn so schlecht zu Gesicht gestanden hätte.

    Es war natürlich eine harmlose Kinderei, und außerdem war es der billigst zu habende Dünkel, sich in schwachen Stunden ein Leben an der Seite der sinnlicheren Schwester vorzustellen, sie als die zu ihm Passendere zu sehen, und Oskar widerstand ihm.
    Diesen Satz musste ich echt dreimal lesen um ihn zu kapieren. Vielleicht: Oskar widerstand dem Gedanken, dass ein Leben an der Seite der sinnlicheren Schwester passender wäre.

    Mildäugigkeit
    nie gehört...

    Sie war eine noch immer schöne, herzliche Frau, die seit ihrer Hochzeit immer Mutter und Hausfrau gewesen, und laut Helen in beidem hervorragend war, doch (lag) in der Art, in der sie lächelte, ihre Töchter küsste und ihrem Mann Kaffee kochte, lag eine Sehnsucht, lag die einmalige Berührung mit einer aufregenden Vergangenheit.
    ein bisschen oft "lag"

    Es klang weder laut noch streng, eher teilnahmslos, mit Autorität war er nie begabt gewesen.
    kling t für mich komisch. Besser: für Autorität hatte er noch nie eine Begabung gehabt oder Autorität war noch nie seine Stärke gewesen

    ihre stramme Erregung
    ??? Seine stramme Erregung könnte ich ja noch verstehen, aber was ist denn bei ihr stramm ?

    Soweit von mir, viel Spaß noch hier im Forum.
    Gruß Kerkyra

  5. #5
    Chris Stone ist offline Senior-Mitglied
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    Aktuelles Buch: Robert Swindells - Abomination

    Hallo Almquist!

    Das wird ein kurzer Kommentar, aber wenn mich was aufregt, dann sage ich das auch.

    "Hochbegabte, die einen Satz weder fehlerfrei schreiben noch ohne Hilfe von Tabletten zu Ende denken konnten, waren selten."
    => Damit dürftest du jetzt mindestens 99% aller Hochbegabten beleidigt haben. Wenn deine Recherche zu Hochbegabung dich nicht weiter als zu: "Wer schlecht in der Schule ist, muss hochbegabt sein" gebracht hat, solltest du dringend noch mal neu ansetzen.

    Ansonsten empfehle ich dir, hier im Forum auch mal öfter Texte anderer zu kommentieren. Abgesehen davon, dass das nett wäre, beim Lesen und Kommentieren lernt man eine Menge über das Schreiben.

    Grüße,
    Chris

  6. #6
    Mitglied seit
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    @Chris Stone:

    Danke für deine Anmerkung, aber du hast den Satz missgelesen. Deine Kritik wäre berechtigt, wenn ich geschrieben hätte: "Hochbegabte, die einen Satz fehlerfrei schreiben oder ohne Hilfe von Tabletten zu Ende denken konnten, waren selten." Da ist allerdings ein "weder noch" drin, was du auch korrekt zitiert hast.

    Damit unterstelle ich also dem Großteil der Hochbegabten sowohl korrekt schreiben als auch Sätze zu Ende denken zu können (eine der wenigen Ausnahmen ist mein Protagonist), womit sie für die Schule wohl bestens gerüstet sind. Ich denke, dass 99% der Hochbegabten mir das nicht übel nehmen.

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
    Almquist

  7. #7
    Mitglied seit
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    34

    Aktuelles Buch: nur Kurzgeschichten

    @Almquist,

    du hast ein paar sehr besondere Formulierungen in deiner Geschichte drinnen, die mir gut gefallen haben.
    z.B. der Satz hier:
    Er riss das erstbeste Fenster auf, lehnte sich hinaus in den werdenden Frühling und breitete seine Gedanken aus, die ihm verknotet und verstrickt im Kopf gelegen hatten.
    Jedoch muss ich sagen, dass mich die Geschichte gelangweilt hat. Warum?

    Die Hauptperson Oskar ist unglaubwürdig. Einerseits ist er beruflich in einer leitenden Position tätig, andererseits stellst du ihn wie einen Trottel dar, der sich von seiner Freundin demütigen lässt und nicht über seine Wohnsituation Auskunft geben kann, wenn er danach gefragt wird.

    Die Szene, in der Oskar mit Mia in eine Kunstausstellung geht war mir zu lang und hatte auch wenig Bezug mit der Geschichte, um die es geht. Den Dialog würde ich an deiner Stelle verkürzen und auf das Wesentliche beschränken. Mir hat die Kussszene gut gefallen, aber was mir dann fehlte war eine Erwiderung Oskars auf ihre Avancen. Er lässt es einfach über sich ergehen.

    Als Mia in die Arme von Oskar springt:

    Oskar stand auf, um sie zu begrüßen, sie hielt inne und musterte ihn.
    ,,Ceci n'est pas Oskar Lux“, sagte sie dann, hüpfte in seine Arme, löste sich jedoch wieder, bevor er ,,très bien“ sagen konnte, und setzte sich auf den freien Stuhl.
    ,,Was meinst du damit?“ fragte ihre Schwester, von der Konspiration unangenehm berührt.
    schwer zu glauben, dass sie es schafft in seine Arme zu hüpfen, ohne Anlauf zu nehmen und ohne dass er sie auffängt. Wenigstens hier hätte es aber einen Protest auf seiten der Eltern oder seiner Freundin geben müssen, aber Helen ist nur "unangenehm berührt". Als Leser glaub ich aber nicht, dass dies die einzige Reaktion sein kann, so erstickend die Atmosphäre in ihrem Elternhaus auch sein mag.

    Es gibt noch andere Inkonsistenzen in der Geschichte, die mir aufgefallen sind. Sprachlich finde ich sie zeitweise sehr poetisch, wie Kerkyra schon angemerkt hat, aber auch klischeebeladen und mit komplexen Satzkonstruktionen, denen schwer zu folgen sind.

    Bei den Dialogen habe ich noch eine Anmerkung: Bitte schreibe sie doch so, dass man zuordnen kann, wer gerade spricht. Im Anfangsdialog hat man z.B. den Eindruck, dass die Eltern von Helen ihren Schwiegersohn in spe zurecht weisen.. aber nachdem ich die Geschichte aufmerksam gelesen hatte, glaube ich eher, dass Helen mit ihm so spricht..

    ,,Ob du deine Tabletten genommen hast!“
    ,,Nein.“
    ,,Warum nicht?“
    ,,Ich habe es vergessen.“
    ,,Tu’ es, bitte, jetzt! Sie liegen oben, im Gästezimmer.“ Oskar erhob sich, warf ihren Eltern einen entschuldigenden Blick zu und verließ hastig den verschwenderisch gedeckten Kaffeetisch.
    Einen schönen Samstag noch,

    Liebe Grüße,

    Thursday
    Geändert von Thursday (21.01.2017 um 10:57 Uhr)

  8. #8
    Chris Stone ist offline Senior-Mitglied
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    Hallo Almquist!

    Okay, gammatisch hast du recht, und ich bin einfach zu blöd für so was. Nimm meine Anmerkung als Hinweis, dass nicht jeder Leser die Lust hat oder in der Lage ist, alle Sätze eines Textes genauestens auseinanderzunehmen und so ihre Bedeutung zu erfassen. Ich weiß auch nicht, was viele Schreiberlinge daran finden, sich möglichst kompliziert auszudrücken. (Ich habe immer das Gefühl, der Schreiber möchte dem Leser damit unter die Nase reiben, wie überlegen er sich fühlt. Ist nicht nett.)
    Apropos nett: Du wirst doch hoffentlich auch die langen, zeitintensiven Kommentare beantworten, die Kerkyra und Maria Meerhaba schon am 13. verfasst haben, oder?

    Grüße,
    Chris

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