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Wahlkampf

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05.01.2015
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Wahlkampf

Der Herausforderer für das Amt des Bürgermeisters ritt auf zwei Löwen auf die Bühne und jonglierte mit einigen Fackeln. Sein bunter Anzug, der wie ein Flickwerk aus verschiedenen Teppichen aussah, machte nicht unbedingt den seriösesten Eindruck, aber er war ein Blickfang und zog die Aufmerksamkeit der Wahlberechtigten von Musical Dumpster immerhin für einige Sekunden auf sich. Fässer mit Schießpulver explodierten, als der Mann mit einem Rückwärtssalto von seinen Reittieren sprang, die Tiere mit Stuhl und Peitsche auf Abstand hielt und sich zum Rednerpult vorkämpfte. Er erntete für seinen Auftritt verhaltenen Applaus, denn die Menschen der Hauptstadt waren Besseres gewohnt.
Spannung lag in der Luft, denn alle wartete auf die Ankunft der Titelverteidigerin. Mickey Ace regierte Musical Dumpster seit 21 Jahren und obwohl ihr Amt immer mehr zum Sprachrohr der Regulation verkommen war, schätzten die Leute ihre Präsenz. Auch dieses Mal enttäuschte die Amtsinhaberin nicht. Der letzte bekannte Drache donnerte durch die Luft und trug einen Zeppelin auf dem Rücken. Als er über die Wahlveranstaltung flog, nahm er das Luftschiff, steckte es mit einem Schnaufen in Brand und warf es wie einen Dartpfeil in Richtung Erde. Feuerwerksraketen schossen aus dem Fluggerät, dessen Hülle sich recht schnell auflöste.
Der Moderator der Bürgermeisterdebatte kommentierte das Schauspiel wie folgt: »Er ist in Flammen aufgegangen, er ist in Flammen aufgegangen und er fällt, er stürzt ab! Kommt herbei! Kommt Herbei, Leute. Seht euch dieses Spektakel an! Nimm das auf, Charlie, nimm es auf! Er stürzt ... Hurra, er stürzt ab! Er stürzt ab, wundervoll! Oh, Klögnar! Kommt alle herbei, bitte! Er brennt, schlägt Flammen und ... und fällt auf den Ankermast und alle Leute sind sich einig: Das ist wundervoll. Das ist einer der großartigsten Wahlauftritte der Welt. Oh, vier- oder fünfhundert Fuß in den Himmel, es ist ein glorreicher Absturz, meine Damen und Herren. Da sind Rauch und Flammen und Feuerwerk, jetzt stürzt das Gerüst zu Boden. Oh, die Menschheit und all die Besucher jubeln um mich herum!«
Noch während der Zeppelin fiel, sprang die Titelverteidigerin aus dem Luftschiff und landete Kopfüber in einem Badezuber, der an ihrem Rednerpult stand.
Ein paar Leute applaudierten.
»Wie wir alle wissen«, setzte der Moderator an, »stehen demnächst die Bürgermeisterwahlen in unserer großartigen Hauptstadt an. Damit legen wir für die nächsten sieben Jahre fest, wem wir die Schuld an jeder Kleinigkeit geben können, ob die Person nun etwas dafür kann oder nicht.«
»Hurra!«, riefen die anwesenden Bürger.
»Dabei wollen wir nicht vergessen, dass in unserem schönen Land jeder die Möglichkeit hat, zum Bürgermeister gewählt zu werden. Sollte es also noch Amtsanwärter geben, die an der Debatte teilnehmen möchten, so bitte ich darum, dass sie jetzt nach vorne treten.«
»Also, ich würde gern«, sagte ein Mann, der in einem heruntergekommenen Zelt neben der Bühne saß. Ein leerer Pappkarton stellte seinen Schreibtisch dar und sein Wahlplakat war von Hand gezeichnet.
»Ich kann Sie hier kaum verstehen«, sagte der Moderator.
»Ich würde gern!«, rief der Mann, doch seine Worte gingen unter, denn hinter ihm hatte ein ganzes Orchester angefangen, auf leere Töpfe zu schlagen.
»Tut mir leid, mein Herr. Hier kommt nichts von dem an, was sie sagen.«
Das Orchester pausierte und starrte dem dritten Anwärter in den Nacken. Als er Luft holte, um etwas zu sagen, zimmerten sie wieder auf ihre Töpfe ein, bis er abwinkte und sich an seinen Karton setzte.
»Demnach gibt es keine weiteren Freiwilligen?«, fragte der Moderator und sah - zusammen mit dem äußerst aufmerksamen Orchester - in die Menge. »Schade! Nun, dann bleibt es bei unseren zwei Teilnehmern, die sich jetzt Ihren Fragen stellen werden.«
Sofort gingen überall im Publikum die Hände nach oben und der Moderator blickte sich um. »Immer mit der Ruhe, meine Damen und Herren. Jeder von Ihnen bekommt die Möglichkeit, die Kandidaten etwas zu fragen.« Er zeigte auf zwei beliebige Passanten. »Du da. Und danach du noch. Das reicht dann.«
»Wie siehdn des mit dor Orbeid aus?«, fragte Du da.
Die zwei Kandidaten sahen erst den Mann und dann einander fragend an.
»Gut. Mit der Arbeit sieht es gut aus«, sagte der Herausforderer.
Frenetischer Jubel brach aus. Ballons stiegen in den Himmel auf. Du da nickte zufrieden.
»Weil, weeste, schbin seit dreisch Johrn orbeidslos und Klögnar bewahre, dess sich des ännort.«
»Oh. Ah.« Der Herausforderer trat unbehaglich von einen Fuß auf den anderen.
Mickey lächelte siegessicher. Ihr junger Konkurrent mochte zwar Charisma haben, aber es fehlte ihm an Erfahrung. Pass gut auf, Jungspund, dachte sie. Jetzt lernst du was.
»Seit ewiglangen dreißig Jahren, sagen Sie? Nun, dann wäre es doch extrem verächtlich, wenn wir Sie aus ihrem Bau herauszerren, finden Sie nicht? Ich setze mich derbst dafür ein, dass alle Arbeit bekommen, die Arbeit wollen - und die, die nicht arbeiten wollen, gehen einfach nicht!«
Die Menschenmenge starrte gebannt zur amtierenden Bürgermeisterin auf. Die Luft war zum zerreißen gespannt.
»Supersüße Zuckerwatte für alle!«, fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu und damit brachen alle Dämme. Die Menschen tanzten auf der Straße, als Wagenladungen voller Süßigkeiten die Menge flankierten, deren Besitzer erst dann Ruhe gaben, als alle mit Köstlichkeiten versorgt waren.
Der Herausforderer tupfte sich den Schweiß von der Stirn und blickte über seine Schulter. Hinter der Bühne warteten die Gratismohrrüben darauf, verteilt zu werden. Möglicherweise hatte er auf das falsche Pferd gesetzt, aber noch waren Hopfen und Malz nicht verloren.
»Die nächste Frage!«, rief der Moderator in die feiernde Menge.
»Wie sieht es mit den Geistern aus?«, rief Und danach du noch.
»Nun, ich bin für eine Integration der Geister in unsere Gesellsch ...«
»Weil ich die alle hasse!«
»Oh. Äh.« Der Herausforderer rückte seine Krawatte zurecht. »Haben Sie mein Wahlprogramm gelesen?«
»Sind Sie verrückt? Das waren bestimmt fünf Seiten!«
»Klögnar sei dank, äh, ja, ich hasse die Geister auch. Alle weg!«
Er lernt schnell, dachte Mickey. Aber er hat seine Rechnung ohne die Bevölkerung gemacht.
»Was? Sie hassen alle Geister? Der Kerl hasst alle Geister! Der Kerl hasst alle Geister!«, schrie Und danach du noch. Die Menge schwieg sofort und stierte dem Herausforderer ein Loch in den Kopf.
Sprechchöre setzten ein: »Schützt die Geister, die sind unsere Freunde! Schützt die Geister, die sind unsere Freunde!«
»Na, dann können sie ja bleiben!«, sagte der Herausforderer.
»Was? Wo sollen wir die denn alle hin tun? Das sind doch viel zu viele! Die können hier nicht bleiben! Die sollen ins Reich der Toten zurück, wo sie hergekommen sind!«
»Aber ihr wollt sie doch beschützen!«
»Ja!«, rief Und danach du noch. »Wir können sie auch beschützen, wenn sie weit, weit weg von uns sind! Mit Spenden oder so was. Spenden wir für die Geister!«
»Ja!«, rief die Menge.
Pass auf und lerne, Bübchen, dachte Mickey. »Ich habe sein sehr langes Wahlprogramm gelesen. Er möchte eine hohe Steuer einführen, deren riesiger Erlös direkt an die Totenlande geht.«
»WAS«, rief die Menge.
»Dem kleinen Mann wird alles weggenommen, was er hat!«, rief ein alter Mann, dem die Zornesröte ins Gesicht stieg.
»Und wofür? Für diese Geister! Natürlich! Würden sich die da oben um ihre Bürger genau so viel Sorgen machen wie um die Geister, gäbs die ganze Armut nicht!«
»Risch!«, rief Du da. »Schab seit dreisch Johrn zu dun, um über de Rundn zu gomm, geene Ohnung worüm. Denn Geisdorn schiemse alles inne Gimme.«
»Meine Kinder dürfen in der Schule nicht mehr zu Klögnar beten, weil es einen Geist exorzieren könnte!«, rief eine besorgte Mutter, die ihre Kinder als Argumentationsverstärker in den Armen hielt. »So weit ist es inzwischen gekommen! Und das wollen Sie unterstützen, indem Sie uns das Geld aus der Tasche ziehen?«
»Ja, meine Güte, dann schieben wir die Geister halt wieder in die Totenwelt ab!«, blökte der Herausforderer, während Mickey seelenruhig an ihrem Pult stand und die Menge für sich arbeiten ließ.
»BUUUH!«, rief die Menge. »Das geht doch auch nicht! Hast du was gegen wandelnde Tote, du engstirniger Arsch?«
»Wisst ihr was? Keine Steuer ... und die Geister karren wir ... keine Ahnung, vor die Stadt? Das kostet auch was.«
Die Wähler sagten keinen Ton. Es war wie der Moment im Zirkus, bei dem der Turmspringer zum Absprung in ein erschreckend kleines Gefäß ansetzte. Alle Köpfe neigten sich nach vorne, während das Schlagwerk lauter und lauter wurde.
»Ach, was solls. Wenn es sein muss, bezahle ich das aus der eigenen Tasche.« Der Herausforderer seufzte und das Publikum riss die Arme hoch. Leider hatte der junge Mann nicht mit Mickey gerechnet, die nur kurz ihre Haltung straffte und Folgendes ins Mikrofon flüsterte:
»Er verdient schließlich genug.«
Sofort herrschte Grabesstille. Blicke, die Zorn, Neid und Hass transportierten, trafen den Herausforderer wie die Messer des blinden Messerwerfers von Snowbrooks, der aus unerfindlichen Gründen seine Zulassung verloren hatte.
»Der kutschiert die Geister rum und wir haben nichts zu fressen!«, rief die besorgte Mutter.
»Ja! Schwees och net, worüm!«, stimmte Du da zu.
Der Herausforderer hämmerte seinen Kopf auf das Pult. Er hatte sich die ganze Debatte schon ein wenig anders vorgestellt und war nicht davon ausgegangen, dass er in einem Rettungsboot ohne Ruder durch einen Sturm segeln musste. Hinter ihm wurden die Möhrenwagen von Aufständischen umgeschmissen und als die Stadtwache dazwischen ging, setzte Geschrei über beliebige Polizeigewalt ein.
»Nun, ich glaube, die Wahl kann ich vergessen«, sagte er und blickte Mickey geschlagen an.
»Du bist noch jung«, sagte Mickey und lächelte erhaben. »Versuche es in sieben Jahren einfach noch mal.«
»Woran hat es denn gelegen?«, fragte der junge Mann.
Mickey lächelte und wandte sich einem Aufständler zu. »Hey. Sie da. Ja, Sie mit der Melone! Möchten Sie einen Beutel voller Angst für fünf Crowns kaufen?«
»Einen Beutel voller Angst, sagen Sie?«, fragte der ältere Mann und stellte das geplünderte Radio beiseite, um sich durch den Bart zu fahren. »Ich weiß nicht. Das klingt nicht nach einer guten Wertanlage.«
»Aber guter Mann, das ist doch nur ein Name. Ich weiß, dass er nicht besonders gut gewählt ist, aber der junge Herr neben mir ist noch recht unerfahren. Ich verspreche Ihnen, dass dieser Beutel nichts Besorgniserregendes enthält.«
»Na, wenn das so ist«, sagte der Mann, kramte das nötige Kleingeld heraus und hielt es nach oben.
»Da müssen Sie sich an meinen Kollegen wenden, mein Herr«, sagte Mickey. »Ihm gehören die Beutel.«
»Ich habe keine Beutel voller Angst«, sagte der Herausforderer.
»Das hab ich ja gerne!«, schimpfte der ältere Mann. »Erst bekommt man einen Beutel voller Angst versprochen und dann steht man mit leeren Händen da. Kein Wunder, dass Sie in den Umfragen so schlecht abgeschnitten haben!«
Der alte Mann nahm sein Diebesgut und zog sich wetternd zurück. Ein Sack voller Möhren flog auf die Bühne. Die Leute zeigten darauf, buhten das Gemüse aus und zogen ihn in die Menge. »Ich glaube, ich verstehe, was du meinst«, sagte der Löwendompteur aus Leidenschaft. »Hast du noch einen Tipp für mich?«
Mickey blinzelte ihrem Konkurrenten wohlwollend zu. »Die Leute wollen Adjektive. Je wertender die sind, umso besser. Dann müssen sie sich weniger Gedanken darüber machen, wie sie etwas zu finden haben.«
»Und jetzt?«
»Tun wir noch ein bisschen so, als ob wir uns nicht leiden könnten und gehen im Anschluss essen.«
»Das ist ein Wort.«
Die beiden Bürgermeisterkandidaten blieben an ihren Pulten stehen und beobachteten die Ausschreitungen, die sich immer weiter hochschaukelten.
Der oberste Regulator Vincent Abernathy betrat die Bühne, um die zwei Strohpuppen abzuholen, von denen einer für die nächsten sieben Jahren in sein Puppenhaus ziehen würde. Gemeinsam stiegen sie in seine Kutsche, die sich trotz der Randale zügig vorwärts bewegen konnte. Sie schaukelte zwar ein wenig, aber das war eher entspannend als bedrohlich. Vincent lauschte den Ausführungen seiner zwei Marionetten geduldig und beobachtete das Treiben um die Kutsche herum.
»Die große Frage ist nicht, ob, wann und warum das Rad stehen bleiben wird«, sagte Vincent und sah auf die Leute, die sich mit Möhren bewarfen. »Mich beschäftigt eher, wie schnell ich es wechseln kann.«

 

Hej NWZed,

Heissa, was für ein Vergnügen. So viel Spaß mit Satire habe ich zuletzt mit Tucholksy und Valentin gehabt. Sächssch kommt halt eben auch immer gut, mein Regülador. ;)

Spannung lag in der Luft, denn alle wartete auf die Ankunft der Titelverteidigerin

warteten

Kommt Herbei, Leute.

herbei

Noch während der Zeppelin fiel, sprang die Titelverteidigerin aus dem Luftschiff und landete Kopfüber in einem Badezuber, der an ihrem Rednerpult stand.

kopfüber

Die Luft war zum zerreißen gespannt.

Schon Zerreißen?

Alles ohne Gewähr, aber mit viel Vergnügen zum Kaffee genossen.

Herzlichen Dank dafür. :kuss:, Kanji

 

Hallo NWZed,

uuh, Wahlkampf. Ob man mit dem Thema im Moment jemanden anlocken kann? Von dem Wahnsinn gibt’s ja grad schon genug in der Realität...

Ich habs trotzdem gelesen. Hier sind meine Eindrücke:

Der Herausforderer für das Amt des Bürgermeisters ritt auf zwei Löwen auf die Bühne und jonglierte mit einigen Fackeln.
Ok, es wird sofort klar gestellt, dass dieser Wahlkampf anders ist.
Wäre es nicht schöner die Anzahl der Fackeln zu nennen?

von seinen Reittieren sprang, die Tiere mit Stuhl und Peitsche auf Abstand hielt und sich zum Rednerpult vorkämpfte.
Wenn du Tiere durch Raubkatzen ersetzt, vermeidest du hier die Doppelung.
Woher hat er den Stuhl?
Bei „vorkämpfen“ hatte ich erst ein Bild vor Augen, wie er sich durch eine menge kämpft. Aber du meinst hier: er geht langsam rückwärts um die Tiere im Auge zu behalten und abzuwehren. Das beisst sich irgendwie mit VORkämpfen.

und obwohl ihr Amt immer mehr zum Sprachrohr der Regulation verkommen war, schätzten die Leute ihre Präsenz.
Kann meiner Meinung nach weg.

Ein brennender Zeppelin, der vom letzten bekannten Drachen wie ein Taktstock geschwungen wurde, tauchte am Himmel auf..... Dann warf der Drache das brennende Luftschiff wie einen Dartpfeil in Richtung Erde.
Das kann ich mir nicht vorstellen. Ein Zeppelin brennt ja nicht lange, die Außenhülle löst sich ziemlich schnell auf oder? Und wo ist der Drache? Sitzt der oder fliegt er?
Ob dieses instabile Überbleibsel von einem Zeppelin noch wie Pfeil geworfen werden kann, wage ich zu bezweifeln.
Auch wenn dieser Wahlkampf in einer Welt spielt in der anscheinend andere Naturgesetze gelten, muss ich mir die Bilder trotzdem vorstellen können. Das fällt mir hier schwer.

»Er ist in Flammen aufgegangen, er ist in Flammen aufgegangen und er fällt, er stürzt ab! Kommt herbei! Kommt herbei, Leute. Seht euch dieses Schauspiel an! Nimm das auf, Charlie, nimm es auf! Er stürzt ... Hurra, er stürzt ab! Er stürzt ab, wundervoll! Oh, Klögnar! Kommt alle herbei, bitte! Er brennt, schlägt Flammen und ... und fällt auf den Ankermast und alle Leute sind sich einig: Das ist wundervoll. Das ist einer der großartigsten Wahlauftritte der Welt. Oh, vier- oder fünfhundert Fuß in den Himmel, es ist ein glorreicher Absturz, meine Damen und Herren. Da sind Rauch und Flammen und Feuerwerk, jetzt stürzt das Gerüst zu Boden. Oh, die Menschheit und all die Besucher jubeln um mich herum!«
Ganz schön anstrengend zu lesen. Vor allem weil nichts gesagt wird.

Damit legen wir für die nächsten sieben Jahre fest, wem wir die Schuld an jeder Kleinigkeit geben können, ob die Person nun etwas dafür kann oder nicht.
Der letzte Nebensatz kann weg.

»Hurra!«, riefen die anwesenden Bürger.
Komisch, wenn es die nichtanwesenden schreien würden, oder? :p

»Demnach gibt es keine weiteren Freiwilligen?«, fragte der Moderator und sah - zusammen mit dem äußerst aufmerksamen Orchester - in die Menge. »Schade! Nun, dann bleibt es bei unseren zwei Teilnehmern, die sich jetzt Ihren Fragen stellen werden.«
Das gefällt mir. Diese böööösen Trommler!

»Wie siehdn des mit dor Orbeid aus?«, fragte Du da.
Find ich auch lustig. So langsam nimmt die Story an Fahrt auf.

»Supersüße Zuckerwatte für alle!«, fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu und damit brachen alle Dämme. Die Menschen tanzten auf der Straße, als Wagenladungen voller Süßigkeiten die Menge flankierten, deren Besitzer erst dann Ruhe gaben, als alle mit Köstlichkeiten versorgt waren.
Juchhhuu, Zuckerwatte!! Das ist ansteckend! Will auch!
Bei den Besitzern musste ich mehrmals lesen. Dass du die Besitzer von dem Wagen meinst, wird nicht ganz klar.

Denn Geisdorn schiemse alles inne Gimme.
:rotfl:


Und danach wird es etwas anstrengend. Dein Ziel war es anscheinend ein äußert widersinniges Gespräch zu schreiben, dass der Logik immer wieder widerspricht. Das gelingt dir, aber mein Hirn ist jetzt verknotet. Andauernd frag ich mich, hab ich mich verlesen, hhäääh, hab ich was falsch verstanden. Ach nee, das muss so.

Ich muss sagen, dass ich kein Fan dieser Geschichte bin. Sie enthält einige lustige Ideen, aber sie enthält auch einige zu langatmige Stellen in denen nichts Spannendes passiert. Du bringst zwar überraschende Elemente mit ein, wie den Drachen oder die Geister, aber es nicht wirklich überraschend, was passiert. Unter dem Tag Satire kann man so etwas in der Art erwarten. Außerdem ist es mir viel zu brav. Ich steh dann doch eher auf böse Satire. :baddevil:

Liebe Grüße,
Nichtgeburtstagskind

 

Ich steh dann doch eher auf böse Satire.

Ich nicht. Ich mag es schon, wenn die Sache etwas vermenschlicht wird, wenn man jemanden hat, mit dem man mitfühlen kann. Am Ende sind ja alle die, die da in diesem Menschenklops stehen, Persönlichkeiten - und ich mag es, da ein kleines Licht drauf zu werfen.


Hallo Nichtgeburtstagskind ... Tut mir leid, dass dein Ehrentag scheinbar nicht heute ist, ich gehe trotzdem auf einige Details ein:

Wäre es nicht schöner die Anzahl der Fackeln zu nennen?

Wo ist der Unterschied, ob da nun "einige" oder "drei" Fackeln stehen? In der Szene gehts nur um das Bild. Ich habe eine genaue Zahlenangabe nicht für wichtig gehalten.

Komisch, wenn es die nichtanwesenden schreien würden, oder?

Richtig, darum werden die ja nicht erwähnt. Hätte ich jetzt nur "Die Bürger" geschrieben, wäre mir jemand aufs Dach gestiegen, dass es unpräzise wäre - siehe Anzahl der Fackeln. Sammelt sich das, streich ichs zurecht. Fürs Erste bleibt es aber genau da, wo es ist.

Und wo ist der Drache? Sitzt der oder fliegt er?

Das Luftschiff kommt geflogen und das erklärt so einiges, aber ich gebe dir recht: Diese Szene finde ich, beim nochmaligen Drüberlesen, selbst recht schwierig. Da hocke ich mich nochmal ran.

Woher hat er den Stuhl?

Ist das bei so einer absurden Szene wirklich wichtig? Es würde dem Pacing schaden, wenn ich noch hinzufügen würde, wo genau er den Stuhl hernimmt. Gib ruhig laut, wenn du das anders siehst, aber ich finde, dass das überhaupt keine Bedeutung hat.

Kann meiner Meinung nach weg.

Ist für mich Wordbuilding. Ich habe den Serientag diesmal nicht gesetzt, weil keine meiner Figuren vorkommt, aber es spielt in meiner kleinen Welt und war ursprünglich als Nebenplot für eine andere Kurzgeschichte gedacht. Die Teile habe ich aber aufgrund von narrativen Problemen gestrichen und fand es schade, die einfach wegzuwerfen, also hab ich hier und da ein wenig hinzugedichtet, um ne Leichtsatire draus zu machen.

Dein Ziel war es anscheinend ein äußert widersinniges Gespräch zu schreiben, dass der Logik immer wieder widerspricht.

Schön wärs gewesen. Das ist ungefähr das, was ich bei der Bürgermeisterwahl in meiner Heimatstadt mitbekommen habe. Ich wünschte mir, dass ich mir manche Dinge aus dem Finger gesaugt hätte, wirklich. :|

Ich muss sagen, dass ich kein Fan dieser Geschichte bin

Das ist völlig in Ordnung. Davon lerne ich deutlich mehr und genau darum haue ich immer wieder nen Haufen Wörter in dieses Forum. *g*
Kanji

Auch dir danke ich fürs Reinschauen - ich habe deine Vorschläge bereits umgesetzt und freue mich natürlich, dass dir der Text zugesagt hat. Ich vermute, dass er besser funktioniert, wenn man sich nicht zu viele Gedanken darüber macht, weil ... na ja, so wirklich ernst kann man den Unfug nicht nehmen. *g*

 

Hey NWZed,


das ist technisch gut geschrieben, keine Frage, trotzdem werde ich nicht so recht warm mit der Geschichte.


Du schreibst:

NWZed schrieb:
Am Ende sind ja alle die, die da in diesem Menschenklops stehen, Persönlichkeiten - und ich mag es, da ein kleines Licht drauf zu werfen.
Auf mich wirkt es halt so, als wenn du nur eine hohle Masse beschreibst, den Fokus auf Persönlichkeit legst du nicht.

Was mich ein wenig ärgert (in Zeiten des Wahlkampfes):

- Der Arbeitslose spricht im Ossidialekt, und hat natürlich so was von kein Bock auf Arbeit (wäre ich Ossi und zudem arbeitssuchend, fände ich das nicht so witzig).

- Das Wahlvolk wird sehr dumpf gezeichnet. Mag sein, dass du Ähnliches erlebt hast, ich weigere mich einfach zu glauben, dass der Wähler so idiotisch (re)agiert. Ich glaube, dass sich der Wähler viel differenzierter verhält, als gedacht. Den Wähler gibt es nämlich nicht. Okay, Satire, ja, gut, ist halt trotzdem ein Grund mehr, warum mich das nicht amüsieren kann. Schließlich gehöre ich ja selbst zum wählenden Volk :).

- Die Geister (aus dem Totenreich), was bzw. wen ich damit assoziiere. Ich finde das ein so schwieriges Thema, dem wirst du, kannst du natürlich nicht gerecht werden, auch nicht satirisch. Daran verbrennt man sich schnell die Finger. Ich würde darüber nachdenken, das nicht lieber rauszunehmen.


Mag natürlich sein, dass ich zur Zeit, inmitten des Wahlkampfzirkusses, ein wenig empfindlich reagiere und mein Humorgefühl darunter leidet. Ich will dir das trotzdem mit auf den Weg geben.
Ich glaube auch, wenn du bissiger, radikaler überzeichnet hättest, wäre mir das gar nicht so sauer aufgestoßen :D.


Kleinigkeiten und Co:


Der Herausforderer für das Amt des Bürgermeisters ritt auf zwei Löwen auf die Bühne und jonglierte mit einigen Fackeln.
Der Anfang ist toll. Dieser ganze Wahlkampfzirkus, den du wirklich schön beschrieben hast - schön auch, welche Verknüpfung du herstellst. Das finde ich sehr passend. Hat mich mit all der Exotik schnell in die Geschichte gesaugt.

... mit einigen Fackeln.
...
... immerhin für einige Sekunden auf sich.
Kleinlich, ich weiß :).

... von seinen Reittieren sprang, die Tiere mit Stuhl und Peitsche auf Abstand hielt und sich zum Rednerpult vorkämpfte.Er erntete für seinen Auftritt verhaltenen Applaus, denn die Menschen der Hauptstadt waren Besseres gewohnt. Spannung lag in der Luft, denn alle warteten auf die Ankunft der Titelverteidigerin.
Exemplarisch, aber wirklich auch Kleinvieh: So manches Pp im Text wäre vermeidbar, wenn du wolltest.
Den anderen Doppler könntest du ebenso vermeiden.
Er erntete finde ich eine unschöne Kombination.

Ein brennender Zeppelin, der vom letzten bekannten Drachen wie ein Taktstock geschwungen wurde, tauchte am Himmel auf.
Du willst da eh noch mal drüber, hast du geschrieben. Ich bekomme jedenfalls auch kein klares Bild von der ganzen Drachennummer.

Der Moderator der Bürgermeisterdebatte kommentierte das Schauspiel wie folgt: »Er ist in Flammen aufgegangen, er ist in Flammen aufgegangen und er fällt, er stürzt ab! Kommt herbei! Kommt herbei, Leute. Seht euch dieses Schauspiel an!
Ich finde das eine schöne Idee mit dem Moderator.
Dass sich vieles doppelt, passt hier, das zweite Schauspiel würde ich jedoch ersetzen. Spektakel vielleicht?

Damit legen wir für die nächsten sieben Jahre fest, wem wir die Schuld an jeder Kleinigkeit geben können, ob die Person nun etwas dafür kann oder nicht.«
Der Satz klingt nicht - ist auch zu komplex irgendwie.
Vorschlag: Wir entscheiden also, wem wir in Zukunft die Schuld für all den Schlamassel geben können, in den wir immer wieder geraten.

»Dabei wollen wir nicht vergessen, dass in unserem schönen Land jeder die Möglichkeit hat, zum Bürgermeister gewählt zu werden. Sollte es also noch Amtsanwärter geben, die an der Debatte teilnehmen wollen ...
Evtl. möchten (unten)?

Sofort gingen überall im Publikum die Hände nach oben und der Moderator ging herum.
Unschön, dieses "ging herum".

... die zwei Kandidaten etwas zu fragen.« Er zeigte auf zwei beliebige Passanten. »Du da. Und danach du noch. Das reicht dann.«
Könnte weg.

Der Herausforderer rückte seine grüne Krawatte zurecht.
...
»Sind Sie verrückt? Das waren bestimmt fünf Seiten!«
Ich finde beides zu plump, letzteres ärgert mich auch ein wenig.

»Ja!«, rief Und danach du noch. »Wir können sie auch beschützen, wenn sie weit, weit weg von uns sind! Mit Spenden oder so was. Spenden wir für die Geister!«
Die ganze Szenerie weiter oben hat was von Asterix und Obelix, ich weiß nicht mehr, aus welchem Band ("Die Peitsche, die Peitsche ....").
Ich weiß nicht, ich kann das gar nicht so auf den Punkt bringen, hab das einleitend schon erwähnt, also, diese Geistersache. Ich finde das nicht so gelungen hier. So voll Klischee, stößt mir auch ungut auf. Das darf Satire ja auch. Aber so, platt irgendwie ... Hm. Ist wohl Geschmackssache.

Versuche es in sieben Jahren einfach nochmal.
Noch mal.

Wenn es um die Wahl geht, wünschen sich die Leute keine Probleme, die es zu lösen gilt, sondern Sicherheit. Sie möchten hören, was sie bekommen, nicht was sie aufgeben müssen, denn ihre Stimme ist für sie nichts anderes als ein Zahlungsmittel.
Diese ganze Erklärung (auch im späteren Verlauf) finde ich sehr für den Leser geschrieben. Idealerweise sollte ich selbst darauf kommen, indem du mir das zeigst, nicht erklärst.
Der Inhalt ärgert mich trotzdem :).

»Und jetzt?«
»Tun wir noch ein bisschen so, als ob wir uns nicht leiden könnten und gehen im Anschluss essen.«
Ist mir auch zu plump für eine Satire. Das ist so ne Stammtischbinse.

Da kamen dann auch schon die Altenpfleger hinzu, die - berechtigterweise - etwas an ihrem Gehalt auszusetzen hatten, woraufhin die erste Gruppe zustimmend nickte und ihre Beweggründe auf den Niedriglohn schob. Ihnen folgten die Bauern, die zum wiederholten Male Milch auskippten und sich über Umsatzeinbußen beschwerten. Darauf rutschten die Eisenbahnführer aus, die über Streikbrecher klagten, weil die ihnen die Arbeit abnahmen und man der Meinung war, man müsse schon das gesamte Land stilllegen, um ein paar Coronets mehr zu bekommen.
Das ist so Klischee. Zudem bringt der Erzähler einen gewissen wertenden Ton mit rein, finde ich, der mich ärgert.
Du arbeitest in zwei, drei Sätzen ab, wofür du mMn viel mehr Raum bräuchtest. Könnte je ein Satiretext für Pflegekräfte, Bauern und Eisenbahner stehen. Würde ich überdenken und mich eher auf den Wahlkampfauftritt als solchen konzentrieren.


So Genug gemeckert.

Nach dem tollen Anfang musste ich leider feststellen, dass mir die satirische Aufarbeitung nicht so sehr gefallen hat. Vielleicht lese ich das in sechs Monaten ganz anders, kann natürlich sein.
Dass du schreiben kannst, muss ich wohl nicht extra erwähnen, tue es aber trotzdem :).


Danke fürs Hochladen


hell

 
Zuletzt bearbeitet:

Der Arbeitslose spricht im Ossidialekt, und hat natürlich so was von kein Bock auf Arbeit (wäre ich Ossi und zudem arbeitssuchend, fände ich das nicht so witzig).

Ich bin Sachse und war lang in einer ähnlichen Situation. Ich darf so was schreiben! *g*

Hallo hell und danke fürs Reinschauen,

Mag sein, dass du Ähnliches erlebt hast, ich weigere mich einfach zu glauben, dass der Wähler so idiotisch (re)agiert.

Natürlich tut er das nicht, aber irgendwo wollte ich das Ganze ja auch überzeichnen. Der Großteil der Wähler ist halt am Wahlprogramm der Parteien nicht interessiert, da gehts nur um Schlagworte. Bin ja selbst so einer, der sich das Pamphlet nicht durchliest, also würde ich wohl selbst mit in der Masse dort stehen.

Daran verbrennt man sich schnell die Finger. Ich würde darüber nachdenken, das nicht lieber rauszunehmen.

Das bleibt wo es ist, denn da kann man eh nur das Falsche sagen - und so sage ich das Falsche auf meine eigene Art.

Ich glaube auch, wenn du bissiger, radikaler überzeichnet hättest, wäre mir das gar nicht so sauer aufgestoßen

Den Eindruck hat mir ja auch schon das Nichtgeburtstagskind vermittelt und jetzt überlege ich ernsthaft, ob ich es stellenweise nicht so verharmlosen hätte sollen, wie ich es getan habe *g*

Dass sich vieles doppelt, passt hier, das zweite Schauspiel würde ich jedoch ersetzen.

Ich habe beim Nichtgeburtstagskind schon nix zu dieser Szene geschrieben, aber jetzt wirds einfach Zeit: Das, was der Moderator sagt, möchte ich nicht ändern. Das muss genauso sein. Ist eine Art Zitat. *g* EDIT: Aber das Spektakel setze ich um. Du hast recht, das klingt deutlich besser.

Das ist so ne Stammtischbinse.

Ja, war auch so gedacht. Hier hätte ich mMn den Schlussstrich ziehen und den Text beenden sollen, denn du hast Recht: Der Abschluss ist etwas wertend. Den schaue ich mir auch nochmal an.

Da mach ich mich auch gleich ran, wozu hat man schließlich Urlaub?

Nochmal EDIT: So, die neue Version hochgeladen und einiges geändert.

 

Hallo NWZed,

Deine satirische Geschichte hat mir gut gefallen. Du hast viele bunte Szenen, die zwar manchmal lustig und skurril sind, aber doch deutlich zeigen, worauf sie anspielen. Der sächsische Dialekt ist ja immer für einen Lacher gut, aber wenn du selber aus der Gegend kommst, sei dir verziehen. Das du die Geister drinnen gelassen hast, finde ich auch gut. Satire, die sich der PC beugt, ist keine mehr.

Besonders angetan bin ich davon, dass deine Satire frei von Wut oder gar Hass ist. Dies ist, zumindest nach meinem Eindruck, bei aktueller Satire oder Kabarett ala Bömermann oder Heute Show leider manchmal nicht der Fall, da wird statt zu Geist und Witz immer häufiger ins Klo gegriffen. Ich vermisse da Künstler wie die der Stachelschweine oder der Münchner Lach- und Schießgesellschaft aus früheren Zeiten.

Das Lesen hat mir Spass gemacht,
Gruß Werner

 

"Was ist der Unterschied zwischen einem Comedian und
einem Kabarettisten? Der Comedian macht es wegen
dem Geld. Der Kabarettist macht es wegen des Geldes."
Unbekannt​

Der Herausforderer für das Amt des Bürgermeisters ritt auf zwei Löwen auf die Bühne ...
geht das überhaupt, pardon, der Kandidat sitzt ja,

aber erst mal hallo, NWZed,
ich hab gerad mal nachgeschaut - wir sind uns tatsächlich noch nicht begegnet, und für den Willkommensgruß kann es eugentlich nie zu spät sein.

Aber zurück zur Frage: Kann jemand auf zwo Löwen zugleich reiten?

Ein guter Anfang, wenn man nachdenken muss und in der Übertreibung den Zirkus - denn im Wahlzirkus sollte man nicht alles glauben, was da einem vorgezaubert und/oder versprochen wird.

Hier z. B.

Kommt herbei! Kommt Herbei, Leute.
frag ich mich, was der Kommentator uns durchs zwote "Herbei" sagen will. Und dann gleich die ganze "Menschheit
Oh, die Menschheit und all die Besucher jubeln um mich herum!«
- die ist ja mehr als die 7 Mrd. Lebendigen umfasst (nicht nur die "wandelnden Toten" zählen auch dazu) - anrufen und jubeln lassen - eine Übertreibung aus der Trickkiste circensischer Höchstleistungen

Noch während der Zeppelin fiel, sprang die Titelverteidigerin aus dem Luftschiff und landete [k]opfüber in einem Badezuber, der an ihrem Rednerpult stand.
"Kopfüber" klein, sonst passte er ja auch nicht in den Zuber

»Hurra!«, riefen die anwesenden Bürger.
Selbst unter den Anwesenden werden einige "abwesend" und nicht bei der Sache sein.

Der oberste Regulator Vincent Abernathy betrat die Bühne, um die zwei Strohpuppen abzuholen, von denen einer für die nächsten sieben Jahren in sein Puppenhaus ziehen würde.
Strohpuppen - einer? Eine!

Hm, so recht beißt es nicht und zu lachen fand ich da auch nix, immerhin zum Schluss dann doch noch ein guter Gag

»Die große Frage ist nicht, ob, wann und warum das Rad stehen bleiben wird«, sagte Vincent und sah auf die Leute, die sich mit Möhren bewarfen. »Mich beschäftigt eher, wie schnell ich es wechseln kann.«

So recht will's nicht zubeißen ...

Gruß

Friedel

 

Hallo NWZed,

die Geschichte gefällt mir nur so halb. Es sind ein paar gute Ideen drin, und mir gefällt der satirische Ansatz, den ich darin zu erkennen meine, durchaus. Aber es gibt in dem Text für mich überdurchschnittlich viele Stellen, die einfach nicht zünden (wobei ich mich auf den Durchschnitt von deinen Geschichten beziehe, die ich bisher gelesen habe).

Was mir ganz allgemein gefallen hat: Dass die Geschichte nicht nur "die Politik" oder "die Politiker" aufs Korn nimmt, sondern auch diejenigen, die eigentlich die Politik machen, nämlich die Wähler. Das ist ja letzten Endes der Kern der Demokratie: Man kriegt die Repräsentanten, die man verdient. Wenn man Blödmänner an die Macht bringt, wird man von Blödmännern regiert. Leider wird man das auch, wenn man die gar nicht selbst gewählt hat - aber auch dafür ist man in einer Demokratie selber verantwortlich. Dann hat man sich eben nicht genug anstrengt, um andere zu überzeugen und eine Mehrheit zu organisieren. Es ist ein sehr gerechtes System - allerdings handelt es sich um eine grimmige, alttestamentarische Variante von Gerechtigkeit.

In deiner Geschichte kommt das alles ziemlich drollig daher, im richtigen Leben kann ich über die Art, wie Leute Entscheidungen darüber treffen, wen sie wählen (oder ob sie überhaupt wählen) in der letzten Zeit leider gar nicht lachen, das ist eher so :bonk:

Ein paar Details:

Mickey Ace regierte Musical Dumpster seit 21 Jahren und obwohl ihr Amt immer mehr zum Sprachrohr der Regulation verkommen war, schätzten die Leute ihre Präsenz.
Ich weiß, was die Regulation ist, weil ich dein Geschichtenuniversum schon kenne. Für jemanden, der diesen Text als erste von deinen Geschichten liest, wird das nicht verständlich sein.

Der Moderator der Bürgermeisterdebatte kommentierte das Schauspiel wie folgt: »Er ist in Flammen aufgegangen, er ist in Flammen aufgegangen und er fällt, er stürzt ab! Kommt herbei! Kommt Herbei, Leute. Seht euch dieses Spektakel an! Nimm das auf, Charlie, nimm es auf! Er stürzt ... Hurra, er stürzt ab! Er stürzt ab, wundervoll! Oh, Klögnar! Kommt alle herbei, bitte! Er brennt, schlägt Flammen und ... und fällt auf den Ankermast und alle Leute sind sich einig: Das ist wundervoll. Das ist einer der großartigsten Wahlauftritte der Welt. Oh, vier- oder fünfhundert Fuß in den Himmel, es ist ein glorreicher Absturz, meine Damen und Herren. Da sind Rauch und Flammen und Feuerwerk, jetzt stürzt das Gerüst zu Boden. Oh, die Menschheit und all die Besucher jubeln um mich herum!«
Hmm. Ich nehme an, das bezieht sich auf den berühmten Clip von einem Reporter, der den Hindenburg-Absturz kommentiert, der mit "oh, the humanity" endet? Das ist sehr sehr viel Text für sehr wenig Payoff, das außerdem davon lebt, dass die Leser diesen Bezug herstellen können. Finde ich nicht so gelungen, muss ich sagen. Wenn dein Herz daran hängt, würde ich es zumindest stark kürzen.

»Wie siehdn des mit dor Orbeid aus?«, fragte Du da.
Gefällt mir nicht.

Ich war selber überrascht davon, aber ... ich hab daran Anstoß genommen. Ich habe nie Dialekt gesprochen, und es macht auch keiner in meiner Familie, und ich habe selber eine Abneigung dagegen, wenn Leute stark sächseln. Aber trotzdem reagiert irgendwas in mir empfindlich, wenn "jemand spricht sächsisch" als Symbol für "jemand ist doof" verwendet wird.

Ich habe auch rationale Gründe dafür, warum ich das suboptimal finde - es ist anstrengend zu lesen, und es macht nicht viel Sinn, dass dieser Dialekt in deiner Fantasy-Welt vorkommt, aber nicht an eine Region gebunden ist, sondern anscheinend nur von den besonders Doofen gesprochen wird.

Aber die erste Reaktion war halt so ein ablehnendes Bauchgefühl.

Das muss dich auch nicht weiter stören, ich protokolliere das nur, weil ich das interessant fand. Es gibt an der Figur "Du da" etwas anderes, was mich viel mehr stört. Da komme ich noch hin.

»Wie sieht es mit den Geistern aus?«, rief Und danach du noch.
»Nun, ich bin für eine Integration der Geister in unsere Gesellsch ...«
»Weil ich die alle hasse!«
Der Dialog über die Geister hat mir in der Geschichte am besten gefallen. Der arbeitet sehr schön raus, dass es zum großen Teil nur um diffuse Gefühle geht, nicht um konkrete politische Konzepte. Viele Leute wissen nur, was sie nicht wollen (und merken das auch erst, wenn jemand einen konkreten Vorschlag macht), finden Details anstrengend und hätten gerne den Pelz gewaschen, ohne dass sie einer nass macht. :)

Aber jetzt ist erst mal Schluss mit Lob.

»Risch!«, rief Du da. »Schab seit dreisch Johrn zu dun, um über de Rundn zu gomm, geene Ohnung worüm. Denn Geisdorn schiemse alles inne Gimme.«
Ja. Also das hier. Das finde ich richtig unschön.

Natürlich gibt es diese Einstellung "mir geht es schlecht, und ich bin neidisch und wütend auf Leute, denen es noch schlechter geht, anstatt auf die Reichen und Mächtigen, die sehr viel mehr damit zu tun haben, dass es mir schlecht geht". Die ist auch sehr kritik- und satirewürdig.

Aber hier zielst du nach meinem Gefühl auf etwas anderes ab, oder zumindest kommt es für mich so rüber. Dumm, faul, nicht bereit zu arbeiten, und sich dann wundern, dass man kaum über die Runden kommt. Das ist so ein Zerrbild, was seinerzeit benutzt wurde, um die Agenda 2010 zu verkaufen. Erinnert mich an die Bildzeitungsartikel, wo jede Woche irgendein anderes armes Schwein als "Deutschlands unverschämtester Arbeitsloser" oder was weiß ich verleumdet wurde. Und mir stößt das richtig sauer auf.

Im englischen Sprachraum wird das Ziel von Satire oft als "punching up" beschrieben. Das hier würde ich als "punching down" bezeichnen.

»Meine Kinder dürfen in der Schule nicht mehr zu Klögnar beten, weil es einen Geist exorzieren könnte!«, rief eine besorgte Mutter
Das wiederum finde ich hübsch. Ich mag die Vermischung von Fantasy-Logik (Gebete exorzieren Geister) und Anknüpfungspunkten an die Realität (unsere Kinder dürfen in den Schulen nicht mehr beten!). Davon hätte es gerne mehr geben können.

Der oberste Regulator Vincent Abernathy betrat die Bühne, um die zwei Strohpuppen abzuholen, von denen einer für die nächsten sieben Jahren in sein Puppenhaus ziehen würde.
Passt nicht. "Strohmänner" ist zwar nicht optimal, weil es zwei Figuren unterschiedlichen Geschlechts sind, aber es würde die Funktion der beiden korrekt beschreiben. Es heißt halt "Strohmanngeschäft" und nicht "Strohpuppengeschäft". Es wäre auch okay, wenn du zweimal "Marionetten" schreibst, denke ich.

Insgesamt finde ich den Schluss eher verzichtbar. "Alles ist ein abgekartetes Spiel" schwächt die Aussage, die mir eigentlich so gefallen hatte, nämlich dass die Festgefahrenheit des Systems und das niedrige Niveau der politischen Debatte nicht allein den Politikern, sondern auch den Wählern anzulasten ist. Und da man als Leser eigentlich keine Ahnung hat, wer Abernathy ist und was seine Motive sind, ist es auch von der Handlung her nicht sehr aussagekräftig oder wirkungsvoll. (Ich kann mich grad nicht erinnern, ob der schon mal in anderen Geschichten aufgetaucht ist, aber selbst wenn das der Fall sein sollte, muss die Geschichte ja für sich stehen können und verständlich sein, ohne die anderen zu kennen).

Grüße von Perdita

 

Hallo NWZed,

ich fand die Geschichte ganz unterhaltsam. Den Wahlzirkus als Gauklergeschichte daherkommen zu lassen und damit nicht nur die Veranstaltung an sich, sondern auch die Art der medialen Präsentation auf die Schippe zu nehmen, ist dir mMn gut gelungen. Auch, dass den Bürgern nur suggeriert wird, sie hätten Mitspracherecht und letztendlich im entscheidenden Moment doch übergangen werden wie der Typ mit seinem Pappkarton, hat mich amüsiert.

Alles in allem eine amüsante Parodie für mich, aber nicht wirklich Satire. Die sollte mMn auch bissiger sein, direkter. Ich weiß schon, was du meinst mit der Menschlichkeit, aber dadurch ist es nicht wirklich Satire, sondern seichte Unterhaltung, die dann bei so einem Thema etwas zu oberflächlich für mich daherkommt. Satire und political correctness sind mMn zwei Paar Schuhe, und ich finde, du solltest dich entweder für das eine oder das andere entscheiden, sonst wirkt es nur halbherzig auf mich.

Viele Grüße,

Chai

 

Ich habe die letzten Tage reflektiert, warum die Geschichte für einige (und für mich auch) nicht funktioniert und Chai sagt es eigentlich genau wie es ist:

sonst wirkt es nur halbherzig auf mich.

Es ist eine halbherzige Nummer geworden, die ich während der Entstehung ganz unterhaltsam fand, aber jetzt - im Nachhinein - eher mit Abneigung gegenüber stehe.

Das liegt vor allem daran, dass ich Sachen in meine Welt eingebunden habe, die da überhaupt nichts verloren haben, einfach nur, weil ich das Bedürfnis hatte, mal ein wenig sozialkritischer daherzukommen, als ich eigentlich bin. In früheren Kurzgeschichten hat das nicht so gestört, weil es da eher nebenher geschehen ist und eine Rahmenhandlung drumherum war und diesmal habe ich versucht, einen eigen stehenden Text draus zu machen - ist mir nicht geglückt und ich habe gemerkt, dass mir das nicht sonderlich liegt.

Wie ich schon sagte: Teile dieser Geschichte stammen aus einer anderen, an der ich gerade arbeite und ich habe das alles rausgeschnitten, weil der eigentliche Text sonst zu lang geworden wäre; vermutlich hätte ichs einfach in meiner Datei für Szenen bleiben sollen, die ich "ganz hübsch" finde und in Teilen irgendwo anders verwenden könnte.

Wenn wir schon bei Selbstkritik sind, will ich auch auf eine Stelle eingehen, die Perdita angesprochen hat:

Also das hier. Das finde ich richtig unschön.

Jau, ich inzwischen auch. Ich sage selbst gern, dass diese Stelle besser funktionieren würde, wenn es vorgelesen wird, da ich selbst sächsel und dann mit der Kanone der Selbstironie feuern könnte, was dem "Gag" vermutlich auch den Hintergrund gibt, den er braucht - denn wie soll der Leser wissen, dass der Autor selbst ein Sachse ist und sich damit aufs Korn nehmen wollte? Könnense nicht, also kommt das einfach nur fies und unnötig rüber.

Zu Friedels Post muss ich nicht viel sagen, außer, dass ich mir die Fehler vorknöpfen werde ... aber sonst:

ich hab gerad mal nachgeschaut - wir sind uns tatsächlich noch nicht begegnet, und für den Willkommensgruß kann es eugentlich nie zu spät sein.

Doch, wir hatten schon das Vergnügen. Ich weiß nur nicht, ob es den Thread noch gibt *g*

Kioto und Chais Beiträge haben mich dahingehend bestärkt, dass meine Stärke nicht in der Satire selbst liegt, sondern im Erschaffen skurriler Situationen, die mir beim Schreiben auch wesentlich mehr Freude bereiten, als der Versuch, am System herumzumeckern. Eigentlich möchte ich doch nur Geschichten erzählen und, Freunde, das werd ich auch wieder tun - aber hey, hin und wieder ein Experiment darf doch sein, mh? Selbst, wenn ich mir dann die Stinkesocken anziehen muss. *g*

Ich bedanke mich erstmal bei allen für das ehrliche Feedback, damit kann ich eine ganze Menge anfangen!

 

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