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Agathas Erbe
Ich sitze im Kleinlaster und fahre zum Self‑Storage‑Lagerhaus. Kurt und Benno begleiten mich. Hinten auf der Ladefläche ist Tante Agathas halbe Wohnung aufgepackt.
Sie war vor drei Wochen gestorben. Ihre Erben sind ihre Neffen Kurt, Benno und ich. Eine Woche haben wir drei mit unseren Frauen Agathas Wohnung auf- und ausgeräumt. Jetzt bin ich mit den Nerven fertig. Onkel Arthurs Leidenschaft war das Sammeln, und Agatha frönte einer unstillbaren Kauflust. Nachhaltigkeit war für die beiden ein unbekannter Begriff. Wir standen vor einem Berg von Schachteln, Kartons, Tüten, vollen Schränken und Schubladen, die überquollen wie Brüder Grimms ›Süßer Brei‹. Die beiden hatten ein gutes Einkommen gehabt. Ollen Kram gab es nicht. Ich habe meine Tante geliebt, aber diese schiere Menge versetzte mir einen Stich ins Herz. Unsere drei Frauen gerieten mit jedem Schrankfach, mit jedem Koffer, der geöffnet wurde, in neues Verzücken. Am liebsten hätten sie alles mitgenommen und damit unsere Wohnungen neu gestaltet. Kurt rollte die ganze Zeit mit den Augen. Seine Wohnung war in einem modernen Design eingerichtet, aber seiner Frau gefielen die verschnörkelten Möbel. Ein Ehestreit bahnte sich an. Benno wollte alles verschenken. ›Soll das Rote Kreuz abholen‹, war sein Motto. Seine Frau Maria hätte lieber ihre eigenen Möbel verschenkt. Auch hier stand der Familienfrieden auf der Kippe. Meine Barbara ist eine wahre Leseratte. Sie verliebte sich sofort in Onkels Bibliothek. Mir brach bei dem Gedanken, an die tausend Bücher wandhoch zusätzlich in unserer kleinen Wohnung zu haben, der Angstschweiß aus. Ich gab Kurt und Benno ein Zeichen. Mit den Worten ›Mädels, wir gehen mal Essen holen und ein Bier trinken‹ gingen wir Männer rüber in die Pizzeria. Dort hielten wir Kriegsrat.
„Jungs, so geht das nicht. Ich finde hier nichts Passendes für uns. Aber jede von unseren Damen will alles haben. Ihr und ich wollen den ganzen Plunder um keinen Preis in unsere Wohnungen stopfen. Agathes DNA soll bitte mit ihr ihre Ruhe finden. Ist eh schon alles viel zu viel. Für lange Diskussionen haben wir keine Zeit. Wir müssen die Wohnung am Einunddreißigsten besenrein übergeben, ansonsten verlängert sich der Mietvertrag zu unseren Lasten.“
Benno machte einen genialen Vorschlag:
„Lasst uns einfach alles von Wert und Interesse in eine Lagerbox schaffen. Unsere Frauen werden einsehen, dass das viel billiger ist als weitere Monatsmieten. Nächste Woche beginnt die Urlaubszeit. Dann kann Gras darüber wachsen.“
Kurt stimmte zu:
„Gute Idee. Gelegentlich verscherbeln wir dies und das. In einem Jahr präsentieren wir unseren Frauen den Erlös. Dann können sie sich was Schönes kaufen, etwas, das zu ihnen passt und uns gefällt.“
Die drohenden Mietzahlungen und das vorläufige Bewahren des Erbes überzeugten unsere Frauen. Drei Stunden später war alles aufgeladen.
Ich fahre die Auffahrt hoch. Zwei Stunden später ist Agathas Erbe hinter Schloss und Riegel. Nach drei Tagen haben unsere Frauen andere Themen. Manchmal braucht es nur ein Lagerhaus, um drei Ehen zu retten.