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Agathas Erbe

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14.05.2026
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Agathas Erbe

Ich sitze im Kleinlaster und fahre zum Self‑Storage‑Lagerhaus. Kurt und Benno begleiten mich. Hinten auf der Ladefläche ist Tante Agathas halbe Wohnung aufgepackt.

Sie war vor drei Wochen gestorben. Ihre Erben sind ihre Neffen Kurt, Benno und ich. Eine Woche haben wir drei mit unseren Frauen Agathas Wohnung auf- und ausgeräumt. Jetzt bin ich mit den Nerven fertig. Onkel Arthurs Leidenschaft war das Sammeln, und Agatha frönte einer unstillbaren Kauflust. Nachhaltigkeit war für die beiden ein unbekannter Begriff. Wir standen vor einem Berg von Schachteln, Kartons, Tüten, vollen Schränken und Schubladen, die überquollen wie Brüder Grimms ›Süßer Brei‹. Die beiden hatten ein gutes Einkommen gehabt. Ollen Kram gab es nicht. Ich habe meine Tante geliebt, aber diese schiere Menge versetzte mir einen Stich ins Herz. Unsere drei Frauen gerieten mit jedem Schrankfach, mit jedem Koffer, der geöffnet wurde, in neues Verzücken. Am liebsten hätten sie alles mitgenommen und damit unsere Wohnungen neu gestaltet. Kurt rollte die ganze Zeit mit den Augen. Seine Wohnung war in einem modernen Design eingerichtet, aber seiner Frau gefielen die verschnörkelten Möbel. Ein Ehestreit bahnte sich an. Benno wollte alles verschenken. ›Soll das Rote Kreuz abholen‹, war sein Motto. Seine Frau Maria hätte lieber ihre eigenen Möbel verschenkt. Auch hier stand der Familienfrieden auf der Kippe. Meine Barbara ist eine wahre Leseratte. Sie verliebte sich sofort in Onkels Bibliothek. Mir brach bei dem Gedanken, an die tausend Bücher wandhoch zusätzlich in unserer kleinen Wohnung zu haben, der Angstschweiß aus. Ich gab Kurt und Benno ein Zeichen. Mit den Worten ›Mädels, wir gehen mal Essen holen und ein Bier trinken‹ gingen wir Männer rüber in die Pizzeria. Dort hielten wir Kriegsrat.

„Jungs, so geht das nicht. Ich finde hier nichts Passendes für uns. Aber jede von unseren Damen will alles haben. Ihr und ich wollen den ganzen Plunder um keinen Preis in unsere Wohnungen stopfen. Agathes DNA soll bitte mit ihr ihre Ruhe finden. Ist eh schon alles viel zu viel. Für lange Diskussionen haben wir keine Zeit. Wir müssen die Wohnung am Einunddreißigsten besenrein übergeben, ansonsten verlängert sich der Mietvertrag zu unseren Lasten.“

Benno machte einen genialen Vorschlag:

„Lasst uns einfach alles von Wert und Interesse in eine Lagerbox schaffen. Unsere Frauen werden einsehen, dass das viel billiger ist als weitere Monatsmieten. Nächste Woche beginnt die Urlaubszeit. Dann kann Gras darüber wachsen.“

Kurt stimmte zu:

„Gute Idee. Gelegentlich verscherbeln wir dies und das. In einem Jahr präsentieren wir unseren Frauen den Erlös. Dann können sie sich was Schönes kaufen, etwas, das zu ihnen passt und uns gefällt.“

Die drohenden Mietzahlungen und das vorläufige Bewahren des Erbes überzeugten unsere Frauen. Drei Stunden später war alles aufgeladen.

Ich fahre die Auffahrt hoch. Zwei Stunden später ist Agathas Erbe hinter Schloss und Riegel. Nach drei Tagen haben unsere Frauen andere Themen. Manchmal braucht es nur ein Lagerhaus, um drei Ehen zu retten.

 

Hallo @Tiron,

eine kleine Geschichte über die Auflösung eines Nachlasses. Tante Agatha ist gestorben, der "Plunder" muss weg. Was mit ihrem Mann ist, wird nicht ewähnt, ich denke, er ist ebenfalls gestorben. Was mir aufgefallen ist:
Vieles wird erklärt, kommt nicht aus der Geschichte, die wörtliche Rede ist aus meiner Sicht etwas hölzern:

„Jungs, so geht das nicht. Ich finde hier nichts Passendes für uns. Aber jede von unseren Damen will alles haben. Ihr und ich wollen den ganzen Plunder um keinen Preis in unsere Wohnungen stopfen. Agathes DNA soll bitte mit ihr ihre Ruhe finden. Ist eh schon alles viel zu viel. Für lange Diskussionen haben wir keine Zeit. Wir müssen die Wohnung am Einunddreißigsten besenrein übergeben, ansonsten verlängert sich der Mietvertrag zu unseren Lasten.“
Bin nicht sicher, ob so jemand spricht. Wirkt eher wie eine weitere Erklärung des Geschehens.
„Gute Idee. Gelegentlich verscherbeln wir dies und das. In einem Jahr präsentieren wir unseren Frauen den Erlös. Dann können sie sich was Schönes kaufen, etwas, das zu ihnen passt und uns gefällt.“
Puh, an dieser Stelle spätestens driftet die story übel ab. Zunächst klingt das wieder nicht nach echtem Dialog. Aber fragwürdiger finde ich das Bild, das dahinter steckt. Die Männer entscheiden (natürlich das Richtige), die Frauen können sich dann was Schönes kaufen, um ihren Männern zu gefallen. Vielleicht wolltest du das auch so, ich kann das nicht sagen. Bei mir bleibt ein schales Gefühl. Wenn man diese Thematik ironisch darstellen will, müsste das anders formuliert werden. Zum Schluss hat die gackernde Frauen-Runde alles vergessen und andere Themen. Die Männer haben alles in die richtigen Bahnen gelenkt. Mein lieber Scholli.

Soweit meine Gedanken zu diesem Text, vielleicht hat mich der Humor nicht erreicht, schönen Gruß von

Jaylow

 

Hallo Jaylow!

Vielen Dank für Deinen Kommentar. Mein erster Gedanke dazu war, dass ich es als Flash Fiction und nicht als Kurzgeschichte hätte veröffentlichen sollen. Es ist eben eher ein Blitzlicht als eine ganze Geschichte.

Was ist mit Agathes Mann? Die Wohnung wird aufgelöst, seine Sachen kommen auch weg. Es ist davon auszugehen, dass er bereits verstorben ist. Sein Verbleib ist für die Geschichte auch nicht wichtig. Aber ich habe verstanden, der Leser stellt sich diese Frage. Ich werde diesen Punkt nacharbeiten.

Dein Kritikpunkt:
Vieles wird erklärt, kommt nicht aus der Geschichte,

ist richtig. Der Anfang könnte mit Bildern und wörtlicher Rede lebhafter gemacht werden. Und auch die Diskussion der Männer hat Luft nach oben. Die drei Statements der Männer sind Erklärungen ihrer Standpunkte. Wenn drei Leute am Tisch zusammensitzen, wechseln die Sprecher, werden Fragen gestellt, Vorschläge gemacht und verworfen. Vielleicht hätte ich auch ganz auf die wörtliche Rede verzichten sollen.

Meine Intention bei dem Text war:
Ich kenne eine Reihe Leute, die sammeln Dinge an. Natürlich können sie genau begründen, warum sie das tun. Sie kaufen Ersatz-Ersatz-Kaffeemaschinen und jede Woche neue Kleidungsstücke.
Ich kenne die Problematik der Nachlassauflösung. In unserer Überflussgesellschaft lösen Menschen Wohnungen auf, die selbst alles zur Genüge haben.
Und ich kenne die Konflikte in Beziehungen, in denen einer zusammenträgt und der andere nichts davon wegwerfen darf. Es gibt Menschen, die ersticken im Sammelsurium des Partners.
In meinem Text habe ich die Problematik mit einem Lagerhaus befriedet. Ob diese Lösung dann auch langfristig funktioniert hat, mag der Leser entscheiden.

Du schreibst:
Puh, an dieser Stelle spätestens driftet die story übel ab. Zunächst klingt das wieder nicht nach echtem Dialog. Aber fragwürdiger finde ich das Bild, das dahinter steckt. Die Männer entscheiden (natürlich das Richtige), die Frauen können sich dann was Schönes kaufen, um ihren Männern zu gefallen. Vielleicht wolltest du das auch so, ich kann das nicht sagen. Bei mir bleibt ein schales Gefühl.

Es ist Kurt, der diese Meinung vertritt, nicht alle drei. Es ist auch heute noch gesellschaftliche Realität, dass in Paarbeziehengen der Mann mehrheitlich der Alphatyp ist. Wenn ich Familienfeiern beobachte, dann sehe ich sehr oft, dass Männer und Frauen getrennte Gruppen bilden. Bei Umzügen mieten und fahren Männer das Auto. Sie bohren die Schränke an die Wand und die Frauen räumen sie ein. Das ist heute noch sehr oft so. Aber es gibt auch andere Fälle. Frauen ziehen alleine um, leiden unter sammelnden Männern, etc. Aber dieser gesellschaftliche Konflikt ist nicht Teil meines Textes, das hätte ihn überladen.
Das schale Gefühl, das bei Dir bleibt, habe ich jeden Tag, an dem ich Einblicke in die gesellschaftliche Realität bekomme. Das heißt aber nicht, dass es auch positive Erlebnisse gibt.

Du schreibst:
vielleicht hat mich der Humor nicht erreicht,

Nun, manch einer mag schmunzeln, weil er sich oder andere wiedererkennt. Aber es war nicht meine Absicht einen ausdrücklich humorigen oder satirischen Text zu schreiben. Er läuft unter „Alltag“, „Gesellschaft“.

Resümee:
Es ist ein einfacher, kurzer Text, der ein Schlaglicht auf ein Problem werfen soll. Ich wollte nicht in offenen Fragen und gesellschaftlichen Betrachtungen enden. So habe ich das Lagerhaus als „Pointe“ gewählt und einen Ausweg aufgezeigt. Ungelöste Probleme gibt es genug. Aber Dein Kommentar und mein Nachdenken darüber zeigt mir das Potential auf, das dieser Text hat, zu einer richtigen Geschichte zu wachsen. Vielen Dank dafür.

Beste Grüße
Tiron

 

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