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Als ich 19 war

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Als ich 19 war

Ich war Neunzehn
Hatte rotes, gelocktes Haar, eine Haut so weiß wie Schnee, ein immer ständiges Lachen. Musik war mein Leben, ich summte so gerne Lieder vor mir her, obwohl ich nie die Texte auswendig konnte. Mit neunzehn bekam ich mein erstes Auto – einen VW Golf II in Weiß. Er ist wie für dich gemacht, sagte mein Vater mit einem lachenden und einem weinenden Auge.
Die Schule war vorbei, das Studium begann, ich musste nun also von zu Hause fort, fort von meinem Vater und Bingo. Das war übrigens unser Hund, der faulste Hund der Welt.
Ich wusste, der Tag kommt, an dem ich meine Koffer packen und meinen Vater mit Bingo allein lassen musste.
Meine Mutter starb, als ich 16 war, viel zu früh. Wir hatten uns noch so Vieles zu sagen, wir waren wie beste Freundinnen und wollten immer aufeinander aufpassen. Ich spüre ihn noch heute, diesen Schmerz und diese Trauer, das Unverständnis, sie nicht heilen zu können und hilflos dar zu stehen. Sie war doch meine Mama, meine zweite Hälfte des Herzens. Ich liebte meine Mutter, bis ihr Herz aufhörte zu schlagen und weit über den Tod hinaus.
An dem Tag, an dem sie starb, sagte ich ihr, sie solle keine Angst um Papa und mich haben, wir werden zurechtkommen, wir hätten ja schließlich alles von ihr gelernt. Tränen flossen...
Der Krebs, er kam so schnell und nahm sie uns im selben Tempo. Ich versprach ihr, eines Tages werde ich diese Krankheit heilen können.
Sie hielt meine Hand, hielt sie so fest sie noch konnte und flüsterte leise ,,Ich
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weiß mein Kind. Ich liebe dich, Mami ist stolz auf dich.“
ich habe mit neunzehn angefangen zu studieren, Medizin, so wie ich es ihr versprach. Meinen Vater allein zu lassen fiel mir so schwer, aber ich spendete ihm Trost und sagte ihm, es seien nur zwei Autostunden von zu Hause.
Da war ich nun mit neunzehn, angekommen mit einem Auto voller Koffer vor dem Studentenheim. In der Hand hielt ich einen Zettel mit meiner Zimmernummer.
Wie der Zufall es so will, lautete die Nummer meines Zimmers Neunzehn. Wie witzig dachte ich mir und machte mich auf den weg.
Die Tür stand einen Spalt offen, ich war wohl nicht allein dort.
Meine Zimmergenossin richtete sich schon ein, für meinen Geschmack jedoch zu sehr, als wäre es nur für sie bestimmt.
Wie soll ich sie beschreiben? Der erste Anblick ließ mich kurz innehalten.
Sie saß mit einer Zigarette am offenen Fenster, die Schuhe aufs Fensterbrett gestellt. Ich sagte ihr hallo, zurückkam aber nichts. Sie schnipste einfach ihre Zigarette aus dem Fenster, sprang auf den Boden, nahm sich ihren Rucksack und ging hinaus. Das fing ja gut an.
Mein Vater und ich telefonierten jeden Tag miteinander und er erzählte mir, dass Bingo sogar freiwillig mit ihm spazieren ging. Wir lachten, es war so schön seine Stimme zu hören. Eines Abends sagte meine
Zimmergenossin ,,Hier ist Nachtruhe, geh einfach raus, wenn du schon so laut telefonieren musst.“ Ich verabschiedete mich von meinem Vater, hielt kurz inne, ging dann rüber und fragte sie ganz direkt was ihr Problem sei. Sie schaute mich an und zischte nur, ich solle sie in Ruhe lassen.
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Das erste Semester war und die Ferien standen vor der Tür. Als ich meine Sachen für die Heimreise packte, fragte ich Pria, so hieß sie im Übrigen, wo sie den Sommer verbringen will. Es war totenstill, ihre Augen wurden feucht. Sie sagte ,,Ich habe niemanden, zu dem ich gehen kann.“ Ich fragte mich, wie kann es sein, dass sie niemanden hatte, zu dem sie gehen konnte. Für mich stand fest, ich kann sie nicht alleine hierlassen, sie kommt mit mir mit. Und sie tat es.
Wir verbrachten zusammen den schönsten Sommer in diesem Jahr. Es war unglaublich toll, wir waren wie zwei Schwestern, nichts konnte uns trennen. Bingo schlief jede Nacht zwischen uns. Mein Vater blühte auf, er schloss Pria in der kurzen Zeit in sein Herz. Er sagte ihr, sie ist jederzeit willkommen, in seinem Herzen ist noch genügend Platz für eine zweite Tochter. Prias Augen glänzten, eine Träne lief ihr über die Wange. Sie wischte sie schnell weg, in der Hoffnung, wir würden es nicht sehen und lief nach Draußen, sie wollte alleine sein.
Ich habe mir unendlich Sorgen gemacht, kein Zeichen von ihr.
Plötzlich klopfte es an der Tür. Die Polizei hatte sie gefunden und bat uns mitzukommen. Nicht wissend, was uns erwartete, sind wir mitgefahren.
Nach stundenlangem Warten teilte man uns mit, dass Pria keine gültige Aufenthaltsgenehmigung hat und sie ausgewiesen wird, zurück nach Indien. Ich konnte es nicht fassen, es musste doch einen Weg geben. Wie hat sie all die Jahre so unentdeckt leben können. Den ganzen Sommer verbrachten wir doch gemeinsam und ich wusste eigentlich nichts über ihr Leben. Sie flüsterte verzweifelt ,,Vicky, ich kann nicht zurück, bitte hilf mir.“ Pria war früh aus Indien geflohen, sie sollte einen Mann heiraten, den sie nicht kannte. Sie floh vor einem Leben, dass sie so nicht wollte.
Drei Wochen später war es nun so weit, Pria musste zurück in ihre Heimat,
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zurück nach Indien. Und wieder konnte ich nichts tun, musste einem geliebten Menschen Lebewohl sagen. Ich hörte danach nie wieder was von ihr.
Heute ist mein Dreißigster Geburtstag.
Ich dachte nach, sehr viel sogar, reiner Kopfmensch so schien es. Darum ging ich spazieren. Es dauerte nicht lange, bis ich mich für einen Moment in den Park auf die Bank setzte und mich fragte, warum? 19, 20, 21? Ok, die 18 stand fürs Erwachsen sein, aber ich konnte immer nur an die 19 denken. Natürlich, man war jung und das Leben begann damals zukunftsweisend für mich. Das genau jenes Jahr, in dem ich 19 war, das erinerrungsreichste und aufregendste Jahr für mich war, dass weiß ich heute noch ganz genau. Ich wurde Ärztin und kämpfte auch für das Recht der Frauen in Indien. Immer mit der Hoffnung, Pria irgendwann wieder zu sehen. Ich stand auf, zog mir den Rock zurecht und ging los, los in mein Leben was nun auf mich wartete. Ein Leben, dass in meinem Neunzehnten Lebensjahr begann.
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Er ist wie für dich gemacht, sagte mein Vater mit einem lachenden und einem weinenden Auge.
Liebe Inge, mit einem lachenden Auge lese ich auch Teile deiner kleinen Geschichte. Du schilderst dieses besondere Lebensjahr so, dass ich mich gut in die Protagonistin hineinversetzen kann. Die, zwar wenigen, Zitate machen den Text lebendig.
Aber ein paar Dinge könntest du sicher noch optimieren. Im Zitat oben erschließt sich nicht, wieso der Vater 'mit einem lachenden und einem weinenden Auge' das Auto übergibt. Das solltest du vielleicht erklären.
Meinen Vater allein zu lassen fiel mir so schwer, aber ich spendete ihm Trost und sagte ihm, es seien nur zwei Autostunden von zu Hause.
'Trost spenden' klingt irgendwie sakral. Im Verhältnis Vater-Tochter würde ich eher schreiben '... aber ich tröstete ihn ...'.
... das Leben begann damals zukunftsweisend für mich.
Den Satz finde ich unglücklich formuliert.
... dass weiß ich heute noch ...
und lief nach Draußen

... und hilflos dar zu stehen.
Stellvertretend für die wenigen Rechtschreibfehler: .... das weiß ich heute noch / ... und lief nach draußen / ... hilflos da zu stehen.
Die Zahlen, die wohl Absätze markieren sollen, stehen für mich störend im Text.
Etwas kurz und abrupt ist meiner Meinung nach die Annäherung an Pria geschildert. Dem würde ich an deiner Stelle mehr Raum geben.
Insgesamt gefällt mir deine Geschichte aber gut.

Ich wünsche dir viel Spaß beim Überarbeiten und Schreiben, viele Grüße Eva

 
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obwohl ich nie die Texte auswendig konnte. Mit neunzehn bekam ich mein erstes Auto –
Ab dem Auto wird es eine Aufzählung: erst dies, dann das und dann das ... es fehlt ein Dreh ins Emotionale - warum bekam die es? Eine Belohnung? Freute sie sich, war überrascht, welche Gefühle hatte genau der Vater?
Bingo. Das war übrigens unser Hund, der faulste Hund der Welt.
Bingo, dem faulsten Hund der Welt. - (gekürzt) Dem könnte man noch ein wenig mehr Charakter spendieren.
Ich wusste, der Tag kommt, an dem ich meine Koffer packen und meinen Vater mit Bingo allein lassen musste.
Das scheint mit dem Auto-Geschenk in Verbindung zu stehen. Der Satz ist keine Information von Belang. Natürlich geht sie. Als Handlung beschrieben ("Bingo sprang mir fast in den Koffer beim Packen. Vater hob ihn hoch und er hätte mich gern wie Mutter mal drücken dürfen").
wir waren wie beste Freundinnen
Show don´t tell: "wie Freundinnen teilten wir Ansichten über das Weltgetriebe aus" ... was auch immer. Hier würde mich interessieren, wie das passieren kann, das eine Mutter eine beste Freundin ist. Konnte sie trotz Mutter eine respektvolle Distanz halten und Freiraum lassen und deshalb sich so gut mit ihr austauschen?

Bis zur "1" hatte ich Zeit, vielleicht kann ich den Rest später noch begutachten. Zwar habe ich den Rest nur überflogen, habe aber den Eindruck, es fehlt etwas, worauf die Geschichte hinausläuft. Eine Erkenntnis für die Zukunft, eine Entdeckung der Vergangenheit in der Gegenwart, eine eroberte Zuversicht? Die Schreibe finde ich gut, es fehlt eben noch Überarbeitung. Der Text ist das wert.

 

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