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Angst

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Angst

Jeder andere hätte in diesem Moment Panik verspürt, doch Silke saß nur ganz ruhig da und beobachtete den roten Fleck, wie er langsam größer und größer wurde.

War das die Lösung, überlegte sie, konnte es so einfach sein?

Nie wieder Angst haben. Angst davor zu versagen, Angst ausgelacht zu werden, Angst jemanden zu kränken, Angst etwas falsch zu machen. Angst davor, im Mittelpunkt zu stehen und Angst davor, ein Niemand zu sein. Silke wusste gar nicht, wie es sich anfühlte, keine Angst zu haben. Ihr ganzes Leben bestand aus Angst.

Keiner ahnte etwas davon. Niemand hätte sie verstanden. Silke ging praktisch auf Zehenspitzen durch ihr Leben aus Angst, irgendwie unangenehm aufzufallen. Ihr Verstand sagte ihr immer wieder, dass es schließlich ihr Leben war. Wie sie es lebte, ging niemanden etwas an. Doch sie konnte einfach nicht aus ihrer Haut. Sie war darin gefangen. Lebensfreude, wie fühlt sich so etwas eigentlich an? Etwas wildes tun, einfach mal Spaß haben, oh wie sehr sie sich danach sehnte.

Auch konnte sie nicht Nein sagen, und fühlte sich so immer wieder zu Dingen gezwungen, die sie eigentlich gar nicht wollte. Sogar Dinge, an denen andere Freude hatten. Wieso empfand sie diese Freude nicht? Wieso fühlte sie sich wie ein Fremdkörper unter all den anderen? Was stimmte nicht mit ihr? Wieso blieb sie noch nett, wenn andere unverschämt wurden oder sie beleidigten? Sie hasste sich dafür, dass sie nicht angemessen reagierte und sich wehrte, aus Angst, man könnte ihr das übel nehmen. Zu wissen, wie verrückt das war und dennoch einfach nicht anders handeln zu können, ließ sie mehr und mehr verzweifeln. So sehr sie es versuchte, gegen sich selbst und ihre Zwänge hatte sie keine Chance.

Doch das alles würde gleich ein Ende haben. Niemand musste sich Vorwürfe machen. Selbst darüber machte sie sich in diesem Moment Gedanken. Bloß niemandem wehtun. Sie lehnte sich zurück, schloss ruhig die Augen und fühlte, wie ihr Blut warm an ihrer Hüfte entlang in den Sitz lief. Bald hatte sie ihren Frieden, endlich.

Stimmen. Plötzlich nahm sie Stimmen wahr. Eine Frau sprach sie an: „Ganz ruhig, wir helfen Ihnen. Die Rettung ist verständigt.“ Jemand drückte Verbandsmaterial auf die klaffende Wunde. Eine zweite Stimme „Wieso hat sie sich denn nicht den Schal auf die Wunde gepresst, ihre Arme und Hände sind doch okay, oder?“ „Mensch, die steht unter Schock, das siehst du doch.“ Da liefen Tränen über ihr Gesicht. Vorbei die Chance auf Frieden. „Alles wird gut, Sie brauchen nicht zu weinen. Da kommt schon der Rettungswagen. Sie werden wieder gesund.“

„Danke“, bedankte sie sich artig bei den Menschen, die sich so vorbildlich um sie gekümmert hatten. Sie hatten ihr das Leben gerettet und ahnten nicht, dass sie sie damit zu weiteren Jahren in Angst verurteilt hatten. Als man sie auf der Trage in den Rettungswagen schob erhaschte Silke noch einen Blick auf den Hirsch, welcher ihr ins Auto gesprungen war und der nun mit verrenkten Gliedern im Graben lag. Wie leid ihr das Tier tat, das nun völlig umsonst gestorben war.

 
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Hallo, (o Gott, das ist meine erste Kritik, ich hoffe das wird gut)
inhaltlich finde ich deine Geschichte sehr realistisch geschrieben. Ich kann das Gefühl der Hauptperson zu 100% nachvollziehen, dieses Gefühl es allen recht machen zu wollen, und anderen dabei zusehen zu müssen wie sie Spaß haben auch wenn man das selber nicht empfindet.

Zu wissen, wie verrückt das ist
hier würde ich vielleicht die Vergangenheitsform benutzen, weil du den Rest der Geschichte auch in der Vergangenheit geschrieben hast.

 
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Angst

ist eines der bedrückendsten Gefühle, das ein jeder kennt, selbst wenn ein aufgeblasener Held behauptet, keine Angst zu kennen. Sie ist – um nur ein Beispiel zu nennen – nicht nur im dicksten Verkehrsgewühl - überlebensnotwendig, denn es wird im Leben immer wieder mal „eng“ – und da haben wir das verwandte Adjektiv, das nicht grundlos in seinem Superlativ wie der Plural der Angst klingt: am „engsten“ und den „Ängsten“. Und wer – um nur ein etwas an sich absurd wirkendes Beispiel zu nennen - zum Zahnarzt muss und sei es nur, um der Krankenkassen willen den Stempel abzuholen, der muss halt da durch -

und damit erste einmal herzlich willkommen hierorts,

liebe @Lies21!

Deine kleine Geschichte hat mir gefallen. Man muss nicht einen halben Roman zu Anfang einer Karriere hierorts einstellen, um Glänzen zu wollen und doch nur seine Schwächen zu offenbaren.

Hier

Angst davorKOMMA im Mittelpunkt zu stehen und Angst davor, ein Niemand zu sein.
hätt ich dann mal die Frage, warum die gleichgebauten Teilsätze einmal mit und einmal ohne Komma vorm Infinitiv ungleich behandelt werden.

Beide Infinitive beziehen sich auf ein Substantiv (Mittelpunkt, Niemand) – da ist, wie im richtigen Leben, Gleichbehandlung angesagt - in dem Fall halt Kommasetzung für beide

Doch das alles würde gleich ein Ende haben.
Da "hätt" ich die Frage: Bewusste Wahl, statt des schlichten Futurs („alles wird gleich …“) den umfassenderen Konjunktiv „würde“ zu wählen?, wiewohl die schlichte Grundform "werden" in ihrer Zweiwertigkeit - etwa dass etwas wird oder eben nicht (oder sei's ganz anders ....; Sprache lädt auch zu spielen ein).

Eine zweite Stimme „Wieso hat sie sich denn nicht den Schal auf die Wunde gepresst, ihre Arme und Hände sind doch ok, oder?“
OK ist an sich die Abkürzung für den US-Bundesstaat Oklahoma. Im Deutschen wird „okay“ o. k. abgekürzt – was purer Unsinn ist, wenn das Wort an sich vier Zeichen, die Abkürzung aber fünf (zwo Buchstaben, zwo Punkte und ein Leerzeichen nach dem ersten Abkürzungspunkt) verlangt.

Wie dem auch wird,

sehr gerne gelesen vom

FRiedel,

der auch noch einen angenehmen Restsonntag (hier ist Sturm angesagt) wünscht!

 
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Hallo @Lies21,

deine Geschichte war angenehm zu lesen, auch wenn das Thema eher unangenehm war. Die Auflösung, dass die Verletzung durch einen Unfall verursacht wurde, fand ich interessant. Vor allem der allerletzte Satz war sehr stark:

Wie leid ihr das Tier tat, das nun völlig umsonst gestorben war.

Nach dem Lesen bleibt bei mir allerdings bloß eine bedrückende Stimmung zurück und nichts, wo ich gedanklich weiter anknüpfen kann. Vielleicht ist das auch gewollt und in Ordnung so. Soll also keine Kritik darstellen. Ich hätte mir übrigens auch vorstellen können, dass die Gedanken der Protagonistin, die sehr viel um das Thema Angst kreisen, sich auch noch in Richtung Todesangst entwickeln, je mehr Blut sie verliert. Ich meine, wenn ihr Leben und Denken so sehr von Angst bestimmt wird, erscheint es mir irgendwie seltsam, nicht einen Gedanken über die Ungewissheit des Todes zu haben.

Hier noch ein paar Anmerkungen:

Stimmen. Plötzlich nahm sie Stimmen war wahr. Eine Frau sprach sie an: „Ganz ruhig, wir helfen Ihnen. Die Rettung Der Rettungsdienst ist verständigt.“ Jemand drückte Verbandsmaterial auf die klaffende Wunde. Eine zweite Stimme „Wieso hat sie sich denn nicht den Schal auf die Wunde gepresst, ihre Arme und Hände sind doch ok, oder?“ „Mensch, die steht unter Schock, das siehst du doch.“ Da liefen Tränen über ihr Gesicht. Vorbei die Chance auf Frieden. „Alles wird gut, sie Sie brauchen nicht zu weinen. Da kommt schon der Rettungswagen. Sie werden wieder gesund.“

Viele Grüße,
Frau Lyoner

 
Wortkrieger-Team
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Mahlzeit @Lies21,

gleich zu Beginn möchte ich das hier anführen:

Mensch, die steht unter Schock, das siehst du doch.
Nach einem Unfall eine körpereigene Schutzreaktion. Je schwerer der Unfall, desto heftiger die Schockraktion (Schutz der inneren Organe und des Hirns, Blut aus den äußeren Körperregionen wird abgezogen, Blutungen reduzieren sich, stark reduziertes Schmerzempfinden). Aber auch das bewusste Denken ist stark eingeschränkt. Instinkte sind gefragt. Und genau da sehe ich ein wenig die Crux. Die Frage eines Helfers nach dem Schal als Kompressionsmittel habe ich in meinen Johanniterjahren nie gehört; denn auch Ersthelfer oder helfen Wollende stehen unter Schock und wissen erst mal nicht, wie sich organisieren. Aber schwieriger ist all das, was deine Protagonistin denkt. So wie du es schreibst, ist der Unfall noch nicht sehr lange her. Der Schockzustand noch nicht abgeklungen, der Selbstorganisationsgrad noch nicht auf normalem Level. Sie könnte all das in einem Nahtoderleben halluzinieren. Dann sind aber die bewusst wahrgenommenen Stimmen fehl am Platz.

Eine andere Möglichkeit ist der nachträgliche Besuch der Unfallstelle, das Nutzen der Bilder, um dem Trauma zu begegnen, sich Hergang und Erlebtes in Erinnerung zu rufen. Dabei an den Hirsch zu denken, abzuschweifen in das, was dein Plot ist.

Es handelt sich ja hier um einen realistischen Vorgang (Tier > Unfall > Ersthelfer > Rettungskette). Die Beschreibung des Elbsandsteins bei Sonnenuntergang bietet viel mehr Raum für Interpretation, Mystisches, verklärende Beschreibungen aus der eigenen Sichtweise heraus. Hier aber hast du einen Plot gewählt, der Authentizität erfordert, sogar in der nachvollziehbaren Beschreibung der Persönlichkeit und deren Entwicklung im sozialen Umfeld.

Du als Autorin verstehst und beschreibst deine Protagonistin gut und alles fügt sich für dich. Aber Leser:innen gibt es unzählig unterschiedliche. Jemanden wie mich holst du nicht ganz so ab, weil da eine Fußangel drin ist, über die ich stolpere und aus dem Text falle. Meine Gedanken, besser: meine Empathie soll ja bei der Protagonistin sein.

Vielleicht helfen meine Gedanken ein wenig.

Grüße
Morphin

 
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Hallo @Lies21 ,

herzlich willkommen im Forum! :gelb:

Du hast ja schon - auch positive - Rückmeldungen bekommen, dann komme ich mit etwas mehr Kritik. Nichts davon ist persönlich gemeint, es soll helfen, deinen Text mit fremden Augen zu sehen.

Jeder [? Kann sie doch nicht wissen] andere hätte in diesem Moment Panik verspürt, doch Silke saß nur ganz ruhig da und beobachtete den roten Fleck, wie er langsam größer und größer wurde. War das die Lösung, überlegte sie, konnte es so einfach sein? Nie wieder Angst haben. Angst davor zu versagen, Angst ausgelacht zu werden, Angst jemanden zu kränken, Angst[Komma] etwas falsch zu machen. Angst davor[Komma] im Mittelpunkt zu stehen und Angst davor, ein Niemand zu sein. Silke wusste gar nicht, wie es sich anfühlte, keine Angst zu haben. Ihr ganzes Leben bestand aus Angst.
Wie es hier automatisch beim Rauszitieren formatiert wurde, ist auch die einzig korrekte Form. All die Zeilenschaltungen bzw. sogar Absätze gehören da nicht hin: Es ist eine Figur, eine Situation, eine Szene, alles gehört auch zusammen.
Aus dem Textkörper isolierte Sätze oder Mini-Absätze sind blöd, weil:
- es ihnen künstlich Gewicht verleiht, was sie selbst leisten müssten. Leisten sie es nicht, fällt die platte Aussage / Stillosigkeit noch mehr auf als im Fleißtext.
- Haben sie das nötige Gewicht, brauchen sie die künstliche Isolation nicht mehr.
Wirkt immer bissl unsicher und teeniemässig.

(...) doch Silke saß nur ganz ruhig da und beobachtete den roten Fleck, wie er langsam größer und größer wurde.
Besser finde ich:
- beobachtete, wie sich der rote Fleck ausbreitete
oder
- beobachtete, dass sich der rote Fleck ausbreitete.

Ich würde hier auf gar keinem Fall verklausulieren, dass es Blut ist - das ist doch eh klar. Hier wird für den Leser verschleiert, als ob Spannung hervorgerufen werden sollte - dabei denkt es doch die Prota selbst und sie hat überhaupt keinen Grund, sich selbst gegenüber so vage zu sein. Hier willst du zwei Sachen auf einmal: Als Autor einen Hook einbauen und die Figur glaubwürdige Gedanken haben lassen. Beides geht hier nicht - zumindest nicht mit diesen Mitteln.

Sitzt sie noch? Im Auto, oder ...? Falls sie bereits außerhalb des Autos ist (herausgeschleudert, sich rausgeschleppt), wäre es vllt. ernster, wenn sie liegen würde (dann geht das mit dem Ausbreiten-zugucken aber eh nicht).

Keiner ahnte etwas davon. Niemand hätte sie verstanden. Silke ging praktisch auf Zehenspitzen durch ihr Leben aus Angst, irgendwie unangenehm aufzufallen.
praktisch = lockerer Plauderton, der Situation unangemessen und auch der Stimmung, die du - nehme ich an - erzeugen willst.
Ihr Verstand sagte ihr immer wieder, dass es schließlich ihr Leben war.
Nrgh. Ihr Verstand sagt ihr ja auch, dass sie Grund hat, Angst zu haben. Angststörungen sind ja Schutzreaktionen der Psyche / des Hirns, die eben so schwierig zu brechen sind, weil sie den Personen als logisch und rational erscheinen. Das würde ich präziser ausgdrückt stärker finden.

Der Text hat ein starkes Ungleichgewicht zwischen andeutendem, teaserndem Intro und tatsächlichem Plot - also dem Punkt, an dem die Geschichte eigentlich losgeht. Jemand Schlaues hier sagte mal, dass Gedanken von Figuren für den Autoren beim Schreiben interessanter seien als für den Leser, und dem schließe ich mich vollumfänglich an. Nach --- sich danach sehnte wäre allerspätestens der Punkt, an dem die innere verstärkt der äußeren Handlung Platz machen sollte.
Ich fühle mich von sowas schnell zugelabert, vor allem, bevor ich weiß, wer das ist, dem ich da zuhöre oder in welcher Situation die Gedanken geäußert werden (denn das willst du ja aus irgendeinem Grund verschleiern).

Sie lehnte sich zurück, schloss ruhig die Augen und fühlte, wie ihr Blut warm an ihrer Hüfte entlang in den Sitz lief. Bald hatte sie ihren Frieden, endlich.
Ja, das denkt man so, oder? :D :naughty: Es gibt aber einen Überlebenstrieb und selbst, wenn man Grund hat, den Tod herbeizusehnen - wie bei akuten, schweren Depressionen oder starken Schmerzen, was hier aber nicht zutrifft, denn sie steht offenbar unter Schock und spürt nix -, ist das nicht so klar und eindeutig. Das ist die schlechteste Stelle im Text, denn sie verkitscht und simplifiziert etwas extrem Komplexes, Widersprüchliches.
Hier ist eigentlich dein literarischer Konflikt vergraben, aber mit dem, sorry, romantischen Sülz um "Freiheit / Frieden" torpedierst du alles. Damit steht und - in diesem Fall - fällt dein Text.
Übrigens ist dieses Tod = Freiheit ein typisches Anfängersujet, das du immerhin in vollem Umfang vermieden hast: Jemand steht auf einem Dach oder einer Brücke und denkt ebendas.
Plötzlich nahm sie Stimmen war.
war = Vergangenheit von ist. -> wahr
Eine Frau sprach sie an: „Ganz ruhig, wir helfen Ihnen. Die Rettung ist verständigt.“ Jemand drückte Verbandsmaterial auf die klaffende Wunde. [Zeilenschaltung] Eine zweite Stimme „Wieso hat sie sich denn nicht den Schal auf die Wunde gepresst, ihre Arme und Hände sind doch ok, oder?“ [dito] „Mensch, die steht unter Schock, das siehst du doch.“ [dito] Da liefen Tränen über ihr [Besser Silkes, sonst sind zu viele sies mit anderem Bezug davor] Gesicht. Vorbei die Chance auf Frieden. [Zeilenschaltung]„Alles wird gut, sie brauchen nicht zu weinen. Da kommt schon der Rettungswagen. Sie werden wieder gesund.“
Was oben zu viel ist, ist hier zu wenig: Zeilenumbruch, sobald Sprecherwechsel / Fokuswechsel.
Man wird bei Krankheiten gesund, nicht bei Verletzungen.
Ich fände realistischer, wenn die Sanitäter flapsiger sprächen: "Das wird schon wieder." Oder so.
Und damit bissl Spannung und kritische Distanz zur Prota entsteht, nämlich zwischen ihrem persönlichem Drama und dem Alltag der Rettungskräfte.
„Danke“, bedankte sie sich artig bei den Menschen, die sich so vorbildlich um sie gekümmert hatten. Sie hatten ihr das Leben gerettet und ahnten nicht, dass sie sie damit zu weiteren Jahren in Angst verurteilt hatten.
Hatten-Overkill.
1. Falsch, denn sie sind ja noch alle in der Situation (das verwirrt, weil ich dachte, hier ist ein Zeitsprung ins Krankenhaus, aber sie ist noch vor Ort, Sekunden, keine Tage später.)
2. dito, denn die sind ja noch beim Kümmern.
3. verurteilten, denn nix davon ist abgeschlossen. Generell würde ich zu Präsens raten, du bist einerseits zwar sehr in Reflektion, aber andererseits ist nichts tatsächlicher Rückblick, das wäre abgeklärter, nicht so akut. Die Gedanken klingen wie eben genau in der Situation, nur eben zu geordnet.

artig: Viel zu reflektiert, hier passt das eine nicht zum anderen. Du willst einmal die Analyse des Erzählers, der vorgegeben unbeteiligt über allem schweben soll; dann willst du, dass auch die Figur sich analysiert und dann willst du eigentlich akutes Drama und chaotische Ängste / Gefühle. Hier sich als Schreibende weniger in den Figuren spiegeln lassen, sondern mit kühlerem Kopf, überlegter strukturieren: Wer sagt was in welchem Moment und passt das alles organisch zusammen, oder will ich nur als Autorin was platt vermitteln?

Als man sie auf der Trage in den Rettungswagen schob erhaschte Silke noch einen Blick auf den Hirsch, welcher ihr ins Auto gesprungen war und der nun mit verrenkten Gliedern im Graben lag.
Da die Sanitäter schon geredet haben, ist 'man' hier zu anonym, das suggeriert, als wäre sie so neben sich, dass sie nicht wahrnimmt, wer da handelt - das kann ich mir bei ihrer relativen Klarheit hier aber nicht vorstellen.
Präzision: Der Hirsch ist ihr nicht ins Auto gesprungen (ich denke nicht, dass der Suizid begehen wollte), sondern sie in den kreuzenden Hirsch gefahren.
Und lieber der anstatt welcher, klingt immer so bürokratisch-altmodisch, das schafft Distanz zum Erzählten.
Wie leid ihr das Tier tat, das nun völlig umsonst gestorben war.
Das verstehe ich nicht. Das Tier ist so oder so 'umsonst' gestorben, denn verunfalltes Wild kann wohl nicht mehr - zumindest von Menschen - verzehrt werden und wird mMn weggeräumt, kann also auch keine anderen Tiere ernähren. Der Hirsch wär auch umsonst gestorben, wenn sie ihre "Freiheit" erlangt hätte, denn ihre Ängste haben ja für das Tier bzw. die Welt außerhalb ihrer eigenen Person überhaupt keine Bedeutung.
Für einen Gedanken der Figur imA sehr unangenehm naiv, fast dümmlich egozentriert.

Ich würde raten, die Geschichte stringent in einer Perspektive zu erzählen: am besten personal, oder in der 1. Person (es klingt eh bissl Mary Sue). So hast du einen übergeordneten, auktorialen Erzähler, der in ihren Kopf schauen kann (z. B. im ersten Satz) und auch personale Stellen, die klingen, als gäbe es nur ihre Perspektive, nur eben in 3. Person (z. B. letzter Satz). Das Schwanken kickt mich raus und ich muss immer wieder neu einen Zugang finden.

Für meinen Geschmack ist der Text viel zu innenfixiert. Körperreaktionen werden ausgeblendet, z.B. wäre es imA mitreissender, glaubwürdiger, wenn ihr kalt würde und sie zitterte (das wäre gutes show, don't tell für starken Blutverlust, sowas würde auch den Schock durchdringen). Und - wenn du konsequent ins Personale gehen würdest - ihre Gedanken sollten sich nicht lesen, als säße sie zu Hause gemütlich im Sessel. Das wäre schöner fragmentierter, unterbrochener, elliptischer. Mehr Körperempfindungen, weniger Überlegungen. So soll ich glauben, dass sie einerseits dem Tod nah ist und sich da andererseits locker selbst mit all diesen Reminiszenzen durchananlysiert, das nehme ich dem Erzähler und der Figur - letztlich dir als Autorin - so nicht ab.

Also, da hast du generell ein extrem interessantes Thema. Angststörungen haben mit Vermeidungen zu tun, mit Situationen, die unangemessen bedrohlich erscheinen. Eben dieses Merkmal umgehst du aber damit, dass die Figur in einer tatsächlich bedrohlichen Situation ist - jetzt spiegelst du das aber negativ wider: Jetzt, da sie Angst haben sollte, wünscht sie sich den Tod (als zufällige Erlösung - hier läge Suizid nahe, kein Unfall, bei dem der Überlebenstrieb einsetzen würde).
Das verhindert, dass du dich mit deinem Thema eigentlich wirklich auseinandersetzt, und das finde ich extrem schade. Es ist nämlich sehr interessant, und anders als Todessehnsucht / Suizidgedanken / Ennui selten bearbeitet.

Ich rate, hier bei der filmischen Dramatik (Unfall! Hirsch tot! Blut! Sanitäter!) massiv runterzuschrauben und den Leser mehr mit auf die Reise durch die Ängste zu nehmen - nicht in Retrospektive, sondern akut. Mit Körperreaktionen und allem - in einer an sich gar nicht gefährlichen Situation. Klar, das wäre eine andere Geschichte, und du sollst ja schreiben, was du willst, nicht, was ich lesen möchte. ;)
Aber einfach als Anregung. So, sorry, funktioniert der Text bei mir absolut nicht.

Ich wünsche dir noch viel Spaß hier, auch beim Selbst--Kommentieren unter Fremdtexten, liebe Grüße,
Katla

EDIT: Ah, hat sich überschnitten, ich gehe mit @Morphin , der das alles mit Innensicht bei Schock oder Verletzung aus Sicht einer Figur versus in kitschiger, an den Leser gerichteten Retrospektive aus Autorenhand viel ausführlicher belegt als ich.

 
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Danke für Deine hilfreichen Kommentare zu meiner Geschichte. Ich habe Deine Anmerkungen berücksichtigt und bereits korrigiert. Das "würde" war übrigens eine bewusste Wahl.
Liebe Grüße
Lies21

 

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