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Außer Kontrolle

AWM

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26.03.2018
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Außer Kontrolle

Papa steht mit verschränkten Armen vor dem Hauseingang. Seine Weste spannt am Bauch. Die Tönung seiner Haare ist herausgewachsen, graue Stellen liegen frei. Er sieht schlimmer aus, als Mama mir erzählt hat. Ich steige aus dem Auto, hebe die Hand. Er lächelt.
„Mein Großer“, sagt er. Dann: „Hast du den Test dabei?“
„Wie abgemacht“, sage ich.
Ich hole den Zettel aus meiner Jackentasche. Er deutet mit einer Kopfbewegung auf einen Spaltklotz, der zwischen uns steht. Ich lege den Test auf den Klotz und gehe wieder zurück zum Auto. Papa holt das Papier. Seine rechte Augenbraue zuckt. Das Lämpchen einer Überwachungskamera blinkt über dem Hauseingang.
Ich mache einen Schritt, strecke ihm die Hand entgegen. Er weicht zurück.
„Gibt auch falsch-negative Tests“, sagt er. „Lass uns vorsichtig bleiben.“

Vor der Garage steht der alte Hanomag-Traktor, mit dem wir in vergangenen Sommern die Äpfel und Birnen eingebracht haben. Papa hat ihn hergerichtet: Sein Lack strahlt indigoblau, der Anhänger feuerrot.
Das Haus ist frisch gestrichen. Die Lasur glänzt in der Herbstsonne. Rosensträucher stehen mannshoch vor der Fassade, tragen faustgroße Blüten. In die Einfahrt hat Papa neuen Splitt gekippt und gleichmäßig verteilt.
Der Rasen vor dem Haus ist gemäht. Nur vor dem Fluss, der das Grundstück begrenzt, stehen die Gräser wild und hoch.
„Schön hast du es dir gemacht“, sage ich.
„Hab ja Zeit“, sagt er.
Wir schweigen. Das Rauschen des Flusses.

Im Haus riecht es nach Desinfektion. Ich stelle meinen Koffer im Flur unter dem Glockenspiel ab. Dort, wo früher unsere Schuhe standen. Jetzt stehen da nur noch Papas Arbeitsstiefel.
„Einmal sauber machen“, sagt er und deutet aufs Gästeklo.
Er hat die Handseife am Waschbecken gegen einen Desinfektionsmittel-Spender mit Sensor und die Handtücher gegen einen Kasten mit Papiertüchern getauscht. Beides scheint unbenutzt. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie er mit einem Tuch über meinen Koffer wischt.

Auf dem Esstisch steht ein Glas Essiggurken, Blut- Leber- und Grützwurst in Dosen, Zwetschgenkuchen, Sprühsahne. Eiskristalle säumen die Ränder der Zwetschgen.
Ich schaue aus dem Fenster, betrachte die Berge. Um ihre Spitzen hängen dunkle Wolken in Wirbeln. Ich lasse meinen Blick über die Wiesen schweifen, die sich bis an die Füße der Berge erstrecken, lasse ihn leiten von den Apfel- und Birnenbäumen hin zu unserem Grundstück; bis ich beim Fluss lande.
Das Rauschen. Wie sie Jans Körper aus dem Wasser ziehen und alles in der Schwebe ist, weil der Notarzt da ist und so gefasst tut und es noch nicht gesagt hat. Das Dazwischen, bevor der Tod ins Leben bricht.
„Das zieht vorbei“, sagt Papa. Er hält einen Korb Aufbacksemmeln in der Hand. „Auf mein Wetterwarnsystem ist Verlass. Im Süden erwischt es sie heute Nacht dafür richtig. Im Fernsehen reden sie von einem Jahrhundertsturm.“

Ich nehme eine Semmel und bestreiche sie mit Leberwurst. Die Wurst saugt sich in den warmen Teig. Papa schmatzt. Unter dem Glastisch sehe ich, dass er mit dem rechten Bein wippt. Sein Blick weicht mir aus. Er greift nach seinem Glas, stößt es um, wischt mit einem der gelben Sets über die Tischplatte. Der Sprudel tropft auf den Teppich.
„Du musst das mit Mama in Ordnung bringen“, sage ich.
„Ist sie zu dir gezogen?“
„Bis sie was Eigenes hat.“
Papa nimmt die Gabel und kratzt an den vereisten Zwetschgen.
„Weißt du noch, als sie das erste Mal was zu Corona gesendet haben?“, fragt er.
„Und du gesagt hast, das Virus kommt bald zu uns.“ Ich lege meine Semmel auf den Teller. „Man kann Recht haben und trotzdem das Falsche tun.“
„Du lässt dich hier alles Schaltjahr blicken. Und jetzt kommst du und denkst, du wüsstest alles.“
„Ich weiß, dass es Mama nicht mehr mit dir ausgehalten hat. Nicht-Leben. So hat sie es genannt.“
Papa wischt sich mit einer Papierserviette über die Mundwinkel, wirft sie auf seinen Teller und sieht mir in die Augen. „Ich wollte sie schützen.“ Seine Fäuste liegen geballt auf dem Tisch.
„Indem du euch hier einsperrst mit zwei Tonnen Tiefkühl-Ware, Desinfektionsmittel und Klopapier und irgendwelchen Videos von Youtube-Spinnern.“
Licht flackert auf seinem Gesicht. In der Ferne zucken Blitze über den Bergen. Donner rollt herüber. Er öffnet die Fäuste, lässt sich in seinen Stuhl zurückfallen. Das Zucken seiner Augenbraue.
„Das zieht vorbei. Es zieht vorbei.“
Ich schleppe meinen Koffer hoch in Jans Zimmer. Mike Skinner von „The Streets“ schaut vom Poster über dem Bett herab. Vor den Fenstern zum Hof: die Leseecke mit den schwarzen Bast-Hockern. Im Regal reihen sich Bret Easton Ellis und Hunter S. Thompson, neben Don Rosas Dagobert-Büchern und den Anatomie-Bänden von Prometheus für Jans Medizin-Aufnahmetest. Auf dem Schreibtisch steht das Bild von Jan, Alexander und Marcel auf Ibiza. Sie tragen Blumenketten um den Hals und halten Long Island-Cocktails in die Kamera. Alexander und Marcel sind jetzt im vierten Semester.

Ich gehe ans Fenster, streife mit dem großen Zeh über die Macke in den Dielen. Dort, wo Jan und ich als Kinder den Riesenturm mit den Holzklötzen bauten. Jan hatte die Idee, Mamas Bügeleisen draufzustellen. Ein Raumschifflandeplatz auf dem Dach. Ich war dagegen. Er stellte es trotzdem drauf. Als der Turm kippte und die Klötze in alle Himmelsrichtungen flogen und das Bügeleisen mit der Spitze auf den Holzboden krachte, erzählte ich unseren Eltern, ich hätte die Idee gehabt.
Der große Bruder.
Ich ziehe Jeans und Pullover aus und lege mich in Jans Bett. Der Raum umschließt mich. Ich ziehe die Decke übers Gesicht, achte darauf, wie sich mein Atem im Stoff verteilt, sich warm um Nase, Mund und Wangen legt.

Eine Stunde zu lange, ein Glas zu viel, eine Spur zu dunkel, ein falscher Schritt, ein Sturz, das Wasser, das Rauschen des Flusses, das leere Bett, Mamas Schrei, Jans Körper, der Notarzt; Papa. Das An und Aus der Wasserhähne, Klacken der Lichtschalter, das Verbot von Kerzen im Haus, die Wasseraufbereitungsanlage, der Waffenschrank. Das Rauschen des Flusses.

Ich wache auf, weil Regen auf das Dach prasselt. Ein Blitz erhellt das Zimmer. Der Donner folgt fast gleichzeitig. Ich schlüpfe in meine Hausschuhe, knipse das Licht an und gehe die Treppe hinunter.
Im Wohnzimmer steht Papa am Fenster. Er blickt abwechselnd nach draußen und auf sein Smartphone.
„Das dürfte gar nicht hier sein“, flüstert er vor sich hin.
„Papa“, sage ich.
„Das dürfte nicht hier sein.“ Papa tippt mit dem Finger auf das Smartphone, stößt ruckartig Luft aus der Nase, als müsse er niesen, zieht dabei die Mundwinkel nach unten. Das Smartphone zeigt eine meteorologische Karte unserer Region.
Ich trete ans Fenster. Der Wind hat den Bewegungsmelder anspringen lassen. Die Lampen an der Holzbeige werfen Licht in den Hof. Der Regen platzt in den Splitt, auf Rosenblätter, die überall verteilt liegen. Vom Fluss schwappt Wasser auf den Rasen und knickt die Grashalme am Ufer zu Boden.
„Zieh dir was an“, sagt Papa und seine Stimme entgleitet.

Ich folge ihm in den Keller. Aus der Werkstatt hat er einen Vorratsraum gemacht. Es riecht noch nach Metall und Sägespänen. In Regalen stapeln sich Vorräte in Plastikboxen bis unter die Decke: Zucker, Salz, Dosen mit Fisch und Gemüse, Bohnen, Reis, Nudeln und Haferflocken, Milchpulver, Mehl, Energieriegel.
Daneben hat er eine ganze Apotheke gebunkert. Auf den Plastikboxen kleben beschriftete Plaketten: Antibiotika, Antihistaminika, Notfälle, Desinfektionsmittel, Mund-Nasen-Schutze und weiß Gott was noch alles.

In der rechten hinteren Ecke, wo früher die Werkbank war, liegen Sandsäcke neben einem Dieselgenerator aufeinander. Als Jan und ich klein waren, hat uns Papa dort Ritterschwerter aus den Ästen der Birnenbäume gesägt und in Form gehobelt. Später schraubten wir in der Werkstatt an Jans Moped. Er hatte sich eine Schwalbe andrehen lassen, die nach zwei Mal die Straße hoch und runter den Geist aufgab. Jan heulte vor Wut.
„Kriegen wir hin“, sagte Papa.

„Pack an!“, ruft er. Er hievt einen Sandsack auf den Rücken. Ich hebe einen und gehe ihm hinterher.
Nach ein paar Stufen zittern seine Beine. Er verliert das Gleichgewicht, kippt nach hinten. Ich lasse meinen Sandsack fallen und stemme mich gegen Papa.
„Besser zusammen“, sage ich.

Im Hof haben Sturm und Regen Spurrinnen in den Boden getrieben. Der Wind pfeift um die Kronen der Bäume, die unser Grundstück säumen. Äste liegen im Hof. Der Fluss tobt.
„Wir müssen zuerst einen Wall um die Kellerschächte bauen“, ruft Papa in den Sturm.
Wir schleppen den Sack auf den Rasen vor das Haus, der Boden schmatzt unter unseren Füßen. Papa lässt den Sack fallen. Regen tropft ihm von der Oberlippe über den offenen Mund. Ich folge seinem Blick. Von der Straße schimmert kaltes Licht zwischen den Stämmen der Bäume herüber.
„Da ist jemand“, rufe ich.
Papa bückt sich nach dem Sack, zerrt an den Enden, zieht ihn zu den Schachtgittern, die vor der Fassade des Hauses in den Rasen eingelassen sind.
„Du hast es doch gesehen!“
Ich betrachte seine fahrigen Bewegungen, wie er sich nach dem Sandsack buckelt, während uns das Wasser schon über die Schuhspitzen gestiegen ist und in die Kellerschächte tropft.
„Du hast es gesehen.“

Mit der rechten Hand umklammere ich das Revers meiner Jacke, mit der linken halte ich mein Smartphone und leuchte den Weg aus. Der Regen rauscht durch den Lichtkegel. Der Wind presst den Stoff der Jacke gegen meinen Körper. Meine Lungen bekommen die Luft nicht zu fassen. Ich ziehe den Jackenkragen über den Mund; sauge den feuchten Geruch des Stoffes ein. Ich gehe auf die Brücke, die von unserem Grundstück über den Fluss auf die Straße führt. Das Rauschen ist ohrenbetäubend.

Auf den Wiesen biegen sich die Silhouetten der Apfel- und Birnenbäume, in der Ferne stehen die Berge schwarz vor dem Himmel. Rund zwanzig Meter die Straße runter liegt ein Baum über der Fahrbahn. Aus seiner Krone scheinen Lichter.
„Bleib hier!“ Papa steht hinter mir. Seine Daumen rasen über den Bildschirm seines Smartphones. „Ich rufe die Rettung!“ Er stapft auf der Stelle, zuckt unaufhörlich mit seiner Augenbraue.
Wasser schwappt vom Fluss auf die Fahrbahn, wird vom Wind in die Luft gehoben; zerstäubt.
„Bitte, bitte Christian, bitte.“
Der Sturm fegt über seine Rufe.

Scheibenwischer ruckeln gegen einen Ast, der durch die Windschutzscheibe geschlagen ist. Der Motor zischt, Rauch steigt unter der zerbeulten Haube hervor. Mit den Unterarmen voran kämpfe ich mich zur Fahrertür. Äste schnalzen gegen meine Wangen. Ich leuchte mit der Lampe meines Smartphones in den Innenraum. Hinter dem Steuer liegt eine Frau. Der Ast hat sich durch den Airbag neben ihrem Kopf in die Lehne gebohrt. Ich hämmere gegen die Scheibe.
Die Frau lässt den Kopf zur Seite in den Lichtkegel gleiten. Sie trägt einen Jägerhut, schwarze Locken kleben an ihren Schläfen. Sie hat die Augen weit aufgerissen. Ihre rechte Backe hängt in Fetzen herab.

Ich reiße an der Klinke. Die Tür bewegt sich keinen Millimeter. Sie steht schief, das Blech ist eingedrückt. Ich schlage mit den Fäusten gegen die Scheibe, bis mir der Schmerz über die Sehnen in die Armbeugen zieht.
Wasser schwappt über meine Füße, strömt gegen meine Schienbeine; der Fluss ist gekommen.
Ich schreie, schreie „Papa“ in die tobende Nacht, schreie bis meine Stimme nicht mehr mitspielt, trockener Husten meine Kehle packt und ich würgen muss.
Scheinwerfer blenden. Das Knattern des Hanomag-Motors.

Papa schlägt mit einer Axt gegen die Scheibe. Immer wieder prallt der Axtkopf vom Glas ab, immer wieder rast er nieder: Das Glas bröckelt in die Fluten. Papa tritt zur Seite, stützt sich mit den Händen auf der Motorhaube ab. Sein Körper bebt. Ich beuge mich in den Wagen. Die Frau öffnet den Mund, als wolle sie etwas sagen, stößt ein kehliges Brummen aus. Ich löse ihren Gurt, ziehe ihren rechten Arm aus der Schlaufe, packe sie unter den Achseln, spüre das Zittern der Muskeln und Sehnen. Ich zerre sie aus der Öffnung. Das Wasser schiebt meine Füße über den schlammbedeckten Asphalt und als die Frau mit dem Becken auf der Fensterleiste liegt, verliere ich das Gleichgewicht. Kälte umfasst mich. Die Frau kracht mit dem Kopf auf meine Nase. Ich schlucke Wasser, schmecke Erde, Blut, verliere die Orientierung, werde gegen Äste getrieben. Eine Hand greift den Kragen meiner Jacke.

Wir packen die Frau unter den Armen – einer links und einer rechts - und kämpfen uns aus dem Geäst den Scheinwerfern des Hanomags entgegen. Es ist kaum zu erkennen, wo die Straße aufhört und der Fluss anfängt. Bei jedem Schritt droht das Wasser, uns die Beine wegzuziehen.
Ich spüre den Körper der Frau, ihr Beben, ihr schnelles, flaches Atmen. Als wir sie auf den Anhänger des Traktors hieven, sehe ich Papas Gesicht im Licht der Schweinwerfer. Seine Züge sind ohne Regung.

Der Traktor pflügt durch die Fluten über die Brücke in unseren Hof. Die Lampen an der Holzbeige spiegeln sich auf dem Wasser. Im Hausflur treiben Papas Arbeitsstiefel über die Treppe in den Keller hinunter. Wir schleppen die Frau ins Obergeschoss. Ich spüre, wie Papas Kraft nachlässt. Nach jeder Stufe ein Ächzen. Wir lassen sie in Jans Zimmer auf dem Teppich ab.

Sie hat die Augen geschlossen. Ich schiebe ein Kissen unter ihren Kopf, ziehe ihr vorsichtig die durchnässten Klamotten aus. Ein Bluterguss ist von den Brüsten bis zum Schambein gekrochen. Ich nehme Jans Bettdecke, trockne ihre Haut. Die Frau windet sich, Schweiß dringt aus ihren Poren, sammelt sich im Dekolleté.
„Sie sind in Sicherheit. Hören Sie mich? Sie sind jetzt in Sicherheit.“
Ihre Augenlider scheinen zu vibrieren, die Wimpern fächern auseinander. Sie öffnet ihren Mund mit einem Schmatzen, stößt ein Brummen aus, verstummt, liegt ohne Regung. Ich wende die Decke, lege sie mit der trockenen Seite auf die Frau, presse meine Finger auf ihren Hals, spüre das zerbrechliche Pochen der Schlagader; das Rauschen des Flusses.

Erst da bemerke ich, dass Papa neben der Zimmertür auf dem Boden sitzt und an Jans Kleiderschrank lehnt. Er starrt auf etwas, das unendlich weit weg zu sein scheint. Den linken Arm hat er in die Armbeuge des rechten gestützt. Er zittert, seine Zähne schlagen sanft aufeinander.
„Lass mich mal sehen“, sage ich.
Ich gehe in die Hocke, löse Papas Arm aus der Beuge.
Der Knochen ragt aus dem Stoff seiner Jacke wie ein abgerochener Ast. Ich versuche, ruhig zu wirken, schmecke saure Spucke.
„Wann ist das passiert?“
Papa stammelt. „Es hätte ein schöner Tag werden sollen.“
Blut rinnt über seinen Handrücken, tropft von den Fingerkuppen auf den Teppich.

Ich ziehe den Gürtel aus den Schlaufen meiner Jeans, lege ihn um seinen Oberarm. Die Kälte hat meine Finger taub werden lassen und als ich einen Knoten binden will, rutscht mir der Gürtel aus der Hand. Papa verzieht das Gesicht, fängt an zu weinen. „Es hätte ein schöner Tag werden sollen.“ Er sieht mich an. Speichel fließt aus seinen Mundwinkeln. „Unser Leben ist ganz falsch.“
Ich ziehe den Knoten zu. Papa schreit.
„Bleib hier sitzen“, sage ich und stehe auf.
Er reißt den Kopf zu mir herum, ist auf einmal ganz da, packt mich am Unterarm.
„Du kannst da nicht mehr runter!“

Das Rauschen hallt durch die Kellerräume. Es trägt die Stille in mich, die ich seit dem Tag von Jans Unfall nicht mehr gespürt habe. Eine Stille, die Papa die ganze Zeit gespürt haben muss. Und ich weiß, dass es weniger still für ihn gewesen wäre, wenn ich nicht weggezogen wäre. Und ich weiß, dass es meine Schuld ist, dass er sich den Arm gebrochen hat, weil ich es nicht geschafft habe, die Frau alleine zu retten.

Ich leuchte in den Vorraum. Vor der Tür zur Werkstatt treiben unsere alten Esstischstühle, die Papa ausrangiert hat. Ihre Lehnen berühren fast die Decke. Eine Ringelnatter schlängelt sich an ihnen vorbei.
Die Kälte umfasst mich bis unter die Achseln. Mit den Fußsohlen stütze ich mich gegen die Wand und ziehe die Tür zur Werkstatt langsam gegen das Wasser.
Das Licht meiner Lampe fließt über Papas Plastikboxen, die aus den Fluten ragen. Zwischen ihnen treiben Konservendosen. Ich schiebe die erste der Boxen beiseite: Masken, die zweite: Desinfektion, die dritte: Allergien. Auf der vierten glänzt: Notfälle. Ich ziehe sie hinter mir her zurück Richtung Vorraum. Das Wasser ist über meine Schultern gestiegen, schwappt mit jedem Schritt in den Nacken.

Ich packe die Klinke, stemme mich gegen das Holz, bis die Türe nachgibt; bis sie einen Widerstand findet, bis sie sich nicht mehr bewegt. Aus meinen Hoden wälzt sich Hitze durch den Darm bis hoch in die Wangen. Ich leuchte mit der Taschenlampe durch den Türspalt: sehe die Lehne eines Esstischstuhls. Er hat sich verkantet. Ich zerre mit beiden Händen an der Klinke und als ich mich kaum noch spüre vor lauter Zerren und Kälte und als zwischen dem Wasser und der Decke nur noch eine Elle Abstand ist und ich nicht mehr stehen kann, schlage ich mit den Fäusten in die Fluten und muss weinen.

Ich schnappe nach Luft, muss daran denken, wie schön alles einmal gewesen ist, wie schön es gewesen ist, als der Raum noch eine Werkstatt war mit Holzschwertern und Mopeds. Muss daran denken, wie Papa „kriegen wir hin“ sagt und den Scherenheber unter die Schwalbe schiebt, die Knarre kurbelt und das Moped aufbockt, den Schraubenschlüssel schwingt und wie der 15-jährige Jan ihn ansieht.

Ich schwimme an die Stelle, wo früher die Werkbank stand, tauche ab. Der Schein meiner Lampe: ein geplatztes Licht. Ich taste vor mich, spüre die Jute der Sandsäcke, das Metall eines Spatens, die Lamellen eines Rechens; die Knarre des Scherenhebers.
Ich schiebe ihn in den Spalt zwischen Tür und Rahmen, lege den Kopf in den Nacken. Meine Nasenspitze berührt fast die Decke. Ich nehme kurze, schnelle Atemzüge. Das Wasser schwappt mir in die Mundwinkel. Die Knarre liegt kantig und kalt in meiner Hand. Ich kurbele, bis ich ein Krachen spüre, sich der Widerstand löst, tauche unter dem Türrahmen in den Vorraum, erreiche die Treppe, schnappe nach Luft, die sich feucht und kalt in meine Lungen legt.

Papa kaut auf dem Inneren seiner Wange herum. Als er mich sieht, fängt er wieder an zu weinen.
„Mein Großer, mein Großer“, sagt er. Sein Schluchzen verschlingt fast die Worte. Ich stelle die Box vor ihm ab, bücke mich zu ihm herunter. Er ist ganz bleich. Ich fixiere seinen Blick.
„Sag mir, was ich machen muss.“
„Da drin sind Zucker-Lösungen. Das musst du ihr geben.“
Seine Lider hängen in der Mitte der Augäpfel, aus den Nasenlöchern rinnt Rotz über die Oberlippe. Sein Blut hat sich in das Frottee des Teppichs gesogen und eine tellergroße Lache gebildet.
„Wir müssen zuerst deine Blutung stoppen. Sag mir, was ich machen muss.“
Er verzieht den Mund zu einem Lächeln.
„Da ist was zum Abbinden drin. Steht Tourniquet drauf“, stammelt er.

Ich wühle in der Box, finde die schwarze Nylon-Tasche mit der Aufschrift. Das Ding sieht aus wie ein Blutdruckmessgerät. An dem schwarzen Riemen ist ein Metallstift angebracht. Ich lege den Riemen um Papas Arm. Er verzieht das Gesicht, saugt Luft durch die geschlossenen Zähne.
„Finger auf mein Handgelenk. Dreh den Stift, bis du keinen Puls mehr fühlst.“
Ich drehe, das kantige Metall schmerzt an meinen Fingern. Der Riemen zieht sich um Papas Oberarm. Der Stoff seiner Jacke quillt unter den Rändern hervor, wirft Falten. Papa stöhnt, wiegt den Kopf hin und her, als wolle er den Schmerz abschütteln. Dann bleibt sein Blick auf der Frau ruhen.
„Gib ihr die Zuckerlösung.“

Ihr Gesicht hat sich bläulich verfärbt. Der Mund ist geöffnet, die Lippen dick und spröde. Sie sieht überrascht aus. Ich lege meine Finger auf ihre Halsschlagader. Urin fließt an den Innenseiten meiner Schenkel hinab.
„Wie geht es ihr?“, fragt Papa.
Das Dazwischen. Papas Augen, nachdem der Notarzt mit ihm geredet hat. Papas Augen, als sie Jans Körper in den Rettungswagen schieben. Als er an Mama und mir vorbeigeht hoch ins Haus.
„Kriegen wir hin“, sage ich. Ich lächle.

Ich ziehe ihre Unterlippe sanft nach unten, setze die Tube an ihren Mund und presse die Zuckerlösung zwischen die Zähne. Die Flüssigkeit rinnt aus den Mundwinkeln über die Wangen, über das Fleisch, in die schwarzen Locken, die an ihren Schläfen kleben.
Und dann folge ich Papas Anweisungen, gebe ihr eine zweite Tube Zucker, lege ihr zwei Tabletten Paracetamol in den Mund, eine Kompresse auf die Wunde, ziehe den Mullverband um ihren Kopf, fixiere ihn.
Und irgendwann steigt die Sonne milchig hinter den Bergen in die Wolken und der Morgen legt ein ausgewaschenes Blau über die Landschaft und in Jans Zimmer.

Ich stehe auf, öffne die Fenstertüren und trete auf den Balkon. Der Wind treibt kleine Wellen über das Wasser im Hof und auf dem Rasen, lässt das Laub der Bäume rascheln. Ich sauge die feuchte Luft ein, schließe die Augen und das Morgenlicht malt Schlieren hinter meine Lider. Mit den Jackenärmeln wische ich mir über die Augenwinkel.

Dann gehe ich zu Papa, lehne mich gegen den Schrank und lasse mich zu ihm hinuntergleiten. Das Blut auf dem Teppich ist getrocknet, liegt krustig in den Fasern. Papa atmet ruhig und gleichmäßig, lässt den Kopf zurück gegen Jans Schrank fallen.
„Ich muss immer daran denken, wie es wäre, wenn Jan noch da wäre“, sagt er.
Ich schaue auf das Mike Skinner-Poster über Jans Bett, auf die Leseecke mit den Prometheus-Büchern für den Medizin-Aufnahmetest und schließlich bleibt mein Blick auf dem Ibiza-Foto mit Alexander und Marcel hängen.
„Er würde sich aufregen, dass ich keine Flasche Sekt aus dem Keller mitgebracht habe“, sage ich.
Papa sieht mich an. Dann lacht er.
Papa nimmt meine Hand und es fühlt sich warm und rau an und irgendwann ist da das Geräusch eines Propellers. Das Rauschen des Flusses ist nicht zu hören.
 
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02.01.2011
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Servus @AWM,

eine gute Story.

Ich steig ein:

Er sieht sogar schlimmer aus, als Mama es mir erzählt hat.
unnötig

Hinter ihm surrt eine Überwachungskamera über dem Hauseingang.
Sind sie nicht digital mittlerweile, somit unsurrend?

„Auf mein Wetterwarnsystem ist Verlass. Im Süden erwischt es sie heute Nacht dafür richtig. Reden von einem Jahrhundertunwetter im Fernsehen.“
Evtl.: Jahrhundersturm?

Er greift nach seinem Glas, stößt es um. Der Sprudel tropft auf den Teppich.
Hebt er das Glas nicht wieder auf?

„Und du gesagt hast, das Virus kommt bald zu uns.“
„Du lässt dich hier alles Schaltjahr blicken. Und jetzt kommst du und tust, als wüsstest du alles.“
Was hat das Blickenlassen mit Wissen um Corona zu tun?

Papa wischt sich mit einer Papierserviette über die Mundwinkel, wirft sie auf seinen Teller und sieht mir in die Augen. „Ich wollte sie schützen.“
Klingt zu direkt nach dem, was der Autor an der Stelle durch den Mund des Vaters kommunizieren möchte. Vielleicht besser: »Und hatte ich nicht recht?« Oder: »Du verstehst das nicht.«

Licht flackert auf seinem Gesicht. In der Ferne zucken Blitze über den Bergen.
gefällt mir hier nicht, umständlich diese Personifikation – wieso nicht: In der Ferne blitzt es über den Bergen?

Donner rollt herüber. Er [Würde schreiben: Mein Vater ...] lässt sich in seinen Stuhl zurückfallen. Das Zucken seiner Augenbraue.

„Das zieht vorbei. Es zieht vorbei.“
Wer sagt das?

Ich gehe ans Fenster, streife mit dem Zeh über die Macke in den Dielen. Dort, wo Jan und ich als Kinder den Riesenturm mit den Holzklötzen bauten. Jan hatte die Idee, Mamas Bügeleisen draufzustellen. Ein Raumschifflandeplatz auf dem Dach. Ich war dagegen. Er stellte es trotzdem drauf. Als der Turm kippte und die Klötze in alle Himmelsrichtungen flogen und das Bügeleisen mit der Spitze auf den Holzboden krachte, erzählte ich unseren Eltern, dass wir beide die Idee gehabt hätten. Der große Bruder.
Ich lege mich in Jans Bett, verschränke meine Hände vor der Brust. Der Raum umschließt mich.
Wieso lässt du ihn hier nicht weinen? Ich finde, das würde passen. Er war lange nicht dort, der Bruder ist gestorben, er war dabei. Das ist doch sehr emotional. Würde auch die Tragweite seines Todes auf den Bruder szenisch zeigen.

Eine Stunde zu lange, ein Glas zu viel, eine Spur zu dunkel, ein falscher Schritt, ein Sturz, ein unglücklicher, das Wasser, das Rauschen des Flusses, das leere Bett, Mamas Schrei, sein Körper, der Notarzt; Papa. Das Zucken seiner Augenbraue.
Würde ich persönlich hier kicken. Man merkt die Intention des Autors. Kommt etwas Holzhammermäßig, mMn

„Das dürfte nicht hier sein.“ Papa tippt mit dem Finger auf sein Smartphone, stößt ein krächzendes Geräusch aus, zieht dabei die Mundwinkel nach unten
Würde etwas ausstoßen lassen, was man sich akkustisch vorstellen kann: ein lautes Schnauben, ein tiefes Stöhnen, ...

„Zieh dir was an“, sagt Papa und seine Stimme entgleitet
beschreibe das lieber szenisch. Wie hört sich das an, wenn seine Stimme entgleitet?

Ich folge ihm in den Keller. Aus der Werkstatt hat er einen Vorratsraum gemacht. Es riecht noch nach Metall und Sägespänen.
Besser: In der Werkstatt riecht es nach Metall und Sägespänen. Den Rest kürzen. Du beschreibst es ja danach, dass ein Vorratsraum nun dort ist. Redundant.

Er schaut in Richtung Straße. Ich folge seinem Blick. Ein Licht.
Ich würde das besser beschreiben, was der Prot dort sieht. Wie sieht das Licht aus? Woran erkennt man, dass es ein Scheinwerfer eines Autos ist? Wo befindet sich das Licht? »Ein Licht« ist ziemlich mager für so eine zentrale Szene, in der der Prot praktisch was ziemlich Krasses entscheidet, aufgrund des Lichtes, das er sieht.

„Du hast es doch gesehen.“ [, rufe ich, würde ich hinzufügen; so wird es nicht gleich klar, wer das sagt]
Er beachtet mich nicht.
Wie sieht das aus, wenn er ihn in der Situation nicht beachtet? Würde das beschreiben, nicht behaupten.

Ich betrachte seine fahrigen Bewegungen, wie er sich nach dem Sandsack buckelt, sich mit ihm abkämpft
auch hier: Wie sieht das aus, abkämpfen mit Sandsack? Beschreibe das, nicht nur behaupten

während uns das Wasser schon über die Schuhspitzen gestiegen ist und in die Kellerschächte tropft.
Woher weiß die Figur das? Wird im Text nicht ganz klar

„Bleib hier!“ Papa steht hinter mir. Seine Daumen rasen über den Bildschirm seines Smartphones. „Ich rufe die Rettung!“
Papa stapft unruhig auf der Stelle, zuckt unaufhörlich mit seiner Augenbraue.
Wasser schwappt vom Fluss auf die Fahrbahn, wird vom Wind in die Luft gehoben; zerstäubt.
„Bitte, bitte Christian, bitte.“
Sehr gut

Äste schnalzen gegen meine Wangen, schlagen Risse in die Haut
das ist ein Perspektivbruch. Er kann nicht wissen, dass die Äste, die ihn gerade schlagen, Risse in seine Haut schlagen.

Ich leuchte in den Innenraum.
Mit was?

Ihre rechte Backe hängt in Fetzen herab.
Hier muss deine Figur erschrecken. Das ist krass, sowas zu sehen, in echt, ohne, dass man darauf vorbereitet ist. Und gerade, wenn man so eine Vorgeschichte wie die mit seinem Bruder hat. Dieser Anblick muss etwas mit deinem Prot machen, muss ihm wenigstens ne Menge Adrenalin, Ohrensausen, Schwindel, Angst, irgendwas bringen; als Leser spürt man auch die Tragweite der Aktion, wenn man diese Symptome beim Prot beim Anblick hier der Backe mitbekommt. Man spürt das Existenzielle der Situation mehr.

Wasser schwappt über meine Füße [vllt. Besser: Meine Füße sind nass vom Wasser, das mir schon bis unter die Knie schwappt], rast [Wasser rast?] gegen meine Schienbeine.

Ich schlage mit den Fäusten gegen die Scheibe, bis die Haut an meinen Knöcheln platzt
dass die Haut platzt, kann er in der aufgebrachten, dunklen Nachtsituation nicht wissen, er kann höchstens den Schmerz spüren

Der Traktor pflügt durch die Fluten in unseren Hof. Die Lampen an der Holzbeig spiegeln sich auf dem Wasser. Der Regen sprenkelt die Oberfläche mit hellen Punkten.
Im Hausflur treiben Papas Arbeitsstiefel über die Treppe in den Keller hinunter. Wir schleppen die Frau ins Obergeschoss. Ich spüre, wie Papas Kraft nachlässt. Nach jeder Stufe ein Ächzen. Wir lassen sie in Jans Zimmer auf dem Teppich ab. Sie hat die Augen geschlossen. Ich schiebe ein Kissen unter ihren Kopf. Ich ziehe ihr vorsichtig die durchnässten Klamotten aus. Unter ihren Brüsten ist ein schwarzer Bluterguss bis zu ihrem Schambein gekrochen. Ich decke sie zu, lege meine Finger auf ihren Hals, spüre das zerbrechliche Pochen ihrer Schlagader, das Rauschen des Flusses.
Die Frau könnte auch etwas Aktives sagen/tun. Auch die beiden Kerle könnten mit der Frau kommunizieren, ihr sagen, sie soll wach/stark bleiben, irgendeine Interaktion fehlt mir hier noch. Auch würden die beiden irgendwas mit der abhängenden Back machen: Jacke drüber, Schal drumgewickelt. Das tut doch auch sau weh. Die Frau müsste schreien und heulen, hysterisch sein, vllt. sogar das Bewusstsein drohen zu verlieren, bei dem Schmerz

Papa stammelt. „Es hätte ein schöner Tag werden sollen.“
Gut!

Ich ziehe den Gürtel aus den Schlaufen meiner Jeans und knote ihn oberhalb der Bruchstelle um seinen Arm.
Was mir noch ein wenig fehlt im Text: Dein Prot handelt mir noch zu sehr wie Superman. Er hat überhaupt keine emotionale Regung bei all dem krassen, was passiert. Im Endeffekt – psychoanalytisch gesprochen – ist das, was hier passiert, eine Reinszinierung eines Traumatas. Dein Prot muss jetzt nicht rumheulen oder was, aber zumindest ergriffen, aufgeregt, zitternd, außer sich, am Rand sein. Er durchlebt das Trauma mit seinem Bruder praktisch ein zweites Mal. Das geht doch an die Nieren. Das muss man ein wenig mehr spüren und mitbekommen, wie sehr ihn das mitnimmt und wie sehr er sich zusammenreißt und trotzdem funktioniert.

Auch das Abbinden des Knochens hier funktioniert mir zu routiniert. Er ist doch kein Notfallsani. Da zittert man, weiß nicht, was man tun soll, versucht irgendwas. Vielleicht könnte der Vater hier auch Anweisung geben, was zu tun ist. Das würde mir gefallen und fände ich authentisch. Als Prepper hat er sich bestimmt damit auseinandergesetzt.

Und ich weiß, dass es weniger still für ihn gewesen wäre, wenn ich nicht weggezogen wäre. Und ich weiß, dass es meine Schuld ist, dass er sich den Arm gebrochen hat, weil ich es nicht geschafft habe, die Frau alleine zu retten. Und ich weiß, dass ich nicht noch einmal zu schwach sein werde.
Würde ich streichen! Wirkt viel stärker ohne

Aus meinen Hoden wälzt sich Hitze durch meinen Darm bis hoch in meine Wangen.
Was zur Hölle
Klingt crazy, aber ich würde das leider streichen ich kann mir das Gefühl schlecht vorstellen. Ich bezweifle, dass ich schon mal Hitze aus meinen Hoden durch meinen Darm habe wälzen spüren

Ich lege meine Finger auf ihre Unterlippe, ziehe sie sanft nach unten. Ich setze die Tube mit der Lösung an ihren Mund und presse die Glukose zwischen ihre Zähne. Die Flüssigkeit rinnt aus den Mundwinkeln über die Wangen, das Fleisch, in die schwarzen Locken, die an ihren Schläfen kleben.
Und dann folge ich Papas Anweisungen, gebe ihr eine zweite Tube Glukose, lege ihr Paracetamol in den Mund, eine Kompresse auf die Wunde, ziehe den Mullverband um ihren Kopf, fixiere ihn. Und irgendwann steigt die Sonne milchig hinter den Bergen in die Wolken und der Morgen legt ein ausgewaschenes Blau über die Landschaft und in Jans Zimmer.
Anstatt Sonne aufgehen würde ich einen Helikopter mit Suchlicht kommen lassen. Ist doch logischer. Der Vater hat auf jeden Fall irgendeinen Rettungsdienst angerufen. Der kommt zu spät, wegen dem krassen Sturm, aber sie würden doch sicher irgendwann kommen. Das alles könnte noch Nacht sein. Fände ich logischer

„Ich muss immer daran denken, wie es wäre, wenn Jan noch da wäre“, sagt Papa.
Das könnte er im Krankenhaus später sagen. Alter, dem Kerl steht ein Knochen raus. Das sind Hammer Schmerzen.

Ja, ich mag das Teil. Mir gefällt die emotionale Reise, die die beiden durchlaufen und die man als Leser auch spürt und mitmacht. Ich mag den Raum, den die Story den Figuren am Anfang gibt, das bahnt sich mit gutem Tempo an. Für mich wirkt das insgesamt stimmig komponiert und handwerklich gut gemacht.

Womit du deine Geschichte ins Next Level beamen würdest, wäre - meiner Meinung nach -, wenn du die Bergungsszene noch 20% ausbaust. Mir geht das ein klein wenig zu schnell. Das ist die prägende Szene deiner Geschichte. Spanne deine Leser noch mehr auf die Folter. Lass das Bergen noch ein Stück schwieriger, noch ein Stück dreckiger und noch ein Stück emotionaler werden. Da geht noch was.

Best Grüße
zigga
 
Monster-WG
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Guten Morgen @AWM

was für eine schöne Geschichte! Ich habe sie sehr gerne gelesen, sie hat mich berührt. Ich bin voll bei den Protagonisten, habe Mitgefühl. Auch das Setting stimmt. Alles toll beschrieben. Ich mag Deinen Schreibstil.

Ein paar Kleinigkeiten sind mir aufgefallen:

Papa holt das Papier, besieht es.

Das klingt seltsam.
Vorschlag: ... starrt es an / oder inspiziert es

Rosensträucher stehen meterhoch vor der Fassade, tragen faustgroße Blüten.

Vorschlag: Meterhohe Rosensträucher mit faustgroßen Blüten stehen vor der Fassade

Wir schweigen. Das Rauschen des Flusses.

Vorschlag: Wir schweigen. Da ist nur das Rauschen des Flusses.

Eine Stunde zu lange, ein Glas zu viel, eine Spur zu dunkel, ein falscher Schritt, ein Sturz, ein unglücklicher, das Wasser, das Rauschen des Flusses, das leere Bett, Mamas Schrei, sein Körper, der Notarzt; Papa.

Vorschlag: Eine Stunde zu lange, ein Glas zu viel, eine Spur zu dunkel, ein falscher Schritt, ein Sturz ....

Ein Bluterguss ist von ihren Brüsten bis zu ihrem Schambein gekrochen.

Vorschlag: Ein Bluterguss erstreckt sich von ihren Brüsten bis zum Schambein.

Ich finde das Ende schön. Teilweise ist die Geschichte melancholisch, traurig, düster - und dann wird doch alles wieder (fast) gut. Toll gemacht!

Liebe Grüße und einen schönen Tag,
Silvita
 
Wortkrieger-Team
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Hej @AWM und vielen Dank für diese komplexe Geschichte.

Du bekommst von mir einen Leseeindruck und kannst mit dem machen was du willst, denn eigentlich hatte ich weder vor, deine Geschichte mit dem negativen Titel zu lesen, noch sie zu kommentieren.

Das mag ich. Überrascht zu werden und meinen Ablauf zu durchbrechen, auf die Umstände zu reagieren und mich auf die Umwege einzulassen, daran zu wachsen und zu lernen.
Der Vater mag das nicht (mehr) so gerne und ich erfahre zwischen all dem Tempo und den Aktionen, die sich aufbauen, aneinanderreihen und mich nicht loslassen, sehr viel über ihn und würde gerne noch mehr erfahren, aber dazu lässt die Katastrophe keine Zeit. Das verstehe ich. Es hätte ein schöner Tag werden können. Wie einer von denen, als die Familie viele schöne Tage in den Bergen erlebte, als der Vater alle Tage gemeistert, alles hingekriegt hat, der Fels der Familie gewesen ist. Der Verlust des ältesten Sohnes als Bruch. Die Hast des Erzählens mag mir nicht schmecken, aber ich gestehe, das es so sein muss und ich lasse mich darauf ein und gerate nahezu außer Atem beim Lesen.

Du verpackst viel und ich erspüre so viel Unerzähltes unter der erzählten Katastrophe. Das macht Spaß, auch wenn es für deine Protagonisten traurig ist. Ich finde bestätigt, dass das Leben sich nicht lenken lässt, nicht mit Vorräten an Toilettenpapier, nicht mit Wetter-Apps, dass es immer viel von einem verlangt und uns großenteils nur reagieren lässt. Dein Protagonist hätte besser daran getan, sich weiterhin selbst zu vertrauen, seiner Frau und seinen lebenden Söhnen, ihnen jeden Tag aufs Neue einen schönen Tag machen sollen, in der die Angst vor dem Leben keine Überhand nehmen kann.

Ich schnappe nach Luft, muss daran denken, wie schön alles einmal gewesen ist, wie schön es einmal gewesen ist, als der Raum noch eine Werkstatt war mit Holzschwertern und Mopeds. Muss daran denken, wie Papa „kriegen wir hin“ sagt und den Wagenheber unter die Schwalbe schiebt, die Knarre kurbelt und das Moped aufbockt, den Schraubenschlüssel schwingt und wie der 15-jährige Jan ihn ansieht, als könne man mit Papa zusammen wirklich alles hinkriegen.

Diese Stelle „ärgert" mich, so wie mich Erklärungen im Dialog in Filmen ärgern. Ich hab das alles selbst beim Lesen gedacht. Du hast es doch so schön vorgearbeitet, mir alles bereits gezeigt.

Vor mir treibt eine Zeitschrift. Der Prepper - Magazin für Katastrophen- und Krisenfälle.
Nahezu unvorstellbar, so tauchend und in Angst das so genau zu lesen, zu bemerken, aber es passt natürlich und setzt noch eins drauf.
Ich stehe auf, öffne das Fenster zum Hof.
Es gibt nur ein Fenster zum Hof :cool: Aber okay. Ruhe kehrt ein.

Papa ist ein toller Charakter, vielfältig. Du zeigst ihn stark, fürsorglich, aber eben auch ängstlich und überreagierend. Mir fehlt ein wenig die Bindung zu seiner Frau, der Mutter seiner Söhne. Es müsste keine positive, liebende sein, aber irgendeine würde mir schon gefallen. Und für einen Moment, nachdem ich die Geschichte beendet hatte und sie in mir wirken ließ, dachte ich, vielleicht hätte ich kein Happy Ending gebraucht, vielleicht wäre sie noch stärker, wenn sie noch eins draufsetzen würden, wie das Leben es eben manchmal macht, wenn man denkt, jetzt waren es aber genug Katastrophen, jetzt ist mal jemand anderes dran und es nicht danach geht, nicht um Gerechtigkeit und Nachsehen, sondern wenns immer noch mal druffkracht.
Aber deine Version ist versöhnlich und macht Hoffnung. Ist ja auch was Schönes.

Ich werde „Außer Kontrolle“ noch ein zweites Mal lesen. Mit Abstand und kontrollierter.

Gruß. Kanji
 

AWM

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Servzus @zigga und danke für deinen Kommentar
unnötig
Hab ich gestrichen. Hatte den Satz zuerst drin, dann wieder weg und jetzt wieder drin. Frage mich immer noch, ob es den überhaupt braucht. Dachte mir aber, dass er die Motivation des Protas noch mal vorausdeutet, gerade jetzt zu seinem Vater zu fahren. Der ganz konkrete Grund ist ja der Auszug der Mutter wegen der Verschlimmerung der Zwänge des Vaters.
Sind sie nicht digital mittlerweile, somit unsurrend?
:( Ja hast recht.
Evtl.: Jahrhundersturm?
okay, mache ich.
Hebt er das Glas nicht wieder auf?
Doch schon. Dachte das funktioniert auch mit der Auslassung.
Was hat das Blickenlassen mit Wissen um Corona zu tun?
Der Vater checkt, warum der Sohn da ist. Er will ihn dazu bringen, das mit seiner Mutter in Ordnung zu bringen. Und der Sohn nimmt quasi das vorweg, was der Vater sagen will. Erhebt sich in eine Besserwisser-Position, obwohl er aus sich seines Vaters nicht darüber urteilen kann, weil er ja weggezogen ist. So war die Idee. Habe den Dialog aber in der Ursprungsfassung ausführlicher, was leider in einen Erklärdialog abdriftete. Schaue mal, dass ich einen Mittelweg finde.
Klingt zu direkt nach dem, was der Autor an der Stelle durch den Mund des Vaters kommunizieren möchte. Vielleicht besser: »Und hatte ich nicht recht?« Oder: »Du verstehst das nicht.«
Das findest du jetzt erklärend. Muss ich mir durch den Kopf gehen lassen. Das ist eben genau das, was der Vater glaubt und ich nehme es ihm schon ab, dass er das auch genau so formuliert. Es ist ja die Lüge, an die der Vater glaubt.
Wer sagt das?
Der Vater. Das sagt er ja beim ersten Mal, als dem Prota die Wolken auffallen.

Wieso lässt du ihn hier nicht weinen? Ich finde, das würde passen. Er war lange nicht dort, der Bruder ist gestorben, er war dabei. Das ist doch sehr emotional. Würde auch die Tragweite seines Todes auf den Bruder szenisch zeigen.
Okay mache ich. Lasse ihn nicht weinen, aber mache es emotionaler.
Würde ich persönlich hier kicken. Man merkt die Intention des Autors. Kommt etwas Holzhammermäßig, mMn
Nur die Augenbraue kicken oder auch das danach?
Würde etwas ausstoßen lassen, was man sich akkustisch vorstellen kann: ein lautes Schnauben, ein tiefes Stöhnen, ...
Ja, das ist nicht gut. Ändere ich.
beschreibe das lieber szenisch. Wie hört sich das an, wenn seine Stimme entgleitet?
Werd es versuchen.
In der Werkstatt riecht es nach Metall und Sägespänen. Den Rest kürzen. Du beschreibst es ja danach, dass ein Vorratsraum nun dort ist. Redundant.
Ich finde das schon wichtig, dass das da steht. Es ist ja die ins Auge springende Veränderung für den Prota eines Ortes, der ihm viel bedeutet und mit dem er viel verbindet. Auch der Geruch wäre ja so für eine Werkstatt nichts ungewöhnliches. Dass er das erwähnt hat für mich nur eine Berechtigung, weil es eben keine Werkstatt mehr ist, aber dieser Sinneseindruck geblieben ist.
Ich würde das besser beschreiben, was der Prot dort sieht. Wie sieht das Licht aus? Woran erkennt man, dass es ein Scheinwerfer eines Autos ist? Wo befindet sich das Licht? »Ein Licht« ist ziemlich mager für so eine zentrale Szene, in der der Prot praktisch was ziemlich Krasses entscheidet, aufgrund des Lichtes, das er sieht.
Mache ich.
Wie sieht das aus, wenn er ihn in der Situation nicht beachtet? Würde das beschreiben, nicht behaupten.
Mache ich auch.
Woher weiß die Figur das? Wird im Text nicht ganz klar
Ja, werde besser zeigen, wo diese Schächte sind und wie die aussehen etc. In meinem Kopf sind diese Schächte vor dem Haus vor dem Rasen und das habe ich nicht geschrieben ...
das ist ein Perspektivbruch. Er kann nicht wissen, dass die Äste, die ihn gerade schlagen, Risse in seine Haut schlagen.
Hast recht
Mit was?
Mit der Lampe seines Smartphones, die er davor schon nutzt.
Dieser Anblick muss etwas mit deinem Prot machen, muss ihm wenigstens ne Menge Adrenalin, Ohrensausen, Schwindel, Angst, irgendwas bringen; als Leser spürt man auch die Tragweite der Aktion, wenn man diese Symptome beim Prot beim Anblick hier der Backe mitbekommt. Man spürt das Existenzielle der Situation mehr
Verstehe deinen Standpunkt schon. Für mich ist die Reaktion, aber da. Er hämmert gegen die Scheibe, bis seine Knöchel bluten (was ich streichen werde), ist ohnmächtig, etwas zu tun, schreit nach seinem Vater etc.
dass die Haut platzt, kann er in der aufgebrachten, dunklen Nachtsituation nicht wissen, er kann höchstens den Schmerz spüren
Hast recht
Die Frau könnte auch etwas Aktives sagen/tun. Auch die beiden Kerle könnten mit der Frau kommunizieren, ihr sagen, sie soll wach/stark bleiben, irgendeine Interaktion fehlt mir hier noch. Auch würden die beiden irgendwas mit der abhängenden Back machen: Jacke drüber, Schal drumgewickelt. Das tut doch auch sau weh. Die Frau müsste schreien und heulen, hysterisch sein, vllt. sogar das Bewusstsein drohen zu verlieren, bei dem Schmerz
Baue ich ein.

Auch das Abbinden des Knochens hier funktioniert mir zu routiniert. Er ist doch kein Notfallsani. Da zittert man, weiß nicht, was man tun soll, versucht irgendwas. Vielleicht könnte der Vater hier auch Anweisung geben, was zu tun ist. Das würde mir gefallen und fände ich authentisch. Als Prepper hat er sich bestimmt damit auseinandergesetzt
Hm. Ich frage mich bei sowas immer, was ich machen würde. Und ich würde da schon das mit meinem Gürtel abbinden, ohne dass es mir jemand sagen müsste. Es wird aber in einem Satz abgehandelt und wirkt dadurch so beiläufig und trivial. Das ändere ich und mache es intensiver. Später, wenn er die Notfallbox nutzen muss, macht er das ja auf die Anweisungen des Vaters, der das Wissen hat, wie man so ein Tourniquet benutzt und dass man bei Blutverlust eigentlich nur Glukose geben kann in soner Situation etc.
Würde ich streichen! Wirkt viel stärker ohne
Mache ich
Ich bezweifle, dass ich schon mal Hitze aus meinen Hoden durch meinen Darm habe wälzen spüren
Passiert mir andauernd. Ein herrliches Gefühl ;)
Anstatt Sonne aufgehen würde ich einen Helikopter mit Suchlicht kommen lassen. Ist doch logischer. Der Vater hat auf jeden Fall irgendeinen Rettungsdienst angerufen. Der kommt zu spät, wegen dem krassen Sturm, aber sie würden doch sicher irgendwann kommen. Das alles könnte noch Nacht sein. Fände ich logischer
Ja, es ist ja der Helikopter, der am Schluss kommt, als sich der Sturm gelegt hat. Der Unterschied wäre nur, ob es am Morgen oder in der Nacht ist. Vielleicht ist das mit dem Morgen ein wenig kitschig?
Das könnte er im Krankenhaus später sagen. Alter, dem Kerl steht ein Knochen raus. Das sind Hammer Schmerzen.
Ne, ich möchte die Location nicht wechseln. Bei Blutverlust werden die Leute auch irgendwann ruhig und wenn es ganz schlimm wird apathisch. Auch davor glaube ich, dass man nicht die ganze Zeit schreit und sich vor Schmerzen windet. Der Arm ist durch das Tourniquet ja komplett abgebunden. Er ist ja auch extrem aufgewühlt, in einer absoluten Ausnahmesituation, voller Adrenalin. Mit der Argumentation könnte man auch sagen, dass er draußen schon schreien müsste und nicht handlungsfähig wäre.
wenn du die Bergungsszene noch 20% ausbaust. Mir geht das ein klein wenig zu schnell. Das ist die prägende Szene deiner Geschichte. Spanne deine Leser noch mehr auf die Folter. Lass das Bergen noch ein Stück schwieriger, noch ein Stück dreckiger und noch ein Stück emotionaler werden. Da geht noch was.
Ich schreibe heute weiter und baue aus. Soll ca zwei Seiten länger werden.
Gruß
AWM

Hallo @Silvita und vielen Dank für deinen Kommentar
Ich habe sie sehr gerne gelesen, sie hat mich berührt. Ich bin voll bei den Protagonisten, habe Mitgefühl. Auch das Setting stimmt. Alles toll beschrieben. Ich mag Deinen Schreibstil.
Danke!
Vorschlag: ... starrt es an / oder inspiziert es
Ich glaube, dass das auch ganz weg kann, weil es ja klar ist, dass er sich den Test ansieht.
Eine Stunde zu lange, ein Glas zu viel, eine Spur zu dunkel, ein falscher Schritt, ein Sturz
Hast recht
Ich finde das Ende schön. Teilweise ist die Geschichte melancholisch, traurig, düster - und dann wird doch alles wieder (fast) gut. Toll gemacht!
Dankeschön :)
Gruß
AWM

Hallo @Kanji und vielen Dank für deinen Kommentar
Du bekommst von mir einen Leseeindruck und kannst mit dem machen was du willst, denn eigentlich hatte ich weder vor, deine Geschichte mit dem negativen Titel zu lesen, noch sie zu kommentieren.
Umso besser :) Habe mich sehr über deinen Kommentar gefreut. Dachte auch nach diesem Einstieg, dass er nicht so positiv ausfällt.
Die Hast des Erzählens mag mir nicht schmecken, aber ich gestehe, das es so sein muss und ich lasse mich darauf ein und gerate nahezu außer Atem beim Lesen.
Ich will die Geschichte noch ein wenig ausbauen und um zwei Seiten verlängern. Das betrifft noch ein wenig die Vorarbeit und dann auch die Action später.
Ich finde bestätigt, dass das Leben sich nicht lenken lässt, nicht mit Vorräten an Toilettenpapier, nicht mit Wetter-Apps, dass es immer viel von einem verlangt und uns großenteils nur reagieren lässt. Dein Protagonist hätte besser daran getan, sich weiterhin selbst zu vertrauen, seiner Frau und seinen lebenden Söhnen, ihnen jeden Tag aufs Neue einen schönen Tag machen sollen, in der die Angst vor dem Leben keine Überhand nehmen kann.
Hat mich sehr gefreut, dass du die Prämisse des Textes so klar ausformulieren kannst. Das war mein erster Text, den ich wirklich geplottet habe mit allem drum und dran (Prämisse vorab formulieren etc.). Gleichzeitig war es der Text, der mir bisher am schwersten fiel. Ist schön zu sehen, dass das dann aufgeht.
Diese Stelle „ärgert" mich, so wie mich Erklärungen im Dialog in Filmen ärgern. Ich hab das alles selbst beim Lesen gedacht. Du hast es doch so schön vorgearbeitet, mir alles bereits gezeigt.
Findest du, dass ich sie ganz weglassen sollte? Jetzt finde ich beim Lesen das mit "dass man mit Papa alles hinkriegen kann" ein wenig drüber und zu deutlich. Ich finde aber irgendwie schon, dass es so eine Stelle braucht. Es scheint ja alles verloren und dann kommt er durch diese Erinnerungen auf eine Lösung, sich aus dem scheinbar Auswegslosen zu retten.
Nahezu unvorstellbar, so tauchend und in Angst das so genau zu lesen, zu bemerken, aber es passt natürlich und setzt noch eins drauf.
Hast recht. Das sind so Stellen, die ich auch noch klarer ausformulieren muss. Er ist da wieder auf der Treppe, die natürlich auch unter Wasser steht, aber er ist nicht mehr unter Wasser. Trotzdem ist es auch so, dass man in der Hektik und allem das wahrscheinlich nicht so genau lesen würde. Vielleicht nehme ich es auch ganz raus. Es sollte so ein kleiner auflockernder Gag sein. Weiß nicht, ob es das braucht.
Es gibt nur ein Fenster zum Hof :cool: Aber okay. Ruhe kehrt ein.
Auch das werde ich besser beschreiben.
Mir fehlt ein wenig die Bindung zu seiner Frau, der Mutter seiner Söhne. Es müsste keine positive, liebende sein, aber irgendeine würde mir schon gefallen.
Ja, kann ich verstehen. Ich dachte mir das auch. Ich weiß im Moment nur nicht, wie ich diese Beziehung "gewinnbringend" in die Geschichte einbauen soll. Ich habe die Mutter im Moment eigentlich nur drin, weil sie der unmittelbare Grund für den Protagonisten ist, zu seinem von der Welt abgekapselten Vater zu fahren und eben zeigt, wie sich seine Vorbereitungen auf die Gefahren des Lebens zu einem Nicht-Leben entwickelt haben.
Und für einen Moment, nachdem ich die Geschichte beendet hatte und sie in mir wirken ließ, dachte ich, vielleicht hätte ich kein Happy Ending gebraucht, vielleicht wäre sie noch stärker, wenn sie noch eins draufsetzen würden, wie das Leben es eben manchmal macht, wenn man denkt, jetzt waren es aber genug Katastrophen, jetzt ist mal jemand anderes dran und es nicht danach geht, nicht um Gerechtigkeit und Nachsehen, sondern wenns immer noch mal druffkracht.
Ja, so ein richtiges Happy End ist es ja nicht. Zwischen Vater und Sohn schon. Aber die Frau stirbt ja und der Sohn belügt seinen Vater ja quasi um ihn zu retten. Er tut so, als wäre sie nicht tot und verarztet eine Leiche mit dem Wissen des Vaters, um ihm nicht wieder das Gefühl von Ohnmacht zu geben. Die physische Rettung des Vaters ist also ein Happy End. Aber die "psychische" ist erst mal eine Lüge.
Gruß
AWM
 
Wortkrieger-Team
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Hej @AWM, das macht jetzt aber Spaß, vor allem weil ich merke, dass ich gar nicht kapiert habe, dass die Frau tot ist. Ich hab dem Buben so auf die Finger geschaut - er hat medizinische Kenntnisse, nicht wahr - dass ich annahm, sie wäre bewusstlos oder beruhigt. Ihr Tod macht natürlich mehr Sinn. Diese Textstelle, gefällt mir dennoch gut, weil sie auch sprachlich passend ist, du hast sie gut umgestellt und natürlich spüre ich jetzt, wo ich nicht mehr zwischen den Fluten zu ersaufen drohe, dass diese Frau mit den schwarzen Locken nicht mehr lebt. Wie gut du das hingekriegt hast!

Dachte auch nach diesem Einstieg, dass er nicht so positiv ausfällt.
Überraschung :D

Findest du, dass ich sie ganz weglassen sollte? Jetzt finde ich beim Lesen das mit "dass man mit Papa alles hinkriegen kann" ein wenig drüber und zu deutlich. Ich finde aber irgendwie schon, dass es so eine Stelle braucht. Es scheint ja alles verloren und dann kommt er durch diese Erinnerungen auf eine Lösung, sich aus dem scheinbar Auswegslosen zu retten.
Ja. Zumindest in dieser Form. Ich verstehe, dass du den Sohn das denken lassen willst. ‚Das kriegen wir hin‘ ist aber in meiner Erinnerung geblieben, als die Schwalbe den Geist aufgegeben hat und ich habe den Vater von Anfang an genau so eingeschätzt. Die Betonung klingt dennoch für mein Empfinden zu bunt. Ich spüre Mitgefühl und Kraft, aber er ist eben auch bloß ein junger Mann, der tragisch seinen Bruder verloren hat, der seine Mutter aufgenommen hat, der versucht, seinen Vater zu retten, mei, da muss er aber noch mal ... hier ... wie sauer werden oder irgendetwas Ambivalentes , damit ich den richtig mögen kann, den toll finde, damit das Gewicht verteilt ist, weil er ja auch nur aus ... Mensch ist. :D Sonst denke ich an die Bücher, die meine Mutter liest. Das will ich hier nicht!
Es sollte so ein kleiner auflockernder Gag sein.
Ach! So hab ich das erst recht nicht gelesen. Braucht es gar nicht. Alles nicht komisch, was der arme Kerl da zu wuppen hat. Galgenhumor müsste da wohl schärfer formuliert werden.
Ich habe die Mutter im Moment eigentlich nur drin, weil sie der unmittelbare Grund für den Protagonisten ist, zu seinem von der Welt abgekapselten Vater zu fahren und eben zeigt, wie sich seine Vorbereitungen auf die Gefahren des Lebens zu einem Nicht-Leben entwickelt haben.
Da rudere ich zurück. Du hast recht. Es geht hier nur um den Vater, den Sohn und das Leben, und wie du sagst Nicht-Leben. Mutter hat ja reagiert und ist weggegangen. Das genügt wirklich.

Ja, so ein richtiges Happy End ist es ja nicht. Zwischen Vater und Sohn schon. Aber die Frau stirbt ja und der Sohn belügt seinen Vater ja quasi um ihn zu retten.
Das ist ein Aspekt und da ich die Frau ja gar nicht kenne, außer ihre Haarfarbe, geht mir das nur semi nahe. Die Lüge, um den Vater zu schützen ist eher happyendingtauglich. Beim Lügen liegt man mitunter gar nicht so falsch, schon etymologisch. :D
Die physische Rettung des Vaters ist also ein Happy End. Aber die "psychische" ist erst mal eine Lüge.
Auf jeden Fall. Das sehe ich genauso. Deswegen lese ich das Ende eben insgesamt als ein glückliches, was ja wunderbar ist, weil auch ich als Leser zur Ruhe komme und all dem, was geschehen ist, etwas Positives abgewinnen kann. Du schaffst damit einen Neuanfang, den ich mir zurechtlege. Für den Vater, den Sohn und möglicherweise, wenn ich ganz bedürftig bin, hole ich die Mutter noch zurück. ;) Vielleicht wäre es anders cooler und würde der Prämisse mehr entsprechen. Aber was weiß ich schon.:lol:

Gruß. Kanji
 

AWM

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26.03.2018
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Hey @Kanji schön, dass du dich noch einmal gemeldet hast
Diese Textstelle, gefällt mir dennoch gut, weil sie auch sprachlich passend ist, du hast sie gut umgestellt und natürlich spüre ich jetzt, wo ich nicht mehr zwischen den Fluten zu ersaufen drohe, dass diese Frau mit den schwarzen Locken nicht mehr lebt. Wie gut du das hingekriegt hast!
Ich hab jetzt trotzdem ein ganz bisschen deutlicher gemacht, dass sie tot ist. Will es aber weiterhin im Vagen lassen, weil es zu seiner Reaktion und seinem Verhältnis zum Vater passt.
Ja. Zumindest in dieser Form.
Auch diese Stelle habe ich gekürzt und das mit dem Hinkriegen gestrichen.
Ach! So hab ich das erst recht nicht gelesen. Braucht es gar nicht. Alles nicht komisch, was der arme Kerl da zu wuppen hat. Galgenhumor müsste da wohl schärfer formuliert werden.
Hab die Stelle ein wenig ausgebaut. Lasse mir noch paar Tage Zeit. Denke, dass ich sie einfach streichen werde.

Gruß
AWM
 
Wortkrieger-Team
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04.03.2018
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Hey @AWM,
für mich völlig unverständlich, dass dein Text bisher so wenig Resonanz hervorruft. Für mich persönlich der beste, komplexeste Text, den ich bislang von dir gelesen habe und das waren ja einige.
Vor der Garage steht der alte Hanomag-Traktor, mit dem wir in vergangenen Sommern die Äpfel und Birnen eingebracht haben. Papa hat ihn hergerichtet. Sein Lack strahlt indigoblau, sein Anhänger feuerrot. Das Haus ist frisch gestrichen. Die Lasur glänzt in der Herbstsonne. Rosensträucher stehen meterhoch vor der Fassade, tragen faustgroße Blüten. In die Einfahrt hat Papa neuen Splitt gekippt und gleichmäßig verteilt. Der Rasen vor dem Haus ist gemäht. Nur vor dem Fluss, der das Grundstück begrenzt, stehen die Gräser wild und hoch.
Das ist schon sehr gut gemacht, lieber AWM, wie Du anfangs die bestehende Ordnung schilderst, wie der Vater versucht, die Welt zu kontrollieren, Kameraüberwachung, Coronatest, Desinfektionsmittel, Keller voller Vorräte. Und dann die leise Andeutung des drohenden Kontrollverlustes durch die hoch und wild stehenden Gräser, sehr geschickt (auch wenn ein wenig die Konstruktion der überspitzten Heile-Welt-Darstellung als Kontrast-Leinwand für das spätere Geschehen durchschimmert).

Auf dem Esstisch steht ein Glas Essiggurken, Blut- Leber- und Grützwurst in Dosen, Zwetschgenkuchen, Sprühsahne. Eiskristalle säumen die Ränder der Zwetschgen.
Sehr treffsicher dargestellt. Sowas will ich lesen.

und alles in der Schwebe ist, weil der Notarzt da ist und so gefasst tut und es noch nicht gesagt hat. Das Dazwischen, bevor der Tod ins Leben bricht.
Das ist stark.

„Weißt du noch, als sie das erste Mal was zu Corona gesendet haben?“, fragt er.
„Und du gesagt hast, das Virus kommt bald zu uns.“
„Du lässt dich hier alles Schaltjahr blicken. Und jetzt kommst du und tust, als wüsstest du alles.“
Die dritte Zeile hängt für mich etwas in der Luft, da fehlt mMn etwas Dialog-Strecke dazwischen.

Sie tragen Blumenketten um den Hals und halten Long Island-Cocktails in die Kamera. Tim und Marcel sind jetzt im vierten Semester.
Fein erzählt.

Der Raum umschließt mich. Ich ziehe die Decke übers Gesicht, achte darauf, wie sich mein Atem im Stoff verteilt, sich warm um Nase, Mund und Wangen legt.
Da bin ich bei deiner "Versteckt" Geschichte (hieß die eigentlich schon immer so?), diese spezielle Innensicht, das kannst du einfach.

Auch diese Verschachtelungen, wie die im Anschluss dann, finde ich sehr gelungen, so kurze Schlaglichter in andere Gedankengänge und Erinnerungen. Das verbreitert den Text, ohne ihn zu verlangsamen.

wo früher die Werkbank war, stehen Sandsäcke neben einem Dieselgenerator.
echt, die stehen die Sandsäcke? Oder liegen die gestapelt aufeinander?

Wir lassen sie in Jans Zimmer auf dem Teppich ab.
Echt, macht man das so? Auf den Teppich legen, wenn direkt daneben ein Bett steht?

Schweiß dringt aus ihren Poren, sammelt sich im Dekoltee
Wat fürn Tee? Augenkrebs. :D Schau mal Dekolleté.

Aus meinen Hoden wälzt sich Hitze durch den Darm bis hoch in die Wangen.
Im ersten Moment schwer nachzuvollziehen, aber dennoch gut, weil es das "Mir dreht sich der Magern um", das man so häufig liest, präziser und anders fasst.

Und irgendwann ist da das Geräusch eines Propellers und das Rauschen des Flusses nicht zu hören.
Guter letzter Satz, die Rückkehr der Kontrolle naht.

Das, was dein letzter Text für mich alles mitbrachte, den Erzähler, der keinen Einfluss auf den Plot hat, die Stirnrunzler ob der tumben Reaktionen der Bauwagentruppe, die wenig authentisch wirkende Selbsterniedrigung, all das ist hier wie weggeblasen. Der Text ist für mich klug erdacht, viele tolle Details sind mit feinem Pinsel eingefügt, Einiges wird angedeutet und später in der Handlung aufgegriffen wie die Boxen im Keller, oder der Hanomag-Trecker. Das ist alles mit sicherer Hand geschrieben. Du schilderst das Wiedererleben eines Traumas unter geänderten Vorzeichen, aber es steckt neben schmerzlichen Verlusten auch die Hoffnung der Überwindung darin. Und auf dem Weg dahin wird eine bittere Lektion gelernt: alle Absicherungen und Schutzmaßnahmen können nicht verhindern, dass das Schicksal zuschlägt. Denn auch, wenn alles versucht wird, die Risiken zu minimieren, um nicht verletzt oder überrumpelt zu werden, lässt sich das Leben nicht zum Stillstand in einer sicheren Blase runterdimmen, es fordert seinen Platz.
Zwischen den Zeilen las ich den Tod der Frau, sie wird blau im Gesicht und der Prota übernimmt die Vaterrolle, zeigt die "Kriegen wir hin"-Zuversicht aus der Fürsorge heraus, die er für den Vater empfindet. Er will ihm die Wahrheit nicht zumuten und verarztet die Tote, das ist stark.
Schön gezeigt auch der Dazwischen-Zustand, der zweimal diese Leere vor dem Wechsel in ein neues Bewusstsein markiert. Eine Geschichte mit Tiefgang, die mich berührt hat.
Sehr gerne gelesen.

Peace, linktofink
 
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10.09.2016
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Lieber @AWM ,

das ist jetzt der zweite Anlauf. Irgendwie bin ich diesmal etwas lahm. Die Story habe ich zweimal durchgelesen, also nur insofern ein verwaschener Leseeindruck, als die Story es leichter hatte, verstanden zu werden, als beim einmaligen Lesen
Mini-Anekdote, dann Verschonung: Letztes Jahr Weihnachten war ich zu Hause, Vater panisch, hat Buch von Friedrich/Weig gelesen, will Gold kaufen, die Apocalypse naht. Ich: Prepper-Geschichte geschrieben, vieles bagatellisiert, nicht hochgeladen aus Angst, dem Thema nicht gerecht zu werden. Durchsage fertig. Ich denke dieses Thema schwirrt gerade so herum, ist reif zum Gepflücktwerden :) Ich finde, das Prepperding bist du (anfangs) ganz sachte angegangen. Die guten VorrednerInnen haben schon Stellen rausgeschrieben, an denen etwa medizinische Kenntnisse recherchiert wirken. Ansonsten, finde ich, machst du hier vieles richtig, was das angeht. 'Echte' Details wie das mit dem vereisten Zwetschgenkuchen färben auf das Fiktionale ab. Geben dem eine stilistische Stabilität.

Es passiert viel. Die Preppergeschichte, dann das mit dem Sohn, dann der Jahrhundertsturm. Ich sehe an den Reaktionen in den Kommentaren, dass viele gut reinkommen. Ich finde, du schreibst sehr anschaulich und auch im AWM-Stil, wodurch ich da mitgehe. So ganz geschaffen, komme ich mir für das Thema trotzdem nicht vor. Weil das vielleicht was Persönliches ist, nur kurz: Mir persönlich werden da zu viele Dinge zusammengegossen. Beim Reinkommen habe ich die klaren, detailreichen Beschreibungen genossen. Dann kam die Prepper-Story und vielleicht, weil ich so etwas selbst mal recherchiert und geschrieben habe, kam mir das so bekannt schon und vorgezeichnet vor. Dann kam das mit dem Sohn und ich dachte mir halt, ein bisschen viel jetzt, hätte das mit dem Preppen nicht gereicht? Und dann kam der Jahrhundertsturm, ich war weg von beiden Themen und trotzdem hast du es ja geschafft, das zusammenzuzurren als ein Wiedererleben schmerzlicher Erfahrung und so eine Lehre von 'wenn der wahre Sturm kommt, hilft auch das Preppen nichts'. Letzte paar Sätze dazu: Es kam mir etwas voll vor. Ich hätte den gestorbenen Sohn nicht gebraucht. Interessanter fand ich das Verhältnis zum Vater. Vielleicht mit ein bisschen weniger Prepper-Überzeichnung, ich weiß sogar nicht mal, ob es das Wort in der Story überhaupt bräuchte. Auch der 'Jahrhundertsturm' der mir mehr wie ein Jahrtausendsturm vorgekommen ist :p hätte für mich gerne weniger Druck auf die Tube, bisschen weniger Sintflut und Helikopter bekommen dürfen. Was ich wiederum cool finde: dass es für mich durch den Helikoptereinsatz und auch die Sintflut so etwas von einem wüsten Traum bekam; ein Ereignis, dass es so in seinem Drama unwahrscheinlich wirkt, was aber nochmal den Fokus auf die Bedeutung der Geschichte als Sinnbild verschiebt.

Noch ein paar Details

Jan heulte vor Wut.
„Kriegen wir hin“, sagte Papa.

fand ich schön.

Sie Ein

Wort zu viel

Die Frau windet sich wie in einem Fiebertraum, Schweiß dringt aus ihren Poren

Finde den Vergleich etwas lahm. Dass der Schweiß aus den Poren dringt, klingt für mich sehr technisch.

sammelt sich im Dekoltee, den Schlüsselbeinmulden

bei den vielen guten Details gibt es so kleine Stellen, wo es mir zu viel ist, wo ich mir denke, das soll der jetzt beobachten und diese Worte und körperlich, räumlichen oder technischen Verortungen dafür verbalisieren?

zerbrechliche Pochen

zerbrechlich passt in materieller Hinsicht für mich nicht zum Pulsieren. Es geht dann schnell Richtung Metapher. Wenn es wirklich unregelmäßig oder schwach ist (kenne mich da en Detail nicht aus), dann würde ich das auch so schreiben.

wie ein abgebrochener, von der Sonne gebleichter Ast

Übertriebene Beschreibung finde ich. Knochen werden auch häufiger mit gebleichten Ästen verglichen, aber so in der Situation. "Och, dem ragt gerade ein Knochen aus dem Arm. Das erinnert mich ein wenig an meinen letzten Herbstspaziergang." Außerdem müsste der doch zumindest feucht glänzen, oder? Wenn nicht sogar von Blut, Fleisch (Knochenmark?) gefärbt.

Da drin sind Glukose-Lösungen. Das musst du ihr geben

Ist das wesentlich was anderes als jemandem eine Tüte Zucker geben? Falls ja, würde ich das Tütchen Zucker nehmen, um dem Vater seinen traktormäßigen Pragmatismus zu lassen und es auch nicht zu sehr zu technisieren.

Bleib dran. Finde es gut, dass du hier so einen Transfer aus persönlichen, fast biografisch wirkenden Elementen und Fiktion bringst.

Beste Grüße
Carlo
 
Mitglied
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09.12.2019
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Hi @AWM ,

es ist die erste Geschichte, die ich von dir gelesen habe und sie hat mich (im positiven Sinne) direkt mitgenommen.

Es ist zwar ein längerer Text, dennoch gelingt es dir m.E. schon in den ersten Sätzen, das Verhältnis zwischen Vater und Sohn zu vermitteln. Für mich zugleich distanziert, aber auch der Wunsch nach Nähe. Die gemeinsamen Erinnerungen, die schönen, aber auch der Tod des Sohnes/Bruders.

Sehr gut finde ich auch zum Ende hin, dass es zugleich um Leben und Tod geht. Die Rettung der Frau, aber der Tod des Vaters. Geschickt aufgebaut und formuliert!

Hat mir sehr gut gefallen, die Geschichte hat auf jeden Fall eine deutliche emotionale Wirkung!

Zum Text:

„Mein Großer“, sagt er. Dann: „Hast du den Test dabei?“
"Dann" könntest du streichen

Hinter ihm blinkt das Lämpchen einer Überwachungskamera über dem Hauseingang.
überm (so schreibst du auch zu Beginn)

Sein Lack strahlt indigoblau, sein Anhänger feuerrot.
würde "der" statt "sein" schreiben

Der Rasen vor dem Haus ist gemäht.
vorm

Wir schweigen. Das Rauschen des Flusses.
Ich finde diese Formulierung grundsätzlich gut, aber zu Beginn wirk es etwas "fremdartig", wenn diese Aussage so alleine steht. Also nur als Hinweis.

Ich lasse meinen Blick über die Wiesen schweifen, die sich bis an die Füße der Berge erstrecken, lasse ihn leiten von den Apfel- und Birnenbäumen hin zu unserem Grundstück; bis ich beim Fluss lande.
würde einen Punkte statt dem Semikolon setzen

Wie sie Jans Körper aus dem Wasser ziehen, die Locken auf der Haut kleben und alles in der Schwebe ist, weil der Notarzt da ist und so gefasst tut und es noch nicht gesagt hat.
Vorschlag:
Ein Punkt hinter "ist", dann:
"Der Notwarzt ist da, tut so gefasst, hat es noch nicht gesagt."

„Weißt du noch, als sie das erste Mal was zu Corona gesendet haben?“, fragt er.
"fragt er" würde ich hier streichen, hattest du kurz zuvor schon

Er stellte es trotzdem drauf. Als der Turm kippte und die Klötze in alle Himmelsrichtungen flogen und das Bügeleisen mit der Spitze auf den Holzboden krachte, erzählte ich unseren Eltern, dass ich die Idee gehabt hätte.
Vorschlag für den abschließenden Nebensatz: ",... ich hätte die Idee gehabt."

Eine Stunde zu lange, ein Glas zu viel, eine Spur zu dunkel, ein falscher Schritt, ein Sturz, das Wasser, das Rauschen des Flusses, das leere Bett, Mamas Schrei, sein Körper, der Notarzt; Papa. Das An- und-Aus der Wasserhähne, Klacken der Lichtschalter, das Verbot von Kerzen im Haus, die Wasseraufbereitungsanlage, der Waffenschrank. Das Rauschen des Flusses.
Finde ich sehr gut und eindringlich formuliert!

Ich wache auf, weil Regen auf das Dach prasselt.
Ich wache auf, Regen prasselt auf das Dach.

Ich wache auf, weil Regen auf das Dach prasselt. Ein Blitz erhellt das Zimmer. Der Donner folgt fast gleichzeitig. Ich schlüpfe in meine Hausschuhe, knipse das Licht an und gehe die Treppe hinunter.
Vielleicht kann der abschließende Satz anders beginnen?

„Das dürfte gar nicht hier sein“, flüstert er vor sich hin.
"vor sich hin" würde ich streichen

„Zieh dir was an“, sagt Papa und seine Stimme entgleitet.
ein Komma statt "und"

Auf den Plastikboxen kleben Plaketten: Antibiotika, Antihistaminika, Notfälle, Desinfektionsmittel, Mund-Nasen-Schutze und weiß Gott noch was alles.
heißt es so in der Mehrzahl ... ?

Ich ziehe den Jackenkragen über den Mund; sauge den Geruch des Stoffes ein. Ich gehe auf die Brücke. Das Rauschen ist ohrenbetäubend.
Wortwiederholung

In der Ferne stehen die Berge schwarz vor dem Himmel.
vorm

Seine Daumen rasen über den Bildschirm seines Smartphones.
des

Wasser schwappt vom Fluss auf die Fahrbahn, wird vom Wind in die Luft gehoben; zerstäubt.
"und" statt dem Semikolon

Der Ast hat sich durch den Airbag neben ihren Kopf in die Lehne gebohrt.
ihrem (?)

Die Frau lässt den Kopf zur Seite in den Kegel meiner Lampe gleiten.
"Kopf" hattest du kurz zuvor schon, also vielleicht stattdessen "Gesicht" ?

Sie trägt einen Jägerhut, schwarze Locken kleben auf ihren Schläfen.
an den

Ihre rechte Backe hängt in Fetzen herab.
Oder die Wange?

Ich reiße an der Klinke. Die Tür bewegt sich keinen Millimeter. Sie steht schief, das Blech ist eingedrückt. Ich schlage mit den Fäusten gegen die Scheibe, bis mir der Schmerz über die Sehnen in die Armbeugen zieht.
Wasser schwappt über meine Füße, strömt gegen meine Schienbeine; der Fluss ist gekommen.
Ich schreie, schreie „Papa“ in die tobende Nacht,
Wortwiederholung

Bei jedem Schritt droht das Wasser, uns die Beine wegzuziehen.
Bin nicht sicher, ob hier ein Komma richtig ist ...

Der Traktor pflügt durch die Fluten in unseren Hof. Die Lampen an der Holzbeig spiegeln sich auf dem Wasser. Der Regen sprenkelt die Oberfläche mit hellen Punkten.
"Der" im letzten Satz würde ich weglassen.

Wir schleppen die Frau ins Obergeschoss. Ich spüre, wie Papas Kraft nachlässt. Nach jeder Stufe ein Ächzen. Wir lassen sie in Jans Zimmer auf dem Teppich ab.
Wortwiederholung

Sie Ein Bluterguss ist von den Brüsten bis zu ihrem Schambein gekrochen.
Ein Wort zuviel

Die Frau windet sich wie in einem Fiebertraum, Schweiß dringt aus ihren Poren, sammelt sich im Dekoltee, den Schlüsselbeinmulden. Ich wende die Decke, lege sie mit der trockenen Seite auf die Frau, presse meine Finger auf ihren Hals, spüre das zerbrechliche Pochen ihrer Schlagader, das Rauschen des Flusses.
vielleicht kannst du einmal "die Frau" ersetzen ;
den Poren ;
der Schlagader ;
ich würde einen Punkt nach "Schlagader" setzen

Ich ziehe den Knoten zu. Papa schreit auf.
„Bleib hier sitzen“, sage ich und stehe auf.
das erste "auf" würde ich streichen

Ich schwimme an die Stelle, wo früher die Werkbank stand, tauche ab. Der Schein meiner Lampe: ein geplatztes Licht. Ich taste vor mich, spüre die Jute der Sandsäcke, das Metall eines Spatens, die Lamellen eines Rechens; die Knarre des Scherenhebers.
Ich schiebe ihn in den Spalt zwischen Tür und Rahmen, lege den Kopf in den Nacken. Meine Nasenspitze berührt fast die Decke. Ich nehme kurze, schnelle Atemzüge. Das Wasser schwappt mir in die Mundwinkel. Die Knarre liegt kantig und kalt in meiner Hand. Ich kurbele, bis ich ein Krachen spüre, sich der Widerstand löst, tauche unter dem Türrahmen in den Vorraum, erreiche die Treppe, schnappe nach Luft, die sich feucht und kalt in meine Lungen legt.
Wortwiederholung

Papa kaut auf dem Inneren seiner Backe herum. Sein Gesicht ist ganz bleich.
Wange ; "ganz" würde ich streichen

Ich stelle die Box vor ihm ab.
Ich bücke mich zu ihm, fixiere seinen Blick.
Das zweite "Ich" würde ich streichen

Ich wühle in der Box, finde die schwarze Tasche mit der Aufschrift. Das Ding sieht aus wie ein Blutdruckmessgerät. An dem schwarzen Riemen ist ein Metallstift angebracht. Ich lege den Riemen um Papas Arm. Er verzieht das Gesicht, saugt Luft durch die geschlossenen Zähne.
„Finger auf mein Handgelenk. Dreh den Stift, bis du keinen Puls mehr fühlst.“
Ich drehe, der Riemen zieht sich um Papas Arm, der Stoff seiner Hacke quillt unter den Rändern hervor.
Wortwiederholung - sorry, wenn es nervt, ich erwähne es trotzdem :gelb:

Papas Augen als sie Jans Körper in den Rettungswagen schieben, als er an Mama und mir vorbeigeht hoch ins Haus.
„Kriegen wir hin“, sage ich. Ich lächle.
Komma nach "Augen" ; Punkt nach "schieben" ; Komma nach "vorbeigeht"

Ich ziehe ihre Unterlippe sanft nach unten, setze die Tube mit der Lösung an ihren Mund und presse die Glukose zwischen ihre Zähne.
den Mund ; die Zähne

Ich sauge die feuchte Luft ein, schließe die Augen und das Morgenlicht malt Schlieren hinter meine Lider.
Vorschlag:
Ich sauge die feuchte Luft ein und schließe die Augen. Morgenlicht malt Schlieren hinter meine Lider.

Und irgendwann ist da das Geräusch eines Propellers und das Rauschen des Flusses nicht zu hören.
Vorschlag:
Und irgendwann ist da das Geräusch eines Propellers. Das Rauschen des Flusses ist nicht zu hören.

Eine spannende und fesselnde Geschichte, vielen Dank hierfür!

Viele Grüße,
Rob
 
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AWM

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26.03.2018
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Servus @linktofink und vielen Dank für deinen tollen, aufbauenden Kommentar. Hast alles so gelesen, wie ich es intendiert hatte :)
Für mich persönlich der beste, komplexeste Text, den ich bislang von dir gelesen habe und das waren ja einige.
Dankeschön!
Die dritte Zeile hängt für mich etwas in der Luft, da fehlt mMn etwas Dialog-Strecke dazwischen.
Das hat @zigga auch schon angemerkt. Ich werde da noch ein wenig mehr Dialog bringen. Hatte das zunächst länger ohne diese Auslassung und habe es dann gekürzt.
Da bin ich bei deiner "Versteckt" Geschichte (hieß die eigentlich schon immer so?),
Weiß auch nicht mehr. Ich glaube aber schon, dass die schon immer so hieß.
echt, die stehen die Sandsäcke? Oder liegen die gestapelt aufeinander?
Auch hier hatte ich zuerst, dass sie sich stapeln. Und dann habe ich es weggemacht, wegen Wortwiederholung, weil ich das bei den Vorräten schon habe. Ändere es aber in "liegen aufeinander".
Echt, macht man das so? Auf den Teppich legen, wenn direkt daneben ein Bett steht?
Hast recht. Ändere ich.
Wat fürn Tee? Augenkrebs. :D Schau mal Dekolleté.
:O wird geändert
Denn auch, wenn alles versucht wird, die Risiken zu minimieren, um nicht verletzt oder überrumpelt zu werden, lässt sich das Leben nicht zum Stillstand in einer sicheren Blase runterdimmen, es fordert seinen Platz.
Exakt!
Zwischen den Zeilen las ich den Tod der Frau, sie wird blau im Gesicht und der Prota übernimmt die Vaterrolle, zeigt die "Kriegen wir hin"-Zuversicht aus der Fürsorge heraus, die er für den Vater empfindet. Er will ihm die Wahrheit nicht zumuten und verarztet die Tote, das ist stark.
Auch das genau so gelesen, wie ich es wollte. Finde nicht schlimm, wenn es anders gelesen wird. Manche denken ja beide überlegen, oder der Vater stirbt. Aber deine Lesart ist genau so, wie ich es mir gedacht hatte.
Gruß
AWM

Servus @Carlo Zwei und vielen Dank für deine Anmerkungen
Die guten VorrednerInnen haben schon Stellen rausgeschrieben, an denen etwa medizinische Kenntnisse recherchiert wirken.
Meinst du damit, sie wirken aufgesetzt? Ich habe ja recherchiert, wie man da vorgeht, damit die Handlungen nicht aufgesetzt wirken :D deshalb verwirrt mich das hier gerade.
Es passiert viel.
Dann kam das mit dem Sohn und ich dachte mir halt, ein bisschen viel jetzt, hätte das mit dem Preppen nicht gereicht?
Letzte paar Sätze dazu: Es kam mir etwas voll vor. Ich hätte den gestorbenen Sohn nicht gebraucht. Interessanter fand ich das Verhältnis zum Vater.
Ich kann das völlig verstehen, dass es dir zu viel ist. Ich habe mir das auch gedacht und sogar versucht, eine Version zu schreiben, die reduzierter und psychologischer rein auf das Verhältnis der beiden fokussiert. Das ist mir aber nicht gelungen. Ich war auch schon so in meiner Plotidee drin, dass ich es nicht gut anders machen konnte.
Auch der 'Jahrhundertsturm' der mir mehr wie ein Jahrtausendsturm vorgekommen ist
Auch das hier ist völlig berechtigt. Kennst du den Film "Melancholia"? Da gibt es eine Szene, in der der sehr rationalistische Familienvater morgens entdeckt, dass der Planet Melancholia der Erde wieder näher gekommen ist, was physikalisch gar nicht möglich sein kann, weil er zuvor vorbeigezogen ist. Heißt: Die Welt geht unter. Der Mann bringt sich dann um, weil auch sein Weltbild untergegangen ist. Ich liebe die Szene. Und an die habe ich beim Schreiben gedacht. Dieser Sturm in meiner Geschichte ist natürlich extrem unwahrscheinlich und vielleicht ist es auch unrealistisch, dass Wasser so schnell steigt etc. Aber es sollte eben so ein Ereignis sein, das zeigt, dass man sich auf die Gefahren des Lebens nicht so vorbereiten kann, wie es der Vater tut. Vielleicht würde es der Geschichte gut tun, wenn dieser Sturm noch ein wenig mehr vorbereitet wird?
dass es für mich durch den Helikoptereinsatz und auch die Sintflut so etwas von einem wüsten Traum bekam; ein Ereignis, dass es so in seinem Drama unwahrscheinlich wirkt, was aber nochmal den Fokus auf die Bedeutung der Geschichte als Sinnbild verschiebt.
Dein letzter Satz fasst das gut zusammen. Noch mal: Ich verstehe aber voll, wenn einem das nicht gefällt und man es überzeichnet findet. Wenn ich aber mal son Plotgedanken habe, dann fällt es mir unheimlich schwer, nicht entlang dieses Gedankens zu schreiben.
Finde den Vergleich etwas lahm.
Hast recht. Ändere ich.
bei den vielen guten Details gibt es so kleine Stellen, wo es mir zu viel ist, wo ich mir denke, das soll der jetzt beobachten und diese Worte und körperlich, räumlichen oder technischen Verortungen dafür verbalisieren?
Auch das
zerbrechlich passt in materieller Hinsicht für mich nicht zum Pulsieren. Es geht dann schnell Richtung Metapher. Wenn es wirklich unregelmäßig oder schwach ist (kenne mich da en Detail nicht aus), dann würde ich das auch so schreiben.
Du hast schon recht, aber hier muss ich trotzdem noch überlegen :D
Übertriebene Beschreibung finde ich.
Streiche ich. Zu comichaft und passt nicht zum Prota
Ist das wesentlich was anderes als jemandem eine Tüte Zucker geben? Falls ja, würde ich das Tütchen Zucker nehmen, um dem Vater seinen traktormäßigen Pragmatismus zu lassen und es auch nicht zu sehr zu technisieren.
Das beschreibe ich noch besser. Das sind solche Tuben mit Zuckerlösung. Werde besser zeigen wie die aussehen etc und auch die Glukose gegen Zucker tauschen.
Bleib dran. Finde es gut, dass du hier so einen Transfer aus persönlichen, fast biografisch wirkenden Elementen und Fiktion bringst.
Ich bleib dran ;)
Gruß
AWM

Servus @Rob F und vielen Dank für deinen Kommentar und deine guten Hinweise, um die Geschichte sprachlich zu verbessern. Gehe nicht auf alle ein, aber ich werde sehr viel davon umsetzen. Wird sich danach viel gebügelter lesen. Danke dafür!
es ist die erste Geschichte, die ich von dir gelesen habe und sie hat mich (im positiven Sinne) direkt mitgenommen.
Dankeschön
Sehr gut finde ich auch zum Ende hin, dass es zugleich um Leben und Tod geht. Die Rettung der Frau, aber der Tod des Vaters. Geschickt aufgebaut und formuliert!
Andere Lesart: Intendiert war, dass die Frau schon tot ist, als er zurückkommt.
Ich finde diese Formulierung grundsätzlich gut, aber zu Beginn wirk es etwas "fremdartig", wenn diese Aussage so alleine steht. Also nur als Hinweis.
Ja, ich hadere auch noch ein bisschen mit der Stelle. Es ist halt das Leitmotiv des Textes. Aber dieses Alleinstehende und die Ellipse wirkt auch ein wenig pathetisch.
Ich wache auf, Regen prasselt auf das Dach.
Wollte damit schon deutlich machen, dass er aufwacht, weil der Regen so stark aufs Dach prasselt.
Wortwiederholung - sorry, wenn es nervt, ich erwähne es trotzdem
Nervt überhaupt nicht. Du hast echt sehr gute Anmerkungen gemacht. Die ganzen überflüssigen Personalpronomen, stilistische Stringenz und das "Ich"-Problem, das bei dieser Perspektive leicht mal aufkommt. Echt super und sehr genau gelesen von dir.

Gruß
AWM
 
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Andere Lesart: Intendiert war, dass die Frau schon tot ist, als er zurückkommt.
Hi @AWM ,

da musste ich das Ende natürlich direkt nochmal lesen.

Nur ist mir auch jetzt nicht ganz klar, wodurch erkennbar ist, dass die Frau schon tot ist. Die folgende Aussage ließ mich da etwas anderes vermuten:

„Kriegen wir hin“, sage ich. Ich lächle.

Und bezogen auf den Vater bin ich davon ausgegangen, dass der Prota zunächst nicht wahrhaben will, dass er gestorben ist. Die letzten Sätze also eher seine Wunschvorstellung sind. Es dann aber doch merkt, durch den abschließenden Satz:

Und irgendwann ist da das Geräusch eines Propellers und das Rauschen des Flusses nicht zu hören.

Gerade weil das Rauschen des Flusses zuvor auf seinen Bruder bezogen war.

Viele Grüße,
Rob
 
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Würde ich persönlich hier kicken. Man merkt die Intention des Autors. Kommt etwas Holzhammermäßig, mMn
AWM: Nur die Augenbraue kicken oder auch das danach?

zigga:Nur die Augenbraue meinte ich


In der Werkstatt riecht es nach Metall und Sägespänen. Den Rest kürzen. Du beschreibst es ja danach, dass ein Vorratsraum nun dort ist. Redundant.
AWM: Ich finde das schon wichtig, dass das da steht. Es ist ja die ins Auge springende Veränderung für den Prota eines Ortes, der ihm viel bedeutet und mit dem er viel verbindet. Auch der Geruch wäre ja so für eine Werkstatt nichts ungewöhnliches. Dass er das erwähnt hat für mich nur eine Berechtigung, weil es eben keine Werkstatt mehr ist, aber dieser Sinneseindruck geblieben ist.

zigga: Habe mich unverständlich ausgedrückt. So meinte ich es:

Ich folge ihm in den Keller. Aus der Werkstatt hat er einen Vorratsraum gemacht. Es [In der Werkstatt] riecht [es] noch nach Metall und Sägespänen. In Regalen stapeln sich Vorräte in Plastikboxen bis unter die Decke: Zucker, Salz, Dosen mit Fisch und Gemüse, Bohnen, Reis, Nudeln und Haferflocken, Milchpulver, Mehl, Energieriegel. Daneben hat er eine ganze Apotheke gebunkert. Auf den Plastikboxen kleben Plaketten: Antibiotika, Antihistaminika, Notfälle, Desinfektionsmittel, Mund-Nasen-Schutze und weiß Gott noch was alles.


Anstatt Sonne aufgehen würde ich einen Helikopter mit Suchlicht kommen lassen. Ist doch logischer. Der Vater hat auf jeden Fall irgendeinen Rettungsdienst angerufen. Der kommt zu spät, wegen dem krassen Sturm, aber sie würden doch sicher irgendwann kommen. Das alles könnte noch Nacht sein. Fände ich logischer
AWM: Ja, es ist ja der Helikopter, der am Schluss kommt, als sich der Sturm gelegt hat. Der Unterschied wäre nur, ob es am Morgen oder in der Nacht ist. Vielleicht ist das mit dem Morgen ein wenig kitschig?

zigga: So wie du es jetzt gelöst hast, bin ich absolut ok damit


Beste Grüße
zigga
 
Senior
Monster-WG
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Hey @AWM

Ein handwerklich sehr guter Text, viele Stellen finde ich klasse, vor allem die Beschreibungen, die eine sehr stimmige Atmosphäre erzeugen, aber auch die dynamischen Stellen sind toll geschrieben. Die Elipsen, die du ab und zu einstreust, sind z.B. gut gesetzt.
Zum Anfang des Textes habe ich mir ein paar Dinge notiert, worüber (also über meine Anmerkungen) man vielleicht auch den Kopf schütteln kann, Spitzfindigkeiten und so. Danach hat mich das Inhaltliche stärker beschäftigt.

Zunächst die Spitzfindigkeiten.

Die Tönung seiner Haare ist herausgewachsen, legt graue Stellen frei.
Die Tönung legt graue Stellen frei? Sie lässt graue Stellen frei. Oder graue Stellen liegen frei. Aber es ist doch nicht die Tönung, die die Stellen freilegt, im Gegenteil, das Herauswachsen der Tönung legt die Stellen frei. Keine Ahnung, ob das zu penibel ist, aber ich bin gestolpert.
Papa steht mit verschränkten Armen vor dem Hauseingang. Die Tönung seiner Haare ist herausgewachsen, legt graue Stellen frei. Seine Weste spannt am Bauch.
Bauchgegend (verschränkte Arme), Kopf, dann wieder Bauchgegend. Ich mag es, wenn die Beschreibungen dem Blick des Erzählers folgen. Ich würde also Satz zwei und drei umstellen.
Er sieht sogar schlimmer aus, als Mama mir erzählt hat.
Kann weg.
Hinter ihm blinkt das Lämpchen einer Überwachungskamera über dem Hauseingang.
Könnte weg. Dass der Hauseingang hinter ihm ist, ist ja klar.
Vor der Garage steht der alte Hanomag-Traktor, mit dem wir in vergangenen Sommern die Äpfel und Birnen eingebracht haben. Papa hat ihn hergerichtet. Sein Lack strahlt indigoblau, der Anhänger feuerrot. Das Haus ist frisch gestrichen. Die Lasur glänzt in der Herbstsonne. Rosensträucher stehen meterhoch vor der Fassade, tragen faustgroße Blüten. In die Einfahrt hat Papa neuen Splitt gekippt und gleichmäßig verteilt. Der Rasen vor dem Haus ist gemäht. Nur vor dem Fluss, der das Grundstück begrenzt, stehen die Gräser wild und hoch.
„Schön hast du es dir gemacht“, sage ich.
„Hab ja Zeit“, sagt er.
Wir schweigen. Das Rauschen des Flusses.
Sehr stark!
Ich stelle meinen Koffer im Flur unter dem Glockenspiel ab. Dort, wo früher unsere Schuhe standen. Jetzt stehen da nur noch Papas Arbeitsstiefel.
Wenn ich schreibe, geht ja die Hälfte der Zeit für die Suche nach Alternativen zu "stehen" drauf. ("In der Ecke schimmelt ein Stuhl, davor grünt eine Zimmerpflanze." :D). Daher musste ich hier die Nase rümpfen, obwohl das wohl Absicht gewesen ist, diese Parallelisierung.
Er hat die Handseife am Waschbecken gegen einen Desinfektionsmittel-Spender mit Sensor und die Handtücher gegen einen Kasten mit Papiertüchern getauscht. Beides unbenutzt.
Woher weiss der Prot das?
Wie sie Jans Körper aus dem Wasser ziehen, die Locken auf der Haut kleben und alles in der Schwebe ist, weil der Notarzt da ist und so gefasst tut und es noch nicht gesagt hat.
Das ist so CSI-mässig herangezoomt und passt nicht so ganz in den Duktus, finde ich. Vielleicht nachschieben?
Unter dem Glastisch sehe ich, dass er hektisch mit dem rechten Bein wippt.
Kann weg.
„Du musst das mit Mama in Ordnung bringen“, sage ich.
„Ist sie zu dir gezogen?“, fragt er.
Kann weg.
„Ich weiß, dass es Mama nicht mehr mit dir ausgehalten hat. Nicht-Leben. So hat sie es genannt.
Fand ich übererklärt.
„Indem du euch hier einsperrst mit zwei Tonnen Tiefkühl-Ware, Desinfektionsmittel und Klopapier und irgendwelchen Prepping-Videos von Youtube-Spinnern.
Ebenfalls etwas too much. Es ist ja klar, wie der tickt, ich fand es fast schade, dass er da jetzt noch kategorisiert und ettikettiert wird.
Ich schleppe meinen Koffer hoch in Jans Zimmer. Mike Skinner von „The Streets“ schaut vom Poster über dem Bett herab. Vor den Fenstern zum Hof: die Leseecke mit den schwarzen Bast-Hockern. Im Regal reiht sich Bret Easton Ellis, neben Don Rosas Dagobert-Büchern und den Anatomie-Bänden von Prometheus für Jans Medizin-Aufnahmetest. Auf dem Schreibtisch steht das Bild von Jan, Tim und Marcel auf Ibiza. Sie tragen Blumenketten um den Hals und halten Long Island-Cocktails in die Kamera. Tim und Marcel sind jetzt im vierten Semester.
Sehr stark!
Als der Turm kippte und die Klötze in alle Himmelsrichtungen flogen und das Bügeleisen mit der Spitze auf den Holzboden krachte, erzählte ich unseren Eltern, ich hätte die Idee gehabt. Der große Bruder.
An den Leser gerichtet. Den Eltern sagt er das ja nicht. Vielleicht findest du eine bessere Stelle, um die Info unterzubringen.
Das An- und-Aus der Wasserhähne, Klacken der Lichtschalter,
Was verbinden denn die Bindestriche hier?
Die Lampen an der Holzbeig werfen Licht in den Hof.
Holzebeige
Der Ast hat sich durch den Airbag neben ihren Kopf in die Lehne gebohrt.
ihrem, oder? Sonst lese ich das so, als hätte sich der Kopf ebenfalls in die Lehne gebohrt.
Aus meinen Hoden wälzt sich Hitze durch den Darm bis hoch in die Wangen.
Echt jetzt? Der Preis für die originellste Beschreibung eines Körpergefühls geht dieses Jahr ganz gewiss an dich! :D

Zum Inhalt

Ich schwanke. Ist jetzt wirklich nur ein Gefühl, aber mir ist, als hätte ich zwei Geschichten gelesen. Die eine ist ruhig, voller subtiler Gesten, mit Blick auf die Vergangenheit, mit Bedrohungen, die draussen lauern, ja, aber das Eigentliche spielt sich drinnen ab, zwischen Vater und Sohn. Die andere ist dramatisch, mit Blut und splitterndem Glas und allem. Beide sind hervorragend geschrieben. Und ich verstehe auch, dass sich die beiden Geschichten ineinanderfügen. An einer Stelle verzahnst du ja sehr explizit:
Das Rauschen hallt durch die Kellerräume. Es trägt die Stille in mich, die ich seit dem Tag von Jans Unfall nicht mehr gespürt habe. Eine Stille, die Papa die ganze Zeit gespürt haben muss. Und ich weiß, dass es weniger still für ihn gewesen wäre, wenn ich nicht weggezogen wäre. Und ich weiß, dass es meine Schuld ist, dass er sich den Arm gebrochen hat, weil ich es nicht geschafft habe, die Frau alleine zu retten.
Und dann natürlich die Lüge am Ende der Geschichte, die wird nur verständlich, wenn man eben die ganze Geschichte gelesen hat. Also, das geht schon auf. Aber ich musste am Ende doch einiges über den Kopf mir zusammenreimen, das hat sich nicht so organisch ergeben, wie ich mir das nach diesem Anfang gewünscht hätte. Anders formuliert habe ich mich gefragt, ob da nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird, wenn doch die Netze bereits ausgelegt wären, um sie zu fangen. Das geht vielleicht in eine ähnliche Richtung, wie Carlo Zwei den Text wahrgenommen hat, bin mir aber nicht ganz sicher. Ich glaube, für mich ist es nicht zu viel, aber es ist, als hätte der Text zwei verschiedene Lautstärken, was die Geschichte in meinen Augen auf eine seltsame Weise unausgewogen erscheinen lässt. Keine Ahnung, ob dir eine solch schwammige Rückmeldung was hilft. Ich hab's versucht.

Lieber Gruss
Peeperkorn
 
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AWM

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Servus @Rob F
Nur ist mir auch jetzt nicht ganz klar, wodurch erkennbar ist, dass die Frau schon tot ist.
Es ist meiner Meinung nach auch nicht schlimm, wenn es nicht ganz deutlich wird. Aber wenn du so explizit fragst: Die bläuliche Verfärbung, das überraschte Aussehen, dann der Druck auf die Halsschlagader und die Reaktion des Protas, dass er sich einnässt.
Dieses "Kriegen wir" hin, soll zeigen, dass der Prota Verantwortung übernimmt für den Vater, weil er glaubt, dass er es nicht verkraften würde, wenn die Frau nach dieser gemeinsamen Rettungsaktion gestorben ist. Er wechselt quasi in die Vaterrolle, um ihn zu schützen
Und bezogen auf den Vater bin ich davon ausgegangen, dass der Prota zunächst nicht wahrhaben will, dass er gestorben ist. Die letzten Sätze also eher seine Wunschvorstellung sind. Es dann aber doch merkt, durch den abschließenden Satz:
Gerade weil das Rauschen des Flusses zuvor auf seinen Bruder bezogen war.
Ja, aber auf den Tod des Bruders, der über allem dort liegt in diesem Haus. Und nach dieser Rettungsaktion, die Vater und Sohn wieder näher zusammengebracht hat und auch einiges an (verdrängten) Gefühlen über Jans Tod hat aufkommen lassen und der Hubschrauber zur Rettung kommt, ist das Rauschen nicht zu hören.
Gruß
AWM

Servus @Peeperkorn
Ein handwerklich sehr guter Text, viele Stellen finde ich klasse, vor allem die Beschreibungen, die eine sehr stimmige Atmosphäre erzeugen, aber auch die dynamischen Stellen sind toll geschrieben.
Danke :)
Zum Anfang des Textes habe ich mir ein paar Dinge notiert, worüber (also über meine Anmerkungen) man vielleicht auch den Kopf schütteln kann, Spitzfindigkeiten und so. Danach hat mich das Inhaltliche stärker beschäftigt.
Ich habe so ziemlich alles übernommen.
Keine Ahnung, ob das zu penibel ist, aber ich bin gestolpert.
Nicht zu penibel! Vielen Dank
Bauchgegend (verschränkte Arme), Kopf, dann wieder Bauchgegend. Ich mag es, wenn die Beschreibungen dem Blick des Erzählers folgen. Ich würde also Satz zwei und drei umstellen.
Auch das
Wenn ich schreibe, geht ja die Hälfte der Zeit für die Suche nach Alternativen zu "stehen" drauf.
Sowas macht mir zum Beispiel nix. Hier war es extra, wegen der konkreten Parallele zu früher. Aber generell habe ich lieber mal eine Wortwiederholung als wenn der Leser merkt, dass der Autor da unbedingt ein anderes Wort gesucht hat, um eine Wiederholung zu vermeiden.
An den Leser gerichtet. Den Eltern sagt er das ja nicht. Vielleicht findest du eine bessere Stelle, um die Info unterzubringen.
Nein, sollte nicht an den Leser gerichtet sein. Sollte seine Rolle in dieser Situation zusammenfassen. Der große Bruder, der die Verantwortung für den kleinen übernimmt, indem er seine "Schuld" auf sich lädt.
Echt jetzt? Der Preis für die originellste Beschreibung eines Körpergefühls geht dieses Jahr ganz gewiss an dich!
Haha hab es trotzdem dringelassen. Ich mag es (noch)
Ich schwanke. Ist jetzt wirklich nur ein Gefühl, aber mir ist, als hätte ich zwei Geschichten gelesen.
Ich kann das sehr gut verstehen. Ich hatte den Gedanken auch. Jetzt habe ich aber erstmal überhaupt keine Lust mehr auf diese Geschichte :D Habe in den vergangenen Tagen noch einmal daran geschraubt und sie etwas ausgebaut. Glaube so 1,5 Seiten sind dazugekommen. Die Story hat mich aber generell ziemliche Nerven gekostet (unter anderem wegen des Gefühls, das du beschreibst). Freue mich jetzt, etwas Neues angehen zu können und vielleicht komme ich irgendwann einmal zurück und habe den Kopf frei, um diese Geschichte mit weniger Action schreiben zu können. Habe das auch versucht, war aber schon zu sehr in diesem Plot hier drin.
Keine Ahnung, ob dir eine solch schwammige Rückmeldung was hilft.
Hat mir sehr geholfen und die Sprache ist jetzt durch dich präziser geworden.

Gruß
AWM
 
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Die guten VorrednerInnen haben schon Stellen rausgeschrieben, an denen etwa medizinische Kenntnisse recherchiert wirken.
Meinst du damit, sie wirken aufgesetzt? Ich habe ja recherchiert, wie man da vorgeht, damit die Handlungen nicht aufgesetzt wirken :D

Nee! Ich glaube nicht, dass bei dir so schnell etwas aufgesetzt wirken könnte, weil du, glaube ich, sehr auf Details achtest, dich beim Erzählen auch zurücknehmen kannst. So kam es mir bisher immer vor und das schätze ich an deinen Texten. Sie sind bedächtig, fast vorsichtig gefertigt. Diesen Begriff 'das wirkt recherchiert' habe ich mir in einer Diskussion unter einem Text von Jimmy (ich glaube, das dunkle Herz der Männer) angewöhnt. Da meinte ich, dass das gut recherchiert wirkt und Jimmy wirkte davon gar nicht begeistert. Nach dem Motto: wenn man merkt, dass es recherchiert ist, hat mans schon verkackt (... weil es dann nicht mehr natürlich ist). So etwas meinte ich eher. Aber das kann auch meine Wahrnehmung sein.

es nicht gut anders machen konnte.
Auch der 'Jahrhundertsturm' der mir mehr wie ein Jahrtausendsturm vorgekommen ist
Auch das hier ist völlig berechtigt. Kennst du den Film "Melancholia"? Da gibt es eine Szene, in der der sehr rationalistische Familienvater morgens entdeckt, dass der Planet Melancholia der Erde wieder näher gekommen ist

Au ja. Ich habe diesen Film sehr gemocht und rede noch heute regelmäßig darüber. Für mich ein ganz wertvolles Teil. Muss ich mir mal auf DVD kaufen (DVD klingt heutzutage, wie damals Schallplatte ...). Ja, so habe ich mir das auch beim Lesen kurz gedacht, war mir dann aber nicht ganz sicher. Das macht ja nichts. Finde es auf jeden Fall sehr cool, was du dir da so zur Inspiration suchst. Und diese Art Twist ist auch sehr interessant. Du hast ja mit dem Vater und Sohn auch zwei Typen, die, um es mit Achillus zu sagen, in die Orca-Richtung tendieren (ich hoffe, du kannst jetzt was mit diesen Insidern anfangen, sonst erkläre ich es auch nochmal oder du bemühst die Suchfunktion nach "Orca" und "Pudel" :lol:). Sie sind darin ja vielleicht auch ähnlich zu einer Figur wie dem Vater in Melancholia.
Die Sache mit dem Hubschrauber finde ich grundsätzlich gut. Das passt dann auch.

Dein letzter Satz fasst das gut zusammen. Noch mal: Ich verstehe aber voll, wenn einem das nicht gefällt und man es überzeichnet findet.

Die Frage ist halt, wird es als Überzeichnung sichtbar? und: wie weit muss es sichtbar und eindeutig überzeichnet sein, um wie bei Melancholia seine Wirkung zu entfalten?

Gruß
Carlo
 
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Hi @AWM

Ich habe die übrigen Kommentare nicht genau gelesen, also sorry, falls sich was überkreuzt, ich will ohnehin nur ein paar Punkte anmerken, die mir aufgefallen sind.

Zum einen der Stil:
Eine Stunde zu lange, ein Glas zu viel, eine Spur zu dunkel, ein falscher Schritt, ein Sturz, das Wasser, das Rauschen des Flusses, das leere Bett, Mamas Schrei, Jans Körper, der Notarzt; Papa. Das An und Aus der Wasserhähne, Klacken der Lichtschalter, das Verbot von Kerzen im Haus, die Wasseraufbereitungsanlage, der Waffenschrank. Das Rauschen des Flusses.
Die Ellipsen funktionieren, beschleunigen die Handlung, bieten einen Blick in das Blitzartige der Gedankenwelt des Erzählers, was nach meinem Leeseempfinden viel spannender ist, als die kargen Sätze der Verortung zu Beginn des Textes, die mich eher distanzieren, andererseits das Fragile der Vater.Sohn-Beziehung spiegeln. Kann man natürlich nicht ständig machen, das mit den Ellipsen, aber du dosierst gut.

Sie hat die Augen geschlossen. Ich schiebe ein Kissen unter ihren Kopf, ziehe ihr vorsichtig die durchnässten Klamotten aus. Ein Bluterguss ist von den Brüsten bis zum Schambein gekrochen. Ich nehme Jans Bettdecke, trockne ihre Haut. Die Frau windet sich, Schweiß dringt aus ihren Poren, sammelt sich im Dekolleté.
Also mal praktisch: er zeiht sie komplett aus, ja? Wenn ja, vergeudest du die Szene ein wenig durch so schamhafte Worte wie Schambein und Dekolleté. Das wäre eine Stelle, der die Gedanken des Erzählers gut bekommen könnten, wenn er auf ihren Körper schaut, egal welcher Art dieses Gedanken sind.

Ich schaue auf das Mike Skinner-Poster über Jans Bett, auf die Leseecke mit den Prometheus-Büchern für den Medizin-Aufnahmetest und schließlich bleibt mein Blick auf dem Ibiza-Foto mit Alexander und Marcel hängen.
„Er würde sich aufregen, dass ich keine Flasche Sekt aus dem Keller mitgebracht habe“, sage ich.
Papa sieht mich an. Dann lacht er.
Der Schluss gefällt mir gut, den letzten Absatz braucht es meiner Meinung nach nicht.

So viel bzw. wenig, @AWM
viele Grüße aus dem Regentaunus
Isegrims
 

AWM

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Hey @Carlo Zwei cool, dass du dich noch mal meldest
Da meinte ich, dass das gut recherchiert wirkt und Jimmy wirkte davon gar nicht begeistert. Nach dem Motto: wenn man merkt, dass es recherchiert ist, hat mans schon verkackt
Okay, ich denke, das hängt ganz davon ab, wie man an einen Text als Leser herangeht. Wenn ich bei den Wortkriegern lese, dann mache ich das ja mit der Absicht anschließend eine Kritik zu verfassen. Da lese ich schon anders und beziehe den Autor und wie er das gemacht hat in mein Lesen mit ein. Wenn ich da sage, etwas wirkt recherchiert und passt zur Figur im Text, dann ist es positiv. Wenn ich aber etwas zum reinen Vergnügen lese und es fällt mir auf, dass etwas recherchiert wirkt, dann heißt es ja, dass es mich für diesen Moment aus der Fiktion herausreißt, weil es sich irgendwie nicht fügt in das Organische eines Textes. Dann wäre es negativ. So, das war mein kleiner Exkurs :D Hoffe, es wurde deutlich, was ich meine.
(ich hoffe, du kannst jetzt was mit diesen Insidern anfangen, sonst erkläre ich es auch nochmal oder du bemühst die Suchfunktion nach "Orca" und "Pudel" :lol:)
Das vergesse ich nie. Seitdem nehme ich mich mit meinen Verben etwas zurück :D
Die Frage ist halt, wird es als Überzeichnung sichtbar? und: wie weit muss es sichtbar und eindeutig überzeichnet sein, um wie bei Melancholia seine Wirkung zu entfalten?
Das ist eine Kernfrage: Wird es als beabsichtigte Überzeichnung sichtbar? Glaube, da ist in meinem Text noch Luft nach oben.
Gruß
AWM
Hey @Isegrims und vielen Dank für deinen Kommentar
Kann man natürlich nicht ständig machen, das mit den Ellipsen, aber du dosierst gut.
Dankeschön! Ich finde, Ellipsen können auch sehr schnell prätentiös wirken, sofern man sie nicht in Dialogen bringt. Gut, dass du das Gefühl hier nicht hattest.
Also mal praktisch: er zeiht sie komplett aus, ja? Wenn ja, vergeudest du die Szene ein wenig durch so schamhafte Worte wie Schambein und Dekolleté. Das wäre eine Stelle, der die Gedanken des Erzählers gut bekommen könnten, wenn er auf ihren Körper schaut, egal welcher Art dieses Gedanken sind.
Hast recht. Ich habe den Text noch ein wenig strecken müssen für einen Wettbewerb. Aber an dieser naheliegenden Stelle kam ich nicht auf die Idee :( Deine völlig berechtigte Anmerkung kam jetzt genau einen Tag zu spät! :D
Der Schluss gefällt mir gut, den letzten Absatz braucht es meiner Meinung nach nicht.
Das liest sich echt nicht schlecht. Auch auf die Idee bin ich noch nicht gekommen. War so drin in dem Propeller, der das Rauschen überdeckt.

Gruß
AW;
 

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