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Auf Erden sind wir kurz grandios

Bas

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16.09.2018
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Auf Erden sind wir kurz grandios

Bei dem Wort "Gegenwartsliteratur" fällt es mir schwer, nicht die Mundwinkel zu verziehen - in aller Regel mag ich sie nicht. Keine Ahnung, woran das liegt. Spielt auch keine Rolle. Umso mehr hat mich Ocean Vuongs Roman "Auf Erden sind wir kurz grandios", kürzlich bei Hanser (in toller Aufmachung) erschienen, dann aber umgehauen. Zweihundertdreißig Seiten an einem Stück durchgelesen, ich glaube, das ist mir bisher noch nicht passiert.

Es ist Vuongs erster Roman. 1988 in Saigon geboren, zwei Jahre später in die USA. Er, oder vielmehr sein mehr-oder-weniger Alter Ego mit dem Spitznamen Little Dog", schreibt an seine Mutter, eine Vietnamesin, die in einem Nagelstudio arbeitet. Was keinen Sinn macht, weil sie kein Englisch kann. "Ein amerikanischer Soldat traf auf meine Mutter und deshalb gibt es mich." Und in dem Wissen, dass sie es eh nicht lesen wird, breitet er alles vor ihr aus, was ihm im Kopf herumschwirrt, erinnert sich daran, wie sie ihn immer wieder geschlagen hat, wenn ihr die Worte fehlten und daran, wie sie einmal der alten Dame mit der Prothese die Waden massierte, beide Waden, auch die, die nicht mehr da war, einfach, weil sie es so wollte. Er erinnert sich an seine schizophrene Großmutter, mit der er verbotenerweise lila Blumen gepflückt hat und an seine erste große Liebe, Trevor, den er kennenlernte, als er mit Männern, die nicht seine Sprache sprachen, braunen Tabak gepflückt hat. All das wird so real und "wie nebenbei" geschildert, dass es beinahe gespenstisch ist, ja, gespenstisch beschreibt das Buch ganz gut, man fühlt sich ein bisschen wie das Reh auf dem Cover, so fehl am Platz und verletzbar da mitten auf dem Zebrastreifen im nebligen Dunst, so fehl am Platz wie überall sonst auch, und deshalb fühlt man mit.

Die Presse lobt den Roman in höchsten Tönen. Zurecht, wie ich finde. Anfangs war ich skeptisch, erstens weil Gegenwartsliteratur, zweitens, weil ich auf den ersten Seiten noch deutlich spüren konnte, dass der Autor sich bisher auf das Gedichteschreiben beschränkt hat, kurz hatte ich ich den Eindruck, dass es zu verschwurbelt, zu ... ich weiß nicht, zu beliebig, zu gewollt un-beliebig werden könnte, aber dieser Eindruck ist schnell verflogen und war rückblickend betrachtet vollkommen unberechtigt.

Ein nette Anekdote am Rande: Als Ocean Vuong eine Lesung hielt, hat ihn seine Mutter begleitet, und als er zu ihr rübersah, hatte sie Tränen in den Augen. Warum, wollte er von ihr wissen, und sie sagte: All diese Weißen haben dein Buch gelesen und für dich applaudiert. Fand ich irgendwie schön und bezeichnend für das Gefühl, das das Buch auslöst.

Ich bin kein toller Rezensionsschreiber, ich möchte nur so viele Leute wie möglich an diesem schönen Roman teilhaben lassen. Lest die unzähligen anderen Rezensionen, wenn ihr möchtet, oder noch besser: Lest sie nicht, lest einfach das Buch.

Ocean Vuong, auf Erden sind wir kurz grandios, Hanser Verlag, 22€ in der Hardcover-Ausgabe
 

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