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Auf geheimer Mission

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Auf geheimer Mission

Mehrere Meter lagen zwischen den gepflegten Dielen und dem strahlend weißen Renaissance-Stuck an der Decke des Zimmers, in dem sich Cora ungeduldig in ihrer Gänsedaunendecke vergrub. Sie lechzte nach Erholung, nach der wohlverdienten Pause, die die vielen Tage voller uneingeschränkter Tatkraft einforderten, doch ihr Körper musste noch eine Weile durchhalten: Es war der zweite Montag im Monat, sie hatte noch etwas zu erledigen. Dafür musste sie warten, bis ihr Gefährte – der leicht untersetzte und stets bemühte David – endlich seine Tiefschlafphase erreicht hatte. Sie teilten gemeinhin alles miteinander, Güter wie Geheimnisse, doch ihr Doppelleben war eine Ausnahme, davon durfte er niemals erfahren. Er würde es nicht verstehen, da war sie sich ganz sicher, also führte an den dunklen Stunden kein Weg vorbei. Mindestens fünfundvierzig Minuten lang lag sie da, die Augen wie aufgespannt, wartend auf das erlösende Zucken ihres Bettnachbarn, das dessen Eintritt in die Welt der Träume markierte, als es plötzlich passierte: Ein Ruck ging durch die Matratze, ein langgezogenes Ausatmen folgte. „Endlich“, dachte Cora und lächelte verschmitzt. Nun konnte es losgehen. Vorsichtig kroch sie unter der Decke hervor, schlüpfte in ihre Schlappen und warf ihren Mantel über. Sie zog den kleinen Karton – ihren „Werkzeugkasten“ – aus der geheimen Kühlkammer auf halber Treppe hervor und nahm die letzten fünf Stufen in einem großen Satz. Als sich die schwere Holztür hinter ihr schloss, war sie schon außer Sichtweite.


***​

Die erste Person auf der Liste, die ihr von ihrem anonymen Auftraggeber zugesandt worden war, hörte auf den Namen Regine und wohnte in der Nachbarschaft. Cora rüttelte einmal an der Haustür, stellte fest, dass sie verschlossen war, und grinste zufrieden. Manchmal versagten die Schließmechanismen, was ihr den Eintritt vereinfachte, doch sie mochte die Herausforderung. Selbstsicher zückte sie ihren Draht, den sie stets bei sich führte, und ließ ihn gekonnt ins Schlüsselloch gleiten. Sie musste bloß zweimal daran drehen, bis der Schließzylinder nachgab und ihr den Weg ins Innere des charmant wirkenden Altbaus freigab. Beinahe unhörbaren Schrittes schwebte sie die Treppe hinauf, eine Etage, zwei, bis sie vor der letzten Hürde stand. Auch diesmal lief es wie am Schnürchen: Das Schloss knackte leise. Sie würde nicht viel Zeit benötigen, es würde genügen, die Tür anzulehnen. Nach einer kurzen Analyse des Wohnungsgrundrisses schlich sie ins zweite Zimmer auf der linken Seite. Ihr Ziel, Regine, lag bäuchlings auf dem Bett und atmete gleichmäßig durch den Mund.


***​

Cora war die beste Agentin in der Firma, was nicht nur an ihren besonderen handwerklichen Fähigkeiten lag, sondern auch – und das war im Grunde die wichtigste Eigenschaft – an ihrer bemerkenswerten Diskretion. Unbemerkt stellte sie den kleinen Karton neben dem fremden Bett auf den Boden und öffnete ihn. Sie nahm eine der neun Spritzen heraus, die ihr Auftraggeber sorgfältig befüllt hatte, und schnipste mehrmals mit ihrem Zeigefinger dagegen, um die kleinen Luftbläschen zu beseitigen, die sich gebildet hatten. Nun kam es auf absolute Präzision an: Sie musste den richtigen Muskel im Oberarm der Zielperson treffen, um die Lösung zu verabreichen. Es handelte sich um Comirnaty, das beste Vakzin, das ihr Auftraggeber bisher entwickelt hatte; tatsächlich konnte es einen beinahe vollständigen Schutz vor der Seuche gewährleisten, die sich mit zunehmender Geschwindigkeit verbreitete. Einerseits frustrierte es Cora zutiefst, dass Menschen das Präparat verweigerten – andererseits sorgten genau diese Menschen für das ansehnliche Honorar, das sie monatlich bezog. „Dummheit ist der Reichtum der Schlauen“, dachte sie amüsiert, während sie die Spritze entleerte.


***​

Nachdem sie das Gebäude verlassen hatte, setzte Cora hinter Regine ein Häkchen und inspizierte die Liste. Acht weitere Namen standen darauf, die Adressen lagen alle im Umkreis. In ihrem letzten Einsatz hatte sie quer durch die Stadt fahren müssen, um sich alle Zielpersonen vorzunehmen, was beinahe die ganze Nacht gekostet hatte. Nun würde sie, sofern alles nach Plan lief, vor dem Morgengrauen zu Hause sein. David würde ihre Abwesenheit erneut nicht bemerkt haben, daran bestand nicht der geringste Zweifel. Es belustigte Cora zunehmend, dass er davon ausging, der Hauptverdiener zu sein – aber sie ließ ihn gern in diesem Glauben. Als der Karton leer und die Dosen verabreicht waren, machte sie sich auf den Heimweg. Um halb sechs betrat sie die gemeinsame Wohnung, hängte ihren Mantel an den Haken und setzte sich auf die Bettkante. Das Schnarchen, in das sich das gleichmäßige Ausatmen mittlerweile verwandelt hatte, verstummte. „Hallo“, sagte David und sah sie durch kleine, verschlafene Augen an. „Wieso bist du wach?“ Cora lächelte. „Musste nur aufs Klo“, antwortete sie leise. „Schlaf ruhig weiter.“

 
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Ha, da finde ich doch zu den angepriesenen Cora-Romanen* die Alternative zu Coronas-Zeiten, die jeden Impfgegner zu einer neuerlichen verschwörungstheoretischen Variante der bösen Onkel Gates, Scholz und Lauterbach, wobei letzterer schon aufgrund der Bedeutsamkeit seines Namens den Job nicht persönlich ausfüllen kann.

Eine gelungene Idee,

lieber @didolin

findet der

Friedel

* https://spar77.de/cora romane?p=bcs...+romane&utm_content=adgroup+[11|w2|b]:+{4-co}

 
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Lieber @Friedrichard,

vielen Dank für das Feedback! Ja, irgendwie birgt der Name Cora dieser Tage besondere Potenziale, und in Kombination mit ihrem Gefährten wird sogar glatt Covid draus... Heldinnen wie sie braucht das Land! :D

Hab Dank und liebe Grüße,
didolin

 
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06.02.2021
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Hi @didolin

Mich hat deine Geschichte amüsiert, auch wenn ich nicht weiß ob das Verabreichen von Spritzen in der Nacht an ungefragten Personen meinen Moralvorstellungen entspricht, doch genau das ist es, was ich an deiner Geschichte so interessant finde. Diese Frage wirfst Du auf, auch wenn Du deine Hauptperson als Heldin darstellst. Es trifft eine aktuelle Frage... ist eine Impfpflicht wirklich vertretbar, zumindest bei dem heutigen Wissensstand?

Die kleine Gute-Fee, sie gefällt mir? Auch ihre Art,... ja das Doppelleben, das sie ihrem Lebenspartner ihre Aktivität verheimlicht.
Muss sie das? Wer ist ihr Freund? Was würde er davon halten? Würde er sie weiter machen lassen?

Es sind diese kleinen Ungereimtheiten die die Spannung erzeugen und erneut Fragen aufwerfen. Schön...

Sie zog den kleinen Karton – ihren „Werkzeugkasten“ – aus der geheimen Kühlkammer auf halber Treppe hervor und nahm die letzten fünf Stufen in einem großen Satz. Als sich die schwere Holztür hinter ihr schloss, war sie schon außer Sichtweite.
Es ist wie ein Traum... phantastisch. Wie kann sie das alles Geheimhalten.... hehehe
... und es bleibt dieses Traumhafte die ganze Geschichte über erhalten... es ist ja fast ein Märchen...

Mit freundlichen Abendgrüßen aus der Vergangenheit

G.

 
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23.03.2019
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Hm, schade, jetzt Impfgegner sein und selbst verständlich dreimal ungeimpft, und den Thread aufmischen, das wärs. Hier wird Propaganda betrieben! Jaja, lasst euch nur alle chippen, ihr Schafe! Das Ende ist nah!

Der letzte Kommentar ist 6 Tage her. Eigentlich hätte er eine engagiertere Besprechung verdient.

Aber auch als Impfbefürworter halte den Grundtenor der Geschichte für moralisch fragwürdig. Nein, ich würde solche Agenten nicht gutheißen und nein, das macht mir diese Geschichte nicht interessanter, zumindest nicht im positiven Sinne.

Auf diese Art könnte man auch allerlei andere Übergrifflichkeiten im Dienste der Gesellschaft in ein moralisch ehrenwertes Licht stellen. Mördern ihr aus dem Friedhof ausgegrabene Opfer ins Bett legen ... Laptops von Terrorverdächtigen löschen ... Pädos kastrieren ... Der Autor würde bejubelt, und er hätte damit genau die Mechanismen im Unterbewusstsein der Gesellschaft bedient, die am Ende dazu führen, dass Progrome stattfinden. So Texte sind die Pornos der Anständigen, denn sie sind allein darauf ausgelegt, wie auch immer geartete Übergriffsphantasien zu provozieren und zu verfestigen, was die Wahrscheinlichkeit entsprechender Taten erhöht, die die Gesellschaft ganz bestimmt nicht besser macht.

Ich hätte nicht sooo krass am moralischen Unterbau der Geschichte kritisiert und obige dicke Berta rausgeholt, hätte die Agentin ihnen nur einen Liebesbrief aufs Nachtschränkchen gelegt ("Bitte, geh in dich, was die Impfung betrifft. Jeder Lügner blendet seine Opfer gegen Überzeugungsversuche derer, die die Wahrheit sagen. Dein Leben.")

Rein handwerklich ist der Text irgendwie keine vollständige Geschichte. Mir fehlt die Auseinandersetzung mit ihrem Doppelleben, entweder selbstkritisch – oder kritisch in Interaktion mit anderen Figuren: eine ihrer Opfer könnte eine Freundin aus Schultagen sein oder so. Der Gefährte könnte doch etwas spitz kriegen. Sie könnte von der Polizei geschnappt werden.

Da gibt es so viele Potenziale, die du leider nicht nutzt.

 
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18.11.2021
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Hallo @didolin,

In einigen Dingen muss ich mich meinen Vor-Rednern anschließen, doch dazu gleich.

Die Geschichte ist arg kurz. Mir fehlt auch irgendwie eine Pointe, ein Spannungsaufbau, und die "Moral von der Geschichte" hätte meiner Meinung nach noch ein bisschen besser ausgearbeitet werden können. Sprachlich/ handwerklich finde ich persönlich die Geschichte in Ordnung.

Mich persönlich nerven die Themen Covid, Impfpflicht, usw. Das hat für mich keine Relevanz (mehr), es gibt wichtigere Themen, wie ich finde, deshalb hat mich die Geschichte nicht so vom Hocker gehauen. Aber das ist ja wie so Vieles Geschmackssache :-)

Gruß, Philipp

 

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