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Badetag

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19.08.2022
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Anmerkungen zum Text

Triggerwarnung!
In diesem Text geht es um Selbstmord, enthält explizite Sprache und könnte auf einige Personen verstörend wirken.

Badetag

Ich habe mich entschieden zu kündigen!
Ich hab mir schon alles zurechtgelegt, was man für eine ordentliche Kündigung aus seinem Leben benötigt. Eine Flasche Whiskey, ein scharfes Küchenmesser, Kiffe, gute Musik und eine Badewanne mit warmen Wasser. Ich könnte mir auch im Wohnzimmer das Messer in den Körper rammen und warten bis ich zu Boden gehe. Knock out in der ersten Runde. Ich habe mich aber für die relaxte, entspannte Art entschieden. Mit der Bimmelbahn ohne Umsteigen in den Tod. Mache ich mir zu viele Gedanken? Will ich das überhaupt durchziehen? Darüber nachgedacht habe ich viel. Sehr viel. Nur was in Gedanken noch klar, einfach und logisch erscheint, wird in der Realität zu einem unüberwindbaren Hindernis. Selbstmord. Scheiße, ich bin noch nichtmal dreißig und will mein Leben beenden? Oder ist das nur ein letzter verzweifelter Hilferuf. Ich denke nicht. Ich will gar keine Hilfe. Mir kann niemand helfen!

Gestern habe ich den ganzen Tag auf dem Klo verbracht damit mein Darm auch komplett leer ist. Ich habe gelesen, dass wenn man stirbt, sich der Schließmuskel öffnet. Ich kann mir aber etwas schöneres vorstellen als tot in der Badewanne zu liegen, aus einem Gemisch aus Blut, Wasser und Scheiße. Nein, das möchte ich wirklich Niemanden zumuten. Wenn man sogar an seinen Schließmuskel denkt, wenn man sich für den Selbstmord entschieden hat, ist das kein Hilferuf mehr. Dann ist das verfickte Realität.

Wird mich jemand vermissen? Ich vermisse mich schon seit Jahren. Den kleinen gut gelaunten Jungen, der vor Selbstbewusstsein strotzt und noch große Pläne für die Zukunft hatte. Er wird mit mir sterben. Um ihn tut es mir etwas leid. Aber nicht um den, der ich geworden bin. Ein depressives, emotionsloses Etwas. Über und über zerfressen von Selbstzweifeln und Selbstmitleid. Ein jämmerliches Wrack.

Es ist nicht so, als wäre ich eines morgens wach geworden und habe festgestellt, dass mir der Sinn des Lebens verborgen geblieben ist und allen Anschein nach, auch verborgen bleibt. Nein, es war ein schleichender Prozess. Wie ein Alkoholiker, der von Tag zu Tag mehr trinkt und sich nach mehreren Jahren dann eingesteht das er Alkoholiker ist. Ich wurde von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr unzufriedener mit mir, meinem Umfeld meinem Leben. Bis ich mir eingestanden habe, das hat alles keinen Sinn mehr. Psychiater? Nein, Danke. Gespräche mit Eltern und Freunden? Nein, Danke. Sich nach Außen weiterhin als selbstbewussten Kerl darstellen, den nichts erschüttern kann, der aber innerlich schon seit Jahren tot ist? Ja, bitte!

Wie aus dem kleinen Jungen ein Suizidkandidat werden konnte? Ich war nie der Mädchentyp. Wollte ich auch nie sein. Leben = Party. Party = Leben. Mit zwei Promille auf der Überholspur durchs Leben. Zerschellt an einem Brückenpfeiler. Der Brückenpfeiler hieß Julie. Ich lernte Sie auf einer Party kennen und es funkte sofort. Sie war anders, als andere Mädchen. Man konnte mit Ihr saufen, ficken, Drogen nehmen und trotzdem die intelligentesten Gespräche führen, die ich jemals mit einer Frau geführt habe. Sie war die, die ich nie gesucht, aber trotzdem gefunden habe. Mein weibliches Pondon. Nur leider sah Sie das etwas anders als ich. Nach sechs Jahren Beziehung, Saufeskapaden, Drogenexperimenten, intensiven Gesprächen und unglaublichen Sex wollte Sie auf einmal erwachsen werden. So haben wir nicht gewettet. Du solltest ich sein, nur in weiblicher Form. Du solltest für immer so bleiben. Wir sollten für immer so bleiben. Nichts bleibt für die Ewigkeit und nichts läuft wie man es sich in seinen Gedanken vorgestellt hat. Im Kopf eine Traumwelt, aber die Realität schmerzt.

Das Loch war tief in das ich gefallen bin. Sehr tief. Die ersten Monate waren geprägt von Heulkrämpfen, sehr viel Alkohol und Drogen. Mein Chef sah, dass ich am Ende war, aber zu feige mich darauf anzusprechen. Verficktes Weichei! Probleme kommen, Probleme gehen war seine Devise. Was heißt hier eigentlich Probleme? Kinder in Afrika haben Probleme. Ich bin Opfer einer rein geistigen Empfindung namens Liebe. Wenn Kinder in Afrika nichts zu essen bekommen dann sterben sie. Ich habe noch nie jemanden an Liebeskummer sterben sehen. Zumindest nicht auf natürliche Art und Weise.

Ich empfand Hass. Aber nicht auf Julie, sondern auf alle anderen Menschen auf dieser Welt. Alle anderen Menschen die ein glückliches Leben führen, in ihren Einfamilienhäusern, Job, Frau, Kind, Hund und zweimal im Jahr in den Harz zum Wandern. So will ich nicht sein und so werde ich nicht sein. Nur Julie will das. Warum will Julie das? Weil die Gesellschaft vorschreibt wie man leben soll. Ein aufrichtiges Mitglied unserer Gemeinde. Sonntags morgens in die Kirche, Sonntags Abends seine Frau verprügeln. Moral und Doppelmoral unterscheiden sich nur geringfügig. Ich hätte es ja versucht, ich hätte mein eigenes Leben aufgegeben um bei Julie zu sein, doch diese Möglichkeit bestand nie. Sie hat mir nichtmal die Gelegenheit gegeben mich zu ändern. Mit einem Bänker ist Sie durchgebrannt. Meine Julie. Mit einem Bänker. Finanziell abgesichert, aber emotional bankrott. So konnte Sie nicht sein. Nicht meine Julie. Doch, sie konnte.

Lächerlich denkt Ihr? Wegen einer Frau sich das Leben nehmen? Ihr Unwissenden! Dann habt Ihr nie geliebt. Ihr führt Scheinbeziehungen und belügt euch selber. Man kann Niemanden so lieben wie man sich selber liebt? Sie war ich und ich war Sie. Ein großer Teil von mir ist mit Ihr gegangen und das war unter anderem mein Lebenswille.

Doch zurück zur Realität. Hier stehe ich nun. Nackt. Mit leerem Darm. In meinem Badezimmer. Es läuft Portishead. Eine, wie ich finde, sehr schöne Musik für einen Selbstmord. Einen Abschiedsbrief habe ich nicht geschrieben. Niemand könnte meine Gedanken verstehen. Niemand soll meine Gedanken verstehen. Niemand darf meine Gedanken verstehen. Ich steige in die Wanne. Noch kann ich das alles beenden, mein Bad genießen, den ein oder anderen Whiskey trinken, kiffen und danach ins Bett, schlafen und morgen wieder zur Arbeit gehen. Ja, das könnte ich. Aber nein, das will ich nicht.

Ich schenke mir mein erstes Glas Whiskey ein und zünde mir einen Joint an. Ich spüre das warme Wasser an meinem Körper, spüre die Musik in meinem Kopf, empfinde aber eine unangenehme Kühle und Leere in meinem Körper. Ich bin nur noch eine funktionierende Maschine ohne Gefühl. Meine Organe arbeiten, ohne zu wissen warum. Mein Herz pumpt Blut, ohne zu wissen warum. Mein Gehirn ist der Heeresführer, der meinen Körper zerstören kann. Der große Diktator meiner körperlichen Hülle. Er befiehlt, mein Körper gehorcht. Was für ein dummer Körper. Keine eigenen Gedanken, nur Befehlen folgen auch wenn sie den Tod bedeuten.

Ich nehme das Küchenmesser in die Hand und zu meinem eigenem Erschrecken stelle ich fest, dass die Vorstellung hier in der Wanne zu verbluten, mich nicht mit Angst, sondern mit einer Art Freude erfüllt. Ich begutachte die Klinge, halte sie ins Licht, bewundere die Reflexionen auf dem kalten Stahl. Ich lege es behutsam wieder neben mich und schenke mir ein zweites Glas ein. Ich genieße. Ich genieße die letzten Minuten meines Lebens.

Mein Kopfkino startet. Der Film ist relativ kurz, könnte auch ein Trailer für ein richtiges Leben sein. Nicht meinem Leben. Meinem Leben sind die Produktionsmittel ausgegangen. Der Produzent hat sich schlichtweg verrechnet und macht jetzt den großen Abgang. Ironischerweise wird der große Abgang aber eher eine kleine, nasse, blutige Flucht. Keine großen Lichteffekte, keine Explosionen und kein weiblicher Hauptdarsteller. Im Abspann werden einige Namen stehen, aber Keiner davon konnte mich retten. Wollte mich retten. Wollte ich mich retten lassen? Ich bin froh, dass der Film maximal eine Flasche Whiskey lang geht. Dann kommt der große Lebensfilmriss aus dem es kein Erwachen mehr gibt. Eine Endlosschleife von Testbildern meines verkackten Lebens. Ich schenke mir mein drittes Glas ein und rauche meinen zweiten Joint. Ich denke an Julie. Ich muss Weinen.

Koordination fällt schwerer. Kopf wird leichter. Gedanken fliegen. Ich bin mittlerweile bei Glas fünf angelangt. Meinen dritten Joint habe ich vor einigen Minuten ausgedrückt. Es ist soweit. Ich spüre es, es gibt keinen Weg mehr zurück. Mein Leben endet. Heute, hier, in dieser Wanne. Ich nehme mir das Messer. Halte es in der Hand, drehe es, wende es, drücke es mir an mein Handgelenk, drücke es gegen meinen Hals. Wie soll ich es beenden? Die Musik nehme ich nur noch verschwommen wahr. Alle Gedanken drehen sich um den Schnitt, den einen, alles befreienden Schnitt.

Blut tropft ins Wasser, ich habe es wirklich getan. Ich bin stolz auf mich. Den Schmerz bemerke ich garnicht, folge nur den Tropfen, dem Fluss meines Blutes. Wie es sich im Wasser verdünnt und meinen Körper umgarnt. Zum ersten Mal seit langer Zeit bin ich wieder glücklich. Wie ein kleines Kind das Geburtstag feiert, nur mit dem Unterschied das ich meinen kommenden Tod feiere. Es wird dunkel, ich kann meine Augen nicht mehr offen halten. Höre weit entfernt noch die Klänge der Musik, Spüre mein Blut pumpen, dummer Körper, zerstörst dich selbst. Der Film ist zu Ende, der Abspann lange vorbei und ich weiß ganz genau, von meinem Leben wird keine Fortsetzung gedreht.

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @Kiffi,

interessante Geschichte.
ein paar Fehler, die mir aufgefallen sind:

weibliches Pondon.
Pendant meinst du?
[...] intensiven Gesprächen und unglaublichenm Sex KOMMA wollte Sie auf einmal erwachsen werden.
[...] eigenes Leben aufgegeben KOMMA um bei Julie zu sein

Jetzt zum Inhalt:
Den Einstieg fand ich gut, sogar ein bisschen witzig. Kündigung - man denkt erst an den Job, aber nein, eine Sekunde später wird klar: "Krass, da will jemand aus dem Leben aussteigen und kündigen!"

Dann im Verlauf jedoch leider Ernüchterung bei mir. Kann natürlich an mir liegen, aber ich konnte den Protagonisten nicht so richtig spüren. Klar, kognitiv ist mir das Problem klar - die gescheiterte Beziehung ist für ihn nicht zu verkraften, aber ich merk so mit meinen Sinnen nicht, wie schlecht es ihm geht.

Hier ein paar Beispielstellen:

Darüber nachgedacht habe ich viel. Sehr viel. Nur was in Gedanken noch klar, einfach und logisch erscheint, wird in der Realität zu einem unüberwindbaren Hindernis.
Er hat Nachgedacht, dann wird das aber mit so einem Satz summiert "ist ein unüberwindbares Hindernis" <--- Gib mir mal einen Hinweis was er gedacht hat. "Von der Brücke über dem Wald wollte ich nicht springen, hatte keine Lust, dass Kinder meine Reste beim Spielen finden" (oder was weiß ich, ist jetzt so ein Satz wild ins Blaue ;))

Ich meine der Prota scheint ja schon auch "gründlich" also irgendwie gewissenhaft zu sein, wenn er extra den Darm leert. Wieso dann kein Einblick in die Gedanken zur Wahl der Methode?

Die Idee von diesem Absatz ...

Wird mich jemand vermissen? Ich vermisse mich schon seit Jahren. Den kleinen gut gelaunten Jungen, der vor Selbstbewusstsein strotzt und noch große Pläne für die Zukunft hatte. Er wird mit mir sterben. Um ihn tut es mir etwas leid. Aber nicht um den, der ich geworden bin. Ein depressives, emotionsloses Etwas. Über und über zerfressen von Selbstzweifeln und Selbstmitleid. Ein jämmerliches Wrack.
... finde ich gut. Aber es ist mir mit "Selbstbewusstsein", "Pläne für die Zukunft", "Selbstzweifeln", "Selbstmitleid" irgendwie zu plakativ. Ja sicher, das wird wohl bei vielen Suizidalen das Problem sein - aber gib mir einen Geschmack davon wie sich das anfühlt. "Jämmerliches Wrack" klingt auch nach noch mehr als Selbstzweifeln - eher schon Selbsthass. Oder seltsamer Galgenhumor. Also ist vermutlich eher selten, dass man so zurück denkt und dann so ganz lapidar: "Puh, damals war ich schon ein jämmerliches Wrack". Die knappe Beschreibung wirkt für mich zu sehr nach einem Blick von außen.

Nur leider sah Sie das etwas anders als ich.
Der Satz erscheint mir viel zu schwach, bzw "leider" ist irgendwie sarkastisch --> Er suizidiert sich immerhin wegen der Frau!

Du solltest ich sein, nur in weiblicher Form.
Da bin ich gestolpert --> Ist er Narziss oder wie?! ;)

Hier

Das Loch war tief in das ich gefallen bin. Sehr tief. Die ersten Monate waren geprägt von Heulkrämpfen, sehr viel Alkohol und Drogen.
und hier
Ich empfand Hass.
bekomme ich auch nicht so richtig die Ausweglosigkeit zu packen. Klar, unter dem "Loch" und "Hass" kann sich jeder was vorstellen, aber ich hab da immer noch nicht so richtig Verständnis für den Prota.

Lächerlich denkt Ihr? Wegen einer Frau sich das Leben nehmen? Ihr Unwissenden! Dann habt Ihr nie geliebt. Ihr führt Scheinbeziehungen und belügt euch selber. Man kann Niemanden so lieben wie man sich selber liebt? Sie war ich und ich war Sie.
Hier wurde mir dann klar, dass sich der Erzähler sogar direkt an die Lesenden richtet, im Grunde dann wie ein Abschiedsbrief ;) Könnte man schon früher bringen oder aber ganz weglassen und stattdessen versuchen mir zu zeigen, dass der Prota nicht lächerlich ist. So wirkt die Passage auf mich halt wie: "Ich seh das nicht falsch, aber wenn du das so siehst, dann hast du nie geliebt!"

Ich begutachte die Klinge, halte sie ins Licht, bewundere die Reflexionen auf dem kalten Stahl.
Ist mir irgendwie zu kitschig, ist das nicht immer so mit dem Messer und den Reflexionen?
Blut tropft ins Wasser, ich habe es wirklich getan. Ich bin stolz auf mich. Den Schmerz bemerke ich garnicht,
Ab dieser Stelle wird es natürlich schwer - es ist die Ich-Perspektive, aber du schreibst ja nicht über den Tod hinaus.


Mein Fazit:
Ich komm nicht so richtig an den Prota ran. Wieso macht der das überhaupt? Ja, wegen Julie, aber wie war Julie so? Wenn der Prota das nicht besser beschreiben kann, weil ihm da vielleicht selbst die Worte fehlen, dann möchte ich aber wissen wie er sich fühlt. Und das dann nicht mit so Beschreibungen wie "Ich hab viel gesoffen und mir gings nicht gut." Ich glaube generell ist leider auch ein Problem, dass die ganze Szene natürlich tausendfach in Bild und Ton schon ausgeschlachtet wurde. Und leider auch genau so: Jemand legt sich in die Wanne und schneidet sich nach ner Flasche Schnaps oder Medikamenten die Pulsadern auf. Wieso? Verflossene Liebe!

So richtig hat das daher für mich nicht funktioniert, vielleicht hättest du mich gekriegt, wenn ich die Verzweiflung des Protas hätte spüren können, dann wäre mir glaube ich auch egaler gewesen, dass auch der sich wegen einer Beziehung in einer Wanne so ganz klischeehaft umbringt ;)

Ich hoffe, meine Worte waren nicht zu Harsch - ist auch bloß meine Meinung! Vielen Dank fürs Teilen der Geschichte.

-Marla

Edit: Hab oben noch was im Text ergänzt zur Beschreibung "Selbstmitleid" etc.

 

Hallo @Kiffi!

Ich muss sagen, dass mir in dem Text ein wenig Gefühl fehlt. Obwohl es aus der Ich-Perspektive geschrieben ist, komme ich nicht ganz bei dem Protagonisten an. Es fällt mir schwer, seine Entscheidung nachzuempfinden, weil viele Passagen allgemein „von außen berichten“. Er denkt viel über die Gesellschaft nach - über andere, aber auch das wirkt auf mich „wenig emotional“. Viele Passagen, in denen du zeigen kannst, wie er sich fühlt, erzählen mehr, warum er sich so fühlt und auch das bleibt teilweise allgemein und bezieht sich nicht konkret auf seine Situation. Ich gehe mal auf ein paar Stellen ein:


Mache ich mir zu viele Gedanken? Will ich das überhaupt durchziehen? Darüber nachgedacht habe ich viel. Sehr viel. Nur was in Gedanken noch klar, einfach und logisch erscheint, wird in der Realität zu einem unüberwindbaren Hindernis. Selbstmord. Scheiße, ich bin noch nichtmal dreißig und will mein Leben beenden? Oder ist das nur ein letzter verzweifelter Hilferuf. Ich denke nicht. Ich will gar keine Hilfe. Mir kann niemand helfen!
Hier hat eh auch @Marla_D schon etwas zu gesagt. Mich stört an der Stelle vor allem das „angedeutete aber nicht konkrete“ Zweifeln. Ich weiß nicht, was er denkt. Das „mit dreißig schon sein Leben beenden“ wirkt mir zu gesellschaftsfokussiert - was an sich kein Problem wäre, wenn ich mehr über ihn wüsste und wenn ich das Gefühl hätte, ihn interessiert wirklich, was andere denken, aber das beißt sich für mich ein wenig mit der späteren Charakterisierung von ihm: er wollte ja nie gesellschaftskonform sein. Grade weil seine Freundin so ein Leben wollte, gehts bei ihm den Bach runter. Ob er mit dreißig oder achtzig stirbt, scheint mir daher ein recht unbedeutender Gedanke zu sein. Aber das kann auch an der fehlenden Charakterisierung von ihm liegen. Zeig vielleicht mehr davon was er denkt bzw. vielleicht auch warum er so denkt, wie seine Gefühlswelt dabei ist und das klarer, weniger allgemein, so dass man als Leser näher an ihn ran kommt.

Gestern habe ich den ganzen Tag auf dem Klo verbracht damit mein Darm auch komplett leer ist. Ich habe gelesen, dass wenn man stirbt, sich der Schließmuskel öffnet. Ich kann mir aber etwas schöneres vorstellen als tot in der Badewanne zu liegen, aus einem Gemisch aus Blut, Wasser und Scheiße. Nein, das möchte ich wirklich Niemanden zumuten. Wenn man sogar an seinen Schließmuskel denkt, wenn man sich für den Selbstmord entschieden hat, ist das kein Hilferuf mehr. Dann ist das verfickte Realität.
Hier denkt er an die Leute, die ihn finden werden. Wieso tut er das? Warum ist ihm noch wichtig, wie Leute nach seinem Tod von ihm denken? Vielen Selbstmördern ist das gleich- suchen sich teilweise auch öffentliche Stellen. Wieso tickt er da anders?

Wird mich jemand vermissen? Ich vermisse mich schon seit Jahren. Den kleinen gut gelaunten Jungen, der vor Selbstbewusstsein strotzt und noch große Pläne für die Zukunft hatte. Er wird mit mir sterben. Um ihn tut es mir etwas leid. Aber nicht um den, der ich geworden bin. Ein depressives, emotionsloses Etwas.
Die Passage fand ich sehr schön. Du könntest hier noch ein bisschen länger in der Differenzierung zu sich selbst bleiben, indem du auch bei dem folgenden Satz schreibst: „Aber nicht um den, der aus ihm geworden ist.“

Es ist nicht so, als wäre ich eines morgens wach geworden und habe festgestellt, dass mir der Sinn des Lebens verborgen geblieben ist und allen Anschein nach, auch verborgen bleibt. Nein, es war ein schleichender Prozess. Wie ein Alkoholiker, der von Tag zu Tag mehr trinkt und sich nach mehreren Jahren dann eingesteht das er Alkoholiker ist.
Wenn es nicht das ist, wieso denkt er dann kurz vor seinem Selbstmord darüber nach? Das wirkt mir fast ein wenig zu weit weg. Seine Freundin und was genau da passiert ist, könnte meiner Ansicht nach viel mehr Platz in der Geschichte einnehmen, als die Dinge, die ihn nicht zum Selbstmord treiben.

Nach sechs Jahren Beziehung, Saufeskapaden, Drogenexperimenten, intensiven Gesprächen und unglaublichen Sex wollte Sie auf einmal erwachsen werden. So haben wir nicht gewettet. Du solltest ich sein, nur in weiblicher Form. Du solltest für immer so bleiben. Wir sollten für immer so bleiben.
Das ist mir auch zu weit weg von ihm. Er erzählt recht emotionslos von der Verbindung, seine genauen Gefühle bleiben mir als Leser verborgen.

Kinder in Afrika haben Probleme. Ich bin Opfer einer rein geistigen Empfindung namens Liebe. Wenn Kinder in Afrika nichts zu essen bekommen dann sterben sie. Ich habe noch nie jemanden an Liebeskummer sterben sehen.
Da relativiert er seine Entscheidung wieder und es wirkt auf mich so, als würde er sich und seine Entscheidung nicht ernst nehmen.

Ich empfand Hass. Aber nicht auf Julie, sondern auf alle anderen Menschen auf dieser Welt. Alle anderen Menschen die ein glückliches Leben führen, in ihren Einfamilienhäusern, Job, Frau, Kind, Hund und zweimal im Jahr in den Harz zum Wandern. So will ich nicht sein und so werde ich nicht sein. Nur Julie will das. Warum will Julie das? Weil die Gesellschaft vorschreibt wie man leben soll. Ein aufrichtiges Mitglied unserer Gemeinde. Sonntags morgens in die Kirche, Sonntags Abends seine Frau verprügeln. Moral und Doppelmoral unterscheiden sich nur geringfügig.
Das ist mir auch zu weit weg. Man kann die Wut und die Enttäuschung herauslesen, aber nicht die Verzweiflung, die ihn letztlich zum Selbstmord führt.

Sie hat mir nichtmal die Gelegenheit gegeben mich zu ändern. Mit einem Bänker ist Sie durchgebrannt. Meine Julie. Mit einem Bänker. Finanziell abgesichert, aber emotional bankrott.
Vielleicht würde hier eine richtige Szene, in der du zeigst, wie sie miteinander sprechen den Prota näher an den Leser bringen, aber so wirkt es auf mich wie eine Erzählung, eine Geschichte, die jedem so passieren könnte und dabei empfinde ich nichts.

Lächerlich denkt Ihr? Wegen einer Frau sich das Leben nehmen?
Zeig mir, warum es nicht lächerlich ist, anstatt es mir als Erzähler zu sagen.

Man kann Niemanden so lieben wie man sich selber liebt? Sie war ich und ich war Sie.
Liebt er sich denn selbst? Das geht für mich nicht so ganz auf. Er will sich das Leben nehmen, weil sie weg ist- in welchem Verhältnis steht er jetzt zu sich selbst? Fühlt er sich nutzlos ohne sie? Verloren? Was meint er, wenn er sagt, dass er sie war? Zeig mir, wie sich das anfühlt.

Du hast in diesem Text einige verschiedene Ansätze (Gesellschaft, Liebe, Selbstliebe, Verlassen werden, Sinn des Lebens, etc.), die dein Protagonist vor dem Suizid gedanklich anspricht. Meiner Meinung nach kommen sie allesamt ein wenig zu kurz und das auch auf Kosten der Charakterisierung bzw. Gefühlswelt des Protagonisten. Vielleicht hilft es, sich mehr auf ein paar bestimmte Punkte in seinem Leben zu fokussieren oder eben auf die Ereignisse, die ihn tatsächlich in den Selbstmord geführt haben. Er sagt ja selbst, dass es keine Sinnkrise, sondern Liebe ist. Vielleicht hilft es, sich mehr darauf zu fokussieren.

So viel zu meinem subjektiven Leseeindruck, ich hoffe das hilft dir weiter.

LG Luzifermortus

 

Hallo Kiffi!
Bin sehr neugierig zu erfahren, wie dein Protagonist den Text noch veröffentlicht hat, denn offensichtlich hat der Suizid ja funktioniert....
Gruß,
Jutta

 

Hallo Kiffe
Da hast Du Dir ein schweres Thema ausgesucht. Selbstmord bei einem sehr jungen Menschen, der eigentlich sein ganzes Leben noch vor sich hat. Und nicht im Affekt, sondern bilanziert und geplant. Vordergründig aus Liebeskummer, aber Du schreibst auch, dass es ein schleichender Prozess war, der sich über Jahre hinzog. Ich sehe einen mit sich und der Welt unzufriedenen, vielleicht etwas narzisstischen jungen Mann, vermutlich einsam, der sich verloren fühlt, denn Sinn im Leben sucht und nicht erwachsen werden will. Er ist enttäuscht vom Leben und der Liebe und bemitleidet sich selbst. Das hast Du gut beschrieben. Aber: Ähnlich geht es vielen, aber die wenigsten begehen Selbstmord. Wieso ist das Leben für ihn so unerträglich, dass er es beenden muss? (Ausser dem Liebeskummer.) Das konnte ich nicht ganz nachvollziehen.

Die Beschreibung in der Badewanne hinterlässt bei mir einen zwiespältigen Eindruck. Besonders dort wo Du beschreibst, dass der Gedanke in der Badewanne zu verbluten keine Angst sondern Freude auslöst, das kann ich mir schlecht vorstellen. Auch wenn man betrunken und bekifft ist, ist es bestimmt schwierig, sich selbst so sehr zu verletzen, dass man daran stirbt. Für mich wäre realistischer, wenn dies in einem tranceartigen Zustand geschieht oder wenn man einen Tunnelblick hat während der Handlung und alles andere ausblendet. Vielleicht hast Du dies gemeint, als Du beschrieben hast, wie er sich nur noch auf den Schnitt konzentriert. Aber Freude kann ich mir in einem solchen Moment nicht vorstellen.

Den Titel und Einstieg fand ich gut. Bei Badetag dachte ich zuerst an eine Sommergeschichte und bei Kündigung an eine Jobkündigung. Und dann kommt alles ganz anders, dies hat mein Interesse geweckt.

Hier noch ein paar Anmerkungen. Vielleicht greife ich Sachen auf, die andere bereits erwähnt haben...

Ich könnte mir auch im Wohnzimmer das Messer in den Körper rammen und warten bis ich zu Boden gehe. Knock out in der ersten Runde.
Sehr brutal und nicht einfach umzusetzen.

Gestern habe ich den ganzen Tag auf dem Klo verbracht damit mein Darm auch komplett leer is
vor damit ein Komma
schöneres vorstellen als tot in der Badewanne zu liegen
vor als ein Komma
Badewanne zu liegen, aus einem Gemisch aus Blut, Wasser
...in einem Gemisch....
ahren dann eingesteht das er Alkoholiker ist
....eingesteht, dass er....
meinem Umfeld meinem Leben
meinem Umfeld, meinem Leben
Mein weibliches Pondon.
Pendant meinst Du vermutlich, oder hast Du es extra so geschrieben?
nglaublichen Sex wollte Sie auf
sie klein
Ich genieße. Ich genieße die letzten Minuten meines Lebens.
Kann man das wirklich in solch einem Moment, ich bezweifle dies stark, denn wenn man geniessen könnte, bliebe man vermutlich auch gerne im Leben.

Das sind meine Anmerkungen. Vielleicht kannst Du etwas damit anfangen.

Viele Grüsse
Aida Selina

 

Hallo @Kiffi ,
Ich finde die Geschichte hat Potenzial, noch zwei, drei Mal darüber wetzen und die Kling wird richtig scharf.
Meine Ideen dazu:

Mache ich mir zu viele Gedanken? Will ich das überhaupt durchziehen? Darüber nachgedacht habe ich viel. Sehr viel. Nur was in Gedanken noch klar, einfach und logisch erscheint, wird in der Realität zu einem unüberwindbaren Hindernis. Selbstmord. Scheiße, ich bin noch nichtmal dreißig und will mein Leben beenden? Oder ist das nur ein letzter verzweifelter Hilferuf. Ich denke nicht. Ich will gar keine Hilfe. Mir kann niemand helfen!
Die vielen Gedanken, darüber nachgedacht, was in Gedanken noch klar, ich denke nicht... zeigt mir seine Nervosität, auch der Dreifache Hilferuf.
Ich stell mir den Protagonissten da mit dem Messer in der Hand vor, zitternd, er kann es nicht ruhig halten. Würde vielleicht dazupassen?
Gestern habe ich den ganzen Tag auf dem Klo verbracht damit mein Darm auch komplett leer ist. Ich habe gelesen, dass wenn man stirbt, sich der Schließmuskel öffnet. Ich kann mir aber etwas schöneres vorstellen als tot in der Badewanne zu liegen, aus einem Gemisch aus Blut, Wasser und Scheiße. Nein, das möchte ich wirklich Niemanden zumuten.
Das beschreibt seine Angst den anderen zur Last zu fallen. Er will keine Hilfe, will nicht das jemand ein schlechtes Bild von ihm bekommt, das sich jemand ekelt. Er ist eitel.
Ich schenke mir mein drittes Glas ein und rauche meinen zweiten Joint. Ich denke an Julie. Ich muss Weinen.

Die Beziehungszusammenfassung fand ich langweilig, weil ich generell nicht gerne lese wie eine andere Frau grundlos angehimmelt wird... Das geht vielleicht nur mir so.
Aber zum Joint: Wenn ich sowas vor hätte, würde ich mir mein ganzes Gras in den letzten Joint packen, das wär sonst Verschwendung. Und wuzeln in der Badewanne fände ich auch blöd.
Wenn es nur einer ist könnte der Lunt, nämlich als Lunte dienen, die am Ende die Welt des Prot. sprengt.

LG, Arania

 

Blut tropft ins Wasser, ich habe es wirklich getan. Ich bin stolz auf mich.
Ich frage mich ja, was passiert, wenn das jemand liest, der tatsächlich suizidär ist und sich auf der Kippe befindet. Sagt der sich dann auch: Hey, genau, ich wollte eigentlich auch schon immer einmal stolz auf mich sein, deswegen schneid ich mir jetzt die Pulsadern auf, das ist genau der Impuls, den ich noch gebraucht habe.
Eine Endlosschleife von Testbildern meines verkackten Lebens. Ich schenke mir mein drittes Glas ein und rauche meinen zweiten Joint. Ich denke an Julie. Ich muss Weinen.
Das Leben ist verkackt, aber er denkt natürlich an Julie und muss weinen. Weil die nämliche eine megageile Sexbeziehung mit den intelligentesten Gesprächen hatten. Und er nicht damit klar kam, dass sie sich von ihm trennte. Ist DAS wirklich die Geschichte? Ist das alles? Das ist seine Motivation? Der Text ist nicht verstörend, sondern wirkt auf mich einfach albern und nimmt sich selbst viel zu wichtig. Jeder schreibt irgendwann mal so einen Text, in dem es um Suizid geht, aber das Thema ist doch zu ernst, um es in so einer schwülstigen, wichtigtuerischen Sprache zu erzählen. Das ganze liest sich wie Abfeierei eines Suizids, wie Todesporn.
Weil die Gesellschaft vorschreibt wie man leben soll.
Und natürlich ist die Gesellschaft an allem Schuld, wer auch sonst? Von solchen banalen Binsenweisheiten ist der Text voll und dadurch kann ich ihn auch nicht ernst nehmen. Nichts davon ist für den Charakter unausweichlich, das sind Allgemeinplätze wie man sie beim Clickbait findet: Tat er es aus Liebe? Lesen Sie hier ...

Vielleicht sollte man sich vorher mal eingehend mit dem Thema Suizid beschäftigen, um wenigstens einen gewissen Background zu bekommen. Ein Anfang wäre: Jean Amery - Hand an sich legen. Gibts für einen Euro im Antiquariat.

Gruss, Jimmy

 

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