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Blau ist nicht der Himmel

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10.02.2000
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Anmerkungen zum Text

Gooks = Vietnamesen
Charlie = speziell Nordvietnamesen bzw. der Vietcong im Süden
HK = HK33, eine Heckler & Koch Waffe, die als Lizenznachbau von den Special Forces in Vietnam verwendet wurde
Mastwurf (einfacher, doppelter) = Segelknoten, auch beim Klettern benutzt

Blau ist nicht der Himmel

Tecumseh Longwater
Keine dreißig Fuß vor mir schluckt der Dschungelboden Menschen, Kisten, Säcke. Der Regen fällt so dicht und prasselnd, dass ich Mühe habe, Details zu erkennen. Es sind Schatten, die in loser Abfolge aus dem Erdreich steigen oder in ihm verschwinden. Ich robbe rückwärts, langsam, in derselben Spur, die ich im Schlamm zog, als ich bis zu diesem Punkt kroch. Zentimeter um Zentimeter. Unter meinem Körper fließen Rinnsale, bilden in Windeseile Pfützen. Zweige und Laub sind in Bewegung, mit dem Wasser auf dem Erdreich, das zunehmend rutschiger wird. Ein Rascheln rechts. Ich stoppe instinktiv und halte den Atem an. Zwischen kleinen Luftwurzeln kriecht ein Hundertfüßer hervor. Lang wie mein Unterarm, dunkelrot, bewegt er sich bis vor mein Gesicht. Hält an und hebt den vorderen Teil seines Körpers. Sein Fühlerpaar bewegt sich virtuos hin und her. Ich schiebe die rechte Hand vorsichtig zur Hüfte, taste nach dem Messergriff. Er senkt den Kopf und verschwindet aus meinem Gesichtsfeld. Ich atme aus. In der Dichte des Regens ist es unmöglich, dass die Gooks meine Bewegungen erkennen. Vorsichtig rutsche ich über die Erhebung hinter mir, gleite auf dem schlammigen Boden bis zur Senke. Das Wasser wird von meinen Spuren nichts übrig lassen.

Ted Barns
»Tecumseh kommt zurück, Ted«, murmelt Mitch.
»Du musst nicht flüstern. Bei diesem Regen hört dich in zehn Fuß Entfernung niemand mehr.«
»Wir hören aber ebenfalls nichts.«
Ich will ihm einen Blick zuwerfen, aber er ist schon wieder vor der Zeltplane. Tec kommt gebückt herein und setzt sich auf den Rest eines alten Baumstammes. Er fährt sich mit beiden Händen übers Gesicht und die schwarzen Haare. Wasser tropft von ihm herab. Seine Uniform ist völlig verschlammt.
»Was entdeckt?«, frage ich ihn.
Er nickt. Die Hände immer noch auf dem Kopf, starrt er auf die Stiefel, die in der nassen Erde eingesunken sind.
»Mit hoher Wahrscheinlichkeit ein unterirdisches Lazarett. Gooks gehen ein und aus, bringen Verletzte rein, auch auf Bahren, die sie an Seilen senkrecht in die Erde ablassen. Dann wieder Kisten, Taschen und so Zeug. Ich nehme an, Proviant, Medizin, Verbandmaterial. Waffen habe ich keine gesehen.«
Er legt die Hände auf die Knie und sieht mich an.
»Ich könnte das Ding auseinandernehmen. Ein Lazarett weniger. Und Charlie hat einen Grund mehr, uns zu fürchten.«
Ich hebe die Feldlampe von der Karte und leuchte über Tec an die tropfende Zeltbahn.
»Das ist nicht unsere Aufgabe, Tecumseh. Unser Auftrag lautet ‚Aufklärung und Erkundung des Bangfai-Flusses‘. Je weniger Lärm, desto besser.«
Tec sieht mich weiterhin an. Seine Augen sind die besten in unserem Zug. Er hat die Sehschärfe eines Adlers.
»Ruh dich aus. Zwei Stunden vor Sonnenaufgang brechen wir auf.«
Er nickt.

Tecumseh Longwater
Mitch weckt mich. Lester und Henry sind schon auf den Beinen. Es regnet Bindfäden. Ein dichter Vorhang aus Wasser. Nichts hält ihn auf. Nichts hält ihm stand. Ein neu entstandener Bach fließt mitten durch unseren Unterstand.
»Die Kekse sind feucht und das Kaffeepulver nur mit Regenwasser angesetzt«, entschuldigt sich Mitch und drückt mir etwas Labbriges in den Mund. Es ist süß, mehr nicht.
»Danke, Mitch.«
Schwerfällig komme ich hoch und trinke den Alubecher leer.
»Beeil dich, Tec. Wir wollen los.«
»Komme schon.«
Zügig falte ich die Zeltplane zusammen, stecke sie in den Rucksack und schultere die Waffe. Colt und Messer sitzen korrekt. Ein kurzer Blick. Nichts darf zurückbleiben. Den Rest erledigt der Regen. Neben dem Felsen stehen Henry und Lester. Mitch hält eine Plane und der Captain kniet darunter. Ich gehe hinüber und nehme Mitch eine Ecke der Plane ab. Der Captain sieht uns der Reihe nach an.
»Bei diesem Wetter werden wir frühestens heute Abend den Bangfai-Fluss erreichen und die Stellen ausfindig machen, die für Brücken geeignet sind oder einen Furtübergang ermöglichen. Wir vermuten, dass sich Charlie einen neuen Weg sucht, über den Ban-Karai-Pass, dann nach Laos eindringt und nach dem Flussübergang Richtung Süden abdreht. Unsere Aufgabe ist es, die vermutlichen Stellen zu fotografieren, um sie mit den Luftaufnahmen abgleichen zu können.«
»Captain ...«
»Lester?«
»Wo holen sie uns raus?«
Wir blicken uns an. Diese Frage ist verboten. Die Antwort muss ausbleiben.
»Tec, du gehst voraus. Dann Mitch mit dem Funkgerät. Ich folge, dann Lester. Henry geht am Ende. Die Richtung ist Ost-Nord-Ost. Abmarsch!«

Ted Barns
Wir sind seit drei Stunden unterwegs. Das Gelände ist abschüssig. Vom Bolaven-Plateau ins Bangfai-Tal. Kein Geräusch, außer den aufschlagenden Tropfen. Ich sollte es nicht tun, denke ich. Tecumseh andauernd die Spitze überlassen. Aber er war und ist nun mal unsere beste Chance in diesem Dauerregen, in diesem ewigen Dschungel. Nicht nur, um den besten Weg zu finden, nein, auch sein inneres Frühwarnsystem ist eine scharfe Waffe, auf die wir uns verlassen können. Unter dieses fast lückenlose Blätterdach dringt so wenig Tageslicht, dass man kaum unterscheiden kann zwischen Männern und Bäumen oder Ästen und Schlangen. Tecumseh kann es. Der Monsun begann vor knapp vier Tagen. Den Jungs ist anzumerken, dass nicht Charlie an ihren Nerven zerrt, sondern das aus Eimern fallende Wasser. Alle unsere Sinne sind trainiert auf Charlie, Stimmen, Kampfgeräusche. Doch wir müssen uns das verdammte Wasser anhören, das alle anderen möglichen Gefahren schluckt. Tecumseh jedoch macht es offenbar nichts aus.

Mitch bleibt plötzlich stehen, geht in die Knie, reißt mich aus meinen Gedanken. Ich tue es ihm sofort nach und hebe die Faust. Lester und Henry treten einen Schritt aus der Reihe, gehen in die Hocke und sichern nach hinten. Mitch gibt uns Zeichen, dass Tec etwas entdeckt hat. Waffen im Anschlag. Warten. Der Boden unter meinen Schuhen gibt nach, rutscht weg. Leise ziehe ich das Messer und stecke es neben einem Schuh tief in den Schlamm. Das Abrutschen stockt. Nach einigen Minuten taucht Tec auf. Er nickt uns zu, gibt Klarzeichen. Es geht weiter. Messer abwischen und einstecken. Nichts zurücklassen. Tecumseh übernimmt wieder die Führung und verschwindet im Regen.

Tecumseh Longwater
Eine Stunde vor Sonnenuntergang erreichen wir den Bangfai-Fluss. Das Wasser rauscht mit einer solchen Lautstärke, dass ich unwillkürlich an ein startendes Flugzeug denke. Der Monsun hat ihn mächtig anschwellen lassen. Neben einem Agarbaum entdecken wir eine von Wurzelwerk gebildete Erdhöhle. Nicht tiefer als zwanzig Fuß in den Hang hinein und zehn Fuß über dem Flussufer. Der Captain winkt uns zusammen.
»Tecumseh sieht sich im Süden um. Mitch im Norden. Maximal eine halbe Meile. Bleibt in Deckung. Lasst euch nicht von der anderen Seite aus sehen. Jeder nimmt eine Karte mit. Lester und Henry richten die kleine Höhle ein, dann nach Westen absichern.«

Ich ziehe los. Gesicht und Hals mit Schlamm eingerieben, nur mit Messer und Colt bewaffnet. Gegen die Vorschriften. Aber der Captain weiß, dass es genügt und drückt ein Auge zu. Der Fluss ist keine 200 Fuß entfernt, der Bewuchs am Ufer besonders dicht. Überall liegen große, teils mannshohe Granitblöcke herum, von Feigenbaumwurzeln umklammert. Ich bewege mich in einem Halbdunkel aus Wasservorhang und schwindendem Tageslicht unter dunkelgrünen Blattdächern. Noch nicht einmal Insekten fliegen. Alles, was klein ist und nicht auf Bäume klettern kann, wird ertrinken.

Rutschen, ausrutschen, zwischen dem Granit klettern, Feigenwurzeln ausweichen, das ist der Weg entlang des Bangfai. Wird das Rauschen der Fluten leiser, korrigiere ich die Richtung. Eine halbe Meile, sagte der Captain. Hier ist niemand. Nichts und niemand. Das Lazarett fällt mir ein. Wie schaffen es die Gooks nur, ihre unterirdischen Tunnel wasserfrei zu halten? Ein peitschendes Geräusch vor mir, halb rechts. Wie ein langer, dünner Ast, der gegen einen alten Stamm schlägt. Ich ducke mich hinter einen Fels. Neben meinem Schuh entdecke ich eine Riesenkrabenspinne, kleine Sturzbäche treiben sie unter dem Stein hervor. Ich zertrete sie. Besser so, denke ich. Als ich den Kopf hebe, sehe ich den Leoparden. Der Regen verhindert, dass er meinen Geruch wahrnehmen kann. Ohne seine Sinne ist er hilflos. Er verschwindet im Dschungel und ich warte noch eine Minute. Dann setze ich meinen Weg fort.

Der Fluss macht einen deutlichen Knick. Innerhalb von ein paar Fuß bricht das Rauschen fast ab. Ich gehe die wenigen Schritte zurück, dann nach links. Nach etwa dreißig Fuß stoße ich auf eine tief ins Ufer reichende Ausbuchtung. Nur wenig Steine liegen hier, meist flache, abgeschliffene. Das Gelände ist flach wie ein Strand mitten im Dschungel, das Blätterdach geöffnet. Rechts sind deutlich steil aufragende Felsen zu sehen. Der übliche dunkelbraune und sehr glatte Granit. Und auf Augenhöhe ein blaues Leuchten.

Sofort lasse ich mich hinter eine Feigenbaumwurzel fallen und ziehe den Colt aus dem Holster. Aber nichts passiert. Der Regen fällt. Mehr nicht. Das Leuchten hat sich nicht verändert. Weder in seiner Stärke noch seiner Position. Ich warte fünf Minuten. Den Blick auf die Felswand gerichtet, den Schalldämpfer auf das Gewinde geschraubt. Nichts geschieht. Vorsichtig robbe ich zurück und umgehe den offenen Bereich, bis ich an der Felswand angelangt bin. Dann nach links. Es muss ein Spalt im Fels sein, aus dem das Leuchten kommt. Kurz bevor ich an der vermuteten Position bin, sehe ich erstaunt die blauen Wassertropfen. Auf Höhe des austretenden Lichts fallen sie langsamer, werden bläulich, nur einen Augenblick, dann wieder fast transparent und erreichen ihre alte Fallgeschwindigkeit. Ich weiß nicht, was ich da sehe oder ob es real ist. Den Colt vor mich haltend beuge ich mich auf die Seite. Im Spalt liegt eine Art Amulett. Ein blauer Elefant durch dessen Rücken eine Lederschnur führt. Er leuchtet intensiv. Aus sich heraus. Seine Oberfläche ist durchzogen mit feinsten rostroten und grünen Adern. Unwillkürlich greife ich nach dem Elefanten. Etwas trifft mich in der Brust.

Ted Barns
»Wo bleibt Tec?«
»Keine Ahnung, Cap«, murmelt Lester.
Ich atme tief durch. Die Feuchtigkeit in der Luft ist so hoch, dass sich meine Lunge anfühlt wie ein mit Wasser gefüllter Schlauch.
»Lester und Mitch. Ihr legt die Claymores an die Zugangspunkte zu unserem Lager. Wie viele Strippen haben wir noch?«
»Ausreichend«, erwidert Mitch.
»Lasst nach Süden offen. Mitch …«
Henry öffnet den Spalt in der Plane.
»Tec kommt zurück. Und … etwas an ihm leuchtet blau.«
Wir sehen uns an.
Keine Minute später steht er zwischen uns. Abwesend. Wie hypnotisiert. Mitch versetzt ihm eine Ohrfeige. Um seinen Hals hat er eine Art Amulett. Ein blauer Elefant, der aus sich heraus leuchtet, ohne dass einer von uns genau definieren könnte, wo in diesem kleinen Ding nun die Lichtquelle ist.
»Das ist ein Lapislazuli«, erklärt Henry. »Meine Tante hat einen Schmuckladen. Ein Haufen bunter Steine. Auch so blaue Dinger. Sie sagte: ‚Diese blauen Steine hier sind Lapislazuli‘. Genauso sieht er aus.«
»Und haben die Steine deiner Tante auch so geleuchtet?«, will Lester wissen.
»Nee«, schüttelt Henry den Kopf. »Aber es gibt ja Steine, die leuchten. Die sind dann phosphoreszierend. So nennt man das. Legt man tagsüber in die Sonne, nachts leuchten sie.«
»Es gibt aber keine Sonne. Schon eine ganze Woche nicht«, wirft Mitch ein.
»Scheiß drauf«, unterbricht Lester. »Tec hat was von einer alten Kultur gefunden. Wenn er wieder zuhause ist, kann er es verkaufen. Ist sicher viel wert.«
Wir sehen uns an. Tec sagt nichts, steht nur da und stiert auf etwas, das wir offenbar nicht sehen.
»Und warum redet er nicht mit uns?«, hakt Mitch nach.
»Keine Ahnung«, unterbreche ich die Diskussion. »Legt ihn auf seine Plane. Mitch, setz die Claymores südlich und übernimm die erste Wache. Dann Henry, Lester, ich. Tec lassen wir schlafen. Wir müssen uns ausruhen. Morgen früh suchen wir den Fluss ab. Eine Stunde vor Sonnenaufgang geht es los.«
»Ist gut, Captain«, bestätigt Mitch und geht aus der Höhle.
»Lester?«
»Ja, Cap?«
»Wickel dieses Amulett in ein Stück Stoff und versteck es unter Tecs Jacke. Wir wollen kein Licht.«
»Ist gut, Cap.«

Tecumseh Longwater
Der Captain weckt mich.
»Tec? Alles okay?«
»Klar, Captain. Warum nicht?«
Er mustert mich einen Augenblick.
»Gestern warst du irgendwie weggetreten, als du von deinem Ausflug zurückkamst.«
»Weggetreten?«
Er nickt mit dem Kopf und legt seine Hand auf meine Stirn.
»Wie im Fieber.«
»Vielleicht der Dauerregen. Der macht jeden mürbe.«
»Ja, vielleicht …«
Mit dem Zeigefinger tippt er auf die Beule unter meiner Jacke.
»Wo hast du das her?«, will er wissen.
Ich hole das Amulett hervor. Es leuchtet ebenso intensiv wie am Tag zuvor.
»Nach etwa einer halben Meile ändert der Fluss seine Richtung. Siebzig oder achtzig Grad nach Osten, schätze ich. Dort gibt es die üblichen Ausbuchtungen. In einer Felsnische am Steilufer lag dieses Amulett.«
»Moment.« Aus seiner Brusttasche holt er die Karte und zeigt sie mir. »Wo ist die Stelle?«
Sie ist nicht schwer zu finden. Laut Karte wird der Bangfai nach dem Knick breiter und verläuft nicht ganz so geradlinig.
»Etwa hier, Captain.« Ich zeige ihm den Punkt.
»Hm, breiter bedeutet weniger Fließgeschwindigkeit. Das Wasser spült an diesem Knick den Grund weg. Dort ist es tiefer. Das Sediment ist schwer. Er wird es vor der nächsten Biegung wieder ablagern.«
Er sieht durch mich hindurch.
»Gibt es dort mehr Felsen als hier?«
»Ja, mehr lose Felsen. Flacher, abgeschliffen«, erkläre ich ihm.
»Okay. Dort suchen wir nach Möglichkeiten zum Überqueren. Mach dich fertig. Abmarsch in fünfzehn Minuten.«

Ted Barns
»Was ist, Mitch?«
»Im Stolperdraht hat sich eine Ente oder so was verfangen, Captain.«
»Gottverdammt! Sind ansonsten alle Claymores abgebaut?«
»Alles verstaut, Cap«, bestätigt Lester.
»Okay. Wo ist das Vieh?«
Mitch führt uns an eine Stelle zwischen Granitblöcken, die jeder halbwegs Normale bei dem Wetter nähme, ginge er am Fluss entlang. Nur wenige Inch von der Mine entfernt hängt der Vogel im Draht. Seine Flügelwurzel ist auf eine nicht erkennbare Weise darum gewickelt.
»Ist das eine Ente?«, fragt Lester.
»Keine Ahnung«, erwidere ich. Ente oder nicht. »Viel mehr würde mich interessieren, wieso das Ding nicht ausgelöst hat?«
»Zu wenig Zugkraft, zu nah am Gehäuse«, wirft Mitch ein.
»Tec«, sage ich knapp.
Tecumseh geht zu dem Vogel, der sich kaum noch bewegt und dreht ihm den Kopf ab. Mit einer schnellen Bewegung reißt er den Flügel heraus, ohne dass der Draht auch nur einen Millimeter seine Position verändert.
»Indianer«, meint Henry.
»Mitch, bau die Mine ab. Vergrab die Ente. Nichts zurücklassen.«
Nach wenigen Minuten sind wir bereit zum Aufbruch.
»Kann es sein, dass der Regen zugenommen hat?«, will Lester wissen.
Niemand antwortet ihm.
»Tec, du führst. Mitch, dann ich, Lester und Henry hinter uns. Vorwärts.«

Langsam nähern wir uns der von Tec beschriebenen Stelle. Erst zwanzig Schritte vor der Ausbuchtung erkenne ich Details durch die vom Himmel stürzenden Wassermassen. Lester hat recht. Der Regen ist stärker geworden, dichter und deutlich kühler. Wir sammeln uns zwischen den Wurzeln eines Feigenbaumes. Tec deutet über die kleine Lichtung.
»Dort drüben ist die Felswand. Fast neunzig Grad steil, dreißig Fuß hoch, schätze ich, an manchen Stellen sicher vierzig. In einer Nische habe ich den blauen Elefanten gefunden.«
Niemand sagt etwas. Das Scheißwetter nimmt uns alle Worte. Ich tippe Tec auf die Schulter, nicke ihm zu und wir marschieren weiter. Das Gelände wird deutlich flacher. Der Fluss hat diesen Teil schon einmal vor langer Zeit bearbeitet. Der Abstand zwischen den Feigen wächst, das Blätterdach lichtet sich. Nach etwa sechshundert Fuß sehen wir vor uns eine Art Plateau. Baumlos, kaum kleinere Pflanzen darauf, ein wenig Moos. Es besteht aus Abschnitten gewölbten Granits mit breiten Furchen dazwischen. In Jahrtausenden vom Bangfai flach geschmirgelt, der breit und träge daran vorbeifließt. Erdbraune Wassermassen, die sich leicht wellig bewegen. Ich hebe die Hand und gebe Zeichen zum Sammeln. Wir knien zusammen unter einer Plane.
»Der Fluss hat deutliche Wellen, aber sie brechen nicht. Also flache Steine unter der Oberfläche. Bei den Wassermassen schätze ich sechs oder sieben Fuß Tiefe. In der Trockenzeit passierbar. Hohe Berge links und rechts. Als Pilot hat man nicht viel Zeit für den Zielanflug. Ich würde an dieser Stelle den Fluss überqueren, wäre ich Charlie.«
Die Männer sehen mich an.
»Checken wir die Gegend«, schlägt Mitch vor.
Ich nicke.

Tecumseh Longwater
Mitch und ich bilden ein Team, Lester und Henry das zweite. Der Captain schickte uns zur westlichen Seite des Plateaus, aber die Sichtweite hat sich im dichter werdenden Regen so weit vermindert, dass sich eine Erkundung kaum lohnt.
»Gehen wir wieder zurück«, fordert mich Mitch auf. Dann bleibt er plötzlich wie angewurzelt stehen, seine Waffe im Anschlag. Gleichzeitig gehen wir in die Hocke. Über seine Schulter hinweg bedeutet er mir, in die Richtung seines Waffenlaufs zu sehen. Ich krieche an seine Seite. Keine zwölf Fuß vor uns, zwischen zwei enormen Brettwurzeln eines Agarbaumes, steht ein Rollstuhl. Fast zur Hälfte im Schlamm versunken. Wir sehen uns an, schweigen, nicken. Ich gehe gebückt auf diesen absonderlichen Fund zu, Mitch sichert die Umgebung. Eine Sprengfalle, ist mein erster Gedanke. Aber ich verwerfe ihn sogleich, denn die Wahrscheinlichkeit, dass überhaupt irgendjemand an dieser Sprengfalle vorbeikäme, ist verschwindend gering. Völlig sinnlos, hier eine Falle zu installieren. Trotzdem suche ich den Rollstuhl nach Besonderheiten ab, als ich ihn erreiche. Nichts. Bis auf die Tatsache, dass es ein sehr betagtes Exemplar ist, fällt mir nichts auf. Ich gebe Mitch ein Okay.

»Das ist das Unglaublichste, was ich jemals in meinem Leben gesehen habe«, sagt er verwundert. »Ein Rollstuhl mitten im Niemandsland.«
Ich gehe näher heran. Auf der vorderen Querstange ist etwas eingraviert.
»Da steht was drauf«, sage ich.
»Kannst du es lesen?«
»Fabriqué en France. Ein alter, französischer Rollstuhl.«
Mitch stößt einen Pfiff aus.
»Okay, dann ist das Rätsel gelöst. Die Froschfresser sind geflüchtet und haben Opa hier gelassen.«
Ich weiß nicht viel über die Franzosen.
»Waren die Franzosen auch in Laos?«, frage ich Mitch. Er kommt aus der Hocke hoch und umrundet den Rollstuhl.
»Laos, Kambodscha, Vietnam. Damals hieß es noch Indochina.«
»Ich dachte, sie waren nur in Vietnam.«
»Nee, nee, nachdem die Japse wieder weg waren, kamen sie zurück. Dann aber nur nach Vietnam. Bis sie bei Dien Bien Phu ordentlich auf den Sack bekamen und uns den Saustall überließen«, fuhr er fort.
»Und?« Ich schau ihn an. »Kriegen wir den Saustall sauber?«
Er legt den Kopf auf die Seite und dreht sich zum Dschungel.
»Ehrlich gesagt …«
Mitch verschwindet. Taucht ab ins Erdreich. So schnell, dass ich nicht einmal reagieren kann. Mit Mühe unterdrücke ich einen Schrei, lege mich auf den Boden und krieche zu dem drei Fuß durchmessenden schwarzen Loch, das sich wie von Zauberhand unter ihm auftat. Hastig nehme ich die Feldlampe aus der Beintasche, leuchte hinein, rufe seinen Namen so laut wie ich es vertreten kann, ohne irgendwelche Gooks in der Nähe zu alarmieren. Nichts. Das Licht der Lampe wird von der Schwärze geschluckt. Ich renne zurück.

Ted Barns
Wir stehen um das Loch. Tec hat sich bis auf die Unterhose ausgezogen und legt sich einen Mastwurf um beide Knöchel.
»Bist du sicher, dass wir dich in dieses Loch hinablassen sollen?«, fragt Lester.
»Mitch ist da unten irgendwo«, erwidere ich und lege mich auf den Boden. »Ich werde ihn auf keinen Fall zurücklassen.«
»Wir wissen doch gar nicht, wie tief das Ding ist«, wirft Henry ein. »Vielleicht ist das ganze Plateau unterspült oder es ist der Eingang irgendeiner Grotte …«
»Wir werden es einmal versuchen«, beende ich das Gespräch. »Das sind wir Mitch schuldig. Wir lassen dich bis 75 Fuß ab, wenn dort nichts ist …«
»Ihr müsst mich kopfüber in das Loch lassen, damit ich gleich meine Hände zur Verfügung habe. Falls es zu eng ist, um mich zu bewegen«, erklärt Tec.
»Okay, das macht Sinn«, gebe ich ihm recht. »Lester, Henry, legt das Seil einmal um diese Wurzel. Die ist stark genug für zwei Leute.«
Tec verschwindet mit dem Oberkörper im Loch. Wir sind bereit und ziehen am Seil. Er rutscht hinein und reißt eine Menge Erde mit sich hinunter. Ich knie vor dem Loch, kann ihn aber schon nicht mehr sehen. Lester und Henry geben abwechselnd Seil. Fuß um Fuß. Fünfundsiebzig. Mehr werde ich nicht zulassen. "Nichts!", kommt von unten. Nach weiteren zehn Fuß wieder ein "Nichts!" Bald ist die Grenze erreicht. Es ist still. Kein Laut dringt an die Oberfläche. Ich fühle mich von der Schwärze angezogen, als wäre ich ein Stück Eisen und dort in der Tiefe ein Magnet.
»Was sollen wir tun, Cap?«, fragt Lester.
Er holt mich aus meinen Gedanken. Ich muss mich entscheiden. Das Seil hat Spannung, zittert ein wenig. Tec bewegt sich. Ruft sicher nach Mitch. Dort unten ist alles, nur kein Boden. Ich springe zu den beiden und packe ein freies Stück Seil.
»Hochziehen!«

Wir sind zurück im Unterstand, am Rand des Dschungels, mit Blick auf das Granitplateau. Zwei Planen zwischen Bäumen aufgehängt. Tecumseh ist wieder in dieselbe Starre gefallen wie gestern und liegt neben mir auf dem Boden.
»Captain …«, Lester setzt sich neben mich, »das ist doch nicht normal. Gestern dieses blaue Dings, Tec ist abwesend bis heute Morgen. Nun fällt Mitch in ein Loch, das nicht enden will, neben einem Rollstuhl aus den zwanziger Jahren …«, er schweigt plötzlich und starrt in den Vorhang aus Regentropfen. »… und dann noch dieser endlose Regen.«
Ich spüre seine Hand auf meinem Arm. Vorsichtig lege ich das Funkgerät auf die Seite. Ich werde es Henry geben. Er hat ebenfalls eine Funkerausbildung.
»Cap, wir müssen hier weg!«
Lester betont jedes Wort.
»Überleg mal, was Tec gesagt hat. ‚Dort unten wurde es immer dunkler‘. Wie soll das gehen? Es IST doch schon dunkel in so nem Loch. Wie kann es da noch dunkler werden? Und keine Spur von Mitch. Noch nicht mal Spuren vom Sturz an den Lochrändern. Denk doch mal nach! Er ist mit Waffe, Stiefeln und Rucksack da runter!«
Warum ist Regen nur so laut? Ich könnte jetzt mein Herz klopfen hören. Lester hat recht. Ich schließe die Augen. Aber …
»Und noch eins, Cap … du hast es auch gesehen, als er wieder aus dem Loch kam. Oder?«
»Was hab ich gesehen?«
Lester fixiert mich mit eindringlichem Blick.
»Die Wunde auf Tecs Brust! Das große, vernarbte Loch. Nie und nimmer hatte er dieses Loch vor unserem Einsatz. Wir sind seit drei Jahren ein Team! Dieses Loch hat er erst seit gestern. Und es ist auf Herzhöhe. Das überlebt man nicht!«
»Gottverdammt«, sage ich und schaue auf den erstarrten Tec. Was war nur mit ihm los? Und was werde ich meinen Vorgesetzten erzählen? Auftrag nicht ausgeführt wegen seltsamer Vorfälle?
»Lester«, ich schau ihn an, »wir sind dafür ausgebildet. Für diesen Mist hier. Jeder von uns kann von Würmern leben und lautlos Menschen killen. Und wir haben einen Auftrag. Wir ziehen das durch. Okay?«
Lester schweigt. Ich sehe ihm an, dass er nicht einverstanden ist.
»Sind alle Claymores platziert?«, lenke ich ihn ab.
»Klar, sicher. Da kommt nicht mal eine Maus durch …« Er stutzt und grinst. »Höchstens ne Ente.«
Er steht auf und geht zu Henry, der seine Waffe reinigt. Es ist der Regen, denke ich. Seit Tagen nur grauer Himmel, tiefhängende Wolken, kaum Licht unter dunkelgrünen, fast schwarzen Blattwüsten. Nichts als Schlamm, kein trockener Platz weit und breit. Es kann nur der Regen sein.

Tecumseh Longwater
Da ist es wieder. Ein metallisches Geräusch, aber nicht im Unterstand. Einen Atemzug später ein zweites Mal. Neben mir kann ich den Captain riechen. Sein spezieller Duft. Ein drittes Mal, dem Klopfen einer Patronenhülse auf Stein ähnlich. Oder ein Verschluss? Aber wie kann ich überhaupt etwas hören? Der Regen tötet doch alle anderen Geräusche. Vorsichtig stehe ich auf, nehme das Messer aus der Scheide und gehe hinter dem ersten Baum vor dem Plateau in Deckung. Neben meinen Füßen schnarcht Lester. Also hat Henry Wache. Er ist vielleicht in Gefahr. Warum haben die Claymores nicht gezündet? Gebückt mache ich mich an der Dschungelgrenze auf den Weg zum Fluss, drehe mich zum Plateau und starre in die Dunkelheit. Erneut ein Klopfen, lauter. Halblinks vor mir. Vielleicht fünfzehn Fuß. Möglicherweise ein Späher der Nordvietnamesen mit derselben Aufgabe wie wir sie haben. Sein Umriss taucht auf. Zwischen zwei größeren Steinen. Noch wenige Schritte. Wieso sollte ein Späher Lärm machen? Aber diese Frage löst sich einfach auf. Ich greife seinen Kopf, drehe ihn zur Seite und ramme ihm das Messer in die Kehle. Kein Gurgeln. Nichts. Dann schleppe ich ihn zum Fluss und werfe seinen toten Körper hinein, tauche das Messer ins Wasser. Wenn es einen Gook gibt, dann möglicherweise mehrere. Sie können ja nur übers Wasser gekommen sein, sonst hätten die Minen gezündet. Ich ducke mich und lausche Richtung Plateau.

Ein oder zwei Minuten später schält sich ein weiterer Umriss aus dem Dunkel. Für ihn bin ich ein Stein, denke ich. Als eine Armlänge genügt, schnelle ich hoch und stoße die Klinge in seinen Hals. Ein kurzes Pfeifen. Er atmet durch die offene Kehle aus. Ich ziehe uns auf den Boden. Seine Hand greift nach meiner Hose, dann höre ich nur noch den Regen. Es bleibt ruhig. Zwei Späher. Mehr nicht. Langsam bewege ich mich wieder auf den Unterstand zu. Der Captain schläft. Lester ist verschwunden, aber es ist mir egal. Ich denke an das blaue Leuchten, greife nach dem Amulett und wickle es aus dem Stoff. Sein Leuchten beruhigt mich und das Prasseln der Regentropfen trägt mich hinüber in einen traumlosen Schlaf.

Ted Barns
Tec schläft noch. Das Amulett in seiner Hand. Von Lester und Henry keine Spur. Die Waffe im Anschlag krieche ich zur Dschungelseite aus dem Unterstand bis zum Fluss. Dann weiter auf das offene Plateau. Zwischen den gewölbten Steinen, parallel zum Bangfai. Bei jedem Schritt quillt Wasser aus dem Sand. Nach kurzer Zeit entdecke ich eine Lache aus Blut und hinter einem kleinen Block liegt Lester mit durchstoßener Kehle. Gottverdammt! Er hat seine HK neben sich liegen. Welcher halbwegs gescheite Gook würde eine gute Waffe hier liegen lassen? Ich reiße seine Hundemarke ab und lehne mich an den Stein. Nur noch Tecumseh und ich. Zwecklos, das hier nun fortzusetzen. Keine der Minen hat gezündet. Kamen sie durch den Fluss? Nein, kein noch so trainierter Schwimmer käme lebend über diesen Strom. Ich würde gerne ein Feuer machen, denke ich, mich wärmen, die Klamotten trocknen. Duschen. Ein dickes Steak essen

Mir ist egal, ob ich entdeckt werde und stehe auf. Wie weit kann man hier auch schon sehen. Die üblichen zwanzig Fuß bei diesem dichten Regen. Langsam gehe ich zurück zum Unterstand. Tec sitzt auf einem Stück Treibholz und stopft wässrige Kekse in sich hinein. Er sieht mich und nickt.
»Captain. Wo sind Lester und Henry?«
Da sind dunkle Flecken auf seiner Hose. An seinem Ellenbogen. Verkrustetes Blut am Unterarm. Ich richte meine Waffe auf ihn und entsichere.
»Tec, mach deinen Oberkörper frei.«
Er legt die Kekse auf die Seite und schaut verdutzt.
»Captain? Was ist denn los?«
Mein Finger wandert zum Abzug.
»Okay, okay …«
Er zieht die Jacke aus, das olivgrüne Shirt, das Unterhemd. Langsam, die Augen auf mich gerichtet.
»Und jetzt, Captain?«
Ich deute mit der Waffe auf das vernarbte Loch in seiner Brust.
»Woher hast du diese Narbe?»
Tec sieht an sich runter, streicht mit den Händen über das verwucherte Gewebe und schaut mich fragend an.
»Keine Ahnung, Captain … wirklich … das müssen Sie mir glauben!«
»Mit so einer Wunde ist man tot, Tec. Stimmst du mir zu?«
Er nickt. Zum ersten Mal in all unserer gemeinsamen Zeit sehe ich Angst in Tecs Augen.
»Tut mir leid, Tec.«
Er versteht es nicht. Ich drücke ab. Die Kugel durchschlägt ihn, knapp neben dieser Wunde. Tecumseh ist auf der Stelle tot. Vorsichtig nehme ich Hundemarke und Amulett ab, stecke beides ein. Etwas Hartes trifft mich in der Brust.

Ich habe keinen von beiden begraben. Es ist Morgen und der Regen hat fast alles Blut fortgespült. Den Rest erledigen die Tiere. Wohin Henry verschwunden ist, weiß ich nicht. Der Dschungel hat ihn geholt – oder der Regen. Das Funkgerät schmeiße ich ins schlammige Wasser des Bangfai, ebenso die Waffen der anderen. Nur die beiden Hundemarken nehme ich mit. Sie sollen meine Zeugen sein für den Tod. Was soll ich jetzt tun? Mein Herz klopft heftig, als ich eine Dose Bohnen öffne. Das Amulett fällt mir ein. Ich ziehe es aus der Hosentasche und betrachte fasziniert das blaue Leuchten. Dieses Blau ist nicht der Himmel. Vielleicht wird dieser Himmel nie mehr blau. Er wird grau bleiben und wir haben nur nicht gemerkt, wann das passierte, wann wir alle gestorben sind. Was also soll ich jetzt tun? Das Prasseln des Regens auf die Granitplatten des Plateaus hört sich ein bisschen an wie Gewehrfeuer. Ich weiß, was ich noch tun muss. Ich werde zurückgehen, und dieses verdammte Gook-Lazarett ausräuchern.

 
Verwendete Wörter
Lapislazuli | Flügel | Rollstuhl | kopfüber | Zeuge(n)
Mitglied
Beitritt
28.01.2021
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18

Hallo @Morphin
Ich hab deine Geschichte sehr gerne gelesen. Eine Truppe (amerikanischer?) Soldaten auf einer Mission. Ich finde deinen Schreibstil sehr angenehm und die Storyline selbst liest sich auch prima.
Hier ein paar Anmerkungen:

Groß wie ein Lineal, dunkelrot, bewegt er sich bis vor mein Gesicht
Ein Lineal (das die Länge von Gegenständen misst) als Vergleich von einer Größe? Naja ich weiß nicht. Außerdem gibt es viele Arten von Lineale, also ist es auch keine genaue Größenangabe. Ich weiß immer noch nicht wie groß das Ding ist. Vorallem wenn man nicht weiß was ein Skolopender ist.

Nach kurzer Zeit entdecke ich eine Laache aus Blut und hinter einem kleinen Block liegt Lester mit durchstoßener Kehle
Lache mit einem A

Nach kurzer Zeit entdecke ich eine Laache aus Blut und hinter einem kleinen Block liegt Lester mit durchstoßener Kehle. Gottverdammt! Er hat seine HK neben sich liegen
Und noch etwas. Mir ist bewusst dass es sich hier um Soldaten handelt, die vermutlich schon viel Blut/Tote gesehen haben und abgestumpft sind, aber mir fehlen hier trotzdem die Emotionen. Innerhalb kürzester Zeit sind drei seiner Leute gestorben, das muss doch mehr als nur Gottverdammt in einem auslösen. Und wenn er schon nicht um seine Kameraden trauert, erwartet man sich zumindest, dass er sich Sorgen um die Mission macht, die nun nicht mehr durchführbar ist, mit so wenig Leuten. Oder dass er befürchtet, dass Feinde ihr Lager entdeckt haben.
Keine der Minen haben gezündet. Auch nur eine neutrale Aussage. Wundert er sich nicht warum keine gezündet hat?

Den Rest besorgen die Tiere
Den Rest erledigen die Tiere, hört sich besser an.


Ich hoffe das war etwas hilfreich. Ich finde es schade, dass am Schluss nicht aufgeklärt wird um was es sich handelt. Ich gehe davon aus, dass es sich hier um etwas Paranormales handelt. Ein Fluch? Warum regnet es die ganze Zeit? Hat das auch etwas mit dem Amulet zu tun? Ich fand den Schluss, dass am Ende nur noch der Captain übrig ist, gut. Wieso er jetzt im Alleingang das Lazarett vernichten will hab ich dann nicht verstanden.
Die fünf Wörter sind echt gut platziert, nur das mit dem Rollstuhl wirkt etwas erzwungen.

Lg, Corvi

 
Wortkrieger-Team
Seniors
Beitritt
10.02.2000
Beiträge
2.370

Salü @Corvi,

besten Dank fürs Lesen und Kommentieren. Hab glatt vergessen, den Skolopender in die Textinformation zu setzen und hab deswegen seinen Klarnamen rein und die Länge auf Unterarm gesetzt.

Warum es regnet.

Der Monsun begann vor knapp vier Tagen.
'Laache' und 'besorgen' geändert. Keine Ahnung, was mich bei Lache geritten hat.

Jetzt zu deinem Anliegen mit den Emotionen. Zu gewissen Teilen basiert der Text auf Realität. Wobei ich eingrenzen muss: "erlebter/erzählter Realität". Faktische Realität ist gegeben, aber war von mir damals nicht verifizierbar. Aber sie enthält auch "seltsame" Stilmittel. Diese seltsamen Stilmittel ergaben sich aus dem blauen Lapislazuli. Das was du "paranormal" nennst, ist dieser Teil. Aber mal von Anfang an.

Mein Onkel war lange Jahre bei den Special Forces im Vietnamkrieg. Und seine Geschichten die er bei abendlichen Barbeques zum Besten gab, manchmal mit ehemaligen Kameraden, waren - gelinde gesagt - irre. Manchmal wie "Paranormales". Und emotionslos. Sie wurden erzählt, wie das Stutzen einer Hecke an langweiligen Tagen. Obwohl in diesen Erzählungen Glieder vorkamen, verstümmelte Leiber, verlorene Kameraden oder Unmengen von Leichenteilen, die man nie mehr hätte zusammensetzen können.

Und ich dachte damals dasselbe wie du: Wie kann man nur ein 'goddammit' raushauen und keine Tränen? Wo steckten all die Gefühle? Oder gab es da keine? Er war ein lustiger Kerl. Bis zu einem gewissen Punkt. Kam der Punkt, spürte man deutlich, wie er in eine Parallelwelt abtauchte und in seinem sehr großen Garten den Vietnamkrieg nachspielte. Sein Waffenarsenal war jedenfalls nicht weniger beeindruckend als sein Spiel.

Jahre später kam er in die Psychiatrie, und noch mal ein paar Jahre später nahm er sich das Leben.

Das Paranormale ist meine Interpretation dieser Parallelwelt. Allerdings muss ich dazu sagen, dass ich mich viele Jahre bis zum letzten recherchierbaren Detail mit diesem Krieg beschäftigt habe. So auch mit dem Rollstuhl, den mein Onkel tatsächlich an einer Stelle entdeckte, die schon innerhalb von Laos lag, an einem zugewucherten Haus ehemaliger französischer Kautschukbauern, die fliehen mussten.

Na, wenn es dich unterhalten hat, bin ich schon mal beruhigt.

Grüße
Morphin

 
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Abend @Morphin
Danke für deine schnelle Antwort. Es ist interessant zu erfahren, dass hinter der Geschichte auch ein Stück Wahrheit steckt. Ich will auch noch mal positiv erwähnen, dass du es schaffst trotz großem Wissen über den Vietnamkrieg, das Thema verständlich rüberzubringen. Mehr noch. Ich finde man merkt beim Lesen dass du viel Wissen über den Krieg besitzt, was sich positiv auf den Text auswirkt.
Oft ist das Problem, dass wenn man viel über etwas weiß, jedes Detail in eine Geschichte hineinbringen will, aber hier ist alles in einem perfekten Maß. (Ich hoffe du verstehst was ich meine).
lg Corvi

 
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Hallo Morphin,

interessiert mich als Pazifist nicht sonderlich, so Kriegskram ... aber ich habe Deine "Story" genossen - nicht wegen der Gräueltaten, sondern wegen Deiner Schreibe. Diese Abwechslung von Spannung, diese permanente Dominanz von Wasser, grüner Hölle, Gefahr und Bedrohung. Dieses Abtauchen in eine illusionistische Wirklichkeit, dieses krampfhafte Festhalten an den Regeln des Militärs, den Befehlen, das Funktionieren in schwierigsten Situationen, gepaart mit einer Ahnung von Sinnlosigkeit. Roh, aber nicht verroht. Gewalt als Unterhaltung. Respekt, tolle Arbeit!
Grüße Detlev

 
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Moin, moin @Morphin ,

ich bin beeindruckt. Ist Deine Produktivität in letzter Zeit eh schon sehr hoch und trotzdem so gut, finde ich dieses Tempo von Themenstellung bis Veröffentlichung schon fast neidisch machend. Da hast Du eine unglaublich Professionalität, toll!

Ich bin nicht gut im Zusammenfassen von Texten, hangle mich meist an Zitaten entlang, um meine Gedanken beim Lesen zeigen zu können, aber selbst das habe ich hier fast vergessen, geschweige denn, nach den vorgegebenen Wörtern geschaut. Der Rollstuhl und der Lazuli sind klar, das Kopfüber wird wohl beim Schacht ins Nichts sein, ... - also alle unverkrampft benutzt.

Mir ist klar, dass meine Kommentare einen erfahrenerer Schreiber kaum weiterbringen, ich sehe sie auch als Lehrstunde für mich selbst, denn so versuche ich zu verstehen, was der Autor da gemacht hat. Und hier lerne ich eine Menge (was ich hoffentlich auch lerne anzuwenden)

Blau ist nicht der Himmel
Ich gestehe, ich will den Titel andauernd umformulieren, mein Kopf ist wohl zu einfach gestrickt, der macht immer wieder "Der Himmel ist nicht blau" draus. Aber das macht aus meiner Sich den Titel so anziehend, ich stutze.

Keine zehn Meter vor mir schluckt der Dschungelboden Menschen, Kisten, Säcke. Der Regen fällt so dicht und prasselnd, dass ich Mühe habe, Details zu erkennen.
Ein Einstieg we aus dem Lehrbuch. Ein neugierig machender erster Satz, der mich lockt. Dazu Verortung und Stimmung.

Colt und Messer sitzen korrekt.
Bis hierher hatte ich total vergessen, dass ich eine Kommentar schreiben wollte, auch beim zweiten lesen musste ich mich arg darauf konzentrieren. Also alles richtig gemacht, schätze ich mal.
Allerdings stolpere ich als Militärisch und Waffenmäßige Laiin über den "Colt". Für mich verbindet sich das Wort mit Western. Also nur aus Neugierde - ist das auch im Militär eine gängige Waffe und Bezeichnung?

»Lester?«
»Wo holen sie uns raus?«
Wir blicken uns an. Diese Frage ist verboten. Die Antwort muss ausbleiben.
Hier ist es mir zum ersten Mal aufgefallen. Ich empfinde das als eine große Stärke dieser Geschichte, diese immer wieder überraschenden Brüche.

Ich sollte es nicht tun, denke ich. Tecumseh andauernd die Spitze überlassen.
Das habe ich inhaltlich nicht verstanden. Warum nicht? Weil es anstrengend und gefährlich ist, nehme ich an. Oder gibt es da noch etwas, was ich überlesen habe?

. Ich spüre, wie der Boden unter den Sohlen nachgibt, langsam wegrutsche, ziehe das Messer und stecke es neben dem Schuh tief in den Schlamm. Das Abrutschen stockt.
Das macht die Geschichte so echt, diese immer wieder eingestreuten realistischen Dinge, die man glauben kann.

Unwillkürlich greife ich nach dem Elefanten. Etwas trifft mich in die Brust.
Wieder ein Bruch/etwas Neues, mit dem ich nicht gerechnet habe.

Ihr legt die Claymores an die Zugangspunkte zu unserem Lager. Wie viele Strippen haben wir noch?«
Ich hatte das Wort noch nie gehört, und trotzdem schaffst Du es, mir die Bedeutung klar zumachen. Bitte nicht erklären, ich finde es gut, wenn man mitdenken darf/muss.

Der Regen ist stärker geworden, dichter und deutlich kühler.
Deine ständige Wiederholung des Regens und der Nässe lässt mich frieren, ich spüre die Nässe. Auch bei mir kommt die Stimmung an, ich will da raus.

Keine zwölf Fuß vor uns, zwischen zwei enormen Brettwurzeln eines Agarbaumes, steht ein Rollstuhl. Fast zur Hälfte im Schlamm versunken
auch ein toller Bruch, nicht mit zu rechnen

Lester ist verschwunden, aber es ist mir egal.
Hier habe ich überlegt, warum ihm das mit einem Mal egal ist, bisher hat er ja anders reagiert. Die Auswirkung des Amulett, nehme ich an. Aber hier wäre eine Stelle, wo ich auf diese Veränderung rein Formulierungsmäßig deutlicher eingehen würde. Nur gefühlt ...

»Tut mir leid, Tec.«
Er versteht es nicht. Ich drücke ab. Die Kugel durchschlägt ihn, knapp neben dieser Wunde. Tecumseh ist auf der Stelle tot. Vorsichtig nehme ich das Amulett ab und stecke es ein. Etwas Hartes trifft mich in der Brust.
Ja, irgendwie konsequent. Ich überlege nur, ob das "Tut mir leid" wirklich alles ist?
Ach ja, deshalb habe ich die beiden Hundemarken danach zitiert ... Da er die erste Erkennungsmarke von Lester ja abgerissen hat, ging ich hier auch erst davon aus, das er es bei Tec macht. Aber da nimmt er nur das Amulett und das "Ding"/Seltsam geht auf ihn über. Schon klar, das Du nicht jede Bewegung beschreiben musst, aber hier hat es für mich kurz gehakt

Nur die beiden Hundemarken nehme ich mit.
Denn hier hat er ja beide Marken.

Dieses Blau ist nicht der Himmel. Vielleicht wird dieser Himmel nie mehr blau. Er wird grau bleiben und wir haben nur nicht gemerkt, wann das passierte, wann wir alle gestorben sind.
Ja, da schließt sich der Kreis - das Scheißwetter, das ewige Grau, das Blau des Steines und seine Auswirkung auf seinen Träger. Lass die Geschichte bloß nicht die Heilsteinfreunde lesen, die sehen den Lazuli ganz anders. Aber irgendwie auch nicht, das Ausleuchten passt, uff - wenn das Dunkle nun wirklich alles ist ... beängstigend.
Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen, als Autorin vor allem die Brüche und der Spannungsaufbau. Gerade letzterer will mir nicht gelingen und ich werde nochmal versuchen, herauszubekommen, was Du machst. Vielleicht hast Du aber auch einen direkten Tipp für mich?

Wünsche ein schönes Wochenende, bei Euch im Süden ja wohl mit Frühling
und ich denke mal über eine Plottidee und Charaktere für die Challenge nach (erschreckend, dass hier schon zwei Geschichten fertig sind)
Beste Wünsche
witch

 
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Moin @Corvi,
gerne doch. Ich bin mir trotz meines Alters immer noch nicht schlüssig, ob es gut war, durch Onkel in Vietnam oder Opa in Russland und Italien und anderem Opa bei den Schwarzuniformierten, von all dem zu erfahren. Denn es ist beträchtlich mehr als man im Geschichtsunterricht - wenn überhaupt - erfährt. Und das kann in labilen Momenten schon mal in die Irre führen. Das Erfahrene - vor allem die Emotionen - ist nicht statisch als technische Info im Kopf archiviert. Es löst immer wieder Konfliktsituationen aus, Kontrollverlust. Schreiben darüber ist eine Art Strukturierung des Ganzen.

Hallo @Detlev,
ich beruhige dich gleich mal: auch ich bin Pazifist. DURCH die ganzen Geschichten aus der Verwandtschaft umso mehr. Es ist (leider) so, wie ich @Corvi schon schrieb, dass mir diese ganzen Geschichten erzählt wurden, vor allem in jungen Jahren. Sie geistern durch meinen Kopf. Irgendwann brechen sie dann aus. Was du schreibst, ist auch das, was ich bei diesen Erzählungen empfunden habe. Sinnlosigkeit vor allem. Verrohung, aber an Barbecue-Abenden darüber lachen ... besten Dank fürs Lesen und Kommentieren.

Servus @greenwitch,
naja, ich schreibe halt in Wellen, oder Phasen. Das ist schwer zu steuern. Was raus muss, muss raus. 'Blau ist nicht der Himmel ... blau ist nur der Stein' ... so ne Art Liedzeile. Abgeschnitten. Colt ist zwar auch der Name des Produktes, aber es ist die Firma, der Hersteller. Der heißt Colt. Was mein Onkel unter seinem Kopfkissen hatte, war bspw. ein Colt Modell 1911, als Einbruchssicherung. Und er war eine der meistverwendeten Waffen der US-Armee. Der Exfiltrationspunkt - so sagte mein Onkel - ist nicht bekannt, bis zu dem Zeitpunkt, an dem es soweit ist. Bei Gefangennahme kann so auch nichts verraten werden. Diesen Indianer gab es in der Tat. Wir haben ihn besucht und da hab ich zum ersten Mal Ameisen in Honig gegessen. Mein Onkel sagte, dass sein Kumpel, der Indianer, der beste Fährtensucher war und die ausgeprägtesten Instinkte hatte. Also musste er immer an die Spitze, obwohl normal gewechselt würde, um diese "Fähigkeiten" zu trainieren bzw. nicht verkümmern zu lassen. Ja, und dieses "Egal" hat man allen deutlich angemerkt. Der Befehl lautet: weitermachen.

Hundemarke ... ah, hab ich geändert. Ganz übersehen. Danke! :shy: Tja, und einen Tipp ... also eigentlich mach ich nichts besonderes. In diese Gedanken, bzw. hier Erinnerungen, eintauchen. Alles drumherum vergessen. Mir im Kopf diesen "Film" vorstellen und abspulen. Aufschreiben. Besten Dank fürs Lesen und Kommentieren.

Grüße an alle und bleibt gesund!
Morphin

 
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Moin @Morphin ,

du schreibst echt gut. Sehr reduziert, sehr flüssig. Und deine Texte haben (was ich bisher gelesen habe) alle emotionale Tiefe und das ist eine der wichtigsten Qualitäten eines Textes, finde ich. Ich bin auch beeindruckt, wie du scheinbar in kürzester Zeit so eine wirklich saubere Arbeit vorlegst. Lass dich nicht aus dem Flow bringen. Das ist eine Kriegsgeschichte. Da bin ich eigentlich raus. Bin da bei @Detlev . Genauso geht es mir aber auch mit der Umsetzung, die ich für sehr gelungen halte. Das liest sich einfach gut. Da ist Psychologisches, da ist was Außergewöhnliches/Schräges (allein das mit dem Rollstuhl) und da ist Plot. Ich denke, du köntest noch mehr von den Begriffen dieses Schlags Vietnamsoldaten einfangen. Du machst das definitiv sehr gut. Trotzdem geht da noch was mehr. Zum Beispiel hört einen Sound und fühlt sich an ein Flugzeug erinnert. Da könntest du locker schreiben, an welches, so viel Auswahl gibt es da nicht und diese Geräusche werden, so stelle ich mir das vor, im Krieg zu einer Sprache, die sich einbrennt. Du hörst das Geräusch und weißt genau, welches Flugzeug das ist. Das wäre eine Stelle. Ist, wie gesagt, meckern auf hohem Niveau. Vor allem den ersten Absatz habe ich mal genau unter die Lupe genommen. Dann wollte ich einfach lesen :D

Unter meinem Körper fließen kleine Bäche, bilden in Windeseile große Pfützen

Das Adjektiv kann da für mich weg.

Zweige und Laub sind in Bewegung, mit dem Wasser, auf dem Erdreich, das zunehmend flüssiger wird.

ich mag ja solche dichten Sätze gerne. Das "mit dem Wasser" verwirrt mich ein bisschen.

Ich stoppe instinktiv und halte die Luft an. Zwischen kleinen Luftwurzeln

Vielleicht: halte den Atem an

Lang wie mein Unterarm, dunkelrot, bewegt er sich bis vor mein Gesicht. Hält an und hebt den vorderen Teil seines Körpers.

Da würde ich einen langen Satz drauß machen ohne Konjunktion, weil sonst im nächsten auch das Subjekt fehlt. Dann wird es zu ugs. gemessen am übrigen Erzählton, finde ich. Also:

Lang wie mein Unterarm, dunkelrot, bewegt er sich bis vor mein Gesicht, hält an, hebt den vorderen Teil seines Körpers.

ein unterirdisches Lazarett

nicht mal gewusst, dass es so etwas gibt


Vielleicht in die Anmerkungen, dass das eine sehr abwertende Bezeichnung ist. Wäre ja was anderes, wenn das jetzt so was wie die Bezeichnung für englische Soldaten, "Tommy", wäre. Da könnte man einen Zusatz machen. Ansonsten gut, dass du das einbindest. Auch das mit dem Colt.

»Das ist nicht unsere Aufgabe, Tecumseh. Unser Auftrag lautet ‚Aufklärung und Erkundung des Bangfai-Flusses‘. Wir sind in Laos. Je weniger Lärm, desto besser für uns und den Rest der Welt.«

Finde ich gut gelöst. Allerdings würde ich das 'Wir sind in Laos' noch ein Stücken mehr verpacken:

... Das ist Laos. Je weniger Lärm, desto ...

Lappriges

Labbriges

etwas Lappriges in den Mund. Es ist süß, mehr nicht.

Konnte ich fast auf der Zunge schmecken.

Er nickt uns zu, gibt Klarzeichen
. Neben einem Agarbaum
Riesenkrabenspinne

Hier finde ich das wie an anderen Stellen auch ja sehr gut mit dem Vokabular

an ein startendes Flugzeug denke

Hier, denke ich, könntest du das konkreter machen.

Als ich den Kopf hebe, sehe ich den Leoparden.
Er verschwindet im Dschungel

Das fand ich richtig gut. War aber etwas enttäuscht, dass er dann verschwindet. Ich dachte, hier kippt das so in eine unerwartete Richtung. Eine neue Bedrohung, die noch existentieller und direkter ist als das bisherige

Das Gelände ist eben, wie ein Strand mitten im Dschungel, das Blätterdach geöffnet.

Das erste Komma kann weg, glaube ich.

»Ne«
»Nene

Nee heißt es.

und dann Nee, nee

Stolperdraht hat sich eine Ente oder so was verfangen,
»Das ist das Unglaublichste, was ich jemals in meinem Leben gesehen habe«, sagt er verwundert. »Ein Rollstuhl mitten im Niemandsland.«

Absurd. Gute Details

Captain riechen. Sein spezieller Duft.

Nach was riecht das?

Er versteht es nicht. Ich drücke ab. Die Kugel durchschlägt ihn, knapp neben dieser Wunde. Tecumseh ist auf der Stelle tot. Vorsichtig nehme ich Hundemarke und Amulett ab, stecke beides ein.

Spannende Wendung. Sowieso spannend die ganze Sache mit dem Elefanten. Aber die Mechanik hinter dem Amulett raffe ich noch nicht ganz. In dem Moment dachte ich (bzw. davor) Tec wäre angeschossen worden. Hier habe ich dann irgendwie geahnt, mir zusammengereimt: Das Amulett macht dich unsterblich zum Preis des Wahnsinns.
Dann: Aber wie kann Tec auf der Stelle tot sein, wenn er doch das Amulett in der Hand hält?
Habe irgendetwas übersehen, oder?:D

Etwas Hartes trifft mich in der Brust.

Und dann dachte ich: Ist es immer so, dass das Amulett einem dann zuerst einen Schuss in die Brust versetzt? Mittlerweile bin ich ganz sicher das ich etwas überlesen habe ...

So, des wars. 'Gern' gelesen. Du schreibst wirklich gut.
Viele Grüße
Carlo

 
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Tag @Carlo Zwei,

ja, stimmt. Eine Kriegsgeschichte. Wobei ich bewusst drauf geachtet habe, NICHT den Nordvietnamesen zu begegnen. In den Geschichten meines Opas gibt es ja diese Metzelszenen, und da muss man schon sehr aufpassen, wie man sie in Worte kleidet. Kriegsgeschichten sind immer problematisch mit dem historischen Hintergrund, den wir haben (was ich als positiv empfinde). Im Prinzip geht es nur um diese kleine Einheit. Der Lapislazuli ist ja irgendwie nicht ganz erfassbar mit unseren Sinnen. Ihm nachträglich eine Bedeutung zu geben, ihn zu erklären, ist nur eingeschränkt möglich. Denn zum einen war ich gespannt auf die Eingebungen der Leser*innen, zum anderen würde MEINE Interpretation mögliche Eingebungen wieder zunichte machen.

Prinzipiell aber geht es darum, ab wann eine Grenze überschritten wird. Wären die Soldaten nicht im Dschungel sondern in einem Chicagoer Schlachthof oder einer Detroiter Autofabrik, würden sie vielleicht morgens vor dem Kühlschrank stehen und einfach 15 Minuten auf dessen Tür starren, um dann die Knarre rauszuholen und die Familie zu killen. Oder sich ab da täglich ins Koma saufen.

Der Auftrag ist hinfällig. Was zuvor unwichtig war, eines der vielen unterirdischen Lazarette auszuradieren, ist nun erstes Ziel. Man ist nicht mehr IM Krieg. Man IST der Krieg. So geht es Tec. Und dann dem Captain.

Besten Dank dir fürs Lesen und den langen Kommentar.
Schöne Grüße
Morphin

Das Tunnelsystem

 
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Hallo @Morphin ,

wäre es ein Film, würde wahrscheinlich mit Handkameras gedreht, mit extra verwackelten Bildern, für das Gefühl, mittendrin zu sein.

Diese Atmosphäre erzeugst du von Anfang bis Ende, ohne dass die Beschreibungen konstruiert oder übertrieben wirken. Demnach eine der Geschichten, die einen direkt in ihren Bann ziehen und bis zum Ende nicht mehr loslassen.

Großes Kompliment, hiermit nimmst du den Leser direkt mit in den Dschungel! Und eine einfallsreiche Handlung, durch das blaue Amulett, aber auch der halbversunkene Rollstuhl hinterlässt ein eindrückliches Bild!

Noch einige Details:

Eine Menge Wasser tropft von ihm herab.
"Eine Menge" könntest du streichen, das ist durch den Dauerregen m.E. auch so klar.

Die Hände immer noch auf dem Kopf, starrt er auf die Stiefel, die in der nassen Erde eingesunken sind.
Oder: in die nasse Erde

Ich nehme an, Proviant, Medizin, Verbandmaterial.
Bin mir nicht sicher, ob er das hier so detailliert ausführen würde. Es sind ja Vermutungen, die die anderen ohnehin genauso haben werden.

»Das ist nicht unsere Aufgabe, Tecumseh. Unser Auftrag lautet ‚Aufklärung und Erkundung des Bangfai-Flusses‘. Wir sind in Laos. Je weniger Lärm, desto besser für uns und den Rest der Welt.«
Finde ich etwas zu deutlich erklärend für den Leser, kann mir nicht vorstellen, dass er das in dieser Situation so sagen würde. Das wissen alle Beteiligten ja schon.

Unter dieses fast lückenlose Blätterdach dringt so wenig Tageslicht, dass man kaum unterscheiden kann zwischen Männern oder Bäumen, zwischen Laub oder Spinnen, Ästen oder Schlangen.
m.E. jeweils "und" statt "oder"

Ich spüre, wie der Boden unter den Sohlen nachgibt, langsam wegrutsche, ziehe das Messer und stecke es neben dem Schuh tief in den Schlamm.
"ich" vor langsam, dann: "..., das Messer ziehe und es neben dem Schuh tief in den Schlamm stecke."

Wie ein langer dünner Ast, der gegen einen alten Stamm schlägt.
Komma

Nach etwa dreißig Fuß stoße ich auf eine Art toten Seitenarm oder tief ins Ufer reichende Ausbuchtung.
"eine" vor "tief"

Den Colt vor mich haltend, beuge ich mich auf die Seite.
Kein Komma

»Lester und Mitch. Ihr legt die Claymores an die Zugangspunkte zu unserem Lager. Wie viele Strippen haben wir noch?«
»Ausreichend«, erwidert Mitch.
Wollte sich hier der Autor nichts genaueres überlegen? ;)

»Aber es gibt ja Steine die leuchten.
Komma nach "Steine" (?)

»Und warum redet er nicht mit uns?«, hakt Mitch nach.
»Keine Ahnung«, unterbreche ich die Diskussion. »Legt Tec auf seine Plane.
"ihn" statt "Tec"

Ich hole das Amulett hervor. Es leuchtet ebenso intensiv wie am Tag zuvor.
Aber es wurde ja zuvor in eine Decke eingehüllt, sieht er das Leuchten trotzdem?

Mitch führt uns an eine Stelle zwischen Granitblöcken, die jeder halbwegs Normale bei dem Wetter nähme, ginge er am Fluss entlang.
nehmen würde ?

Tecumseh geht zu dem Vogel, der sich kaum noch bewegt, und dreht ihm den Kopf ab.
Kein Komma

»Dort drüben ist die Felswand. Fast neunzig Grad steil, dreißig Fuß hoch, schätze ich, an manchen Stellen sicher vierzig. In einer Nische habe ich den blauen Elefanten gefunden.«
Das wissen sie hier ja schon.

Keine zwölf Fuß vor uns, zwischen zwei enormen Brettwurzeln eines Agarbaumes, steht ein Rollstuhl.
Aha! Habe mich schon gefragt, wie du in dieser Umgebung den Rollstuhl einbindest! :gelb:

»Bist du sicher, dass wir dich in dieses Loch hinablassen sollen?«, fragt Lester.
Klingt sehr ausführlich, als würde er es extra für den Leser nochmal erklären.
Sie stehen ja alle vor dem Loch und wissen schon bescheid ...

Wir lassen dich bis 75 Fuß ab, wenn dann nichts ist …«
"dort" statt"dann"

Nichts!, kommt von unten. Nach weiteren zehn Fuß wieder ein Nichts!
Anführungszeichen fehlen

Ich fühle mich von der Schwärze angezogen, als wäre ich ein Stück Eisen und dort in der Tiefe ein starker Magnet.
"starker" könntest du streichen

Wie soll das gehen? Es IST doch schon dunkel in so nem Loch.
Bitte nicht etwas hervorheben, in dem du einfach das Wort groß schreibst ...

»Die Wunde auf Tecs Brust! Das große, vernarbte Loch. Nie und nimmer hatte er dieses Loch vor unserem Einsatz. Wir sind seit drei Jahren ein Team, duschen gemeinsam, sehen uns oft genug nackt. Dieses Loch hat er seit gestern. Und es ist auf Herzhöhe. Das überlebt man nicht!«
»Lester«, ich schau ihn an, »wir sind dafür ausgebildet. Für diesen Mist hier. Jeder von uns kann von Würmern leben und lautlos Menschen killen. Wir sind verdammte Special Forces. Und wir haben einen Auftrag. Wir ziehen das durch. Okay?«
Auch hier m.E. wieder etwas zu erklärend.

»Klar, sicher. Da kommt nicht mal eine Maus durch …«, er stutzt und grinst.
Das Komma entfernen, "Er" dann groß geschrieben.

Ein drittes Mal, dem Klopfen einer Patronenhülse auf einem Stein ähnlich – oder ein Verschlussgeräusch!
"einem" könntest du streichen, genauso wie die abschließenden drei Wörter.

Viele Grüße und noch ein schönes Wochenende!
Rob

 
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Moin @Rob F,

also dieses Avatarbildchen gefällt mir sehr gut. So beruhigend.

Heute Morgen hast du viel Arbeit da gelassen und ich habe lange überlegt - und zwei Tassen Kaffee geleert in der Zeit. Einiges habe ich übernommen, aus einigen Punkten habe ich gänzlich Neues gemacht und paar Sachen einfach gestrichen im Text.

Die Idee mit der Handkamera gefällt mir. So Cloverfield-mäßig. Bei Riesenkrabenspinnen bin ich jedoch als Schauspieler außen vor.

Vielleicht bist du nicht überrascht, aber im Gegensatz zu bspw. Bonatti, bin ich hier immer noch "im Schreibmodus", habe also mit dem Plot (nicht dem Text) noch nicht abgeschlossen. Da gärt noch was. Es drängt förmlich an die Oberfläche. Das Problem ist: die Brühe ist trüb, und ich kann es noch nicht genau erfassen.

Das hat natürlich mit den erzählten Geschichten meines Onkels zu tun. Inwieweit ich mich aber noch darauf einlassen will, weiß ich noch nicht. Lass ich mal auf mich zukommen.

Besten Dank fürs Lesen und all die Vorschläge. Wenig Regen und gesund bleiben wünsche ich dir.

Grüße
Morphin

 
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Hallo @Morphin,

los geht's:

Eine Menge Wasser tropft von ihm herab.

'Eine Menge' würde ich einfach weglassen.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit

Der Beschreibung zufolge kann er sich m.E. sicher sein: Ein Lazarett. Punkt.

Unser Auftrag lautet ‚Aufklärung und Erkundung des Bangfai-Flusses‘.

Kann auch weg. Ist zu sehr an den Leser gerichtet. M. E. natürlich.

Es heißt, er hat die Sehschärfe eines Adlers.

'Es heißt', du ahnst es, kann m.E. weg.

vermutlichen Stellen

meinst du evtl. 'vermutete Stellungen'?

»Tec kommt zurück. Und … er leuchtet blau.«

Anspielung auf Rambo? Blaues Licht? Was tut es? Es leuchtet blau.

Er rutsch hinein und reißt eine Menge Erde mit sich hinunter.

Hier fehlt das 't' bei rutscht.

Mehr hab ich nicht. Da waren vielleicht noch ein, zwei Kleinigkeiten, aber ich hab lieber gelesen.

Erstmal: Chapeau! Das ist wirklich dicht und gut erzählt, sehr atmosphärisch. Ich bin mittlerweile auch kein großer Fan von Kriegsliteratur und Kriegsfilmen mehr, aber im Studium hab ich den zweiten Weltkrieg in der amerikanischen Literatur als Thema gehabt: Norman Mailer, James Joyce, Kurt Vonnegut, Joseph Heller. Und gerade, wenn man Catch-22 kennt, dann empfindet man einen Text wie diesen nicht sonderlich konstruiert, im Gegenteil: Das Amulett hast du m.E. sehr organisch eingearbeitet und auch der Rollstuhl macht den Text m.E. nur reicher und spannender. Auch gut fand ich, dass du es mit dem Paranormalen nicht übertreibst, es ist an der Grenze zwischen Wahnvorstellungen, die die Soldaten im Dschungelfieber tatsächlich haben könnten.

Eigentlich suche ich einen Kritikpunkt, aber ich finde keinen. ich bin bis zum Schluss dran geblieben, obwohl es realtiv viel Text für wenig Handlung ist.

Ich mach's kurz: du hast es drauf und der Text hat mir sehr gut gefallen.

LG,

HL

 
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Salut @HerrLehrer,

uh, die Ansprache (Salut, Herr Lehrer) erinnert mich an dunkelste Zeiten ... :sconf: .. vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren. Ich hab gedacht, warte mal, bis noch jemand die "Menge Wasser" anmerkt. Und siehe da, also weg. Das mit dem Lazarett war eine Erklärung meines Onkel Ted an einem Grillabend. Fünf seiner ehemaligen Kameraden waren dabei, unter anderem der Indianer. Ist quasi ein "Foto". 'Es heißt' hab ich auch mal weg. 'Stellen' ist korrekt. Denn es ging darum, Stellen zu finden, die von den Nordvietnamesen verwendet würden, um Brücken zu bauen oder eine Furt zu nutzen. Diese wurden fotografiert und mit Luftaufnahmen verglichen. So bekam der Bombenschütze in den B-52 eine optimale Vorbereitung zur Orientierung. 'Blau' leuchtet in dem Fall nur das Amulett auf seiner Brust, was seltsam aussieht, bei einer Rückkehr im grauen Regeneinerlei.

Wie ich bei Carlo schon schrieb, ist das Paranormale nur mein Bild, das verdeutlicht, ab wann sich in der Persönlichkeit und dem Verhalten eines Menschen etwas ändert. Blau > Treffer in der Brust > du bist nicht mehr IM Krieg, du wirst ZUM Krieg. Es ist egal, wen oder wie oft oder wie du tötest. Der Rest Menschlichkeit hat sich aufgelöst. Ich habe mich entschlossen, das mit den Farben weiterzuführen, also weitere Teile zu schreiben und sie mit Farben "zu versehen". Das ist mein Projekt. Mal sehen, was draus wird.

Ja, Kriegsromane ... Catch-22 bleibt einem sehr im Gedächtnis. Aber auch "In einem anderen Land", dem ich durchaus auch seltsame Elemente unterstelle, hat prägende Wirkung. Für mich aber unmittelbar wirkend, waren die Erzählungen meines Großvaters als Panzersoldat in Russland und die Storys meines Onkels in den USA. Beide enthielten Wahnsinn. Erfahrungen weit außerhalb jeglicher Normalität. Das fällt wohl unter "Kriegserzählungen" oder "-literatur", erst mal, für mich aber unter Spektrum des Menschenmöglichen. Ich glaube, mich dem nicht entziehen zu dürfen, und entziehen zu können, denn was fange ich mit all dem Erzählten an? Vergessen?

Noch ein schönes Restwochenende wünscht
Morphin

 
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Hallo @Morphin
ich schließe mich dem Lob für deine Geschichte an! Auch ich habe sie sehr gerne und gespannt gelesen. Ich finde, dass es dir wirklich gut gelingt, eine ganz spezielle (mitunter surreale) Stimmung zu erzeugen. Gerade das letzte Drittel finde ich sehr stark. Hat mich tatsächlich mitgerissen beim Lesen. Der Stil (und wie ich mir das, was du schreibst, vorstelle) hat mich stellenweise ein wenig an Apocalypse Now erinnert. Vielleicht hattest du das ja auch irgendwo im Hinterkopf?

Hier noch ein paar Anmerkungen von mir.

»Die Kekse sind feucht und das Kaffeepulver nur mit Regenwasser angesetzt«, entschuldigt sich Mitch und drückt mir etwas Labbriges in den Mund.
Hier bin ich drüber gestolpert. Schiebt er ihm wirklich etwas in den Mund? Fand ich irgendwie seltsam.

sondern das aus Eimern fallende Wasser.
Diese Formulierung fand ich unpassend. Weil ich mir den Regen einfach anders (nicht so sturzbachartig) vorgestellt habe. Vielleicht kenne ich mich aber auch nicht genug mit den Eigenarten des Monsunregens aus...

Wie schaffen es die Gooks nur, ihre unterirdischen Tunnel wasserfrei zu halten?
Tja, das ist eine gute Frage :)

sehe ich den Leoparden.
Das hat mich zum Beispiel stark an Apocalypse Now erinnert. Da gibt es auch eine ähnliche Szene mit einem Tiger, wenn ich mich nicht irre. Fand ich cool und hat gut zur seltsamen Stimmung beigetragen.

Mitch versetzt ihm eine Ohrfeige.
Das fand ich ebenfalls als erste Reaktion etwas komisch. Wenn er ihn geschüttelt hätte, ok. Aber gleich eine Ohrfeige?

»Das ist das Unglaublichste, was ich jemals in meinem Leben gesehen habe«
Fand ich auch etwas drüber die Formulierung. Am Ende des Tages ists ja immer noch nur ein Rollstuhl im Dschungel. Seltsam und komisch mit Sicherheit. Aber das Unglaublichste?
Davon abgesehen fand ich die Stelle aber richtig gut! Trägt auch zur Stimmung des Textes bei!

‚Dort unten wurde es immer dunkler‘. Wie soll das gehen? Es IST doch schon dunkel in so nem Loch.
Richtig gut!

Jeder von uns kann von Würmern leben und lautlos Menschen killen.
Da hat mich das Wort killen gestört. Mir ist schon klar, dass specialforces-Haudegen im Einsatz vermutlich anders reden als gut uniformierte Paradesoldaten. Aber trotzdem hat mich die Formulierung irgendwie gestört...

Insgesamt eine wirklich gute und stimmungsvolle Geschichte!
Viele Grüße
Habentus

 
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Mahlzeit @Habentus,

besten Dank fürs Lesen und Kommentieren. Erst mal vorab:
Tunnelsysteme am Beispiel des "Museumtunnels" und hier noch was genauer (mit Untertitel). Da sieht man auch Entwässerungsschächte wie in Bergwerken.

Beim Monsun gibt es natürlich Unterschiede, ob ein Taifun dabei ist und welche Position er über dir hat, ob du mitten unter ihm stehst oder er den Regen vor sich hertreibt bzw. nach sich zieht. Es können problemlos um die 100 Liter Wasser pro m² und Stunde fallen. Das ist wie ein Vorhang. Dazu kommt, dass das Wasser sich im Blätterdach sammelt und zu größeren Tropfen bzw. kleinen Wasserfällen sammelt. Regenzeit ist von etwa August bis Dezember, je nach Aufenthaltsort.

Das Unglaublichste ... das ist jetzt die Frage. Im Prinzip wissen wir nicht, woher Mitch kommt und welche absonderlichen Situationen er schon gesehen hat oder nicht, auch nicht, wie er sie bewertet. Wenn du es aus deiner Leserposition betrachtest, daheim vor dem Ofen, ist es möglicherweise drüber. Machst du die Augen zu, hörst den Regen, stehst im Schlamm, keine Ahnung, ob aus dem Dickicht demnächst eine Kugel kommt, du bist isoliert, nass, nass, nass, kein Feuer erlaubt, wenn du so außerhalb jeglicher Normalität stehst, weitab von der gewohnten Zivilisation, dann kann sein, dass dieser Satz dabei rauskommt. Denn in diesem Augenblick ist es unglaublich. Ein Rollstuhl. Weil es in dieser Situation absurd ist, aber 10 Jahre zuvor, als die Franzosen flüchteten ganz normal. Aber vielleicht kennt Mitch das Wort absurd nicht ... ich weiß es nicht.

Und das Wort "killen" war an diesen Grillabenden das ausschließliche Wort für das Töten von Menschen, Tieren, allem. Ein anderes habe ich nicht gehört, deswegen habe ich das verwendet, weil es ein "starkes Verb" ist, dominant und alles besiegelnd.

Ich freue mich, wenn es dir gefallen hat und für ein wenig Ablenkung vom Corona-Alltag sorgte.

Bis denne und Grüße
Morphin

 
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Guten Abend @Morphin

ich bin so ein Depp, habe eine ganze Menge Zitate gesammelt und dann kommentiere ich den Einleitungstext mithilfe neuerlicher Zitate, kopiere die für dich vorgesehenen hier rein, schreibe aber zunächst den anderen Kommentar und zack, die Dinger sind weg, Mist, Mist, Mist.
Also noch mal: ein paar der Stellen habe ich ja wiedergefunden.

So und jetzt zu deinem Text; die Regen und Sturmmetapher, der Monsun, die Unbilden des Wetters (Schneezzeugs zum Beispiel) sind natürlich ganz gut nutzbare Metaphern für die Welt, die im Nebel versinkt und dadurch einen anderen Blick ermöglicht. (Zuletzt habe ich Jesmyn Ward: Vor dem Sturm gelesen, der während Catrina spielt). Hat auch was Mystisches an sich. Gelingt in deiner Geschichte.
Worauf das Konstrukt in deinem Text hinausläuft? Keine Ahnung. Da lese ich viel Fabulierlust, mir fehlt aber ein wenig der Fokus. Worum geht's? Um Männlichkeit, um die Natur, der man nichts entgegensetzen kann, um die Sinnlosigkeit militärischer Aktionen, um das, was geschieht, wenn Menschen verrückt werden? Ich erkenne es nicht, mag aber die kräftige, präzise Sprache.

Paar Stellen:

Zwischen kleinen Luftwurzeln kriecht ein Hundertfüßer hervor. Lang wie mein Unterarm, dunkelrot, bewegt er sich bis vor mein Gesicht. Hält an und hebt den vorderen Teil seines Körpers. Sein Fühlerpaar bewegt sich virtuos hin und her.
hübsche Beschreibung, wirklich, fast wie Spinnen :D
In der Dichte des Regens ist es unmöglich, meine Bewegungen zu erkennen.
mm, schwer vorstellbar

zwischen zwei enormen Brettwurzeln eines Agarbaumes, steht ein Rollstuhl.
starkes Bild. Komisch: ich habe letztes Jahr in Schottland auch nen Rollstuhl mitten im Nirgendwo, vor einem abgebrannten Hof, gesehen. Scheiße: vorletztes Jahr

Er steht auf und geht zu Henry, der seine Waffe reinigt. Es ist der Regen, denke ich. Seit Tagen nur grauer Himmel, tiefhängende Wolken, kaum Licht unter dunkelgrünen, fast schwarzen Blattwüsten. Nichts als Schlamm, kein trockener Platz weit und breit. Es ist der Regen.
Ticken zu viel Regenerwähnungen

Der Captain schläft. Lester ist verschwunden, aber es ist mir egal. Ich denke an das blaue Leuchten, greife nach dem Amulett und wickle es aus dem Stoff. Sein Leuchten beruhigt mich und das Prasseln der Regentropfen trägt mich hinüber in einen traumlosen Schlaf.
und die Beschreibung des Amuletts bleibst du schuldig, schade.

Und überhaupt: die ganze Aktion ist sinnlos, die hätten doch Drohnen losschicken können!
Jaja, ich weiß schon, dass die Story in der Vordrohnenzeit spielt.

Wintergrüße aus dem Taunusschnee
Isegrims

 
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Grüß dich, @Isegrims,

ja, das ist mir auch schon passiert mit den Zitaten. Ich hab's aufs Alter geschoben. So rechts ein Pop-up, dass einem die Zitate zeigt, zur Kontrolle ... :Pfeif: :D

Der wichtigsten Frage

Worum geht's? Um Männlichkeit, um die Natur, der man nichts entgegensetzen kann, um die Sinnlosigkeit militärischer Aktionen, um das, was geschieht, wenn Menschen verrückt werden?
widme ich mich in weiteren Texten zum Thema. Da mir das "Blau" gefiel, folgen weitere Farben. Aber die sind - wie das Amulett - nur der Schraubendreher. Der Indianer findet das Amulett - und tötet seine eigenen Leute, der Captain nimmt das Amulett, und tötet den Indianer. Das Töten hat sich abgekoppelt vom Schema Wir-Die, Freund-Feind. Beide trifft was in die Brust. Die völlige Enthemmung, hier ist es eine Wunde, die eigentlich tödlich ist. Aber sie leben. Wie oben schon mal geschrieben, sind sie nicht mehr IM Krieg, sie SIND der Krieg. Alle die Geschichten von Russland-Opa, Vietnam-Onkel habe ich in jungen Jahren gehört, von 5/6 bis 14. Und erst Jahre danach konnte ich Momente aus diesen Erzählungen zusammensetzen. In manchen Geschichten gab es Soldaten, die versuchten menschlich zu bleiben, etwa bei Gefangennahmen, Kontakten zur Zivilbevölkerung ... aber Opa UND Onkel erzählten auch von Grausamem, von "Kameraden", die ganz normal waren, bis zu einem gewissen Punkt. Bei meinem Opa hörte ich zum ersten Mal den Ausdruck "100-Kilometer-Blick", etwas passierte im Inneren, dann wurde es anders.

Zwei Kriege, identische Erzählungen. Das Erreichen einer Grenze. Und dann geht man einen Schritt weiter. Ich werde im zweiten Teil versuchen, mich dem noch ein wenig anzunähern.

Bei "Es ist der Regen" ist wohl das zweite Kursivsetzen fehlgeschlagen, denn er denkt es zwei Mal. Werde ich gleich ändern. Bei der Dichte des Regens meinte ich natürlich aus der Sicht der Nordvietnamesen am Lazarett-Eingang. Muss ich noch hervorheben.

Besten Dank fürs Lesen und Kommentieren und viel Spaß beim Schnee schauen.

Grüße
Morphin

 
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Lieber @Morphin

ich habe deinen Text sehr gerne gelesen. Zuerst dachte ich: oje, eine Kriegsgeschichte, das ist gar nichts meins - aber Du hast keine ekligen Szenen drin, die ich nicht verkraften würde. Der Text ist sehr atmosphärisch. Ich fühle mich mitgenommen in den Dschungel, hab das Gefühl, mich mitten im Monsunregen zu befinden. Immer wieder beschreibst Du sehr gekonnt das Wasser, das Rauschen, das Prasseln. Ich mag das Tempo Deiner Geschichte, sehr rasant, erzeugt Spannung, einen richtigen Sog. Ich fiebere mit. Das blaue Leuchten/ Amulett verleiht der Geschichte etwas Mystisches, was ich sehr mag. Ich bin ganz nah an den Protagonisten, grandioses Kopfkino. Das Ende ist Dir ebenfalls sehr gut gelungen.

Ein paar Kleinigkeiten sind mir aufgefallen. Ich weiß nicht, wie Du zu Wortwiederholungen stehst. Ich wurde hier auch schon ein wenig kritisiert, weil ich so pedantisch sind. Hab einfach mal angemerkt, was mir beim Lesen aufgefallen ist und hoffe, das ist ok.

Unter meinem Körper fließen kleine Bäche, bilden in Windeseile Pfützen. Zweige und Laub sind in Bewegung, mit dem Wasser auf dem Erdreich, das zunehmend flüssiger wird. Ein Rascheln rechts. Ich stoppe instinktiv und halte den Atem an. Zwischen kleinen Luftwurzeln kriecht ein Hundertfüßer hervor.

Ich nehme an, Proviant, Medizin, Verbandmaterial. Waffen habe ich keine gesehen
Er legt die Hände auf die Knie und sieht mich an.

Tec sieht mich weiterhin an. Seine tiefschwarzen Indianeraugen sind die besten in unserem Zug. Er hat die Sehschärfe eines Adlers.

Sehr gut beschrieben. Das mit der Sehschärfe eines Adlers gefällt mir.

Schwerfällig komme ich hoch und trinke den Alubecher leer.
»Beeil dich, Tec. Wir wollen los.«
»Komme schon.«

Tecumseh andauernd die Spitze überlassen. Aber er war und ist nun mal unsere beste Chance in diesem Dauerregen, in diesem ewigen Dschungel. Nicht nur, um den besten Weg zu finden, nein, auch sein inneres Frühwarnsystem ist eine scharfe Waffe, auf die wir uns verlassen können.

Ebenfalls sehr gekonnt ausgedrückt. Gefällt mir :thumbsup:

Als ich den Kopf hebe, sehe ich den Leoparden. Der Regen verhindert, dass er meinen Geruch wahrnehmen kann. Ohne seine Sinne ist er hilflos.

Da hab ich was gelernt. Das wusste ich nicht.

Es muss ein Spalt im Fels sein, aus dem das Leuchten kommt. Kurz bevor ich an der vermuteten Position bin, sehe ich erstaunt die blauen Wassertropfen. Auf Höhe des austretenden Lichts fallen sie langsamer, werden bläulich, nur einen Augenblick, dann wieder fast transparent und erreichen ihre alte Fallgeschwindigkeit. Ich weiß nicht, was ich da sehe oder ob es real ist. Den Colt vor mich haltend beuge ich mich auf die Seite. Im Spalt liegt eine Art Amulett. Ein blauer Elefant durch dessen Rücken eine Lederschnur führt. Er leuchtet intensiv. Aus sich heraus. Seine Oberfläche ist durchzogen mit feinsten rostroten und grünen Adern. Unwillkürlich greife ich nach dem Elefanten. Etwas trifft mich in die Brust.

Diese Stelle hat mir besonders gut gefallen. Dieses Mystische mitten im Kriegsgebiet. Verleiht Deiner Geschichte etwas Individuelles.

Keine Minute später steht er zwischen uns. Abwesend. Wie hypnotisiert. Mitch versetzt ihm eine Ohrfeige. Um seinen Hals hat er eine Art Amulett. Ein blauer Elefant, der aus sich heraus leuchtet, ohne dass einer von uns genau definieren könnte, wo in diesem kleinen Ding nun die Lichtquelle ist.

Auch diese Stelle finde ich klasse.

Wir sehen uns an. Tec sagt nichts, steht nur da und stiert auf etwas, das wir offenbar nicht sehen.

»Gehen wir wieder zurück«, fordert mich Mitch auf. Dann bleibt er plötzlich wie angewurzelt stehen, seine Waffe im Anschlag. Gleichzeitig gehen wir in die Hocke.

Ich gehe gebückt auf diesen absonderlichen Fund zu, Mitch sichert die Umgebung.

»Das ist das Unglaublichste, was ich jemals in meinem Leben gesehen habe«, sagt er verwundert. »Ein Rollstuhl mitten im Niemandsland.«

Auch diese Szene hat mich sehr angesprochen.

»Bist du sicher, dass wir dich in dieses Loch hinablassen sollen?«, fragt Lester.
»Mitch ist da unten irgendwo«, erwidere ich und lege mich auf den Boden. »Ich werde ihn auf keinen Fall zurücklassen.«

Das finde ich sehr mutig. Erzeugt Sympathie.

Es IST doch schon dunkel in so nem Loch.

Könntest Du klein schreiben, wird beim Lesen deutlich.

»Die Wunde auf Tecs Brust! Das große, vernarbte Loch. Nie und nimmer hatte er dieses Loch vor unserem Einsatz. Wir sind seit drei Jahren ein Team! Dieses Loch hat er erst seit gestern. Und es ist auf Herzhöhe. Das überlebt man nicht!«

Sehr geheimnisvoll.

Neben mir kann ich den Captain riechen. Sein spezieller Duft.

Müsste es nicht heißen "Seinen speziellen Duft"? Da bin ich grad selbst unsicher.

Sein Umriss taucht auf. Zwischen zwei größeren Steinen.

Vorschlag: Sein Umriss taucht zwischen zwei größeren Steinen auf.

Er versteht es nicht. Ich drücke ab. Die Kugel durchschlägt ihn, knapp neben dieser Wunde. Tecumseh ist auf der Stelle tot. Vorsichtig nehme ich Hundemarke und Amulett ab, stecke beides ein. Etwas Hartes trifft mich in der Brust.

Sehr gut beschrieben.

Das Amulett fällt mir ein. Ich ziehe es aus der Hosentasche und betrachte fasziniert das blaue Leuchten. Dieses Blau ist nicht der Himmel. Vielleicht wird dieser Himmel nie mehr blau. Er wird grau bleiben und wir haben nur nicht gemerkt, wann das passierte, wann wir alle gestorben sind. Was also soll ich jetzt tun? Das Prasseln des Regens auf die Granitplatten des Plateaus hört sich ein bisschen an wie Gewehrfeuer. Ich weiß, was ich noch tun muss. Ich werde zurückgehen, und dieses verdammte Gook-Lazarett ausräuchern.

Das Ende ist sehr gekonnt. Deine Geschichte hat mir gut gefallen.

Ganz liebe Grüße,
Silvita

 

MRG

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Guten Abend @Morphin,

habe deine Geschichte genossen, war richtig spannend! Wenn es das erste Kapitel eines Buches wäre, dann würde ich gerne weiterlesen. So, hier die Textarbeit:

Keine zehn Meter vor mir schluckt der Dschungelboden Menschen, Kisten, Säcke.
Was für ein Anfang. Das verspricht spannend zu werden und du hast wirklich abgeliefert bis zum Schluss. Das finde ich bei der Länge des Textes beeindruckend, ich hatte nicht einmal das Gefühl, nicht weiterlesen zu wollen.

Unter meinem Körper fließen Rinnsale, bilden in Windeseile Pfützen. Zweige und Laub sind in Bewegung, mit dem Wasser auf dem Erdreich, das zunehmend flüssiger wird. Ein Rascheln rechts.
Mir gefällt, wie du die Umwelt mit deinen Figuren interagieren lässt. So etwas lese ich gerne und funktioniert immer wieder gut für mich. Das ist mir auch bei den Texten in meiner Literaturzeitschrift aufgefallen, da gibt es immer wieder diese Interaktion zwischen Umwelt und Figuren.

Ich atme aus. In der Dichte des Regens ist es unmöglich, dass die Gooks meine Bewegungen erkennen.
Ich wusste erst nicht genau was die Gooks sind und das hat meine Spannung erhöht.

Er fährt sich mit beiden Händen übers Gesicht und die schwarzen Haare. Wasser tropft von ihm herab. Seine Uniform ist völlig verschlammt.
Finde es gelungen, wie du nach und nach die Beschreibung vornimmst. Das kommt mir organisch vor und ich kann mir ein immer besseres Bild von ihm machen. Gleiches gilt auch für seine Adleraugen:

Tec sieht mich weiterhin an. Seine tiefschwarzen Indianeraugen sind die besten in unserem Zug. Er hat die Sehschärfe eines Adlers.
Mir gefällt die Figur Tec, ich fand ihn faszinierend.

»Wo holen sie uns raus?«
Wir blicken uns an. Diese Frage ist verboten. Die Antwort muss ausbleiben.
Das fand ich ergreifend, da merkt man, dass es eben um Krieg und Gewalt geht. Hat mich immer weiter in die Geschichte eintauchen lassen.

Alle unsere Sinne sind trainiert auf Charlie, Stimmen, Kampfgeräusche. Doch wir müssen uns das verdammte Wasser anhören, das alle anderen möglichen Gefahren schluckt. Tecumseh jedoch macht es offenbar nichts aus.
Ich habe fast gemeint, das "verdammte Wasser" hören zu können und dadurch habe ich Tec als noch faszinierender wahrgenommen. Es macht ihm nichts aus.

Das Wasser rauscht mit einer solchen Lautstärke, dass ich unwillkürlich an ein startendes Flugzeug denke.
Das mit dem Flugzeug hat mich stolpern lassen. Denkt er da wirklich zuerst an ein Flugzeug, wenn er das Rauschen hört? Ich hatte ihn irgendwie mehr als naturverbundenen Menschen wahrgenommen und weniger als einen technischen.

»Tecumseh sieht sich im Süden um. Mitch im Norden. Maximal eine halbe Meile. Bleibt in Deckung. Lasst euch nicht von der anderen Seite aus sehen. Jeder nimmt eine Karte mit. Lester und Henry richten die kleine Höhle ein, dann nach Westen absichern.«
Ich habe das einmal rauskopiert als Beispiel für deine Dialoge. Die lesen sich für mich sehr gut, kaufe dir da jedes Wort ab und es erhöht maßgeblich die Spannung. Du kannst schreiben.

Nur wenig Steine liegen hier, meist flache, abgeschliffene.
Bin kurz über das "wenig" gestolpert, nach meinem Geschmack würde "wenige" besser passen.

Ein blauer Elefant durch dessen Rücken eine Lederschnur führt. Er leuchtet intensiv. Aus sich heraus. Seine Oberfläche ist durchzogen mit feinsten rostroten und grünen Adern. Unwillkürlich greife ich nach dem Elefanten. Etwas trifft mich in die Brust.
Faszinierend! Finde es toll, dass du nicht direkt den Lapislazuli erwähnst, sondern du lässt sich das entwickeln. Nach und nach kommt er heraus, worum es sich handelt. Das hat mir gefallen, wie du das dann hier eingebaut hast:

»Das ist ein Lapislazuli«, erklärt Henry. »Meine Tante in Houston hat einen Schmuckladen. Ein Haufen bunter Steine. Rubine, Amethysten und auch so blaue Dinger. Sie sagte: ‚Diese blauen Steine hier sind Lapislazuli‘. Genauso sieht er aus.«
Hat mich überzeugt, klar er kennt sich aus wegen seiner Tante.

Wenn er wieder zuhause ist, kann er es verkaufen. Ist sicher viel wert.«
Wir sehen uns an.
Da steckt viel drin, denn sie werden eben wahrscheinlich nicht wieder nach Hause kommen. Eine bedrückende Stelle für mich, Krieg ist etwas furchtbares.

»Dort drüben ist die Felswand. Fast neunzig Grad steil, dreißig Fuß hoch, schätze ich, an manchen Stellen sicher vierzig. In einer Nische habe ich den blauen Elefanten gefunden.«
Ich mag, wie das Amulett zentral für die Geschichte wird, sehr gelungen finde ich das. Denn so geht es eher um die Geschichte, die durch den Lapislazuli vorangetrieben wird. Es hat also eine echte Funktion und wird nicht einfach nur erwähnt.

Keine zwölf Fuß vor uns, zwischen zwei enormen Brettwurzeln eines Agarbaumes, steht ein Rollstuhl. Fast zur Hälfte im Schlamm versunken.
Ich hatte mich die ganze Zeit gefragt, wie du wohl den Rollstuhl einbauen würdest. Ich hatte gedacht, dass du es irgendwie mit dem Lazarett verknüpfen würdest. Daher war ich hier überrascht, und muss dazu sagen: positiv überrascht. Kreativ gelöst, weil du auch hier eine plausible Erklärung lieferst: Es handelt sich um einen alten, französischen Rollstuhl, also ein Relikt der Vergangenheit.

Mitch verschwindet. Taucht ab ins Erdreich. So schnell, dass ich nicht einmal reagieren kann. Mit Mühe unterdrücke ich einen Schrei, lege mich auf den Boden und krieche zu dem drei Fuß durchmessenden schwarzen Loch, das sich wie von Zauberhand unter ihm auftat.
Harte Stelle, finde es bemerkenswert, wie du nach und nach die Gewalt und den Tod einführst. Du hattest meine Aufmerksamkeit bis ganz zum Schluss. Das liegt vor allem an solchen Stellen, ich musste einfach wissen, wie das ausgeht. Solche Geschichte gefallen mir.

Tecumseh ist wieder in dieselbe Starre gefallen wie gestern und liegt neben mir auf dem Boden.
»Captain …«, Lester setzt sich neben mich, »das ist doch nicht normal. Gestern dieses blaue Dings, Tec ist abwesend bis heute Morgen. Nun fällt Mitch in ein Loch, das nicht enden will, neben einem Rollstuhl aus den zwanziger Jahren …«, er schweigt plötzlich und starrt in den Vorhang aus Regentropfen. »… und dann noch dieser endlose Regen.«
Schön, wie du auch den Rollstuhl aufgreifst und die skurrile Szene auch von deinen Figuren reflektieren lässt. Mensch, Morphin das ist echt gut!

Erneut ein Klopfen, lauter. Halblinks vor mir. Vielleicht fünfzehn Fuß. Möglicherweise ein Späher der Nordvietnamesen mit derselben Aufgabe wie wir sie haben. Sein Umriss taucht auf. Zwischen zwei größeren Steinen. Noch wenige Schritte. Wieso sollte ein Späher Lärm machen? Aber diese Frage löst sich einfach auf. Ich greife seinen Kopf, drehe ihn zur Seite und ramme ihm das Messer in die Kehle. Kein Gurgeln. Nichts.
Ich hatte da so eine böse Vorahnung... kann das wirklich sein, was ich mir da zusammenspinne? Das wäre doch zu krass...

Ich denke an das blaue Leuchten, greife nach dem Amulett und wickle es aus dem Stoff. Sein Leuchten beruhigt mich und das Prasseln der Regentropfen trägt mich hinüber in einen traumlosen Schlaf.
Hier die Betonung des Amuletts, das hat meinen Verdacht weiterverstärkt, aber ich war mir noch nicht ganz sicher.

Tec schläft noch. Das Amulett in seiner Hand. Von Lester und Henry keine Spur.
Ja, es ist also doch wahr! Klasse!

Nur die beiden Hundemarken nehme ich mit. Sie sollen meine Zeugen sein für den Tod.
Oh, was für eine bedrückende Stelle. Das Wort "Zeugen" ist optimal eingesetzt.


Insgesamt die beste Geschichte, die ich bislang von dir gelesen habe. Du triffst meinen Geschmack, hast einen tollen Schreibstil und es ist einfach bis zur letzten Sekunde so spannend geschrieben! Ich ziehe meinen virtuellen Hut und bedanke mich für die Unterhaltung. Gehört für mich bislang zu meinen Favoriten.


Beste Grüße
MRG

 
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Servus @MRG,

es fällt mir schwer, dir zu antworten. So wie mit den Geschichten über meinen Russland-Opa, frage ich mich auch hier - habe mich gefragt und tue es weiterhin - ob ich das schreiben darf. Soll? Muss? Einerseits wurden mir sehr viele Kriegsgeschichten erzählt, als Kind und Jugendlicher. Und mit meinem Opa saß ich abends vor dem Fernseher, wenn Peter Scholl-Latour aus Vietnam berichtete, was dann ein paar Jahre später von meinem Onkel detailreich ausgeschmückt wurde. Es gab zwei unterschiedliche Erzählarten. Mein Opa hatte oft einen Nervenzusammenbruch, mein Onkel erzählte begeistert, heldenhaft, nahm sich aber Jahre später das Leben. Zwei unterschiedliche Kriege, identische Zerstörungen von Persönlichkeit und Menschsein.

Ich stecke in einer Zwickmühle, muss ich ehrlich zugeben. Krieg ist für mich ein Verbrechen. Erzähle ich nur, um des Erzählens willen? Ändere ich damit irgend etwas? Bin ich ein Voyeur? Was unterscheidet den Krieg mit Waffen vom Krieg zwischen Menschen in einer Beziehung? Preise ich Gewalt an, wenn ich über sie schreibe? Beispielsweise actiongeladene Hollywood-Buster voller Gewalt am laufenden Band, konsumiert wie Gummibärchen ... senkt das die Hemmschwelle? Ja, es hat die Kraft, die Hemmschwelle zu senken - aber nicht alle reagieren darauf.

Du siehst, ein schwieriges Thema für mich persönlich. Ich danke dir fürs Lesen und so ausgiebiges Kommentieren. Wenn es spannend war und dich unterhalten hat, dann freut mich das. Vielleicht ziehen Leser*innen ja doch ins Netz, recherchieren zu diesem insgesamt 30 Jahre dauernden Krieg, und finden auch späte Reue wie die von Robert McNamara oder Filme von Veteranen beiderseits, die sich treffen, ehemalige US-Soldaten, die helfen Schulen zu bauen, Kinder unterrichten ... sich entschuldigen und manch guten Freund auf vietnamesischer Seite finden.

Vielleicht muss der Mensch erst im dunklen Tal fast zu Tode kommen, bevor er die Reife erreicht, das Licht zu ertragen.

Bis die Tage
Morphin

 

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