Was ist neu

Bruch

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Bruch

Immer wieder Wasser, das Wasser. Alt, magisch. Heimat. Kindheitsworte. Erinnerungen: nasse Steine unter Füßen. Sand, Gras, die Sonne, die uns blendet. Warme Haut, das erschöpfte Daliegen. Ein letzter Rest Feuchtigkeit im Handtuch. Das gleichmäßige Atmen der Mutter, wenn sie döst. Die krausen Haare des Vaters auf seiner Brust. Und das Summen der Insekten, weit weg, nah, weit weg. Libellen haben mir Angst gemacht. Schrilles Lachen. Ein spitzer Schrei. Jemand fällt, springt, wird gestoßen.

Noch liegt der Fluss ruhig da, ist nur träge Oberfläche. Kurz nach dem Eintauchen - wie ich dieses Gefühl vermisse. Prickelnde Kälte. Danach Orientierungslosigkeit. Schwerelos im Element, Rauschen in den Ohren. Sauerstoffperlen, aufgetrieben durch das eigene Gewicht. Brennen, Blitze auf der erhitzten Haut. Ich erinnere mich an Vaters Worte: Bombenkrater. Wie er das aussprach, da schwang Ehrfurcht mit. Eine Warnung war's. Die Löcher im grünstichigen Schlick sah man nicht, aber sie waren da. Strudel, die einen in die Tiefe hinabzogen. Der Vater war ein guter Schwimmer. Konnte tauchen, minutenlang. Da, am Wasser, am Fluss, da war noch etwas in seinem Blick. Erwartung, in einem Gesicht von früher. Nur noch Graues ist da jetzt. Puppenaugen. Manchmal verzieht er den Mund, ein Zucken im Winkel. Es ist, als wolle er sagen: Erinnert ihr euch auch? Wasser. Sonne. Der Frieden in diesen endlosen Minuten; aber im Blick selbst ist nichts mehr. Nur Schweigen, eine große Stille. Vielleicht endgültig. Mutter sagt: Da gab es einen Bruch. Sie sagt: Etwas ist gebrochen. In ihm. Was meint sie: Weggebrochen, abgebrochen, aufgebrochen? Es gab einen Bruch, sagt sie nur, so leise, dass ich schon denke, es soll keiner hören. Dann sieht sie wieder auf ihre Finger, als könne sie mit denen etwas rückgängig machen.

Wenn, dann denke ich an ihn als eine Kraft. Muskeln, die spannen, sich dehnen. Die Schweres leicht aussehen lassen. Und ich denke an die Tätowierung am Oberarm: ein Frauengesicht, schief und hässlich. Blaue China-Tusche, die mit dem Muskel, den Sehnen zittert. Zur Einheit verschmolzen. Auf ewig. Darüber habe ich gelacht, ein Milchzahnlachen. Ich erinnere mich.

Mutter hat neulich in die Brotschneidemaschine gefasst, vor ein paar Tagen erst. Hat sich selbst verbunden, saß da in der Küche mit Mull und Schere und Tränen. Blut auf dem Boden, nur ein paar Tropfen. Ich dachte gleich an Märchen, an die alten Geschichten, in denen es immer um Blut geht. Da war es, gleich neben dem Stuhl: Nicht mehr rot, schon fast schwarz, in den Dielen eingetrocknet. Mutter, sagte ich, und sie sah mich an, und ich wusste, dieser Blick … Ich weiß nicht mehr weiter, oder: Ich kann nicht mehr. Komm, sagte ich, ich helf‘ dir. Wie's Kraft kostet, das zu sagen. Man hat es sich selbst sagen hören, oft schon, aber das war nur im Kopf, das war nicht wirklich. Man hat es gedacht. Und dann sagt man's, weil die Zeit dafür gekommen ist.

Die andere Zeit ist weit weg. Aber es gab sie, das weiß ich. Ich stelle mir vor, wie die Mutter glücklich ist. Wie sie in die Sonne sieht, ihre Augen schließt. Wie sie die Wärme spürt, auf Haut, Haar. Wie sie sagt: Ist alles gut. Die Küche ist dunkel, die Mutter erschöpft. Im Haus ist das Schweigen eingekehrt.

Ich sehe den Vater, sehe die Tabletten. Rote, blaue, grüne. Sortiert nach Tagen. Er nimmt sie. Er spricht nicht. Die Tabletten arbeiten, im Kopf, in den Gliedern. Alleine sitzen wir da und sehen auf den Fluss, hören die Geräusche des Wassers. Das Gesicht am Oberarm ist noch da, natürlich. Ich seh's, wenn er sich eine Zigarette anzündet, dann verrutscht das Hemd. Das ist alles, was bleibt.

 
Wortkrieger-Team
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Mahlzeit @jimmysalaryman,

ja, ich kenne diese Momente. Das Universum stoppt kurz in seiner Ausdehnung. Millisekunden. Der Mensch macht sich Gedanken darüber, ob sein Hirn eines Tages die letzten Probleme lösen wird, übersieht dabei, dass seine emotionalen Fähigkeiten das schon längst beherrschen; den Antrieb der Kräfte und Gezeiten erkennen. Und sie atmen. Unsere Aufmerksamkeit dafür ist größtenteils verschwunden.

Eines fiel mir auf im Strom des Lesens:

Ich stelle mir vor, wie die Mutter glücklich ist.
Da du den Artikel vor Mutter nie benutzt hast, würde ich ihn hier einfach weglassen. Die wenigen Buchstaben schaffen hier zu viel Abstand vom Erzähler zur Mutter. Drei Buchstaben können ganze Welten verschieben. Erstaunlich.

Sehr gerne gelesen und nachempfunden.

Griasle
Morphin

 
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Du schmeißt ja einen Text nach dem anderen raus. Beneidenswert!
Schönsprachliche, detaillierte, sinnliche Figurenzeichnung - genau beobachtet.
Gerne gelesen, dieses atmosphärisch/tiefgründige - darf ich's sagen? - Stimmungsbild.

Drei Buchstaben können ganze Welten verschieben. Erstaunlich.
Jepp. Sehe ich ähnlich.

Der Vater war ein guter Schwimmer.
Hier gilt selbiges, m.A.n.

Netten Gruß!

 

CoK

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Hallo @jimmysalaryman

Der Fluß vor und nach dem Bruch. Oberarm mit Tätowierungen vor und nach dem Bruch. Mutter, jetzt kann(und darf) ich dir helfen.
Wie alles, was du schreibst, wortgewaltig ohne viele Worte.
Bin immer Beeindruckt.
Lieber Gruß
CoK

 
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Da du den Artikel vor Mutter nie benutzt hast, würde ich ihn hier einfach weglassen. Die wenigen Buchstaben schaffen hier zu viel Abstand vom Erzähler zur Mutter. Drei Buchstaben können ganze Welten verschieben. Erstaunlich.
Moin @Morphin, ich weiß nicht, ich habe da lange überlegt, ob ich den Artikel setze, ich finde es klingt hier, in diesem Text etwas altertümlich, auch distanziert, ist richtig. Ich mochte das irgendwie, weil es so was Größeres in diesem Moment bekommt, die Mutter, der Vater. Naja, vielleicht sollte ich da echt noch mal drüber nachdenken, haha.

Sehr gerne gelesen und nachempfunden.
Danke dir sehr!

Wird fortgesetzt!

 
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Hallo @jimmysalaryman ,

eine möchte ich an dieser Stelle mal sagen, ich glaube auch, es passt hier hin: ich finde es anerkennenswert, dass du hier weiterhin deine Texte veröffentlichst und Kritiken schreibst und man sich mit dir austauschen kann. So sehr viele andere erfolgreiche Autoren sind schon lange weg und man hat sie fast schon alles wieder vergessen und ich habe es jedes Mal zwar mit sehr viel Stolz betrachtet, dass diese Seite so tolle Autoren hervor bringt, aber gleichfalls hoch bedauert, dass sie alle weg sind und man sich nicht mehr mit ihnen austauschen kann.
Dafür also mein ganz großes Danke an dich!

Scheint es mir nur so oder bist du grad in einer Phase, in der dein Vater (aber auch die Mutter) sehr deutlich in den Vordergrund deiner Gedanken rücken?
Dies ist ein melancholischer Text, ungewöhnlich kurz für deine Verhältnisse, aber im Grunde genommen sagt er, was er sagen will in dieser Kürze.

Die Stimmung und wie du es verpackt hast, gefällt mir sehr gut. Man spürt, dass du teils um jedes Wort ringst.
Sorry, hab auf Speichern gedrückt und war noch gar nicht fertig. Wird also gleich fortgesetzt:

 

AWM

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Hey @jimmysalaryman

Immer wieder Wasser, das Wasser. Alt, magisch. Heimat. Kindheitsworte. Erinnerungen: nasse Steine unter Füßen. Sand, Gras, die Sonne, die uns blendet. Warme Haut, das erschöpfte Daliegen. Ein letzter Rest Feuchtigkeit im Handtuch. Das gleichmäßige Atmen der Mutter, wenn sie döst. Die krausen Haare des Vaters auf seiner Brust. Und das Summen der Insekten, weit weg, nah, weit weg. Libellen haben mir Angst gemacht. Schrilles Lachen. Ein spitzer Schrei. Jemand fällt, springt, wird gestoßen.
Der erste Absatz bringt mich zurück in meine Kindheit ins Schwimmbad. Das ist auf der einen Seite sehr konkret und spezifisch beschrieben, aber so, dass sich - denke ich - sehr viele in diesem Absatz wiederfinden können. Das ist destillierte Kindheit.
Brennen, Blitze auf der erhitzten Haut.
Hab über diesen Satz nachgedacht. Ich dachte ich mir kurz, dass Brennen auf der erhitzten Haut nicht passt. Aber Kälte brennt ja auch. Es gibt diese Szene bei The Punisher. Da foltert er einen mit einem Brenner am Rücken, damit er eine Information bekommt. Als er die Info bekommen hat, zeigt er dem Gefolterten, dass er ihm nur ein Stück Eis an den Rücken gehalten hat. Ein Mensch kann den Unterschied zwischen extrem großer Hitze und extrem großer Kälte nicht spüren. Ich schweife ab :D Fazit: Lass es so. Ich würde aber die Blitze streichen.
Man hat es sich selbst sagen hören, oft schon, aber das war nur im Kopf, das war nicht wirklich. Man hat es gedacht. Und dann sagt man's, weil die Zeit dafür gekommen ist.
Das ist meine Lieblingsstelle
Wie sie sagt: Ist alles gut. Ein Bild wie Scherben. Die Küche ist dunkel, die Mutter erschöpft. Im Haus ist das Schweigen eingekehrt.
Würde "ein Bild wie Scherben" streichen. Ohne das wird der Kontrast für mich größer und wirkt besser.
Er nimmt sie. Er spricht nicht. Ein stummer Mann dieser Tage. Die Tabletten arbeiten, im Kopf, in den Gliedern
Würde "ein stummer Mann dieser Tage" streichen.
Ich seh's, wenn er sich eine Zigarette anzündet, dann verrutscht das Hemd. Das ist alles, was bleibt. Tinte und Erinnerung.
Ich finde, es müsste "Das ist alles, was geblieben ist" heißen. Man könnte auch darüber nachdenken, nach diesem Satz aufzuhören.

Ich finde diese Geschichte extrem stark. Es ist auch so, dass sie mich voll abholt, weil ich vor diesem Bruch, der - wenn man nicht vor den Eltern stirbt- alle irgendwann erwartet, sehr große Angst habe. Du hast diese Mischung aus schönen Erinnerungen, Schmerz, Melancholie, Vergänglichkeit und Unwiederbringlichkeit in dem Text einfach hervorragend verdichtet.

Gruß
AWM

 
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Fortsetzung @jimmysalaryman

Und das Summen der Insekten, weit weg, nah, weit weg. Libellen haben mir Angst gemacht. Schrilles Lachen. Ein spitzer Schrei. Jemand fällt, springt, wird gestoßen.
Ich ahne/vermute, du möchtest mit diesem Bruch auf die Libellen, Spannung erzeugen, was dir absolut gelingt, trotzdem fall ich da raus aus dem Lesefluß und hake auch noch am spitzen Schrei fest. Ich könnte mir vorstellen, dass ein , zwei Worte mehr, die Spannung aufrecht ließen, aber sanfteren Übergang erschaffen. Aber ich kann dir da nichts vorschlagen im Moment.
Puppenaugen.
Mein Problem ist, dass ich mir unter Puppenaugen so rein gar nichts vorstellen kann. Für mich sind sie sehr distanziert, weil sie ja starr blicken. Willst du das damit ausdrücken?
Weggebrochen, abgebrochen
Ich hätte zwar auch wie du, drei Worte gewählt, aber ich finde den Unterschied zwischen weggebrochen und abgebrochen nicht so stark, dass ich sie nebeneinander gesetzt hätte. Vielleicht das dritte Wort dazwischen?
ein Milchzahnlachen.
Was für ein klasse Wort! Zum Hinknien treffend!
Komm, sagte ich, ich helf‘ dir.
Gekonnt zur Mutter rüber geschwenkt. Wodurch die Veränderungen beim Vater noch dramatischer wirken.
Was passiert: Das ist Vergänglichkeit.
Braucht es das?
Die andere Zeit ist weit weg. Aber es gab sie, das weiß ich. Die Zeit vor dem Bruch.
Mir wäre es hier zu viel der Worte. Wie wäre es mit: "Aber es gab die Zeit vor dem Bruch."
Ein Bild wie Scherben.
Was willst du damit sagen? Eine Art Mosaik? Kaleidoskop?
Das ist alles, was bleibt. Tinte und Erinnerung.
Gutformuliertes Ende der Geschichte.

Lieben Gruß

lakita

 
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Schönsprachliche, detaillierte, sinnliche Figurenzeichnung - genau beobachtet.
Gerne gelesen, dieses atmosphärisch/tiefgründige - darf ich's sagen? - Stimmungsbild.

Danke dir, liebe @Manuela K. Über die Artikel denke ich noch nach!

Wie alles, was du schreibst, wortgewaltig ohne viele Worte.
Bin immer Beeindruckt.
Auch dir danke ich, liebe @CoK Dein Kommentar versüßt mir den Morgen in der Hölle der Lohnarbeit.

Hallo @lakita

So sehr viele andere erfolgreiche Autoren sind schon lange weg und man hat sie fast schon alles wieder vergessen und ich habe es jedes Mal zwar mit sehr viel Stolz betrachtet, dass diese Seite so tolle Autoren hervor bringt, aber gleichfalls hoch bedauert, dass sie alle weg sind und man sich nicht mehr mit ihnen austauschen kann.

Joah, finde ich jetzt nichts Besonderes, um ehrlich zu sein. Ist doch eine prima Schreibgruppe, so sehe ich das Forum, und viele Leute hier sind mindestens genauso erfolgreiche, gute, wenn nicht bessere Schreiber, als ich es bin. Vor allem lege ich großen Wert auf die Meinungen aller hier, das ist neutral und kann auch hart sein, aber dann weiß man, wo man steht. Bei vielen arrivierten Autoren trauen sich die Lektoren irgendwann meistens nicht mehr, ihnen zu sagen, wenn sie den größten Mist produziert haben. Demut bringt's, finde ich.

Scheint es mir nur so oder bist du grad in einer Phase, in der dein Vater (aber auch die Mutter) sehr deutlich in den Vordergrund deiner Gedanken rücken?

Ich glaube, Familie, Sonderlinge, Brüder, seltsame Kauze, das sind so meine Themen. Wahrscheinlich, weil ich selber aus so einer dysfunktionalen Familie komme, aber das ist natürlich nur meine Privattheorie.

wird fortgesetzt!

 
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Hab über diesen Satz nachgedacht. Ich dachte ich mir kurz, dass Brennen auf der erhitzten Haut nicht passt. Aber Kälte brennt ja auch

Hallo @AWM Danke dir für deinen Kommentar. Ja, das ist so eine seltsame Empfindung, Hitze, Kälte, ich weiß gar nicht, ich habe darüber nachgedacht, wie das ist, in ein fließendes Wasser zu springen, oder in einen Baggersee, vor allem in einem richtigen Sommer. Für mich ist das so eine diametral sinnliche Erfahrung, also retrospektiv, warme Haut, kaltes Wasser ... schwierig einzufangen. Die Blitze, tja, auch so eine Sache, das sollte eher so etwas Lautmalerisches sein, denn diese Empfindung ähnelt irgendwie einem Blitz, der auf einer Oberfläche einschlägt - für mich ist das so, in meinem Kopf macht das Sinn, das kann jemand anders natürlich völlig anders sehen, das kann ich sogar nachvollziehen.

Würde "ein Bild wie Scherben" streichen.
Das finde ich, muss bleiben. Denn es ist ja auch das Bild der Mutter, wie sie dasitzt und das sagt, das ist, was er sieht, und er sieht sie, wie sie das sagt, und das ist ein Bild, das bereits zerbrochen ist. In meinem Kopf macht das total Sinn, da passt das, aber ich weiß natürlich nicht, wie andere das sehen. Ich würde es erstmal stehen lassen, und abwarten.

Würde "ein stummer Mann dieser Tage" streichen.
Natürlich ist das eine Abkürzung, aber in einem Text von dieser Länge, muss man halt Kompromisse machen, wie ich finde: Ein stummer Mann dieser Tage ist ja so etwas wie ein Zeichen, wie ein Vergleich zu den alten Zeiten, zur Vergangenheit. Er war mal nicht stumm, das steckt da ja so ein wenig drin, es hat sich verändert, er ist nicht mehr der Gleiche wie früher.

Ich finde, es müsste "Das ist alles, was geblieben ist" heißen.

Für mich klingt das dann so, als wäre der Vater schon tot, weißt du, was ich meine? So, wie es jetzt ist, klingt es eher nach einem bleibenden, schwebenden Zustand.

Gruss, Jimmy

 
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Servus Jimmy,

Da war es, gleich neben dem Stuhl: Nicht mehr rot, schon fast schwarz, im Holz eingetrocknet.
Welches Holz ist hier gemeint? Parkettboden oder die Tischplatte? Beide sind ja eigentlich imprägniert, also dass da Blut eintrocknet/-sickert ist lyrisch schön, aber funktioniert das?

Wie's Kraft kostet, das zu sagen. Man hat es sich selbst sagen hören, oft schon, aber das war nur im Kopf, das war nicht wirklich. Man hat es gedacht. Und dann sagt man's, weil die Zeit dafür gekommen ist.
äußert gut

Was passiert: Das ist Vergänglichkeit.
Hm, schwierig! Man könnte sagen: Ein wenig zu viel Behauptung. Was ist damit konkret gemeint? Es ist mir auch ein wenig zu viel Floskel in der Form, ich würde es kicken

Für mich ein sehr gutes Ding, das auf die Kürze viel erzählt und rüberbringt. Da sind sehr gute Formulierungen und Beschreibungen drin, die mich absolut abgeholt haben. Es ist auch sehr lyrisch, der Text. Das gefällt mir.

Andererseits macht es den Text womöglich etwas unangreifbar, wenn es um die Frage nach Greifbarem geht. Ich meine das im Bezug hierzu: Für mich ist das allermeiste, was hier geschieht, klar und ich habe daran nichts auszusetzen, aber die Sache mit dem Bruch ist für mich tatsächlich die unklarste - was ist damit gemeint? Es könnte sehr vieles sein, es ist sehr uneindeutig. Ich frage mich auch, wieso muss es diesen einen Bruch gegeben haben? Sind solche Veränderungen nicht auch immer eine Bergabfahrt über mehrere Stationen über eine längere Zeitperiode? Also, wenn alles sehr gut war und dann kommt ein Bruch und anschließend ist alles düster, hm ... Oder ist mit dem Bruch kein biografischer Schicksalsschlag gemeint, sondern ein medizinischer Bruch, der zum Verfall des Vaters geführt hat? Wie gesagt, das ist ein wenig uneindeutig.

Ich würde den Bruch als Motiv ein wenig aus dem Text nehmen. Im Endeffekt ist der "Bruch" lediglich ein redundantes Symbol oder eine redundante Metapher der Kernaussage deines Textes. Das, was du mit dem Bruch symbolisieren möchtest, sagt der Text, die Erzählung bereits aus.

Konkret würde ich diese Stellen streichen:

Immer wieder Wasser, das Wasser. Alt, magisch. Heimat. Kindheitsworte. Erinnerungen: nasse Steine unter Füßen. Sand, Gras, die Sonne, die uns blendet. Warme Haut, das erschöpfte Daliegen. Ein letzter Rest Feuchtigkeit im Handtuch. Das gleichmäßige Atmen der Mutter, wenn sie döst. Die krausen Haare des Vaters auf seiner Brust. Und das Summen der Insekten, weit weg, nah, weit weg. Libellen haben mir Angst gemacht. Schrilles Lachen. Ein spitzer Schrei. Jemand fällt, springt, wird gestoßen.

Noch liegt der Fluss ruhig da, ist nur träge Oberfläche. Kurz nach dem Eintauchen - wie ich dieses Gefühl vermisse. Prickelnde Kälte. Danach Orientierungslosigkeit. Schwerelos im Element, Rauschen in den Ohren. Sauerstoffperlen, aufgetrieben durch das eigene Gewicht. Brennen, Blitze auf der erhitzten Haut. Ich erinnere mich an Vaters Worte: Bombenkrater. Wie er das aussprach, da schwang Ehrfurcht mit. Eine Warnung war's. Die Löcher im grünstichigen Schlick sah man nicht, aber sie waren da. Strudel, die einen in die Tiefe hinabzogen. Der Vater war ein guter Schwimmer. Konnte tauchen, minutenlang. Da, am Wasser, am Fluss, da war noch etwas in seinem Blick. Erwartung, in einem Gesicht von früher. Nur noch Graues ist da jetzt. Puppenaugen. Manchmal verzieht er den Mund, ein Zucken im Winkel. Es ist, als wolle er sagen: Erinnert ihr euch auch? Wasser. Sonne. Der Frieden in diesen endlosen Minuten; Vergangenheit. Aber im Blick selbst ist nichts mehr. Nur noch Schweigen, eine große Stille. Vielleicht endgültig. Mutter sagt: Da gab es einen Bruch. Sie sagt: Etwas ist gebrochen. In ihm. Was meint sie: Weggebrochen, abgebrochen, aufgebrochen? Es gab einen Bruch, sagt sie, so leise, dass ich schon denke, es soll keiner hören. Dann sieht sie wieder auf ihre Finger, als könne sie mit denen etwas rückgängig machen. Sie kann nicht sagen, wann. Niemand kann. Nur, dass es einen Bruch gab. Gegeben haben muss.

Wenn, dann denke ich an ihn als eine Kraft. Muskeln, die spannen, sich dehnen. Die Schweres leicht aussehen lassen. Und ich denke an die Tätowierung am Oberarm: ein Frauengesicht, schief und hässlich. Blaue China-Tusche, die mit dem Muskel, den Sehnen zittert. Zur Einheit verschmolzen. Auf ewig. Darüber habe ich gelacht, ein Milchzahnlachen. Ich erinnere mich.

Mutter hat neulich in die Brotschneidemaschine gefasst, vor ein paar Tagen erst. Hat sich selbst verbunden, saß da in der Küche mit Mull und Schere und Tränen. Blut auf dem Boden, nur ein paar Tropfen. Ich dachte gleich an Märchen, an die alten Geschichten, in denen es immer um Blut geht. Da war es, gleich neben dem Stuhl: Nicht mehr rot, schon fast schwarz, im Holz eingetrocknet. Mutter, sagte ich, und sie sah mich an, und ich wusste, dieser Blick … Ich weiß nicht mehr weiter, oder: Ich kann nicht mehr. Komm, sagte ich, ich helf‘ dir. Wie's Kraft kostet, das zu sagen. Man hat es sich selbst sagen hören, oft schon, aber das war nur im Kopf, das war nicht wirklich. Man hat es gedacht. Und dann sagt man's, weil die Zeit dafür gekommen ist. Was passiert: Das ist Vergänglichkeit.

Die andere Zeit ist weit weg. Aber es gab sie, das weiß ich. Die Zeit vor dem Bruch. Ich stelle mir vor, wie die Mutter glücklich ist. Wie sie in die Sonne sieht, ihre Augen schließt. Wie sie die Wärme spürt, auf Haut, Haar. Wie sie sagt: Ist alles gut. Ein Bild wie Scherben. Die Küche ist dunkel, die Mutter erschöpft. Im Haus ist das Schweigen eingekehrt.

Ich sehe den Vater, sehe die Tabletten. Rote, blaue, grüne. Sortiert nach Tagen. Er nimmt sie. Er spricht nicht. Ein stummer Mann dieser Tage. Die Tabletten arbeiten, im Kopf, in den Gliedern. Alleine sitzen wir da und sehen auf den Fluss, hören die Geräusche des Wassers. Das Gesicht am Oberarm ist noch da, natürlich. Ich seh's, wenn er sich eine Zigarette anzündet, dann verrutscht das Hemd. Das ist alles, was bleibt. Tinte und Erinnerung.


Für mich ist der Text so noch konkreter und greifbarer.

Ich finde das Thema, diese Welt, die einmal war und nicht mehr ist, auch die Beschreibungen, extrem fett. Mir gefällt das Teil äußerst gut.

Beste Grüße
zigga

 
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Welches Holz ist hier gemeint? Parkettboden oder die Tischplatte? Beide sind ja eigentlich imprägniert, also dass da Blut eintrocknet/-sickert ist lyrisch schön, aber funktioniert das?

Dielenboden, roh, da siehste auch Blut drauf. Ist aber richtig, müsste man präzisieren.

Andererseits macht es den Text womöglich etwas unangreifbar, wenn es um die Frage nach Greifbarem geht.
Verstehe ich jetzt nicht. Es macht den Text unangreifbar, wenn ich nach etwas Greifbarem frage? Aber du fragst nach etwas Greifbarem, und findest da zu wenig, oder nicht? Demnach wäre der Text ja eben nicht unangreifbar, sondern sogar sehr angreifbar.

Es könnte sehr vieles sein, es ist sehr uneindeutig.

Da steht nicht genau, was es ist. Was ist der Bruch? Man könnte aber auch fragen: Warum ist das überhaupt so interessant? Das ist meine Ausrede! :D Der Vater nimmt Tabletten und ist verstummt. Die Mutter spricht davon, dass etwas in ihm gebrochen ist. Wenn ich das jetzt ausführe und dahin schreibe, Depression etc, dann wirkt es auf mich wie eine Bedienungsanleitung. Ganz ehrlich: Mich interessiert auch das Konkrete hier gar nicht so sehr, für mich sind die Zeichen im Text schon relativ konkret, und ich glaube, worum es mir hier eher geht, ist diese Zeitverschiebung, der Bruch als Demarkationslinie, ein Davor und Danach. Deswegen auch diese Wertung: DAS ist Vergänglichkeit, nicht nur ein leerer Begriff, sondern vor allem ein physischer Verfall, ein seelischer Verfall, der sich auf die eine oder andere Art ausdrückt. Ich sehe es aber ähnlich wie du, dass der Text mit dem Titel schon ausreichend korrespondiert und man das vielleicht noch mehr im Text selbst destillieren könnte; ich denke da mal angestrengt drüber nach, mir erscheint das, was du sagst, logisch und gut. Gib mir was Zeit.

ch frage mich auch, wieso muss es diesen einen Bruch gegeben haben? Sind solche Veränderungen nicht auch immer eine Bergabfahrt über mehrere Stationen über eine längere Zeitperiode? Also, wenn alles sehr gut war und dann kommt ein Bruch und anschließend ist alles düster, hm ...
Das sind persönliche Erfahrungswelten. Ich kenne es eben (auch) so, dass ein Ereignis ausreicht, um einen Menschen so zu verändern, dass du ihn nicht wiedererkennst. Dass alles, was ihn ausgemacht hat, vor deinen Augen verschwindet, die Person immer weniger wird. Es gibt das Siechtum, sicherlich, aber es gibt auch das eine Ereignis, und das muss nichts Großes sein, und danach ist die Person schlagartig eine andere, weicher, kleiner, sie ist fast schon verfallen. Das ist ja schließlich, was wir alle hier machen: unsere Welt beschreiben, sie für einen anderen Menschen, den Leser, eröffnen. Das hat niemals Allgemeingültigkeit, ganz klar.

Für mich ein sehr gutes Ding, das auf die Kürze viel erzählt und rüberbringt. Da sind sehr gute Formulierungen und Beschreibungen drin, die mich absolut abgeholt haben. Es ist auch sehr lyrisch, der Text. Das gefällt mir.

Ich fang bald mit dem neuen Roman an, und da schreibe ich mich erstmal leer mit so ganz kurzen Sachen, die auch etwas den Geist schärfen, wie ich finde, ich hab auch viel so total komprimierten Kram gelesen, Stuart Dybek und so, das ist einfach eine ganz andere Liga.

Danke dir für deine Zeit und deinen Kommentar, hat mich wie immer sehr gefreut.

Gruss, Jimmy

 
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Andererseits macht es den Text womöglich etwas unangreifbar, wenn es um die Frage nach Greifbarem geht.
Verstehe ich jetzt nicht. Es macht den Text unangreifbar, wenn ich nach etwas Greifbarem frage? Aber du fragst nach etwas Greifbarem, und findest da zu wenig, oder nicht? Demnach wäre der Text ja eben nicht unangreifbar, sondern sogar sehr angreifbar.
Ganz ehrlich: Mich interessiert auch das Konkrete hier gar nicht so sehr, für mich sind die Zeichen im Text schon relativ konkret, und ich glaube, worum es mir hier eher geht, ist diese Zeitverschiebung, der Bruch als Demarkationslinie, ein Davor und Danach.
Das meinte ich! :D Man merkt, dass es um das Davor und Danach geht, der Bruch ist zwar Titel und nimmt einigen Platz im Text ein, aber man kann dem Text auf eine Weise das "Unkonkrete" des Bruchs nicht vorhalten, denn es geht ja um das Davor und Danach! :D Ist aber Peanuts. Und beschissen von mir formuliert haha

Das sind persönliche Erfahrungswelten. Ich kenne es eben (auch) so, dass ein Ereignis ausreicht, um einen Menschen so zu verändern, dass du ihn nicht wiedererkennst.
Das ist auch richtig

Ich fang bald mit dem neuen Roman an, und da schreibe ich mich erstmal leer mit so ganz kurzen Sachen, die auch etwas den Geist schärfen, wie ich finde, ich hab auch viel so total komprimierten Kram gelesen, Stuart Dybek und so, das ist einfach eine ganz andere Liga.
Looking forward to it!


Beste Grüße
zigga

 
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Und beschissen von mir formuliert haha
Nein, überhaupt nicht. Das ist ja auf jeden Fall ein Knackpunkt im Text, und es stimmt schon, auch der Titel würde mehr an Relevanz gewinnen, wenn der Text noch komprimierter wird, allerdings bleibt natürlich das Ereignis an sich, also der Bruch, wenn du willst, trotzdem noch unkonkret. Das ist, glaube ich, auch schwierig zu lösen, weil das Ganze ja irgendwie etwas Schwebendes hat, ist an sich unbestimmt, wie ein Schleier, der vor etwas ganz Anderem liegt. Ich denk da drauf rum und dann liefere ich! :D

Danke dir nochmals für deine Rückmeldung.

Gruss, Jimmy

 

AWM

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Servus

Für mich klingt das dann so, als wäre der Vater schon tot, weißt du, was ich meine? So, wie es jetzt ist, klingt es eher nach einem bleibenden, schwebenden Zustand.
Das finde ich nicht. Aber es fällt mir schwer, zu erklären, warum das für mich nicht passt.
Dein Satz bezieht sich ja auf etwas rein Physisches: das Gesicht auf dem Oberarm.
Metaphysisch ist ja faktisch mehr geblieben: nämlich die Erinnerungen an die Zeit damals. Sonst würde der Erzähler ja nicht von ihnen erzählen können.

Deshalb finde ich, dass es "geblieben ist" heißen muss, weil das Gesicht am Oberarm die letzte physische Verbindung zu dem Mann ist, der er einmal gewesen ist.
Das letzte Physische, das unmittelbar die Erinnerungen an den Mann von damals auslöst. Sonst ist da nichts und deshalb ist der Prozess abgeschlossen und es muss das Perfekt hin.

Und gerade weil das diese letzte physische Verbindung ist, ist der Satz "das ist alles, was bleibt" doppelt falsch für mich. Erstens weil das nicht stimmt, wenn der Vater stirbt und sich physisch auflöst, dann löst sich auch das Gesicht am Oberarm auf. Und zweitens weil es deshalb gerade nicht das ist, was bleibt. Es ist das Metaphyschische, was bleibt und bleiben wird: die ganzen Erinnerungen.

Gruß
AWM

 
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Hey @jimmysalaryman ,

ein sehr schöner Text. Gefällt mir auch, dass du zwischendurch auch anders schreibst. Das ist sehr dicht, verdichtet und wählt dafür einen angemessenen Erzählton, dieses Bildreiche. Die Worte sind abgewogen und nicht aufdringlich, was dabei, finde ich, wichtig ist. Wie ist das eigentlich mit dem Bombenkrater gemeint? Ist das ein Übertrag, etwas, das auf die Vergangenheit des Vaters hinweist, eine Erfindung, die seine Art Fantasie zum Ausdruck bringt? Die Form passt hier zum Inhalt. Es ist eine ganz kurze Angelegenheit (der Text), aber da wird ein ganzes Leben erzählt. Eine Familiengeschichte in sechs Absätzen zusammengefasst. Ängste, Erinnerungen, Kindsein – und dann die Zeit, die das Verhalten formt, die Ängste nimmt und den Geschichten und ihren Figuren den Saft. Da klang für mich auch so etwas wie ein Ent- oder Befremden an. Eben genau darüber, dass die Zeit die Rollen, die man spielt, vertauscht. Und gute Details sind auch drin. Das in die Brotschneidemaschine Fassen. Die Angst vor den Libellen; das Wasser; der Bombenkrater. Obwohl sie diesen sehr poetischen, bildreichen Ton pflegt, ist das klar eine Geschichte von dir. Den Satz beim Eintauchen ins Wasser, das mit den Blasen die durch die Verdrängung entstehen, sowas. Oder diese Art der Auseinandersetzung mit den Rollen und der Wahrnehmung von Vater, hier auch Mutter und Familie

Gefällt mir gut und habe ich sehr gerne gelesen. Gerne mehr davon.
Gruß
Carlo

 
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@AWM, @lakita

Ich habe den Text mal umgearbeitet und verkürzt, verdichtet. Sind viele Sachen drin, die ihr angemerkt hattet. Bis auf den letzten Satz, da kaue ich noch drauf rum. Dankt euch auf jeden Fall für die nochmalige Rückmeldung.

@Carlo Zwei

Danke auch dir für deinen Kommentar. Der Text liegt schon länger und ist immer kürzer geworden, immer dichter. Ich finde, das ist jetzt nicht so viel anders, eher nur die eine Seite etwas stärker herausgestellt, dadurch wirkt der Text vielleicht anders, das mag sein. Das mit dem Bombenkratern ist real, in der Sieg gibt es solche seit dem WW2, und kombiniert mit der Strömung können die schnell gefährlich werden, die saugen dich richtig in die Tiefe.

Gruss, Jimmy

 
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Hallo @jimmysalaryman ,

habs nochmal durchgelesen, ja, du hast es noch mehr verdichtet. Das Ende finde ich nicht schlecht, für mich musst du da nix ändern.
Was mich aber immer noch stört, sind die Puppenaugen. Nenn mich gern penetrant, aber die gefallen mir immer noch nicht, zumal nicht für einen gestandenen Mann.
Ich weiss auch leider nicht, was du genau damit charakterisieren möchtest.
Meinst du damit, dass bei manch älteren Leuten, die Augenlider etwas zirückweichen, dünner werden und dadurch die Augen grösser, bloß gelegter wirken, fast so wie bei schwerst Untergewichtigen, wo zwar das Gesicht ebenfalls abgenommen hat, aber die gleichgrossen Augen nun dadurch fast schon zu riesig für das Gesicht wirken? Eine Altersverschiebung des Gesichtsausdrucks? Vielleicht waren vorher die Augenbrauen und das kantige Kinn das Hauptmerkmal und nun treten die Augen auf die Bühne?

Oder meinst du mit Puppenaugen diesen Blick, der zwar konkret ein Objekt angesteuert hat, aber gedankenlos darauf hängen bleibt, ruht? Man schaut nicht durch etwas durch, sondern lässt den Blick einfach wo ruhen, ohne das Gesehene mit dem Erkennen zu verbinden? Puppen können nur in eine Richtung schauen.
Vielleicht kann ich dich ja noch davon überzeugen, diese Puppenaugen durch etwas Passenderes zu ersetzen.

Lieben Gruss
lakita

 
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@lakita

Puppenaugen = tote, starre, glanzlose, ausdruckslose Augen. Ich finde diesen Begriff sehr passend, für das, was ich sagen möchte. Vielleicht passt er dir nicht, das ist etwas anderes. Der, wie du es nennst, gestandene Mann, ist ja schon lange mit mehr gestanden sondern wird immer mehr zu einem Kind, hilflos, teilnahmslos, da finde ich das schon passend.

Gruss, Jimmy

 
Mitglied
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17

Hallo Jimmy,

das ist ein wirklich wunderbarer Text, ich habe ihn mehrfach gelesen und bin sehr bewegt, gleichermaßen beeindruckt. Auf so kleiner Fläche transportierst du so viel Emotion, das ist krass.

Hat sich selbst verbunden, saß da in der Küche mit Mull und Schere und Tränen. Blut auf dem Boden, nur ein paar Tropfen.
Die Stelle hat bei mir auch sofort die Märchen-Assoziation geweckt, obwohl ich gar nicht genau sagen, kann, an welches es mich erinnert; wahrscheinlich primär an den Vibe, den märchenhafte Erzählungen oft tragen, und an die Symbolik des Bluts als lebenserhaltende und gleichzeitig so verletzlich machende Flüssigkeit, denn sobald man sie sieht, liegt etwas im Argen (oder man ist im Spendezentrum).
Genau wie das Wasser, immer das Wasser, wie du sagst, es ist überall. Und dann sitzt er am Fluss, nachdem er die Tabletten genommen hat oder währenddessen, und für sie braucht er eben auch Wasser; dann raucht er, Feuer, und das Hemd verrutscht, die Gleichmäßigkeit der Elemente ist gestört. Oder so ähnlich. Das ist wirklich so schön und bildhaft, man kriegt regelrecht eine Gänsehaut.

Die Puppenaugen finde ich begrifflich auch sehr schön, da sie die Beschreibungsfunktion übernehmen; anderenfalls wäre der Satz unhandlich geworden. Werde noch mehr von dir lesen.

Liebe und versöhnliche Grüße,
oneill

 

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