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Café Rouge

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15.01.2021
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Café Rouge

Es regnete als Kornelius Karpfenkauer um kurz vor acht Uhr am Morgen seine Wohnung in der Friedensstraße 14 verließ. Herr Karpfenkauer war nicht sehr groß, aber auch nicht klein, trug immer Schnurrbart und meistens Hut, und trotz seines Nachnamens mochte er keinen Fisch. Wer jedoch Fisch mochte, das war Herr Karpfenkauers Kater. Auch dieser trug einen Schnurrbart, jedoch nie Hut, und war ähnlich grau meliert wie Herr Karpfenkauer, der im weiteren Verlauf der Erzählung übrigens nur noch Herr K. genannt wird, da dies für mich als Schreiber und vielleicht auch für dich, werter Leser, etwas weniger kompliziert ist. Woher er den Kater hatte, das wusste Herr K. nicht mehr so genau, da er schon ziemlich alt war und da lässt ja, wie allgemein bekannt ist, das Gedächtnis nach. Der Name des Katers war Sir Patrick Freiherr von Eichenwalde, was auf eine adlige Herkunft schließen ließ, oder abgekürzt SPFVE. Da jedoch der erste Name viel zu lang war und der Zweite nicht leicht auszusprechen, nannte Herr K. seinen Kater einfach Fritz. Er hielt das für einen passenden Namen für einen Kater und diesem war es sowieso egal, da Katzen entweder den Menschen nicht verstehen können, oder – und falls du, lieber Leser, eine Katze hast, dann weißt du das – nicht verstehen wollen.
Aber auch Herr K. hatte Probleme mit dem Verstehen, allerdings nicht, weil er eine Katze war, das war er ja nicht, sondern weil mit dem Alter neben dem Gedächtnis auch die Hörfähigkeit abnimmt. Und so konnte es schon mal vorkommen, dass das für Schwierigkeiten sorgte, allerdings nicht so sehr für Herrn K., sondern für Leute, die ihn um Rat baten. Wie einmal, als ein verirrter Hungriger ihn gefragt hatte, wo denn das Restaurant „Kabeljau-Schatz“ sei und pflichtbewusst und hilfreich wie Herr K. war, erklärte er ihm natürlich ausführlich, wie man zum Adenau-Platz käme und wenn der arme Fragende bis heute nicht verhungert ist, dann sucht er wahrscheinlich noch immer nach dem Restaurant, irgendwo in der Nähe des Adenau-Platzes.
Aber manchmal war das auch ganz hilfreich, das schlechte Hören. So wie an diesem Morgen, um kurz nach acht Uhr auf dem Weg zwischen Herrn K.s Wohnung und dem Café Rouge, wo sich der Lärm der Straßenbahn abwechselnd mit dem Brausen der Autos durch große Pfützen und dem Prasseln der Tropfen auf den Schirm vermischte, was für Herrn K. in einem meditativen Rauschen resultierte.

Das Café Rouge lag unweit der Wohnung von Herrn K., am anderen Ende der Friedensstraße und war vieles, aber nicht rot. Die Einrichtung war ein buntes Potpourri aus grünen Holztischen, blauen Plastikstühlen, gelben Tassen und allerlei Allerlei, das besser in ein Geschäft für Dekorationsartikel gepasst hätte.
Vor allem aber war das Café Rouge dafür bekannt, dass dort der schlechteste Kaffee der Stadt serviert wurde. Aber da Herr K. sowieso keinen Kaffee mochte, war ihm das auch nicht so wichtig. Viel wichtiger war, dass er jeden Tag hierherkam, um kurz nach acht am Morgen, außer mittwochs, weil da war Ruhetag. Herr K. begann vor über vierzig Jahren damit, jeden Morgen ins Café Rouge zu gehen. Wobei das Café Rouge erst seit wenigen Jahren hier war. Damals, ganz am Anfang, war es noch die Kaffeerösterei Müller & Müller und auch da war der Kaffee schon ganz außerordentlich schlimm. Zu jener Zeit war er auch jeden Morgen dort, außer montags, weil damals Montag Ruhetag war.
Nachdem dann der erste Müller der Kaffeerösterei Müller & Müller gestorben war, starb auch bald der zweite Müller und es folgte kein Café, sondern ein kleines Nähgeschäft. Aber auch dort konnte man Herr K. jeden Morgen um kurz nach acht Uhr finden, der dann dort wartete, zu Beginn oft mehrere Stunden, später dann nur noch circa dreißig Minuten, und dann eine Stricknadel oder Wolle kaufte, da er es als unhöflich empfand, einfach so wieder zu gehen. Dem Nähgeschäft folgte für kurze Zeit ein Reisebüro, aber Herr K. konnte es sich nicht leisten, jeden Tag einen Urlaub zu buchen. Dennoch stand er dort, jeden Morgen um kurz nach acht Uhr, schaute sich die Urlaubsreklamen im Schaufenster an und träumte bisweilen tatsächlich davon, auch einmal zu reisen.
Und dann folgte das Café Rouge und Herr K. war froh, endlich wieder dort sitzen zu können und zu warten. Jeden Tag seit er sie damals sah, jeden Tag in der Hoffnung, sie dort wiederzusehen. Außer einmal, an einem Tag, das muss im Sommer oder im Herbst gewesen sein vor ein paar Jahren. Da war Kater Fritz krank, weil er im Schlaf von einer Maus gebissen wurde. Und so blieb Herr K. zuhause und kümmerte sich um den Kater, der zwar nicht verletzt war, aber wusste, dass Herr K. ihm Thunfisch geben würde, wenn er so tat.

Was aber ganz sicher im Sommer war, das war Herr K.s Begegnung mit der Unbekannten in der Kaffeerösterei Müller & Müller. Da war er noch jung und konnte gut hören und sich an alles erinnern. Und vor allem erinnerte er sich an diesen Tag. Es war der fünfte Juli und Herr K. schlenderte durch die Stadt, auf der Suche nach einem Café, in dem es so wenig Kaffee wie möglich gab, sondern lieber etwas anderes, womit man sich an einem Sommermorgen erfrischen konnte. Und da er wusste, dass es in einer Kaffeerösterei außer Kaffee nichts gab, eilte er meist schnell an der Kaffeerösterei Müller & Müller vorbei. Außer an diesem Tag, weil da eine Katze auf der Fensterbank saß und Herr K. schon aus Prinzip anhielt um Katzen zu grüßen und, falls erlaubt, zu streicheln. Und so beugte er sich hinab und kraulte das Tier am Hals, das jedoch schnell die Lust an Kraulereien verlor und weitersprang. Also erhob sich Herr K. wieder und erblickte im Fenster zuerst sein Spiegelbild, das ihm so gar nicht gefiel und gleich danach eine Kaffeetrinkerin, die ihm sehr gefiel.
Sie saß da, um kurz nach acht Uhr, an Tisch 3 der Kaffeerösterei Müller & Müller, genau da, wo dann später eine große Kiste mit roter und gelber Wolle stand, bzw. der Wasserspender des Reisebüros und heute Tisch 2 des Café Rouge. Und Herr K. fand, dass sie eine ganz merkwürdig bezaubernde Art hatte, ihren Kaffee zu trinken und noch entzückender fand er ihr rotes Haar, das so gar nicht ins Café Rouge passen würde. Also stand er da und schaute und irgendwann schaute sie zurück und lächelte ihn an und Herr K. wurde erst ganz unbeweglich und dann plötzlich so beweglich, dass er losrannte, weil er viel zu schüchtern war, um einfach hineinzugehen und zu sagen: „Guten Morgen, mein Name ist Kornelius Karpfenkauer und ich mag keinen Kaffee, aber ich mag Sie und die Art und Weise, wie Sie Ihre Tasse halten und deshalb würde ich gerne einen Kaffee mit Ihnen trinken.“ Aber Herr K. flüchtete und ärgerte sich sehr über sich selbst.

Als er am Abend nach der Arbeit nachhause kam, da schaffte er es nicht, sie zu vergessen und beschloss, am nächsten Tag wieder zur Kaffeerösterei Müller & Müller zu gehen und zwar vorbereitet. Und so wachte er am nächsten Morgen auf, zog seinen besten, viel zu großen Anzug an und machte sich um kurz nach acht Uhr auf den Weg. Unterwegs hielt er bei einem Blumenladen, wusste aber nicht, welche Blumen der Unbekannten gefallen würden. Daher kaufte er einfach von jeder eine, damit sie dann selbst wählen konnte, ob sie lieber Rosen oder Chrysanthemen hätte.
In der Kaffeerösterei M. & M. stand er dann da, und sah aus, als wäre er gerade auf seiner eigenen Konfirmation. Er setzte sich an Tisch 5, von wo aus er direkten Blick auf Tisch 3 hatte, an dem am vergangenen Tag die Unbekannte saß, und bestellte einen Kaffee. Und er wartete und trank Kaffee, obwohl er keinen Kaffee mochte und wartete und bestellte einen neuen Kaffee, obwohl er noch immer keinen Kaffee mochte und wartete und irgendwann kam die Frau Müller von der Kaffeerösterei M. & M., um ihm zu sagen, dass man jetzt schließe und Herr K. bezahlte und ging nachhause.
Aber er wollte nicht aufgeben und konnte sie nicht vergessen, also wiederholte er den Vorgang bis zum Tag an dem diese Geschichte spielt. Irgendwann hatte er aufgehört Blumen zu kaufen, weil die Frau vom Blumenladen weggezogen war und auch der Anzug wurde ihm irgendwann zu groß, bzw. er wurde dem Anzug zu klein. Ebenso verkürzte sich die Dauer der Besuche, da man, wenn man einen ganzen Tag nichts tut als warten, nicht viel vom Leben hat. Aber sonst war alles wie immer: Herr K. ins Café um kurz nach acht, warten auf die Unbekannte und dann wieder nachhause. Herr K. wusste, dass sie, falls sie überhaupt noch lebte, sich bestimmt nicht mehr an ihn erinnern konnte, aber er hatte so viele Jahre durchgehalten und da konnte er jetzt erst recht nicht mehr zurückrudern. Um fünfunddreißig Minuten nach acht bezahlte Herr K. und machte sich auf den Heimweg, wo er noch eine Dose Thunfisch für Kater Fritz besorgte.

Es hatte aufgehört zu regnen, als Herr K. die Haustür öffnete und mit seinem Schirm die blau-weißen Fließen im Hauseingang volltropfte. Zurück in der Wohnung wartete Fritz schon, der genau wusste, dass Herr K. ihn jeden Tag nach seinem kurzen Ausflug mit Thunfisch versorgte. Herr K. öffnete einen Schrank in dem sich vor allem eine Menge Stricknadeln und Wolle und halb-gestrickte Socken stapelten, kramte dort irgendwo den Dosenöffner hervor und fütterte den Kater. Fritz war bald zufrieden, Herr K. eher weniger, aber morgen, da würde er ins Café Rouge gehen und mit etwas Glück war dann auch die Unbekannte da, wegen der er sich so viel Lebenszeit geraubt hatte.

Was Herr K. nicht wusste, war, dass die Unbekannte noch lebte, allerdings weit weg von ihm und sie mochte Kornblumen am liebsten und würde nie wieder zurückkommen ins Café Rouge. Aber es ist besser, wenn wir ihm das nicht verraten.
 
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28.01.2021
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Hallo @JanaLin,
Ich bin selbst neu hier und kann dir daher leider keine professionellen Ratschläge geben. Aber rein subjektiv fand ich den Text gar nicht so schlecht. Er könnte etwas mehr Absätze vertragen. Es liest sich einfach besser mit mehr Absätzen.
Was Herr K. nicht wusste, war, dass die Unbekannte noch lebte, allerdings weit weg von ihm und sie mochte Kornblumen am liebsten und würde nie wieder zurückkommen ins Café Rouge. Aber es ist besser, wenn wir ihm das nicht verraten.
Das würd ich weglasssen. Ein offenes Ende ist besser als unnötig eine Erklärung nachzuschieben. Lg Corvi
 

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