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Claire

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Claire

Als die junge Frau, die ich später unter dem Namen Claire kennenlernen würde, zwischen zwei Betonpfeilern stand und den Daumen in die Luft streckte, hatte sie nicht viel mehr dabei als die Kleider, die sie am Körper trug. Drei Stunden lang wartete sie am Autobahnzubringer, während die klirrende Kälte ihre Beine zum Zittern gebracht, der Gestank von Müll und Urin sich in ihrer Nase festgesetzt haben musste. Im Minutentakt bremsten Männer ab, ließen die Seitenfenster heruntergleiten, legten eine Hand flach auf den Beifahrersitz. Aus dem Innern ihrer Autos strömte warme Luft, die nach Orange roch, oder nach Zimt oder Zedernholz. «Steig ein», sagten sie und stets schüttelte Claire, die sich vorgenommen hatte, nur bei einer Frau einzusteigen, den Kopf. Als aber ein Bursche anhielt, den Gott so schön geschaffen hatte, wie man es sich nur ersinnen konnte, und mit sanfter Stimme nach Claires Reiseziel fragte, brach ihr Widerstand. Er hörte auf den Namen Jannes und erwies sich als zugewandter Gesprächspartner. Während der Fahrt brachte er sie immer wieder zum Lachen und als sie an einer Raststätte eine Pause einlegten und eine Kleinigkeit aßen, sah er ihr in die Augen und legte seine Hand auf den Tisch. Nichts hätte Claire in diesem Augenblick lieber getan, als nach ihr zu greifen und sie gegen ihre Wange zu pressen. Da begriff sie, dass Gott sie prüfte.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie nur wenige Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gesammelt, aber genügend viele und genügend gute, um das Gewicht der Bürde zu erahnen, die sie sich zu tragen vorgenommen hatte. Sie liebte es, wenn einer sich an ihren Rücken schmiegte, ihre Haare zur Seite strich und den Hals mit Küssen übersäte. Sie verstand nicht, wie man glauben konnte, die Vereinigung zweier Körper sei eine Sünde. Und doch: Wollte sie dem Ruf folgen, den sie vernommen hatte, blieb ihr nichts anderes übrig, als der fleischlichen Liebe zu entsagen.
Als Jannes wieder in den Wagen stieg, öffnete Claire die Hintertür, griff nach ihrem Rucksack und teilte ihm mit, er müsse alleine weiterfahren. Er fragte, ob er etwas Falsches gesagt habe, bot ihr an, sie wenigstens nach Como zu fahren, wo sie übernachten könne. Claire lehnte ab. Es tue ihr leid, sagte sie und nachdem Jannes ihrem Blick entschwunden war, stieß sie einen Schrei aus, ballte die Faust und biss sich in die Knöchel. Sie wusste, dass sie nicht bloß auf einen flüchtigen Moment der Lust verzichtet hatte, sondern auf ein ganzes Leben voll irdischen Glücks. Doch nach einer Weile wich ihr Schmerz der Einsicht, dass Gott, indem er Gelegenheiten darbot, vom Weg abzukommen, lediglich ihren Glauben festigen und ihre Zuversicht stärken wollte. Nun, da die Krise überstanden war, fiel sie auf die Knie, um ihm dafür zu danken.

Am folgenden Tag traf Claire in Mailand ein. Wintersmog zeichnete die Stadt weich. Sie besuchte den Dom und irrte in den Straßen umher, bis es dunkel wurde. In der Nacht, die sie offenbar auf einem Lüftungsgitter in Bahnhofsnähe verbrachte, fielen die Temperaturen unter Null. Sie dämmerte im Halbschlaf vor sich hin. Trotz des Kaffees aus ihrer Thermoskanne, von dem sie in regelmäßigen Abständen nippte, fühlte sie sich wie ein Reptil in Kältestarre. Sie zweifelte. Ihr wurde bewusst, dass die Energie, die sie für ihren Weggang aufgewendet hatte, im Vergleich zur Stärke, die sie von nun an benötigte, verschwindend gering gewesen war.
Als sie am nächsten Morgen mit steifen Gliedern den Schlafsack zusammenrollte, stellte sie fest, dass sie unweit von zwei Obdachlosen gelegen hatte. Am Imbissstand besorgte sie sich Kaffee und drei Tramezzini. Danach setzte sie sich im Schneidersitz neben den Karton, den die beiden als Unterlage benutzten, wartete, bis sie erwachten. Sie hießen Elena und Marco und waren nur wenig älter als sie. Der Glanz von Elenas langen Strähnen, die sie, während sie ihr Tramezzino aß, rastlos um den Zeigefinger drehte, ließ darauf schließen, dass sie noch nicht lange auf der Straße lebte. In Marcos Gesicht hingegen hatten sich Härte und Kälte des Lebens tief eingegraben. Claire fragte nicht, wie genau es dazu gekommen war, fragte nicht, wie die beiden zueinander gefunden hatten. Überhaupt sprachen sie nur wenig miteinander. Nach einer Weile verzichtete Claire ganz auf die englische Sprache, zeigte stumm auf den Schlafsack, auf den Becher in ihrer Hand, hielt die aufeinandergelegten Hände an die Wange und lernte so ihre ersten italienischen Ausdrücke, il sacco a pelo, la tazze, und dormire.
Wie viel Geld sie zu diesem Zeitpunkt bei sich trug, würde sie mir ebenso wenig verraten wie den genauen Ort ihrer Herkunft. Sicher war nur, dass sie die folgende Woche damit verbrachte, verschiedene Läden aufzusuchen, wo sie Daunenjacken und hochwertige Schlafsäcke kaufte, um sie an all jene in der Stadt zu verteilen, die in diesen Tagen im Freien schliefen. In einer Hotellobby riss sie einen Stadtplan vom Block und ließ sich von Elena und Marco einschlägige Parks und Plätze einzeichnen. Unermüdlich klapperte sie diese Orte ab, erntete Misstrauen, manchmal gar Spott, wurde aber am Ende der Woche, als sie einen der Parks erneut aufsuchte, mit nostro angelo tedesco begrüßt.
Inzwischen hatte Claire den Entschluss gefasst, weiter Richtung Süden zu ziehen. Marco hatte ihr geraten, die Stadt zu verlassen. Er lege für jeden, den er persönlich kenne, die Hand ins Feuer, sagte er, inzwischen habe sich Claires Großzügigkeit jedoch herumgesprochen, und das sei ein Umstand, der sie in eine unangenehme Lage bringen könne. Claire hatte genickt, aber Marcos Befürchtungen waren nicht der wahre Grund ihrer Weiterreise. In der Nacht hatte der Herr zu ihr gesprochen und ihr bedeutet, die Suche habe eben erst begonnen.

Die nächsten zweihundert Kilometer legte Claire zu Fuß zurück. Tagelang säumten kahle Äcker und Felder, auf denen morgens Raureif lag, ihren Weg. Strommasten sirrten, Raubvögel kreisten am grauen Himmel. Sie sprach mit niemandem und betete viel, schlief in offen stehenden Kapellen, in Scheunen oder verlassenen Häusern. Weder die Dunkelheit noch das Rascheln der Tiere bereiteten ihr Angst. An Nebel und Kälte hatte sie sich gewöhnt, nur einmal, wohl weil sie Erfrierungen befürchtete, verbrachte sie die Nacht in einem heruntergekommenen Hotel. Die Kümmernis, die sie in den ersten Mailänder Tagen überwältigt hatte, kehrte indessen zurück. Seit ihrer Abreise hatte sie vier oder fünf Kilo abgenommen und fühlte sich von Tag zu Tag schwächer. Noch immer wusste sie nicht, wohin ihre Reise führte, noch immer kannte sie nicht den Ort ihrer Bestimmung. Und doch hatte sich Claires Brust geweitet, das Atmen fiel ihr leicht und ihr Geist gewährte Gott schrankenlosen Raum, als wäre die Flut in ihrem Kopf der Ebbe gewichen, als stünde die Sonne still über einem glitzernden Watt. In der immergleichen Ödnis der winterlichen Po-Ebene verblasste die Erinnerung an ihr bisheriges Leben. Die Familie, die sie zurückgelassen hatte, fühlte sich nicht mehr als die ihre an, die Gesichter ihrer kaltherzigen Eltern vermochte sie zu ihrem eigenen Erstaunen nur noch schemenhaft ins Gedächtnis zu rufen.

Nach zehn Tagen Wanderschaft erreichte Claire den Dom von Parma, wo sie sich beim Anblick von Corregios Kuppelfresko einen steifen Nacken holte, und einige Zeit später, auf der Landstraße zwischen Reggio Emilia und Modena, stellten sich ihr vier Männer in den Weg. Sie waren über die Felder gekommen, trugen Militärparkas mit Fellkapuzen und hohe Stiefel, und fragten auf Englisch und Italienisch, wer sie sei und woher sie komme. «Eine Dienerin des großen Königs bin ich. Was geht es euch an?», antwortete sie. Die Männer verstanden nicht. Sie lachten. Einer packte sie am Arm, der andere zog am Rucksack, sodass sie das Gleichgewicht verlor und nach hinten kippte. Der Anführer der Bande, der in der Folge Befehle erteilte, setzte sich auf Claires Bauch und legte ihr die Hände um den Hals, während die anderen ihre Taschen durchwühlten, ihr die Schuhe auszogen und unter deren Innensohlen alles Geld fanden, das sie besaß. Als sie sich wehrte, spuckte ihr der Anführer ins Gesicht, würgte sie noch heftiger, hob ihren Kopf an und schlug ihn gegen den Boden. Wie lange es dauerte, bis die Männer hatten, was sie wollten, konnte Claire nicht sagen, auf meine Frage, was sie ihr sonst noch angetan haben, würde sie in Schweigen verfallen. Am Ende schleiften die Kerle sie in den Straßengraben, wo sie mit einer blutenden Platzwunde am Kopf das Bewusstsein verlor.
Sie erwachte in der Dunkelheit, rollte sich auf den Rücken und blickte in den sternenlosen Himmel. Der Schmerz in ihrem Schädel überlagerte alle anderen Empfindungen, sie fühlte weder Kälte noch die Feuchtigkeit, die durch ihre Kleider drang. Die Versuchung, liegen zu bleiben und die Augen zu schließen, war immens. Für eine Weile gab sie ihr nach, doch dann begriff sie, dass sie auch diese Prüfung zu bestehen hatte. Sie rappelte sich hoch und schleppte ihren geschundenen Körper auf allen vieren ins nächste Dorf, wo sie an der Tür des einzigen Hauses klingelte, in dem Licht brannte und wo ein Priester lebt, der nachts nur selten schlafen kann. Der Anblick, den sie mir bot, war furchtbar. Blut klebte an Stirn und Lippen, mit zitternden Armen hielt sie sich am Türrahmen fest, bevor sie ein schwaches Krächzen ausstieß und in meine Arme fiel.
Ich rief Pietro an, der sich zehn Minuten später, das Hemd hastig in die Hose gesteckt, über Claire beugte, Puls und Blutdruck maß und ihre Wunden in Augenschein nahm. Gemeinsam schälten wir sie aus den nassen Kleidern und wickelten sie in Decken. Danach trugen wir sie in Pietros Wagen und fuhren sie ins Krankenhaus.

Claire schlief über vierzehn Stunden. Als sie die Augen aufschlug, dämmerte es draußen bereits wieder. Ich saß auf einem Stuhl am Fenster. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, wer sie war, wußte nicht, woher sie kam, aber ich ahnte, dass ihr Auftauchen eine Bedeutsamkeit besass, die meinen Verstand weit überstieg.
Claire trug keinen Ausweis bei sich. Die Ärzte mussten zur Kenntnis nehmen, dass sie sich für volljährig erklärte und im Übrigen jede Auskunft verweigerte, auch was den Überfall betraf. Als sie jedoch erfuhr, dass ich Priester bin, schickte sie alle anderen nach draußen und erzählte mir in aller Ausführlichkeit, wie sie hierhergekommen war. Die Offenheit, mit der sie sich mir anvertraute, erschütterte mich und erregte meinen Geist. Mit jedem Wort, das sie sprach, begriff ich ein wenig mehr. Es gab die Zeit des Vaters und es gab die Zeit des Sohnes. Mit dem Erscheinen Claires brach eine neues Zeitalter an, eine Epoche des Friedens, dessen war ich mir gewiss. Ich begriff auch, welche Rolle mir zuteil geworden war. Bald würde die ganze Welt ihren Namen kennen und meine Aufgabe war es, ihre Geschichte zu erzählen.
Am Ende eröffnete sie mir, sie müsse unverzüglich weiterziehen. Es sei nicht der Plan, dass sie hier im weichen Bett liege und sich verarzten lasse. Sie fühle sich bereit, sagte sie und während sie sich aufstützte, versuchte sie, die Schmerzen, die sie offensichtlich plagten, mit einem Lächeln zu überspielen. Als sie erfuhr, dass ihre Kleider bei mir daheim lagen, bat sie mich, sie unverzüglich dorthin zu fahren.

Ich stand an der Tür und winkte Claire zum Abschied. Sie hob die Hand zum Dank, dann drehte sie sich um und humpelte los. Sie hatte all meine Angebote abgelehnt: Essen, Decken, eine Taschenlampe. Sie ging gebückt und langsam und es zerriss mir das Herz.
Eine ganze Weile noch stand ich in der Kälte und blickte der Gestalt nach, die kleiner und immer kleiner wurde. Bald würde Pietro mich anrufen und mir meine Verantwortungslosigkeit vorhalten.
Habe ich richtig gehandelt? Ich vertraue auf Gott, vor Ihm werde ich mich rechtfertigen müssen. Denn ich bin bloß sein Instrument, so wie auch Claire sein Instrument ist, wenn auch ein ungleich gewaltigeres.

 
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Aaah, wow ist das eine gemeine Nummer, aber so gut. Da hast du mich voll erwischt! Ich liebe Cliffhanger! Du gibts so viel schöne Anstöße, die zum weiter spinnen einladen.
Außerdem, das winterliche Italien, das unsereins gerne nur im Sommer kennt, als Szenerie zu nehmen ist genial. Trostlos, keine lachenden Touristen, die alles übervölkern, das Land ohne aufgesetzte Idylle. Darin jemand, der Hoffnung geben möchte.

Es gab die Zeit des Vaters und es gab die Zeit des Sohnes. Mit dem Erscheinen Claires bricht eine neues Zeitalter an, eine Epoche des Friedens, dessen bin ich mir gewiss.

Einfach eine schöne Andeutung fast schon apokryphischen Ausmaßes. Verzeih, wenn ich da was durcheinanderbringe, mein müder Kopf neigt dazu, mir Streiche zu spielen. Gab es da nicht etwas mit einer Tochter in einer der vielen gnostischen Lehren?

Liebe Grüße
The Dead Frog

 
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Hallo @Peeperkorn ,

sehr interessanter Text, da schwingt etwas Dräuendes, Ungutes die ganze Zeit mit, ohne, dass ich den Finger drauflegen könnte, an was es liegt (abgesehen selbstverständlich von ihrer Situation als Obdachlose). Da war ich gespannt, worauf die Details und ihre Haltung hinauslaufen. Allerdings muss ich ganz ehrlich zugeben, dass ich die Implikation am Schluss null verstanden habe.

Ich vermutete, das läge an einem ikonographischen Bezug, den ich nicht kenne, aber nachdem ich mal Claire + Märtyrerin / Heilige etc. gegoogelt hab, bin ich nicht mehr so sicher. Davon passte jedenfalls nix (die heilige Clare | Claire von Assisi gibt es, aber da sehe ich keine Verbindungen zu deiner Figur). Möglich, dass der Name keinen Fingerzeig gibt und ich was anderes übersehe. Ich bin sehr gespannt, was andere sagen.

Als die junge Frau, die ich später unter dem Namen Claire kennenlernen werde, zwischen zwei Betonpfeilern steht und den Daumen in die klirrend kalte Luft streckt, hat sie nicht viel mehr dabei als die Kleider, die sie am Körper trägt. Drei Stunden lang wartet sie am Autobahnzubringer, während derer sich der Gestank von Müll und Urin in ihrer Nase festsetzt und die Beine zu zittern beginnen.
Etwas hat verhindert, dass ich richtig in die Geschichte eintauchen konnte: die Perspektive kann mAn nicht stimmen. Hier wir das zum ersten Mal deutlich: Er erzählt in der Gegenwart und bezieht sich auf die Zukunft, das kann man ja einmal im Intro machen, wenn in der Vergangenheit als chronologisch erinnerten Rückblick begonnen wird. Also ein Ausblick aus der Vergangenheit ins Jetzt mit einer Art "rekonstruierten Unwissenheit". Aber so wie hier verwendet, ist dein Erzähler teils ein allwissender (das alles kann sie ihm ja nicht erzählt haben) und teils einer, der nur das weiß, was die Figur ihm direkt offenbart. Wie verwendet klingt es für mich, als sei der Erzähler hellsichtig und dann wieder arbiträr unwissend, als ob das an- und abgeschaltet würde.

Die Versuchung, bei einem der Männer einzusteigen, die im Zehnminutentakt anhalten, wächst ins Unermessliche. Claires Worten zufolge hat Gott sie allesamt so schön geschaffen, wie man es sich nur ersinnen kann. Sie lassen die Seitenfenster heruntergleiten, legen eine Hand flach auf den Beifahrersitz und fragen mit sanfter Stimme nach Claires Reiseziel. Auf ihren sinnlichen Lippen liegt jeweils ein Lächeln und aus dem Innern der Autos strömt warme Luft, die nach Orange riecht, oder nach Zimt oder Zedernholz. «Steig ein», sagen sie, als sie keine Antwort gibt. «Ich nehme dich mit, wohin auch immer du möchtest.»
Hier hab ich noch mal nach den tags geschaut, bin aber nicht schlauer geworden. Da ich davon ausgehe, dass dies kein symbolisch-spekulativer Text ist, gehe ich ab hier von einer psychischen Störung oder gestörtem Realitätswahrnehmung aus.
Die Idee, dass diese Typen, die einem hinterherfahren, irgendwie anziehend sein könnten, halte ich für eine psychisch gesunde Frau extrem unwahrscheinlich. Ebenso, dass diese Männer sanft reden und sinnliche Lippen hätten, und dass sie so nette Angebote machen (ehrlich oder verdeckt ist mir hier bei deiner Konzeption nicht klar). Vielleicht gehe ich zu sehr nach meinen Erfahrungen, aber diese kerb crawlers sind mir recht horrorhaft und bedrohlich in Erinnerung.
Ab hier gehe ich also davon aus, dass Claire ein psychisches Problem mit ihrer Sexualität hat (und, wenn ich an ihren Plan denke, alle Bedürfnisse zu unterdrücken und in ein Koster zu gehen, wohl noch weitere).
Ab hier erwarte ich ein Psychogramm, etwas, das sich aus dieser Problematik zuspitzt und/oder einen phantastischen Text, allerdings scheint keines von beidem in deiner Intention zu liegen - und jetzt stehe ich auf dem Schlauch, was du mit der Geschichte eigentlich erzählst. :shy:

nur wenige Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gesammelt
An dieser Stelle weiß ich ja noch nicht, dass der Erzähler ein Geistlicher ist, daher klingt das etwas spröde verklausuliert.
Sie versteht nicht, wie man glauben kann, es sei eine Sünde, wenn zwei Körper sich vereinigen.
Bissl viele Kommata auf kurzer Strecke. Wie klingt für dich: Sie versteht nicht, warum die Vereinigung zweier Körper eine Sünde sein soll / als Sünde betrachtet werden sollte. ?
Als die Krise überstanden ist, kurz bevor eine Frau anhält und sie einsteigen lässt, fällt Claire auf die Knie, um ihm dafür zu danken.
Ich weiß, das willst du nicht erzählen, aber an dieser Stelle hätte mich interessiert, was die Frau im Auto darüber denkt. Ob sie überlegt, Claire doch lieber stehen zu lassen und allein weiterzufahren. Das klingt nach etwas grusligem Verhalten.
Einen Tag später, nachdem eine ältere Dame, die alle halbe Stunde den Wagen stoppt und ihre karminroten Lippen nachzieht, sie dazu überredet hat, im Gästezimmer einer unverschämt großen Wohnung am Ufer des Luganersees zu übernachten, trifft Claire in Mailand ein.
Das sind ne Menge Infos, die teils in keinem Zusammenhang stehen. Ich könnte hier durchaus drei abgeschlossene Sätze = Bilder sehen.
Wintersmog zeichnet die Stadt weich.
Schön gesagt, gefällt mir und das zeitg mir auch super das Setting. Es clasht aber mit der Erzählstimme, die ja eingangs angibt, dass sie nur weiß, was Claire erzählte. Vor allem, weil Claire so wortkarg ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie all solche Setting-Details weitergab.
Sie dämmert im Halbschlaf vor sich hin. Trotz des Kaffees, den sie sich an einem Imbissstand in ihre Thermoskanne hat füllen lassen und von dem sie in regelmäßigen Abständen nippt, fühlt sie sich wie ein Amphibium in Kältestarre
Reptil fände ich hier eingängiger, rein von der Vertrautheit des Wortes her.
Ansonsten: Auch bissl viele Details reingepackt. Das mit der Erklärung, woher sie den Kaffee hat, klingt fast, als ob du Nachfragen dazu beim Schreiben im Kopf hattest, und das gleich aufklären wollest (Eindruck, keine Unterstellung selbstverständlich).
während sie ihr Sandwich verdrückt
Das ist sehr flapsig. Gibt mir den Eindruck, als nehme der Erzähler ihr Schicksal nicht ernst oder mache sich sogar über ihre Situation lustig.
Der Glanz von Elenas langen Strähnen, die sie, während sie ihr Sandwich verdrückt, rastlos um den Zeigefinger dreht, lässt darauf schließen, dass sie noch nicht lange auf der Straße lebt
Auch hier: zu viele Details ohne kausalem Zusammenhang in einem Satz untergebracht. Ich kenne dich eigentlich als jemandem, der durchaus auf knappe, unsentimentale Art in Sprache schwelgt, und hier sind einige Sätze, die ungewöhnlich nah am Infodump sind. Hattest du ein Zeichenlimit? Die Geschichte könnnte für mich durchaus länger sein.

Ansonsten: schöne Beobachtung mit dem glänzenden Haar.

Überhaupt sprechen sie, während eine weiße Sonne zögerlich durch den Smogschleier bricht und ihn zum Leuchten bringt, nur wenig miteinander.
Das ist mir ein zu massiger Setting-Satz für diese doch recht knappe Tatsache, dass sie nicht viel reden. Da würde ich Setting von Figuren trennen und zwei Sätze draus machen.
Nach einer Weile verzichtet Claire ganz auf die englische Sprache, zeigt stumm auf den Schlafsack, auf den Becher in ihrer Hand, hält die aufeinandergelegten Hände an die Wange und lernt so ihre ersten italienischen Ausdrücke, il sacco a pelo, la tazze, und dormire.
Gefällt mir sehr gut. Hier ist auch eine schöne Ruhe drin, trotzd er vielen Infos wie sie was macht und warum.
Wie viel Geld sie auf sich trägt, wird sie mir ebenso wenig verraten wie den genauen Ort ihrer Herkunft.
Plötzlich? Woher weiß er all diese anderen Details? Die Erzählstimme kommt für mich nicht hin. Wie gesagt schon gar nicht in der Präsensform - die mir das Problem doppelt bewusst macht und mich öfter aus dem Text kickt.
fragen in einem Mischmasch aus Englisch und Italienisch
Mir fällt nur "Kauderwelsch" ein, das auch nicht schöner ist, aber hier ginge noch was.
Am Ende bugsieren die Kerle sie mit Tritten in den Straßengraben, wo sie mit einer blutenden Platzwunde am Kopf das Bewusstsein verliert.
Bugsieren ist sicher das korrekte Wort, aber klingt auch recht flapsig, verharmlosend. Den letzten Satzteil finde ich wirklich schön, hier gerade in der Verkürzung.
Zu diesem Zeitpunkt weiß ich nicht, wer sie ist, weiß nicht, woher sie kommt, aber ich ahne schon jetzt, dass ihr Auftauchen eine Bedeutsamkeit besitzt, die meinen Verstand weit übersteigen wird.
Zu diesem Zeitpunkt = chronologisch im Präsens, das haut nicht hin.
Ansonsten ein klassisches, schönes Foreshadowing.
Denn ich bin bloß sein Instrument, so wie auch Claire sein Instrument ist, wenn auch ein ungleich gewaltigeres.
:confused: Ich stehe vollkommen auf dem Schlauch, sorry. Damit erschließt sich weder das Thema, noch deine Intention oder die Symbolik, und auch nicht, ob der Text von einer psychischen Störung oder etwas Paranormalem handelt (oder beidem). Hier sind bestimmt welche, die das besser erkennen, ich bin schon sehr gespannt.

Ich hoffe, du kannst mit meinen Anmerkungen etwas anfangen, war jedenfalls eine schön schräge Geschichte mit deutlichem Gesellschaftsbezug.

Herzliche Grüße,
Katla

 
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Mahlzeit @Peeperkorn,

vielleicht ticke ich ja anders. Im Deutschunterricht habe ich von Anfang bis Ende meine Dauermüdigkeit kuriert, Rechtschreibregeln kenne ich maximal fünf, literaturwissenschaftliche Fachbegriffe sind mir fremd und kümmern mich auch nicht.

Ich weiß, dass mir der Text gefallen hat. Sehr sogar. Die Strömung unter seiner Oberfläche ist poetisch, die Worte, aus denen du die Oberfläche geformt hast, schillert manchmal. Es gibt lediglich eine leichte Dünung. Wahrscheinlich würden die meisten Leser:innen gerne wissen wollen, welcher stille Tsunami da auf die Menschen zurollt. Eine zweite Heilsgeschichte? Das ist für mich nur der Rahmen. Denn es ist keine Serie, kein Roman, nur wenige Male können wir mit Taucherbrille und Schnorchel einen kurzen Blick in die Tiefe wagen. Das muss genügen. Das ist die eigentliche Botschaft der Ozeane. Paddelt auf meiner Oberfläche und genießt das Schaukeln, denn nur wenige erahnen und erfassen die Tiefe darunter. Dafür gibt es kaum Worte zwischen den Menschen.

Wir wissen jetzt nicht, ob Claire Großes tut, weil es einen Plan gibt. Sie glaubt daran, der Pfarrer auch. Zu helfen wäre ihr aber auch gelungen, ohne diesen Plan. Claire ist für mich das, was Menschen zu tun vermögen, wenn ihr Menschsein so tief ist, wie der Ozean. Selbstlosigkeit ist eine der großen Erfindungen des Universums. Sie gibt allem einen Sinn und lässt jede Sprache hinter sich.

So habe ich deine Geschichte gelesen und empfunden. An einen Gott glaube ich nicht, aber an das Beste in uns, wenn es auch täglich mit Füßen getreten wird.

Danach setzt sich im Schneidersitz neben den Karton
Fehlt noch ein "sie", denke ich.
In Marcos Gesicht hingegen haben sich Härte und Kälte der Stadt tief eingegraben
"Stadt" fand ich hier zu zentriert auf Mailand. Die meisten Obdachlosen kommen viel herum. Vielleicht "Leben" oder "Existenz".
Claire trägt keinen Ausweis auf sich
"auf sich" habe ich oben schon mal gelesen. Ich kenne nur "an sich" oder "bei sich". Ist das ein Lokalkolorit?

So, sehr gerne gelesen am Samstagvormittag bei Sonnenschein.

Griasle
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Eine Geschichte, die mir nicht aus dem Kopf gehen will,

lieber @Peeperkorn,

und doch bin ich mir nicht sicher, ob sie mir denn nun gefallen hat, oder nicht. Ich will das mal etwas aufschlüsseln:

Als die junge Frau, die ich später unter dem Namen Claire kennenlernen werde, zwischen zwei Betonpfeilern steht und den Daumen in die klirrend kalte Luft streckt, hat sie nicht viel mehr dabei als die Kleider, die sie am Körper trägt.​
Da hat mich erstmal die Zeitform irritiert und die Irritation hat mich bis zum Ende nicht losgelassen. Die Ich-Erzähler-Einschübe finde ich total interessant, dadurch bin ich gespannt, wer das Ich denn nun ist und in welchem Verhältnis Claire zu diesem Ich steht, aber warum erzählt denn das Ich über Geschehnisse der Vergangenheit in Präsenz und über die Gegenwart in Futur? Ich kann mich ja mit Präsenz allgemein schlecht anfreunden, aber hier ist das glaube ich mehr als bloß Präferenz: So, wie du die Geschichte geschrieben hast, passt das einfach nicht.

Aber dann war da die Geschichte und ihre Figuren, also Claire vor allem, und das hat mir doch sehr gut gefallen. Dieser Lebensweg, für den sie sich entschieden hat, und wie sie damit hadert, obwohl sie sich eigentlich sicher ist, das hast du toll beschrieben. Und mich hast du damit zum Nachdenken gebracht, da frage ich mich: Warum entsagen denn Menschen, schon seit Jahrhunderten, im Namen Gottes den natürlichsten und schönsten Dingen? Für mich als Atheist ist das absurd aber es gibt eben auch die Menschen, die das anders sehen und es ist interessant, in den Kopf eines solchen abzutauchen. Das hast du hier schön beschrieben.

Und dann war die Geschichte einfach vorbei ... Zuerst dachte ich: Das war's schon? Aber dann fand ich's doch genau richtig von der Länge. Aber inhaltlich war ich an der Stelle sehr verwirrt.

Mit dem Erscheinen Claires bricht eine neues Zeitalter an, eine Epoche des Friedens, dessen bin ich mir gewiss.​
Erstmal klingt das für mich zu sehr nach Epic-Fantasy. "The Age of men is over, the time of the Orc has come"-mäßig. Finde ich an dieser Stelle übertrieben. Sie wird hier schon sehr zum modernen Jesus erhoben, was auch ganz am Ende nochmal passiert (​
Denn ich bin bloß sein Instrument, so wie auch Claire sein Instrument ist, wenn auch ein ungleich gewaltigeres.​
)

Beim Lesen frage ich mich da die ganze Zeit: Soll der Text denn nun Claires Entscheidung als gut und sie tatsächlich als eine Art zweiten Jesus darstellen oder soll ich als Leser ihren Lebensweg hinterfragen? Oder wird das mit Absicht offen gehalten? Prinzipiell finde ich Letzteres am besten, denn gerade das macht den Text interessant und das hast du auch prinzipiell gut umgesetzt, aber diese Formulierung am Ende und die Zeitalter-Geschichte, das macht es für mich wieder etwas kaputt. Da bekomme ich das Gefühl, der Text wolle mir Claires Entscheidungen nun direkt als richtig verkaufen.

Aber das liegt natürlich auch an dem Ich-Erzähler, der ja Priester ist. Wäre es nicht viel interessanter, da jemanden zu wählen, der ihre Entscheidung nicht wirklich nachvollziehen kann, der vielleicht in seiner persönlichen Einstellung ganz anders ist, aber trotzdem beeindruckt ist von ihrer Art und Entschlossenheit? Das würde die Geschichte meines Erachtens stärker machen.

Ich hoffe, ich konnte mich hier irgendwie verständlich ausdrücken, da ich ja nun selbst etwas verwirrt bin. Zusammengefasst will ich sagen: Der Text verwirrt mich, weil mir unklar ist, was du mit ihm eigentlich sagen willst. Wenn Texte dem Leser nicht eine Message vorgeben, sondern ihn Fragen stellen lassen, dann ist das prinzipiell interessant, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob dein Text wirklich das tut.

Mich würde ja mal ehrlich interessieren, was du dazu sagst :D.

Schöne Grüße,
Manfred

 
Monster-WG
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@Katla , @Manfred Deppi

Vielen Dank für eure Rückmeldungen. Mir war bewusst, dass ich mit der Erzählperspektive ein Risiko eingehe, aber ich wollte mal schauen, wie das ankommt. Die Sache ist klar: Ich habe den Text ins Präteritum gesetzt und die Angaben zu Wetter und Setting gestrichen, sodass es hoffentlich nicht mehr unplausibel erscheint, dass der Priester die ganze Geschichte von Claire erzählt bekommt. Ist immer noch eine prekäre Erzählposition, die ich aber beibehalten möchte, weil sie in gewisser Hinsicht ein zentrales Thema des Textes darstellt. Aber ich hoffe, es ist nun erträglicher und lenkt nicht mehr ab. Zum Inhalt und zu den Details eurer Kommentare sage ich später mehr, wenn ich auf die einzelnen Rückmeldungen eingehe.

 
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Hallo @Peeperkorn,

es ist noch gar nicht so lange her, dass ich mir vorgenommen hatte, mal eine KG zu schreiben, in der der Erzähler nicht der Prota ist, sondern über jemand berichtet, dessen Geschichte ihn auf besondere Weise beeindruckt hat.

Du setzt gleich noch einen drauf und lässt deinem Ich-Erzähler von Ereignissen berichten, die er nur durch Hörensagen, nämlich in einer flüchtigen Begegnung mit Claire erfahren hat. Das ist ein Wagnis – und dessen bist du dir natürlich bewusst – weil dadurch die ohnehin latente Unzuverlässigkeit des Ich-Erzählers verstärkt wird und er somit angreifbarer wird. Ich könnte mir vorstellen, dass du damit spielst, weil du dem Leser viele Räume zur Interpretation öffnen möchtest. Und es möglicherweise auch darum geht, Zweifel am Wahrheitsgehalt der Aussagen beider zu säen?

Was mich auch schon zur nächsten Frage bringt: Warum entscheidest du dich, die Geschichte im Präsens zu erzählen, wenn die Erlebnisse Clairs auf ihrer Pilgerreise, doch zu dem Zeitpunkt bereits größtenteils hinter ihr liegen und der Leser sie aus zweiter Hand erfährt? Möchtest du wissen, ob du trotzdem Nähe zu Claire aufbauen kannst?

Aufgefallen ist mir noch die gewählte, an manchen Stellen schleppende, teils umständliche Sprache des Erzählers. Es dauert immer ein Weilchen, bis er auf den Punkt kommt. Das gefällt mir ausnehmend gut, weil mir der gebildete Mann, der studierter Theologe, der jedes Wort gründlich abwägt, bis er es über die Lippen bringt, sehr deutlich vor Augen tritt.

Schade fand ich, dass ich so spät im Text erfahre, wer der Erzähler ist. Hier dachte ich, die Fahrerin ist es.

Als die Krise überstanden war, kurz bevor eine Frau anhielt und sie einsteigen liess, fiel Claire auf die Knie, um ihm dafür zu danken.

Den nachfolgenden Satz musste ich mehrmals lesen.
Einen Tag später, nachdem eine ältere Dame, die alle halbe Stunde den Wagen stoppt und ihre karminroten Lippen nachzieht, sie dazu überredet hat, im Gästezimmer einer unverschämt großen Wohnung am Ufer des Luganersees zu übernachten, trifft Claire in Mailand ein.
Mein Hirn weigerte sich standhaft einzusehen, dass Clair in Mailand ankommen kann, wo sie doch gleichzeitig in einer unverschämt großen Wohnung übernachtet. Die Info einen Tag später hatte ich vor lauter Lippen nachziehen in dem Moment bereits verdrängt.
Aber du bist schneller als ich, du hast reduziert. Jetzt passt der Satz auch für mich.
Einen Tag später, nachdem eine ältere Dame sie dazu überredet hatte, im Gästezimmer einer unverschämt großen Wohnung am Ufer des Luganersees zu übernachten, traf Claire in Mailand ein.
Wie viel Geld sie auf sich trugt, verriet sie mir ebenso wenig wie den genauen Ort ihrer Herkunft.
Beim Überarbeiten hat sich der Fehlerteufel eingeschlichen.

auf sich trägt, ist der Ausdruck regional bedingt? Ich kenne nur bei sich trägt.

Ich merke schon, ich bin deinem Tempo nicht gewachsen. :lol:
Während ich mich noch herumschlage, Antworten zu finden oder sie aus dir herauszukitzeln, sind die Fragen schon getilgt.

Wie viel Geld sie auf sich trägt, wird sie mir ebenso wenig verraten wie den genauen Ort ihrer Herkunft. Sicher ist nur, dass sie die folgende Woche damit verbringt, verschiedene Läden aufzusuchen, wo sie Daunenjacken und hochwertige Schlafsäcke kauft, um sie an all jene in der Stadt zu verteilen, die in diesen Tagen im Freien schlafen.
Das wäre so eine gewesen: Der Erzähler gebraucht wird, obwohl er von Vergangenem berichtet. Er hat Claire also nicht gefragt, weil er keine Antwort erwartet hat.

Sicher ist nur, dass sie die folgende Woche damit verbrachte, verschiedene Läden aufzusuchen, wo sie Daunenjacken und hochwertige Schlafsäcke kaufte, um sie an all jene in der Stadt zu verteilen, die in diesen Tagen im Freien schliefen
Am Anfang erfahre ich allerdings:
Als die junge Frau, die ich später unter dem Namen Claire kennenlernte, zwischen zwei Betonpfeilern stand und den Daumen in die klirrend kalte Luft streckte, hatte sie nicht viel mehr dabei als die Kleider, die sie am Körper trug
Ein Widerspruch oder Hinweis auf die Unwissenheit des Erzählers, der sich später trotzdem zum Verkünder der wahren Geschichte Clairs aufschwingt?

Seit ihrer Abreise hatte sie vier oder fünf Kilo abgenommen und fühlte sich von Tag zu Tag schwächer. Noch immer wusste sie nicht, wohin ihre Reise führte, noch immer kannte sie nicht den Ort ihrer Bestimmung. Und doch hatte sich Claires Brust geweitet, das Gehen und das Atmen fiel ihr leicht und ihr Geist gewährte Gott schrankenlosen Raum, als wäre die Flut in ihrem Kopf der Ebbe gewichen, als stünde die Sonne still über einem glitzernden Watt.
Trotz körperlicher Schwäche fiel ihr das Gehen leicht? Kann ich nicht recht glauben. Und ich weiß, woran ich zweifle. :D

Noch immer wusste sie nicht, wohin ihre Reise führte, noch immer kannte sie nicht den Ort ihrer Bestimmung. Und doch hatte sich Claires Brust geweitet, das Gehen und das Atmen fiel ihr leicht und ihr Geist gewährte Gott schrankenlosen Raum, als wäre die Flut in ihrem Kopf der Ebbe gewichen, als stünde die Sonne still über einem glitzernden Watt.
Und gleich noch mal zitieren!
Das ist so ein Satz, bei dem man sich fragt, warum ist der mir nicht eingefallen.
Bin von Ehrfurcht ergriffen.

Und auch diese Passage hat es in sich:

Mit jedem Wort, das sie sprach, begriff ich ein wenig mehr. Es gab die Zeit des Vaters und es gab die Zeit des Sohnes. Mit dem Erscheinen Claires brach eine neues Zeitalter an, eine Epoche des Friedens, dessen war ich mir gewiss.
Das Erscheinen Claires macht die Heilige Dreifaltigkeit vollständig? Claire müsste dann so etwas wie den heiligen Geist, den Christusgedanken verkörpern.

Ich vertraue auf Gott, vor Ihm werde ich mich rechtfertigen müssen. Denn ich bin bloß sein Instrument, so wie auch Claire sein Instrument ist, wenn auch ein ungleich gewaltigeres.
Was weiß der Priester, was ich nicht weiß? Er erkennt etwas in ihr, beide sind Instrumente Gottes, nur Claire trägt mehr Kraft in sich. Wahrscheinlich ist es ihre Menschlichkeit, ihr uneigennütziges Verhalten den Bedürftigen gegenüber, das den Erzähler unerschütterlich an das Gelingen von Claires Mission glauben lässt.

Somit wäre ich am Ende meines Interviews angekommen. :)

Wahrscheinlich haben sich einiger Fragen durch deine flotte Überarbeitung bereits von selbst erledigt. Trotzdem wollte ich dir den ersten, unverwässerten Eindruck hinterlassen. Haha, da müsste ich wohl noch früher aufstehen.
Auf jeden Fall werde ich die Diskussion um den außergewöhnlichen Text, der mir sehr gefällt und der mich noch lange beschäftigen wird, verfolgen.

Ein sonniges Wochenende und LG
peregrina

PS: Mir ist noch etwas aufgefallen:

Weder die Dunkelheit noch das Rascheln der Tiere bereitten ihr Angst.

 
Monster-WG
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Hey ihr Lieben, @The Dead Frog, @Katla , @Morphin , @Manfred Deppi

Ich antworte euch gemeinsam, damit ich mich nicht wiederholen muss. Zunächst ganz herzlichen Dank für eure Kommentare. Ich hatte viele Fragen, als ich den Text eingestellt habe, und viele davon sind bereits beantwortet. Grossartig!

Also, die Geschichte ist eine Art Nebenprodukt eines grösseren Projekts und ich wollte, bevor ich da noch mal ein Jahr investiere, schauen, ob das überhaupt funktionieren könnte. Besonders interessiert hat mich die Frage, ob Leser*innen mit so einer moderen Heiligenlegende überhaupt etwas anfangen können. Wenn man sich die üblichen Legenden anschaut, weiss man ja nie so genau, ob man die Geschichte von bewunderungswürdigen Menschen liest, von Vorbildern, oder aber von psychisch kranken Menschen. Ich selber bin Atheist, aber mich fasziniert diese Kraft, die da zum Ausdruck kommt, die sowohl konstruktiv wie auch (selbst)destruktiv wirkt, da fühle ich mich angezogen und abgestossen zugleich.

So habe ich deine Geschichte gelesen und empfunden. An einen Gott glaube ich nicht, aber an das Beste in uns, wenn es auch täglich mit Füßen getreten wird.
Das ist ein Stück weit der Ausgangspunkt. Ich teile deine Auffassung, lieber Morphin, und mich interessiert der Grat, der Umschlagpunkt, wo man sagt, ja gute Absicht, aber zu radikal, da ist der Preis - zum Beispiel die Selbstaufgabe - zu hoch, das ist kein guter Mensch mehr, sondern ein kranker.

Aber das liegt natürlich auch an dem Ich-Erzähler, der ja Priester ist. Wäre es nicht viel interessanter, da jemanden zu wählen, der ihre Entscheidung nicht wirklich nachvollziehen kann, der vielleicht in seiner persönlichen Einstellung ganz anders ist, aber trotzdem beeindruckt ist von ihrer Art und Entschlossenheit? Das würde die Geschichte meines Erachtens stärker machen.
Wunderbar! Im grösseren Projekt wird es einen übergeordeten Rahmen geben und die Darstellung des Priesters wird nur eine der Stimmen sein, die von Claire erzählen, und welche die Hauptfiguren vernehmen. Und eine der Hauptfiguren wird genau diese Haltung zeigen, sie ist beeindruckt von Art und Entschlossenheit, obwohl sie nicht gläubig ist.

Aber dann war da die Geschichte und ihre Figuren, also Claire vor allem, und das hat mir doch sehr gut gefallen. Dieser Lebensweg, für den sie sich entschieden hat, und wie sie damit hadert, obwohl sie sich eigentlich sicher ist, das hast du toll beschrieben. Und mich hast du damit zum Nachdenken gebracht, da frage ich mich: Warum entsagen denn Menschen, schon seit Jahrhunderten, im Namen Gottes den natürlichsten und schönsten Dingen? Für mich als Atheist ist das absurd aber es gibt eben auch die Menschen, die das anders sehen und es ist interessant, in den Kopf eines solchen abzutauchen.
Danke dir! Das hat also grundsätzlich Chancen zu funktionieren.

Eine zweite Heilsgeschichte? Das ist für mich nur der Rahmen. Denn es ist keine Serie, kein Roman, nur wenige Male können wir mit Taucherbrille und Schnorchel einen kurzen Blick in die Tiefe wagen. Das muss genügen. Das ist die eigentliche Botschaft der Ozeane. Paddelt auf meiner Oberfläche und genießt das Schaukeln, denn nur wenige erahnen und erfassen die Tiefe darunter. Dafür gibt es kaum Worte zwischen den Menschen.
Auch für diese Rückmeldung bin ich sehr sehr dankbar. Ja, Claire wird im grösseren Projekt als eine Art Phantom erscheinen. Alles, was man über sie erfährt, ist aus zweiter Hand, da wird dann auch das eine oder andere hineinprojiziert, ein ewiges Thema, wenn man Heiligenlegenden historisch und philologisch betrachtet. Was ist wahr, was ist erdichtet?
Aber diese Legenden, so knapp sie manchmal sind, deuten stets eine Tiefe an, die du ansprichst. Ich freue mich riesig, dass das so rübergekommen ist. Eigentlich lernt man Claire ja nicht wirklich kennen, das ist alles nur vermittelt, aber dennoch sollte man ahnen, dass da etwas ist, eine Kraft - oder eben der Wahnsinn.

Beim Lesen frage ich mich da die ganze Zeit: Soll der Text denn nun Claires Entscheidung als gut und sie tatsächlich als eine Art zweiten Jesus darstellen oder soll ich als Leser ihren Lebensweg hinterfragen? Oder wird das mit Absicht offen gehalten? Prinzipiell finde ich Letzteres am besten, denn gerade das macht den Text interessant und das hast du auch prinzipiell gut umgesetzt, aber diese Formulierung am Ende und die Zeitalter-Geschichte, das macht es für mich wieder etwas kaputt. Da bekomme ich das Gefühl, der Text wolle mir Claires Entscheidungen nun direkt als richtig verkaufen.
Ne, ich finde, das ist eindeutig der Ich-Erzähler, der das so verkaufen will. Der lässt das Mädchen einfach weiterziehen! Vielleicht sirbt sie in den nächsten Tagen an Unterkühlung, wer weiss? Da braucht der Ich-Erzähler schwere Geschütze. Der historische Kontext: Der heilige Franziskus wurde von Joachim de Fiore zum Verkünder eines neuen Zeitalters erklärt. Aber ja, ich denke mal noch darüber nach, ob das nicht einfach zu viel ist.
Gab es da nicht etwas mit einer Tochter in einer der vielen gnostischen Lehren?
Ich vermutete, das läge an einem ikonographischen Bezug, den ich nicht kenne, aber nachdem ich mal Claire + Mäytryerin / Heilige etc. gegoogelt hab, bin ich nicht mehr so sicher. Davon passte jedenfalls nix (die heilige Clare | Claire von Assisi gibt es, aber da sehe ich keine Verbindungen zu deiner Figur).
Ich habe mich am Leben des Franziskus orientiert, allerdings an Details, die man nur findet, wenn man die einschlägigen Biographien liest. Zur Aktualisierung - so meine Idee - gehört ein Wechsel des Geschlechts, das produziert, so dachte ich mir, ein paar interessante Effekte ...

Hier hab ich noch mal nach den tags geschaut, bin aber nicht schlauer geworden. Da ich davon ausgehe, dass dies kein symbolisch-spekulativer Text ist, gehe ich ab hier von einer psychischen Störung oder gestörtem Realitätswahrnehmung aus.

Die Idee, dass diese Typen, die einem hinterherfahren, irgendwie anziehend sein könnten, halte ich für eine psychisch gesunde Frau extrem unwahrscheinlich. Ebenso, dass diese Männer sanft reden und sinnliche Lippen hätten, und dass sie so nette Angebote machen (ehrlich oder verdeckt ist mir hier bei deiner Konzeption nicht klar). Vielleicht gehe ich zu sehr nach meinen Erfahrungen, aber diese kerb crawlers sind mir recht horrorhaft und bedrohlich in Erinnerung.
Ab hier gehe ich also davon aus, dass Claire ein psychisches Problem mit ihrer Sexualität hat (und, wenn ich an ihren Plan denke, alle Bedürfnisse zu unterdrücken und in ein Koster zu gehen, wohl noch weitere).
Ab hier erwarte ich ein Psychogramm, etwas, das sich aus dieser Problematik zuspitzt und/oder einen phantastischen Text, allerdings scheint keines von beidem in deiner Intention zu liegen - und jetzt stehe ich auf dem Schlauch, was du mit der Geschichte eigentlich erzählst. :shy:

Zum Beispiel hier. Es gibt diesen klassischen Topos der sexuellen Versuchung bei fast jedem männlichen Heiligen. Was, wenn man das aufs andere Geschlecht überträgt, was passiert da bei den Lesern? Fand ich sehr spannend, wie du das gelesen hast, bei dir läuft Claire nicht auf schmalem Grat, sondern hat ein psychisches Problem. Und ich denke, wenn man den religiösen Mantel, in dem das alles steckt, entfernen würde, dann wäre das ganz klar und eindeutig. Welche Kraft aber in diesem religiösen Mantel steckt, was sich alles damit rechtfertigen lässt!
Außerdem, das winterliche Italien, das unsereins gerne nur im Sommer kennt, als Szenerie zu nehmen ist genial.
Freut mich ebenfalls sehr. Der Roman wird in Italien spielen und genau das ist meine Absicht: Weg vom Postkartenblick.

Die Verbesserungsvorschläge, @Katla und @Morphin habe ich fast alle umgesetzt. Vielen Dank vor allem für die Hinweise zu überladenen Satzkonstruktionen und flapsigen Formulierungen.

Lieber Gruss
Peeperkorn

 
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Lieber @Peeperkorn

mich hat deine neue Geschichte nicht überzeugen können. Klar, sie ist souverän geschrieben und hat auch einen Sog entwickelt, aber am Ende war ich dann doch etwas ratlos, was ich davon halten soll. Und ich habe so bei mir selbst gedacht, wenn da nun mehrere Leute über Claire berichten würden, so dass sich ein vielfältigeres Bild ihrer Person ergibt, ja dann ... und dann habe ich deinen Komm gelesen :D.
Zu den Gründen, warum sie mich nicht überzeugt hat: Es ist ein sehr eindimensionales Bild der Hauptfigur und es bleiben zu viele Fragen für mich offen. Auch wusste ich nicht so recht, wie sehr ich dem Erzähler vertrauen kann, der mir ja alles "nur" aus zweiter Hand schildert. Das fand ich übrigens interessant - die Frage der Glaubwürdigkeit, die sich so über das Lesen geschoben hat. Als ein Puzzlestück von vielen will ich das aber gern kaufen und finde das Projekt mega spannend!

Also, die Geschichte ist eine Art Nebenprodukt eines grösseren Projekts und ich wollte, bevor ich da noch mal ein Jahr investiere, schauen, ob das überhaupt funktionieren könnte. Besonders interessiert hat mich die Frage, ob Leser*innen mit so einer moderen Heiligenlegende überhaupt etwas anfangen können.
Das ist eine gute Frage und ich schätze, also kann ja nur vermuten, dass Menschen das tun. Und dazu muss ich noch nicht mal religös sein, was ich ja auch nicht bin. Und da nur andere über sie erzählen, spielt da auch die Mythosfrage mit rein, und die ist immer spannend. Jedenfalls für mich.

Ich selber bin Atheist, aber mich fasziniert diese Kraft, die da zum Ausdruck kommt, die sowohl konstruktiv wie auch (selbst)destruktiv wirkt, da fühle ich mich angezogen und abgestossen zugleich.
Auf jeden Fall! Da geht es mir wie dir.

Im grösseren Projekt wird es einen übergeordeten Rahmen geben und die Darstellung des Priesters wird nur eine der Stimmen sein, die von Claire erzählen, und welche die Hauptfiguren vernehmen.
Wenn man da mehrere Erzähler und ihre Wahrnehmung der Claire zusammenbringt, formt sich am Ende sicher ein Bild, was ich aus der einen jetzt für mich noch nicht klar ziehen konnte.

Ja, Claire wird im grösseren Projekt als eine Art Phantom erscheinen. Alles, was man über sie erfährt, ist aus zweiter Hand, da wird dann auch das eine oder andere hineinprojiziert, ein ewiges Thema, wenn man Heiligenlegenden historisch und philologisch betrachtet. Was ist wahr, was ist erdichtet?
Ich wäre als Leser dabei. Und hier schreibste selbst, was mir bei dem einen Auszug quer lag und warum ich weder den Erzähler, noch die Figur greifen konnte.

Ja, das wollt ich Dir gern rückmelden, bisschen kurz, ich weiß. War mir aber wichtig, Dir das mitzuteilen.

Liebe Grüße und ich habe mich sehr gefreut, als ich deinen Nick + neuen Text gesehen hab. Und wie gesagt, der Sog war da!
Schönes Wochenende für Dich, Fliege

 

MRG

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Hallo @Peeperkorn,

ich habe deine Geschichte gerne gelesen. Mich hat die Idee mit der Erzählung von Claire an das Buch "Spielplatz der Helden" erinnert. Dort wird die Überquerung des Inlandeises in Grönland aus drei unterschiedlichen Perspektiven geschildert. Der Protagonist ist ein Autor und befragt alle drei Beteiligten und jeder erzählt eine etwas andere Geschichte. Mir hat das sehr gut gefallen und ich denke, dass ich mich auch daher so gut auf deine Geschichte einlassen konnte. Was mir jedoch etwas gefehlt hat, ist die Person, die die Fragen stellt. Mir wäre es noch plausibler vorgekommen, wenn der Priester nach Claire gefragt wird und dann in diesen langen Dialog geht, wo er seine Geschichte erzählt. Denke, dass der Vorteil darin bestehen würde, dass ich als Leser direkt weiß, dass es sich um seine Perspektive handelt. Das wollte ich dir als Impuls dalassen.
Besonders hervorheben möchte ich ansonsten auch, dass du es für mich geschafft hast, dass ich Claire nicht direkt als Person erlebt habe, sondern mehr als eine mystifizierte Heilige. Ich habe die Hypothese, dass das vor allem an zwei Dingen liegt. Erstens ist die Perspektive aus Sicht des Priesters entscheidend, denn ein Mythos wird ja von anderen mündlich überliefert und nie von der Person, die es selbst erlebt hat. Zweitens sind es die Reaktionen von Claire, die auf mich scheinbar übermenschlich gewirkt haben. Gerade nach dem Überfall, kann sie wieder aufstehen und sich trotz allem darauf besinnen, dass es eine Prüfung von Gott sein müsse.

Drei Stunden lang wartete sie am Autobahnzubringer, während derer sich der Gestank von Müll und Urin in ihrer Nase festsetzte und die Beine zu zittern begannen.
Mir ist aufgefallen, wie gut du mit dem Geruchssinn arbeitest. Du baust erwähnst nämlich nicht einfach nur den Gestank von Müll und Urin, sondern es folgt danach ein Kontrast mit dem Geruch der verlockenden Autos:

Auf ihren sinnlichen Lippen lag jeweils ein Lächeln und aus dem Innern der Autos strömte warme Luft, die nach Orange roch, oder nach Zimt oder Zedernholz.
Hier wird dann der Geruch nach Orange, Zimt oder Zedernholz erwähnt und das habe ich als Leser sehr genossen.

Indem Gott ihr gleich zu Beginn ihrer Reise eine ganze Parade an Gelegenheiten darbot, vom Weg abzukommen, festigte er ihren Glauben und stärkte ihre Zuversicht. Als die Krise überstanden war, kurz bevor eine Frau anhielt und sie einsteigen ließ, fiel Claire auf die Knie, um ihm dafür zu danken.
Denke, dass das auch eine zentrale Stelle für mich war, damit ich Claire als Mythos sehen konnte. Der Fokus liegt auf der Selbstaufopferung und der gestellten Prüfungen von Gott. Durch den erzählenden Ton passt das gut in mein Bild und verstärkt den Eindruck, dass es sich bei Claire um eine mystifizierte Person handelt. Ich finde das gut gelungen.

Trotz des Kaffees, von dem sie in regelmäßigen Abständen nippte, fühlte sie sich wie ein Reptil in Kältestarre.
Das Reptil in Kältestarre. Einerseits eine gelungene Beschreibung, andererseits hat es mich etwas gewundert. Bei einer Erzählung hätte ich nicht unbedingt so eine Präzision erwartet, sondern eher etwas Klischeehafteres. Was ich damit ausdrücke will: Für mich hat das Detail mit der Kältestarre nicht in das Bild der mystifizierten und leicht unwirklichen Person gepasst.

In Marcos Gesicht hingegen hatten sich Härte und Kälte des Lebens tief eingegraben.
Finde es geschickt gemacht, wie du den Kontrast herstellst. Einerseits ist da Claire, die noch nicht lange auf der Straße lebt und andererseits gibt es Marco, der die Härte und Kälte am eigenen Leib spürt. Das funktioniert für mich und ich finde das stilistisch hervorragend, weil ich so etwas gerne lese.

Wie viel Geld sie auf sich trug, verriet sie mir ebenso wenig wie den genauen Ort ihrer Herkunft.
Hier bin ich kurz gestolpert. Wie Geld sie auf sich trug? Müsste es nicht "bei sich trug" heißen?

Die Familie, die sie zurückgelassen hatte, fühlte sich nicht mehr als die ihre an, die Gesichter ihrer kaltherzigen Eltern vermochte sie zu ihrem eigenen Erstaunen nur noch schemenhaft ins Gedächtnis zu rufen.
Woher weiß der Priester das? Hatte hier den Eindruck, dass das ein zu persönliches Detail von Claire ist. Es kann natürlich sein, dass sie es ihm entweder erzählt hat oder er es aus dramatischen Gründen hinzudichtet. Allerdings habe ich mich als Leser gefragt, ob es hier nicht noch eine andere Lösung gibt, die etwas unpersönlicher ist und damit Claire stärker als mystifizierte Person darstellt?

ie lange es dauerte, bis die Männer hatten, was sie wollten, konnte Claire nicht sagen, auf meine Frage, was sie ihr sonst noch angetan haben, schwieg sie.
Für eine Weile gab sie ihr nach, doch dann gelangte sie zur Überzeugung, dass auch dies eine Prüfung war.
Der Konflikt mit den Männern offenbart ihre Heiligkeit und die Festigkeit ihres Glaubens. Selbst nach der angedeuteten Vergewaltigung, findet sie wieder zu Gott und sieht es als Prüfung. Das meinte ich oben damit, dass Claire schier übermenschliche Kräfte hat und so das Bild des Mythos von ihr für mich verstärkt worden ist.

Mit dem Erscheinen Claires brach eine neues Zeitalter an, eine Epoche des Friedens, dessen war ich mir gewiss. Ich begriff auch, welche Rolle mir zuteil geworden war. Bald würde die ganze Welt ihren Namen kennen und meine Aufgabe war es, ihre Geschichte zu erzählen.
Er erkennt die Heilige und alles verändert sich, ja das hat Sinn ergeben. Das spricht für die mythische Wirkung von Claire und passt für mich gut ins Bild. Der Priester hat also die Aufgabe, die Geschichte zu teilen. Hier sehe ich das Potential, dass du ganz am Anfang den Priester einführst und er zum Beispiel vor Gläubigen seine Geschichte teilt.

Ich vertraue auf Gott, vor Ihm werde ich mich rechtfertigen müssen. Denn ich bin bloß sein Instrument, so wie auch Claire sein Instrument ist, wenn auch ein ungleich gewaltigeres.
Gutes Ende, ich hätte definitiv weitergelesen und interessiere mich, wie wohl die anderen Perspektiven aussehen könnten.

Insgesamt habe ich deinen Text gerne gelesen. Der Ansatz hat für mich funktioniert, ich mochte die Kontraste in deinem Text und Claire hat auf mich einen mythischen Eindruck gemacht. Bin gespannt, was aus deinem Projekt wird und wünsche dir gutes Gelingen!

Beste Grüße und einen angenehmen Restsonntag
MRG

 
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Hallo @Peeperkorn

Auch ich will mich einmal an einem Feedback versuchen. Deine Geschichte hat mich neugierig gemacht, sodass ich sie gespannt bis zum Schluss gelesen habe. Da du schon recht viel Feedback dazu bekommen hast, beschränke ich mich nur auf eine Sache, die mir aufgefallen ist.

Du hast ja zu Beginn von der sexuellen Versuchung für Claire geschrieben. Hier wirkt dein Blick männlich sozialisiert (ich weiß nicht, ob du das tatsächlich bist). Als Frau würde ich eine solche Tramp-Situation als potentiell gefährlich wahrnehmen. Wenn das Gefühl von Gefahr für Leib und Leben nicht zufällig ein sexueller Reiz für Claire ist, ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie als Frau eine solche Situation als sexuelle Versuchung erleben würde. Gefahr für Leib und Leben als sexuellen Reiz wahrzunehmen, würde tatsächlich auf etwas psychisch Ungesundes hindeuten (ich arbeite im Bereich der Psychiatrie).
Ein Beispiel, wie man die sexuelle Versuchung an dieser Stelle dennoch einbauen könnte:
Wenn sie z.B. mit einem Mann mitfahren würde, sich sicher fühlen würde und dann ein sexuelles Interesse entstanden wäre, das wäre nachvollziehbarer für eine weibliche Leserin gewesen. Man könnte Claire daraufhin aussteigen lassen, weil sie ihrer Lust nicht nachgehen will.

Liebe Grüße
Caja

 
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Hallo @Peeperkorn ,

gleich nach Erscheinen habe ich deine Geschichte gelesen, und sie hat mich einigermaßen ratlos zurückgelassen. Es war mir auch nicht möglich, zu einzelnen Passagen etwas Kritisches oder Zustimmendes zu formulieren, bevor ich nicht wenigstens deine Intention verstanden hätte.
Inzwischen sind einige für mich offene Fragen beantwortet und die neue Version erlaubt mir nun, einiges dazu zu schreiben.

Sie wusste, dass sie geprüft wurde, und erkannte, dass sie jedes Mal, wenn sie der Versuchung widerstand, nicht bloß auf einen flüchtigen Moment der Lust verzichtete, sondern auf ein ganzes Leben voll irdischen Glücks.

Indem Gott ihr gleich zu Beginn ihrer Reise eine ganze Parade an Gelegenheiten darbot, vom Weg abzukommen, festigte er ihren Glauben und stärkte ihre Zuversicht. Als die Krise überstanden war, kurz bevor eine Frau anhielt und sie einsteigen ließ, fiel Claire auf die Knie, um ihm dafür zu danken.

Hier kann ich eine Frau erkennen, die von ihrem Gott auf die Probe gestellt wird. Bekannt ist mir ein anderes literarisches Vorbild, der biblische Hiob, dessen Glaubensfestigkeit auch in der größten (materiellen) Not nicht wankt und der dadurch zum Vorbild wird.
Ist Claire ein solches Vorbild, eine modernisierte Heilige, die in einem westlichen, sexualisierten Umfeld auf das, was ihr doch begehrenswert erscheint, total verzichtet?

Hier stellt sich für mich die Frage, von welchem Begriff "Heilige" du ausgehst. Jedenfalls keine mittelalterliche Figur wie Elisabeth von Thüringen. Du willst wissen, ob ein heutiger Leser und vor allem Leserinnen überhaupt sich auf eine Heilige wie Claire einlassen könnten. Für mich wäre Claire kein nachahmenswertes Vorbild, jedoch würde ich einer solchen "Heiligen" den von ihr eingeschlagenen Weg zubilligen. Allerdings drängt sich für mich doch (insgeheim aus Mitleid) die Frage nach psychotherapeutischer Hilfe auf.

Vielen Dank für eure Rückmeldungen. Mir war bewusst, dass ich mit der Erzählperspektive ein Risiko eingehe, aber ich wollte mal schauen, wie das ankommt. Die Sache ist klar: Ich habe den Text ins Präteritum gesetzt und die Angaben zu Wetter und Setting gestrichen, sodass es hoffentlich nicht mehr unplausibel erscheint, dass der Priester die ganze Geschichte von Claire erzählt bekommt. Ist immer noch eine prekäre Erzählposition, die ich aber beibehalten möchte, weil sie in gewisser Hinsicht ein zentrales Thema des Textes darstellt.
Nun der schreibtechnische Kniff : Wir erfahren von Claire durch einen (katholischen) Priester, der seinerseits sich als Heiliger mit einer Sendung begreift. Das entlastet dich als Autor, was sicherlich in deinem Interesse ist. Du selbst bezeichnest dich als Atheist, mit katholischer Sozialisation, wenn ich mich recht erinnere. Mit dem Hinweis auf die Einbindung des Textes auf ein geplantes größeres Werk bleibt natürlich spannend, ob und wie der unzuverlässige Erzähler konterkariert wird.

Ein anspruchvolles Unterfangen, weil auch mit Blick auf Corona die Welt auf das Ausloten von gesellschaftlich relevanten Werten angewiesen ist.

Viel Glück und Unterstützung dabei!

wieselmaus

 
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Hallo @Peeperkorn ,

lieben Dank für deine Rückmeldung und die interessanten Gedanken; und ich freue mich auch, wenn die Verbesserungsvorschläge ankamen. Inzwischen habe ich die Geschichte ungefähr sechs Mal gelesen, und mir fällt es echt schwer, das zu sagen (weil ich deine Arbeit an Texten bewundernswert finde), aber in meinen Augen hast du die Sache verschlimmbessert.

Ich hatte gehofft, du gingest in Richtung auktorialer allwissender/semi-allwissender Erzähler und behieltest die Settingbeschreibungen drin, die für mich den größten Reiz ausmachten.

Die Perspektive hängt leider immer noch schief (unten ein paar Beispiele). Ich glaube, du willst zwei Sachen, die sich nicht mit einem Icherzähler aus zweiter Hand erzählen lassen: eine Selektion an Erlebnissen dieser Figur, die sehr vieles im Dunklen, Unerklärten lassen. Darunter - das ist für mich fatal - ihre zugrundeliegende Motivation.
Und daneben möchtest du, dass die Leser live dabei sind, alles fühlen, sehen und riechen, was Claire riecht, eine persönliche Nähe, teils sogar ihre Gedanken.
Das ist so ein Fall von have your cake and eat it.

Was habe ich hier?
1. Einen Icherzähler, der eigentlich eine dezidiert individuelle & eingeschränkte Sicht verspricht. Aber ich erfahre null über ihn, weil er sich hier als neutraler, auktorialer Erzähler einbringt. Er negiert sich und seine Ansichten. Wenn seine Ansichten zu einem Konflikt mit sich selbst führen (er lässt sie ziehen, wie du selbst sagst), ist die Lösung: 'Tja, Gottes Wege sind unergründlich'. Das ist aber nicht für mich als Leser die Lösung.
Wie du es aufziehst, erfahre ich nix von ihm, außer seinem Beruf. Der ist für mich 100% negativ besetzt. Da brauchte es einen individuellen Bruch (nicht, dass er Atheist wird, sondern ein Bruch auf Meta-Ebene, auf der des Autors). Ich möchte eigentlich etwas von der Frau erfahren, weil sie das Extreme lebt, das interessant ist. Alles wird aber durch seine Brille gefiltert - und ich tendiere dazu, ihm vieles nicht zu glauben.

2. Eine Prota aus zweiter Hand. Passend zur Religion hier kommt sie nicht aktiv zu Wort (interessanter Dreh, aber mir nicht grad sympathisch). Was mir bei ihr fehlt, ist ein Grund für ihre extremen Haltungen und Handlungen. Der ist nicht der Glaube, denn sie muss ja erstmal einen Grund haben, überhaupt zu glauben. Für mich fehlt damit dem Text ein Standbein. Verglichen mit einem Serienmörder-Text: Wir lesen von fünf seiner Morde im Detail, aber nur aus nacherzählten Zeitunsgausschnitten, die sich aus dem Verhalten keinen Reim machen können. Was da fehlte, wäre das tatsächliche Motiv, der grund für seine psychotischen Handlungen. Ebenso hier.

Damit stehe ich jetzt als Leser mit ziemlich leeren Händen da - was ist die Prämisse? (Im Sinne der LitWiss als Meta-Thema hinter allem.) Warum wird mir das erzählt?

Mit jedem Wort, das sie sprach, begriff ich ein wenig mehr. Es gab die Zeit des Vaters und es gab die Zeit des Sohnes. Mit dem Erscheinen Claires brach eine neues Zeitalter an, eine Epoche des Friedens, dessen war ich mir gewiss.
Ich befreife das z.B. gar nicht. Woraus liest er das? Milliarden Menschen leiden, aber hier geht es ja um etwas Elitäres, hier sind nicht mehr 'alle Gottes Kinder'. Das sind schon Ausmasse wie Jeanne d'Arc: Dass die Engländer in Frankreich stehen, gefällt Gott nicht, aber anstatt schon wieder eine langweilige Überschwemmung zu zaubern, schickt er ein gebildetes junges Mädel in Männerkleidung, die sich den Truppen voranstellt. "Wollen wir doch mal sehen, wie die damit klarkommen *gn*!"
Sowas wäre doch bei derart dramatischen Aussichten "neues Zeitalter / neue Epoche" zu erwarten. Und es müsste mir auch hergeleitet werden, warum er Frieden erwartet, wenn Jesus selbst sagte, er komme mit dem Schwert und bringe den Krieg.

Ich begriff auch, welche Rolle mir zuteil geworden war. Bald würde die ganze Welt ihren Namen kennen und meine Aufgabe war es, ihre Geschichte zu erzählen.
Okay, das verstehe ich. Das ist ja ein uralter Topos, der vielleicht auf die "300" zurückgeht (Y Gododdin z.B.) - der Berichterstatter als einziger überlebende Augenzeuge. Allerdings sind das Schlachten, bei denen eben die anderen Krieger ausgelöscht wurden. Mit ihrer Geschichte wird die Geschichte einer im Krieg untergegangenen Generation erzählt - aber was macht Claire denn? Sie kasteit sich und schliesst sich Armen an. Aber inwieweit ist das eine großartige Leistung, die sich von anderen Menschen (Realisten wie Gläubigen) abhebt? Diese Besonderheit sollte doch das Rückrat der Geschichte sein, oder?
«Eine Dienerin des großen Königs bin ich. Was geht es euch an?», antwortete sie.
Crazy.
Ich blicke allerdings nicht, was sie will. Rouen befreien ist ja nicht mehr drin. Was ist ihre "Aufgabe"?
Die Familie, die sie zurückgelassen hatte, fühlte sich nicht mehr als die ihre an, die Gesichter ihrer kaltherzigen Eltern vermochte sie zu ihrem eigenen Erstaunen nur noch schemenhaft ins Gedächtnis zu rufen.
Ja, das ist ein spannender Abschnitt, da es letztlich auch die Sitaution in anderen Sekten beschreibt: Isolation vom Alltag, Familie und Freunden. (Grad eine vierteilige, brillante Doku gesehen, wozu deine Geschichte gut passt: The Vow, zu NXIVM, erzählt von einem Opfer/Mittäterin India Oxenberg.)
Noch immer wusste sie nicht, wohin ihre Reise führte, noch immer kannte sie nicht den Ort ihrer Bestimmung. Und doch hatte sich Claires Brust geweitet, das Atmen fiel ihr leicht und ihr Geist gewährte Gott schrankenlosen Raum, als wäre die Flut in ihrem Kopf der Ebbe gewichen, als stünde die Sonne still über einem glitzernden Watt. In der immergleichen Ödnis der winterlichen Po-Ebene verblasste die Erinnerung an Claires bisheriges Leben.
Hier hakelt immer noch die Perspektive. Das sind Details, die mich mitnehmen sollen in ihre Welt, aber eigentlich in dieser Form sehr wahrscheinlich nicht erzählt würden.
In Marcos Gesicht hingegen hatten sich Härte und Kälte des Lebens tief eingegraben. Claire fragte nicht, wie genau es dazu gekommen war, fragte nicht, wie die beiden zueinander gefunden hatten.
Dito.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Claire nur wenige Erfahrungen mit Männern gesammelt, aber genügend viele und genügend gute, um das Gewicht der Bürde zu erahnen, die sie sich zu tragen vorgenommen hatte. Sie liebte es, wenn einer sich an ihren Rücken schmiegte, ihre Haare zur Seite strich und den Hals mit Küssen übersäte. Sie verstand nicht, wie man glauben konnte, die Vereinigung zweier Körper sei eine Sünde. Und doch: Wollte sie dem Ruf folgen, den sie vernommen hatte, blieb ihr aus Gründen, die sie mir ausführlich darlegte, nichts anderes übrig, als der fleischlichen Liebe zu entsagen. Indem Gott ihr gleich zu Beginn ihrer Reise eine ganze Parade an Gelegenheiten darbot, vom Weg abzukommen, festigte er ihren Glauben und stärkte ihre Zuversicht. Als die Krise überstanden war, kurz bevor eine Frau anhielt und sie einsteigen ließ, fiel Claire auf die Knie, um ihm dafür zu danken.
Genau hier liegt das Drama und die unfassbare Tragik hinter der Prota. Das ist doch der Dreh- und Angelpunkt. Das Perfide an den abrahamistischen Religionen - und der Schlüssel zu ihrem Erfolg - ist ja, dass ein ununerdrückbarer, natürlicher und sinvoller Trieb, der Geschlechtstrieb, genommen wird und als das absolut Böse hingestellt, mit dem sich ein Gläubiger selbst verdammt. Je weniger die Unterdrückung des Triebes gelingt, desto schuldiger fühlt sich eine Person und je mehr gerät sie in die Fänge der Religion. Um Prodigy zu zitieren: "We got the poison, we got the remedy."
Claires grausiges Leiden an diesem fiktiven Problem ist das Drama, das für mich erklärt, hergeleitet und ergründet werden müsste. Nicht aus der Sicht des 21. oder 20., sondern bereits des 18. Jahrhunderts.
Drei Stunden lang wartete sie am Autobahnzubringer, während derer sich der Gestank von Müll und Urin in ihrer Nase festsetzte und die Beine zu zittern begannen.
Perspektive.
In der Nacht hatte der Herr zu ihr gesprochen und ihr bedeutet, die Suche habe eben erst begonnen.
Was sucht sie denn? Was ist ihr Auftrag?
Die Geschichte von Jeanne d'Arc ist ja im Grunde ein Krimi: Die Gutsbesitzertochter hört Stimmen, sieht Engel, findet ein Schwert und zieht gegen eine ganze Nation in den Krieg, weil sie ihren König befreien will. Man denkt, hey, wie soll das denn gehen? Und das ging. Da fiebert man mit (egal, wie man zu dem Ganzen politisch, historisch oder sonstwie steht), weil man von Anfang an von dem Auftrag weiss, der erscheint unmöglich und dann gelingt es und dann kommt die Tragödie. Das ist Realität, aber als Erzählung postmodern. So einen Spannungsmoment Was will Claire, wer sind die Gegener, wird sie ihr Ziel erreichen? brauche ich hier auch, um mitgehen zu wollen.
auf denen morgens Raureif lag, ihren Weg. Strommasten sirrten, Raubvögel kreisten am grauen Himmel.
Perspektive.
Schmerz in ihrem Schädel maskierte alle anderen Empfindungen
Angliszismus (masked her pain). Mir würde überlagerte (oder härter: löschte aus) reichen.
Die Versuchung, liegen zu bleiben und die Augen zu schließen, war immens.
Perspektive. Gerade, wenn sie im Schock war, wovon ich bei einem Angriff und einer Vergewaltigung ausgehe, würde sie das eventuell nicht mehr so geordnet und analysierend erinnern können.
Sie erwachte in der Dunkelheit, rollte auf den Rücken
sich vergessen.
Ich lese das echt häufig (ich krampfe, argh!).
Für eine Weile gab sie ihr nach, doch dann gelangte sie zur Überzeugung, dass auch dies eine Prüfung war.
Das nimmt für mich als Leserin aber alle Spannung: mysterious ways. Damit kann sie sich ja alles erklären und damit kann sie jeden Konflikt, jede intelligente Frage, vermeiden. So einer Figur folge ich nicht so gern, ebensowenig wie einem Serienmörder, der nur Spaß am Töten hat oder einer Liebesgeschichte, die keinen Konflikt hat.
Ich habe den Text ins Präteritum gesetzt und die Angaben zu Wetter und Setting gestrichen, sodass es hoffentlich nicht mehr unplausibel erscheint, dass der Priester die ganze Geschichte von Claire erzählt bekommt.
Es ist sicher vollkommen plausibel, dass eine Gläubige einem Priester ihre Geschichte erzählt, da im Krankenhaus durchaus. Aber die Perspektive gibt das immer noch nicht wieder, und steht außerdem dieser Geschichte eben im Weg.

Also, die Geschichte ist eine Art Nebenprodukt eines grösseren Projekts und ich wollte, bevor ich da noch mal ein Jahr investiere, schauen, ob das überhaupt funktionieren könnte. Besonders interessiert hat mich die Frage, ob Leser*innen mit so einer moderen Heiligenlegende überhaupt etwas anfangen können.
Möglicherweise ist das das Problem: Du siehst einen Aufbau, den ich nicht erkenne kann (das Perspektivproblem bliebe allerdings auch innerhalb eines größeren Kontextes).

Ich denke, ob eine Heiligenlegende aktuell erzählt funktioniert, hängt von der gewählten Prämisse ab. Also dem zugrundeliegenden Thema, das über diese Legende erzählt werden soll.

Gerade letztes Jahr hat ein bislang unbekannter rumänischer Autor, Flavius Ardelean, mit seinem Der Heilige mit der roten Schnur Furore gemacht. Zumindest in Teilen der Phantastikszene brach geradezu eine Feeding-Frenzy aus, das Buch zu bestellen, es wurde überall bewundert und rezensiert. Es ist genau das: eine skurrile Heiligenlegende in der Moderne. Zu je einem Drittel Kubins Die andere Seite, religiöse Wunderkind/Einsiedler-Geschichte und osteuropäisches Märchen. Vielleicht schaust du da mal rein, es ist sicher schön geschrieben und echt 'frisch', aber ich kam nicht darüber weg, dass die Verbrennung eines Teenagermädchens als Hexe irgendwie gefeiert wird, dazu ist der Roman noch zu nah an der Realität.

Ein anderes Buch (und eines meiner all-time favs) ist: Luther Blisset: Q. Der Roman eines italienischen, anarchistischen und anonymen Autorenkollektivs, dem angeblich Eco angehörte. Es geht um die Wiedertäuferbewegung, ihre revolutionären Ideen und den Terror, in dem sie endete. Anhand einer Religionsgeschichte (aus Innensperspektive) wird aber eigentlich weniger Religion erzählt, sondern Freiheit. Was sie bedeutet, ob sie möglich ist und unter welchen Umständen. Ein extrem gutes Buch, dem eben gelingt, was du vielleicht vorhast: Eine religiöse Geschichte als backdrop zu einem größeren, umfassend menschlichen Thema zu konzipieren.

Die Biographien und Prozessakten von Jeanne d'Arc finde ich auch sehr spannend (auch wenn sie schwer religiös ist), weil sie eine echt schillernde Figur ist und extrem postmoderne Fragestellungen / Identitätskonzepte aufwirft. Ihre Antworten sind wirklich intelligent und das ist eben ein erstaunliches thinking outside of the box, auch wenn man ihre Handlungen insgesamt eben als religiösen Wahn sehen kann. Sowas finde ich interessant, weil da Brüche sind. Das erwarte ich von deiner Claire auch, in welche Richtung auch immer.

Wenn man sich die üblichen Legenden anschaut, weiss man ja nie so genau, ob man die Geschichte von bewunderungswürdigen Menschen liest, von Vorbildern, oder aber von psychisch kranken Menschen. Ich selber bin Atheist, aber mich fasziniert diese Kraft, die da zum Ausdruck kommt, die sowohl konstruktiv wie auch (selbst)destruktiv wirkt, da fühle ich mich angezogen und abgestossen zugleich.
Religion ist sicher eine sehr interessante Variante des Paranormalen, das sich wunderbar sowohl für realistische wie auch spekulative Geschichten eignet, sehe ich auch so.
Es wäre aber sinnvoll, wenn du bei einem solchen Unterfangen deine Position klar verortest - also deine Interpretation, was es ist. Das genau wäre für mich der Kaufanreiz, diese spezielle Perspektive. Eine einfache Geschichte einer konventionellen Heiligen ins Heute transferiert käme mir dagegen wohl eher vor wie der Wachturm.
Im grösseren Projekt wird es einen übergeordeten Rahmen geben und die Darstellung des Priesters wird nur eine der Stimmen sein, die von Claire erzählen, und welche die Hauptfiguren vernehmen. Und eine der Hauptfiguren wird genau diese Haltung zeigen, sie ist beeindruckt von Art und Entschlossenheit, obwohl sie nicht gläubig ist.
Hm. Klingt für mich nach typischer Bekehrungsrhetorik. So wie: 'Auf dem Sterbebett wird jeder überzeugte Antitheist zum Gläubigen.' (Das wird nicht dein Ziel sein, ich weiss.)
Claire wird im grösseren Projekt als eine Art Phantom erscheinen. Alles, was man über sie erfährt, ist aus zweiter Hand, da wird dann auch das eine oder andere hineinprojiziert, ein ewiges Thema, wenn man Heiligenlegenden historisch und philologisch betrachtet. Was ist wahr, was ist erdichtet?
Okay, aber was dabei ist dann die Prämisse, die Geschichte? Das Spannende hier war Claires Sicht. Die des Priesters stand mir dabei im Weg. Das wäre dann durchgehend so. Wenn aus zweiter Hand erzählt, müssten die berichtenden Personen mindestens genauso interessant und gut charakterisiert werden wie Claire. Zumindest bei dem Priester passiert das aber nicht.
aber dennoch sollte man ahnen, dass da etwas ist, eine Kraft - oder eben der Wahnsinn.
Die größte Kraft kommt vielleicht von Wahn(sinn). Da ist kein oder. Wer etwas über die Konvertierungsgeschichte und aktuelle Attentate weiß, wird das nicht wundern. Was im Buch klar werden sollte ist, dass es eine Analyse gibt, warum die Prota das vermischt (oder die Prota und sämtliche Erzähler).
Ich habe mich am Leben des Franziskus orientiert, allerdings an Details, die man nur findet, wenn man die einschlägigen Biographien liest. Zur Aktualisierung - so meine Idee - gehört ein Wechsel des Geschlechts, das produziert, so dachte ich mir, ein paar interessante Effekte ...
Das funktioniert dann nur bei Leuten, die irgendwas aus der Legende / Leben des Heiligen kennen. Ich kenne die Ikonographie, da ist noch ein Hund und Vögel auf der Hand. Bei näherem Nachdenken könnte das Assisi sein. Ich tappe also im Dunklen.
Zum Beispiel hier. Es gibt diesen klassischen Topos der sexuellen Versuchung bei fast jedem männlichen Heiligen. Was, wenn man das aufs andere Geschlecht überträgt, was passiert da bei den Lesern?
Das wurde sogar im antitheistischen Surrealismus aufgegriffen, und meist über Antonius mit den Dämonen gezeigt. Sehr coole Bilder.
Die Analogie haut aber nicht hin, weil deine Situation eher Bedrohung / Gewalt impliziert als eine erotische Versuchung. Ich sehe da also eine ähnliche Szene kommen wie später die im Feld. Wäre es eine entspannte Szene mit erotischer Aufladung hätte ich das sicher gesehen wie intendiert. Sie kann ja durchaus auf bad boys stehen, falls du da diesen Hauch von Gefahr mitreinbringen willst.
So lese ich nur, dass sie einen an der Waffel hat, und eben völlig die Lage verkennt.
Fand ich sehr spannend, wie du das gelesen hast, bei dir läuft Claire nicht auf schmalem Grat, sondern hat ein psychisches Problem.
Wenn jemand etwas, das ihm guttut, mit Gewalt unterdrückt, sich für eine Fiktion, Einbildung verbiegt und bestraft, gesundheitlich zugrunde richtet und sein Leben in Gefahr bringt, wird es wohl gemeinhin als psychische Störung gesehen.

That said: Heiligenlegenden im 21. Jahrhundert können sehr gut funktionieren. Dazu sollten sie - zumindest für meine Leseerwartung - aber nicht aus der Sicht und mit den Mitteln des 14. Jahrhunderts erzählt werden.

Es ist ein spannendes Projekt und ich bin wirklich neugierig, was noch alles folgt.

Liebe Grüße und wirklich sorry für all das Nölen,
Katla

 
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Liebe alle, vor allem @Fliege, @wieselmaus und @Katla

Kurz ein paar grundsätzliche Worte, bevor ich die einelnen Kommentare beantworte:

Ach herrje, das läuft ein wenig aus dem Ruder. Ich habe deutlich mehr an tollem Feedback erhalten als erhofft und dennoch fühle ich mich nicht wohl bei der Sache, in gewisser Hinsicht als Kommentardieb und Schwindler.

Es ist ein spannendes Projekt und ich bin wirklich neugierig, was noch alles folgt.
mich hat deine neue Geschichte nicht überzeugen können
Auch wenn immer mal wieder das Gegenteil gesagt wird, ist dieses Forum in einer wesentlichen Hinsicht keine Textwerkstatt, und zwar insofern nur abgeschlossene Geschichten erlaubt sind und in der Romanabteilung zwingend ein Exposé vorgelegt werden muss. Ich verstehe diese Regeln sehr gut ("Hallo zusammen, ich möchte einen Roman über einen jungen Zauberlehrling schreiben. Was haltet ihr davon?"). Aber manchmal ist das eben auch ein bisschen schade. Wenn man keinen Roman inklusive komplettem Exposé ins Internet stellen will - was im Übrigen bei meiner Verlegerin keine Begeisterung auslösen würde - dann gibt es hier eigentlich kaum eine Möglichkeit, wesentliche Fragen zu einem Projekt zu diskutieren. Funktioniert eine Erzählstimme? Ist diese Figur interessant? Das Thema? Wenn ich mir so vergegenwärtige, wie viele Leute gemäss eigener Aussage an einem Roman arbeiten und dann schaue, was in der entsprechenden Abteilung so läuft ... Ja, in dieser Hinsicht ist das etwas schade. Die virtuelle Romanrunde finde ich daher eine gute Sache, aber der Sonntag ist für mich tabu und mit mündlichem Austausch komme ich nicht gut klar. Bisher habe ich in ähnlichen Situationen gezielt Leute angeschrieben und um Hilfe gebeten, aber dieses Mal war ich eher an einer Rückmeldung interessiert, die auf vielen Augen und Köpfen basiert.

Ich stecke momentan mitten im Text und es läuft gut. Claire ist keine Hauptfigur, noch weniger der Priester. Meine Hauptfiguren sind zwei Menschen, die sich auf die Suche nach Claire begeben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das funktioniert, ich mag die beiden Hauptfiguren, das Setting etc. etc. Die Geschichten von Claire, die die beiden erzählt bekommen, umfassen höchstens einen Zehntel des Textes. Und da hat sich mir die Frage gestellt, wie man das lösen könnte, welche Möglichkeiten es gäbe, ob eine solche Geschichte überhaupt lesenswert wäre oder ich das noch kürzer halten sollte, so dass bloss der Name Claire durch den Text geistert.

Also habe ich mir gedacht, formst du eine Kurzgeschichte aus dem Material, das du schon hast, und stellst diese zur Diskussion. Mir war schon bewusst, dass ich eine solchen Text niemals als Kurzgeschichte geschrieben hätte, aber so miserabel - dachte ich - wird sie als eigenständige Geschichte nun auch wieder nicht sein. Also fand ich das durchaus legitim. Das war wohl ein Fehler. Ich habe zwar alle Antworten erhalten und sehe jetzt klarer, wie man die Sache angehen könnte. Aber mittlerweile diskutieren wir hier ein Stück weit ein Romanprojekt in der Kurzgeschichtenabteilung - was natürlich ich alleine zu verantworten habe - und das ist aus Forumsperspektive nicht so gut. Was also folgt, liebe Katla, ist entweder ein Roman in zwei, drei Jahren oder ein kleiner Eintrag im Jammer-Thread, mit der Information, dass die Sache gescheitert ist. :D Ja, da ist halt auch noch die emotionale Komponente, ich bin jetzt seit sechs Jahren dabei, praktisch seit ich überhaupt Texte schreibe. Ich habe viel kommentiert und viel zur Diskussion gestellt. Da fällt es mir irgendwie schwer, loszulassen und auf eigenen Füssen zu stehen. Neue Kurzgeschichten stehen nämlich gerade nicht in meinem Fokus.

Es tut mir leid, dass das hier so ein Hybrid geworden ist. Mein Auge ist natürlich auf das Romanprojekt gerichtet und Änderungen, die in diesem Kontext vielleicht sinnvoll sind, wirken hier dann als Verschlimmbesserungen und Probleme, die sich hier ergeben, stellen im Roman keine Schwierigkeit dar. Zum Beispiel werden die Leser*innen schon zu Beginn einer solchen Erzählung wissen, dass ein Priester spricht. Das ist alles nicht so gut.

Selbstverständlich werde ich eure tollen Kommentare aber im Verlauf des Tages en détail beantworten.

Lieber Gruss
Peeperkorn

Liebe @peregrina

Habe mich sehr gefreut, als ich deinen Namen unter der Geschichte gelesen habe. Vielen Dank, dass du dir Zeit für den Text genommen hast!

Ich könnte mir vorstellen, dass du damit spielst, weil du dem Leser viele Räume zur Interpretation öffnen möchtest. Und es möglicherweise auch darum geht, Zweifel am Wahrheitsgehalt der Aussagen beider zu säen?
Ja, das ist eine Grundidee. Hier in der Geschichte funktioniert das nicht ganz so gut, weil es keinen Kontrapunkt gibt und, wie Fliege anmerkt, Claire eindimensional dargestellt wird.
Was mich auch schon zur nächsten Frage bringt: Warum entscheidest du dich, die Geschichte im Präsens zu erzählen, wenn die Erlebnisse Clairs auf ihrer Pilgerreise, doch zu dem Zeitpunkt bereits größtenteils hinter ihr liegen und der Leser sie aus zweiter Hand erfährt? Möchtest du wissen, ob du trotzdem Nähe zu Claire aufbauen kannst?
Das war sicher die Hauptmotivation. Biographien sind ja manchmal im Präsens geschrieben, manchmal in einer Mischform: Wenn z.B. konkrete Briefe vorliegen, dann Präsens, wenn allgemein über das Leben berichtet wird, dann Vergangenheitsform. Ich wollte da so eine Art Unmittelbarkeit herstellen. Hat offensichtlich nicht funktioniert.
Aufgefallen ist mir noch die gewählte, an manchen Stellen schleppende, teils umständliche Sprache des Erzählers. Es dauert immer ein Weilchen, bis er auf den Punkt kommt. Das gefällt mir ausnehmend gut, weil mir der gebildete Mann, der studierter Theologe, der jedes Wort gründlich abwägt, bis er es über die Lippen bringt, sehr deutlich vor Augen tritt.
Gut. Ich muss allerdings aufpassen. Mir ist der knappe Stil mittlerweile ein wenig verleidet, ich muss aber darauf achten, dass ich das Mass bewahre.
Mein Hirn weigerte sich standhaft einzusehen, dass Clair in Mailand ankommen kann, wo sie doch gleichzeitig in einer unverschämt großen Wohnung übernachtet. Die Info einen Tag später hatte ich vor lauter Lippen nachziehen in dem Moment bereits verdrängt.
Zum Beispiel hier. Habe das inzwischen ganz gestrichen.
Ein Widerspruch oder Hinweis auf die Unwissenheit des Erzählers, der sich später trotzdem zum Verkünder der wahren Geschichte Clairs aufschwingt?
Da sehe ich den Widerspruch nicht. Sie reist nur mit den Kleidern am Körper nach Mailand, wo sie dann später Jacken und Schlafsäcke kauft, die sie an die Obdachlosen verteilt.
Trotz körperlicher Schwäche fiel ihr das Gehen leicht? Kann ich nicht recht glauben. Und ich weiß, woran ich zweifle.
Gekauft! Merci!
Das ist so ein Satz, bei dem man sich fragt, warum ist der mir nicht eingefallen.
Hehe, das denke ich mir auch immer wieder bei fremden Texten.
Auf jeden Fall werde ich die Diskussion um den außergewöhnlichen Text, der mir sehr gefällt und der mich noch lange beschäftigen wird, verfolgen.
Vielen Dank! Ich versuche, das Beste daraus zu machen.

Hat mich sehr gefreut, liebe peregrina. Merci für deinen Besuch.

Liebe @Fliege

Ja, das wollt ich Dir gern rückmelden, bisschen kurz, ich weiß. War mir aber wichtig, Dir das mitzuteilen.
Das ist sehr lieb von dir. Du hast gemerkt, wo mir der Schuh drückt und sofort in die Tasten gehauen. Vielen Dank!

mich hat deine neue Geschichte nicht überzeugen können. Klar, sie ist souverän geschrieben und hat auch einen Sog entwickelt, aber am Ende war ich dann doch etwas ratlos, was ich davon halten soll.
Das bringt das Dilemma auf den Punkt. Ich geh da sehr optimisitisch aus der Sache raus. Dass die Geschichte so nicht funktioniert, ist ja fast ein Beweis dafür, dass es einen grösseren Kontext braucht. Und mir war wichtig zu erfahren, ob das sprachlich und erzählerisch Potential hat.
und ich habe so bei mir selbst gedacht, wenn da nun mehrere Leute über Claire berichten würden, so dass sich ein vielfältigeres Bild ihrer Person ergibt, ja dann
Das fand ich übrigens interessant - die Frage der Glaubwürdigkeit, die sich so über das Lesen geschoben hat. Als ein Puzzlestück von vielen will ich das aber gern kaufen und finde das Projekt mega spannend!
Genau so! Das ist der Plan.
Das ist eine gute Frage und ich schätze, also kann ja nur vermuten, dass Menschen das tun. Und dazu muss ich noch nicht mal religös sein, was ich ja auch nicht bin. Und da nur andere über sie erzählen, spielt da auch die Mythosfrage mit rein, und die ist immer spannend. Jedenfalls für mich.
Auch da bin ich sehr froh, ich war da noch etwas unsicher. Mich fasziniert zum Beispiel die Christologie des vierten und fünften Jahrhunderts. War Jesus Gott? War Jesus Mensch? Zu je welchen Teilen? Weshalb genau haben sich die Menschen damals die Köpfe eingeschlagen, wenn sie sich in diesen Fragen nicht einig waren? Bisher habe ich noch niemanden gefunden, der das ebenfalls spannend findet. :D Gut, dass es mit der Heiligenlegende besser zu klappen scheint.

Vielen, vielen Dank für deine, wie soll ich es nennen? Literarische Fürsorge vielleicht.

Hey @MRG

Mich hat die Idee mit der Erzählung von Claire an das Buch "Spielplatz der Helden" erinnert. Dort wird die Überquerung des Inlandeises in Grönland aus drei unterschiedlichen Perspektiven geschildert. Der Protagonist ist ein Autor und befragt alle drei Beteiligten und jeder erzählt eine etwas andere Geschichte. Mir hat das sehr gut gefallen und ich denke, dass ich mich auch daher so gut auf deine Geschichte einlassen konnte.
Habe ich auch sehr gemocht, dieses Buch. Noch besser hat mir "Die Musterschüler" gefallen. Da macht Köhlmeier dasselbe auf noch raffiniertere Art, wie ich finde.
Was mir jedoch etwas gefehlt hat, ist die Person, die die Fragen stellt. Mir wäre es noch plausibler vorgekommen, wenn der Priester nach Claire gefragt wird und dann in diesen langen Dialog geht, wo er seine Geschichte erzählt.
Ich glaube, so werde ich das lösen. Kein eigenes Kapitel, sondern ein langer Dialog, mit der einen oder anderen Zwischenfrage. Denn diese Person gibt es in der Gesamtkonzeption durchaus!
Besonders hervorheben möchte ich ansonsten auch, dass du es für mich geschafft hast, dass ich Claire nicht direkt als Person erlebt habe, sondern mehr als eine mystifizierte Heilige.
Sehr gut!
Mir ist aufgefallen, wie gut du mit dem Geruchssinn arbeitest. Du baust erwähnst nämlich nicht einfach nur den Gestank von Müll und Urin, sondern es folgt danach ein Kontrast mit dem Geruch der verlockenden Autos:

Auf ihren sinnlichen Lippen lag jeweils ein Lächeln und aus dem Innern der Autos strömte warme Luft, die nach Orange roch, oder nach Zimt oder Zedernholz.
Hier wird dann der Geruch nach Orange, Zimt oder Zedernholz erwähnt und das habe ich als Leser sehr genossen.
Das freut mich sehr. Eine Freundin von mir muss immer lachen, sagt sie, wenn sie so etwas liest, weil sei weiss, dass ich olfaktorisch ziemlich unsensibel bin und Gerüche keine grosse Rolle in meiner Wahrnehmung spielen. Tja, manchmal wird das Handwerk halt durchschaut.
Das Reptil in Kältestarre. Einerseits eine gelungene Beschreibung, andererseits hat es mich etwas gewundert. Bei einer Erzählung hätte ich nicht unbedingt so eine Präzision erwartet, sondern eher etwas Klischeehafteres. Was ich damit ausdrücke will: Für mich hat das Detail mit der Kältestarre nicht in das Bild der mystifizierten und leicht unwirklichen Person gepasst.
Guter Punkt. Katla hat das sehr gut formuliert: Ich versuche gleichzeitig zwei Dinge: Nah bei der Figur sein und dennoch alles durch die Brille des Priesers erzählen. Das geht so einfach nicht. Im Dialog wird das dann alles viel natürlicher werden, hoffe ich.
Hier bin ich kurz gestolpert. Wie Geld sie auf sich trug? Müsste es nicht "bei sich trug" heißen?
Hehe. Normalerweise rede ich mich bei solchen Dingen damit heraus, dass Deutsch nicht meine Muttersprache ist. Nur sagen wir auch in der Schweiz: "bei sich" und nicht "auf sich" in diesem Kontext. Keine Ahnung, weshalb ich das immer wieder so schreibe. Ich glaube, dass ich unbewusst das Gefühl habe, es klinge dann nach echtem Deutsch. :D
Woher weiß der Priester das? Hatte hier den Eindruck, dass das ein zu persönliches Detail von Claire ist. Es kann natürlich sein, dass sie es ihm entweder erzählt hat oder er es aus dramatischen Gründen hinzudichtet. Allerdings habe ich mich als Leser gefragt, ob es hier nicht noch eine andere Lösung gibt, die etwas unpersönlicher ist und damit Claire stärker als mystifizierte Person darstellt?
Ja, das wird sich wohl ebenfalls lösen lassen, denn die Person, die dem Priester gegenübersitzt, wird auf alle Fälle nach Claires Familie fragen.

Vielen Dank für diesen Kommentar! Hat mir sehr geholfen und mich sehr gefreut.

Lieber Gruss an alle
Peeperkorn

 
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Hi @Peeperkorn,

Ich bin großer Fan dieses Textes. Ich würde ihn auch sehr gerne als Roman lesen. Mir gefällt die Sprache, die Motive, die Figuren. Ich würde das alles so lassen, es übt einen Sog beim Lesen aus und wirkt sehr eingängig. Für mich wirkt der Text auch sehr fertig, im Sinne davon, dass er wirkt, als hätte er seinen Sound und seine Geschichte gefunden. Claire ist ebenso eine extrem spannende Figur. Also es wirkt passend auf mich.

Besonders interessiert hat mich die Frage, ob Leser*innen mit so einer moderen Heiligenlegende überhaupt etwas anfangen können.
Ich als Leser: Auf jeden Fall.

Auszusetzen habe ich nichts, mir gefällt das Teil wirklich sehr gut und ich würde gerne weiterlesen. Ich frage mich bloß, wie du das auf Romanlänge handwerklich anstellen würdest, ob du auf die komplette Länge aus der Retroperspektive den Priester erzählen lassen würdest? Ich kann mir das gut vorstellen, aber gleichzeitig riskiert man immer ein wenig mit einer originellen Erzählperspektive. Aber letztendlich ist das, wenn du den Rohstoff der Geschichte hast, nichts, was man nicht im Notfall umschreiben könnte. Aber ich möchte noch mal anmerken, dass ich das auf der Länge des Ausschnitts hier sehr gut und funktionierend fand. Vielleicht bleibt dir nichts anderes übrig, als es auszuprobieren. Bin sehr gespannt.

Wenn man keinen Roman inklusive komplettem Exposé ins Internet stellen will - was im Übrigen bei meiner Verlegerin keine Begeisterung auslösen würde - dann gibt es hier eigentlich kaum eine Möglichkeit, wesentliche Fragen zu einem Projekt zu diskutieren. Funktioniert eine Erzählstimme? Ist diese Figur interessant? Das Thema? Wenn ich mir so vergegenwärtige, wie viele Leute gemäss eigener Aussage an einem Roman arbeiten und dann schaue, was in der entsprechenden Abteilung so läuft ... Ja, in dieser Hinsicht ist das etwas schade.
Das sehe ich genauso.
Eine interessante Idee wäre auch "Romanausschnitt"/"Leseprobe Roman" als Tag, mit dem man ein Romankapitel, das in sich einen abgeschlossenen Spannungsbogen - wie in einer Kurzgeschichte - enthält, auf Sprache, Figuren, etc. testenlesen lassen kann, ohne das komplette Exposé ins Internet stellen zu müsse, womit Verleger u.a. ja bekanntlich Probleme haben.

Beste Grüße
zigga

 
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Eine interessante Idee wäre auch "Romanausschnitt"/"Leseprobe Roman" als Tag, mit dem man ein Romankapitel, das in sich einen abgeschlossenen Spannungsbogen - wie in einer Kurzgeschichte - enthält, auf Sprache, Figuren, etc. testenlesen lassen kann, ohne das komplette Exposé ins Internet stellen zu müsse, womit Verleger u.a. ja bekanntlich Probleme haben.

Ja, bitte!!!! :) Das habe ich auch schon oft gedacht. Das wäre toll. (wollte ich nur schnell nochmal bekräftigen, bevor das im Orkus verschwunden ist)

Für meinen Kommentar brauche noch ein bisschen, @Peeperkorn . Ich bin da auch gerade an etwas dran. Nur so viel vorab, dass ich den ersten Absatz mit großem Genuss gelesen habe und die Erzählperspektive erfrischend und bis hierhin gar nicht als störend oder dergleichen empfinde.

Viele Grüße an euch beide
Carlo

 
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Hi @Peeperkorn ,

den Ansatz der Geschichte finde ich sehr interessant. Geschrieben ist das einwandfrei.

Ein paar Anmerkungen:

Auf ihren sinnlichen Lippen lag jeweils ein Lächeln und aus dem Innern der Autos strömte warme Luft, die nach Orange roch, oder nach Zimt oder Zedernholz. «Steig ein», sagten sie, als sie keine Antwort gab. «Ich nehme dich mit, wohin auch immer du möchtest.» Stets schüttelte Claire den Kopf, um danach, wenn die Männer weiterfuhren, einen Schrei auszustoßen, die Faust zu ballen und sich in die Knöchel zu beißen, bis es blutete. Sie wusste, dass sie geprüft wurde, und erkannte, dass sie jedes Mal, wenn sie der Versuchung widerstand, nicht bloß auf einen flüchtigen Moment der Lust verzichtete, sondern auf ein ganzes Leben voll irdischen Glücks.
Die Stelle mit dem Anhalter haben ja einige Kommentatoren angesprochen. Für mich funktioniert sie, weil du den Priester als Erzähler hast. Ich verstehe die Stelle als das typisch religiöse Verzichtmotiv, mit dem der Priester versucht Claire zu überhöhen. Er schildert die Situation aus seinem eigenen Erfahrungshorizont, weshalb es sich also nicht zwingenderweise um die Gedanken von Claire handeln muss. Zumindest wenn du den Priester in einem längeren Text genauer charakterisieren würdest, müsste das m.E. funktionieren.

Mit dem Erscheinen Claires brach eine neues Zeitalter an, eine Epoche des Friedens, dessen war ich mir gewiss.
Denn ich bin bloß sein Instrument, so wie auch Claire sein Instrument ist, wenn auch ein ungleich gewaltigeres.
Das hier nehme ich deinem Priester allerdings nicht ganz ab. Claires Taten klingen für mich eher wie die Taten einer gläubigen Aussteigerin als wie die einer Heiligen. Auf Besitz zu verzichten und durch die Gegend zu ziehen, erscheint mir ungewöhnlich, aber noch nicht heilig. Immerhin pilgern z.B. jedes Jahr Hunderttausende auf dem Jakobsweg, einige wenige davon auch jahrelang. Ich denke, du müsstest entweder ihre Taten extremer machen oder den Priester stärker ein Narrativ aus ihren Taten spinnen lassen.

Zum Beispiel: Der Priester wertet ihre Taten als Kampf gegen den zunehmenden moralischen Niedergang des Westens und ergänzt in der Geschichte immer wieder wie heldenhaft sie sich dagegen wehrt. Irgendwie sowas. Vermutlich zu plakativ. :) Jedenfalls bräuchte ich irgendwas, das die "neue Epoche des Friedens" rechtfertigt. Irgendetwas muss den Erzähler ja dazu beflügeln, sie dazu auszurufen.

Habe die Geschichte sehr gerne gelesen und hoffe, du kannst etwas mit meinen Anmerkungen anfangen.

Grüße
Klamm

 
Monster-WG
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18.06.2015
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Hallo @Caja

Hier wirkt dein Blick männlich sozialisiert (ich weiß nicht, ob du das tatsächlich bist). Als Frau würde ich eine solche Tramp-Situation als potentiell gefährlich wahrnehmen. Wenn das Gefühl von Gefahr für Leib und Leben nicht zufällig ein sexueller Reiz für Claire ist, ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie als Frau eine solche Situation als sexuelle Versuchung erleben würde. Gefahr für Leib und Leben als sexuellen Reiz wahrzunehmen, würde tatsächlich auf etwas psychisch Ungesundes hindeuten (ich arbeite im Bereich der Psychiatrie).
Ja, das ist natürlich ein ziemlicher Ruckler gleich zu Beginn. Für mich die idealtypische Versuchungsszene: Antonius im Wald und da steht auf einmal eine Frau vor ihm, im bürgerlichen Gewand und hübsch und alles. Das ist ja auch ein männlicher Blick. Ich wollte da eigentlich bewusst ein etwas schroffes und (für uns) nicht ganz plausibles Bild entwerfen, um gleich zu Beginn eine gewisse Irritation zu schaffen. Also ganz analog: Die versuchte Person wird einzig und allein vom Äusseren angezogen, die blosse Erscheinung genügt, um die Begierde zu wecken. Was, wenn das bei Claire genauso ist? Aber vielleicht bin ich da übers Ziel hinausgeschossen, das ist schon sehr schräg und weckt bedrohliche Assoziationen. Ich werde noch darüber nachdenken und ...
Wenn sie z.B. mit einem Mann mitfahren würde, sich sicher fühlen würde und dann ein sexuelles Interesse entstanden wäre, das wäre nachvollziehbarer für eine weibliche Leserin gewesen.
... auf diese gute Anregung zurückgreifen. Ja, das wäre eine Möglichkeit, das etwas zu entschärfen und sie dennoch aktiv in Versuchung gebracht darzustellen.

Vielen Dank für diesen Einwurf!


Liebe @wieselmaus

Ach wie schön, von dir zu lesen! Ich mag deine klugen Anmerkungen sehr, danke, dass du sie mir auch dieses Mal hast zukommen lassen.

Bekannt ist mir ein anderes literarisches Vorbild, der biblische Hiob, dessen Glaubensfestigkeit auch in der größten (materiellen) Not nicht wankt und der dadurch zum Vorbild wird.
Als ich die Szene in der Franziskus-Biographie gelesen habe - es handelt sich nur um zwei, drei Sätze, habe ich mir auch gedacht: Da wird die Hiob-Tradition auf Franziskus übertragen. Dieser geht nämlich angeblich ebenfalls gestärkt aus dem Überfall hervor. Das ist so ein Element, bei dem ich als Laie sagen würde, dass es ganz sicher später hinzugedichtet wurde und keinen realen Hintergrund besitzt.

Du willst wissen, ob ein heutiger Leser und vor allem Leserinnen überhaupt sich auf eine Heilige wie Claire einlassen könnten. Für mich wäre Claire kein nachahmenswertes Vorbild, jedoch würde ich einer solchen "Heiligen" den von ihr eingeschlagenen Weg zubilligen. Allerdings drängt sich für mich doch (insgeheim aus Mitleid) die Frage nach psychotherapeutischer Hilfe auf.
Im Idealfall entsteht eine Art Spannungsfeld. Die Leser*innen sollten die Faszination der einen und das Mitleid, die Verunsicherung und das Abgestossensein der anderen nachvollziehen können. Es gibt einen übergeordneten Rahmen um diese Geschichte herum und die beiden Figuren, die das erzählt bekommen, werden (implizit) Stellung beziehen müssen. Mir geht es daher weniger um: Ich als Leser verstehe Claire oder ich verstehe sie nicht, sondern um: Ich verstehe, dass jemand Clair bewundert und ich verstehe, dass sie jemand für psychisch krank hält. Da wäre man angemessen dafür vorbereitet, eine eigene Haltung zu entwickeln.
Ein anspruchvolles Unterfangen
Ich weiss. Es ist ein Kreuz. :D

Hab ganz herzlichen Dank für deinen Kommentar!

Lieber Gruss euch beiden
Peeperkorn

 
Monster-WG
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Hallo @Peeperkorn :-)

Ich schildere Dir einfach Eindrücke, die ich beim Lesen Deiner (Teil)Geschichte hatte. Du hast ja geschrieben, dass sie Teil eines größeren Projekts ist, dementsprechend kann die Geschichte viele Fragen nicht beantworten. Mir fällt es schwer, die Geschichte in einem normativen Sinne zu bewerten, auch, weil ich deine Texte sehr schätze und ich oft den Eindruck habe, sie nicht in der Gänze zu verstehen, die sie verdienen.

Ich denke, der Glauben in Deinem Projekt darf nie singulär sein. Sprich, dass es in deinem Projekt nur zwei diskrete Kategorien gibt: Glauben oder Nicht-Glauben. Auch ein Mensch wie Claire wird ja zwischen physiologischen Bedürfnissen und der Glaubenstreue abwägen müssen. Wie viel Härte mutet sie sich zu? Es wird sicherlich für sehr viele Menschen sehr schwer sein, die Motivation eines Menschen aus seinem Glauben heraus zu verstehen. Die subjektive Erfahrungswelt, das Erkennen und Deuten von Zeichen, das Folgen einer Lehre. Kritisch könnte es für dein Projekt vielleicht dann werden, wenn der Glaube als Holzhammer dient. Also: Sie musste das tun, denn sie sah ein Zeichen und so biegt die Story in die Richtung, die du dir als Autor wünschst. Auch hier die Frage, wie institutionalisiert sie ihren Glauben auslebt. Folgt sie der katholischen Morallehre oder hat sie ein sehr individuelles Muster an religiösen Vorstellungen entwickelt? Ich weiß, wir als gute systemdenkende und ach so rationale Wesen des öligen Westens sind ja ein Denken in Religion vs. Rationalität gewohnt, obwohl wir abergläubische Verhaltensweisen fast immer kennen. Gut, jetzt neige ich mal wieder zum psychologisieren, aber ich denke, du verstehst, was ich sagen möchte. Auf mich macht sie einen fast eremitischen Eindruck. Sehr individualistisch, was ihr Glaubensweg betrifft.

In Deiner Geschichte erzählt aber ein Priester die (Glaubens-)Reise Claires. Die Motivation für Claires Reise aus Deutschland (?) nach Italien scheint das Vernehmen eines Rufs zu sein. Warum Italien, warum Trampen und nicht Pilgermarsch, lässt der Text offen. Das, was Claire ihm erzählt hat, verfremdet also der Priester für seine Zwecke. Mich würde interessieren, für wen und mit welcher Intention der Priester die Geschichte der Claire erzählt. An sich kann ich nicht wissen, welche Aspekte ihrer Reise real sind oder nicht. Ich gewann folgenden Eindruck: Der Priester will unbedingt zeigen, wie hart die Prüfung des Glaubens sein kann. Er versucht diese Härte durch die Darstellung eines schutzlosen Lebens auf der Straße darzustellen. Die Außenwelt ist brutal, sündig, gefährlich, nur der Glaube kann Claire aufrecht erhalten. Hierzu greift der Priester Fragmentstücke des Themas Obdachlosigkeit zurück: Urin, Gewalt, extreme Kälte, Übernachten in Bahnhofsnähe auf Lüftungsgittern, ewiges Warten auf eine Mitfahrgelegenheit. Möglicherweise überhöht er Claires Reise aus einer Bewunderung, Sympathie für Claire selbst. Die Kälte wird noch kälter und die Brutalität noch brutaler. Die Motive nutzten sich für mich etwas ab. Vielleicht macht es Sinn, sich nur auf Kälte zu konzentrieren? Obwohl Priester (er wird ja ein Sozialdienst im Rahmen seiner Ausbildung absolviert haben) scheinen sich seine Erfahrungen mit Obdachlosigkeit auf den Eingangsbereich eines Hauptbahnhofs zu beschränken. Da stinkt es nach Urin, da liegt der Müll. Er dichtet einiges hinzu. So mein Eindruck.

Als die junge Frau, die ich später unter dem Namen Claire kennenlernen würde, zwischen zwei Betonpfeilern stand und den Daumen in die klirrend kalte Luft streckte, hatte sie nicht viel mehr dabei als die Kleider, die sie am Körper trug. Drei Stunden lang wartete sie am Autobahnzubringer, während derer sich der Gestank von Müll und Urin in ihrer Nase festsetzte und die Beine zu zittern begannen.
Hier fragte ich mich, ob Claires Reise sich so abgespielt hat. Sie ist eine alleinreisende Frau, scheint erst seit kurzer Zeit auf ihrer Reise zu sein, es ist Winter und trotzdem steht sie drei Stunden am Autobahnzubringer? Klar, in Italien ist Trampen nicht leicht, aber ist es wirklich so realistisch? Ich weiß es nicht, ich bin da vorsichtig. Es scheint, dass der Priester unbedingt zeigen will, wie gemein diese Welt doch ist. Wie hart und zynisch.

Wichtig wäre es auch, ob sie ein Ziel verfolgt oder nur auf Zeichen in ihrer Glaubenswelt sucht. Dadurch wird sich ihr Reiseverhalten ändern. Wenn sie auf ein Ziel zusteuert, wird sie als Tramperin von Raststätte zu Raststätte reisen, die Innenstädte vermeiden. Wenn sie auf Zeichen wartet, wird sie durch das Land streifen, hier und dort auftauchen. Die Erzählung deutet auf letzteres hin.

Auf ihren sinnlichen Lippen lag jeweils ein Lächeln und aus dem Innern der Autos strömte warme Luft, die nach Orange roch, oder nach Zimt oder Zedernholz. «Steig ein», sagten sie, als sie keine Antwort gab. «Ich nehme dich mit, wohin auch immer du möchtest.» Stets schüttelte Claire den Kopf, um danach, wenn die Männer weiterfuhren, einen Schrei auszustoßen, die Faust zu ballen und sich in die Knöchel zu beißen, bis es blutete. Sie wusste, dass sie geprüft wurde, und erkannte, dass sie jedes Mal, wenn sie der Versuchung widerstand, nicht bloß auf einen flüchtigen Moment der Lust verzichtete, sondern auf ein ganzes Leben voll irdischen Glücks.
Die Versuchung - ist die Situation lustvoll? Der Priester schein von der Lebensrealität Claires nichts zu wissen. Mir fällt es schwer, dass Claire sexuelle Lust bei wildfremden Männern an einem Autobahnzubringer in Italien empfindet. Eher ist es doch eine Gefahr auf die eigene Intimsphäre, die von Männern in anhaltenden Fahrzeugen ausgeht.
Einen Tag später traf Claire in Mailand ein. Sie besuchte den Dom und irrte in den Straßen umher, bis es dunkel wurde. In der Nacht, die sie auf einem Lüftungsgitter in Bahnhofsnähe verbachte, fielen die Temperaturen unter Null. Sie dämmerte im Halbschlaf vor sich hin. Trotz des Kaffees, von dem sie in regelmäßigen Abständen nippte, fühlte sie sich wie ein Reptil in Kältestarre. Sie zweifelte. Ihr wurde bewusst, dass die Energie, die sie für ihren Weggang aufgewendet hatte, im Vergleich zur Stärke, die sie von nun an benötigte, verschwindend gering gewesen war.
Claire hat Mailand erreicht. Es ist kalt, sie ist erschöpft und sie braucht einen Schlafplatz. Sie ist fremd in der Stadt. Auch wenn es vielleicht seltsam klingen mag: Ein Lüftungsgitter in Bahnhofsnähe (wo sonst?) muss erstmal gefunden werden. Die Anforderungen an einen Schlafplatz sind wahrscheinlich Sichtschutz und Wärme. Nicht leicht, wenn es dunkel ist. Noch viel schwieriger, wenn sie das noch nie gemacht hat. Wahrscheinlich wird sie einen Platz ausfindig gemacht haben, immer und immer wieder überprüft haben. Und lange suchen wird sie nicht, es ist ja kalt. Ich bin hier sehr, sehr vorsichtig, aber wahrscheinlich wird Claire ein Tagesticket gezogen haben und die Nacht in Nachtbussen verbracht haben. Behaupte ich mal frei heraus. Ohne Thermoskanne wird der Kaffee in zehn Minuten eiskalt sein. Der Priester erfindet eine Geschichte.
Wie viel Geld sie bei sich trug, verriet sie mir ebenso wenig wie den genauen Ort ihrer Herkunft. Sicher ist nur, dass sie die folgende Woche damit verbrachte, verschiedene Läden aufzusuchen, wo sie Daunenjacken und hochwertige Schlafsäcke kaufte, um sie an all jene in der Stadt zu verteilen, die in diesen Tagen im Freien schliefen. In einer Hotellobby riss sie einen Stadtplan vom Block und ließ sich von Elena und Marco einschlägige Parks und Plätze einzeichnen. Unermüdlich klapperte sie diese Orte ab, erntete Misstrauen, manchmal gar Spott, wurde aber am Ende der Woche, als sie einen der Parks erneut aufsuchte, mit nostro angelo tedesco begrüßt.
Ich habe deine Geschichte auch als eine des Helfens gelesen. Der Priester beschreibt hier folgendes: Dort die sehr armen Menschen, hier der deutsche Engel. Geber und Empfänger nutzen dasselbe Motiv. Für mich klang das recht "biblisch", typisch Evangelium. Nur fand ich interessant, wie individualistisch sie agiert. Sie könnte sich ja auch der Caritas anschließen, in einer Obdachlosenhilfe arbeiten, Bahnhofsmission. Das ist keine Frage, die der Text beantworten muss, aber vielleicht hilft dir ja dieser Aspekt: Warum diese Art der Hilfe? Und warum stellt der Priester das so dar?
Die nächsten zweihundert Kilometer legte Claire zu Fuß zurück. Tagelang säumten kahle Äcker und Felder, auf denen morgens Raureif lag, ihren Weg. Strommasten sirrten, Raubvögel kreisten am grauen Himmel. Sie sprach mit niemandem und betete viel, schlief in offen stehenden Kapellen, in Scheunen oder verlassenen Häusern.
Auch das muss erstmal geschafft werden: Ein verlassenes Haus finden, dort eintreten, dort einen Schlafplatz finden. Oder eine Scheune, die nicht irgendwie von einem Hund in der dichtbesiedelten Po-Ebene bewacht wird. Ich weiß, ich bin hier sehr kritisch, aber ich glaube dem Priester nicht. Mir ist das ... zu "so stell ich mir das vor" - gedacht.
Die Offenheit, mit der sie sich mir anvertraute, erschütterte mich und erregte meinen Geist. Mit jedem Wort, das sie sprach, begriff ich ein wenig mehr. Es gab die Zeit des Vaters und es gab die Zeit des Sohnes. Mit dem Erscheinen Claires brach eine neues Zeitalter an, eine Epoche des Friedens, dessen war ich mir gewiss. Ich begriff auch, welche Rolle mir zuteil geworden war. Bald würde die ganze Welt ihren Namen kennen und meine Aufgabe war es, ihre Geschichte zu erzählen.
Der Priester begreift die Bedeutung Claires für das eigene Weltbild. Er scheint aber die Ereignisse einordnen zu können. Zwischen dem Zeitpunkt, in dem er die Geschichte erzählt und der Szene im Krankenhaus scheinen einigen Wochen, vielleicht sogar Monate zu liegen.
Claire trug keinen Ausweis bei sich. Die Ärzte mussten zur Kenntnis nehmen, dass sie sich für volljährig erklärte und im Übrigen jede Auskunft verweigerte, auch was den Überfall betraf. Als sie jedoch erfuhr, dass ich Priester bin, schickte sie alle anderen nach draußen und erzählte mir in aller Ausführlichkeit, wie sie hierhergekommen war.
Die priesterliche Vorstellung über Claires Reise mündet in seine eigenen Erinnerungen ein. Hier treffen Claire und Priester aufeinander. Vielleicht wäre es interessant zu wissen, wie Ärzte in Italien mit einer solchen Situation umgehen. Wird die Polizei hinzugezogen? Die Psychiatrie? Alleine aus Selbstschutz für die Patientin. Wird der Priester verdächtigt? Hat er das Vertrauen der Ärzte? Zahlt er die KH-Rechnung?

Das war's! Ich hoffe, du kannst etwas aus den Eindrücken nehmen.

Lg
kiroly

 
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Liebe @Katla

Hab ganz vielen Dank für die unzähligen Anregungen und Anmerkungen. Das hilft mir wirklich sehr, den Fokus zu schärfen und die Herausforderungen zu definieren. War überhaupt nicht genölt und insgesamt hat es mich in meinem Unterfangen eher bestärkt, ich glaube, dass ich auf einem guten Weg bin. Was halt vielleicht nicht so ganz funktioniert, ist der Text als Kurzgeschichte.

Ich denke, ob eine Heiligenlegende aktuell erzählt funktioniert, hängt von der gewählten Prämisse ab. Also dem zugrundeliegenden Thema, das über diese Legende erzählt werden soll.
Anhand einer Religionsgeschichte (aus Innensperspektive) wird aber eigentlich weniger Religion erzählt, sondern Freiheit. Was sie bedeutet, ob sie möglich ist und unter welchen Umständen. Ein extrem gutes Buch, dem eben gelingt, was du vielleicht vorhast: Eine religiöse Geschichte als backdrop zu einem größeren, umfassend menschlichen Thema zu konzipieren.
Ja, das ist genau die Grundidee. Das Buch soll nicht von Religion handeln, sondern von (innerer) Freiheit. Claire ist in erster Linie mal eine Ausreisserin, die ihr behütetes Zuhause und ihre reiche Familie verlässt. Sie begibt sich in freiwillige Armut und kümmert sich um die Ausgestossenen. Wer macht so was? Warum? Die Religion / Vision / Berufung ist da nur ein Aspekt. Was mich an Claire wirklich interessiert, ist ihre radikale Abwendung von der materiellen Welt, verbunden mit dem Gewinn an innerer Freiheit. Und das wird es auch sein, was die Hauptfigur in Claire sehen wird und was sie selbst bewegen wird. Claires Geschichte als Geschichte wird nur einen kleinen Raum einnehmen. Zentrales Thema des Textes ist die Suche nach Claire.
Es wäre aber sinnvoll, wenn du bei einem solchen Unterfangen deine Position klar verortest - also deine Interpretation, was es ist. Das genau wäre für mich der Kaufanreiz, diese spezielle Perspektive. Eine einfache Geschichte einer konventionellen Heiligen ins Heute transferiert käme mir dagegen wohl eher vor wie der Wachturm.
Einfach soll es eben gerade nicht sein. Es soll zum Beispiel auch der Preis thematisiert werden, den die Angehörigen bezahlen, wenn jemand sich auf einmal berufen fühlt und abhaut.
Hm. Klingt für mich nach typischer Bekehrungsrhetorik. So wie: 'Auf dem Sterbebett wird jeder überzeugte Antitheist zum Gläubigen.'
Ne, ne. Weil es ja um innere Freiheit geht. Eine meiner Grundfragen ist auch: Was am Leben, das die klassischen Heiligen geführt haben, kann auch unter atheistischen Annahmen attraktiv und sinnvoll erscheinen? Freiwillige Armut. Willenskraft. Hinwendung zum Mitmenschen. Mir scheint es, als ob diese Menschen das Richtige tun unter falschen Voraussetzungen. Und die Frage ist doch: Was bleibt, wenn man diesen religiösen Überbau entfernt? Fühlt sich der Mensch dann noch motiviert? Was für mich extrem störend ist, ist die Tatsache, dass all diese Attribute nur im Lichte des göttlichen Gebots gelebt werden, man unterwirft sich einer Autorität, die befiehlt, Gutes zu tun und nur deshalb tut man Gutes, mal etwas vereinfacht gesagt. Das sind so die Fragen. Wahrscheinlich ist das nur eine neue Diskussion der These von Dostojewski: Wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt! Ich lehne diese These ab und möchte mich daran ein wenig abarbeiten. Die Perspektive des Priesters ist da nur ein Puzzleteil, fünf Seiten von zweihundert.
Die Perspektive hängt leider immer noch schief (unten ein paar Beispiele). Ich glaube, du willst zwei Sachen, die sich nicht mit einem Icherzähler aus zweiter Hand erzählen lassen: eine Selektion an Erlebnissen dieser Figur, die sehr vieles im Dunklen, Unerklärten lassen. Darunter - das ist für mich fatal - ihre zugrundeliegende Motivation.
Und daneben möchtest du, dass die Leser live dabei sind, alles fühlen, sehen und riechen, was Claire riecht, eine persönliche Nähe, teils sogar ihre Gedanken.
Das ist so ein Fall von have your cake and eat it.
Ja, das ist gut auf den Punkt gebracht. Auf der anderen Seite bestärkt jeder Perspektivenfehler die Vermutung der Leser*innen, dass der Prieser unzuverlässig erzählt. Ich glaube, es wird wichtig sein, das gut auszutarieren. Bestimmte Perspektivenbrüche sollen also durchaus bewusst eingesetzt werden. Man soll sich fragen, hä, woher kann er das wissen? Im Rahmen der grösseren Erzählung kann das unter Umständen sogar explizit thematisiert, die Rede des Priesters von den Hauptfiguren als ausgeschmückt oder unglaubhaft benannt werden.
1. Einen Icherzähler, der eigentlich eine dezidiert individuelle & eingeschränkte Sicht verspricht. Aber ich erfahre null über ihn, weil er sich hier als neutraler, auktorialer Erzähler einbringt. Er negiert sich und seine Ansichten. Wenn seine Ansichten zu einem Konflikt mit sich selbst führen (er lässt sie ziehen, wie du selbst sagst), ist die Lösung: 'Tja, Gottes Wege sind unergründlich'. Das ist aber nicht für mich als Leser die Lösung.
Gebe dir recht. Der Ich-Erzähler war ein Konstrukt, der es mir erlaubt hat, aus dem Material eine KG zu formen.
Eine Prota aus zweiter Hand. Passend zur Religion hier kommt sie nicht aktiv zu Wort (interessanter Dreh, aber mir nicht grad sympathisch). Was mir bei ihr fehlt, ist ein Grund für ihre extremen Haltungen und Handlungen. Der ist nicht der Glaube, denn sie muss ja erstmal einen Grund haben, überhaupt zu glauben.
Im Buch weiss man zu diesem Zeiptunkt schon einiges über Claire. Wie sie früher war. Welche Ereignisse zu ihrem Wandel geführt haben. Wie sie ihr Zuhause verlassen hat. Für die KG gebe ich dir wiederum recht, das ist alles sehr eindimensional.
Ich befreife das z.B. gar nicht. Woraus liest er das? Milliarden Menschen leiden, aber hier geht es ja um etwas Elitäres, hier sind nicht mehr 'alle Gottes Kinder'. Das sind schon Ausmasse wie Jeanne d'Arc: Dass die Engländer in Frankreich stehen, gefällt Gott nicht, aber anstatt schon wieder eine langweilige Überschwemmung zu zaubern, schickt er ein gebildetes junges Mädel in Männerkleidung, die sich den Truppen voranstellt. "Wollen wir doch mal sehen, wie die damit klarkommen *gn*!"
Sowas wäre doch bei derart dramatischen Aussichten "neues Zeitalter / neue Epoche" zu erwarten.
Ja, ich wollte da etwas Dramatisches haben, das ist komplett übertrieben. Meine Intention war ein Stück weit, dass man sich fragt, wer von den beiden verrückter ist, Claire oder der Priester. Für das Buch wird das keine Rolle spielen, weil da nichts mit Krankenhaus und er sich daher auch nicht rechtfertigen muss.
Crazy.
Ich blicke allerdings nicht, was sie will. Rouen befreien ist ja nicht mehr drin. Was ist ihre "Aufgabe"?
Gute Frage. Das muss ich für mich unbedingt noch klären. Ein Stück weit ist das die Frage, die auch die Protagonisten bewegen wird. Was ist das für ein Mensch? Was steckt für ein Geheimnis dahinter?
Ja, das ist ein spannender Abschnitt, da es letztlich auch die Sitaution in anderen Sekten beschreibt: Isolation vom Alltag, Familie und Freunden.
Jep, kommt in früheren Kapiteln vor und durchzieht das Buch thematisch.
Das nimmt für mich als Leserin aber alle Spannung: mysterious ways. Damit kann sie sich ja alles erklären und damit kann sie jeden Konflikt, jede intelligente Frage, vermeiden. So einer Figur folge ich nicht so gern, ebensowenig wie einem Serienmörder, der nur Spaß am Töten hat oder einer Liebesgeschichte, die keinen Konflikt hat.
Die Leser werden vor allem den Hauptfiguren folgen, hoffe ich. Für die KG: Ja, sehe ich.
Die Biographien und Prozessakten von Jeanne d'Arc finde ich auch sehr spannend (auch wenn sie schwer religiös ist), weil sie eine echt schillernde Figur ist und extrem postmoderne Fragestellungen / Identitätskonzepte aufwirft. Ihre Antworten sind wirklich intelligent und das ist eben ein erstaunliches thinking outside of the box, auch wenn man ihre Handlungen insgesamt eben als religiösen Wahn sehen kann. Sowas finde ich interessant, weil da Brüche sind. Das erwarte ich von deiner Claire auch, in welche Richtung auch immer.
Bestellt. Vielen Dank für den Hinweis, auch auf die anderen beiden Bücher. Beeindruckend, was du so alles kennst.
Das funktioniert dann nur bei Leuten, die irgendwas aus der Legende / Leben des Heiligen kennen. Ich kenne die Ikonographie, da ist noch ein Hund und Vögel auf der Hand. Bei näherem Nachdenken könnte das Assisi sein. Ich tappe also im Dunklen.
Die Geschichte wird in Assisi spielen.
Die Analogie haut aber nicht hin, weil deine Situation eher Bedrohung / Gewalt impliziert als eine erotische Versuchung. Ich sehe da also eine ähnliche Szene kommen wie später die im Feld. Wäre es eine entspannte Szene mit erotischer Aufladung hätte ich das sicher gesehen wie intendiert. Sie kann ja durchaus auf bad boys stehen, falls du da diesen Hauch von Gefahr mitreinbringen willst.
Ja, den Hinweis habe ich schon bekommen. Da werde ich noch drüber nachdenken und vermutlich in diese Richtung gehen, die du vorschlägst.
sich vergessen.
Done
Liebe Grüße und wirklich sorry für all das Nölen,
Ich finde, eine Entschuldigung ist nach einem solchen Kommentar auf alle Fälle angebracht. :D

Ganz herzlichen Dank!

Liebe Grüsse
Peeperkorn

 

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