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Dämonen der Vergangenheit

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31.07.2017
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Dämonen der Vergangenheit

»Vergib mir, Vater, denn ich habe gesündigt.« Benjamin bekreuzigte sich und schloss für einen Moment die Augen. Er konnte nicht sagen, wie oft er bereits in diesem beengenden Holzkasten gesessen hatte. Bis zuletzt fühlte er sich wie befreit, wenn er dem Priester hinter der dünnen Wand seine Gedanken offenbarte. Frei von Schuld und Gewissensbissen, frei von Zweifeln, die ihn folterten, ihn auszehrten.
Er hatte einen Ort gefunden, an dem er all den Ballast abschütteln konnte, der auf seinen Schultern lastete. Nirgendwo anders war er in der Lage, so frei zu sprechen wie hier, niemand anderem vertraute er sich mehr an, als dem Mann hinter dem Sichtgitter.

Seit Benjamin sich erinnern konnte, war das Kreuz sein ständiger Begleiter. Seine Mutter hatte ihm den Rosenkranz um den Hals gelegt, als er noch ein kleiner Junge war.
»Wache über ihn, so wacht er über dich«, sagte sie und schnürte das Band so eng, dass er es nicht mehr über den Kopf ziehen konnte.
Sie war stets in Sorge, wie jede Mutter. Bei ihr war es jedoch nie unbegründet, da sie wusste, was ein farbiger Halbstarker auf den Straßen dort draußen über sich ergehen lassen musste. Sie konnte natürlich nicht ahnen, dass die dunklen Gassen Chicagos, im Gegensatz zu dem, was ihn wirklich erwarten würde, ein eher geringes Übel darstellen würden.
Er sah sie immer noch vor sich, als wäre es gestern gewesen. Als würde sie versuchen, ihre schützende Hand noch immer über ihn zu halten. Doch das wachsame Auge seiner Mutter war erloschen; und damit auch sein einziges Zuhause.
Seit seiner Rückkehr in die Staaten versuchte er, in seinem Glauben den Halt zu finden, den ihm zuvor seine Mutter gegeben hatte.
Benjamin gewöhnte sich daran, Ängste und Kummer mit einem Fremden zu teilen, von dem er nichts wusste. Mit jedem Besuch war dieser Ort, die Kirche, ihm wichtiger geworden. Sie wurde ein Teil von ihm.
Doch seit einiger Zeit war etwas anders. Das sonst so Friedliche kam ihm nicht mehr friedlich vor. Die mühsam aufgebaute Vertrautheit, die vom rustikalen Geruch des dunkelbraunen Kirschbaumholzes, bis hin zum aufgewirbelten Staub des ausgefransten Sitzpolsters reichte, ging mehr und mehr verloren.

Nach seiner Beichte begab sich Benjamin zur Gebetsbank. Die mächtigen Pforten der Kirche waren geschlossen und er war alleine. Behutsam kniete er sich auf den Holzbalken, blickte kurz zum Altar und betete die ihm vom Priester aufgetragenen Vaterunser. Einmal, zweimal, dreimal. Beim vierten begann er, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen.
Wie viele Gebete hatte er in den letzten Monaten gesprochen? Wie oft hatte er um Rat gebettelt? Nie erhielt er eine Antwort.
Es war stumm um ihn herum, seit Wochen, seit Monaten. An der Front hat er die einen verloren, die ihm zuhörten, zu Hause hatte er die anderen verloren, die ihm Rat gaben.
Worte – sie waren alles, was er sich wünschte und es fiel ihm immer schwerer, die Stille zu ertragen.
Die Dämonen, die ihn verfolgten, hatte er stets vor den Toren der Kirche zurückgelassen. Nun aber machte es den Eindruck, als würden die Mauern bröckeln. Er konnte spüren, wie Zweifel und Unheil vor den Fassaden der Kirche erstarkten. Sie drängten hinein, mit aller Macht. Qualen und Erinnerungen, die er ausgeschlossen hatte, hoben die schweren Türen aus den Angeln, das bunt verzierte Bleiglas der hohen Fenster zerschellte und rieselte in unzähligen Scherben auf den alten Steinboden nieder.
Benjamin betete weiter. Er versuchte mit allen Mitteln seinen inneren Frieden aufrecht zu erhalten, doch fühlte er, wie sich Kälte im Kirchenschiff ausbreitete. Sie wandte sich um ihn herum und hüllte ihn ein.
Mit jedem Vers, den er sprach, stieg sein Unmut. Er drohte die Kontrolle zu verlieren.
Das Flüstern des Gebets wich langsam einem lautstarken Rufen. Brodelnd kochte die Enttäuschung in ihm, wie in einem riesigen Kessel, den der angestaute Zorn zum Überlaufen brachte.
Dieser Gott, der sich nicht für ihn interessierte – Benjamin wolle ihm seinen Kummer um die Ohren brüllen. Er schrie die Verse des Vaterunser dem Altar entgegen, dass sie schallend durch die Bankreihen hallten. Schmerz, Kummer, Erinnerungen an den Tod seiner engsten Begleiter, Hass gegenüber denen, die sie ihm nahmen. Er ließ alles hinaus, das ihn bedrückte, bis die Tränen der Verzweiflung seine Wut ablösten.

Stille.

Seine Knie schmerzten, als er wieder zur Gesinnung kam. Er wich von dem hölzernen Gebetsbalken, zurück auf die Sitzfläche. Für einen Moment war er verunsichert. Gefühle dieser Art kannte er innerhalb dieser Mauern nicht.
Geräuschlos verharrend, wischte er sich die Tränen von der Wange und horchte. Doch wie bereits vermutet, war nichts zu hören.
Kein Windstoß, kein Zeichen, Nichts. Nicht einmal jetzt erhielt er eine Antwort.

Als Benjamin den Mittelgang hinabging, blieb er noch einmal für einen Augenblick stehen und wandte sich um. Er betrachtete das große Kreuz, das hinter dem Marmorpodium emporragte, bevor sein Blick auf den gebeutelten Körper des Gekreuzigten fiel.
Das Blut trat aus seinen Wunden, sein Gesicht war erfüllt mit Leid und Schmerz.
»Wen wirst du noch im Stich lassen?«, flüsterte Benjamin und schaute in die weiß bestrichene Kuppel über dem Altar. Dann wandte er sich ab.

Angeschlagen schleppte er sich ins dämmernde Tageslicht. Eine graue Wolkendecke lag über der Stadt und der eisige Wind kroch ihm in die Knochen. Es war Anfang Dezember und bitterkalt, der Schnee ließ jedoch auf sich warten.
Die Straßenlaternen waren bereits mit langen Lichterketten geschmückt und aus den Geschäften fiel ein warmes, weihnachtliches Licht auf den tristen Asphalt des Gehweges.
Hier und dort war der gedämpfte Klang von »Jingle Bells« zu hören, wenn sich eine Ladentür öffnete.
Früher, bevor er einberufen wurde, war es das Größte für ihn, die Tage bis Heiligabend herunterzuzählen. Er konnte sich daran erinnern, wie er vor den Schaufenstern der Warenhäuser stand und die bunte Dekoration bewunderte.
Aber das alles schien nun so weit weg, so befremdlich. Er konnte keine Fröhlichkeit mehr verspüren, nicht einmal, wenn er sich bemühte.
Alles woran er dachte, wenn er die Gestalt des Weihnachtsmannes sah, war ein verschwitzter Soldat in olivgrüner Uniform und Zigarre, der sich einen weißen Wollbart und eine Nikolausmütze über den Schopf stülpt.
Für manche Menschen mochte es amüsant klingen, für andere, die Weihnachten im tropischen Dschungel, eingepfercht in einem engen Mannschaftszelt feiern mussten, war es das nicht.
Benjamin ließ sich von seinen Fluchtgefühlen leiten und eilte die Straße hinauf. Er wusste genau, wo er hin musste.

Kurz vor seinem Ziel schlug die Ampel auf Rot.
Ungeduldig wartend schaute er dem passierenden Müllwagen hinterher. Einer der jungen Kerle auf dem Trittbrett am Heck war vermutlich nicht viel älter als er. Benjamin beobachtete den Truck, wie er wenige Meter weiter am Straßenrand hielt und die Jungs sich an die Müllcontainer machten. Kein Traumjob, dachte er, aber besser als kein Job.
Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, wie er sich wohl an ihrer Stelle schlagen würde; wie es wohl wäre, endlich die Miete bezahlen zu können. Benjamins Blick haftete an den hell-orange leuchtenden Warnwesten, bis der massive Container zischend angehoben und über die Presse gekippt wurde. Ein metallischer Knall schallte über die Kreuzung hinweg und jagte durch die angrenzenden Häuserschluchten.
Benjamin zuckte zusammen. Klänge dieser Art ließen ihn erstarren.
Die Jungs am Truck bemerkten nichts von seiner Reaktion und setzten ihre Arbeit unbehelligt fort. Drei, vier Mal, schlug der zischende Hydraulikarm gegen den Metallrand der Müllpresse; bei jedem einzelnen rutschte Benjamins Kopf tiefer in den Kragen seines ausgefransten Wintermantels.
Er hatte das Gefühl sein Trommelfell würde platzen, hielt sich die Ohren zu und schloss die Augen. Seine Augenlider sperrten die hellen Lichtkegel der Autoscheinwerfer aus und sein Kopf zeichnete ein Bild, das er längst versucht hatte zu vergessen. Der Knall des Müllcontainers wurde zum rollenden Getöse von Artillerie - der vorbeifahrende Linienbus zum quietschenden Schleifen eines Kettenpanzers. Explosionen tauchten das helle Grün des Dschungels in ein brennendes Inferno. Um ihn herum verzweifelte Schreie von Männern, Kameraden, von Freunden.
Benjamins Hand umschloss krampfend den Ampelpfosten, bis die Kälte des Metalls ihn in die Realität zurückholte. Er beschloss nicht mehr auf grün zu warten und lief eilig auf die Straße. Hupende Autos bremsten, quietschende Reifen qualmten, ein Taxifahrer streckte seinen glatzköpfigen Schädel aus dem Fenster der Fahrertür, um Benjamin wilde Beschimpfungen hinterherzurufen.
Fluchtartig, fast panisch lief er, bis er auf der anderen Straßenseite ankam. Das Knarzen der schmalen Holztüre erlöste ihn vom quälenden Lärm der abendlichen Rushhour.

»Ben! Bist du's? Meine Güte, es muss lange her sein als ich dich das letzte Mal gesehen habe.«
Cliff, der Barbesitzer, warf ihm einen begrüßenden Blick entgegen. Jeder im Viertel kannte ihn. Er war ein altes Urgestein. Seine mit winzigen schwarzen Punkten übersäte Haut war umhüllt mit hellgrau gefilzten Barthaaren. Seit mehr als zehn Jahren hatte der alte Greis sich nicht um ein Haar verändert.
Bevor er sich auf einen schmalen Barhocker an die Theke setzte, sah Benjamin sich um.
Das »Deep Blue« war die beliebteste Jazz-Bar im Viertel. Schon als er klein war erzählte seine Mutter ihm oft von diesem Ort. Er war immer ein Sammelbecken der Gesellschaft gewesen, arm und reich saßen hier nebeneinander, tranken dieselben Drinks. In diesem Lokal war jeder anzutreffen - außer Weißen - versteht sich. Heute allerdings versteckten sich lediglich einzelne Schatten in den hintersten Ecken der Bar.
»Wo sind denn Alle?«, fragte Benjamin und faltete seine Hände ineinander.
»Schwierige Zeiten, mein Junge«, antwortete Cliff und räumte ein frisch gespültes Glas in das Wandregal. »Die Leute sind einfach nicht mehr in Stimmung, schätze ich.«
Routiniert trocknete er ein weiteres Glas ab und warf sich das Spültuch über die Schulter.
»Du siehst aus, als könntet du einen Drink gebrauchen. Was kann ich für dich tun?«
Benjamin inspizierte die Auswahl an Spirituosen. »Lass dir was einfallen, Hauptsache stark.«

Der Whisky brannte warm als er die Speiseröhre hinablief. »Noch einen«, verlangte Benjamin.
Cliff schenkte nach und beobachtete den Jungen.
»Hey, hey, hey…nun mach mal halblang, Kleiner!«, mahnte ihn der Barkeeper als sein junger Gast den fünften Whiskey in sich hinein kippte.
»Noch einen!«
»Für dein Alter hast du mehr als genug«, antwortete Cliff mit einem Lächeln.
»Was soll das denn heißen?«
»Du brauchst mir nichts vorzumachen, ich weiß sehr wohl wie alt du bist.«
Der Junge schluckte. »Ich habe gedient, ich war drüben! Reicht das etwa nicht?«
Das raue Lachen des alten Mannes nahm Benjamin den Wind aus den Segeln. »Die Tatsache, dass du ein Maschinengewehr abfeuern kannst, gibt dir lange nicht das Recht, ein Glas Whiskey zu heben.« Erneut entfuhrt ihm ein tiefes Kichern. »Du vergisst in welchem Land du lebst, mein Junge.«
Cliffs Mimik war schwer zu deuten. Dennoch glaubte Benjamin einen Hauch von Sarkasmus in seinen Zügen deuten zu können.

»Einen Letzten noch«, sagte Cliff ermahnend und schob seinem Gast ein mit Eiswürfeln gefülltes Glas entgegen. »Geht aufs Haus, aber nur, wenn du danach Ruhe gibst!«
Benjamin antwortete mit einem kurzen Nicken, bevor er langsam den Kopf in den Nacken legte.
»Von deiner Mutter, habe ich Recht?«
Er setzte das Glas ab und stieß ein gequältes Zischen aus. »Wie bitte?«
Cliff wies mit seinem Blick auf Benjamins Brust.
»Das Kreuz.«
Unbeeindruckt umschloss der Junge es mit seiner Hand und riss es sich vom Hals. »Das hat für mich keine Bedeutung mehr.«
Einen Augenblick lang starrten sie auf das silberne Stück Metall in Benjamins Händen, ehe er es auf die Holztheke legte.
Der Barbesitzer durchbrach die unsichtbare Mauer, die sich zwischen ihnen aufbaute. »Auch wenn du glaubst, der Allmächtige hätte dich verlassen, der Whiskey in deinem Glas wird ebenso wenig mit dir sprechen, wie er es tut.« Er nickte mit dem Kopf in Richtung Decke.
»Was glaubst du schon zu wissen, alter Mann«, explodierte Benjamin. »Du hast nicht einmal die Grenze Michigans übertreten. Du warst immer hier, in deiner runtergekommenen Bar, hast dein ganzes Leben hinter diesem Tresen verbracht. Du musstest noch nie um dein Leben kämpfen, musstest nie zusehen, wie deine Freunde…« Benjamin verstummte.
»Ich gebe dir recht«, fügte Cliff hinzu. »Ich habe in meinem Leben niemals zu den Waffen greifen müssen. Ich war weder an der Front, noch musste ich in Schützengräben und Bombenkratern um mein Allerheiligstes bangen. Ich kann nicht nachempfinden, was Menschen wie du fühlen. Aber Eines sage ich dir. In 43 Jahren, die ich mit dem Zapfen von Bier verbracht habe, sind mir so einige Veteranen untergekommen. Die Ersten sprachen von Konzentrationslagern und Kamikaze, später erzählten sie von Massakern an Zivilisten in Korea und nun von einem Feind, den man gar nicht erst zu Gesicht bekommt, bevor er einem in den Rücken fällt. Sie hatten alle den gleichen Gesichtsausdruck, wie du. Und genau wie du versteckten sie sich hinter ihren Drinks. Sie versuchten das Grauen, das in ihren Köpfen spukte zu ertränken, gaben ihr ganzes Geld dafür aus.« Cliff drehte sich um und sortierte das polierte Glas zu den anderen ins Wandregal. »Der Alkohol hat niemanden von ihnen geheilt, Ben. Jedes Mal, wenn sie durch die Tür kamen und wieder gingen, zerstörten sie sich selbst ein wenig mehr.«
»Nicht mein Problem«, fügte Benjamin hinzu und strich mit den Handflächen über seine kurzgeschorenen Haarstoppel.
»Das sagte sie auch, nachdem ich vor der Flasche gewarnt hatte.«
Benjamin seufzte. »Wer?«
»Nachdem dein Geburtsdatum in der TV-Lotterie fiel, war es schwer, sie mit Worten zu erreichen. Nicht nur ich, sondern auch andere haben es versucht, aber niemand schaffte es. An diesem Abend wurde der Alkohol zu ihrer Sprache.«
Benjamins markant geschwungene Lippen pressten sich zu einem schmalen, senkrechten Strich zusammen.
»Die Angst dich zu verlieren, hat deine Mutter tief in den Abgrund gestürzt. Du warst ihr Ein und Alles, wirf das nicht einfach weg.« Behutsam schob Cliff den Rosenkranz näher an Benjamins Hände. Er lehnte sich über das Spülbecken und sah seinem Gast tief in die Augen. »Jetzt hör mir mal gut zu, Kleiner…«, er wies mit seinem Zeigefinger zum Eingang der Bar. »…die Menschen, die um diese Uhrzeit normalerweise durch diese Türe schreiten und sich an diese Theke setzen, kauern gerade zu Hause auf dem Sofa, schauen CNN und beten für ihre Söhne, dass der verdammte Vietkong sie nicht holt.«
Langsam wich er wieder zurück und nahm seine stehende Haltung ein. »Aber nicht alle Gebete können erhört werden. Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass viele dieser Jungs nicht zurückkehren. Aber du bist es. Du kamst zurück. Und ja, deine Mutter kann es nicht mehr miterleben, aber sie würde auf keinen Fall wollen, dass du dieses Geschenk ignorierst. Ein Geschenk, für das sie endlose Nächte, betend an dieser Theke verbracht hat.

Cliff suchte nach Bestätigung und bemühte sich um Blickkontakt mit seinem Gast. Doch Benjamin verharrte regungslos auf dem Barhocker. Seine Gedanken kreisten wild umher. Das stoische Lächeln seiner Mutter, die Gesichter der Kameraden an der Front. Und immer wieder das tosende Donnern. Es ließ ihn einfach nicht los. Die Geräusche, der Lärm, der Geruch. Er konnte es nicht vergessen. Es kam ihm vor, als würde dieses Höllenloch auf der anderen Seite des Pazifiks die Arme nach ihm ausstrecken, in der Absicht, ihn zu packen und zurück in den Dschungel zu schleifen.
Als er den Kopf reckte und sich die Augen rieb, spürte er, wie Übelkeit in ihm aufstieg.
»Wohl doch ein, zwei Drinks zu viel, hm?«, witzelte Cliff bestätigt, als er beobachtete, wie sich sein Gast hektisch auf den Weg zu den Toiletten machte.

Erneut brannte der Whiskey in der Speiseröhre, als Benjamin ihn aus dem Körper bugsierte. Gerade rechtzeitig hatte er geschafft, den Deckel der Toilettenschüssel anzuheben. Er verweilte einige Minuten kauernd auf dem Boden, bis die Übelkeit nachließ.
Nachdem er die Kabine verlassen hatte, trat er an eines der Waschbecken, die in einer langen Reihe in der Wand versenkt waren.
Der Blick in den Spiegel, zeigte ihm dasselbe, wie schon seit Monaten. Seine Haut war schlaff, die Augen rot, übersät mit kleinen Äderchen. Er wirkte müde und genau das war es auch, was er fühlte - Müdigkeit.
Träge drehte er den rostigen Wasserhahn auf, formte mit seinen Händen eine Schale und tauchte sein Gesicht hinein. Es war angenehm kühl und er beschloss, das Ritual zu wiederholen.
Als er das Wasser abdrehte und das Plätschern verstummte, vernahm er ein Geräusch. Es kam von seiner Linken, doch Benjamin entschied, es zu ignorieren. Er streifte sich mit den Fingern über den kurz geschorenen Schopf und ließ das letzte Wasser von seiner Haut abtropfen. Nachdem er sich wieder erhoben hatte, fuhr er zusammen.
Wenige Meter von ihm entfernt, stand ein Mann in Uniform. Benjamin erkannte sein Gesicht selbst durch den Spiegel sofort; niemals könnte er es vergessen. »Das ist unmöglich…«, nuschelte er. »…Unmöglich!«
Als er sich umdrehte, starrte der Soldat auf ihn ein. Er trug eine beige Uniform mit einem olivgrünen Bandolier aus Magazintaschen. Ein leuchtend roter Stern verzierte seinen Buschhut.
Genau wie bei ihrer ersten Begegnung, vor einigen Monaten, überkam Benjamin die Panik. Hektisch schmiegte er sich mit dem Rücken an den Spiegel, seine Hände tasteten sich an der kalten Keramik des Waschbeckens entlang, auf der Suche nach etwas Greifbarem.
Sie standen vier, vielleicht fünf Meter auseinander und Benjamin konnte den pulsierenden Atem des Soldaten hören, der nicht viel älter war, als er selbst. In seinem Gesicht stand pure Entschlossenheit. Jede Sekunde des Blickkontakts, fühlte sich an, wie Minuten.
Mit einem dumpfen Schleifen zog sein Gegenüber die Klinge eines Buschmessers aus dem Stoffhalfter am Gürtel.
Das rostige Metall glänzte im grellen Licht der Neonröhren an der Decke. Benjamin konnte den Blick nicht von ihm abwenden, nicht einmal, nachdem der Kampfschrei des Feindes ertönte und er mit erhobener Klinge auf ihn zu rannte.
Benjamin stolperte, fiel zu Boden. Mit gelähmten Blick verfolgte er, wie der Tod auf ihn zustürmte.
Er schrie, schloss die Augen und hielt reflexartig die Gliedmaßen vor den Rumpf seines Körpers. Er wartete auf den stechenden Schmerz, der wohl das letzte sei, das er fühlen würde. Doch stattdessen, ertönte ein ohrenbetäubender Knall.
Als Benjamin die Augen öffnete, klaffte in der Brust des Jungen Soldaten ein großes Loch. Er kam zum Stehen, ohne dass die Entschlossenheit aus seinem Gesicht wich. Stöhnend schaute er zu der Wunde, tat noch einen Schritt, bevor ihn ein weiterer Schuss in die Brust niederstreckte.
Benjamin fuhr erneut zusammen. Direkt neben ihm, lag ein weiterer Soldat am Boden. Dieser jedoch, trug eine olivgrüne Tarnweste und hielt einen 1911er Colt in der Hand. Als er zitternd die Pistole senkte und den Stahlhelm richtete, sah Benjamin in sein eigenes Gesicht.

Fluchtartig stürmte er aus dem Toilettenraum hinaus.
»Hey!«, rief Cliff ihm nach, als er, vorbei an der Bar, durch die Eingangstür flüchtete. Es war Nacht geworden und die Kanäle spuckten dem hellen Mondlicht Wolken aus Wasserdampf entgegen .
Benjamin lief die Straße hinab, immer weiter, bis die Seitenstiche ihm den Atem abschnürten.
Sein Kopf war leer, die Geräusche verschwunden; lediglich das Bild des jungen Vietnamesen verfolgte ihn, egal wie schnell er versuchte zu rennen. Wie oft würde er die Hölle noch durchlaufen müssen, bevor das Alles endlich endet.
In Momenten wie diesem, wünschte er sich, er hätte sich im nassen Morast des Regenwaldes, ebenfalls eine Kugel gefangen. Lieber hätte er an der Seite von Buford und Taylor gelegen, als den Krieg mit nach Hause zu nehmen und langsam an ihm zugrunde zu gehen. Aber er hatte sie dort zurückgelassen. Vermutlich hat Gott ihm deshalb den Rücken gekehrt, er hatte es verdient, von den Dämonen seiner Vergangenheit heimgesucht zu werden.

Im Nebel der Nacht lichteten sich wenige hundert Meter entfernt die Umrisse einer alten Brücke. Vielleicht ist es sein Schicksal, dachte Benjamin, als er sie zur Hälfte überquerte und die mit rostigen Nieten übersäten Stahlträger erklomm.
Plötzlich stand er da, ängstlich, noch einmal in sich zu gehen. Er befürchtete, dort auf etwas zu stoßen, über das er keine Kontrolle hatte, ähnlich wie über den Kampf, der gerade in ihm tobte. Es war der Konflikt zwischen zwei Hälften: der Einen, die ihn in den Abgrund zerrte und der Anderen, die sich mit aller Kraft am Brückenpfeiler festhielt.
Apathisch wanderte sein Blick von seinen Fußspitzen in den Abgrund. Er beobachtete, wie die spiegelglatte Oberfläche des Wassers das Mondlicht reflektierte.

Cliff sprach von einem Geschenk und vielleicht hatte er Recht damit. Viele würden es vermutlich als Segen empfinden, aber wenn die Grenzen von Segen und Fluch verschwimmen, woher sollte Benjamin wissen, dass er das Richtige wählt?
Er hatte den Krieg überlebt, durch den ihm nichts mehr blieb.
Er hatte Alles und Nichts.
Aber für was nur, sollte er sich entscheiden.
 
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"Imagine there's no countries
It isn't hard to do
Nothing to kill or die for
And no religion, too"
Lennon: Imagine​

»Wache über ihn, so wacht er über dich«, sagte sie und schnürte das Band so eng, dass er es nicht mehr über den Kopf ziehen konnte.
[...]
Dieser Gott, der sich nicht für ihn interessierte – Benjamin wolle ihm seinen Kummer um die Ohren brüllen. Er schrie die Verse des Vaterunser dem Altar entgegen, dass sie schallend durch die Bankreihen hallten. Schmerz, Kummer, Erinnerungen an den Tod seiner engsten Begleiter, Hass gegenüber denen, die sie ihm nahmen. Er ließ alles hinaus, das ihn bedrückte, bis die Tränen der Verzweiflung seine Wut ablösten.

Hallo und herzlich willkommen hierorts,

lieber Dave A!

In der Vorweihnachtszeit nimmstu uns mit in die Nöte eines schwarzen Vietnamveteranen nach der Heimkehr nach Chicago. Benjamin (= Glückskind, aber auch Sohn der Freude!) findet in der Beichte so etwas wie psychologische Betreuung. Bis eben das Vertrauen bröckelt (was sogar sehr deutlich an bröckelndem Mauerwerk gezeigt wird), der Kirche als Gebäude und Institution, und den einen Gott gegen König Alkohol auszutauschen.

Bereits hier stutz ich:

Seit Benjamin sich erinnern konnte, war das Kreuz sein ständiger Begleiter. Seine Mutter hatte ihm den Rosenkranz um den Hals gelegt, als er noch ein kleiner Junge war.
Warum?
Da ich mich diese Woche mit "Friede/n" beschäftigt hab, weiß ich um die Verwandtschaft des Wortes mit der Freiheit, denn der Friede als "Schonung und Freundschaft" galt nur für "Freihälse" in der ganzen Familie germanistischer Zunge. Freihälse hatten buchstäbdlich ihren Hals frei vom Joch, oft - vor allem für Sklaven, gelegentlich auch Leibeigene - symbolisiert durch einen eisernen Ring um den Hals.

Die Mutter also mach den Jungen mit dem Rosenkranz zum Leibeigenen ...

Aber zum Text:

Die würde-Konstruktionen zu Anfang lassen es mich vermuten, dass eher engl. denn dt. Deine Muttersprache ist - aber peu a peu legt sich das. Und
..., dass die dunklen Gassen Chicagos, im Gegensatz zu dem, was ihn wirklich erwarten würde, ein eher geringes Übel darstellen würden.
wenn hier das einfache Futur reichte ("erwarten wird") und das Prät. ("... darstellte")?

... Worte – sie waren alles, was er sich wünschte[,] und es fiel ihm immer schwerer, die Stille zu ertragen.
(KOmma, weil der Relativsatz zu Ende ist und die Konjuntion "und" einen anderen Hauptsatz beginnen lässt)
Er versuchte mit allen Mitteln[,] seinen inneren Frieden aufrecht zu erhalten, doch ...
(die Infinitivgruppe erzwingt ein Komma, weil sie von einem Substantiv abhängig ist, gleich hier nochmals):
Er drohte[,] die Kontrolle zu verlieren.
(kommt noch öfter vor bei Abhängigkeit des Infinitvs vom Substantiv, musstu nochmals durchschauen)

(Warum ist hier "nichts" substantiviert und warum das Komma?)Kein Windstoß, kein Zeichen, Nichts. Nicht einmal jetzt, erhielt er eine Antwort.

(Warum hier das substantivierte Adjektiv, wenn es zu "froh" in der "Freude" bereits eines gibt?)
Er konnte keine Fröhlichkeit mehr verspüren, nicht einmal, wenn er sich bemühte.

Alles[,] woran er dachte, wenn er die Gestalt des Weihnachtsmannes sah, war ein verschwitzter Soldat in olivgrüner Uniform und [mit] Zigarre, der sich einen weißen Woll-Bart und eine Nikolausmütze über den Schopf stülpt[e].
(neben dem Komma - das das elliptesche "alles" vom Relativsatz trennt, sei darauf hingewiesen, dass statt des "in" ein "mit" der Zigarre angemessen ist)

Für manche Menschen mochte es amüsant klingen, für Andere, ...
("andere" besser klein, da dasPronomen/unbestimmte Zahlwort zugleich wie "manche" Attribut der "Menschen" ist)

Kurz vor seinem Ziel, schlug die Ampel auf Rot
.(Komma kann weg - oder?)

Er hatte das Gefühl[,] sein Trommelfell würde platzen, hielt sich die Ohren zu und schloss die Augen.

Seit mehr als zehn Jahren, hatte der alte Greis sich nicht um ein Haar verändert.
(Komma kann an sich weg - oder?)

In diesem Lokal war alles anzutreffen - außer Weiße[n] - versteht sich.
»Wo sind denn Alle?«, fragte Benjamin und faltete seine Hände ineinander.
(wie bei "andern" ... s. o.
Mit den Zahlwörtern musstu - auch weiter unten noch - abwägen, ob sie nicht Attribut eines vorhergehenden Substantivs sind.)

Der Whisky brannte warm, als er die Speiseröhre hinablief. »Noch einen«, sagte er.
("noch einen" klimgt mehr als bloße Aussage, eher nach Wunsch/Befehl!)
Cliff schenkte nach und beobachtete den Jungen.
»Hey, hey, hey[...]…[...]nun mach mal halblang, Kleiner!«, ...
(i. d. R.Leerzeichen zwischen Wort und Auslassungspunkt - vorne wie hinten ...
Weiter unten - mussru schauen, nochmals)

mahnte ihn der Barkeeper, als Benjamin den fünften Whiskey in sich hinein kippte.
("hineinkippen", ein Wort)

Erneut entfuhr[...] ihm ein tiefes Kichern.
"t" muss weg!

»Du vergisst[,] in welchem Land du lebst, mein Junge.«
»Einen Letzten noch«, sagte Cliff ermahnend und schob seinem Gast ein mit Eiswürfeln gefülltes Glas entgegen.
("letzten" Attribut = Whiskey)

Sie versuchten, das Grauen, das in ihren Köpfen spukte[,] zu ertränken, gaben ihr ganzes Geld dafür aus.«
»Das sagte[n] sie auch, nachdem ich vor der Flasche gewarnt hatte.«

Wenige Meter von ihm entfernt, stand ein Mann in Uniform.
(warum das Komma?)

... hören, der nicht viel älter war, als er selbst.
(Komma weg vorm "als"!)

Mit gelähmte[m] Blick verfolgte er, wie der Tod auf ihn zustürmte.

Gern - sofern man bei solchem Thema von "gern" sprechen darf -, also besser "nicht ungern" gelesen vom

Friedel,
der noch ein schönes Wochenende wünscht
 
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"Imagine there´s no heaven,
it´s easy if you try,
no hell below us,
above us only sky."


Liber Friedrichard,

zunächst einmal vielen Dank, dass du dir die Mühe gemacht hast.



Die Mutter also mach den Jungen mit dem Rosenkranz zum Leibeigenen ...

Interessanter Gedanke. In etwa kann ich dies auch bestätigen, obwohl mir diese Sichtweise dann doch einen Tick zu radikal ist. Benjamins Mutter ist streng gläubig, versucht ihren Sohn natürlich ebenfalls an ihren Gott zu binden. In ihrem Glauben, der "Allmächtige" werfe ein Auge auf ihren Sohn, wo auch immer er sei, hängt sie ihm das Kreuz um den Hals. Die Bibel vermittelt uns, dass Gott über alle Menschen wacht, auch diejenigen, die keinen Kruzifix tragen. Wird der Rosenkranz in diesem Fall zu einer Art Mittel zum Zweck? - Ja, denn damit schlägt Benjamins Mutter mehrere Fliegen mit einer Klatsche. Ihr Sohn wächst mit diesem Symbol an seinem Körper auf, lebt und identifiziert sich mit ihm. Für mich als Atheisten, gibt es keine effektivere Methode, einem jungen Menschen mit einem "Aberglauben" zu indoktrinieren als ihm diesen buchstäblich "als ständigen Begleiter" um den Hals zu hängen. Das Kind besitzt keine Argumente gegen eine religiöse Weltanschauung, sein Unterbewusstsein wehrt sich nicht dagegen, nimmt diese neue Richtung dadurch schneller und kompromissloser an als ein Mensch mit mehr Lebenserfahrung und eigens entwickelter Meinungsbildung.
Auf der anderen Seite, nimmt der Junge seine Mutter als diejenige wahr, die den Stein ins Rollen gebracht hat, als diesen wichtigen Fixpunkt, dessen oberstes Gebot es war, ihn vor den Gefahren des Lebens zu schützen. Selbst nachdem er diesem Gott, den seine Mutter ihm als Heilsbringer prophezeite, den Rücken gekehrt hatte, ist sie für ihn keine Lügnerin. Ihre gute Absicht überwiegt den Irrtum.

Ja... die Kommasetzung... ich weiß. Manchmal bin ich unsicher, ob denn nun ein Komma angebracht ist, oder nicht. Vielleicht ist dies die Quittung, die ersten 20 Jahre meines Lebens keine Freizeitlektüre genossen zu haben, wodurch das Sprachgefühl natürlich ungemein gefördert wird.

Ich arbeite daran und werde meinen Text - auf Basis deiner Anmerkungen- noch einmal verbessern.

Vielen lieben Dank und einen schönen Restsonntag,

Dave
 
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Nix zu danken,

lieber Dave,

Hilfe, um über die formalen Schwächen hinwegzukommen bzw. sie zu überwinden, findestu hierorts zu Hauf. der Rechtschreibduden tut's auch (da ist sogar am Anfang - zumindest war's noch bei meiner Ausgabe 2006 so - dass die grundlegenden Regeln auf den ersten hundert Seiten erklärt und mit Beispielen versehen sind (und das Ende bildet dann die m. E. eher missglückte Rechtsverordnung zur Rechtschreibreform, die genauso viel Lücken aufweist wie das Steuerrecht (und das ist meine eigentliche Grammatik ...)

Duden.de tut's auch. Stichwort eingeben (und sei's Kommaregeln) und Du kriegst, was Du brauchst, bei Wörtern incl. einer kleinen Grammatik und Etymologie, die nie schaden kann, um auch das letzte Fitzelchen an Bedeutung eines Wortes herauszuholen. Das Handwerkszeug halt der Dichter ...

Ja, einige Unis haben - ist die neue Studentengeneration so bedürftig? - PDFs mit den Kommaregeln eingestellt. "Kommaregeln" eingeben, eine PDF auswählen, runterziehen, Verknüpfung herstellen, bei Bedarf anklicken. Feddich!


Bis bald

Friedel
 
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Lieber Friedrichard,

ich bin jetzt 23 und drei Mal darfst du raten, auf welche Art und Weise ich den Duden benutze. Elektronisch natürlich... ungemein praktisch, schnell und einfach, wie du schon angedeutet hast. Trotzdem bin ich der Meinung: Den guten alten Papierwälzer, sollte man nicht ignorieren. Zumindest ich kann mir Dinge besser merken, wenn sie von einer Papierquelle stammen, anstatt eines flimmernden Bildschirms. Aber wie so oft, ziehen wir Komfort vor.

(und das Ende bildet dann die m. E. eher missglückte Rechtsverordnung zur Rechtschreibreform, die genauso viel Lücken aufweist wie das Steuerrecht (und das ist meine eigentliche Grammatik ...)

Da haste mich kurz zum Schmunzeln gebracht. :D

Ja, einige Unis haben - ist die neue Studentengeneration so bedürftig? - PDFs mit den Kommaregeln eingestellt.

Ja, das ist sie. Ich diene als lebender Beweis dafür...


Gruß


Dave
 
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Den guten alten Papierwälzer, sollte man nicht ignorieren.

Recht hastu,

lieber Dave,

auch schon wegen der graphischen Gestaltung usw.und der Unabhängigkeit vom Strom. Mein alter XP (2001!) dient nur noch als Zettelkasten von Abraham a Santa Cara bis ZUckmayer, Bücher stapeln sich hier überall (neben Zeitschriften) und zwölf Umzugskisten Literatur sind zum Töchterchen gebracht worden, dass man sich hierselbst wieder bewegen kann ...

Rechtschreibung u. a. wird sich schon geben - bin ich mir sicher!

Tschüss

Fredl
 
Wortkrieger-Team
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Hallo Dave A,

richtig anfreunden kann ich mich mit deinem Text nicht. Das mag daran liegen, dass es Texte über kriegstraumatisierte Männer zuhauf gibt. Um aus dem Stoff etwas Besonderes herauszukitzeln müsstest du ihn aus meiner Sicht weitaus näher an deine Figur ran. Die Bilder, die Geräusche, die Träume müssten hervortreten, ihn überwältigen. Im letzten Drittel der Geschichte gelingt dir das besser, die Bedrohung wird sichtbar. Aber der erste Teil, die Szene in der Kirche, in der Bar (mit teilweise sehr künstlichen, lehrhaften Dialogen) klingt zäh, trostlos, nicht mal besonders traurig. Auch seine afroamerikanische Herkunft erwähnst du zwar, problematisierst sie aber nicht ausreichend. Ich denke, du müsstest einiges streichen, besonders am Anfang, straffen und deutlich näher an die Figur heranrücken, sie sichtbarer machen, aus der klischeehaften Dunkelheit herausholen. Schließlich verfügst du über einen guten erzählerischen Willen, möchtest erzählen und kannst schreiben.

Textstellen:

»Wache über ihn, so wacht er über dich«, sagte sie und schnürte das Band so eng, dass er es nicht mehr über den Kopf ziehen konnte.
was für ein Band? Einen Rosenkranz trägt man doch nicht um den Hals, oder?

Die Dämonen, die ihn verfolgten, hatte er stets vor den Toren der Kirche zurückgelassen.
erzähl von den Dämonen, deute sie nicht nur an.

Er schrie die Verse des Vaterunser
des Vaterunsers

Drei, vier Mal, schlug der zischende Hydraulikarm gegen den Metallrand der Müllpresse; bei jedem einzelnen rutschte Benjamins Kopf, tiefer in den Kragen seines ausgefransten Wintermantels.
gutes Bild, aber was sieht er?

»Was glaubst du schon zu wissen, alter Mann«, explodierte Benjamin. »Du hast nicht einmal die Grenze Michigans übertreten. Du warst immer hier, in deiner runtergekommenen Bar, hast dein ganzes Leben hinter diesem Tresen verbracht. Du musstest noch nie um dein Leben kämpfen, musstest nie zusehen, wie deine Freunde…« Benjamin verstummte.
spätestens hier wird’s lehrhaft, den Dialog kaufe ich dir nicht ab.

»Das sagte sie auch, nachdem ich vor der Flasche gewarnt hatte.«
Benjamin seufzte. »Wer?«
»Nachdem dein Geburtsdatum in der TV-Lotterie fiel, war es schwer, sie mit Worten zu erreichen. Nicht nur ich, sondern auch andere haben es versucht, aber niemand schaffte es. An diesem Abend wurde der Alkohol zu ihrer Sprache.«
das mit der Lotterie kapiere ich nicht.

Er schrie, schloss die Augen und hielt reflexartig die Gliedmaßen vor den Rumpf seines Körpers.
die Gliedmaßen? Meinst du die Beine?

viele Grüße und willkommen hier
Isegrims

Übrigens lese ich in deinem Profil, dass du mit Ambitionen schreibst, da kann ich dir empfehlen, dich weiter auch mit den Texten anderer zu beschäftigen.
 
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Hallo Isegrims,

entschuldige die verspätete Rückmeldung.

Schade, dass ich dich mit meinem Text nicht wirklich abholen konnte, aber natürlich kann ich deine Einwände sehr wohl nachvollziehen. Natürlich gibt es Texte über Kriegstraumata zu hauf, aber mir ging es in diesem Fall nicht unbedingt darum, eine Themenlücke in der Weltliteratur zu finden, sondern einfach eine Idee, die mir spontan in den Kopf geschossen ist, so gut es geht umzusetzen. Deswegen bin ich aber auch froh, dass du mir diese ehrliche Kritik geschrieben hast.

Im letzten Drittel der Geschichte gelingt dir das besser, die Bedrohung wird sichtbar.

Ausgerechnet der Teil, bei dem ich mit der meisten Kritik gerechnet hatte, da ich mir nicht sicher war, ob diese Art Wahnvorstellung nicht zu übertrieben ausgefallen ist. Aber das zeigt mir mal wieder, wie unterschiedlich der Eindruck des Lesers, im Gegensatz zu dem des Autors ausfallen kann.

was für ein Band? Einen Rosenkranz trägt man doch nicht um den Hals, oder?

Vermutlich hast du Recht, das Bild von den zahlreichen Leuten in der Schule, die ihn um den Hals trugen, hat sich in meinem Kopf anscheinend fest gebrannt.

gutes Bild, aber was sieht er?

Was meinst du genau? Ich beschreibe ja kurz darauf, was er sieht.

spätestens hier wird’s lehrhaft, den Dialog kaufe ich dir nicht ab.

Ok, verstehe ich. Ich neige leider dazu... was heißt leider, eigentlich neige ich absichtlich dazu, in meinen Dialogen eine Botschaft zu verpacken. Wenn ich genauer darüber nachdenke, ist es sogar ein beachtlicher Teil des Antriebs, der mich zum Schreiben animiert. In erster Linie will ich dich oder allgemein den Leser nicht belehren, da es, wie du schon erwähntest, genug Literatur zu den meisten Themen gibt und viele sich bereits ihre eigenen Gedanken dazu gemacht haben. Mir geht es eher darum, das Thema, welches es auch immer sei, hervor zu holen und daran zu erinnern. Natürlich gelingt mir das noch nicht gut, aber ich hoffe, dass die Zeit ihre Früchte tragen wird :D

das mit der Lotterie kapiere ich nicht.

Es gab im Jahr 1969 eine Art Lotterie, die öffentlich im Fernsehen ausgetragen wurde. Auf den Zetteln die gezogen wurden, waren Daten (für jeden Tag des Jahres). Wessen Geburtsdatum gezogen wurde, musste in den Krieg nach Vietnam.
Falls du dich dafür interessierst, lass ich dir mal einen Link da:
http://www.spiegel.de/einestages/vi...os-einberufen-zum-vietnamkrieg-a-1109193.html

Übrigens lese ich in deinem Profil, dass du mit Ambitionen schreibst, da kann ich dir empfehlen, dich weiter auch mit den Texten anderer zu beschäftigen.
Auch hier hast du Recht, ich fühle mich nur leider oft nicht berechtigt, jemand Anderem eine Kritik zu schreiben, weil ich das Gefühl habe, als totaler Anfänger die selben Fehler in meinen eigenen Texten stehen zu haben. :D

Ich danke dir erneut für deine Kritik Isegrims, einen entspannten Tag wünscht der
Dave
 
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Hallo Dave A,

nun bin ich an der Reihe, dir ein ehrliches Feedback zu deiner Geschichte zu geben und ich muss vorweg sagen, ich bin beeindruckt!
Deine Geschichte ist tiefgründig und verspielt auch nicht gleich ihr ganzes Potenzial. Langsam, Stück für Stück bekommt der Leser mehr Informationen, die das Lesen zu einem Genuss machen :)

Vor allem die Wortvielfalt finde ich sehr stark! Dennoch gibt es natürlich auch einige Anmerkungen, die man m. M. n. noch verbessern könnte

Sie konnte natürlich nicht ahnen, dass die dunklen Gassen Chicagos, im Gegensatz zu dem, was ihn wirklich erwarten würde, ein eher geringes Übel darstellen würden.
Hier könnte man das vielleicht etwas umschreiben. Ein "eher geringes Übel" finde ich fast ein bisschen schwach. Da gäbe es sicherlich noch passendere Möglichkeiten (kann natürlich auch sein, dass das so gezielt eingesetzt war).

Das sonst so friedliche, kam ihm nicht mehr friedlich vor.
Das Friedliche - groß schreiben

Die Dämonen, die ihn verfolgten, hatte er stets vor den Toren der Kirche zurückgelassen. Nun aber machte es den Eindruck, als würden die Mauern bröckeln. Er konnte spüren, wie Zweifel und Unheil vor den Fassaden der Kirche erstarkten. Sie drängten hinein, mit aller Macht. Qualen und Erinnerungen, die er ausgeschlossen hatte, hoben die schweren Türen aus den Angeln, das bunt verzierte Bleiglas der hohen Fenster zerschellte und rieselte in unzähligen Scherben auf den alten Steinboden nieder.
sehr geil geschrieben!

bei jedem einzelnen rutschte Benjamins Kopf, tiefer in den Kragen seines ausgefransten Wintermantels.
das Komma kommt vor "tiefer" weg

Hupende Autos bremsten, quietschende Reifen qualmten, ein Taxifahrer streckte seinen glatzköpfigen Schädel aus dem Fenster der Fahrertür, um Benjamin wilde Beschimpfungen hinterher zu rufen.
Es ist Winter und der Boden kalt. Ob da Reifen direkt qualmen, wenn sie mal heftig bremsen müssen?

Das Knarzen der schmalen Holztüre, erlöste ihn vom quälenden Lärm der abendlichen Rushhour.
Ohne Komma

Mit einem Dumpfen Schleifen zog sein Gegenüber die Klinge eines Buschmessers aus dem Stoffhalfter am Gürtel.
Mit einem dumpfen - dumpfen klein schreiben


Das Ende ist mir leider ein bisschen zu offen, kann natürlich auch Geschmackssache sein. Die letzten Minuten vor dem Ende sind auch noch mal sehr emotional und aussagekräftig beschrieben.

Viele Grüße

Federkrieger
 
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Hallo Dave A,

gut, dass dein Text nochmal aufgepoppt ist, wollte ich doch noch etwas dazu sagen.

Doch das wachsame Auge seiner Mutter war erloschen; und damit auch sein einziges zu Hause.
(Das) Zuhause

Mit jedem Besuch, (KEIN KOMMA) war dieser Ort, die Kirche, ihm wichtiger geworden.

Das sonst so friedliche (FRIEDLICHE), (KEIN KOMMA)kam ihm nicht mehr friedlich vor.

aufgetragenen Vaterunser. Einmal, zweimal, dreimal. Beim Vierten begann er,
beim vierten (da Bezug zum Vaterunser aus vorherigem Satz)

An der Front hat er die einen verloren, die ihm zuhörten, zu Hause hatte er die Anderen verloren, die ihm Rat gaben.
einen / anderen

Nicht einmal jetzt, (KEIN KOMMA)erhielt er eine Antwort.

Hier und dort, (KEIN KOMMA)war der gedämpfte Klang von »Jingle Bells« zu hören,

herunter zu zählen
herunterzuzählen

Hier und dort, war der gedämpfte Klang von »Jingle Bells« zu hören, wenn sich eine Ladentür öffnete.
Früher, bevor er einberufen wurde, war es das Größte für ihn, die Tage bis Heiligabend herunter zu zählen, vor den Schaufenstern der Warenhäuser zu stehen und die bunte Dekoration zu bewundern.
Ich würde versuchen, einige „zu“ zu eliminieren.
Vorschlag:
Hier und dort erklang ein gedämpftes »Jingle Bells«, wenn sich eine Ladentür öffnete.
Früher, bevor er einberufen wurde, war es das Größte für ihn, die Tage bis Heiligabend herunterzuzählen, als er vor den Schaufenstern der Warenhäuser stand und die bunte Dekoration bewunderte.
(Oder ähnlich, hier ist ja jetzt der Sinn etwas anderes geworden.)

einen weißen Woll-Bart
Wollbart

Für manche Menschen mochte es amüsant klingen, für Andere,
für andere (da Bezug zu Menschen; also „andere Menschen“)

ür manche Menschen mochte es amüsant klingen, für Andere, die Weihnachten im tropischen Dschungel, eingepfercht in einem engen Mannschaftszelt feiern mussten, war es alles Andere als das.
Schau mal, ob du für „alles Andere“ einen anderen Ausdruck findest.

Benjamin ließ sich von seinen Fluchtgefühlen leiten und ging im schnellen Schritttempo die Straße hinauf. Er wusste genau, wo er nun hingehen würde.
ging / gehen
Doppelung, außerdem unschöne/ungenaue Begriffe.
Zudem ist beim zweiten „hingehen“ ja klar, dass er gehen und nicht fliegen, rutschen o.ä. würde, um zum Ziel zu kommen. :)
Vorschlag:
Benjamin ließ sich von seinen Fluchtgefühlen leiten und eilte/stürzte die Straße hinauf. Er wusste genau, wo er hin musste.

Kurz vor seinem Ziel, (KEIN KOMMA)schlug die Ampel auf Rot. Ungeduldig wartend, (KEIN KOMMA)schaute er dem passierenden Müllwagen hinterher. Der junge Kerl auf dem Trittbrett am Heck, (KEIN KOMMA)war vermutlich nicht viel älter als er.
Du musst dir unbedingt die Kommaregeln verinnerlichen.

die beiden Jungs
Du erwähnst vorher nur einen Jungen.

Ein metallischer Knall schallte über die Kreuzung hinweg und rollte in die angrenzenden Häuserschluchten.
Kann mir nicht vorstellen, wie ein Schall rollt. Das ist mit zu „langsam“, wie ein Kullern. Er würde doch eher jagen, sausen, stürmen, hetzen.

bei jedem einzelnen rutschte Benjamins Kopf, (KEIN KOMMA)tiefer in den Kragen seines ausgefransten Wintermantels.

Er hatte das Gefühl sein Trommelfell würde platzen
Jetzt fällt mir auf, was mich am Text ein wenig „stört“: Die relativ vielen „würde“. Das nicht unbedingt erforderliche Konjunktiv bremst den Text unnötig aus.

und sein Kopf zeichnete ein Bild, dass (das) er längst versucht hatte zu vergessen.

Der Knall des Müllcontainers wurde zum rollenden Getöse von Artillerie - der vorbeifahrende Linienbus, (KEIN KOMMA)zum quietschenden Schleifen eines Kettenpanzers.

hinterher zu rufen.
hinterherzurufen

Das Knarzen der schmalen Holztüre, (KEIN KOMMA) erlöste ihn vom quälenden Lärm der abendlichen Rushhour.

Ich höre hier bei der Hälfte zunächst mal auf. Später vielleicht mehr.
Mein erstes Fazit, mit dem du vielleicht schon etwas anfangen kannst:

Du möchtest mit dem Schreiben einen Teil deines Lebensunterhaltes verdienen und dein Hobby zum Beruf machen, sagst du. Fände ich gut, wünsche dir auch alles Gute dabei.
Aber, vorher: Kommaregeln, Zusammenschreibung, Ersetzen vieler „würde“/Konjunktiv II. So meine Tipps für die erste Hälfte.

Ansonsten schreibst du wirklich gut, finde ich. Hat mir gefallen. :thumbsup:

Schönes Restwochenende und liebe Grüße,
GoMusic
 
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31.07.2017
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Hallo Federkrieger,

vielen Dank für deine Anmerkungen und für dein Lob. Ich habe einige Einwände berichtigt, andere dabei belassen. Das liegt nicht daran, dass deine Anmerkungen schlecht sind, ganz im Gegenteil, sondern daran, dass ich diesen Text nach langer Zeit abgeschlossen habe. Ich weiß, dass sollte ich nicht, denn dieses Forum dient ja auch dazu seine erstellten Themen kontinuierlich zu verbessern, aber dieser Text hat mich über Wochen verrückt gemacht (im Inhaltlichen Sinne) und ich will ihn jetzt einfach ruhen lassen. Ein weiterer Aspekt ist, dass ich ihn mir trotzdem gerne anschaue, um meine eigene Entwicklung betrachten zu können. Denn auch heute - als ich die Anmerkungen von dir und von GoMusic im Text bearbeitet habe - ist mir aufgefallen, welch einfache Fehler ich darin gemacht habe. Das betrifft sowohl die Kommasetzung als auch einige inhaltliche Schwächen, die ich jetzt als so störend empfinde, dass ich sie am liebsten aus dem Text löschen würde. Aber ich belasse es lieber dabei und rufe mir immer wieder in Erinnerung, wie "naiv" ich mal geschrieben habe (der Text ist in seiner Ursprungsform jetzt über ein Jahr alt) und welche Entwicklung ich in den Monaten die dazwischen liegen gemacht habe. Vermutlich geht das den meisten hier so.

In diesem Sinne bedanke ich mich natürlich auch bei dir GoMusic, für deine ausführliche, wenn auch nicht vollendete Kritik. Schön zu sehen, dass der Text auch jetzt noch Leser findet.


Gruß,

Dave
 

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