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  • Macht bis zum 15.08.2020 mit bei der ersten jährlichen Sommer-Challenge für Kindergeschichten: Zielgruppe Krümel.

Das Telefonat

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Das Telefonat

Er war auf der Autobahn unterwegs. Diese geniale Erfindung, welche es uns so viel einfacher macht, von Punkt A nach Punkt B zu gelangen. Dieses endlose, meist gerade Band, welches die Landschaft durchschneidet, wie ein warmes Messer die Butter.
Er war auf dem Weg zu Punkt A, seinem Zuhause und dieser Punkt lag noch ca. 450 km weit entfernt.
Er hatte eine anstrengende Woche mit vielen Kundenbesuchen hinter sich, war aber mit den Ergebnissen zufrieden. Das Radio war – wie immer – ausgestellt. Die Hintergrundmusik des rundlaufenden Motors war Unterhaltung genug für ihn.

Er liess die abgelaufene Woche noch einmal Revue passieren, als das Telefon klingelte und sah auf das Display : „Unbekannte Nummer“. Normalerweise beantwortete er diese Anrufe nicht, aber er war auf der Autobahn, auf dem Weg nach Hause und er hatte noch vier Stunden Zeit.

„Ja, bitte?“ – antwortete er über die Freisprechanlage des Telefones.
„Hallo!“ – Eine Männerstimme „Wie aus dem Grab“ dachte er und : „Wenn die Person zu dieser Stimme nicht schon tot is, wird sie es bald sein“.
„Wer ist da bitte ?“
„Sie sitzen im Auto ?“
„Ja. Wer ist da bitte ?“
„Die Frage nach dem wie wäre wohl angebrachter, als die Frage nach dem wer“
„Hören sie ! Ich glaube, das Sie sich verwählt haben. Ich werde jetzt auflegen“
„Wenn Sie das tun sollten, bin ich tot“
„Was?“
„Es heisst : wie bitte !“
„Wie bitte ?“
„Ich habe eine ganze Schachtel Schlaftabletten genommen“
„Verdammt“, dachte er nur.
Der Andere fuhr fort : „Ich habe irgendeine Nummer gewählt, um mich –vor meinem Tot- noch mit irgendjemandem zu unterhalten.“
„Wo sind sie ?“. Panik erfasste ihn.

Der Andere lachte und hustete. Man konnte hören, das er irgendetwas aus einer Flasche trank, eher er antwortete : „Die Frage war wirklich gut ! Meinen sie vielleicht, ich würde ihnen ernsthaft erzählen, wo ich mich zur Zeit befinde ?“
„Nein. Wahrscheinlich nicht“ antwortete er kleinlaut.

Eine Pause entstand. „Warum wollen sie sich umbringen ?“
„Ich habe es nicht verdient, weiterzuleben. Ich habe es nicht verdient !“
„Warum nicht ?“. Er bekam eine Gänsehaut. Kurz überlegte er : „Ich rede mit einem Lebensmüden. Warum musste er ausgerechnet mich anrufen ?“
„Ich habe mich in eine verheiratete Frau verliebt und hatte ein Verhältnis mit ihr. Es war Lust von Anfang an. Wir konnten nicht voneinander lassen.“
„Aber, das ist doch kein Grund, sich das Leben zu nehmen“ sagte er und dachte kurz an seine eigene Frau, welche wahrscheinlich gerade die Kinder von der Schule abholte.

„Doch“- sagte der Andere „Ich habe sie wirklich geliebt“. Dann fing er an, die Treffen mit ihr detalliert zu beschreiben, sowie intime Details über nachfolgende Bettgeschichten zu berichten. Er fühlte sich, ob dieser detallierten Beschreibungen, unangenehm berührt, war aber gleichzeitig seltsam erregt. Ein Gedanke floss an ihm vorüber : Früher war das mit seiner Frau auch so. Ja, früher, vor den Kindern.

„Was ist denn passiert ?“ fragte er.
„Sie hat unser Verhältnis beendet, weil sie bei ihrem Mann bleiben wollte und mir das Herz gebrochen“ . Er lachte trocken und man hörte, das er an einer Zigarette saugte und sich abermals an dem Getränk – um was immer es sich auch handelte, aber er hatte da so eine Ahnung – gütlich zu tun.
„Das tut mir sehr leid für sie“.
Es entstand eine weitere Pause, in der er fieberhaft darüber nachdachte, welche Möglichkeiten bestanden, um den Mann möglichst schnell ausfindig zu machen.

„Ich habe beschlossen, mir das Leben zu nehmen, weil ich diese Frau niemals wiedersehen werde. Ich habe ebenfalls beschlossen, das der andere Mann sie nicht verdient hat. Nennen Sie es, wie Sie wollen.“.
Seine Stimme wurde leiser. „Nennen Sie es, wie Sie wollen“

Panik ergriff ihn. Er schrie in das Telefon : „Schlafen sie jetzt nicht ein ! Reden sie weiter ! Ich bin da und höre Ihnen zu ! Wie alt sind sie ? Wie heissen sie ?“
Keine Antwort. „Wo sind sie ? Bitte antworten sie !“

Er schaute auf das Display. Die Leitung war noch immer offen.

Als er wieder nach Oben schaute, war er einem LKW so dicht aufgefahren, das er bremsen musste. Die Bremsen jedoch versagten und das Bremspedal senkte sich emotionslos, ohne das ein Bremseffekt eintrat. Er versuchte, auszuweichen, streifte den LKW und geriet auf die Überholspur. Er prallte gegen die Leitplanke, überschlug sich und sein Auto blieb -mit den Rädern nach oben – liegen. Er hatte nicht die geringste Chance.
Aus der noch offenen Leitung kam ein letztes leises Seufzen. Dann wurde die Verbindung beendet. "Klick".
 
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16.07.2020
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Hallo @Dosenfood!

Deine Kurzgeschichte ist sehr gut gelungen! Die Situation ist banal und das macht die Geschichte so interessant und einzigartig! Das Paradoxon/die Pointe am Ende ist belehrend und regt zum Nachdenken an.
Allerdings habe ich noch ein paar Anmerkungen:
1. Das Telefonat kommt ein bisschen kurz an der Stelle, an der der Anrufende vom Treffen mit seiner Geliebten erzählt. Ich fände es schöner, wenn du das Erzählte zum Teil in direkte Rede umschreiben könntest.
2. Du gibst viel von den Gedanken des Protagonisten wieder, allerdings fehlen mir dabei die Gedanken darüber, wie genau der Protagonist dem Anrufenden helfen könnte. Was kann er tun, damit die Person nicht stirbt? Kann er die Nummer vielleicht an die Polizei oder Ähnliches weiterleiten?

Liebe Grüße :)
Kat_to_Be
 

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