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Der Auftritt

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Der Auftritt

Der Mime betritt den Raum. Mit weiß geschminktem Gesicht, schwarzer Kleidung und weißen Handschuhen ist er das abstrahierte Abbild eines Menschen.

Er geht bedächtig zu der Stelle, an welcher ihn alle sehen können. Die weißen Ränder an den Schuhen lassen jeden Schritt leicht verfolgen, bis er stehen bleibt.

Er steht still und doch ist er nicht bewegungslos. Auf seiner Stirn bilden sich leichte Falten. Die Augenbrauen ziehen sich zusammen. Der Blick wechselt von der Ferne zum Boden und wieder zurück. Die unteren Lider sind feucht und zittern ein wenig. Die Nase bewegt sich im Rhythmus des Atems. Die Lippen sind zusammengepresst. Die Mundwinkel zucken leicht nach unten. Der Adamsapfel bewegt sich.

Die Arme hängen herab.

Nach einer Weile hebt er den Kopf, der Blick geht hinauf. Die rechte Hand folgt dem Blick nach oben. Ein angedeutetes Winken und sie senkt sich wieder.

Die Lippen umspielt der Hauch eines Lächelns. Die Augen schließen sich einen Moment und als sie sich öffnen, sind die Konturen des Lächelns zu erkennen.

Der Mime dreht sich um und geht.

Stille. Der Sarg ist zu sehen.

Der Pastor kommt und beendet die Stille.

 
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Hallo,
Ich wollte mal was probieren und bin auf Rückmeldungen gespannt, ob bzw. wie das ankommt.
Ich habe bewusst auf eine Geschichte drumherum verzeichtet, weil ich nicht wollte, dass ein Prot das Interpretiert, das soll der Leser tun - daher hier als Experiment.

lieben Gruß
pantoholli

 
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Er geht bedächtig zu der Stelle, an welcher ihn alle sehen.
Das ist ungeschickt formuliert, pantoholli, um nicht zu sagen, eine physikalische Unmöglichkeit, um nicht zu sagen, ein Paradoxon.
Wenn ihn alle an einer bestimmten Stelle sehen, heißt das nichts anderes, als dass er sich an jener Stelle befindet. Und wenn er sich an jener Stelle befindet, kann er nicht gleichzeitig zu der Stelle hingehen. :D
Vermutlich meintest du:
Er geht bedächtig zu der Stelle, an welcher ihn alle sehen können.

Die unteren Lider sind feucht und zittern ein wenig. Die Nase bewegt sich im Rhythmus des Atems. Die Lippen zusammengepresst. Die Mundwinkel zucken leicht nach unten. Der Adamsapfel bewegt sich, als würde er einen Kloss [Kloß] runterschlucken.
Ich nehme mal an, du wolltest ein zweimalige Verwendung des Hilfsverbs „sind“ vermeiden und hast deshalb diese prädikatlose Ellipse gewählt.
So sehr ich nun Ellipsen als Stilmittel schätze und sie auch selber gerne benutze, so sehr bin ich mir auch bewusst, wie präzise und bedacht man sie einsetzen muss, damit sie nicht mit den üblichen Lesekonventionen kollidieren. Und diese Lesekonventionen - zumindest meine - sind nun mal so, dass man eine prädikatlose Ellipse im Kopf erst mal automatisch mit dem Prädikat des vorangegangenen Satzes ergänzt. Wenn das - wie in diesem Fall - weder inhaltlich sinnvoll klingt noch grammatikalisch (Singular/Plural) zusammenpasst, gibt’s beim Lesen einen - wenn auch winzigen - Holperer. Und gerade in so einem kurzen Text sollte man solche Irritationen tunlichst vermeiden. Da sollte wirklich jedes Wort und jede Formulierung passen. So gesehen finde ich auch die Wortwiederholung (bewegt sich, bewegt sich) nicht besonders attraktiv.

Apropos Wortwiederholung:

.. jeden Schritt leicht verfolgen,

Auf seiner Stirn bilden sich leichte Falten.

Die Mundwinkel zucken leicht nach unten

(Setz das mal in Verhältnis zur Wortanzahl des Textes.)

Die Arme hängen an den Schultern.
Auch das ist von dir vermutlich bewusst so formuliert, vielleicht um die Marionettenhaftigkeit der Figur zu vermitteln. Für mich klingt es aber nur unfreiwillig komisch.
Die Arme hängen herab, fände ich allemal ausreichend.

Die Augen schließen sich einen Moment und als sie sich öffnen[,] sind die Konturen des Lächelns zu erkennen.

Bis der Pastor kommt und mit der Totenandacht die Stille beendet.
Ich bin mit den religiösen Riten kein bisschen vertraut, schicke ich voraus. Unter Totenandacht allerdings verstehe ich die … äh, die ganze Veranstaltung quasi, die gesamte Totenfeier eben. (Und die vorangegangene Pantomime war ja offenbar Teil dieser Totenfeier). Aber du stellst es hier dar, als wäre "die Totenandacht" eine spezielle Ansprache des Pastors.

Soviel mal zu den sprachlichen Unstimmigkeiten, pantoholli.

Darüber hinaus sehe ich in dem Text allemal eine kleine Geschichte, nicht aber ein Experiment im Sinne der Rubrik. (Deren Zweck in meinen Augen darin besteht, mit der Schriftsprache herumzuspielen, Außergewöhnliches auszuprobieren, mit Buchstaben, der Syntax, der Grammatik, der Interpunktion oder allem gleichzeitig zu experimentieren, unser vertrautes Sprach- und Leseverständnis sozusagen herauszufordern. All das kann ich in deinem Text aber überhaupt nicht erkennen. Schau dir das mal an.)

Ob es nun als Geschichte für mich funktioniert? Nun ja, im Grunde ist es nicht mehr als eine Pointengeschichte sozusagen, in der erst durch das Lesen der letzten Sätze das Geschehen davor einen Sinn erhält.
Aber viel Geschehen ist da halt nicht: schlicht eine kurze Szene aus einer Begräbnisfeier.

Also nicht unbedingt ein Leseerlebnis, das mich an den Fingernägeln kauen ließ. Oder soll ich sagen: Experiment misslungen?

offshore

 
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Hallo ernst offshore

Vermutlich meintest du:
Er geht bedächtig zu der Stelle, an welcher ihn alle sehen können.
Das einfache liegt oft so nah. Danke! Ich hatte mit "könnten" probiert, weil des sehen können ja in der Zukunft liegt. Aber "können" ist ja viel einfacher und klarer. (Brett vom Kopf nehm :))
Mit der (Text)Stelle war ich auch nicht ganz zufrieden und suchte nach einer Formulierung die kurz, aber "zielführend" ist.

Apropos Wortwiederholung:
oh ja! Und ich habe schon einige "leicht"s eleminiert gehabt.
Ich nehme mal an, du wolltest ein zweimalige Verwendung des Hilfsverbs „sind“ vermeiden und hast deshalb diese prädikatlose Ellipse gewählt.
...
Ich habe versucht in knappen Worten zu beschreiben, was man als Zuschauer mit "einem Blick" sieht.
Das ist wohl zu knapp ausgefallen. Muss ich also nochmal drüber nachdenken, ob ich das ganz umformuliere.
Die Arme hängen an den Schultern.
Auch das ist von dir vermutlich bewusst so formuliert, vielleicht um die Marionettenhaftigkeit der Figur zu vermitteln. Für mich klingt es aber nur unfreiwillig komisch.
Die Arme hängen herab, fände ich allemal ausreichend.
Dann ist hier meine Reduktion zu krass ausgefallen. Ich kam von "hängenden Schultern" und wollte gleichzeitig das "triviale" hängen der Arme beschreiben - das ist dann wirklich unfreiwillig komisch :D
Unter Totenandacht allerdings verstehe ich die … äh, die ganze Veranstaltung quasi, die gesamte Totenfeier eben.
Guter Einwand. Ich bin von "Andacht" ausgegangen und die ist in meinem Verständnis in einem Gottesdienst der Teil vor der Predigt. Aber wenn man das als Gesamt-Veranstaltung sehen kann, muss ich mir da eine andere Wortwahl überlegen, selbst wenn meine Wortwahl in machen Kreisen "stimmt".
Darüber hinaus sehe ich in dem Text allemal eine kleine Geschichte, nicht aber ein Experiment im Sinne der Rubrik.
Mein Ansatz war, dass ich als Pantomime mal gesagt habe: Ich könnte eine Mime auch so spielen, dass man auch bei einer Radioübertragung als "Hörer" etwas mitnehmen kann. Das fiel mir neulich wieder ein, und dachte, als Text müsste es doch einfacher sein, eine Mime "darzustellen". Ich hatte mir die Experiment-Definition schon vorher durchgelesen.
Die experimentellen Aspekte einer Geschichte können sich über die Form und den Inhalt, vielleicht sogar darüber hinaus erstrecken.
Das las sich für mich aber auch so, dass es nicht sprachlich motivert sein muss. Zumindest fand ich die "Kurzgeschichten"-Ecke unpassend für diesen Text (den ich als Experiment sehe ;) )
Aber da lasse ich mich gern eines besseren belehren.
(btw. "Für die Bühne" fand ich auch unpassend, wiel ich kein Drehbuch für ein Stück schreiben wollte, sondern eher die Beschreibung eines Auftritts aus sicht eines Zuschauers..)

Also nicht unbedingt ein Leseerlebnis, das mich an den Fingernägeln kauen ließ.
Schade, aber verständlich :)
Oder soll ich sagen: Experiment misslungen?
Dein Kommentar hilft mir schon weiter. Sogar soweit, dass ich nicht sagen würde, dass das Experiment misslungen ist, selbst wenn ich meinen Ansatz verwerfe (noch hab ich ihn nicht verworfen...)

Danke für Deinen Kommentar!
pantoholli

 
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Hallo pantoholli
Es ist devinitiv kein Experiment im Sinne der gleichnamigen Rubrik. Wie du bereits selber schreibst:

Ich habe bewusst auf eine Geschichte drumherum verzeichtet, weil ich nicht wollte, dass ein Prot das Interpretiert, das soll der Leser tun
Und das widerspricht der Aussage im Rubrikbeitrag, den offshore bereits verlinkt hat:
Experimente müssen "werkimmanent" sein, d. h. sie sollten nicht nur aus der Reaktion des Lesers bestehen, sondern im Text liegen.

Da es sich aber minimalst um eine Geschichte handelt, darf sie meiner Menung nach auch in der Geschichtenrubrik stehen. Ich verschiebe sie dir deshalb dorthin.

Danke fürs Verständnis,
Gruss dot

 
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Hallo Dot

Da es sich aber minimalst um eine Geschichte handelt, darf sie meiner Menung nach auch in der Geschichtenrubrik stehen. Ich verschiebe sie dir deshalb dorthin.
Danke fürs Verständnis,
ok für mich. "Wie man es macht, ..." - ich hatte gedacht, wenn ich das unter Kurzgeschichten einstelle, muss ich erklären, warum das ne Geschichte ist :D gut, dann ist es eine. Super - hatte ich gar nicht mir gerechnet.

Gruß
pantoholli

 
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Hallo pantoholli,

du hast mit deinen Veränderungen dem Text schon sehr geholfen. Ich habe leider nicht mehr die erste Version und kann die einzelnen Korrekturen nicht genau nachvollziehen. Aber, mir gefällt, dass du deinen Sätzen nun eine einheitlichere Struktur gegeben hast und dich von den Ellipsen weitgehend getrennt hast. Ich hatte mir auch schon überlegt, dass der Text als Ganzes besser klingen könnte, wenn alle Sätze mit einem Prädikat versehen wären. Ein Satz fällt im Moment immer noch raus:

Die Lippen zusammengepresst.

Konsequenterweise würde ich auch hier ein 'sind' ergänzen oder eine andere Formulierung suchen.

Bei folgenden Sätzen habe ich immer noch etwas gestutzt und mir überlegt, wie man es eventuell anders machen könnte:

Der Adamsapfel bewegt sich, als würde er einen Kloß runterschlucken.
Nicht der Adamsapfel schluckt den Kloß.
Überhaupt finde ich diesen Vergleich auch sprachlich nicht gelungen. Für mein Empfinden reichte der erste Teil des Satzes schon, um das Bild zu erzeugen.

Die Arme hängen an den Schultern.
Das tun sie ja nicht wirklich. Richtiger wäre mMn: ‚Die Arme scheinen an den Schultern zu hängen.’ oder etwas Ähnliches.

Nach einer Weile hebt er den Kopf, der Blick geht rauf. Die rechte Hand folgt dem Blick mit der Handfläche nach oben.

Dieses ‚rauf’ stört mich, es ist in seiner Verkürzung recht umgangssprachlich und reißt mich deshalb aus dem Zusammenhang. Vielleicht würde ‚richtet sich nach oben’ o.Ä. besser klingen.
Und ganz unpassend empfinde ich ‚mit der Handfläche nach oben’' - sprachlich, aber auch als Bild. Es ist wie bei dem vorletzten Beispiel. Ich glaube, der Satz braucht diesen Zusatz nicht, um als Bild zu funktionieren.

Die Augen schließen sich einen Moment und als sie sich öffnenK sind die Konturen des Lächelns zu erkennen.

Bis der Pastor kommt und mit der Totenandacht die Stille beendet.

Das ist ja nur ein Nebensatz. Ich fände es besser, wenn am Ende ein klarer Aussagesatz stünde, z.B.: Der Pastor kommt und beendet die Stille. Dass es sich um eine Totenandacht handelt, erschließt sich ja aus dem im Satz vorher erwähnten Sarg.

Lieber pantoholli, ich finde die Idee deines Textes sehr interessant. Bezogen auf den Inhalt sollte mMn die sprachliche Form sehr klar und streng sein und syntaktische Brüche möglichst vermieden werden.

So meine Gedanken zu deinem Text. Ich empfinde ihn als Miniatur, als eine in sich abgeschlossene Szene. Als Geschichte würde ich ihn nicht bezeichnen.

Liebe Grüße
barnhelm

 
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Hei pantoholli

Dein Zweifeln sagt mir, dass du auf der Suche bist, wie weit eine Reduktion gehen kann und es trotzdem eine (unterhaltsame) Geschichte bleibt.
Geschichte? Knapp ja, denn es hat agierende Personen, Handlung, Anfang und Ende. Eine Szene, die viel Platz für Interpretation lässt. Aber ist das auch unterhaltsam für mich? Leider nein.

Du löst zwar Bilder in mir aus, ein Mime (Schauspieler), hier wohl ein Pantomime (da weiss geschminkt, schwarzer Anzug, wortlos) betritt den Raum (aha, nicht Zirkus, eher Vernissage, Unterhaltungsabend, o.ä.) er zeigt Trauer, mit vollem Körpereinsatz.

Die Arme hängen an den Schultern.
Wie offshore sagte, unglücklich formuliert. Aber das hast du ja erkannt.

Dann kommt Sehnsucht auf, der Blick in die Ferne, und wieder zurück in die traurige Gegenwart.

Die rechte Hand folgt dem Blick mit der Handfläche nach oben. Dann dreht sich die Hand zum angedeuteten Gruß und senkt sich wieder.
Blöderweise habe ich den Hitlergruss assoziiert. Aber ich lasse ihn mal besser Salutieren. ;)

Trotzdem, das ganze Schauspiel hängt für mich bis hier in der Luft, ich konnte es nicht festmachen und brauchte eine Erklärung für das alles, die mit dem Auftauchen des Sarges folgte und ich nun wusste, der Verstorbene sei jetzt an einem friedlichen Ort, unausgesprochen dargestellt durch den Mimen. Eine wortlose Abdankungsrede, oder so.

Nur der Sarg ist zu sehen.
Ist der Betrachter alleine im Raum?
Bis der Pastor kommt und mit der Totenandacht die Stille beendet.
War der Mime sogar nur eine Einbildung?

Mir stellen sich zu viele Fragen bei dieser kurzen Szene, als dass ich darüber nachdenken möchte. Die Situation an und für sich ist alltäglich, wenn nicht sogar banal. Gestorben wird immer und Abdankungsfeiern sind heutzutage vielfältiger denn je. Da ginge noch mehr.
Nein, es berührt mich in keiner Weise, zu stark wurde reduziert und es fehlen mir starke, prägnante Wörter, um gefesselt zu sein.

Gruss dot

 
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Liebe barnhelm

vielen lieben Dank für Deinen mutmachenden Kommentar und die super Änderungsvorschläge! Ich glaube ich habe alle schon umgesetzt :)

Lieber pantoholli, ich finde die Idee deines Textes sehr interessant.
Danke, und ja, mehr als eine Idee ist es bisher auch nicht. Ich weiss noch nicht, was ich mit der Idee mache - z.B. in eine Geschichte einfließen lasse, oder...
Ich wollte erstmal sehen, ob die Idee funktioniert (Daher hatte ich es vorher bei "experimente" eingestellt)
Bezogen auf den Inhalt sollte mMn die sprachliche Form sehr klar und streng sein und syntaktische Brüche möglichst vermieden werden.
Da hast Du recht. Ich war z.B. mit dem Kloß auch nicht ganz sicher, ob dieses Bild nicht das Bild kaputtmacht. Da kam ich aus meinem "alten Denken" bzw. dem gewohnten Schreiben nicht ganz raus, um das konsequenterweise weg zu lassen.


Hallo dotslash

Dein Zweifeln sagt mir, dass du auf der Suche bist, wie weit eine Reduktion gehen kann und es trotzdem eine (unterhaltsame) Geschichte bleibt.
"Suche" stimmt. Ich wollte sehen, wie weit man eine Mime ohne drumrum erzählen kann und was dabei gut geht, und was dabei stört. Du findest das z.B. langweilig (frei interpretiert) - Das ist eine Aussage, über die ich weiter nachdenken muss. Wieso ist so ein Auftritt life "spannend" (ja - auch nicht immer für alle) und als Text nicht, da fehlt also noch etwas an Transferleistung.

Blöderweise habe ich den Hitlergruss assoziiert.
Kann ich verstehen, im Hinterkopf hatte ich das leider auch, ich wollte den Begriff "Winken" vermeiden, weil das nicht "albern aussehen" sollte. Ich habe es mit Barnhelms anmeerkung jetzt doch mit Winken versucht.
Trotzdem, das ganze Schauspiel hängt für mich bis hier in der Luft, ich konnte es nicht festmachen und brauchte eine Erklärung für das alles, die mit dem Auftauchen des Sarges folgte und ich nun wusste, der Verstorbene sei jetzt an einem friedlichen Ort, unausgesprochen dargestellt durch den Mimen. Eine wortlose Abdankungsrede, oder so.
Naja - zumindest ist die Situation angekommen. "Eine wortlose Abdankungsrede" - ganz genau.
Nur der Sarg ist zu sehen.
Ist der Betrachter alleine im Raum?
Warum eigentlich nicht das "nur" auch noch rausnehmen, wo ich schon den Rest reduziert habe. Stimmt, das "nur" interpretiert - und das wollte ich ja nicht.
Nein, es berührt mich in keiner Weise, zu stark wurde reduziert...
Vielleicht muss ich das dann doch in eine "echte" Geschichte packen. Zumindest habe ich darauf gerade keine spontane Antwort - da muss ich drüber nachdenken, was ich aus der Idee mache, wie da Spannung oder andere Sachen reinkommen können, damit das jemanden berührt.

Danke für Eure Kommentare

 
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Er steht still und doch ist er nicht bewegungslos.

Merkwürdiges Gefühl für einen, der gerade den jüngeren Bruder unter die Erde gebracht hat und als Protestant und doch irreligiöser Mensch, der durchaus der Bewegung perpedes und Fahrrad (ohne Hilfsmotor!) nicht abgeneigt ist, die katholischen Riten über sich ergehen ließ und dabei feststellte, dass sie für manchen Gläubigen in Kirche und Kapelle sowie am Grab die einzige Form von Sport sein wird, die er betreibt.

Möge der Ritus ihnen lange erhalten bleiben!

Was mir bei diesem „Schauspiel“ zunächst auffällt,

lieber pantoholli,

ist der Mime (= Akteur, Darsteller, Schauspieler, Schauspielerin), also eine/r, der an sich eine Rolle nur spielt auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Wie auch ein jeder, der sich wie im richtigen Leben hinter der Maske (Person) seiner gesellschaftlichen Rolle verbirgt und auch Laute (die auch leise daherkommen können) von sich gibt. Aber der Mime bleibt stumm. Er kann darum um den ersten Teil Deines Decknamens versehen ein stummes Gebärdenspiel treiben (was den größeren Teil Deiner feinen Geschichte füllt).

Der Mime betritt den Raum.
Und es folgt die Beschreibung eines Panto-mimen.
Mit weiß geschminktem Gesicht, schwarzer Kleidung und weißen Handschuhen ist er das abstrahierte Abbild eines Menschen.
Aber ist nicht jeder Mensch sowohl ein Abbild seiner selbst und „eines Menschen“ zugleich?

Ich geb ihm einen mythischen Namen, denn Mime ist zugleich die verkürzte Form des Mimir, der unterm Weltenbaum die Quelle der Weisheit hütet und neben zwo Kolkraben Odin/Wotan berät. Um die Bedeutung des Namens Mimir in dem Raum als Erinnerung oder Schicksal brauchen wir uns nicht zu kümmern – wo ein Sarg steht, hat ein Geschick sich vollendet und es bleibt die Erinnerung als eine Art Abbild des ewigen Lebens – für die Überlebenden, bis sie selbst Teil dieses scheinbaren Weiterlebens werden.

Er geht bedächtig zu der Stelle, an welcher ihn alle sehen können.
Der Satz, der wohl anfangs Probleme bereitete im Pronomen/Adjektiv „welch/er“, ahd. hwelich.

Schon in den ersten schriftlichen Zeugnissen germanistischer Zunge, im gotisch „ƕileiks“ fällt die klangliche Ähnlichkeit zum engl. „like“ auf und in der Tat meint welch/er ursprünglich „wie beschaffen“ und setzt sich zusammen aus „wer“ - got. „ƕa(z)“ - und der Endsilbe „lich“. An der gotischen Silbe erkennen wir, dass wer und was eins sind, wer trägt einen Namen und was/welches ist die Rolle, die einem zugewiesen wird bzw. die er annimt.

Der Satz spielt ein wenig mit dem Begriff der (soziologischen) Rolle, die zugleich die selbstbestimmte wie die fremdbestimmte Stellung etwa im Arbeitsleben (Arbeitsstelle) beschreibt, das selbst ein „in welcher ihn alle sehen können“ korrekt wäre. Wäre allein die „Stelle“ im anfangs genannten „Raum“ gemeint, wäre ein „wo ihn alle sehen können“ angebracht. Mit der Verwandtschaft des wer und was lässt sich also viel mehr leisten, als unsere beschränkte Schulweisheit zulassen will.

Die weißen Ränder an den Schuhen lassen jeden Schritt leicht verfolgen, bis er stehen bleibt.

Es kommt nach des Mimen Spiel, einem Mienenspiel, der Abschied
Ein angedeutetes Winken und sie senkt sich wieder.

Über die Symbolik der geöffneten Hand beschränk ich mich auf Handschlag und dem Gruß der erhobenen Hand etwa in der Zeichensprache der Prairieindianer, die weder das alte Rom noch den neuzeitlichen Faschismus kannten: Dem Gegenüber wird die friedliche Absicht bekundet. Man trägt und erhebt keine Waffe gegen ihn, selbst wenn man eine mit sich trage.

Die Geschichte und ich schließen, wie ich begonnen hab

Stille. Der Sarg ist zu sehen.

Der Pastor kommt und beendet die Stille.


Gern gelesen vom

Friedel

 
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Lieber Friedrichard

Ich habe mich heute sehr über Deinen Kommentar gefreut. (weil ich immer "Angst" - oder sagen wir besser Respekt - vor Deinen Anmerkungen habe ;))

Deine Worterklärungen haben mich daran erinnert, dass ich als Pantomime immer die Nähe von Wörtern und Bewegung bewundert habe (Standpunkt haben, vorbeugen, zuneigen, etc.). Das habe ich in diesem Text noch gar nicht bedacht..danke für diese Erinnerung.

Aber der Mime bleibt stumm. Er kann darum um den ersten Teil Deines Decknamens versehen ein stummes Gebärdenspiel treiben
Ich gebe Dir recht, dass es wörtlich gesehen der Panto-mime sein "sollte". Aber bei Pantomime assoziieren viele eben einen "lustigen Vogel" von der Straße oder eher einen nahen Verwandten des Clowns. Mit dem "Mimen" will ich diese Assoziation vermeiden. Da wenige dieses Wort als "Schauspieler" nutzen, liegt die Assoziation mit dem Pantomimen nahe - daher mag ich: "Mime".

Aber ist nicht jeder Mensch sowohl ein Abbild seiner selbst und „eines Menschen“ zugleich?
Das schon, doch mit der Schminke - der zur Schau getragenen Maske - und dem "Anzug" (oder sollte ich Aufzug sagen?) verallgemeinert er das "persönliche Abbild", daher das "abstrahierte Abbild" im Text. Ist es dann das Abbild eines Abbilds?

welche Stelle

Ich war schon drauf und dran das Welch durch Wo zu ersetzen. Aber Deine Ausführungen zum "welchen" fand ich so interessant und so zum Text passend, dass ich das Wortungetüm wohl so stehen lasse.

....Handschlag und dem Gruß der erhobenen Hand...
Mittlerweile mag ich doch das Wort "winken" im Text, da man eben eher zum Abschied als zur Begrüßung winkt. Und die "Bekundung der friedlichen Absicht" passt allemal.


Gern gelesen
Vielen Dank!

PS:

Möge der Ritus ihnen lange erhalten bleiben!
Der "Pastor" im Text lässt daruaf schließen, dass ich eher dem evangelischen als dem katholischen etwas abgewinnen kann. Aber ja, der Ritus sei ihnen gegönnt :)

 
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Ich habe mich heute sehr über Deinen Kommentar gefreut. (weil ich immer "Angst" - oder sagen wir besser Respekt - vor Deinen Anmerkungen habe )
meine Güte,

lieber pantoholli,

nix zu danken und doch eine denkwürdige Anmerkung für einen, der nicht nur als MAV-Vorsitzender (MAV = Mitarbeitervertrung, Betriebsrat mit gebremstem Schaum in kirchl. Verunstaltungen) den Mitarbeitern/Kollegen gegenüber der Hierarchie AEngste zu nehmen versuchte. Aber war der Meister seines Faches Marcel M. tatsächlich ein "lustiger" Vogel? Vom Clown hatte er nix (schon gar nichts von der amerikanischen Seuche ...

Das schon, doch mit der Schminke - der zur Schau getragenen Maske - und dem "Anzug" (oder sollte ich Aufzug sagen?) verallgemeinert er das "persönliche Abbild", daher das "abstrahierte Abbild" im Text. Ist es dann das Abbild eines Abbilds?
Richtig, und Vor- wie Abbilder kommen aus einem Förmchen, wie der Ritus, der Verhaltensweisen formt. Riten sind wie Definitionen Hilfen für jene armen Seelen, die ansonsten in Orientierungslosigkeit versänken.

welche Stelle
Ich war schon drauf und dran das Welch durch Wo zu ersetzen. Aber Deine Ausführungen zum "welchen" fand ich so interessant und so zum Text passend, dass ich das Wortungetüm wohl so stehen lasse.
Richtig, Du bestimmst über den Text und nicht das Publikum als peer group.

Über die Nähe des Winkens zum Winkel werd ich jetzt nicht referieren und einen Haken schlagen zum

tschüss und bis bald

Friedel

 
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Hallo Friedel.

Aber war der Meister seines Faches Marcel M. tatsächlich ein "lustiger" Vogel?
Selbstverständlich hatte M.M. seine ernsthaften Seiten, aber würde man ihn für eine Beerdigung buchen?

Riten sind wie Definitionen Hilfen für jene armen Seelen, die ansonsten in Orientierungslosigkeit versänken.
ja. Doch benötigt nicht jede Seele mal in gewissen Abständen etwas Orientierung? Aber ich denke diese Diskussion führt an dieser Stelle zu weit.

Über die Nähe des Winkens zum Winkel werd ich jetzt nicht referieren
Winken und Winkel - ui. Klingt auch spannend. :)

ein winkender Gruß vom
pantoholli

 
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Aber war der Meister seines Faches Marcel M. tatsächlich ein "lustiger" Vogel?
Selbstverständlich hatte M.M. seine ernsthaften Seiten, aber würde man ihn für eine Beerdigung buchen?

Warum nicht?,

lieber pantoholli,

spätestens bei der Raue.

Gruß

Friedel

 
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Will ich gar nicht, gewinnen, aber Recht hastu,

lieber pantholi,

den Mimen weiterhin als Mimen zu bezeichnen. In einem kann ich Dir nach letzten Ereignissen, die sich hierorts schon in einer Geschichte von RinaWu"Ist doch nur Spaß" eingeschlichen haben, nicht zustimmen

Aber bei Pantomime assoziieren viele eben einen "lustigen Vogel" von der Straße oder eher einen nahen Verwandten des Clowns.

Selbst wenn der Mime ein alternder Ausdruck für den Schauspieler (und Gaukler von seiner griechischenWurzel her)ist – der Herkunftsduden spricht ihm gar das Attribut vom „veraltenden“ zu [Duden Bd. 6, „Mime“], das grimmsche Wörterbuch hat den Mimen gar nicht erst aufgenommen, obwohl das Lehnwort für den Schauspieler gerade im 18. und 19. Jh. alles andere als veraltet war, war doch selbst der Pantomime erst im 17. Jh ins Deutsche aufgenommen worden (ebd. „Pantomime“). Und bei der Zusammenstellung der Etymologie des Mimen fiel mir eine Stelle zur Odyssee ein, die zu Deiner Geschichte passt, wie sie Horkheime/Adorno in der Dialektik der Aufklärung niederschrieben. In dem Kapitel zur Odysse wird diese auf die ach so vernunftbegabte bürgerliche Gesellschaft übertragen. "Die Ratio, welche die Mimesis verdrängt, ist nicht bloß deren Gegenteil. Sie ist selber Mimesis: die ans Tote. Der subjektive Geist, der die Beseelung der Natur auflöst, bewältigt die entseelte nur, indem er ihre Starrheit imitiert und als animistisch sich selber auflöst. Nachahmung tritt in den Dienst der Herrschaft, indem noch der Mensch vorm Menschen zum Anthropomorphismus wird. Das Schema der odysseischen List ist Naturbeherrschung durch solche Angleichung. In der Einschätzung der Kräfteverhältnisse, welche das Überleben vorweg gleichsam vom Zugeständnis der eigenen Niederlage, virtuell vom Tode abhängig macht, ist in nuce bereits das Prinzip der bürgerlichen Desillusion gelegen, das auswendige Schema für die Verinnerlichung des Opfers, die Entsagung. Der Listige überlebt nur um den Preis seines eigenen Traums, den er abdingt, indem er wie die Gewalten draußen sich selbst entzaubert. Er eben kann nie das Ganze haben, er muß immer warten können, Geduld haben, verzichten, er darf nicht vom Lotos essen und nicht von den Rindern des heiligen Hyperion, und wenn er durch die Meerenge steuert, muß er den Verlust der Gefährten einkalkulieren, welche Szylla aus dem Schiff reißt. Er windet sich durch, das ist sein Überleben, und aller Ruhm, den er selbst und die andern ihm dabei gewähren, bestätigt bloß, daß die Heroenwürde nur gewonnen wird, indem der Drang zum ganzen, allgemeinen, ungeteilten Glück sich demütigt."

vllt. starker Tobak, aber ein Mime sollte nicht mit der verwandten Mimose eins werden.

Gruß aus'm feucht finstern Pott vom

Friedel,
der vorsorglich ein schönes Wochenendewünscht!

 
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Hallo Friedel,

ich habe mir den Absatz zur Odyssee 5 mal durchgelesen - immer mit einem Tag Abstand, und wahrscheinlich muss ich mir das auch noch 5 mal durchlesen :)

vllt. starker Tobak, aber ein Mime sollte nicht mit der verwandten Mimose eins werden.
Am Anfang vielleicht, aber je öfter ich das lese, desto weniger Tobak bleibt.

Der Mime wird vielleicht nur öfter mit der Mimose verwechselt, weil er gelernt hat Gefühle zu zeigen :)

Gruß
pantoholli
ausm feucht-ekligem Berlin.

 
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Ich noch mal.

lieber pantoholli,
dann soll auch erst einmal Schluss sein mit der Belästigung, und zwar das Geständnis, dass ich meine eigenen Gedichte nicht auswendig weiß (wohl anderer Leute Verse, aber nicht die eigenen eben), da musstu nicht Adorno/Horkheimer auswendig lernen.

Mir ist - nicht nur wegen der herabhängenden Arme, untergekommen, dass die Augsburger Puppenkiste (die ich seit den Zeiten des Fiete Appelschnut kenne, und die mich immer noch begeistert) - die Weihnachtsgeschichte verfilmt hat, nicht nur nach deren bekanntestem Evangelium (Lukas, oder doch Matthäus?, ach, bin wohl doch auf'm Weg nach Alsheim) und ins Kino bringt, was ich mir nicht entgehen lassen werde. Warum nicht den Mimen wenn schon nicht als abhängenden, so doch als abhängigen Menschen darstellen und damit in der Symbolik Marionette und Sarg den freien Willen in Frage stellen?

Und wenn man dem Duden trauen darf, dann sind Mime und Mimose nicht nur einfach verwandt, sondern auch Vater und Tochter, wenn es heißt "zu lateinisch mimus (Mime), wohl wegen der Reaktion der Pflanze bei Berührung, die mit der eines empfindsamen Mimen verglichen wird". Da passt dann sogar die abwertende heutige Bedeutung der Mimose zu, war doch das Theatervolk,ob als ernster Mime oder scherztreibender Gaukler in der ständischen Gesellschaft (= der feudalen, der wir uns wieder annähern, indem wir 150 Jahre keineswegs unblutigen Kampfes um den Sozialstaat schon wieder zurückgeschraubt haben, dass der Oliver Twist und der autobiographische David Copperfield aktueller werden, wenn der Hartz IV Bewegung noch der Schuldturm beigefügt wird, woran ja seit der Agenda 2010 gearbeitet wird. Möge es diesem Bauwerk wie dem zu Babel ergehen!).

Ach, dass ich immer so ausufern muss!

Gruß

Friedel

 

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