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Der drölfzigste Geburtstag des Bürgermeisters

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Der drölfzigste Geburtstag des Bürgermeisters

Es war einmal ein Bürgermeister, der träumte davon, ein König zu sein. Sein Haus stand genau in der Mitte einer Insel, die sich genau in der Mitte des Ozeans befand. In seinem Garten wuchsen die vierundzwanzig schönsten Weihnachtsbäume. Tausend Kugeln funkelten bunt in der Sonne und silbern im Licht des Mondes.
Es war die Pflicht des Bürgermeisters, täglich auf der Insel nach dem Rechten zu sehen. Ob alles noch am rechten Platz stand und ob es allen Bewohnern gut ging. Aber immer ging es allen gut und immer stand alles am rechten Fleck. Diese Rundgänge waren die reinste Zeitverschwendung. Und deshalb träumte der Bürgermeister davon, ein König zu sein. Denn Könige mussten keine albernen Spaziergänge machen. Könige fuhren mit einer Kutsche!

Auch an seinem drölfzigsten Geburtstag begab sich der Bürgermeister auf seinen Rundgang. In der Nacht zuvor war ein mächtiger Sturm über die Insel gestürmt. Und so ein stürmender Sturm kann viel Unheil anrichten. Zuerst schaute der Bürgermeister nach der alten Schmiede. Sie stand einsam und verlassen im Norden. Der Schmied hatte nicht länger ein Schmied sein wollen, verliebte sich in die schöne Bäckerin und zog zu ihr in den Osten. Die Schmiede stand auch am drölfzigsten Geburtstag des Bürgermeisters einsam und verlassen an ihrem Platz. Der stürmende Sturm hatte ihr nichts angetan.
»Sie steht noch am rechten Fleck«, murmelte der Bürgermeistermeister und setzte seinen Weg gen Osten fort. Dort angekommen, fütterte der Schmied gerade seine Schnecken mit Zucker und Zimt.
»Heute Nacht sind drei kleine Zimtschnecken geschlüpft«, rief er begeistert dem Bürgermeister zu.
»Dem Schmied geht es gut. Wie immer«, murmelte der Bürgermeister und ging weiter in Richtung Süden. Dort, in einem kleinen Wäldchen lebte der Jäger. Der Jäger saß Tag und Nacht am Meer und angelte.
»Der stürmende Sturm hat mir den größten Fisch an die Angel gebracht, den ich je gefangen habe«, sagte der Jäger stolz.
»Alles ist in Ordnung. Wie immer«, murmelte der Bürgermeister und zog weiter gen Westen. Im Westen gab es eine große Wiese und wie der Bürgermeister sich an seinem drölfzigsten Geburtstag nach einem Gänseblümchen bückte, fiel sein Blick auf drei Menschen, die mitten auf der Wiese lagen.
»Ja, so was«, murmelte der Bürgermeister und schlich sich näher an sie heran. Die Kleidung der Fremden war zerrissen und ihre Körper sehr mager. Tief und fest schliefen sie, nicht einmal das Hummelgebrumm konnte sie wecken. Schnell holte der Bürgermeister den Jäger und den Schmied dazu.
»Vielleicht ist ihr Schiff im stürmenden Sturm gekentert«, sagte der Bürgermeister.
»Wenn sie erwachen, brate ich ihnen den größten Fisch, den ich je gefangen habe«, sagte der Jäger.
»Sie können in der einsamen Schmiede wohnen«, sagte der Schmied.
»Und ich zeige ihnen die schönsten Weihnachtsbäume, die sie je gesehen haben«, sagte der Bürgermeister.
Als die drei Fremden zu sich kamen, brachte man sie zum Jäger und sie aßen den ganzen Fisch auf. Der Schmied zeigte ihnen stolz seine frisch geschlüpften Zimtschnecken und der Bürgermeister seine Weihnachtsbäume. Am Ende des Tages führte man sie zur einsamen Schmiede und wünschte ihnen eine Gute Nacht.

Am Abend seines drölfzigsten Geburtstag taten dem Bürgermeister die Füße vom vielen Laufen weh. »Ach, wenn ich doch nur ein König wär‘, dann hätte ich eine Kutsche!«, stöhnte er und bestaunte seine Weihnachtsbäume im Mondlicht. Doch was war das? Am allerhöchsten Ast der allerhöchsten Tanne fehlte eine Kugel. Der Bürgermeister lief um die Tanne herum, sah hinauf, rieb sich die Augen, lief noch einmal herum, aber die Kugel blieb verschwunden. Ganz außer sich lief er zum Schmied.
»Die drei Fremden haben mir eine Kugel gestohlen!«, rief er.
»Und mir die drei kleinen Zimtschnecken. Sicher haben sie sie aufgegessen«, rief der Schmied.
Auch der Jäger saß unglücklich am Strand. »Sie haben den ganzen Fisch allein aufgegessen. Wie kann man nur so viel auf einmal essen?«
Mit brennenden Füßen humpelte der Bürgermeister zurück nach Hause. »Ach, wäre ich doch nur ein König!«

Am nächsten Morgen verkündete der Bürgermeister: »Die Fremdlinge haben die drei Zimtschnecken vom Schmied aufgegessen!«
Der Schmied nickte, aber der Jäger dachte bei sich: Vielleicht sind sie ihm ausgerissen.
»Sie haben den ganzen Fisch allein aufgegessen!«
Da nickte der Jäger und der Schmied dachte bei sich: Sie werden Hunger gehabt haben.
»Sie haben mir eine Weihnachtskugel gestohlen!«
Der stürmende Sturm wird sie vom Baum gepflückt haben, dachten der Jäger und der Schmied.
»Zur Strafe sollen sie uns eine Kutsche bauen«, verkündete der Bürgermeister und dachte bei sich, dass weder der Schmied, noch der Jäger eigentlich eine Kutsche brauchten. Aber er würde sie ihnen ausleihen, wenn sie ihn darum baten. Dann fuhr er mit seiner Rede fort: »Ich werde Türen und Fenster der einsamen Schmiede versperren und die Arbeit überwachen. Der Schmied und seine schöne Bäckerin backen für sie täglich ein Brot und der Jäger schafft das Holz aus seinem Wald heran.«
Damit war das Urteil gesprochen und alle nickten zufrieden. Nur die drei Fremdlinge nicht.

Auf seinem Rundgang, gleich nach der Urteilsverkündung, fand der Bürgermeister seine fehlende Kugel. »Na so was«, murmelte er. »Wie kommt die denn hierher? Aber dann dachte er sogleich wieder an seine Kutsche, steckte sie in seine Hosentasche und verschwendete keinen einzigen Gedanken mehr an sie. Als ihm kurz darauf auch die drei kleinen Zimtschnecken vom Schmied vor die Füße krochen, steckte er sie ebenfalls in seine Hosentasche und vergaß sie sogleich. Dann lief er zu der einsamen Schmiede und klopfte an die Tür: »Seid ihr fleißig bei der Arbeit?«, fragte er die Fremdlinge.
»Öffne die Tür und die Fenster und schau selbst.«
Das tat der Bürgermeister natürlich nicht, schließlich waren die drei Fremdlinge gefährliche Diebe. Und Diebe gehörten eingesperrt.
So ging es Tag um Tag, bis der Schmied zu stöhnen begann:
»Sie essen so viel. Wir backen und backen und nie haben sie genug! Uns wird schon das Mehl knapp.«
Auch der Jäger seufzte: »Sie brauchen so viel Holz. In meinem Wald gibt es keinen einzigen Baum mehr.«
»Wozu brauchst du einen Wald, wo du doch den ganzen Tag angelst?«, sagte der Bürgermeister und eilte zur Schmiede.
»Seid ihr auch fleißig bei der Arbeit?«, fragte er.
»Öffne die Tür und die Fenster und schau selbst. Es fehlen nur noch 24 Bäume und 24 Brote und in 24 Tagen ist die Kutsche fertig«, antworteten die drei Fremdlinge.
Der Bürgermeister lief zum Jäger und forderte weitere 24 Bäume von ihm.
»Aber ich habe doch keinen einzigen Baum mehr!«, sagte er.
Gemeinsam liefen sie zum Schmied. »Sie brauchen noch 24 Brote«, sagte der Bürgermeister.
»Wenn wir weitere 24 Brote backen, haben wir selbst kein Mehl mehr«, jammerte der Schmied.
»Aber nun ist die Kutsche fast fertig!«, rief der Bürgermeister. »Eine halbe Kutsche nutzt niemanden. Was sind schon 24 Brote gegen eine ganze Kutsche?«
»Aber ich habe wirklich keinen einzigen Baum mehr«, sagte der Jäger.
»Aber der Bürgermeister hat noch 24 Bäume in seinem Garten«, sagte der Schmied.
Und so fällte der Bürgermeister, der nun fast schon ein König war, schweren Herzens seine 24 Weihnachtsbäume.

Nach 24 Tagen öffnete der Bürgermeister die einsame Schmiede und die drei Fremdlinge schoben die größte und schönste Kutsche heraus, die man je auf der Insel gesehen hat. Schnell wurden vier Pferde eingespannt und die Fahrt konnte beginnen. Oh, wie lustig es war. Und als sie auf dem Meer die drei Fremdlinge mit einem Boot davonrudern sahen, waren sie es zufrieden.
»Sie haben mein ganzes Mehl verbraucht«, sagte der Schmied.
»Sie haben meinen ganzen Wald gefordert«, sagte der Jäger.
»Und wegen ihnen musste ich meine Weihnachtsbäume fällen«, sagte der König, der früher ein Bürgermeister war.
»Es ist gut, dass wir sie los sind. Sollen sie nie wieder kommen!«, sagten alle drei.

Als der König, der früher ein Bürgermeister war, am nächsten Tag mit seiner Kutsche um die Insel fuhr, um nachzuschauen, ob noch alles am rechten Platz stand und ob es allen gut ging, traf er den Schmied in der einsamen Schmiede an.
»Was tust du hier?«, fragte er.
»Die schöne Bäckerin hatte kein Brot mehr und wollte von meinen Zimtschnecken essen. Darüber haben wir so das Streiten bekommen, dass sie mich fortgeschickt hat«, jammerte der Schmied, der nun wieder ein Schmied sein musste.
»Das ist ja schrecklich«, murmelte der König in seiner Kutsche und fuhr weiter zum Jäger.
»Ich kann keinen Fisch mehr sehen. Tag für Tag nur Fisch. Und wie ich mir einen Braten schießen wollte, da stand ich in einem Wald ohne Bäume. Auch die Tiere waren alle fort«, jammerte der Jäger, der nun gern wieder ein Jäger sein wollte.
»Das ist ja schrecklich«, murmelte der König und fuhr in seiner Kutsche nach Hause. Dort saß er allein in seinem Garten und vermisste den Glanz seiner Weihnachtsbäume.

Am nächsten Tag bekam der König, der früher ein Bürgermeister war, Besuch vom Schmied: »Ich habe das Mehl für die Brote gegeben. Deshalb gehört die Kutsche mir«, forderte er.
Und auch der Jäger kam vorbei: »Ich habe das Holz gegeben. Die Kutsche gehört mir.«
»Aber sie gehört auch mir«, sagte der König und zeigte auf seinen leeren Garten.
Die drei gerieten in einen heftigen Streit und am Ende sägten sie die Kutsche in drei gleich große Teile. Und weil keiner von ihnen mit nur einem Teil der Kutsche fahren konnte, begannen sie wieder das Streiten. Und sicher streiten sie auch heute noch, wenn sie nicht bereits gestorben sind.
 
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Hey @Fliege,

Es war die Pflicht des Bürgermeisters (Komma?)täglich auf der Insel nach dem Rechten zu sehen.

Und deshalb träumte der Bürgermeister davon(Komma?) ein König (zu) sein.

So ging es Tag um Tag(Komma) bis der Schmied zu stöhnen begann:

»Aber der Bürgermeister hat noch 24 Bäume in deinem Garten«, sagte der Schmied.
seinem

Und als sie auf dem Meer die drei Fremdlinge mit einem Boot davonrudern sahen, waren sie es zufrieden.

Hui, das ist vom Sound her schon fast biblisch. Ich lese das als Parabel, bedeutet eng gefasst: Anfängliche Großzügigkeit der Ureinwohner gegenüber den Fremden wandelt sich bald in Missgunst, weil die geleistete Gastfreundschaft schnell bereut wird. Durch falsche Zuschreibung werden die Fremden diverser Diebstähle beschuldigt, entlastende Beweise werden ignoriert, sie werden eingesperrt und zur Zwangsarbeit verpflichtet. Selbst, dass sie allen Forderungen nur folge leisten, ändert nichts daran, dass sie für alles und jedes die Schuld tragen. Sie können nur verlieren, da Gier und Eigennutz regieren und die machen bekanntlich blind.
Auf der Metaebene wirft das Fragen auf zu unserem Umgang mit Fremden, zu der Bereitschaft zu helfen. Aus welchen Motiven heraus geschieht das oder helfen wir nur, wenn es uns ökonomisch nutzt? Wie genau schauen wir hin und was sind wir bereit zu sehen? Oder mauern wir uns ein, um das zu schützen und zu mehren, was wir haben und wohin führt das?

Das sind substanzielle Fragen, schon auch harter Tobak. Ich habe keine Ahnung, wie Kinder das verköstigen, es gibt da keine positiv besetzte Figur im Text, mit der ich als Leser emotional mitgehe. Auch die Fremden bleiben gesichtslos, ich erfahre nichts über sie. Ihr einziger Fehler ist es, überhaupt auf der Insel zu erscheinen, sie haben quasi keine Handlungsoption, sind nur Spielball und können nur scheitern.
Es endet damit, dass die Idylle umkippt, das Mehl ist alle, die Bäume gefällt, die Tiere verschwunden, die Ureinwohner heillos zerstritten, die einst heile Welt fällt auseinander, es bleibt verbrannte Erde.
Die Moral von der Geschicht ist nicht so einfach herzusagen und das ist eine Stärke des Textes, dass er uns mit der Nase in was stupst und unbequeme Fragen aufwirft, die wir nicht gerne hören.

Ich bin auf weitere Kommentare gespannt, ich finde den Text mutig, peace, linktofink
 
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Hallo @Fliege ,
ja, Fliege, da hast du mal einen rausgehauen.
Ich habe dein gesellschaftskritisches Märchen mit großem Interesse und manch zustimmendem inneren Kopfnicken ( ja so ist‘s) gelesen.

Nur so am Rande:
Bisschen irritiert haben mich die französischen Anführungszeichen bei der Wörtlichen Rede.

Zum Märchen:
Da sind die Fremden, die freundlich aufgenommen werden, das Misstrauen, das ihnen entgegengebracht wird, die Ausbeutung und dass man froh ist, wenn man sie losgeworden ist.
Die aktuellen Gesellschaftsprobleme hast du ganz subtil hinter niedlichen Märchenmerkmalen verpackt.

Aber dann dachte er sogleich wieder an seine Kutsche, steckte sie in seine Hosentasche und verschwendete keinen einzigen Gedanken mehr an sie. Als ihm kurz darauf auch die drei kleinen Zimtschnecken vom Schmied vor die Füße krochen, steckte er sie ebenfalls in seine Hosentasche und vergaß sie sogleich darauf.

Ja, diese „Bürger-Meister“, die alles immer unter den Teppich kehren oder in der Hosentasche verschwinden lassen, damit das politische Versagen nicht ans Licht kommt und ihre Pension gesichert ist.
Du sprichst in deinem Märchen neben dem Größenwahn auch die Feigheit und weggeschobene Verantwortlichkeit in den Reihen der Oberen an.
(König sein wollen/ ich bin es nicht gewesen/niemand ist zuständig, wenn was schief geht/es waren die Sub-Sub-Subunternehmer)

Und so fällte der Bürgermeister, der nun schon fast ein König war, schweren Herzens seine 24 Weihnachtsbäume
….
»Und wegen ihnen musste ich meine Weihnachtsbäume fällen«, sagte der König, der früher ein Bürgermeister war.


Jetzt frag ich mich oder dich:
Wie kommt es, dass der Bürgermeister plötzlich König ist?
Fluppte das so automatisch während der ersten Ausfahrt mit der Kutsche?
Für mich funktioniert die Handlung auch, wenn der Bürgermeister ein Bürgermeister bliebe, sich aber mit einer pompösen Kutsche die Fußwege ersparen wollte.
Es muss ja nicht zwingend in diesem Märchen ein KÖNIG vorkommen.

Falls du aber auf dieser wundersamen Wandlung oder Verwandlung bestehst, lass die Silberkugel in der Hosentasche zaubern!

Eine Lösung für das Bürgermeister-König-Problem könnte auch sein, dass die Einwohner der Insel, die den Bürgermeister zunächst zum König erhoben hätten, weil er sich so intensiv um die Bürger kümmerte, ihn später wieder absetzen, weil sie ihn für den Kahlschlag und den Verlust der Lebensqualität verantwortlich machen.
Trotzdem kann das Ende so bleiben. Die Männer geraten in Streit und zersägen die Kutsche, auf die sie alle Anspruch erheben.

Wegen der spritzigen Idee und der aktuellen Gesellschaftskritik in der vordergründig märchenhaften Handlung ein toller Beitrag zur Challenge.

Und jetzt denke ich über die Überschrift nach und übe, das Wort drölfzigste auszusprechen.
Das ist aber nix für schwere Zungen, meine Liebe!

Lieben Gruß
kathso60
 
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Hey Fliege,

schön, mal wieder was von dir zu lesen :).

Ich finde, du hast das Märchenhafte gut getroffen - liest sich sehr gefällig alles und sprachlich erreichst du damit sicher auch die Krümel unter uns.

@linktofink schreibt:
linktofink schrieb:
... ich finde den Text mutig ...
Da schließe ich mich gerne an, das gefällt mir schon, allerdings halte ich den Text gerade für ziemlich gewagt auch. Muss den deswegen auch noch öfter lesen, den frischen Eindruck will ich dir trotzdem mal hinterlassen.
linktofink schrieb:
Es endet damit, dass die Idylle umkippt, das Mehl ist alle, die Bäume gefällt, die Tiere verschwunden, die Ureinwohner heillos zerstritten, die einst heile Welt fällt auseinander, es bleibt verbrannte Erde.
Die Moral von der Geschicht ist nicht so einfach herzusagen und das ist eine Stärke des Textes, dass er uns mit der Nase in was stupst und unbequeme Fragen aufwirft, die wir nicht gerne hören.
Ja, die Moral der Geschicht ... Tatsächlich ist sie nicht so einfach auszumachen, sehe das auch so. Problematisch dabei, dass der Text ebenso zu folgender Aussage führen könnte: Dort, wo Fremde 'auftauchen, zerbricht die heile Welt' und es bleibt 'nichts, als verbrannte Erde zurück'. Zumindest fänden sich Belege dafür, nicht? Könnte beinahe die Prämisse sein.

Ich würde mal darüber nachdenken, Fliege, und vielleicht etwas entschärfen, indem du vielleicht doch etwas klarer mit der Moral wirst (dass ich das mal so schreibe :silly:), den Fremden ein Gesicht, ein wenig Farbe verleihst, Identifikationsfiguren etablierst ... Keine Ahnung, dir würde sicher was einfallen, wenn du wolltest.

Abgesehen davon, ist das ein prima geschriebener Text, wie ich finde. Vielleicht liegt das mit dem leichten Beigeschmack einfach nur an meinem aktuellen, verqueren Wahrnehmungsfilter gerade. Dann hake das einfach so ab.

Vielen Dank fürs Hochladen

hell
 
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Die Kutsche mit vier oder mehr PS als Statussymbol für den Bürgermeister, der gerne König wäre (warum nicht gleich Kaiser?) und man erinnere sich, wenn ich schon den Ausflug in große Zeiten unternehme, die Karolinger waren bevor sie dem letzten Merowinger die Tonsur schneiden ließen „Hausmeier“ und im engl. ist der Meier (“mayor“) immer noch der Bürgermeister und es ist ein feiner Griff von Dir,

liebste Fliege weit und breit,

eine kleine Insel zum Modell der Menschheitsgeschichte zu machen, deren vorherrschende und wohl obsiegende (weil mutmaßlich alle am westlichen Lebensstil ihre Freude haben) Lebensweise zu machen, wenn Fremde immerhin als potentielle Arbeitskräfte willkommen sind (die Kehrseite zeigstu auch in Verbrauch und Raubbau). Da muss man sich ja Sorgen machen!

Was wäre – so ist zu fragen – wenn Jim Knopf auf dieser Insel gelandet wäre statt auf Lummerland und der Viertel vor Zwölfte nicht merkte, dass es fünf vor zwölf ist?

Tom Morus hätte vllt. auch seine Freude daran

Kleine Flusenlese

Es war einmal ein Bürgermeister, der träumte davon[,] ein König zu sein.

Der stürmende Sturm wird sie vom Baum gepflückt haben, dachten der Jäger und Schmied.
Da fordere ich unverzüglich eine gerechte Sprache!!!! Gleichberechtigung für den Schmied! Und ruf: Jedem sein Artikel! Und nun alle zusammen: Jedem sein Atikel! Und in die Hände geklatscht "jedem sein ..." im Rhythmus!!!!

Aber er würde sie ihnen ausleihen, wenn sie ihn darum baten.
Ist er ein Schlitzohr, dass man dem Indikativ („baten“) den Konjunktiv II von „werden“ gegenüberstellen muss statt des einfachen Futur, das ja auch nur von binärer Wertigkeit ist (er wird oder er wird eben nicht, da gibt‘s nix halbes) ist.

Als ihm kurz darauf auch die drei kleinen Zimtschnecken vom Schmied vor die Füße krochen, steckte er sie ebenfalls in seine Hosentasche und vergaß sie sogleich darauf.


Entweder „vergaß sie sogleich“ oder „vergaß sie gleich darauf“ ...

Wie dem auch wird - gern gelesen vom

Friedel,

der noch'n schönes Wochenende, wenn auch nicht gleich einem Backofen wünscht!
 
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Hallo @Fliege

Der Sturm beginnt als mächtiger. Dann wird er zum stürmischen Sturm und das bleibt er dann. Das ist wie eine Namensgebung. Das ist im Ton schön, aber für mich geht es doch zu sehr in Richtung „weißer Schimmel“. Da würde mir eben „mächtiger“ oder „wilder“ Sturm“ besser gefallen. Aber das ist nicht wirklich wichtig.

Sonstige Gedanken:

„Es war einmal….Toll, endlich ein richtiges Märchen! Und dann die kleine Insel in der Mitte des Ozeans, das Bürgermeisterhaus in der Mitte der Insel, die Stimmung, eine Mischung aus Idyll und Langeweile. Einfache aber lustige und phantasievolle Details wie die Zimtschnecken. An was erinnert mich das? An Lummerland mit seinem Leuchtturm? Und auch im Ton erinnert mich da vieles an ein Lieblingskinderbuch.
Klar ist in einer Kurzgeschichte kein Platz für einen Jim Knopf, eine Prinzessin, eine Lokomotive mit Kind und einen Scheinriesen.
Dafür für eine himmelschreiende Geschichte, die leider nicht mehr viel Poesie hat. Und jetzt geht’s dahin mit meinen schönen Erinnerungen. Da hilft auch die Sprache nichts und nicht die Zimtschnecken. Jetzt wird es richtig böse. Gastfreundschaft endet bei den ersten kleinen Opfern, die Fremden sind an allem Unglück schuld wie früher die Zigeuner. Und am allerübelsten: Die Wahrheit bleibt auf der Strecke, selbst wenn sie erkannt wird. Weil sie nicht opportun ist.
Gut, dass es das alles heute nicht mehr gibt.
Wenigstens folgt die Strafe auf dem Fuß.
Da hast du eine ganz besondere Geschichte geschrieben, Fliege!

Sehr gern gelesen…

wander
 
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Liebe @Fliege ,
ich zitiere mal nichts, weil ... wirst schon sehen.
Zuerst aber mal eine Entschuldigung an jene, deren Geschichte ich schon gelesen habe, ohne (bisher!) zu kommentieren. Das hier brennt mir einfach unter den Nägeln, wie der Volksmund so sagt. Und was bin ich mehr?

Die gelinde Aufregung, die sich hier abzeichnet, vermag ich nicht zu teilen. Wir muten unseren Nachkommen zu, in einer Welt zu leben, die genau so ist, wie hier beschrieben, aber keine Geschichte, die eine Welt beschreibt, die genau so ist, wie hier beschrieben. Merkwürdig.

Was der Mehrung des Wohlstands dient, ist legitim, ungeachtet der Folgen. Vor allem, wenn die vermeintlich in weiter Zukunft liegen und das eigene Vorankommen nicht behindern. Schuldige finden sich immer. Am besten unter denen, die sich am wenigsten wehren können, weil sie eben "die" sind und nicht "wir".

Ob das Sechsjährige verstehen oder nicht, ist gar nicht entscheidend. Wenn da Fragen aufkommen, die jahrelang im Kopf rumgeistern, ist das umso besser. Sich mitten in der Adoleszenz bewusst zu werden, was die Tante damals "damit" gemeint hat, ist doch Gold wert. Ich lieb(t)e solche Momente.

Das Attribut "Mut" teile ich, wenn dir auch kein Ungemach droht, weil alles gut gemacht und die Sache an sich also gelungen ist. Es ist doch längst an der Zeit, dass Märchen nicht mehr von Prinzessinnen handeln oder in angeratenes Wohlverhalten münden. Vielleicht werden das bessere Zeiten sein, in denen das der kindlichen Erwartung entspricht. Hoffentlich. Bestimmt.

Hab ich gern gelesen und noch gerner dran geknabbert.
Haste fein gemacht!

Liebe Grüße
Joyce
 
Wortkrieger-Globals
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24.01.2009
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Hey @linktofink,

das war ja wahnsinns Erstkommentar! So schnell dazu auch noch. Und ich war so erleichtert, als ich deine Zeilen las. Irgendwie war ich mir extrem unsicher bei dem Text wie schon lang nicht mehr. Habe tausend Dank!
Fangen wir bei der Fehlerliste an - alles abgearbeitet (merci!) außer:

Und als sie auf dem Meer die drei Fremdlinge mit einem Boot davonrudern sahen, waren sie es zufrieden.

Ach, ich mag das "es zufrieden". Das klingt so hübsch alt irgendwie.

Ich lese das als Parabel, ....
Ja, das bietet sich auch irgendwie an ...

bedeutet eng gefasst: Anfängliche Großzügigkeit der Ureinwohner gegenüber den Fremden wandelt sich bald in Missgunst, ... dass sie für alles und jedes die Schuld tragen. Sie können nur verlieren, da Gier und Eigennutz regieren und die machen bekanntlich blind.
Einfach nur: ja.

Auf der Metaebene wirft das Fragen auf zu unserem Umgang mit Fremden, zu der Bereitschaft zu helfen. Aus welchen Motiven heraus geschieht das ...
Und auch damit hast Du mich sehr glücklich gemacht. Ich habe das ganz oft gelesen und mich so gefreut, dass Du es so gelesen hast.

Ich habe keine Ahnung, wie Kinder das verköstigen, es gibt da keine positiv besetzte Figur im Text, mit der ich als Leser emotional mitgehe.
Das weiß ich auch nicht. Je älter, je mehr kann man im Text entdecken, das ist klar. Ab welchem Alter Kinder einen Sinn für Ungerechtigkeit entwickeln ... ich schätze schon sehr früh. Aber ab wann sie diese aus dem Text heraus auch erfassen, keine Ahnung. Wenn sie es jedoch tun, dann ist das Ende eine gute Entschädigung, gerade, weil es kein Happy End ist. Ob sie allerdings überhaupt bis dahin kommen oder schon vorher gelangweilt aussteigen, große Frage das.

Auch die Fremden bleiben gesichtslos, ich erfahre nichts über sie. Ihr einziger Fehler ist es, überhaupt auf der Insel zu erscheinen, sie haben quasi keine Handlungsoption, sind nur Spielball und können nur scheitern.
Ja.

Die Moral von der Geschicht ist nicht so einfach herzusagen und das ist eine Stärke des Textes, dass er uns mit der Nase in was stupst und unbequeme Fragen aufwirft, die wir nicht gerne hören.
Boah! Das hänge ich mir an die Wand.

Ich bin auf weitere Kommentare gespannt, ich finde den Text mutig,
Ich auch. Mutig .... na ja, weiß nicht. Mein Ansatz war eher, dass ich irgendwie was ganz anderes schreiben wollte als die J-asper Geschichte. Und es ist auch ganz anders als alles andere, was ich bisher so geschrieben hab. Insofern war es ein Experiment und ich bin bis hier ganz zufrieden damit.

Hey @kathso60,

Ich habe dein gesellschaftskritisches Märchen mit großem Interesse und manch zustimmendem inneren Kopfnicken ( ja so ist‘s) gelesen.
Das freut mich so und vielen, lieben Dank auch an Dich für Zeit und Zeilen.

Nur so am Rande:
Bisschen irritiert haben mich die französischen Anführungszeichen bei der Wörtlichen Rede.
Ich mag die lieber und in den Romanen findet man sie eigentlich nur noch. Mein Leseauge hat sich echt an die gewöhnt.

Die aktuellen Gesellschaftsprobleme hast du ganz subtil hinter niedlichen Märchenmerkmalen verpackt.
Ja, so war der Plan. Obwohl, stimmt nicht, der war eigentlich ein bisschen anders, aber irgendwie hat sich das so entwickelt.

Ja, diese „Bürger-Meister“, die alles immer unter den Teppich kehren oder in der Hosentasche verschwinden lassen, damit das politische Versagen nicht ans Licht kommt und ihre Pension gesichert ist.
Du sprichst in deinem Märchen neben dem Größenwahn auch die Feigheit und weggeschobene Verantwortlichkeit in den Reihen der Oberen an.
Schöne Lesart von Dir.

Wie kommt es, dass der Bürgermeister plötzlich König ist?
Fluppte das so automatisch während der ersten Ausfahrt mit der Kutsche?
Ja, so habe ich mir das gedacht. Er sagt ja auch am Anfang, wenn ich eine Kutsche hab, bin ich ein König. Für ihn ist Kutsche = König. Ich weiß, das ist schräg, aber hier ist so einiges schräg. Deshalb war ich auch so extrem unsicher, wie sich das ausgeht mit dem Text und dem Leser. Über die Brücke bist Du mir also nicht gefolgt. Ich behalte das im Auge. Mal schauen, ob daran noch mehr hängen bleiben.

Eine Lösung für das Bürgermeister-König-Problem könnte auch sein, dass die Einwohner der Insel, die den Bürgermeister zunächst zum König erhoben hätten, weil er sich so intensiv um die Bürger kümmerte, ihn später wieder absetzen, weil sie ihn für den Kahlschlag und den Verlust der Lebensqualität verantwortlich machen.
Ja, aber wäre mir zu kompliziert. Lieber bleibt er was er ist. Aber ich würde schon sehr um den König weinen.

Und jetzt denke ich über die Überschrift nach und übe, das Wort drölfzigste auszusprechen.
Das ist aber nix für schwere Zungen, meine Liebe!
Hehe. Entschuldige bitte. Das war eigentlich so gar nicht meine Absicht.


Hey @hell,

schön, mal wieder was von dir zu lesen.
Das gebe ich doch gern zurück! Ich freue mich sehr, Dich hier wieder anzutreffen. Richtig dolle sogar.

Ich finde, du hast das Märchenhafte gut getroffen - liest sich sehr gefällig alles und sprachlich erreichst du damit sicher auch die Krümel unter uns.
Das wäre ja immerhin etwas. Ob sie es trotzdem bis zum Ende hören wollen oder zwischenzeitlich gelangweilt aussteigen, ich weiß es nicht ...

Ja, die Moral der Geschicht ... Tatsächlich ist sie nicht so einfach auszumachen, sehe das auch so. Problematisch dabei, dass der Text ebenso zu folgender Aussage führen könnte: Dort, wo Fremde 'auftauchen, zerbricht die heile Welt' und es bleibt 'nichts, als verbrannte Erde zurück'. Zumindest fänden sich Belege dafür, nicht? Könnte beinahe die Prämisse sein.
:eek: Nicht wahr! Ich habe doch nun wirklich alles getan um sie aller Schuld zu entheben. Und da muss man ja über so viel hinweglesen, damit man zu diesem Schluss kommt. Aber ich schwöre, wenn sich da noch mehr Leute mit dieser! Lesart finden, hau ich das Ding in die Tonne. Aber sofort.

... den Fremden ein Gesicht, ein wenig Farbe verleihst, Identifikationsfiguren etablierst ... Keine Ahnung, dir würde sicher was einfallen, wenn du wolltest.
Was weder am Verlauf, noch am Ende etwas ändern würde. Sie hätten einen Namen und ein Gesicht. Und dann? Sie werden trotzdem den Schuldschuh angzogen bekommen und die Erde wird verbrannt bleiben.

Vielleicht liegt das mit dem leichten Beigeschmack einfach nur an meinem aktuellen, verqueren Wahrnehmungsfilter gerade. Dann hake das einfach so ab.
Ist ja immer einfach zu sagen, der Leser ist schuld. Und Du bietest mir das auch noch so schön auf dem Silbertablett an ... aber ich war wirklich erschrocken und kann nur hoffen. Und ich hoffe, kannste wissen.


Liebster @Friedrichard,

Die Kutsche mit vier oder mehr PS als Statussymbol für den Bürgermeister, ...
Ja, da lachen andere Bürgermeister herzlich drüber, aber das weiß der meinige ja nicht.

Lieben Dank für deinen Besuch. Du weißt, dass ich mich darüber freue. Immer wieder!

eine kleine Insel zum Modell der Menschheitsgeschichte zu machen,
Menschheitsgeschichte finde ich ja zu hoch gegriffen, aber der Menschen Dummheit allemal. Und die gibt es wahrscheinlich auch schon so lang, wie des Menschens Geschichte.

... wenn Fremde immerhin als potentielle Arbeitskräfte willkommen sind (die Kehrseite zeigstu auch in Verbrauch und Raubbau). Da muss man sich ja Sorgen machen!
Auf jeden Fall. Also, ich mache mir eine Menge Sorgen.

Kleine Flusenlese
Mach mich gleich an die Arbeit, die Flusen zu entfernen. Danke Dir fürs Aufräumen.

Und nun alle zusammen: Jedem sein Atikel! Und in die Hände geklatscht "jedem sein ..." im Rhythmus!!!!
:lol: Dabei habe ich das eigentlich schon mal gelernt ...


Hey @wander,

und auch an Dich meinen herzlichsten Dank!

Das ist im Ton schön, aber für mich geht es doch zu sehr in Richtung „weißer Schimmel“.
Ich weiß, aber ich mag den Sound! Ich mag ihn soooo sehr. Selbst wenn's Unsinn ist.

Da würde mir eben „mächtiger“ oder „wilder“ Sturm“ besser gefallen. Aber das ist nicht wirklich wichtig.

Toll, endlich ein richtiges Märchen! Und dann die kleine Insel in der Mitte des Ozeans, ...
Dafür für eine himmelschreiende Geschichte, die leider nicht mehr viel Poesie hat. Und jetzt geht’s dahin mit meinen schönen Erinnerungen. Da hilft auch die Sprache nichts und nicht die Zimtschnecken. Jetzt wird es richtig böse.
Ja, sorry dafür. Aber ich dachte, ich mach mal einfach alles kaputt. Böse Fliege!

Gastfreundschaft endet bei den ersten kleinen Opfern, die Fremden sind an allem Unglück schuld wie früher die Zigeuner. Und am allerübelsten: Die Wahrheit bleibt auf der Strecke, selbst wenn sie erkannt wird. Weil sie nicht opportun ist.
Nicht schön. Deshalb habe ich ihnen auch alles weggenommen. Weil sie es verdient haben.

Wenigstens folgt die Strafe auf dem Fuß.
Genau! So muss das sein. Jedenfalls im Märchen, wo wir wieder beim Anfang sind.

Da hast du eine ganz besondere Geschichte geschrieben, Fliege!
Das freut mich sehr!

Lieber @linktofink und lieber @wander - Eure Geschichten habe ich bereits gelesen und da ich nun mit der meinigen fertig bin, ist mehr Zeit für Kommentare. Allerdings erst ab Mitte nächster Woche. Vorher ist richtig schlecht mit der Zeit.
Liebe @joycec auch Dir schon mal ganz viel Danke, Du schriebst, während ich schrieb. Vielleicht schaffe ich es morgen noch, wenn nicht, sei mir bitte nicht böse, dann sogleich, wie ich dazu komme. Versprochen.

Euch allen ganz liebe Grüße und nochmals D A N K E!

Fliege
 
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Hallo @Fliege

Als die drei Fremden zu sich kamen, brachte man sie zum Jäger und sie aßen den ganzen Fisch auf.

Hier frage ich mich: warum bleiben die Fremdlinge (ich denke unweigerlich an Flüchtling, Kinder vielleicht nicht) so merkwürdig blass. Keiner von ihnen sagt etwas, sie sind quasi nichts weiter als Mittel zum Zweck. Wenn man die Geschichte böse auslegen wollte, könnte man behaupten, die Fremdlinge seien an allem schuld, schließlich begann der Ärger mit ihrer Ankunft.

Ich glaube aber, dass die Moral deiner Geschichte eher in richtung ‘habgier lohnt sich nicht‘ gehen soll.

insgesamt, als Parabel gesehen, würde ich den Text stärker formalisieren und strukturieren. Ich meine damit, dass die originellen Ideen mit den Weihnachtsbäume, den zimtschnecken und dem drölfzigsten Geburtstag auf mich eher verwirrend und vom Kern der Geschichte ablenkend wirken. Ich hatte beim lesen jedenfalls so viele Bilder im Kopf, die für mich aber nicht zusammenpassten. Ich wartete beim lesen darauf, dass diese Objekte Zueinander in Beziehung gesetzt würden aber das passierte nicht. Sie sind mE willkürlich gewählt und dann würde ich eher banale, alltägliche Objekte wählen um den Fokus mehr auf die eigentliche Handlung zu lenken.

LG,
HL
 
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Hallo Fliege, bist gerade (hoffentlich) auf Wanderschaft und lässt es dir gut gehen. Jedenfalls habe ich heute Nacht doch glatt von dir geträumt. Wir waren zusammen auf einem riesigen Jahrmarkt. Und dann dachte ich, schaust du doch noch mal rein in die Geschichte und in die Kommentare.
Liebe Fliege ein großes Lob für das Märchen, das sehr kritisch und trotzdem märchenhaft rüberkommt. Ich finde es großartig. Und eine echte Bereicherung für die Challenge, weil es ähnlich wie wanders Geschichte thematisch so ganz anders gelagert ist.

Aber zunächst einmal noch einen lieben Gruß an @hell (schön, dass du wieder da bist) und an @HerrLehrer . Eure kritische Anmerkung hat mich irritiert:
Dort, wo Fremde 'auftauchen, zerbricht die heile Welt' und es bleibt 'nichts, als verbrannte Erde zurück'.
Wenn man die Geschichte böse auslegen wollte, könnte man behaupten, die Fremdlinge seien an allem schuld, schließlich begann der Ärger mit ihrer Ankunft.
Ihr beide seht die Gefahr, dass die Geschichte missverständlich aufgefasst werden könnte. Aber muss man denn nicht, um zu diesem Schluss zu kommen, etwa dreiviertel des Märchens wegstreichen? So ziemlich alles, was in der Geschichte nach dem Auftauchen der drei Fremden vorkommt, außer Acht lassen, um diese Gefahr zu sehen? Also die grundlosen Verdächtigungen der Einwohner; die Entkräftung der falschen Verdächtigungen; das Verschweigen der Wahrheit durch die Einwohner, die sich selbst nur allzu gut kennen; die Ausbeutung Fremder. Ich könnte das noch fortsetzen: Die Einwohner entlarven sich selbst in ihrer Eitelkeit, ihrer Gier und ihrem Trachten nach Reichtum, der Kutsche, dass sie zum Schluss durch sich selbst eins auf die Mütze kriegen. Und ist denn diese Gier nicht auch vorher schon da, denn der Bürgermeister will unbedingt eine Kutsche haben ob mit oder ohne Fremde?
Was mich andererseits irritiert, das ist, wenn ihr zwei schon diese Gefahr seht, ob Kinder das dann wohl alles verstehen? Hmmm. In diesem Fall wäre ich echt froh, ich hätte grad mal ein Urenkelchen, dem ich das vorlesen und danach mit ihm sprechen könnte. Ich würde euch erzählen, was passiert.

Wenn die Sorge überwiegt, dass das Märchen missverstanden wird, dann könnte man vielleicht hier was ändern:
Ob alles noch am rechten Platz stand und ob es allen Bewohnern gut ging. Aber immer ging es allen gut und immer stand alles am rechten Fleck. Diese Rundgänge waren die reinste Zeitverschwendung. Und deshalb träumte der Bürgermeister davon, ein König zu sein. Denn Könige mussten keine albernen Spaziergänge machen. Könige fuhren mit einer Kutsche!
Hier ist das Motiv des Bürgermeisters, die Kutsche haben zu wollen, eigentlich nur Langeweile und Faulheit. Und den Satz, dass es immer allen gut ging und am rechten Fleck stand, könnte man auch etwas abändern.

Also irgendwie und insgesamt kann ich es mir trotzdem nicht vorstellen, dass Kinder nicht merken sollen, dass der Bürgermeister lügt, was das Zeug hält, und alles tut, um seine Kutsche zu kriegen und dass die Fremden keineswegs dran schuld sind, wenn keine Bäume mehr da sind, sondern eingesperrt und ausgenutzt worden sind, dass die Schwarte kracht .

Ich melde mich ggf später noch mal, falls ich noch Details zur Geschichte habe oder finde.
Ansonsten finde ich einfach, dass du da ein geniales Märchen geschrieben hast, das auf eine wenig moralische Weise, sondern verspielt und fantasievoll den Finger auf die Wunde legt. Hut ab.
Lieben Gruß von Novak
 
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Hey @joycec,

und Danke für deinen Kommentar und auch deine Sichtweise.

Die gelinde Aufregung, die sich hier abzeichnet, vermag ich nicht zu teilen.
Ich auch nicht, obwohl ich mein Fokus gerade etwas anders gelagert ist.

Wir muten unseren Nachkommen zu, in einer Welt zu leben, die genau so ist, wie hier beschrieben, aber keine Geschichte, die eine Welt beschreibt, die genau so ist, wie hier beschrieben. Merkwürdig.
Ein schöner Satz, über den sich m.M.n. zu diskutieren lohnt, wobei ich ganz auf deiner Seite bin. Aber Bücher sind auch für die Erwachsenen Alltagsfluchthelfer (nicht umsonst nimmt die Unterhaltung so viel mehr Raum im Verlagsgeschäft ein als die Literatur - wie immer man sie auch definiert). Das Bedürfnis ist hoch und auch Kindern will ich dieses gern zugestehen und es soll auch bedient werden. Aber ich finde es auch schwierig, gerade Kindern nur eine heile Welt vorzuspielen, in der sie ganz und gar nicht leben. Diesen Ansatz halte ich für mehr als grenzwertig. Ich finde, beidem sollte Rechnung getragen werden.

Was der Mehrung des Wohlstands dient, ist legitim, ungeachtet der Folgen. Vor allem, wenn die vermeintlich in weiter Zukunft liegen und das eigene Vorankommen nicht behindern. Schuldige finden sich immer. Am besten unter denen, die sich am wenigsten wehren können, weil sie eben "die" sind und nicht "wir".
Eben.

Ob das Sechsjährige verstehen oder nicht, ist gar nicht entscheidend.
Mir wäre schon wichtig, dass Kinder nicht mit der Erkenntnis entlassen werden, die Fremden sind an allem Schuld. Das wäre übel, auch wenn ich dem nicht so recht glauben will. In dem Fall könnte ich das Alter zwei, drei Jahre hochsetzen. Das man mit zunehmendem Alter mehr und mehr findet, empfinde ich tatsächlich auch als einen schönen Effekt. Vielleicht sogar noch stärker, weil sie eben kaum einen materiellen Wert besitzen.

Wenn da Fragen aufkommen, die jahrelang im Kopf rumgeistern, ist das umso besser. Sich mitten in der Adoleszenz bewusst zu werden, was die Tante damals "damit" gemeint hat, ist doch Gold wert. Ich lieb(t)e solche Momente.
Ich auch!

Es ist doch längst an der Zeit, dass Märchen nicht mehr von Prinzessinnen handeln oder in angeratenes Wohlverhalten münden.
:) Aber Prinzessinnen sind schon auch cool für die Minis. Allerdings sollte sich die Welt nicht ausschließlich nur um sie drehen. Oder um Einhörner oder um ...

Hab ich gern gelesen und noch gerner dran geknabbert.
Haste fein gemacht!
Freut mich sehr!


Hey @HerrLehrer,

ja, das war ja mal ein Leseeindruck, der mir glatt die Sprache genommen hat. Aber gut, Du hast ihn und vielleicht geht es anderen auch so, dann habe ich ein ernsthaftes Problem. @hell ging ebenfalls in diese Richtung. Aber eine Frage, hast Du das so gelesen oder denkst Du, es besteht die Gefahr, dass Kinder sie so verstehen könnten? Das macht schon einen feinen Unterschied. Denn ich mag es fast nicht glauben, ich traue den Kindern da durchaus zu, zu bemerken, dass der Bürgermeister kein lieber Mensch ist. In jedem Fall natürlich ein Punkt, der dringend Klärung bedarf. Was ich an Argumenten dagegen zu setzen habe, hat Novak bereits geschrieben.

Hier frage ich mich: warum bleiben die Fremdlinge (ich denke unweigerlich an Flüchtling, Kinder vielleicht nicht) so merkwürdig blass.
Weil es völlig egal ist, ob sie groß, klein, alt, jung, männlich oder weiblich sind. Ihre Hautfarbe, Religion, Kultur spielt überhaupt keine Rolle. Ihr Charakter, ob nett oder fies, ebenfalls nicht. Denn egal wie, sie würden alle das gleiche Schicksal auf der Insel erleiden. Und das sehe ich eher als Vorteil, denn als Nachteil.

Ich meine damit, dass die originellen Ideen mit den Weihnachtsbäume, den zimtschnecken und dem drölfzigsten Geburtstag auf mich eher verwirrend und vom Kern der Geschichte ablenkend wirken. Ich hatte beim lesen jedenfalls so viele Bilder im Kopf, die für mich aber nicht zusammenpassten.
Du meinst, ich soll die Märchenelemente aus dem Märchen streichen? Du willst, dass ich alltägliche Dinge dafür einsetze. Die Fremden sollen zu Individuen werden. Was Du Dir wünscht, wäre ein individuelles Flüchtlingsdrama, aber das wäre ein komplett anderer Text.

Ich wartete beim lesen darauf, dass diese Objekte Zueinander in Beziehung gesetzt würden aber das passierte nicht. Sie sind mE willkürlich gewählt ...
Verstehe ich nicht. Wozu? Klar kann man Zimtschnecken auch durch was anderes ersetzen und die Kugel ebenfalls - aber was ändert das? Was auch immer man einsetzt, ihre Funktion ist es, dass die Bewohner dran hängen und sie als Vorwand für die "Dienstahlsbezichtigung" dienen. Und diese Aufgabe erfüllen aus meiner Sicht Kugel und Zimtschnecke genau wie Porsche und Schmuck.

Ja, ich bin gerade sehr irretiert. Immerhin :). Danke für deine Zeit und deine Zeilen.


Liebe @Novak,

Jedenfalls habe ich heute Nacht doch glatt von dir geträumt. Wir waren zusammen auf einem riesigen Jahrmarkt.
Ach, das wäre schön! Ich wäre gern dabei gewesen :).

Liebe Fliege ein großes Lob für das Märchen, das sehr kritisch und trotzdem märchenhaft rüberkommt. Ich finde es großartig. Und eine echte Bereicherung für die Challenge, weil es ähnlich wie wanders Geschichte thematisch so ganz anders gelagert ist.
Jetzt bin ich aber froh und erleichtert. Und weil dein Kommentar mir so ziemlich alles abgenommen hat, was ich hätte auch geschrieben ... ist so viel schöner, wenn es nicht von mir kommt. Danke, Danke, Danke!

Aber muss man denn nicht, um zu diesem Schluss zu kommen, etwa dreiviertel des Märchens wegstreichen? So ziemlich alles, was in der Geschichte nach dem Auftauchen der drei Fremden vorkommt, außer Acht lassen muss, um diese Gefahr zu sehen?
Das finde ich nämlich auch.

Was mich andererseits irritiert, das ist, wenn ihr zwei schon diese Gefahr seht, ob Kinder das dann wohl alles verstehen? Hmmm. In diesem Fall wäre ich echt froh, ich hätte grad mal ein Urenkelchen, dem ich das vorlesen und danach mit ihm sprechen könnte. Ich würde euch erzählen, was passiert.
Und auch da, bin ich ganz bei Dir. In meinem Fall komme ich erst in ein paar Wochen ans Testkind heran. Und falls sich bis dahin noch keines gefunden hat, werde ich berichten.

Also irgendwie und insgesamt kann ich es mir trotzdem nicht vorstellen, dass Kinder nicht merken sollen, dass der Bürgermeister lügt, was das Zeug hält, um seine Kutsche zu kriegen und dass die Fremden keineswegs dran schuld sind, wenn keine Bäume mehr da sind, sondern eingesperrt und ausgenutzt worden sind, dass die Schwarte kracht .
Ich bin ja davon überzeugt, dass Kinder das können, sonst hätte ich es nicht so geschrieben. Und ich hoffe einfach (weniger aus Eigeninteresse), dass dem so ist. Denn wenn nicht, ist mein Bild vom schlauen, pfiffigen Kind kaputt und das würde mich schon arg deprimieren.

Ich melde mich ggf später noch mal, falls ich noch Details zur Geschichte habe.
Ich bin Dir schon so dankbar, glaubst Du gar nicht.

Ansonsten finde ich einfach, dass du da ein geniales Märchen geschrieben hast, das auf eine wenig moralische Weise, sondern verspielt und fantasievoll den Finger auf die Wunde legt. Hut ab.
Das nehme ich jetzt einfach so, wie es da steht und lass mir die Freude darüber nicht kaputt reden.

Liebe Grüße an Euch drei!
Fliege
 
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Hej @Fliege ,

da hast du genau den richtigen Märchenton gefunden und das Thema Fremdenfreindlichkeit (ein Wort das den Wechsel beschreiben könnte vom Freund zum Feind, obwohl es in Wirklichkeit ein ungeschickter Tippfehler war :D). Und es ist schön zu lesen, dass sie für immer funktionieren, wenn es ohne Zeigefinger gilt, einen Missstand zu verdeutlichen. Hier zuzüglich die Gier und die Ausbeutung einzelner. Wobei das Alter der Zielgruppe beinahe so dehnbar ist wie das auf den Ravensburger Gesellschaftsspielen.

Dort angekommen, fütterte der Schmied gerade seine Schnecken mit Zucker und Zimt.
»Heute Nacht sind drei kleine Zimtschnecken geschlüpft«, rief er begeistert dem Bürgermeister zu.

Was für eine wundervolle Idee :kuss:! Insgesamt finde ich überhaupt, dass du durch die Abstraktion der Besitztümer, wie die kugelbehängten Weihnachtsbäume das Drama vom Ernst der Lage fern - bzw. freihältst. Gut bewerkstelligt. Im Grunde ist es ja immer ein Trugschluss und dämliche Ausrede, dass die Fremden den anderen irgendetwas wegnehmen. Ebenso das Alter aller. Wer war nicht mal drölf? :shy:

Im Westen gab es eine große Wiese und wie der Bürgermeister sich an seinem drölfzigsten Geburtstag nach einem Gänseblümchen bückte, fiel sein Blick auf drei Gestalten, die mitten auf der Wiese lagen.

Prima, im Westen mal was Neues. Gestrandete, Hilfesuchende, ehrbare Leute, die die Gastfreundschaft annehmen und dafür bezahlen ... müssen.

»Wie kommt die denn hierher? Aber dann dachte er sogleich wieder an seine Kutsche, steckte sie in seine Hosentasche und verschwendete keinen einzigen Gedanken mehr an sie.

Okay, der Teppich wäre deutlicher, aber der Bürgermeister kommt ja nicht aus 1000 und einer Nacht, da muss die Hosentasche genügen.

»Aber nun ist die Kutsche fast fertig!«, rief der Bürgermeister. »Eine halbe Kutsche nutzt niemanden. Was sind schon 24 Brote gegen eine ganze Kutsche?«

Für einen Moment dachte ich (mit dem Bauch), dass auch hier eine deutliche und konsequente Wiederholung von einer halben Kutsche gefälliger klingen würde. Also: nun ist die halbe Kutsche fast fertig.

Was mich allerdings etwas, sagen wir mal zerstreut zurücklässt ist, warum gehen die Fremden nach getaner Arbeit am Ende wieder und was bedeutet das? Am Ende bleibt bei mir genauso viel Unwohlsein wie Freude, einerseits über die Dosis des Gifts der Gemeinheiten, als auch über die Freude der Leichtigkeit, in die du das Dilemma gewickelt hast.

Vielen Dank für dieses kluge Märchen. Kanji
 
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Oh je, Fliege,

mir liegt und lag es fern, dich zu verunsichern. Beinahe habe ich ein schlechtes Gewissen :shy:. Eigentlich wollte ich gar nichts mehr dazu schreiben, ich möchte da jetzt auch kein Politikum drum machen und hoffe auch, kein Stein ins Rollen gebracht zu haben.
Natürlich gehe ich mit deinen und @Novak s Argumenten konform, klar. Man muss schon viel ignorieren im Text, um zu dem Schluss zu kommen: Dort, wo Fremde 'auftauchen, zerbricht die heile Welt' und es bleibt 'nichts, als verbrannte Erde zurück.
Ich habe halt im Kopf, was wenn ein Krümel fragt: Was, wenn die Fremden nicht gekommen wären? Könnte ja eine naheliegende Frage sein, nicht? Der Text liefert nun mal folgende Antwort:
... immer ging es allen gut und immer stand alles am rechten Fleck.
Man könnte meinen, der Jäger hätte weiterhin seinen Wald, den Fisch und Braten, wenn er wollte. Der Schmied wäre womöglich schon verheiratet, würde vielleicht nicht nur kleine Zimtschneckchen großziehen, und sie hätten immer genug zu Essen. Der Bürgermeister wäre Bürgermeister und könnte sich weiter an seinen Hängenden Gärten der Semiramis erfreuen.
Interessant daher tatsächlich, ob Kinder diese einfache, naheliegende Frage nicht stellen würden (meine sind zu alt, an denen kann ich das leider nicht testen). Interessanter noch, wie man ihnen darauf antworten soll. Stimmt schon, der Text liefert genügend Anhaltspunkte dafür, dass die Fremden schuldlos sind; aber eben auch den oben erwähnten.
Und mal so am Rande, aus Sicht eines Erwachsenen: Denke ich an eine Versammlung des ozeanischen Inselstaates, könnte die Frage auch von windigen Oppositionellen gestellt werden, was unter Umständen zur Spaltung der Bevölkerung führen könnte :silly:.

Fliege schrieb:
HL schrieb:
Hier frage ich mich: warum bleiben die Fremdlinge (ich denke unweigerlich an Flüchtling, Kinder vielleicht nicht) so merkwürdig blass.
Weil es völlig egal ist, ob sie groß, klein, alt, jung, männlich oder weiblich sind. Ihre Hautfarbe, Religion, Kultur spielt überhaupt keine Rolle. Ihr Charakter, ob nett oder fies, ebenfalls nicht. Denn egal wie, sie würden alle das gleiche Schicksal auf der Insel erleiden. Und das sehe ich eher als Vorteil, denn als Nachteil.
Verstehe ich. Mir ging es halt um Identifikationsfiguren, Sympathieträger und so. Ich glaube, dass Gesichtslose, Unbekannte löst nun mal Abwehrreaktionen, Unsicherheiten, Ängste hervor. Und das nicht nur bei den Kleinsten. Das erklärt ja auch das Verhalten der genannten Insulaner. Bekommen die Figuren ein Gesicht, wird ersichtlich, dass es sich um echte Menschen handelt - wie du und ich - mit allen Nöten, Sorgen, Charaktereigenschaften, verliert sich doch oft auch die Angst vor dem Unbekannten. Dann fällt es doch schwerer, unberechtigte Schuldzuweisungen zu machen. Du willst vielleicht genau darauf auch hinaus im Text. Nur, könnten in diese Schuldzuweisungsfalle nicht auch die Kids treten? Überfordert sie die komplexe Geschichte und die kluge Herangehensweise von dir womöglich?
Die Frage ist auch: Was will dein Text? Was ist die Moral der Geschicht? Geht es um Gier, Ausbeutung, Reichtum und Macht? Um "Zuwanderung", "Fremdenfeindlichkeit"? Und wie hängt das dann zusammen? Ist ein komplexes Thema, meine ich, schon in der Literatur für Erwachsene, für Kinder weniger minder, denke ich. Ein Minenfeld auch.

Aber wie schon geschrieben, ich bin mir abschließend selbst noch nicht so im Klaren darüber, was ich davon halten soll, bin da irgendwie zwiegespalten auch. Auf der einen Seite feiere ich deine Herangehensweise, finde das alles sauber, schlüssig, charmant und lehrreich, das ganze Jim-Knopf-Setting und so gefällt mir auch wahnsinnig gut. Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, man sollte womöglich - wie bereits im ersten Komm erwähnt - ein paar Vorkehrungen treffen, um die Frage 'Was, wenn die Fremden nicht gekommen wären?' besser beantworten zu können. Ich meine, @Novak, hat 'ne ganz gute Passage gefunden. Vielleicht bräuchte es sogar noch etwas mehr.

Es bleibt aber bei meinem Eindruck, bitte nicht missverstehen(!):
... ein prima geschriebener Text, wie ich finde. Vielleicht liegt das mit dem leichten Beigeschmack einfach nur an meinem aktuellen, verqueren Wahrnehmungsfilter gerade. Dann hake das einfach so ab.

Besten Gruß

hell

PS: Ich freue mich auch ganz dolle, wieder hier sein zu können :shy:.
 
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Hallo @Fliege ,
noch einmal ganz kurz …

Durch aktuelle Ereignisse sind wir natürlich sehr fokussiert auf das Thema Flüchtlinge und wie sie in unserer europäischen Gesellschaft behandelt werden.
So greifen auch einige deiner Kommentatoren dieses Thema auf und wollen es in deiner Geschichte im Vordergrund sehen.

Wenn ich deine Geschichte recht verstanden habe, geht es dir m. E. aber gar nicht um die Fremden oder Flüchtlinge.
Deshalb hast du sie auch nicht weiter charakterisiert, sie bleiben blass gezeichnet..
Sie haben bei dir nur die Funktion eines Störfaktors.
Es geht in deiner Geschichte darum, dass Menschen in exponierter Stellung so lange zusammenhalten, bzw. sich einig sind, solange niemand an ihrem Besitz, Einkommen, Einfluss, Macht und Machtzuwachs kratzt.
Diese Idylle wird durcheinandergebracht.
Wird der Überfluss geschmälert, ist sich jeder selbst der Nächste und die Maske der Schein- Einigkeit fällt.

Lieben Gruß

kathso60
 
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Hey @Kanji,

habe vielen, lieben Dank für deinen Kommentar.

... und das Thema Fremdenfreindlichkeit (ein Wort das den Wechsel beschreiben könnte vom Freund zum Feind, obwohl es in Wirklichkeit ein ungeschickter Tippfehler war :D).
Hehe, aber ein feiner!

Wobei das Alter der Zielgruppe beinahe so dehnbar ist wie das auf den Ravensburger Gesellschaftsspielen.
Das sollte bei Märchen im besten Falle ja so sein. In meinem Fall bin ich mir da noch nicht ganz so sicher, ob 6 nicht eventuell doch etwas zu tief angesetzt ist.

Insgesamt finde ich überhaupt, dass du durch die Abstraktion der Besitztümer, wie die kugelbehängten Weihnachtsbäume das Drama vom Ernst der Lage fern - bzw. freihältst.
Dankeschön. War mir auch wichtig, es abstrakt zu halten, da Märchen ja auch möglichst zu allen Zeiten funktionieren sollen und ich wollt doch so gern, so nah wie möglich an einem richtigen Märchen bleiben.

Ebenso das Alter aller. Wer war nicht mal drölf?
Genau!

Prima, im Westen mal was Neues.
:)

Okay, der Teppich wäre deutlicher, aber der Bürgermeister kommt ja nicht aus 1000 und einer Nacht, da muss die Hosentasche genügen.
Auch hübsch. Ich mag ja deine Querbezüge gerade total.

Für einen Moment dachte ich (mit dem Bauch), dass auch hier eine deutliche und konsequente Wiederholung von einer halben Kutsche gefälliger klingen würde. Also: nun ist die halbe Kutsche fast fertig.
Aber hieße es dann nicht auch, dass sie nur eine halbe Kutsche bekommen werden? Für mich hört sich das missverständlich an.

Was mich allerdings etwas, sagen wir mal zerstreut zurücklässt ist, warum gehen die Fremden nach getaner Arbeit am Ende wieder und was bedeutet das?
Wenn ich einer von den Fremden wäre, ich würde auch zusehen, dass ich von dieser Insel wieder fortkomme. Und da sich ihnen schon mal die Möglichkeit dazu geboten hatte ...

Am Ende bleibt bei mir genauso viel Unwohlsein wie Freude, einerseits über die Dosis des Gifts der Gemeinheiten, als auch über die Freude der Leichtigkeit, in die du das Dilemma gewickelt hast.
Das freut mich sehr.

Hey @hell,

again.

Interessant daher tatsächlich, ob Kinder diese einfache, naheliegende Frage nicht stellen würden (meine sind zu alt, an denen kann ich das leider nicht testen). Interessanter noch, wie man ihnen darauf antworten soll. Stimmt schon, der Text liefert genügend Anhaltspunkte dafür, dass die Fremden schuldlos sind; aber eben auch den oben erwähnten.

Ja, keine Ahnung, ob Kinder diese Frage stellen und dann auch zu der von Dir befürchteten Antwort gelangen. Aber die Fremden sind ja nun mal da. Und es geht am Ende darum, wie man auf der Insel mit ihnen umgeht und welchen "Vorteil" die Bewohner daraus ziehen. Und die Antwort auf die Frage: Wer ist denn Schuld am Endzustand? Ganz sicher nicht die Fremden und ich glaube, dass man das auch den Kindern anhand des Textes erläutern kann.
Allerdings glaube ich fast, dein Problem ist gar nicht, dass dem so sein könnte, sondern die Altersangabe. Und damit habe ich gar kein Problem, die anzuheben, wenn man mir sagt, für 6jährige zu schwierig in gut und böse zu unterscheiden.

Dann fällt es doch schwerer, unberechtigte Schuldzuweisungen zu machen. Du willst vielleicht genau darauf auch hinaus im Text. Nur, könnten in diese Schuldzuweisungsfalle nicht auch die Kids treten? Überfordert sie die komplexe Geschichte und die kluge Herangehensweise von dir womöglich?
Ist nur das Problem, dass sich auf der Insel kaum einer die Mühe macht, sie näher kennenzulernen. Ist ja auch ein Spiegel für die allgemeine Situation. Und was deine Frage betrifft, ich würde meine Hand jetzt nicht dafür ins Feuer legen, aber ich traue den Kindern da schon einiges zu. Vielleicht zu viel - mag sein - und wenn dahingehend noch mehr Einwände kommen, unterm Strich haben wir hier ein Altersproblem der Zielgruppe und keines des Textes als solches.

Ist ein komplexes Thema, meine ich, schon in der Literatur für Erwachsene, für Kinder weniger minder, denke ich. Ein Minenfeld auch.
Sicher.

... um die Frage 'Was, wenn die Fremden nicht gekommen wären?' besser beantworten zu können.
Ja, vielleicht ginge es allen noch gut. Aber, dass es den Dreien mit den Fremden nun nicht mehr gut geht, ist ihre ganz eigene Schuld. Und genau um dieses Verhalten dreht es sich doch. Ich würde die Aussage doch mindern, wenn ich sagen würde, ohne die Fremden ginge es ihnen jetzt auch mies. Wozu dann das ganze? Was wäre dann das Thema? Was würde ich denn dann im Märchen verhandeln? Und aus Angst vor unbequemen Fragen Themen lieber nicht ansprechen/besprechen, halte ich für viel gefährlicher.

Ich weiß nicht, ob wir beide vielleicht aneinander vorbeireden. Ich gehe mit, wenn es sich bei deinem Einwand um die Alterseinschätzung dreht. Ich gehe nicht mit, wenn Du es dem Text anheften willst.


Hey @kathso60,

noch einmal ganz kurz …
Ach, immer wieder gern.

Durch aktuelle Ereignisse sind wir natürlich sehr fokussiert auf das Thema Flüchtlinge und wie sie in unserer europäischen Gesellschaft behandelt werden.
So greifen auch einige deiner Kommentatoren dieses Thema auf und wollen es in deiner Geschichte im Vordergrund sehen.
Bietet sich auch irgendwie an und jeder kann/darf/soll seine eigene Lesart haben dürfen.

Sie haben bei dir nur die Funktion eines Störfaktors.
Ja. Und sie sind natürlich Auslöser und Reaktionsbeschleuniger, wie der Chemiker sagen würde. Aber das dumme Verhalten der Insulaner ist am Ende ihr Verderben. Das muss schon rauskommen, egal mit welchem Fokus der Lesart.

Es geht in deiner Geschichte darum, dass Menschen in exponierter Stellung so lange zusammenhalten, bzw. sich einig sind, solange niemand an ihrem Besitz, Einkommen, Einfluss, Macht und Machtzuwachs kratzt.
Diese Idylle wird durcheinandergebracht.
Wird der Überfluss geschmälert, ist sich jeder selbst der Nächste und die Maske der Schein- Einigkeit fällt.
Wenn das für die Leser funktioniert, ist es toll und ich freue mich total darüber. Das andere den Fokus anders setzen, kann ich ihnen nicht verübeln. Und es ist ja auch spannend, wie Texte auf Leser wirken. Deswegen sind wir ja alle so gern hier :).
Danke für deinen Einwand. Hilft auch sehr, dass ich nicht doch an mir zu zweifeln beginne.

Euch allen eine schöne Woche! Habt Dank!
Liebe Grüße, Fliege
 
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21.12.2015
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Liebe Fliege,
eigentlich wollte ich mich ja diesmal aus der Challenge heraushalten. Mir war gar nicht nach Märchenhaftem zumute. Aber gerade eben dachte ich, ich werfe nur mal einen Blick auf deine Geschichte. Die hat so einen verheißungsvollen Titel, bestimmt kommen wieder so herrlich verrückte Wort- Namensspiele vor, die Kinder und Omas gleichermaßen zum Lachen bringen.
Und nun hast du mich in eine riesengroße Versuchung gelockt: Ha, jetzt kann ich kleinen und großen Kindern die Welt erklären, was politisch aktuell ist und was schon immer so war ...
Ich sehe dich die Augen verdrehen, die Hände gen Himmel gestreckt und höre dich klagen: Wie kann man nur so eine kleine, harmlose Kindergeschichte missverstehen?!
Ja weißt du, dein Bürgermeister, für den alles immer Ordnung war und er sich deshalb langweilte, erinnert mich verdammt an verschiedene heutige egomanische Staatslenker und deren Verhalten in der Krise. Aber auch die Bürger auf der Insel zeigen hinreichend deutlich Verhaltensweisen, die gerade aktuell sind. Also, da kann man sehr gut mit Kindern ins Gespräch kommen. Ab zehn können sich alle Kinder was aus der Geschichte mitnehmen. Die jüngeren haben die Chance, durch die schlichte, bildhafte Sprache eingefangen zu werden.
Und auch gut gelungen: Im Gegensatz zu klassischen Fabeln und Märchen lässt du auch Spielraum für kontroverse Sichtweisen und verhinderst dadurch Indoktrination, was ja kein Fehler ist in einer pluralistischen Gesellschaft.
Und jetzt lese ich mal die Kommentare.

Liebe Grüße
wieselmaus
 
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Senior
Monster-WG
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15.07.2004
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Moin @Fliege,

um es kurz zu machen, die Geschichte ist VOLL doof, weil du das Wort drölfzigste benutzt und zwar schon im Titel und das gibt es gar nicht und das merken Kinder und dann fragen sie nach und dann muss Papa es erklären und dann werden die Kinder bockig und dann fängt Papa an zu schreien und irgendwann schreien auch die Kinder und dann schreit irgendwann auch Mama wegen des Lärms und schließlich bellt sogar der Hund, ganz dumpf und unangenehm.
Saublöde Geschichte. Also wirklich Fliege.

Davon abgesehen bin und bleibe ich Fan von dir. Und mit verklärtem Fanblick verzeihe ich dir das Wort drölfzigste und finde es sogar richtig gut und plötzlich ist Papa total gut gelaunt, während er die Geschichte vorliest, und darum haben auch die Kinder voll gute Laune und alle lachen beim Wort drölfzigste und an vielen anderen Stellen und irgendwann lacht auch Mama, obwohl die ganz woanders war, einfach nur weil alle lachen, bloß der Hund lacht nicht, sondern bellt, aber so ein freundliches Bellen, was allen NOCH bessere Laune macht.

Liebe Fliege, such dir einfach die dir genehme Variante aus ;)

Zum Text noch folgendes:
Am Ende des Tages führte man sie zur einsamen Schmiede und wünschte ihnen eine »Gute Nacht«.
Hier braucht es meines Erachtens nach die Anführungszeiten überhaupt nicht. Kannst du dir sparen und für schlechte Zeiten aufbewahren. Dann ist es immer gut ein paar Gänsefüßchen auf Vorrat zu haben. Weiß ich aus Erfahrung!
»Zur Strafe sollen sie uns eine Kutsche bauen«, verkündete der Bürgermeister und dachte bei sich, dass weder der Schmied, noch der Jäger eigentlich eine Kutsche brauchten. Aber er wird sie ihnen ausleihen, wenn sie ihn darum baten.
Er würde sie ihnen ausleihen, ist ja noch nicht da die Kutsche.

Nach 24 Tagen öffnete der Bürgermeister die einsame Schmiede und die drei Fremdlinge schoben die größte und schönste Kutsche heraus, die man je auf der Insel gesehen hat. Schnell wurden vier Pferde eingespannt und die Fahrt konnte beginnen. Oh, wie lustig es war. Und als sie auf dem Meer die drei Fremdlinge mit einem Boot davonrudern sahen, waren sie es zufrieden.
»Sie haben mein ganzes Mehl verbraucht«, sagte der Schmied.
»Sie haben meinen ganzen Wald gefordert«, sagte der Jäger.
»Und wegen ihnen musste ich meine Weihnachtsbäume fällen«, sagte der König, der früher ein Bürgermeister war.
Ach schön, der fließende Wechsel vom Bürgermeister zum König, der früher ein Bürgermeister war. Und es braucht wirklich nur eine Kutsche dafür. Hoffentlich spricht sich das nicht rum.
:thumbsup: :thumbsup: :thumbsup:


Am nächsten Tag bekam der König, der früher ein Bürgermeister war, Besuch vom Schmied: »Ich habe das Mehl für die Brote gegeben. Deshalb gehört die Kutsche mir«, forderte er.
Und auch der Jäger kam vorbei: »Ich habe das Holz gegeben. Die Kutsche gehört mir.«
»Aber sie gehört auch mir«, sagte der König und zeigte auf seinen leeren Garten.
Die drei gerieten in einen heftigen Streit und am Ende sägten sie die Kutsche in drei gleich große Teile. Und weil keiner von ihnen mit nur einem Teil der Kutsche fahren konnte, begannen sie wieder das Streiten. Und sicher streiten sie auch heute noch, wenn sie nicht bereits gestorben sind.
So, weil ja durchaus hier schon drüber gesprochen wurde.: Ich habe das ENDE an meinen Kindern getestet. Ungeschönt und in voller Härte. (Ha, bei mir sind sogar noch die vier Pferde zersägt worden ;)) Und weißt du was: Im Hause svg braucht es kein Happy-End. Im Gegenteil. Dein Ende ist mit Genugtuung und viel Wohlwollen aufgenommen worden. Zitat meines Sechsjährigen: „Ja. Und dann passiert halt so was!“ Mehr nicht. Nur sehr bestimmtes Kopfnicken. Und das kannst du also als Lob verstehen.

Zwei Anmerkungen übrigens noch aus erlesenem Kindermund:
1. (nochmals mein Sechsjähriger): Was passiert mit den drei Zimtschneckchen. Leben die noch? – Ich habe das einfach mal bejaht.

2. (meine 11jährige): Wieso sind das eigentlich alles Männer? (Bis auf die Bäckerin – bei den Fremden weiß man es ja nicht.) – Ich: Wieso. Sie: Ich hätte gern ne BürgermeisterIN!
(Offenbar sind wir ein doch sehr emanzipierter Haushalt. Lob an mich selbst.) 😉

Fazit: Mir und meinen beiden Mitkommentatoren gefällt die Geschichte super. Trotz – nein – gerade auch wegen des Endes. Davon abgesehen: Wie immer: großartig geschrieben. Du kannst es einfach. Was ich auch nach gefühlt drölfzig Jahren Pause hier neidlos und sehr, sehr gern anerkenne.

Du ahnst es bereits: leidlich gern gelesen.
:kuss::D
LG svg
 
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24.01.2009
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Liebe @wieselmaus,

eigentlich wollte ich mich ja diesmal aus der Challenge heraushalten.
Ja, die sind auch wahre Zeitfresserchen, aber die sind auch soo schön! Ich kann das total verstehen. Beides. Den Vorsatz und das doch Reinschmulen. Und ich freue mich sehr. Habe vielen, lieben Dank.

Mir war gar nicht nach Märchenhaftem zumute.
Und trotzdem hast Du es getan. Das kann ich ja fast gar nicht mehr wieder gut machen.

Die hat so einen verheißungsvollen Titel, bestimmt kommen wieder so herrlich verrückte Wort- Namensspiele vor, die Kinder und Omas gleichermaßen zum Lachen bringen.
Oh, nein, diesmal nicht. Tut mir leid. Magst 'ne Zimtschnecke haben zur Entschädigung?

Ha, jetzt kann ich kleinen und großen Kindern die Welt erklären, was politisch aktuell ist und was schon immer so war ...
:)

Ich sehe dich die Augen verdrehen, die Hände gen Himmel gestreckt und höre dich klagen: Wie kann man nur so eine kleine, harmlose Kindergeschichte missverstehen?!
Nein, nein, nein. Du siehst mich hier mit einem ganz feinen Lächeln sitzen.

... erinnert mich verdammt an verschiedene heutige egomanische Staatslenker und deren Verhalten in der Krise. Aber auch die Bürger auf der Insel zeigen hinreichend deutlich Verhaltensweisen, die gerade aktuell sind.
Ja, diese Menschen. Die sind, was sie sind.

Also, da kann man sehr gut mit Kindern ins Gespräch kommen. Ab zehn können sich alle Kinder was aus der Geschichte mitnehmen. Die jüngeren haben die Chance, durch die schlichte, bildhafte Sprache eingefangen zu werden.
Das hoffe ich so sehr. Ich würde das auch so gern mal ausprobieren und die Reaktionen live erleben. Aber man kann nicht alles haben. Und so freue ich mich über die großen Leser und deren Einschätzungen. Sehr sogar.

Liebe wieselmaus, ich bin sehr froh darum, dass Du doch reingeschaut hast und mir diesen Kommentar geschrieben hast!


Hoppala @svg,

was für ein Kommentar! Ich bin fast weggeflogen vor Freude, gut dass mein Mann mich wieder eingefangen hat. Weil das ja praktisch auch drei Kommentare gleich waren, aber der Reihe nach ... Ach nee, vorab ein Danke an Papa und Kinder und Mama und Hund.

um es kurz zu machen, die Geschichte ist VOLL doof,
Das petze ich meiner Mama! Und meinem Papa! Und dem Weihnachtsmann! Du voll gemein!

... weil du das Wort drölfzigste benutzt und zwar schon im Titel und das gibt es gar nicht und das merken Kinder ...
Ja, weil die nämlich voll schlau sind!

... und dann fragen sie nach und dann muss Papa es erklären und dann werden die Kinder bockig und dann fängt Papa an zu schreien und irgendwann schreien auch die Kinder und dann schreit irgendwann auch Mama wegen des Lärms und schließlich bellt sogar der Hund, ganz dumpf und unangenehm.
Saublöde Geschichte. Also wirklich Fliege.
Oh je. Okay. Ich sag es doch nicht dem Weihnachtsmann. Das ist echt saublöd. Ich mein, der arme Hund ...

Davon abgesehen bin und bleibe ich Fan von dir.
Wie jetzt? Aber ich bin doch schon Fan von Dir, wie geht sich das denn aus?

... verzeihe ich dir das Wort drölfzigste und finde es sogar richtig gut und ... was allen NOCH bessere Laune macht.
Na gut, ich sage es auch dem Papa und der Mama nicht.

Liebe Fliege, such dir einfach die dir genehme Variante aus ;)

Dann ist es immer gut ein paar Gänsefüßchen auf Vorrat zu haben. Weiß ich aus Erfahrung!
Ja, ich räume mal gleich ein Regal in der Kammer frei und lege sie hinein. Wo Du recht hast, hast Du recht.

Er würde sie ihnen ausleihen, ist ja noch nicht da die Kutsche.
Hatte ich auch erst, bis der Friedrichard kam. Ich fand das auch besser, zumal ich auch gar nicht so recht glaube, dass der Bürgermeister sie tatsächlich einfach so hergibt.

So, weil ja durchaus hier schon drüber gesprochen wurde.: Ich habe das ENDE an meinen Kindern getestet. Ungeschönt und in voller Härte. (Ha, bei mir sind sogar noch die vier Pferde zersägt worden)
Es ist so schön zu lesen gewesen, dass jetzt auch mal Kinder zu Wort kommen. Gibt hier ja nicht so viele. Deshalb schon dafür :kuss:

Zitat meines Sechsjährigen: „Ja. Und dann passiert halt so was!“ Mehr nicht. Nur sehr bestimmtes Kopfnicken.
Oohhhh - dieser sechsjährige hat mein Bild von schlauen, pfiffigen Kindern gerettet. Jetzt muss ich nicht deprimiert in eine Waldhöhle ziehen und verzweifeln. Sage ihm meinen allergrößten Dank.

1. (nochmals mein Sechsjähriger): Was passiert mit den drei Zimtschneckchen. Leben die noch? – Ich habe das einfach mal bejaht.
:herz: Darauf hätte ich aber auch selbst kommen können, dass diese Frage die Kinder umtreibt. Und natürlich leben die noch! Die sind aus der Hosentasche ausgebüchst und leben jetzt ein Superzimtschneckenleben. Voll Bio und so.

2. (meine 11jährige): Wieso sind das eigentlich alles Männer? (Bis auf die Bäckerin – bei den Fremden weiß man es ja nicht.) – Ich: Wieso. Sie: Ich hätte gern ne BürgermeisterIN!
Ich hab darüber nachgedacht, in der Tat. Aber sag deiner Tochter, dass der Bürgermeister nicht grad die hellste Kerze am Baume ist. Gibt natürlich auch dumme Frauen, aber ich habe hier den Männern ganz altbacken einfach mal den Vortritt überlassen. Ich hatte auch dran gedacht, die Fremdlinge zu verweiblichen, als Gegenpol und wegen der Quote und so, aber das war mir dann zu fett. Das hätte ja noch ein weiteres Thema aufgemacht und es wäre auch nicht fair gegenüber der Männerwelt. Aber - gute Tochter, die passt auf. Sehr gut gemacht, Papa und Mama svg!

Fazit: Mir und meinen beiden Mitkommentatoren gefällt die Geschichte super. Trotz – nein – gerade auch wegen des Endes.
Es tat wirklich gut, das zu hören. :bounce:

Ach, das war schön! Und jetzt wünsche ich Euch Fünfen einen grandiosen Urlaub! Lasst Euch von der Sonne bescheinen.

Liebe Grüße und ein feinen Sommer an Frau wieselmaus und svg,
Fliege
 
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Beiträge
591
Hey Fliege (again :)),

Ich gehe nicht mit, wenn Du es dem Text anheften willst.
Nein, iwo! Mir liegt und lag es fern, dem Text irgendetwas anheften zu wollen.

Und die Antwort auf die Frage: Wer ist denn Schuld am Endzustand? Ganz sicher nicht die Fremden und ich glaube, dass man das auch den Kindern anhand des Textes erläutern kann.
Natürlich gebe ich dir recht, keine Frage. Ich will das jetzt auch nicht überstrapazieren, die einzige Klippe besteht halt mMn möglicherweise darin, dass man das vielleicht erst erläutern muss. Darum ging es mir hauptsächlich. Und ja, das hat für mich sicher auch was mit der Altersangabe zu tun.
Meine Überlegung ging so in folgende Richtung:
Würden die schmucken Weihnachtsbäumchen schon hier und da ein paar Nadeln lassen, gäbe es für den Jäger schon weniger Fisch und seltener Braten als früher, würden sich Bäckersfrau und Schmied nicht nur Kussmünder, sondern auch mal böses Vokabular entgegenwerfen, wäre alles noch in Butter - so auf den ersten Blick -, aber in einer, die schon ein kleines bisschen ranzig riechen würde, gäbe es ein paar Mikrorisse in der sonst makellosen Fassade, bevor die Fremden kommen, dann würden sich die falschen Schuldzuweisungen als solche noch deutlicher entlarven, meine ich. Dass Sündenböcke einfacher zu machen sind, als das eigene Verhalten kritisch zu hinterfragen, geschweige denn zu ändern, wäre für mich halt deutlicher herausgeschält.

Aber gut, dass nur noch mal so zu meinen Überlegungen, ohne dem Text jetzt was unterstellen zu wollen! Ist mir schon wichtig, darauf hinzuweisen! Auch, dass ich ihn ansonsten wirklich ganz prima geschrieben finde! Bin ja eh ein Fan deiner Texte.

Freut mich auch, dass @svg seinen Job wohl gut zu meistern scheint, bei so aufgeweckten Kids :).

Lieben Gruß

hell
 
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1.121
Hallo @Fliege,

mir gefällt einiges an deiner Geschichte, ein paar Dinge finde ich schwierig.

Bringen wir doch erst die schwierigen Dinge hinter uns.

Der drölfzigste Geburtstag
Dass der Herr Geburtstag hat, ist ja total egal. Es spielt keine Rolle. Das wichtige Element, das die Veränderung bringt ist ja der Sturm. Das heißt, du wolltest einfach nur das lustige Wort „drölfzigst“ unterbringen. Und das auch noch in der Überschrift. Hhhm, da fühl ich mich irgendwie veralbert.

Am Ende des Tages führte man sie zur einsamen Schmiede und wünschte ihnen eine: Gute Nacht.
Was macht denn der Doppelpunkt da?

waren sie es zufrieden.
Du meintest schon zu linktofink, dass du diese Schreibweise magst. Ich kannte sie ehrlich gesagt gar nicht und habe einfach angenommen, es ist ein Fehler. Würde ich diese Geschichte vorlesen, würde ich dieses Wort weglassen – absichtlich oder aus Versehen.

Und dann zum Thema der gesichtslosen Fremden. Mir gefällt das ehrlich gesagt auch nicht so gut. Denn genau dadurch entstehen ja viele der heutigen Probleme. Es sind die Flüchtlinge/ die Fremden – gesichtslos, ohne Namen, ohne Gefühle. Die kann man ja leicht doof finden. Das ist aber nicht als Hauptproblem ersichtlich. Ich glaube, für Kinder wird es eher eine Rolle spielen, dass der Bürgermeister offensichtlich lügt, vllt noch dass er nie zufrieden ist, obwohl alles gut ist, und immer mehr will.
Was für eine Rolle spielt es, dass die Fremden so blass bleiben? Erkennen Kinder, dass auch dort ein Problem verborgen liegt?
Also ich wäre auch eher für eine Variante ohne Fremde oder für eine, in denen man die Fremden kennenlernt, was dann vllt auch Einfluss auf den Verlauf hat.
Ich glaube, ich fände es besser, wenn du einen klareren Fokus gelegt hättest, auf die Habgier und die Lügen des Bürgermeisters oder auf den Umgang mit Fremden.

Gefallen hat mir besonders der Ton der Geschichte. Das lässt sich wirklich gut lesen. Die Wortspielereien, wie der stürmische Sturm, finde ich süß und unterhaltsam.

»Heute Nacht sind drei kleine Zimtschnecken geschlüpft«, rief er begeistert dem Bürgermeister zu.
Das ist eigentlich megasüß, aber ich esse Zimtschnecken doch so gerne! Was mach ich denn jetzt?

Am nächsten Morgen verkündete der Bürgermeister: »Die Fremdlinge haben die drei Zimtschnecken vom Schmied aufgegessen!«
Der Schmied nickte, aber der Jäger dachte bei sich: Vielleicht sind sie ihm ausgerissen.
»Sie haben den ganzen Fisch allein aufgegessen!«
Da nickte der Jäger und der Schmied dachte bei sich: Sie werden Hunger gehabt haben.
»Sie haben mir eine Weihnachtskugel gestohlen!«
Der stürmende Sturm wird sie vom Baum gepflückt haben, dachten der Jäger und der Schmied.
Ich finde es gut, dass du durch die Gedanken der anderen, die fragwürdigen Aussagen entlarvst.

Insgesamt denke ich, dass das keine Geschichte zum selber lesen ist, sondern eine die vorgelesen und besprochen werden muss. Was ja nichts schlechtes ist. :)

Liebe Grüße,
NGK
 

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