Was ist neu

Der Einäugige

Neues Mitglied
Beitritt
23.06.2021
Beiträge
141
Zuletzt bearbeitet:
Anmerkungen zum Text

Ich bin gespannt, ob dieser Text funktioniert.

Er entstand als Reaktion auf ein Bild, das ich auf "artbreeder.com" erstellt hatte.
Deshalb habe ich das Bild in den Text eingefügt.

Der Einäugige

Das Wodanasz war noch verrauchter als früher, die Schwaden schon Teil des Inventars. Sie hingen in der Luft, krochen in meine Klamotten und bissen in der Nase. Die knarrenden Bodenbretter waren ausgetreten, mit Astlöchern wie dunkle Krater, die Tische über Jahrzehnte nachgedunkelt. Keine Kneipe verkörperte so sehr den Begriff Spelunke.

»Komm, lass uns mal wieder hingehen«, hatte Martin vorgeschlagen, als ich ihn aus der Klinik angerufen hatte. »So wie früher.«

Also saßen wir dort. Zwischen uns standen zwei Bier und die obligatorischen Wodka. Man bestellte sie immer noch als ‚Wässerchen‘. Nur das Logo war neu. Irgend jemand hatte die ursprüngliche Bedeutung von Wodanasz ausgegraben und einen russisch angehauchten Odin entworfen. Den Einäugigen. Er sah cool aus, aber wenn ich es gewusst hätte, wäre ich nicht hingegangen. So saß ich da, sprach mit Martin über den Krebs, der mein linkes Auge zerfressen hatte, und von jedem Bierdeckel starrte mich ein einäugiger Gott an.

Selbst mit meinem halben Auge konnte ich ihn nicht übersehen. Mir war immer noch schlecht von der letzten Chemo und ich hätte gar nicht da sein sollen.

  

Martin hatte die beiden Stapel ordentlich vor sich liegen, den von der Klinik und meinen eigenen. Mit seinen schlanken Händen schob er sie gerade. Das ist Martin: strukturiert, präzise und zielstrebig. Er, der Zahlenmensch, erfolgreicher Unternehmer und ich, der spontane Gefühlsmensch. Meine Hände waren blass und ich betrachtete unsere Ringe. Gold und Platin, zwei Metalle miteinander verschweißt.

An jenem Dienstag war ich besonders dankbar, dass wir in all den Jahren zusammengeblieben waren. Ich brauchte seinen kühlen Verstand. Meiner schien gerade zu zerbröseln. Die letzte Besprechung mit dem Oberarzt steckte mir immer noch im Kopf.

Er hatte sich vorsichtig ausgedrückt, versucht, den Schlag abzumildern, aber die Nachricht war katastrophal gewesen. Mein Kopf wiederholte in einer Endlosschleife immer diesen einen Satz: „Das Auge ist nicht mehr zu retten.“

Dann war er mit dem Angebot gekommen: Experimentelle Technologie, künstliches Auge und all das. Die Ethikkommission habe die Studie gerade erst genehmigt. Er hatte lange geredet, mir Hoffnung gemacht. Aber in mir war eine Furcht gewachsen, so unkontrollierbar wie der Krebs in meiner Netzhaut.

Ich seufzte und drückte meine Hand auf den Verband. »Mein rechtes Auge ist Schrott, seit dem Unfall«, presste ich heraus. »Das weißt Du. 15% Restsicht und jedes Jahr schlechter werdend.« Das klang bitter, ich merkte es selbst. Den einen Satz hatte ich die ganze Zeit vermieden. Jetzt sprach ich ihn aus:

»Ich werde blind sein.«

  

Martin schaute mich an. Langsam, als müsste er erst verarbeiten, was er gehört hatte, tippte er auf den dicken Stapel aus der Uniklinik. Zwei Flyer mit schicken Infografiken, die die Vorteile der neuen OP-Technik anpriesen, Aufklärungs- und Einverständnisblätter zum Unterschreiben und meine handschriftlichen Notizen.

»Aber die OP klingt doch großartig, warum willst Du sie nicht machen?« Er klang verwirrt. »Warum?«

Ich blieb ihm eine Antwort schuldig, die Distanz zwischen uns dehnte sich in der Stille immer weiter aus, als würde jedes Ausatmen die Entfernung verdoppeln. »Du kennst mich doch«, versuchte ich dann, die tiefe Angst in meinen Eingeweiden zu beschreiben. »Ich hätte kein Auge mehr, es wäre eine seelenlose Kamera. Metall und Technik im Kopf.« Meine Hände zitterten, als ich die Worte fand:

»Ich will kein Cyborg sein.«

Martin legte seine Hand auf meine, als wollte er eine Brücke bauen. Als würde die Berührung ihm helfen mich zu verstehen. Mit der anderen tippte er auf den kleineren Stapel; eigentlich nur zwei Blätter. Russische Texte, die mit dem DeepL Translator übersetzt worden waren.

»Und was soll das hier?« Sein Finger suchte die Beschreibung der Reiseroute. »Willst du in deinem Zustand wirklich nach Tunguska? Das ist im tiefsten Sibirien.«

»Ich weiß, wo es ist, verdammt…« Gerade noch rechtzeitig brach ich ab und atmete aus. »Ich will nach Wanawara, um genau zu sein«, sagte ich und versuchte, meine Stimme zu beherrschen. »Am Oberlauf der Steinigen Tunguska, Region Krasnojarsk.« Mein Auge schmerzte, also kramte ich eine weitere Tillidin aus der Schachtel und schob sie mir in den Mund.

Martin lehnte sich vor. Ich ahnte die Bewegung mehr, als dass ich sie sehen konnte. Dann zählte er auf: »Frankfurt - Krasnojarsk, mit Zwischenlandung in Moskau. Dann mit einem alten Antonov An-2 Doppeldecker nach ...«, er schaute auf das Blatt, suchte das Wort: »Nach Wanawara. Du wirst tagelang unterwegs sein.« Er schüttelte ungläubig den Kopf.

»In Deinem Zustand?«

  

Es fiel mir schwer, seinen mitleidigen Blick zu ertragen. »Die letzten Kilometer werde ich laufen müssen. Aber meine Beine sind ja in Ordnung«, sagte ich.

»Warum?«, fragte er, die Stimme mühsam gesenkt. »Sag mir bitte, warum?«

»Ich weiß auch nicht, ich ...«

Hilflos zuckte ich mit den Schultern und versuchte es noch mal: »Ich war schon einmal da, vor unserer Zeit. Damals sprachen alle von einem, den sie den ‚Sehenden‘ nannten. Einer der ursprünglichen Ewenken-Schamanen im Nationalpark.« Das klang selbst für mich irgendwie hohl, wie eine Phrase.

»Damals hab‘ ich mich nicht getraut, zu ihm zu gehen, weißt Du? Aber es heißt: ‚Er versteht Deine Seele‘.«

»Ein Schamane?« Er klang fassungslos. »Bist Du jetzt von allen guten Geistern verlassen?«

»Ich brauche seinen Rat, brauche Gewissheit. Ich muss mich meiner seelischen Realität stellen.«

Martin schnaubte. Ich hätte wissen müssen, dass er mich nicht versteht. Mit ‚Seele‘ hatte er noch nie was anfangen können. Bei der OP waren die Tränengänge entfernt worden, also konnte ich nicht weinen.

Der Schmerz war trotzdem da.

  

Die Kellnerin kam an den Tisch und unterbrach die angespannte Stimmung, indem sie drei Wässerchen vor uns stellte. Sie war alt geworden über die Jahre, aber immer noch die Seele der Kneipe.

»Die gehen aufs Haus«, sagte sie und hob ihr Glas. »Auf die alten Zeiten. Wásche Sdorówje.« Wir erwiderten ihren Trinkspruch und kippten den Wodka runter.

»Und auf die Gesundheit«, sagte sie leise.

Sie hatte wohl gesehen, wie Martin mich zum Tisch geführt hatte. Hier im Dämmerlicht des Wodanasz war ich schon jetzt fast blind. Ich zwang mich zu einem Danke, auch wenn ich Mitgefühl satt hatte. Sie hatte es nicht verdient, angeschnauzt zu werden.

»Worüber redet Ihr?« Sie war schon immer eine gute Zuhörerin und gewesen. Also sagte ich es ihr:

»Ich werde nach Tunguska fliegen.«

  

Die Höhle war finster und bitterkalt. Daran änderte auch das Feuer nicht viel, das in einer Ecke brannte. Es roch nach Harz und Kräutern. Schatten tanzten an den Wänden und irgendwo tropfte Wasser. Meine Füße steckten in dicken Wanderstiefeln, aber der Boden schien weich zu sein. Ich konnte kaum etwas erkennen, aber in der Luft lag der Geruch von Pelzen und ich vermutete, dass der Seher die Höhle mit Fellen ausgelegt hatte.

An die Reise hatte ich nur noch schemenhafte Erinnerungen: Flugzeuge, Wartesäle, russisch sprechende Sitznachbarn, der ohrenbetäubende Lärm der Antonov mit ihrem stoischen Piloten. Die letzten Kilometer musste ich wohl zu Fuß durch die nahezu unberührte Landschaft gelaufen sein. Ich erinnerte mich an nordische Kiefern, Lärchen, hier und da kleine Bachläufe und Sümpfe. Wie ich das eigentlich geschafft habe, weiß ich nicht. Alles verschwamm immer mehr, wie ein Traum. Trotzdem saß ich hier.

Und mir gegenüber saß der Seher. Alt sah er aus, uralt. Selbst mit meinem kaputten Auge konnte ich sein schlohweißes Haar über der blassen Haut sehen. Quer über seine Nase verliefen rote Narben. Aber am meisten beunruhigten mich seine Augen, oder das, was davon übrig war. Da, wo sein linkes Auge hätte sein sollen, gähnte ein schwarzes Loch. Sein rechtes lag tief in der Augenhöhle und war fast weiß. Er war blind.

Trotzdem konnte ich mich nicht gegen das Gefühl wehren, er blicke tief in mich hinein. Ohne hinzusehen, zog er ein paar Holzstäbchen aus seiner Tasche und warf sie – wie Würfel – auf den kleinen Tisch vor sich. Für einen Augenblick hielt er die Hand über die Orakelstäbchen und nickte.

Dann begann er zu sprechen. »Das Wichtige ist für die Augen unsichtbar.« Sein Russisch war schwer zu verstehen, die Stimme rau, als würde er sie selten gebrauchen.

»Man sieht nur mit dem Herzen gut.«

Zitierte er gerade den ‚Kleinen Prinzen‘? Das konnte nicht wahr sein. Die ganze zermürbende Reise und jetzt Kalendersprüche? War das alles ein Fehler gewesen?

»Und was ist, wenn die ‚Wahrheit über Deine Seele‘ schlimmer ist, als die Unwissenheit?«, hatte Martin gefragt. Er hatte Recht gehabt. Ich fing an, zu zittern.

  

Draußen, vor der Höhle heulte ein Wolf, voller Sehnsucht und Wildheit. Andere Wölfe antworteten in der Nähe. Ein ganzes Rudel. Die Töne zerrten an meinen Nerven. Aber ich konnte den Blick nicht vom Gesicht des alten Sehers abwenden. Auf seiner Haut erschienen fraktale Muster, blaue schwach leuchtende Linien, wie Schaltkreise. »Warum Schaltkreise?« Der Gedanke drehte sich in meinem Kopf. Die Muster wurden größer, begannen sich zu überlappen. Und irgendetwas bewegte sich in seiner leeren Augenhöhle. Grauen packte mich, als ich erkannte, was es war.

Winzige Käfer wühlten sich aus den Tiefen seines Kopfes.

  

Plötzlich stand der alte Seher auf seinen Füßen und ich konnte sein Gesicht erkennen. Hunderte kleiner, metallischer Käfer nagten das Fleisch von seinem Schädel, tickend und klickend. Stück für Stück legten sie die weißen Knochen frei. Das blinde Auge schien zu zerfließen und rann langsam als Schleim über seine Wange. Er schien es nicht zu bemerken, denn er streckte seine knochige Hand nach mir aus und zeigte auf mich, die spröde Haut spannte über seine Knochen.

»Der Wolf spricht«, sagte er. »Du wirst der einäugige Blinde sein.« Dann veränderte sich das Fleisch seines Zeigefingers. Wie in Zeitraffer schien es zu vertrocknen und platzte von den Knochen. Ich begann zu schreien, als ich es erkannte.

Unter dem Fleisch, verbunden mit glänzenden Gelenken und Sehnen aus Draht, zeigten sich messerscharfe, gekrümmte Krallen aus Edelstahl.

Und während sich die Käfer unaufhaltsam durch sein Gesicht fraßen und einen grinsenden Totenschädel freilegten, sprach er wieder: »Erkenne die Wahrheit!« Die Stimme dröhnte in meinem Schädel. Ich presste mir die Hände auf die Ohren, aber die Stimme des Sehers und das unermüdliche Klicken der Käfer hörten nicht auf.

In diesem Moment bemerkte ich die Käfer an meinen Beinen, sie krabbelten in meine Hosenbeine und nagten sich in mein Fleisch. Blut drang durch meine Hose. Der Schmerz war unerträglich.

Vor der Höhle heulten die Wölfe.

  

Ich schrie und mit dem Schrei schreckte ich auf. Um mich herum war es dunkel und ich hatte keine Ahnung, wo ich war. Mein Herz raste und ich schnappte nach Luft. Meine Brust schien eingeschnürt und mein Auge schmerzte wie noch nie.

Aber neben mir regte sich etwas, ein warmer Körper. Ich spürte starke, sanfte Arme um mich und hörte Martins Stimme: »Ich bin hier. Du hast geträumt.«

Nur langsam beruhigte sich mein Körper, als hätte er noch nicht begriffen, wo ich war. Der wilde Schlag meines Herzens wurde kaum langsamer und meine Brust schmerzte. Und noch immer hörte ich das entsetzliche Klicken der Käfer und das Heulen der Wölfe.

Martin hielt mich fest im Arm. »Sch...«, machte er und wiegte mich hin und her, bis ich ruhiger wurde. Ich klammerte mich an ihn und streichelte immer wieder über seine lockigen Haare, sein Gesicht. Der Gedanke, es nie mehr sehen zu können, war schrecklich.

Und dann verstand ich, was ich wirklich brauchte. »Ich will Dich wieder sehen können«, brach es aus mir heraus. »Mehr als alles andere will ich Dich sehen.« Ein Leben ohne seinen liebevollen Blick schien mir schlimmer als alles andere. »Ich werde die OP machen.«

Und endlich hörten die Wölfe in mir auf zu heulen.

___________

Die Geschichte wurde inspiriert von einem Bild, das ich auf Artbreeder erstellt habe. Deshalb hänge ich das Bild hier an.

 
Seniors
Beitritt
04.08.2001
Beiträge
1.239

Hallöchen,
war auf der Suche nach einer Horror-Story und bin mal wieder bei dir gelandet.

Ein Mann leidet an Augenkrebs und Weltschmerz. Geht auf Sinnsuche, stellt sich seinen Ängsten und findet die Lust am Leben wieder.
Mir war nicht ganz kar, dass Martin und er ein Paar sind. Eine ganz kurze Geste nur, die man auch missverstehen konnte, dann am Schluss eine etwas eindeutigere Erklärung. Ich bin mir nicht sicher, aber vielleicht würde das Stück gewinnen, wenn wenigstens diese eine Sache zu Beginn schon geklärt wäre. Aber, wie gesagt, ich bin mir nicht sicher.

Vom Plot her hat mir die Geschichte gefallen, die sich eigentlich wieder zum Schluss her aufgeklärt hat, ich mochte das, wie der Prot seine Lebenslust wiederfand und endlich wieder Licht war in der Geschichte. Von daher war wohl auch die Anordnung - Kneipe/Klinik - Höhle - Licht recht stimmig.

Was mir dann nicht so gefallen hat, war die Umsetzung und die Ausführung.
Konnte ich noch folgen in den Erklärungen, die du ja auch ein Gutteil für den Leser abgibst, fand ich den Teil in der Höhle doch etwas - nun ja - over the top. Da war ich wirklich raus, das war mir zuviel, auch wenn du jetzt sagen magst, ja, das war ja ein Traum, der muss exentrisch sein. Aber "drüber" meine ich im schlechten Sinne, nicht im guten, verrückten "Alice-im-Wunderland"-Sinne. Zu viele Klischees, wenn du verstehst.

Ich würde dich wirklich bitten, nochmal über die Dialoge zu gehen, wirklich nur mal die Gesprächszeilen laut lesen. Manche Zeilen klingen wie geschrieben, nicht wie gesagt.

Einige Male bin ich gestolpert über Passagen, die sich wiederholen.
Du schreibst

Das ist Martin: strukturiert, präzise und erfolgreich. Er, der Zahlenmensch, erfolgreicher Unternehmer. Ich, der spontane Gefühlsmensch.

und gleich im nächsten Satz

Wir sind grundverschieden.

Ja, weiß ich ja, möchte ich sagen. Hast du ja gerade schon gesagt!

Oder

»Aber diese OP klingt doch großartig, warum willst Du sie nicht machen?« Er klang fasziniert und gleichzeitig verwirrt. »Warum?«

Und dann

Er verstand es nicht ...

Aber das ist genau dasselbe, das du vorher schreibst; du brauchst mir als dem Leser nicht alles zu erklären, ich fühle mich dann ganz schnell unterfordert und schalte ab.

Aber so geht es auch nicht:

... und ich blieb ihm eine Antwort schuldig.

um dann fortzufahren

»Du kennst mich doch«, versuchte ich, ...

Das ist doch das genaue Gegenteil, das widerspricht sich und verwirrt mich. Ich blieb ihm die Antwort schuldig und dann gibt er sie doch. Es ist sowieso schwierig, mit solchen Erklärungen den Text auffüllen zu wollen, der Leser, wie gesagt, ist kein Dummer. Er will auch nachdenken müssen.

Das hier auch:

»Worüber redet Ihr?« Sie war schon immer eine gute Zuhörerin und gewesen. Also erzählte ich ihr von meiner Entscheidung.


»Ich werde nach Tunguska fliegen.«


Wenigstens der eine Satz ist überflüssig. Wenn du dir den Abschnitt vorliest ohne diesen Satz und er wirkt noch (ich finde ja, er wirkt ohne viel besser!), dann lass ihn weg.

Der Abschnitt, der in der Höhle spielt:
Ich weiß schon, was du ausdrücken willst, doch bei mir wirkt das überhaupt nicht. Ich schrecke eher zurück vor einer solchen Ansammlung von Klischees.

Aufrecht und schlank. Selbst mit meinem rechten Auge konnte ich sein schlohweißes Haar über der blassen Haut sehen. Der lange Bart, fast schwarz. Quer über seine Nase verliefen rote Striemen. Narben? Aber am meisten beunruhigten mich seine Augen, oder das, was davon übrig war. Da, wo sein linkes Auge hätte sein sollen, gähnte ein schwarzes Loch. Sein rechtes lag tief in der Augenhöhle und war fast weiß. Er war blind.

Hier fährst du eine Menge Beschreibungen auf, viele kleine Einzelheiten. Doch mir persönlich fehlt der eine, alles beschreibende Eindruck.
Ich glaube, bei so etwas muss man immer an die Bilder im Kopf beim Leser appellieren, quasi die Lichter anknippsen. Man muss nur den Schalter finden.
Ein einziges Bild um einen gesamten Eindruck zu schildern.
Dazu gibt es immer noch den Hinweis "Show, don't tell!" Die markanten Eigenschaften des Sehers in die Handlung einbetten, nicht einfach sagen: Er hatte ..., seine Nase war ... Das ermüdet.
Ich meine, du probierst es ja, keine Frage, aber das geht besser. Und ein Text ist immer Arbeit!

Ich weiß nicht, muss ich was zu den Käfern sagen? Die das Fleisch vom Schädel nagen? Und die Haut, die sich wie Pergament über die Knochen spannt?

Das sind alles tausende Male gelesene Wendungen, die mir keinen Schauer über den Rücken jagen! Denk dir was Neues aus, etwas, womit ich als Leser nicht rechnen kann, das ich noch nie so gelesen habe.
Ich weiß, das ist schwer, und in den allermeisten Fällen wird das nicht gelingen. Aber arbeite dran, feile, denke drüber nach!

Wie gesagt, ich würde dir das nicht aufschreiben, wenn ich nicht glauben würde, dass der Text, der Plot sozusagen, es verdient. Denn als ich zum Schluss gekommen war, hat mir das Teil doch recht gut gefallen in seiner Gesamtheit.

Übrigens, Aderhautmelanome sind heutzutage in der Regel recht gut behandelbar. Vor dreißig Jahren sah das anders aus.

Schöne Grüße von meiner Seite!

 
Neues Mitglied
Beitritt
23.06.2021
Beiträge
141

Hallo @Hanniball,

vielen Dank für diese gründliche Auseinandersetzung mit meinem Text. Ich merke zunehmend, wie viel Gedanken und handwerkliches Wissen in einem guten Text stecken... und ich gelobe feierlich, mich noch einmal mit dem Text zu befassen.

Das geht aber nicht am Smartphone und zwischen Tür und Angel. Es muss also noch ein wenig warten.

Viele Grüße, Gerald

 
Neues Mitglied
Beitritt
23.06.2021
Beiträge
141

Hallo @Hanniball,

Du legst den Finger in die Wunde. Dialoge sind nicht meine Spezialität. Trotzdem habe ich mal versucht, Deine Anmerkungen umzusetzen.

Dazu gibt es immer noch den Hinweis "Show, don't tell!" Die markanten Eigenschaften des Sehers in die Handlung einbetten, nicht einfach sagen: Er hatte ..., seine Nase war ... Das ermüdet.
Ich meine, du probierst es ja, keine Frage, aber das geht besser. Und ein Text ist immer Arbeit!
"Er gab stets sein Bestes". Ich versuche es.

Ich weiß nicht, muss ich was zu den Käfern sagen? Die das Fleisch vom Schädel nagen? Und die Haut, die sich wie Pergament über die Knochen spannt?
Das sind alles tausende Male gelesene Wendungen, die mir keinen Schauer über den Rücken jagen! Denk dir was Neues aus, etwas, womit ich als Leser nicht rechnen kann, das ich noch nie so gelesen habe.
Da fehlt mir gerade die Kreativität. Ich wollte bewusst einen sehr archetypischen blinden Seher portraitieren. Die Höhle, sein Verhalten, all das sollte fast schon ein Klischee darstellen.

Es stimmt schon, da wäre mehr drin (nur in meinem Kopf ist irgendwie Leere).

Wie gesagt, ich würde dir das nicht aufschreiben, wenn ich nicht glauben würde, dass der Text, der Plot sozusagen, es verdient. Denn als ich zum Schluss gekommen war, hat mir das Teil doch recht gut gefallen in seiner Gesamtheit.
Danke

Ich weiß, das ist schwer, und in den allermeisten Fällen wird das nicht gelingen. Aber arbeite dran, feile, denke drüber nach!
Wenn ich die aktuellen Reaktionen auf meine Texte mit meinen ersten Versuchen hier im Forum vergleiche, besteht ja noch Hoffnung.

Übrigens, Aderhautmelanome sind heutzutage in der Regel recht gut behandelbar. Vor dreißig Jahren sah das anders aus.
Danke für den Tipp. Ich wollte einfach nur einen Krebs, der ein Auge kostet und gestehe, dass ich mich wenig für die medizinische Realität interessiert haben. Mea Culpa.

Ich bin gespannt, ob Du den Text jetzt besser findest.

Herzliche Grüße,
Gerald

 
Neues Mitglied
Beitritt
06.01.2022
Beiträge
9

Hallo Gerald

Dein Rasputin-Gesicht mit den ausgehöhlten Augen ist erschreckend! …

Jetzt zu Deinem Text: Einleitung und Auflösung finde ich gut; ich habe einige sehr schöne Passagen in der Mitte gefunden (ich werde nicht alle zitieren, weil es zu viel sind und weil ich noch nicht mit dem Zitierwerkzeug umgehen kann), zum Beispiel:

Ich blieb ihm eine Antwort schuldig, die Distanz zwischen uns dehnte sich in der Stille immer weiter aus, als würde jedes Ausatmen die Entfernung verdoppeln. »Du kennst mich doch«, versuchte ich dann, die tiefe Angst in meinen Eingeweiden zu beschreiben. »Ich hätte kein Auge mehr, es wäre eine seelenlose Kamera. Metall und Technik im Kopf.« Meine Hände zitterten, als ich die Worte fand:

»Ich will kein Cyborg sein.«

Dein Text (jetzige Version) ist in einem fließenden Stil geschrieben. Das macht ihn leichter lesbar. Zum Glück, denn ich finde ihn noch etwas langatmig. Ich habe das Gefühl, dass es immer unnötige Details gibt. Nur Du kannst entscheiden, ob sich Dein Plot ändern würde, wenn z. B. Martin kein "erfolgreicher IT-Unternehmer" wäre? oder wenn der folgende Satz gestrichen würde:

Sie war alt geworden über die Jahre, aber immer noch die Seele der Kneipe.

Kann ich dir einen Tipp weitergeben, den ich bekommen habe? Deine Geschichte enthält jetzt nach Korrekturen ca.1900 Wörter. Versuche, das Gleiche zu sagen, indem Du 5% des Textes streichst, d. h. rund 100 Wörter. Der Rhythmus wird schneller, der Erzählbogen gespannter und Deine Kurzgeschichte dadurch noch besser.

Viele Grüße
Eraclito

 
Neues Mitglied
Beitritt
23.06.2021
Beiträge
141

Hallo @Eraclito,

vielen Dank für Dein Feedback. Es freut mich, dass Dir der Text gefällt und Du "schöne Passagen" gefunden hast.

Dein Rasputin-Gesicht mit den ausgehöhlten Augen ist erschreckend! …
Ja, der Einäugige ist gruselig. Ich habe das Bild eher zufällig erzeugt und es war die Inspiration für diese Geschichte. :-)

Jetzt zu Deinem Text: Einleitung und Auflösung finde ich gut; ich habe einige sehr schöne Passagen in der Mitte gefunden (ich werde nicht alle zitieren, weil es zu viel sind und weil ich noch nicht mit dem Zitierwerkzeug umgehen kann), zum Beispiel: Ich blieb ihm eine Antwort schuldig, die Distanz zwischen uns dehnte sich in der Stille immer weiter aus, als würde jedes Ausatmen die Entfernung verdoppeln. »Du kennst mich doch«, versuchte ich dann, die tiefe Angst in meinen Eingeweiden zu beschreiben. »Ich hätte kein Auge mehr, es wäre eine seelenlose Kamera. Metall und Technik im Kopf.« Meine Hände zitterten, als ich die Worte fand: »Ich will kein Cyborg sein.«
Gerade den Absatz, den Du zitierst, habe ich erst nach der Kritik von @Hanniball eingefügt.

Dein Text (jetzige Version) ist in einem fließenden Stil geschrieben. Das macht ihn leichter lesbar. Zum Glück, denn ich finde ihn noch etwas langatmig. Ich habe das Gefühl, dass es immer unnötige Details gibt.
Danke und OK.

Kann ich dir einen Tipp weitergeben, den ich bekommen habe? Deine Geschichte enthält jetzt nach Korrekturen ca.1900 Wörter. Versuche, das Gleiche zu sagen, indem Du 5% des Textes streichst, d. h. rund 100 Wörter. Der Rhythmus wird schneller, der Erzählbogen gespannter und Deine Kurzgeschichte dadurch noch besser.
Das ist ein interessanter Ansatz. Ich werde den Text noch einmal überarbeiten.

Vielen Dank und herzliche Grüße,
Gerald

 

Letzte Empfehlungen

Neue Texte

Anfang Bottom