Was ist neu
  • Da es bei dem letzten Update zu größeren Code-Änderungen kam, ist es empfehlenswert, dass ihr euren Browsercache einmal vollständig leert, um die reibungslose Funktion der Seite zu gewährleisten. Tipps dazu findet ihr hier: Anleitung zum Leeren des Browsercache.

Der große Austausch

AWM

Mitglied
Beitritt
26.03.2018
Beiträge
397

Der große Austausch

Hätte die Stadt den „Gasthof zur Linde“ nicht gekauft, würden hier immer noch alte Männer ihre Köpfe Cordon Bleu mit Kroketten entgegenbücken. Da ist es doch so viel besser. Ich löse den Blick von der Speisekarte, die in einem Glaskasten neben dem Eingang vergilbt und notiere den Gedanken in meinen Block.

„Hallo!“
Der Kugelschreiber flutscht mir aus den Fingern. Eine Frau fängt ihn aus der Luft. Sie drückt zweimal den Knopf des Kullis – Klick, Klack – mustert ihn und liest: „Bündnis 90 die Grünen.“
Ich muss schmunzeln.
„Mitbringsel von meinem Bericht über ein grünes Bürgerinnen- und Bürgerforum. Nette Leute“, sage ich.
„Du bist der Journalist.“
Ich nicke. „Malte. Wir hatten telefoniert. Toll, dass das klappt heute.“
„Ja, sicher.“ Die Frau streckt mir die Hand entgegen. „Marina. Ich bin die Leiterin.“
Meine Knöchel krachen, als wir Hände schütteln.
Marina, leitet Flüchtlingsunterkunft, Ende sechzig, Pagenschnitt, kräftiger Händedruck, schmiere ich in meinen Notizblock.
„Wie viele werden die Reportage lesen?“, fragt sie.
„Printreichweite fast fünf Millionen. Dazu kommt noch online“, sage ich und furze lautlos in den Sommertag. Ein tolles Gefühl, dass so viele Menschen meine Sicht auf die Dinge lesen; darunter viele Prominente. Ich stelle mir gerne vor, wie Udo Lindenberg das Magazin aufgeschlagen in der Bar des Atlantik-Hotels in Hamburg liegen lässt, weil er meine Reportage so toll fand. Oder wie die Kanzlerin auf dem Klo sitzt, mit der Zungenspitze ihren Zeigefinger anfeuchtet und gebannt durch meine Texte blättert. Ich bin Teil vieler Leben.
„Das wird groß“, sage ich. „Es gibt tausende Artikel über muslimisches Leben in Deutschland. Das ist wichtig. Islamophobie ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Aber die Kollegen übergehen andere Religionen, die Geflüchtete praktizieren. Voodoo kennt man nur aus Horrorgeschichten. Die strotzen vor Stereotypen.“
Marina grinst so breit, dass ihre Oberlippe fast nach hinten klappt. Bevor wir eintreten, schiele ich noch einmal auf die Speisekarte. Am Schluss meiner Reportage lasse ich einen der Voodoo-Togolesen sagen, dass er in Deutschland am liebsten Cordon Bleu mit Kroketten esse. Nette, versöhnliche Pointe.

Der Gastraum der Linde sieht genauso aus, wie ich ihn mir vorgestellt habe. Sonnenlicht kämpft sich durch Bleiglasfenster, schmiert über die Einrichtung. Wachsdecken schmiegen sich um die Rundungen der Eichenholztische, schlabbern an den Tischplatten herab. Die Ränder der Decken kräuseln sich der Schwerkraft entgegen. Über einer Eckbank mit tannengrünen Sitzpolstern prangt der Schriftzug „Stammtisch Gesangsverein Nispelbach“. Es riecht nach Staub auf Strickjacken. Mir schießen die Tiraden meines Opas über „den Schicksalskampf“ in die Ohren, die er nach dem dritten Pils in so einen Gastraum bellte. Wie ich auf seinem Schoß sitzen musste. Ich, sein „ganzer Stolz“. Wie er mir über die „schön blonden Haare“ fusselte und mir in die „schön blauen Augen“ stierte. Zweimal lupfte er mich aus Versehen auf den Beutel seines Blasenkatheters. Der Urin biss warm an meinem Po. Manchmal ist es, als läge Opas Pranke immer noch auf meinen blonden Haaren, die ich unter einer Baseballcap verstecke.

Ein ungeheures Scheppern reißt mich zurück zu Marina.
„Komm. Die fangen ohne uns an“, sagt sie.
Wir stoppen vor einer Tür. Das Scheppern lässt sie so stark vibrieren, dass ich glaube, sie spränge gleich aus den Angeln. Dann stößt Marina die Tür auf.
Was für ein Schauspiel! Ein Dutzend Geflüchteter tanzt im Kreis. Sie reißen ihre Knie bis hoch unter die Schultern. Manche schlagen faustgroße Steine aufeinander, andere trommeln auf Kochtöpfen. Schweiß perlt über schwarze Haut, ihre Leiber werfen das Licht der Neon-Deckenlampen verwandelt zurück in den Raum. Es züngelt die Wände hinauf wie die Flammen eines Ritualfeuers. Gewürzduft, der sich mit Schweiß und Lebensfreude vermengt, steigt mir in die Nase und ich wähne mich im Gewimmel der Märkte in den Hauptstädten des geheimnisvollen Afrikas. Ich ziehe meine Kappe in die Stirn.

Marina stößt mir den Ellenbogen in die Rippen und brüllt: „Das ist eine Ehre. Sie führen das Ritual hier erst zum zweiten Mal durch.“ Sie stolziert in die Mitte der Gruppe, streckt die Hände in die Luft, schnippt mit den Fingern. Dann drehen sich ihre Augäpfel nach innen. Jeder Muskelstrang ihres Körpers scheint zu krampfen. Die Geflüchteten singen im Chor. Ihre Sprache hört sich an wie aneinandergereihte Gluckslaute: Bo-Bo-Bokura, Bo-Bo-Bokura, Bo-Bo-Bokura!
Mir wird ganz warm und es fühlt sich an, als trommelten meine Körperhärchen im Takt den Rücken hinunter bis in die Poritze. Marina ist beseelt, sie tanzt und springt in der Mitte der Geflüchteten umher, als wäre sie eine Zwanzigjährige. In diesem Moment ist sie eine von ihnen und ich frage mich, ob ich das auch kann. Die Vorstellung macht mich so glücklich, dass ich fast vergesse, mir Notizen zu machen. Ich kritzele Stichworte in meinen Block, komme kaum nach. Marina läuft im Handstand reihum. Einem Kunststück folgt sekündlich ein aberwitzigeres und macht das vorherige vergessen. So eine vitale Religion!

Plötzlich hat Marina einen Gockel in der einen und eine Machete in der anderen Hand. Ich setze den Stift ab. Ein junger Mann schwingt eine Rassel. Über dem bauchigen Instrument spannt sich ein Netz in dem hunderte Korallen, Muscheln und Knöchlein klimpern. Mit jedem Rasseln stößt Marina die Machete näher an die Gockelgurgel. Dann hebt der Mann zum finalen Schwung an, lässt die Rassel niedersausen und Marina hackt dem Gockel durch den Hals. Der kopflose Hahn rast im Zickzack durch den Kreis, sein Herz pumpt Blut in die Luft. Es klatscht aus Fontänen auf den Kachelboden. Der Gockel weiß nicht wohin, schlägt mit den Flügeln, schwankt und plumpst vor meine Füße. Er zuckt einmal, zweimal, dreimal, dann macht er keinen Mucks mehr. Die Geflüchteten johlen, knien über den Blutpfützen, sammeln das Blut und lassen es von ihren Händen in Tassen tropfen.

Ich stolpere zurück. Marina fegt zu mir, gefolgt von dem Mann mit der Rassel.
„Wir brauchen dich noch“, sagt sie und grinst so breit, dass ihre Oberlippe umklappt. Sie rupft den Notizblock aus meinem Jutebeutel und sagt: „Den Block nicht. Ein anderer schreibt die Reportage.“
„Was?“, stammele ich.
Sie lächelt.
„Sobald er in deinem Körper ist.“
Marina linst auf die Geflüchteten, die immer noch mit dem Blut hantieren und grinst.
„Und derjenige mischt eine Tasse davon in die Druckertinte.“ Sie lacht auf, als sei das das Selbstverständlichste auf der Welt.
„Ich …“
„Deine fünf Millionen Leser. Alle werden sie das Wort Bokura lesen.“
Die Männer heben an zum Gesang Bo-Bo … Marina winkt ab. Sie verstummen. „Körpertausch. Magie, älter als die Kontinente.“ Marina schubst mich. „Die Seelen unserer Brüder und Schwestern schweben übers Mittelmeer in ihre neuen Körper.“ Dann bohrt sie ihren Zeigefinger in meinen Bauchnabel. „Und fünf Millionen Deutsche gleiten in das Land, das sie ausgebeutet und zur Wüste gemacht haben.“ Sie schaut zum Rasselmann, zischt „Cassian“ und deutet mit einer Kopfbewegung auf mich. Cassian gluckst etwas. Dann dreht er mir die Arme zwischen die Schulterblätter. Marina tunkt ihren Fingernagel in den Hals des Gockels und fährt sich wie mit einer Tuschfeder über die Stirn. Ich lese „Bokura“ in Lettern, deren Ränder in Marinas Augen rinnen. Der Raum bebt. Marina kommt ganz nah, als wollte sie mir einen Kuss auf die Wange geben. „Grüß mir die Heimat“, flüstert sie in mein Ohr. Es kitzelt, dann ist es, als schösse mich eine Kanone durch die Decke, so schnell, dass ich den Himmel zerreiße, hinein in eine Dimension, die für kein menschliches Auge bestimmt ist. Mandalas rauschen vorbei, in Farben, für die es keine Namen gibt, Ethnomuster tanzen mir entgegen, zeichnen meine Haut, schmelzen meine Glieder zu geometrischen Formen, die allen mathematischen Gesetzen zuwiderlaufen; und endlich wird es schwarz.

Ich wache auf, weil mir Rauch, Anis und Ingwer oder sonst was in der Nase beißt und weil ich mein eigenes Gestammel in den Ohren habe: „Nette, versöhnliche Pointe. Ja, eine nette, versöhnliche Pointe für eine Reportage.“ Ich höre Lachen, spüre Hände an meinen Gliedern. Über mir wabern Flecken vor gleißendem Licht. Als sich das Bild zusammensetzt, sehe ich, dass mich vier Schwarze tragen. Sie lachen so freudig zu mir herab, als sei ihnen ein Kind geboren. In ihren Rücken schlagen die Flammen eines Lagerfeuers in den Mittag, lassen die Luft flirren. Sie werfen mich in einer Wellblechhütte auf den Boden. Staub steigt empor, verliert sich in Wirbeln über meiner Brust. Sie verriegeln die Tür. Ich krieche in eine Ecke und bete das mit der versöhnlichen Pointe vor mich hin, weil das irgendwie beruhigend ist und da merke ich, dass ich etwas Seltsames gluckse und die Laute sich erst in meinem Kopf wieder zu dem zusammensetzen, was ich stammeln will. Ich spreche kein Deutsch. Ich atme schnell und schwach in die Hitze, reiße die Hände vors Gesicht, fahre mir über den Kopf: krauses, fürchterlich kurzes Haar. Meine Arme, meine Beine: schwarz. Ich fliehe ins Dunkel meiner Augenlider, öffne sie: immer noch schwarz. Ich kiekse. In meinem Augenwinkel huscht eine Silhouette vorbei.

Mein Mitgefangener sieht nicht aus wie die Schwarzen im „Gasthof zur Linde“ und nicht wie die vier von vorhin. Weiße Asche bedeckt seine Haut und hat sich dick in die Konturen seiner Muskeln gelegt. Vom Kopf baumeln Rastalocken, an deren Enden Knöchlein zittern und über seinen Lippen prangt das Gebiss eines Totenschädels. Der muss Voodoopriester oder sowas sein, denke ich. Urin beißt an meinem Po.
Der Priester gluckst und in meinem Kopf setzen sich die Worte zusammen: „Du bist der Journalist.“
„Ja“, gluckse ich zurück.
Unsere Tränen platzen in den Staub, wirbeln Wölkchen auf.
„Marina.“ Der Mann streckt mir die Hand entgegen. Der Händedruck einer alten Frau.
 
Zuletzt bearbeitet:
Mitglied
Beitritt
12.06.2019
Beiträge
15
Ich bin noch nicht so gut mit Kritik, wie sonst alle anderen hier, die Zitate aus dem Text kopieren und bewerten. Ich kann also zunächst nur mal sagen das mir die Geschichte gut gefallen hat. Ein bisschen gruselig...wegen dem Voodoo...was ja auch der Witz des Ganzen ist, da er ja genau diese Irrtümer ausräumen wollte, als Journalist...oder eben auch nicht. Eine super Idee :thumbsup:
 
Mitglied
Beitritt
30.12.2018
Beiträge
179
Hallo @AWM

während des Lesens scrollte ich zweimal wieder hoch, um zu sehen, wie die Geschichte vertaggt ist. »Gesellschaft« und »Horror«? :D Also das kann unmöglich nur Horror sein, oder? Du wolltest auf jeden Fall ne Menge Humor mit reinmischen, oder? Die ersten zwei Drittel des Textes hab ich definitiv als humorvollen Text gelesen, erst gegen Ende wird es dann etwas düster. Die Idee an sich finde ich klasse, aber durch die Genre-Mischung war ich dann während des Lesens doch zu verwirrt, als dass ich mich voll auf den Voodoo-Trip hätte einlassen können. :/

Hätte die Stadt den „Gasthof zur Linde“ nicht gekauft und umfunktioniert, würden hier immer noch alte Männer ihre Köpfe Cordon Bleu mit Kroketten entgegenbücken.

Der erste Satz ist realtiv kompliziert finde ich, aber auch ziemlich geil! :D Ich hab ihn schon zehnmal gelesen und kann immer noch nicht sagen, ob er richtig ist, also rein grammatikalisch gesehen. Kann sich ein Kopf einem Gegenstand entgegenbücken? Die Bück-Bewegung ist ja schon ziemlich vollumfänglich, oder? Das geht doch eher vom Rücken aus? Aber da bin ich mir jetzt auch nicht sicher. ;)

Der Kugelschreiber flutscht mir aus den Fingern. Eine Frau fängt ihn aus der Luft.

Dieses Bild sieht in meinem Kopf so comic-mäßig aus, das ich sofort bei Humor und Comedy bin. Ich hoffe, das war auch so von dir beabsichtigt. :hmm:

Dazu kommt noch online“, sage ich und furze lautlos in den Sommertag.

:rotfl:

Islamophobie ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Diese Formulierung finde ich schräg. Meist kommen ja eher positive Dinge langsam in der Mitte der Gesellschaft an, oder? Sagt man das nicht eher über so Sachen wie Homosexualität oder Technik-Trends oder so? Das eine Phobie bereits Bestandteil jeder Gesellschaft ist, ist eigentlich klar.

Es riecht nach Staub auf Strickjacken.

Voll gut. :thumbsup:

Mir wird ganz warm und es fühlt sich an, als trommelten meine Körperhärchen im Takt den Rücken hinunter bis in die Poritze.

Also hey, spätestens beim Wort Poritze kannst du mir nicht erzählen, dass das kein humorvoller Text sein soll. :D

So eine vitale Religion!

Oder das hier, fand ich auch sehr witzig. :D

„Die Seelen unserer Brüder und Schwestern schweben übers Mittelmeer in ihre neuen Körper.“ Dann bohrt sie ihren Zeigefinger in meinen Bauchnabel. „Und sechs Millionen Deutsche gleiten in das Land, das sie ausgebeutet und zur Wüste gemacht haben.“

Megacoole Idee! :read:

„Grüß mir die Heimat“, flüstert sie in mein Ohr. Es kitzelt, dann ist es, als schieße mich eine Kanone durch die Decke, so schnell, dass ich den Himmel zerreiße, hinein in eine Dimension, die für kein menschliches Auge bestimmt ist.

Ich find's immer merkwürdig in Horrorgeschichten bzw. Filmen, wenn die Opfer das Grauen einfach so über sich ergehen lassen. Keine Widerworte? Kein Fluchtversuch, kein Jammern und Betteln und Co.? Sie hat ja detailliert beschrieben, was sie vorhat, wäre das nicht zumindest auch für einen Zyniker ein Zeichen für ... zumindest mal Protest? :D

Ich fliehe ins Dunkel meiner Augenlider, öffne sie: immer noch schwarz. Ich kiekse hysterisch.

Das mit den Augenlidern ist mega! Das er aus seiner eigenen Perspektive findet, das er hysterisch kiekst allerdings nicht. Jemand der aus Panik schreit würde in diesem Moment sein eigenes Verhalten ja kaum als hysterisch einstufen. ;)

„Marina.“ Der Mann streckt mir die Hand entgegen. Der Händedruck einer alten Frau.

So cool! Tolles Ende!

Ja, ich weiß jetzt auch nicht so recht, ehrlich gesagt. Auf der einen Seite finde ich die Idee richtig richtig gut. Auf der anderen Seite weiß ich nicht, wie ich mit der Umsetzung umgehen soll, da sie mich sehr verwirrt. Es ist zum größten Teil ein lustiger Text mit jeder Menge Humor, da komm ich logischerweise nicht auf den Voodoo-Geister-Trip. Falls das die Intention war, ist es dir gelungen, ich musste echt lachen. :) Hast auf jeden Fall auch viele richtig gute Formulierungen drin!

Danke und viele liebe Grüße, PP
 
Senior
Beitritt
02.01.2011
Beiträge
813
Hallo @AWM,

"Der große Austausch" als Titel färbt den Text natürlich in ein gewisses Licht, ist Provokation und Hook zugleich. Ich lese den Text unter diesem Titel als Leser dann so, dass ich die Pointen und den Witz, den du über deine Figuren ergehen lässt, mit einer gewissen Schärfe bzw. aus einem ganz bestimmten neurechten Winkel betrachte. Es ist auch eine Art Statement: Jetzt blicken wir einmal aus neurechter Sicht auf linksgrüne Journalisten und Flüchtlingshelfer. Das kann man machen, rein handwerklich gesehen. Das ist jetzt kein Für oder Wider in Bezug auf den Titel, sondern lediglich meine Gedanken dazu. Also, du legst mit diesem Titel die Positionen und den Blickwinkel von vornherein fest. Ich muss natürlich zugeben, dass mich dieses Schlagwort Camus' als Titel schon gecatched hat.

Dazu kommt noch online“, sage ich und furze lautlos in den Sommertag.
Oder wie die Kanzlerin auf dem Klo sitzt, mit der Zungenspitze ihren Zeigefinger anfeuchtet und gebannt durch meine Texte blättert.
Diese Pointen, Kanzlerin auf dem Klo, herumfurzen, hätte es für mich im Text gar nicht gebraucht. Mir ist das ein wenig zu viel Pippikaka, aber das ist mein persönlicher Geschmack

„Und sechs Millionen Deutsche gleiten in das Land, das sie ausgebeutet und zur Wüste gemacht haben.“
Sechs Millionen, ein Zufall? Diese Zahl hat natürlich ihren Geschmack.

Schwierig, etwas zu deinem Text zu sagen. Er ist unterhaltsam und gut geschrieben, die Wendung mit der Seelenwanderung bzw. des Austausches ist interessant und kommt unvorhergesehen. Das mit der Zahl sechs Millionen hat natürlich seinen Geschmack. Wenn man wollte, kann man da natürlich eine Art Holocaust an Deutschen im Zuge eines großen Seelen-Austauschen bzw. wegen der Massenmigration raus lesen. Ich finde es spannend, wenn Storys mit kritischen Prämissen entstehen, wenn sie gut gemacht sind, wieso sollte man Themen wie Migration, Relotius, etc. nicht auch kritisch durch eine Geschichte betrachten können? Aber ich muss sagen, die Zahl sechs Millionen ist mir ein wenig zu drüber. Also, das ist mir ein wenig zu viel Gschmäckle. Davor fand ich die Story unterhaltsam und auf eine Art auch kritisch, aber na ja, an der Stelle mit den sechs Millionen war mir das ein wenig drüber, so mit dem Thema Holocaust zu hantieren. Also, hättest du jede andere Zahl genommen wäre das nur eine Zahl, aber an der Zahl sechs Millionen hängt schon ein langer Rattenschwanz, den der ein oder andere deuten könnte und mein Unterhaltungsgefühl hat an der Stelle schon gelitten, gerade, weil die Geschichte ja durchaus witzig und pointenreich geschrieben ist.

Die Geschichte funktioniert in ihrer Kürze und ist natürlich sehr metaphorisch zu verstehen, wenn man das will. Wenn man die Messlatte hoch ansetzen möchte, könnte man sagen: zu metaphorisch. Also, der Plot ist relativ kurz: Journalist betritt Unterkunft, geht in die Mitte des Tanzes, erwacht in Afrika. Es existiert ja quasi kaum Spielraum, welches Objekt welche metaphorische Bedeutung besitzt - es ist sehr eindeutig. Spannend fände ich, diese Prämisse in einem längeren Plot ausgebaut zu sehen, wie ein idealistischer Journalist oder eine naive Heimleiterin ihre innere Einstellung durch Erfahrungen und Konflikte verändern.
Es geht alles sehr schnell in deiner Geschichte, Malte ist linksgrün, idealistisch, wird mittels Voodoo nach Afrika geschossen und bereut dort. Verstehe mich nicht falsch, das ist ein guter Text, aber auch ein wenig Deus ex machina.
Gefährlich würde eine solche Prämisse in einer Geschichte doch werden, wenn Figuren, die der Text ernst nimmt und die aus eigenen Motivationen und Überzeugungen in der realen Welt handeln, in Konflikte geraten, die sie (die Figuren) verändern und die sie unweigerlich Erkenntnisse davon tragen lassen, die ihr Wesen und auch ihre Einstellungen zu Teilen verändern. Die Seelenwanderung ist eine originelle, unterhaltsame Idee, die auf metaphorischer Ebene funktioniert, die mich aber die Einstellungsänderung von Malte insofern nicht nachvollziehen (bzw.: mit nachvollziehen) lässt, als dass dort keine Kette realer Erfahrungen stattfindet, die ich als Leser auch mitmachen kann, und die - wenn ich mich als Leser als Malte identifizieren kann - auch die Macht besitzt, mich in Teilen mitzuverändert. (Mit "realer Erfahrungen" meine ich alle Erfahrungen, die mir auch in der realen Welt zustoßen könnte - die Seelenwanderung bspw. ist ein magisches Element, das so in der echten Welt nicht vorkommt.)

Grundsätzlich hab ich deine Geschichte sehr gerne gelesen. Aber ich würde die Zahl sechs Millionen ersetzen, wäre das mein Text, ich finde das wie gesagt ein wenig over the top.


Hätte die Stadt den „Gasthof zur Linde“ nicht gekauft und umfunktioniert, würden hier immer noch alte Männer ihre Köpfe Cordon Bleu mit Kroketten entgegenbücken.
Ich finde das Kursive umständlich formuliert; v.a. wegen dem "würden alte Männer ihre Köpfe - entgegenbücken". Ist das ein Passiv? Ich weiß nicht, wie man das nennt. Aber dadurch, dass das Essen das Subjekt (?) ist, zu dem sich entgegengebückt wird, liest sich das etwas uneingänglich für mich.
Vorschlag: (...), würden sich hier immer noch alte Männer über Cordon Bleu mit Kroketten bücken.

Ich nicke.
„Malte. Wir hatten telefoniert. Toll, dass das klappt heute.“
Kein Absatz. Sonst denkt man, die Frau sagt das

Marina grinst so breit, dass ihre Oberlippe fast nach hinten klappt.
die Oberlippe klappt nach hinten? :D

Am Schluss meiner Reportage lasse ich einen der Voodoo-Togolesen sagen, dass er in Deutschland am liebsten Cordon Bleu mit Kroketten esse. Nette, versöhnliche Pointe.
Das ist ja frech. Relotius-Style

Der muss Voodoopriester oder sowas sein, denke ich. Der Gedanke krallt mein Hirn, Urin beißt an meinem Po.
Der Priester gluckst und in meinem Kopf setzen sich die Worte zusammen: „Du bist der Journalist.“
Mein Blut sackt in die Zehenspitzen.
„Ja“, gluckse ich zurück.
Unsere Tränen platzen in den Staub, wirbeln Wölkchen auf.
„Marina.“ Der Mann streckt mir die Hand entgegen. Der Händedruck einer alten Frau.
Ich hab das lange Zeit so verstanden, dass der Priester (Marina) hier lacht (=gluckst). Ich finde, "gluckst" ist etwas unglücklich gewählt. Du meinst hier ja, dass er/sie undeutlich spricht, oder?

Sonnenlicht kämpft sich durch Bleiglasfenster, schmiert über die Einrichtung.
Sonnenlicht schmiert?

Voodoo kennt man nur aus Horrorgeschichten. Die strotzen vor Stereotypen.
Interessant, das in einer Geschichte zu schreiben, die sich letztendlich als Voodoo-Horrorgeschichte entpuppt :D


Beste Grüße, zigga
 
Zuletzt bearbeitet:

AWM

Mitglied
Beitritt
26.03.2018
Beiträge
397
Hallo @Ninamy67
Ich bin noch nicht so gut mit Kritik, wie sonst alle anderen hier, die Zitate aus dem Text kopieren und bewerten.
Keine Scheu! Einfach machen :)
Ich kann also zunächst nur mal sagen das mir die Geschichte gut gefallen hat.
Vielen Dank für deinen kurzen Eindruck!
Hallo @PlaceboParadise und vielen Dank für deinen Kommentar
Also das kann unmöglich nur Horror sein, oder? Du wolltest auf jeden Fall ne Menge Humor mit reinmischen, oder?
Ja. Ich hatte auch schon den Tag Satire drin, habe den dann aber wieder gelöscht. Ich bin mit den Tags immer etwas unentschieden, weil sie doch stark die Leser-Erwartung beeinflussen. Der Text ist soll aber natürlich witzig und provokant sein und ich hätte wahrscheinlich bei dem Satire-Tag bleiben sollen.
Die Idee an sich finde ich klasse, aber durch die Genre-Mischung war ich dann während des Lesens doch zu verwirrt, als dass ich mich voll auf den Voodoo-Trip hätte einlassen können.
Das verstehe ich. Die Idee war, eine trashige, provokante Horrorgeschichte zu schreiben. Vielleicht ist mir die Mixtur nicht ganz gelungen.
Ich hab ihn schon zehnmal gelesen und kann immer noch nicht sagen, ob er richtig ist, also rein grammatikalisch gesehen. Kann sich ein Kopf einem Gegenstand entgegenbücken?
Ich habe den ersten Satz sehr oft umformuliert und verstehe deine Bedenken. Ich selbst finde das Entgegenbücken cool, aber der Satz an sich ist etwas umständlich formuliert. Werde schauen, was ich da noch machen kann.
Dieses Bild sieht in meinem Kopf so comic-mäßig aus, das ich sofort bei Humor und Comedy bin. Ich hoffe, das war auch so von dir beabsichtigt.
Ja, auch das war beabstichtigt. Habe solche "Comic-Elemente" in meinen letzten drei Geschichten drin, weil mir das stilistisch gerade gefällt. Arbeite gerade aber an einer neuen, die ganz anders werden soll, damit ich mich nicht zu sehr auf diesen Stil versteife.
Diese Formulierung finde ich schräg. Meist kommen ja eher positive Dinge langsam in der Mitte der Gesellschaft an, oder?
Für mich ist das eine typische Journalisten-Floskel
Ich find's immer merkwürdig in Horrorgeschichten bzw. Filmen, wenn die Opfer das Grauen einfach so über sich ergehen lassen. Keine Widerworte? Kein Fluchtversuch, kein Jammern und Betteln und Co.?
Hm, ja. Ich hatte mir das so vorgestellt, dass er wie erstarrt ist und unter einem Bann steht. Schaue mal, ob ich an der Stelle noch was ändere, um ihn ein wenig aktiver zu machen.
Das mit den Augenlidern ist mega! Das er aus seiner eigenen Perspektive findet, das er hysterisch kiekst allerdings nicht. Jemand der aus Panik schreit würde in diesem Moment sein eigenes Verhalten ja kaum als hysterisch einstufen.
Stimmt absolut. Werde ich streichen.
Es ist zum größten Teil ein lustiger Text mit jeder Menge Humor, da komm ich logischerweise nicht auf den Voodoo-Geister-Trip. Falls das die Intention war, ist es dir gelungen, ich musste echt lachen.
:)
Hallo @zigga und vielen Dank für deinen Kommentar
"Der große Austausch" als Titel färbt den Text natürlich in ein gewisses Licht, ist Provokation und Hook zugleich.
Ja, der ganze Text ist natürlich provokativ.
Es ist auch eine Art Statement: Jetzt blicken wir einmal aus neurechter Sicht auf linksgrüne Journalisten und Flüchtlingshelfer.
Ich verstehe, dass du den Text als Statement siehst. Meine Idee war aber eine andere. Ein kurzer Umriss, wie es zum Text kam: "Der große Austausch" als Slogan hat ja gerade in Österreich durch die Verwendung der Identiären zu einer großen Debatte geführt. Vor allem auch, weil Strache, als er noch im Amt war, von "Bevölkerungsaustausch" sprach und daran, trotz Kritik von Kurz, festhielt und weil die Nähe der FPÖ zu den Identitären thematisiert wurde. Ich habe in letzter Zeit wieder viel Lovecraft gelesen und auch "Gegen die Welt, gegen das Leben", wo Houllebeqc über Lovecraft schreibt und festhält, dass die Angst vor dem Fremden das Motiv jeglicher Horrorliteratur ist. Bei Lovecraft, der sich oft rassistisch geäußert hat, sind die Kultisten meist Schwarze etc. Durch diese verschiedenen Eindrücke kam ich darauf, eine Kultisten-Horrorgeschichte über die Idee des "großen Autauschs" zu schreiben, in der ich mit den Stereotypen spiele, die diese Vorstellung umgeben. Das fand ich lustig und provokant. Auch interessant, weil der Jorunalist ja ein naiver Charakter ist, der in so einer Geschichte eigentlich nicht funktioniert, weil er überhaupt keine Angst vor dem Fremden hat, sondern es fast fetischisiert. Ich finde durch diesen Bruch entsteht viel Komik, zumindest in der ersten Hälfte des Textes. Es sollte sozusagen ein moderner, ironischer Lovecraft werden. An manchen Stellen habe ich versucht, auch ein wenig seinen Stil zu kopieren.
in Farben, für die es keine Namen gibt, Ethnomuster tanzen mir entgegen, zeichnen meine Haut, schmelzen meine Glieder zu geometrischen Formen, die allen mathematischen Gesetzen zuwiderlaufen; und endlich wird es schwarz.
Diese Pointen, Kanzlerin auf dem Klo, herumfurzen, hätte es für mich im Text gar nicht gebraucht. Mir ist das ein wenig zu viel Pippikaka, aber das ist mein persönlicher Geschmack
Ja, es häuft sich ein bisschen. Der Furz sollte Selbstzufriedenheit ausdrücken und das mit der Kanzlerin auf dem Klo eben wie sehr er Teil dieser Leben ist und wie toll er das findet. Sich Prominente auf dem Klo vorzustellen, macht sie ja mehr als sonstwas zu Alltagsmenschen.
Sechs Millionen, ein Zufall? Diese Zahl hat natürlich ihren Geschmack.
Da hast du recht und ich finde auch, dass das over the top ist, wenn man das so liest. Mein Protagonist ist ja eine klischeehafte Relotiusfigur und ich habe die Printreichweite des Spiegels gegoogled, die bei 5,7 Millionen liegt. Ich werde das aber ändern, weil ich derselben Meinung bin, dass das ein bisschen zu viel (schlechter) Geschmack ist. Rechtsextreme nennen Einwanderung ja auch gerne Völkermord an Weißen.
Gefährlich würde eine solche Prämisse in einer Geschichte doch werden, wenn Figuren, die der Text ernst nimmt und die aus eigenen Motivationen und Überzeugungen in der realen Welt handeln, in Konflikte geraten, die sie verändern und die sie unweigerlich Erkenntnisse davon tragen lassen, die ihr Wesen und auch ihre Einstellungen zu Teilen verändern.
Klar, das will der Text in seiner Ironie aber nicht. Meine Figuren sind Stereotypen und der Text ist sich dessen bewusst. Der Protagonist sagt ja selbst, dass Voodoo bisher nur in Horrorgeschichten vorkam, die vor Stereotypen strotzen.
Grundsätzlich hab ich deine Geschichte sehr gerne gelesen. Aber ich würde die Zahl sechs Millionen ersetzen, wäre das mein Text, ich finde das wie gesagt ein wenig over the top.
Vielen Dank, das freut mich und ich werde die Zahl ändern.
Ich weiß nicht, wie man das nennt. Aber dadurch, dass das Essen das Subjekt (?) ist, zu dem sich entgegengebückt wird, liest sich das etwas uneingänglich für mich.
Vorschlag: (...), würden sich hier immer noch alte Männer über Cordon Bleu mit Kroketten bücken.
Dazu hat Placebo auch schon was gesagt. Ich habe den Satz sehr oft umformuliert. Das Entgegenbücken gefällt mir gut, aber der Satz ist etwas umständlich, gerade für einen ersten.
Ich hab das lange Zeit so verstanden, dass der Priester (Marina) hier lacht (=gluckst). Ich finde, "gluckst" ist etwas unglücklich gewählt. Du meinst hier ja, dass er/sie undeutlich spricht, oder?
Mit dem Glucksen war gemeint, wie sich die fremde Sprache für den Protagonisten anhört. Als er am Ende in einem anderen Körper ist, gluckst er ja auch. Ich hatte das deutlicher in einer anderen Version und werde es wieder deutlicher machen.
Sonnenlicht schmiert?
Ja, ich mag das irgendwie. Es fällt ja davor durch so alte Bleiglasfenster.
Interessant, das in einer Geschichte zu schreiben, die sich letztendlich als Voodoo-Horrorgeschichte entpuppt
:)
 
Mitglied
Beitritt
07.01.2019
Beiträge
352
Guten Morgen @AWM
Horror, na da lass ich mich doch nicht langn bitten. Mal sehen was mir beim druchlesen so auffällt :-)
Ich, sein „ganzer Stolz“. Wie er mir über die „schön blonden Haare“ fusselte und mir in die „schön blauen Augen“ stierte.
Irgendwie schwingt da ein düsteres, mulmiges Gefühl mit, sehe ich das richtig ?
Ein Dutzend Geflüchteter tanzt im Kreis
müsste es nicht tanzten heißen?
Gewürzduft, der sich mit Schweiß und Lebensfreude vermengt, steigt mir in die Nase
ich weiß wie du das meinst aber wie kann Lebensfreude riechen?
Dann drehen sich ihre Augäpfel nach innen
gruselig
„Ist dir unwohl? Wir brauchen dich noch“,
nochmal gruselig
dass ihre Oberlippe umklappt.
schöne Bezugnahme auf das vorherige Grinsen, dass jetzt eindeutig breiter ist.
und fährt sich wie mit einer Tuschfeder über die Stirn.
ich bin nicht gut in Zeichensetzung aber müsste wie mit einer Tuschefeder nicht in Kommas gefasst sein?
Selbstverständlichste auf der Welt.
„Ich …“
bis hier hin finde ich die Geschichte wahnsinnig gut und fesselnd, danach geht es mir ein bisschen schnell mit dem Beendet des Rutauals und das Ende lässt mich dann völlig Ratlos zurück. Ich weiß nicht ob die Zusammenhänge richtig verstehe. Marina will die Seele des Journalisten mit der Seele eines Afrikaners tauschen, damit er als Journalist die komplette Leserschaft, durch das wort Bokura, mit den verstorbenen (getöteten) Ahnen des Afrikaners tauschen kann? wieso ist dann Marina plötzlich auch in den Körper eines Voodoo-Pristers geschlüpft? also irgendwie wird mir das zum Ende hin ein bissch durcheinander und geht mir vor allem zu schnell. Ich hätte diese Situation des Ungewissen gerne noch länger ausgekostet ohne zu wissen was sie vorhat. Das vielleicht erst an Ende gesetzt, wenn sie sich in der Hütte treffen. Vielleicht erklärt Marina ihm gar nicht was sie vorhaben, sondern er fällt einfach so in das Schwarze Loch mit den komischen geomatrischen Formen.
Ich weiß nicht, für meinen Geschmack hast du wahnsinnig gut angefangen und dann sehr stark nachgelassen. Ich hab die anderen Kommentare nicht gelesen, weiß also nicht wie die das sehen.

Nach all den eher nicht so netten Dinge habe ich noch zwei Sachen dir mir sehr gut gefallen haben. So als Schmankerl zum Schluss, quasi :-)
Es riecht nach Staub auf Strickjacken
Wachsdecken schmiegen sich um die Rundungen der Eichenholztische, schlabbern an den Tischplatten herab.
vor allem Staub auf Strickjacken finde ich super und ich mag das Wort schlabbern sehr gerne, sollte man viel häufiger nutzen.
:thumbsup:

Ich werde die Geschichte wahrscheinlich noch ein zweites Mal lesen, wenn ein bisschen Zeit vergangen ist. Im Grund gefällt sie mir nämlich echt gut und oft erkenne ich Dinge dann erst beim Zweiten mal, falls sich meine Meinung bezüglich einiger Verunsicherungen dann noch gelöst haben (selbstverständlich kannst du mir auch vorher auf die Sprünge helfen) würde ich mich nochmal melden.

Wirklich interessante Geschicht, lässt mich merkwürdig verwirrt und irritiert zurück aber dennoch nicht so, als das ich sie als Zeitverschwendung abstempeln würde. Eher so in die Richtung.. mhhh da werde ich wohl nochmal drüber nachdenken müssen.
Wirklich spannend:-) (PS: hoffe dieser kleine Nachtrag kommt so rüber wie ich ihn meine :naughty:)

Danke für diese Geschichte
Shey :-)
 
Senior
Beitritt
12.04.2007
Beiträge
5.749
Ich bin Teil vieler Leben.

„Ich spreche schon geflossen deutsch; nur manchesmal breche ich noch etwas Rad“* fiel mir,

AWM („lieb“ ist nach diesem – wie ich finde, gelungenen Text – nicht möglich, wie sich das für Satire gebührt!),

ein, als ich Deinen ersten Satz las,
Hätte die Stadt den „Gasthof zur Linde“ nicht gekauft und umfunktioniert, würden hier immer noch alte Männer ihre Köpfe Cordon Bleu mit Kroketten entgegenbücken.
der ja schon befremden auslöste.
Du willst doch nicht behaupten, dass ein teutscher, älterer Herr sich zu einem gebratenen und gefüllten panierten Schnitzel „bückte“, wenn nicht Majestät oder Hochwohlgeboren da vor ihm, pardon, neben ihm säße. Gut, die sind heute nicht mal mehr totes Fleisch und vorm Finanzminister würd ich auch nur freundlich den Kopf nicken (so bin ich halt), aber zum Essen fassen werden sie (und ich wahrscheinlich auch) den Kopf nach vorne beugen - geht ja eigentlich nur nach vorne – alles andere wäre eine Turnübung, die sich am Mittagstisch für ältere Herren nicht gehört).

Aber zum Miss- oder doch wengistens erschwerten Verständnis des ersten Satzes mag auch die würde-Konstruktion beitragen, die durch einen Artikel („… dem Cordon-Bleu“) oder Zusammenfügung des konjunktiven, unnötig zweistelligen Prädikats „würden … entgegenbücken“) in ein einstelliges der Art „hätte die Stadt den 'Gasthof zur Linde' nicht gekauft und umfunktioniert, hier beugten immer noch alte Männer ihre Köpfe Cordon Bleu mit Kroketten entgegen (besser ein schlichtes) zu.

Und wo wir beim Essen sind, noch eine Bemerkung zu dem Huhn – denn ohne Voodoo hab ich das bei Portugiesen erlebt, die ein Fest mit einer portugiesischen Hühnersuppe bereicherten und mit dem Abschlachten eines nervösen „Suppenhuhns“ auf dem Küchentisch den Reigen eröffneten …

Nix für zarte Seelen.

Schön find ich auch die Seitenhiebe auf sprachliche Weichspüler, die m. E. mit der Neutralisierung der „Flüchtlinge“ („die Endung „linge“, an sich eine Verkleinerungsformel, verniedliche das Problem und so ließ man Flüchtlinge buchstäblich an der schönen fremden Welt partizipieren indem man das Wort ins neutrale Partizip „Geflüchtete“ verwandelte.)

Komm ich zu den Flusen

Meine Knöchel krachenKOMMA als wir Hände schütteln.
"Als" leitet einen vollständigen Satz ein

Der Gockel weiß nichtKOMMA wohin, schlägt …
ich seh „wohin“ eher als ein verkürztes „wohin mit sich“

Ich krieche in eine Ecke und bete das mit der versöhnlichen Pointe vor mich hin, weil das irgendwie beruhigend istKOMMA und da merke ich, dass …
Das Komma beendet den begründenden Nebensatz und das „und“ vebindet zwo gleichrangige Hauptsätze (ohne Nebensatz bräuchte es keines Kommas)

Zweimal lupfte er mich ausversehen auf den Beutel seines Blasenkatheters.
„aus Versehen“!

Ich stelle mir gerne vor, wie Udo Lindenberg das Magazin aufgeschlagen in der Bar des Atlantik-Hotels in Hamburg liegen lässt, weil er meine Reportage so toll fand.
Womit wir beim Konjunktiv sind und einstweilen bleiben, denn ist das nicht eine unwirkliche Vorstellung, die folglich in den Konjunktiv irrealis „… liegen ließe“ und „toll fände“ fließen sollten?

Bei der als-ob.Situarion hier
Der Urin biss warm an meinem Po. Manchmal ist es, als liege Opas Pranke immer noch auf meinen blonden Haaren, die ich unter einer Baseballcap verstecke.
Ist das deutlicher, „als läge Opas Pranke ...“

Das Scheppern lässt sie so stark vibrieren, dass ich glaube, sie springe gleich aus den Angeln.
„spränge“

Zur Entspannung für @Shey
Ein Dutzend Geflüchteter tanzt im Kreis.
„Ein Dutzend“ sind zwar zwölf Typen, aber das Dutzend gilt wie das Paar, die Gruppe, das Volk, die Völkergemeinschaft als Singular: Es ist immer eine Einheit

Der Raum bebt. Marina kommt ganz nah, als wolle sie mir einen Kuss auf die Wange geben.
„als wollte sie“

Es kitzelt, dann ist es, als schieße mich eine Kanone durch die Decke, so schnell, dass ich den Himmel zerreiße, hinein in eine Dimension, die für kein menschliches Auge bestimmt ist.
„als schösse … zerrisse … bestimmt wäre“

Wie dem auch wird, gern gelesen vom

Friedel

*Kaspar Hauser in der Weltbühne 27 vom 2. 7.1929, S. 23
 

AWM

Mitglied
Beitritt
26.03.2018
Beiträge
397
Hallo @Shey und vielen Dank für deinen Kommentar
Irgendwie schwingt da ein düsteres, mulmiges Gefühl mit, sehe ich das richtig ?
Ja, der Opa war Nazi
ich weiß wie du das meinst aber wie kann Lebensfreude riechen?
Ich verstehe deine Kritik daran, weil Lebensfreude an sich natürlich keinen Geruch hat. Der Text spielt aber mit einer floskelhaften Journalistensprache und ich finde da passt das sehr gut rein.
Marina will die Seele des Journalisten mit der Seele eines Afrikaners tauschen, damit er als Journalist die komplette Leserschaft, durch das wort Bokura, mit den verstorbenen (getöteten) Ahnen des Afrikaners tauschen kann? wieso ist dann Marina plötzlich auch in den Körper eines Voodoo-Pristers geschlüpft?
In Marinas Körper steckt schon der Voodoopriester, den der Protagonist am Ende trifft. Der Voodoopriester in ihrem Körper fädelt das mit der Reportage ein, um möglichst viele Togolesen nach Deutschland zu tauschen. Wer das Wort in Blut liest, wird ausgetauscht. Davor haben sie das RItual erst einmal gemacht, nämlich da, als sie die Leiterin Marina in den Körper des Vodoopriesters getauscht haben. Die Togolesen sind aber nicht tot. Sie tauschen eben nur die Körper. Solche Körpertauschvorstellungen gibt es in der Voodooreligion. Der Film "Der verbotene Schlüssel" beschäftigt sich zum Beispiel damit.
Ich hätte diese Situation des Ungewissen gerne noch länger ausgekostet ohne zu wissen was sie vorhat. Das vielleicht erst an Ende gesetzt, wenn sie sich in der Hütte treffen. Vielleicht erklärt Marina ihm gar nicht was sie vorhaben,
Das kann ich gut verstehen. Ich hatte das am Anfang fast ohne Erklärungen drin. Ich habe den Text aber drei Leute lesen lassen, bevor ich ihn hochgeladen habe und niemand hat ihn verstanden. Ich hatte daraufhin einen viel zu langen Erklärdialog drin, der mich an die Bösewichte aus alten Bond-Filmen erinnert hat. Wenn der Bösewicht noch einmal den ganzen teuflischen Plan erläutert, statt Bond einfach zu töten. Jetzt habe ich einen Mittelweg gewählt, der aber auch nicht ganz zu funktionieren scheint.
Wirklich interessante Geschicht, lässt mich merkwürdig verwirrt und irritiert zurück aber dennoch nicht so, als das ich sie als Zeitverschwendung abstempeln würde. Eher so in die Richtung.. mhhh da werde ich wohl nochmal drüber nachdenken müssen.
Das finde ich gar nicht schlecht
Danke für diese Geschichte
Danke für deinen Kommentar!
Hallo @Friedrichard und vielen Dank für deinen Kommentar!
Aber zum Miss- oder doch wengistens erschwerten Verständnis des ersten Satzes mag auch die würde-Konstruktion beitragen, die durch einen Artikel („… dem Cordon-Bleu“) oder Zusammenfügung des konjunktiven, unnötig zweistelligen Prädikats „würden … entgegenbücken“) in ein einstelliges der Art „hätte die Stadt den 'Gasthof zur Linde' nicht gekauft und umfunktioniert, hier beugten immer noch alte Männer ihre Köpfe Cordon Bleu mit Kroketten entgegen (besser ein schlichtes) zu.
Das ist schon einmal sehr hilfreich. Ich brauche noch ein wenig Abstand zum Text, bis ich ihn überarbeite. Der war eine relativ schwere Geburt und ich bin noch zu sehr "drin".
Schön find ich auch die Seitenhiebe auf sprachliche Weichspüler, die m. E. mit der Neutralisierung der „Flüchtlinge“
Danke. Auch schön, wenn solche Sachen auffallen.
„aus Versehen“!
Upps :(
Womit wir beim Konjunktiv sind und einstweilen bleiben, denn ist das nicht eine unwirkliche Vorstellung, die folglich in den Konjunktiv irrealis „… liegen ließe“ und „toll fände“ fließen sollten?
So, zum Konjunktiv. Ich scheine da eine Schwäche zu haben, an der ich arbeiten muss. Und jetzt kommt´s und ist vielleicht bescheuert und vielleicht werde ich diese Ansicht auch revidieren, wenn ein wenig Zeit vergangen ist: Ich werde trotzdem nicht alles übernehmen, obwohl deine Korrekturen sicher richtig sind. Ich habe das Gefühl, dass sich der Text an einigen Stellen sonst von seinem Ton entfernt und etwas Hochgestochenes bekommt, das für mich überhaupt nicht zum Prota passt. Im Detail:
Ist das deutlicher, „als läge Opas Pranke ...“
Übernehme ich
„spränge“
auch das
„als wollte sie“
und das
„als schösse … zerrisse … bestimmt wäre“
Aber hier zum Beispiel habe ich dieses Gefühl ganz stark, vor allem bei zerrisse. Wie gesagt, ich habe da als Argumentationsgrundlage nur mein Gefühl und ich will damit keine Undankbarkeit dir gegenüber vermitteln.
Wie dem auch wird, gern gelesen vom
Vielen Dank Friedel, hat mich gefreut.
 
Senior
Beitritt
12.04.2007
Beiträge
5.749
Ich stelle mir gerne vor, wie Udo Lindenberg das Magazin aufgeschlagen in der Bar des Atlantik-Hotels in Hamburg liegen lässt, weil er meine Reportage so toll fand.
heißt es im Muttertext, den ich naturgemäß gerne im Konjunktiv sähe,
aber wenn man das gerne anders hätte, wird man doch nicht zum "undankbaren" Geschöpf

AWM,

aber konsequent sollte man schon sein und die Vorstellung "wie Udo Lindenberg das Magazin aufgeschlagen in der Bar des Atlantik-Hotels in Hamburg liegen lässt, weil er meine Reportage so toll" nur in den Gezeitenstrudel hineingeraten lassen sollte, wenn uns Udo, gestandener Westfale, der er ist, ausdrücklich die Reportage nicht mehr dolle findet ... Oder?

Anonsten, alles okidokey, wie die kleinen Strolche immer so sag(t)en.

Tschüss und schönes Wochenende

FRiedel

So, genug für heut geplaudert ...

 
Senior
Beitritt
01.09.2005
Beiträge
1.002
Hallo @AWM,

Hätte die Stadt den „Gasthof zur Linde“ nicht gekauft und umfunktioniert, würden hier immer noch alte Männer ihre Köpfe Cordon Bleu mit Kroketten entgegenbücken.

Mal zur Diskussion um den ersten Satz: „Umfunktionieren“ ist kein feines Wort und zerstört hier auch auf einer Detailebene Spannung.

Hätte die Stadt den „Gasthof zur Linde“ nicht gekauft, würden hier immer noch alte Männer ihr Cordon Bleu mit Kroketten essen. - Wieso, was hat die Stadt denn damit gemacht? Will ich wissen, lese ich weiter, geht schneller ins Blut als: In was hat die Stadt den Gasthof denn umfunktioniert? Die zweite Änderung, mit dem „essen“, das ist halt platter, aber eben auch auf den Punkt.

Meine Knöchel krachen
knacken?

Ein tolles Gefühl, dass so viele Menschen meine Sicht auf die Dinge lesen; darunter viele Prominente. Ich stelle mir gerne vor, wie Udo Lindenberg das Magazin aufgeschlagen in der Bar des Atlantik-Hotels in Hamburg liegen lässt, weil er meine Reportage so toll fand. Oder wie die Kanzlerin auf dem Klo sitzt, mit der Zungenspitze ihren Zeigefinger anfeuchtet und gebannt durch meine Texte blättert.
Klingt, als würde Martin Sellner aus Ich-Perspektive über einen Journalisten schreiben.

Es riecht nach Staub auf Strickjacken.
Fand ich gut von wegen Atmo.

Marina hackt dem Gockel durch den Hals
Ist das nicht auch ein Voodoo-Klischee? (Teil der Satire?)

Körpertausch.
Zu viel Erklärung.

Hat mich an den Verbotenen Schlüssel erinnert. Und die Arbeit. Und die Nachrichten. Und das neurechte Weltbild, eingangs, gebrochen dann durch den Hinweis auf die Ausbeutung des afrikanischen Kontinents. Wobei die ja von einigen Rechten gar nicht angezweifelt wird. Boa. Schwierig. Politik und Horror geht, auch Politsatire und Horror, aber meist drängt sich eines von beiden in den Vordergrund und mir persönlich ist es lieber, wenn das der Horror ist. Stärkere Pointe hätte ich gefunden, wenn er zum Schluss den Mund voll Salzwasser hat. Aber das ist natürlich auch politisch. Ganz merkwürdige Kiste ist das hier.


Mal etwas ratlos:
Proof
 

AWM

Mitglied
Beitritt
26.03.2018
Beiträge
397
Hallo @Proof und vielen Dank für deinen Kommentar,
Mal zur Diskussion um den ersten Satz: „Umfunktionieren“ ist kein feines Wort und zerstört hier auch auf einer Detailebene Spannung.
Ich hatte am Anfang nur "gekauft" und habe dann "umfunktionieren" noch hinzugefügt. Werde es wieder streichen. Finde, du hast recht. War stellenweise sehr verunsichert, weil der Text überhaupt nicht verstanden wurde von meinen Testlesern.
Zu viel Erklärung.
Ja, das ist ein allgemeines Problem. Ich habe den Text drei Leuten gegeben, bevor ich ihn hochgeladen habe. Keiner hat ihn verstanden. Deshalb habe ich daraufhin total übererklärt und schließlich einen Mittelweg gewählt. Der Körpertauscht ist ein Relikt der Übererklärung und trotzdem bin ich verunsichert. Sowas hängt auch mit den Leuten zusammen, die das lesen. Wenn einer nie Horrorfilme guckt etc. dann wird es schwierig, denke ich.
Hat mich an den Verbotenen Schlüssel erinnert.
Ja, war auch eine Inspiration. Habe ich in meiner Antwort an Shey erwähnt.
Mal etwas ratlos:
Proof
Trotzdem Danke für deinen Kommentar.
Gruß,
AWM
 
Senior
Beitritt
01.10.2002
Beiträge
720
Hi AVM,

Ein interessantes Thema für eine Horrorgeschichte. Ich könnte mir die Geschichte um ein Drittel länger vorstellen, so dass die Geschehnisse noch klarer werden. So habe ich es nicht gleich im ersten Anlauf verstanden (liegt vielleicht an mir).

Sonnenlicht kämpft sich durch Bleiglasfenster, schmiert über die Einrichtung. Wachsdecken schmiegen sich um die Rundungen der Eichenholztische, schlabbern an den Tischplatten herab. Die Ränder der Decken kräuseln sich der Schwerkraft entgegen

Hat mir sehr gut gefallen! Besonders die Personifizierung schmiert. Finde ich wirklich innovativ. Den zweiten Satz finde ich eher ablenkend und würde ihn streichen. Wie sollen sich Ränder der Schwerkraft entgegenkräuseln?!? Ich weiß schon, was Du ausdrucken möchtest, aber dieser Satz ist wie ein Stolpersteinchen und reißt mich aus dem Lesefluss.
Es riecht nach Staub auf Strickjacken.
:thumbsup::thumbsup:
Ich lese „Bokura“ in Lettern, deren Ränder in Marinas Augen rinnen.
>> Der Satz klingt formal gut, reißt mich ebenfalls aus dem narrativen Film.

Grundsätzlich finde ich den Mix aus Horror und Humor gelungen, wobei mir die humoristische Note noch besser gefällt und noch mehr überzeugt.

Grüße, petdays
 

AWM

Mitglied
Beitritt
26.03.2018
Beiträge
397
Hallo @petdays vielen Dank für deinen Kommentar
Deine Anmerkungen zur Entschlackung überdenke ich. Zum Vorschlag die Geschichte zu verlängern: Der Text ist ja schon recht alt. Muss mal schauen, ob ich die Muse finde, da noch einmal ranzugehn. Du bist auch nicht der/die Erste, der es nicht ganz verstanden hat. Ich hatte es in der Urversion ohne die ganzen Erklärungen des Körpertauschvodoopriesters, der ja in Marina steckt. Dann hatte ich eine übererklärende Fassung und die hier ist so ein Mittelding. Vielleicht magst du mir noch mal konkret schreiben, an welchen Stellen du was nicht verstanden hast.
Gruß!
AWM
 
Senior
Beitritt
01.10.2002
Beiträge
720
Hi AVM,

Soo alt ist Dein Text noch gar nicht.... ;)

Versuch Dir aufzuzeigen, wo ich "haken" geblieben bin. Beim zweiten Lesen habe ich jetzt eher verstanden, was Du meinst. Ich glaube, es ist ohnehin schwieriger online Texte gleich im ersten Anlauf in jedem Detail zu verstehen...

Ich stolpere zurück. Marina fegt zu mir, gefolgt von dem Mann mit der Rassel.
„Wir brauchen dich noch“, sagt sie und grinst so breit, dass ihre Oberlippe umklappt. Sie rupft den Notizblock aus meinem Jutebeutel und sagt: „Den nicht. Ein anderer schreibt die Reportage.“
„Was?“, stammele ich.
Sie lächelt.
„Sobald er in deinem Körper ist.“
>>> Hier dachte ich zunächst, dass Marina "Den nicht." zu dem Mann mit der Rassel sagt und dabei den Journalisten meint. Aber vielleicht bezog sie sich stattdessen auf den Notizblock...? Dadurch das vorher das dich kam, habe ich "Den nicht." gleich als Figur interpretiert.... Vielleicht lässt sich diese Zweideutigkeit besser lösen.

Mein Mitgefangener sieht nicht aus wie die Schwarzen im „Gasthof zur Linde“ und nicht wie die vier von vorhin. Weiße Asche bedeckt seine Haut und hat sich dick in die Konturen seiner Muskeln gelegt. Vom Kopf baumeln Rastalocken, an deren Enden Knöchlein zittern und über seinen Lippen prangt das Gebiss eines Totenschädels. Der muss Voodoopriester oder sowas sein, denke ich. Urin beißt an meinem Po.
Der Priester gluckst und in meinem Kopf setzen sich die Worte zusammen: „Du bist der Journalist.“
>>> Hat sich der Journalist in die Hose gemacht? Oder denkt er in seinem Grauen an seinen Opa, weil er sich dadurch Schutz erhofft? Ich würde die Pointe leicht vorausdeutenm, indem der Rasta-Mann vielleicht ein ähnliches Grinsen hat wie Marina.
So fand ich das Ende zwar stimmig und Marinas Ankündigung hat sich bewahrheitet, aber es fehlten mir ein paar Zwischenstufen. Reicht, wenn sie subtil sind. Dazu hätte ich das Ende mit dem Mitgefangenen ausgedehnt und Marinas Grinsen - subtil - eingebaut.

Hoffe, du kannst etwas damit anfangen.
petdays
 

AWM

Mitglied
Beitritt
26.03.2018
Beiträge
397
Hallo @petdays und vielen Dank, dass du doch noch einmal gemeldet hast. Deine Anmerkungen finde ich allesamt hilfreich.
Ich glaube, es ist ohnehin schwieriger online Texte gleich im ersten Anlauf in jedem Detail zu verstehen
Ich habe auch das Gefühl, dass ich gedruckte Texte schneller verarbeiten kann
Ich würde die Pointe leicht vorausdeutenm, indem der Rasta-Mann vielleicht ein ähnliches Grinsen hat wie Marina.
Das ist eine gute Idee. Ich werde nur kein Grinsen nehmen, da das in der Situation unpassend wäre. Aber mir fällt sicher etwas anderes ein.
Gruß!
AWM
 

Letzte Empfehlungen

Neue Texte

Neue Beiträge

Anfang Bottom