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Der Mondscheinweg

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Der Mondscheinweg

Nur das Licht der Nachttischlampe erhellte das Zimmer. Lukas lehnte am Kopfende des Bettes, seine Schwester Pina saß am anderen Ende im Schneidersitz.
„Ich habe den Mond in meinen Händen gehalten“, begann er. „Den schiefen Turm von Pisa geradegerückt. Die Pyramiden in -“
„Nein, hast du nicht!“, rief Pina und warf ihm ein Kissen ins Gesicht. „Erzähl nicht immer so nen Quatsch.“
„Warum nicht?“ Lukas lachte und schubste das Kissen zurück.
„Du wolltest heute endlich ein Märchen erzählen.“
„Hätte ich auch, aber du unterbrichst mich ja immer.“
Sie schwiegen einige Sekunden.
„Morgen musst du wieder in die Klinik“, sagte sie und blickte vor sich auf die Bettdecke.
„Direkt nach der Schule, dauert bestimmt nicht lange.“
„Hört es irgendwann auf?“
Lukas wartete, bis seine Schwester zu ihm aufsah. „Es muss weiter kontrolliert werden, aber wenn ich Glück habe, bleibt es dabei.“
„Und … und wenn nicht?“
„Dann muss ich mich wohl operieren lassen.“
„Aber es ist dein Kopf!“ Ihre Augen wurden glasig.
„Hey, mach dir keine Sorgen. In meinem Kopf ist genug Unsinn, da können sie ruhig was rausholen.“
„Lass das“, sagte Pina, lächelte aber, als sie sich über die Augen wischte.
Die Zimmertür ging auf und ihre Mutter kam rein.
„Dachte ich mir, ihr zwei Quatschtanten. Pina, Schlafenszeit. Nun hast du ein eigenes Zimmer und bist trotzdem dauernd hier.“
„Er wollte eine Geschichte erzählen.“ Sie kletterte vom Bett. „Gute Nacht.“ Wie jeden Abend verabschiedete sie sich mit einem high five von Lukas und lief aus dem Zimmer.
„Und du machst spätestens in einer Stunde das Licht aus.“
„Okay, Chefin.“
„So siehts aus.“ Seine Mutter wollte schon die Tür hinter sich schließen, als sie sich noch mal umdrehte. „Geht es dir gut, wegen dem Termin morgen?“
„Ja, denke schon, ist ja mittlerweile Gewohnheit.“
„Dauert bestimmt nicht lange. Während du wartest, kannst du dir eine Geschichte überlegen, ewig kannst du sie nicht hinhalten.“
Lukas grinste. „Ja, sollte ich wohl mal, bin schon eben nur knapp davongekommen.“
„Soll ich nicht doch mitkommen in die Klinik?“
„Nein, wird schon gehen, war ja beim letzten Mal auch kein Problem.“
„Okay, dann gute Nacht.“
„Gute Nacht.“

Pina machte am Küchentisch die Hausaufgaben, als Lukas von der Klinik kam. Sie sah ihn am Fenster vorbeigehen und lief zur Eingangstür ihres Einfamilienhauses.
„Alles in Ordnung?“, rief sie, noch bevor er die Tür ganz geöffnet hatte.
Er lachte, als sie sich an ihn drückte. „Hey, lass mich doch erst mal reinkommen.“ In kleinen Schritten tippelte er mit ihr in den Flur. „Ja, alles gut, hat sich zum Glück nichts verändert.“
„Dann hast du ja erst mal wieder ein paar Monate Ruhe.“ Seine Mutter betrat das Haus mit einer Gartenschere in der Hand und schloss die Tür.
„Heute Abend bekommst du deine Geschichte“, sagte Lukas.
Pina ließ ihn los, trat einen Schritt zurück und blickte ihn an. „Kein Quatsch?“
„Doch, auch Quatsch, aber diesmal hab ich wirklich eine. Sie heißt Der Mondscheinweg. Und …“ Er drehte sich kurz zu seiner Mutter, beugte sich dann zu Pina runter und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie kicherte, sagte aber nichts.
„Hey, kein Unfug. Ich komme ohnehin kontrollieren“, sagte seine Mutter.
„Wir werden brav sein wie immer, oder?“, fragte Lukas.
„Klar“, antwortete seine Schwester und kicherte erneut.
„Sehr glaubwürdig. Wie wärs mit Eistee?“
„Jaaa“, rief Pina und lief in die Küche.

Lukas drückte leise die Klinke runter und betrat Pinas Zimmer.
„Bist du wach?“, flüsterte er.
„Nein“, sagte sie und kicherte.
„Komm.“
Bereits angezogen stieg sie aus dem Bett und streifte die Schuhe über.
„Gehen wir zum Mondscheinweg?“
„Erzähle ich dir draußen. Jetzt sei leise.“
Sie schlichen den Flur entlang und die Treppe runter, nahmen ihre Jacken von der Garderobe und verließen das Haus.
Erst als sie einige Meter entfernt waren, fragte Pina erneut: „Wo gehen wir hin?“
Lukas zeigte auf den Wald, der nicht weit hinter ihrem Garten begann.
„Ich habe ihn letzten Sommer entdeckt, er führt zu einer Lichtung. Komm.“ Er ging auf die Baumgrenze zu und schaltete eine kleine Taschenlampe ein.
„Und warum Mondschein?“
„Immer so neugierig.“ Er nahm ihre Hand. „Er verläuft in Form einer Sichel. Und der Mond wird an seinem Ende gut zu sehen sein.“
Pina blickte nach oben, eine fast runde silberne Scheibe schwebte am Himmel. „Gruselig.“
„Aber schön gruselig.“
Sie betraten den Wald, Pina griff seine Hand fester.
„Wenn Mami und Papi das wüssten …“
„Werden sie aber nicht. Unser Geheimnis.“
„Na gut. Unser Geheimnis.“

Nach einigen Minuten fanden sie den Beginn des Weges. Die Bäume standen hier dicht beieinander und schirmten den zwei Meter breiten Pfad ab.
„Hier ist es noch ruhiger“, flüsterte Pina, als wollte sie den Wald nicht stören.
„Ja, wie eine eigene Welt.“ Auch Lukas sprach leise.
Es wehte nur ein schwacher Wind, dennoch erreichte sie das Rascheln der Blätter. Abseits des Weges meinten sie gelegentliches Tapsen auf dem Waldboden zu hören.
„Worum geht es in der Geschichte?“
„Wart's ab.“ Nach einigen Sekunden fügte er hinzu: „Um das Leben.“
Sie gingen weiter, das reflektierte Licht des Mondes erhellte den Boden. Lukas schaltete die Taschenlampe aus. An einigen Stellen tanzten Glühwürmchen durch die Luft, als wollten sie mit ihrem gelben Schein den Weg weisen. Schließlich erreichten sie eine Lichtung, in deren Mitte eine Felsformation aus dem Boden ragte. Als wäre sie entstanden, um das Mondlicht einzufangen, dachte Pina.
„Wow“, sagte sie und näherte sich dem Gestein, das fast doppelt so groß war wie sie. „Warum hast du nie davon erzählt?“
„Weiß nicht, irgendwie … war es erst mal mein Ort. Aber jetzt bist du eingeweiht.“ Er setzte sich auf den Boden, während seine Schwester die Formation umrundete.
„Abgefahren“, rief sie, als sie wieder bei ihm ankam und sich zu ihm setzte.
Sie schwiegen eine Weile.
„Erzählst du nun?“, fragte Pina und zog die Augenbrauen hoch.
„Sieh mal nach oben.“
„Wow“, sagte sie erneut. „Die Sterne sind noch klarer zu sehen als vom Haus aus.“
„Ja, unendlich weit weg. Manche existieren schon gar nicht mehr.“
„Das geht doch gar nicht.“
„Klar. Ihr Licht ist so lange unterwegs, dass sie schon erloschen sind, wenn es hier ankommt.“
„Wie traurig. Aber wenigstens werden sie gesehen, irgendwo.“
„Und irgendwann. Ein ewiger Kreislauf. Etwas endet und Neues entsteht. Sieh dir die Bäume an. Sie entstehen aus einem kleinen Samenkorn.“
Pina blickte ihn an und neigte den Kopf zur Seite. „Jetzt weiß ich gar nicht, was du erzählen möchtest.“
„Das Leben. Sieh mal.“ Er zeigte zur Seite. Ein Reh stand am Rand der Lichtung zwischen den Bäumen und betrachtete sie regungslos. „Jetzt lebt es, aber irgendwann wird es ein Teil der Erde“, fuhr er fort und fasste sich an den Kopf.
„Sprichst du auch von dir?“ Pinas Stimme zitterte leicht.
Er antwortete nicht, blickte vom Reh wieder hoch zum Sternenhimmel.
„Lukas?“, fragte sie nach einigen Sekunden.
„Ich war nach dem Termin nicht ganz ehrlich. Es war kaum zu erkennen, aber … anscheinend ist der Tumor größer geworden.“
Pina hielt sich die Hände vor den Mund. „Nein!“ Sie krabbelte zu ihm, legte den Kopf an seine Schulter.
„Es muss ja nichts Schlimmes bedeuten, aber …“ Weiter kam er nicht.
„Nein!“, schrie Pina durch die Tränen, immer wieder.
Als sie aufsah, blickte sie in die leeren Augenhöhlen eines Totenschädels. Alles wurde dunkel.

Sie schreckte hoch, schwitzte am ganzen Körper.
„Pina!?“, durchdrangen Rufe die Stille. Die Stimmen ihrer Eltern.
Die Lichtung war kleiner als vorher, nur ein schmaler Platz zwischen dicht stehenden Bäumen. Anstatt der Felsformation lag neben ihr ein großer Stein.
„Hier“, wollte sie rufen, aber es kam nur ein heiseres Krächzen.
Bevor sie es erneut versuchen konnte, wanderte der Strahl einer Taschenlampe über den Boden und fand sie schließlich.
„Pina!“, rief ihre Mutter und lief zu ihr.
Kurz danach erreichte sie auch ihr Vater. Beide knieten sich neben sie.
„Wie …“ Pina leckte sich über die Lippen. „Wie habt ihr mich gefunden?“
„Ach, Schatz.“ Ihre Mutter strich ihr die Haare aus dem Gesicht. „Du wirst dich erinnern.“
„Ich möchte nach Hause.“
Ihr Vater streckte ihr beide Hände entgegen und half ihr auf. „Komm.“
„Er schuldete mir eine Geschichte“, sagte sie. „Der Mondscheinweg.“
„Ich weiß“, sagte ihre Mutter und legte ihr einen Arm um die Schulter.

Ihre Mutter saß neben ihrem Bett, als sie erwachte. Die Klamotten, die sonst den Stuhl bedeckten, lagen sorgfältig gefaltet am Fußende.
„Hey.“ Sie legte eine Hand auf Pinas verkrampfte Faust, mit der anderen hielt sie ihr ein Glas Wasser hin.
„Danke.“ Pina hob angestrengt den Kopf und trank einen Schluck. „Ich dachte, es wäre endlich vorbei.“
„Dir scheint der Wald bei Nacht zu gefallen. Die Psychologin sagte ja, dass es eher in Wellen weniger wird. Ich mache dir noch mal einen Termin.“
Pina drehte den Kopf zur Seite und blickte aus dem Fenster. Schleierwolken zogen langsam vorbei.
„Es wird immer wieder zurückkommen, ob durch Schlafwandeln oder etwas anderes. Er wirkte so normal an dem Tag, wollte mir von dem Weg erzählen.“
„Wir fahren am Wochenende wieder zum Friedhof. Möchtest du frühstücken? Oder heute lieber zuhause bleiben?“
„Ich komme gleich runter.“
„Okay.“ Sie gab Pina einen Kuss auf die Stirn und verließ das Zimmer.

Nach der Schule fuhr sie wie jeden Mittwoch mit dem Fahrrad zum Blumenladen und dann zu den Schienen, die an dem verlassenen Industriegebiet vorbeiführten. Auch diesmal legte sie den bunten Strauß vor den halbherzig angebrachten, zwei Meter hohen Gitterzaun. Die Blumen der Vorwoche waren wie jedes Mal verschwunden. Vielleicht bist du noch irgendwo und holst sie, dachte Pina und setzte sich im Schneidersitz auf den Grasboden. Nach einigen Minuten rauschte ein Schnellzug vorbei. Ihre kurzen schwarzen Haare wurden zurückgeweht.
„Warum?“, flüsterte sie. „Wir hatten noch so viel vor.“
Lukas hatte oft nachmittags eine Radtour gemacht. War es eine spontane Entscheidung, sich vor einen Zug zu schmeißen? Nachdem er erfahren hatte, dass der Tumor größer geworden war? Oder hatte er diesen Gedanken schon lange?
Sie wollte aufstehen, als ihr Blick auf die alten Industrieanlagen hinter den Schienen fiel. Einer der Wassertürme schien ein wenig schief zu stehen. Oder war es eine Sinnestäuschung, da der Boden nicht ganz eben war? Ich habe den schiefen Turm von Pisa geradegerückt, wiederholte sie in Gedanken. Und dachte an die kleine Glaspyramide vor dem Stadtmuseum. Ich habe die Pyramiden in – diesen Satz hatte sie ihn nie zu Ende sagen lassen, erinnerte sie sich und lächelte kurz.
„Und wo ist dein Mondscheinweg? Gibt es ihn?“
Ein weiterer Zug näherte sich. Ein Doppelstockwagen. Unter so einem war Lukas gestorben. Sie bekam Gänsehaut, sprang auf und fuhr nach Hause.

Viele Menschen waren an diesem Samstagvormittag auf dem Friedhof. Auch diesmal zitterten ihre Beine leicht, während ihre Eltern die Blumen bewässerten. Als sie fertig waren, standen sie alle drei vor dem Grab und legten die Arme umeinander. Ein mittlerweile festes Ritual, während sie den Gedanken an Lukas nachgingen.
Nach einigen Minuten sagte Pina: „In der Nähe der Unfallstelle gibt es einen schief stehenden Wasserturm.“
Ihr Vater sah sie an. „Und?“
„So hat er immer angefangen, wenn er behauptet hat, eine Geschichte zu erzählen: Ich habe den Mond in meinen Händen gehalten. Den schiefen Turm von Pisa geradegerückt. Dann wollte er etwas mit Pyramiden sagen, aber da … hab ich ihn jedes Mal unterbrochen.“ Sie schwieg einige Sekunden. „Er ging gerne ins Stadtmuseum, davor steht eine kleine Glaspyramide.“
Nun blickte auch ihre Mutter sie an. „Und du meinst den Mondscheinweg gibt es auch?“
„Er hat zwar viel Quatsch erzählt, aber für ihn hatte es immer einen Sinn.“
„Ach, Schatz.“ Ihre Mutter strich ihr über den Kopf. „Wahrscheinlich war es nur eine spontane Idee von ihm und -“
„Hatte er nicht mal einen Literaturkurs? Wo sind seine Schulsachen?“
„Auf dem Dachboden, noch in der roten Truhe.“

Pina öffnete die Luke zum Speicher und kletterte rauf. Wie in ihrem Traum war der Mond fast voll und schien durch das Schrägfenster in den staubigen Raum. Sie schaltete die Stehlampe ein und ging zu der roten Truhe. Bevor sie den Deckel öffnete, schrieb sie seinen Namen in die Staubschicht. Lukas.
Links in dem großen Innenraum lagen seine Schulhefte in zwei Stapeln. Einige Minuten las sie in Ausarbeitungen für verschiedene Fächer. Die kleine, krakelige Handschrift, die dennoch gut lesbar war. Ihre Augen wurden glasig. Noch ein ganzes Leben hatte vor ihm gelegen.
Dann fand sie ein Heft mit der Aufschrift Literatur, das einzige in schwarz. Es beinhaltete nur zwei Geschichten. Die erste wie ein Reisebericht geschrieben über eine Radtour, die er mal mit Freunden gemacht hatte. Die zweite hörte schon nach einer halben Seite auf. Ein junger Mann machte eine Wanderung, stand an einer Weggabelung und wusste nicht, welchen Weg er nehmen sollte. Also setzte er sich auf den Boden und wartete. Ohne zu wissen, worauf. Die letzten Sätze lauteten: „Dann wusste er, welche Richtung er nehmen würde. Wo der Ausweg war. Er stand auf und -“
Auf der nächsten Doppelseite hatte er einige Skizzen gezeichnet. Ein Fahrrad. Das Schulgebäude, falls sie es richtig erkannte. Eine Landschaft, durch die sich mehrere Wege schlängelten. Außerdem den schiefen Wasserturm, die Glaspyramide und einen Vollmond. Ihre Hände zitterten, als sie eine detailgetreue Zeichnung von Bahngleisen und einem Zug erkannte. Daneben hatte er zwei Smileys gemalt, ein lachendes in gelb, ein trauriges in schwarz.
Sie wollte das Heft zuklappen, als sie unter dem Mond ein Wort entdeckte. So dezent mit Bleistift geschrieben, dass es kaum zu sehen war. Falkenbrücke.

Im Licht der Taschenlampe arbeitete sie sich durch den Wald. Ihre innere Unruhe verdrängte die Stille des Waldes. Als sie schon über ihr Smartphone prüfen wollte, ob sie die richtige Richtung eingeschlagen hatte, hörte sie das Plätschern des Baches. Wenig später fand sie ihn und folgte stromabwärts, bis sie nach einigen Minuten die Falkenbrücke erreichte.
Ich habe den Mond in meinen Händen gehalten. Was meinte er damit? Waren sie je gemeinsam hier gewesen? Sie erinnerte sich an Spaziergänge mit ihren Eltern und Lukas, aber sie hatten die Brücke nur überquert und meistens auf dem Rückweg eine andere genommen.
Auf der Seite, auf der das Haus ihrer Eltern stand, führte ein Weg in den Wald, der jedoch im Nachbarsdorf begann. Auf der anderen Seite gabelte sich der Pfad. Einer bog nach links ab, am Bach vorbei. Die anderen beiden verzweigten ebenfalls in den Wald, weiter geradeaus und nach schräg rechts.
Der Mond schwebte am Nachthimmel. Sie hielt die Hände vor sich, die Daumen ausgestreckt, als würde sie ihn halten. Unter ihr plätscherte der Bach, ungestört von ihren Gedanken. Jemand hatte etwas in das hölzerne Geländer der Brücke geritzt, sie hielt den Strahl der Taschenlampe darauf. Ein Strichmännchen, das an einem Galgen hing, daneben eine lachendes Gesicht. Mit zitternden Fingern strich sie darüber.
Sie überquerte die Brücke und leuchtete die drei Wege ab. Als sie sich schon abwenden wollte, erhellte sie erneut den Pfad, der weiter geradeaus führte. An einen Baum daneben war ein quadratisches Holzschild genagelt. Als sie näher heranging, erkannte sie darauf einen weißen Kreis im Licht der Lampe. Nur war er nicht vollständig rund, als hätte jemand an der linken Seite einen schmalen Streifen entfernt.
Ohne zu überlegen betrat sie den Wald. Der Weg war weniger gebogen als in ihrem Traum, aber auch hier flogen Glühwürmchen durch die Luft. Wie in Trance ging sie weiter, bis sie eine Lichtung erreichte. Alles hier kam ihr bekannt vor, die Größe der Fläche, die Felsformation in der Mitte. Gelbe Punkte tanzten durch die Luft. Tränen liefen ihre Wangen hinab, gleichzeitig lächelte sie.
„Wir hätten zusammen hier sein sollen, aber du hast einen anderen Weg genommen“, sagte sie laut und setze sich vor die Felsen.
„Nun muss ich mir wohl selbst die Geschichte ausdenken. Oder hilfst du mir in meinen Träumen?“
Sie blickte zum Sternenhimmel und begann:
Ich habe den Mond in meinen Händen gehalten. Mein Leben. Habe es begutachtet. Hin und her gewendet. Es ist ein gutes Leben. Meine Schwester ist einfach die Coolste.“ Sie lachte. „Aber wie lange bin ich noch hier? Ich werde meinen Weg suchen und …“
Ein Reh schlich an den Rand der Lichtung. Mit geschlossenen Augen überlegte sie, wie es weitergehen könnte.

 
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Hej @Rob F , es ist schon ein Kreuz mim Leben! Mal schleppt man es wie einen Rucksack, mal läuft man ihm hinterher, mal entgegen und oft meint man, ihm nicht gerecht geworden zu sein ... bis es zu Ende ist und man den Mond nicht in den Händen gehalten hat, der Turm von Pisa immer noch schief steht und die Pyramiden ...

Dein Lukas hat nicht soviel Lebenszeit bekommen, musste sich mit Diagnosen und Therapien plagen und das bißchen Rest verträumen, mal Radfahren, die Schwester nicht beunruhigen, die Mutter entlasten, einen Entschluss fassen. Du hast ihn sie selbst beenden lassen, seine Zeit auf der Erde. Und obwohl ich weiß, dass es leichter gesagt und gedacht ist, als es dann eben tatsächlich durchzuführen, nehme ich es deinem Protagonisten ab, bereitest du mich darauf vor, wie er kommuniziert, wie gelassen er ist, wie ... aufgeräumt und umsichtig. Umso schwerer fällt es mir, ihn gehen zu lassen. Ich leide, die Zeilen verschwimmen vor meinen Augen ...

„Alles in Ordnung?“, rief sie, noch bevor er die Tür ganz geöffnet hatte.
Er lachte, als sie sich an ihn drückte. „Hey, lass mich doch erst mal reinkommen.“ In kleinen Schritten tippelte er mit ihr in den Flur. „Ja, alles gut, hat sich zum Glück nichts verändert.“
„Dann hast du ja erst mal wieder ein paar Monate Ruhe.“ Seine Mutter betrat das Haus mit einer Gartenschere in der Hand und schloss die Tür.
... hier!

Und so straffe ich meinen Rücken, ziehe die Schultern von den Ohren zurück und befasse mich mit Stolpereien, die mir dein Text bereitet hat.

Lukas lehnte am Kopfende des Bettes, seine Schwester Pina saß am anderen Ende im Schneidersitz.
Keine Ahnung, warum ich ihn nicht gleich im Bett liegen sah, sondern überlegte, wie man stehend den Kopf ans Kopfende lehnen kann. :confused: Mir hätte ein im Bett sitzender Lukas gereicht.:D

Der anschließende Dialog mit Pina flutschte auch nicht so richtig in meinem Hirn. Das hab ich aber oft. Auch in Filmen. Das liegt wohl daran, dass ich wohl nie echte Dialoge außer die, die ich selbst führe, verfolge. Mit den meinen rede ich ... anders und mit Fremden ... na lassen wir das. :lol:

Die Zimmertür ging auf und ihre Mutter kam rein.
anders ist es ja auch nicht möglich. :Pfeif:

„Jetzt weiß ich gar nicht, was du erzählen möchtest.“
„Das Leben. Sieh mal.“ Er zeigte zur Seite. Ein Reh stand am Rand der Lichtung zwischen den Bäumen und betrachtete sie regungslos. „Jetzt lebt es. Irgendwann wird es sterben und ein Teil der Erde“, fuhr er fort und fasste sich an den Kopf.
ein guter Einfall, Pina und ihre eigene Krux mit dem Leben einzubauen, die Beziehung zu ihrem Bruder zu verdeutlichen und das Danach vorzubereiten und das alles in einer traumwandlerischen Mondnacht. Du lenkst den Fokus durch sie von Lukas ab und zeigst das Leben an und für sich. Das gefällt mir gut. Auch dass das Leben der Mutter (der Vater wird erwähnt) nur in einem kleinen Ausschnitt aufgezeigt wird, ist völlig ausreichend. Obwohl ... sie wirkt recht eindimensional und abgeklärt bei dem was sie so in ihrem Leben zu erdulden hat ... but so.

„Ach, Schatz.“ Ihre Mutter strich ihr die Haare aus dem Gesicht. „Es ist nicht das erste Mal, erinnerst du dich nicht?“
Das schreibst du aber für mich, den Leser, du Schelm. Selbstverständlich weiß Pina von ihrer Schlafwandlerei. :cool:

„Er schuldete mir eine Geschichte“, sagte sie. „Der Mondscheinweg.“
„Ich weiß“, sagte ihre Mutter und legte ihr einen Arm um die Schulter.
An dieser Stelle habe ich mich zum ersten Mal gefragt, wie viel Zeit wohl vergangen sein mag, seit Lukas sich das Leben genommen hat.

„So hat er immer angefangen, wenn er behauptet hat, eine Geschichte zu erzählen: Ich habe den Mond in meinen Händen gehalten. Den schiefen Turm von Pisa geradegerückt. Dann wollte er etwas mit Pyramiden sagen, aber da … hab ich ihn jedes Mal unterbrochen.“
Ein sehr phantasievoller, kreativer und emphatischer Mensch ist der Familie mit Lukas abhanden gekommen :crying:

„Nun muss ich mir wohl selbst die Geschichte ausdenken. Oder hilfst du mir in meinen Träumen?“
Sie blickte zum Sternenhimmel und begann:
Pina hat sich vom kindlichen Teenager zu einer jungen Frau entwickelt, die nicht verdrängt, die sich mit dem Leben, das ihr geboten wird, auseinandersetzt und daran wächst.

Das hab ich so interpretieren wollen und du hast mir dafür eine schöne Vorlage serviert.

Danke, @Rob F für diese schöne Geschichte.

Lieber Gruß. kanji

 
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Hallo @Rob F ,
eine wirklich sehr berührende Geschichte. Die Figuren, vor allem Lukas, sind dir sehr gut gelungen. Umso trauriger, als er dann weg ist. Einen Moment lang war ich unschlüssig, was ich von dem Auftreten des Traums halten sollte, was aber wohl mehr der allseits bekannten Paranoia vor diesem Stilmittel geschuldet ist. Du hast es dann aber wieder gut rumgerissen😬.
Schön geschrieben und gern gelesen.

Hey, mach dir keine Sorgen. In meinem Kopf ist genug Unsinn, da können sie ruhig was rausholen.“
Lukas ist witzig 😄
Doch, auch Quatsch, aber diesmal hab ich wirklich eine
Und noch mal.

Wo ist der Mondscheinweg?“
Das fand ich etwas komisch. Sie fragt nach dem Mondscheinweg, den Lukas ja so explizit gar nicht genannt hat. Er sprach vom Mond und so, aber nicht vom Mondscheinweg. Ich weiß, etwas kleinkarierte Anmerkung.

eine fast runde silberne Scheibe schwebte am Himmel
Schöne Beschreibung
Klar. Ihr Licht ist so lange unterwegs, dass sie schon erloschen sind, wenn es hier ankommt.“
„Wie traurig. Aber wenigstens werden sie gesehen, irgendwo.
Das ist wirklich so ne Sache, über die ich auch oft nachdenke, wenn ich in den Sternenhimmel schaue. Welch langen Weg dieses Licht hinter sich hat und wir damit in die Vergangenheit schauen, wenn man es genau nimmt. Umso schöner hat es dann der Folgesatz getroffen. Klasse
Wanderung. stand
Stand groß;)
Ein Strichmännchen, das an einem Galgen hing. Daneben eine lachendes Gesicht
Hat Lukas das reingeritzt? Ich hätte erwartet, dass sie sich das näher anschaut. Vielleicht mal drüberfässt.

 
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Hi @Kanji ,

danke fürs Lesen und Kommentieren!

... es ist schon ein Kreuz mim Leben! Mal schleppt man es wie einen Rucksack, mal läuft man ihm hinterher, mal entgegen und oft meint man, ihm nicht gerecht geworden zu sein ... bis es zu Ende ist und man den Mond nicht in den Händen gehalten hat, der Turm von Pisa immer noch schief steht und die Pyramiden ...
Ja, es lohnt sich bestimmt, immer mal wieder zu überlegen, wer und was einem wichtig sind im Leben. Immer wieder versuchen, in die Situation zu kommen, sein Leben selbst gestalten zu können, anstatt sich eher wie ein Spielball von anderen zu fühlen.

Du hast ihn sie selbst beenden lassen, seine Zeit auf der Erde. Und obwohl ich weiß, dass es leichter gesagt und gedacht ist, als es dann eben tatsächlich durchzuführen, nehme ich es deinem Protagonisten ab, bereitest du mich darauf vor, wie er kommuniziert, wie gelassen er ist, wie ... aufgeräumt und umsichtig.
Danke, gerade dieser Punkt freut mich! Lukas ständiges Bemühen, ruhig zu bleiben, auch andere nicht zu beunruhigen. Aber dann wurde der Tumor größer, die Last zu groß ... und er schaffte es leider nicht mehr, seiner Schwester eine Geschichte zu erzählen.

Lukas lehnte am Kopfende des Bettes, seine Schwester Pina saß am anderen Ende im Schneidersitz.

Keine Ahnung, warum ich ihn nicht gleich im Bett liegen sah, sondern überlegte, wie man stehend den Kopf ans Kopfende lehnen kann. :confused: Mir hätte ein im Bett sitzender Lukas gereicht.

So war es auch gedacht, ich wollte nur nicht zweimal das Wort "sitzen" verwenden. Ich finde den Satz eigentlich so ganz passend, muss ich noch mal schauen ...

Der anschließende Dialog mit Pina flutschte auch nicht so richtig in meinem Hirn. Das hab ich aber oft. Auch in Filmen. Das liegt wohl daran, dass ich wohl nie echte Dialoge außer die, die ich selbst führe, verfolge. Mit den meinen rede ich ... anders und mit Fremden ... na lassen wir das.
Vielleicht ist der Übergang von Lukas Versuch, eine Geschichte zu erzählen, zu seiner nächsten Untersuchung im Krankenhaus etwas zu plötzlich. Ich finde es bisher nur durch den Altersunterschied nachvollziehbar, Pina spricht spontan aus, was sie bedrückt, blickt gedankenverloren vor sich auf die Bettdecke. Und Lukas versucht sie zu beruhigen - obwohl ja er derjenige ist, der beruhigt werden müsste. Aber das kann er seiner kleinen Schwester ja nicht aufladen.

Die Zimmertür ging auf und ihre Mutter kam rein.

anders ist es ja auch nicht möglich.

Stimmt, hätte ich gar nicht schreiben brauchen :)
Der ewige siebte Sinn, wenn die Kinder wieder unfug machen ...

„Jetzt weiß ich gar nicht, was du erzählen möchtest.“
„Das Leben. Sieh mal.“ Er zeigte zur Seite. Ein Reh stand am Rand der Lichtung zwischen den Bäumen und betrachtete sie regungslos. „Jetzt lebt es. Irgendwann wird es sterben und ein Teil der Erde“, fuhr er fort und fasste sich an den Kopf.

... ein guter Einfall, Pina und ihre eigene Krux mit dem Leben einzubauen, die Beziehung zu ihrem Bruder zu verdeutlichen und das Danach vorzubereiten und das alles in einer traumwandlerischen Mondnacht. Du lenkst den Fokus durch sie von Lukas ab und zeigst das Leben an und für sich. Das gefällt mir gut. Auch dass das Leben der Mutter (der Vater wird erwähnt) nur in einem kleinen Ausschnitt aufgezeigt wird, ist völlig ausreichend.

Danke! Ich hatte hier überlegt, welche Geschichte eine gute Überleitung zu dem tatsächlich Geschehenen sein könnte, habe es dann aber hierbei belassen, da genau dies Pinas Gedanken entspricht, auch schon in ihren jungen Jahren. Es geht nicht alles immer weiter, jedenfalls nicht so, wie wir es kennen. Irgendwann sterben wir, aber es entsteht auch immer etwas Neues.

Obwohl ... sie wirkt recht eindimensional und abgeklärt bei dem was sie so in ihrem Leben zu erdulden hat ... but so.
Ja, es fehlt ein wenig der Übergang, wie es ihr direkt nach Lukas Tod ging. Aber bei einer Kurzgeschichte wollte ich hier den Fokus eher auf Pinas Suche legen. Wie sie ihren Bruder vorher erlebt hat und sie später die Hinweise findet, wie sehr ihn seine Erkrankung belastet hat.

„Ach, Schatz.“ Ihre Mutter strich ihr die Haare aus dem Gesicht. „Es ist nicht das erste Mal, erinnerst du dich nicht?“

Das schreibst du aber für mich, den Leser, du Schelm. Selbstverständlich weiß Pina von ihrer Schlafwandlerei.

Ja, das stimmt wohl ... ich habe wahrscheinlich zu viel Stephen King gelesen, er macht das teilweise so konsequent, dass es schon gar nicht mehr auffällt. Ich habe es mal etwas verkürzt:
„Ach, Schatz.“ Ihre Mutter strich ihr die Haare aus dem Gesicht. „Du wirst dich erinnern.“

An dieser Stelle habe ich mich zum ersten Mal gefragt, wie viel Zeit wohl vergangen sein mag, seit Lukas sich das Leben genommen hat.
Ich hatte überlegt, ob ich es irgendwie deutlich erwähne, halte es aber auch im Moment nicht für notwendig. m.E. zeigt sich durch ihr Verhalten, dass es zumindest schon mehr als ein paar Wochen oder Monate sind.
Am Anfang spricht sie noch eher kindlich, hängt sich an ihren Bruder, als er nach Hause kommt. Später ist sie selbständiger, fährt selbst mit dem Fahrrad zum Blumenladen und zur Unfallstelle.
Du hast es m.E. sehr treffend geschrieben:
Pina hat sich vom kindlichen Teenager zu einer jungen Frau entwickelt, die nicht verdrängt, die sich mit dem Leben, das ihr geboten wird, auseinandersetzt und daran wächst.

Ein sehr phantasievoller, kreativer und emphatischer Mensch ist der Familie mit Lukas abhanden gekommen
Leider ja, aber manchmal ist das so. Manche Pflanzen wachsen und gedeihen, haben ein langes Leben. Andere entwickeln sich nur kurz und gehen ein. Das Leben halt, ob es uns gefällt oder nicht.

Danke, @Rob F für diese schöne Geschichte.
Gern geschehen und ebenfalls vielen Dank für deine Zeit und die Anmerkungen!

Viele Grüße,
Rob


Hallo @Pepe86 ,

danke für dein Feedback!

Die Figuren, vor allem Lukas, sind dir sehr gut gelungen. Umso trauriger, als er dann weg ist.
Danke! Ein lebensfroher Mensch, mit dem es die Gesundheit leider nicht gut gemeint hat.

Einen Moment lang war ich unschlüssig, was ich von dem Auftreten des Traums halten sollte, was aber wohl mehr der allseits bekannten Paranoia vor diesem Stilmittel geschuldet ist
Ja, etwas in der Art "es war nur ein Traum" kann eine Geschichte schnell killen.
Nur wird hierbei durch Pinas Traum, der am Ende eher ein Albtraum ist, ja nichts vorheriges aufgehoben. Er sollte eher zeigen, wie sehr sie Lukas Selbstmord belastet und wie sie versucht, es zu verstehen.

"Hey, mach dir keine Sorgen. In meinem Kopf ist genug Unsinn, da können sie ruhig was rausholen.“

Lukas ist witzig

Das ist er, aber es ist auch seine Art, mit seiner Erkrankung umzugehen.

"Wo ist der Mondscheinweg?“

Das fand ich etwas komisch. Sie fragt nach dem Mondscheinweg, den Lukas ja so explizit gar nicht genannt hat. Er sprach vom Mond und so, aber nicht vom Mondscheinweg. Ich weiß, etwas kleinkarierte Anmerkung.
Guter Hinweis, er erwähnt zuvor schon die Bezeichnung "Mondscheinweg", aber als Namen der Geschichte, die er Pina erzählen wollte. Ich habe den Satz mal geändert in:
„Gehen wir zum Mondscheinweg?“
Es passt so für mich ganz gut, da es hier ja Pinas Traum ist, sie greift darin also das auf, was Lukas vor seinem Tod sagte.

Das ist wirklich so ne Sache, über die ich auch oft nachdenke, wenn ich in den Sternenhimmel schaue. Welch langen Weg dieses Licht hinter sich hat und wir damit in die Vergangenheit schauen, wenn man es genau nimmt. Umso schöner hat es dann der Folgesatz getroffen. Klasse
Ich habe vor vielen Jahren das Buch "Das Universum in der Nussschale" von Stephen Hawking gelesen und zumindest der ein oder andere Satz ist mir in Erinnerung geblieben.
Interessant fand ich auch die Frage, wo die Materie, aus der wir Menschen bestehen, zuvor schon überall war im Universum. Vielleicht vor vielen Millionen von Jahren mal ein Stern in der Andromedagalaxie? :gelb:

Wanderung. stand

Stand groß

Ich habe stattdessen den Punkt durch ein Komma ersetzt.

Hat Lukas das reingeritzt? Ich hätte erwartet, dass sie sich das näher anschaut. Vielleicht mal drüberfässt.
Gute Idee, ich habe noch ergänzt:
Mit zitternden Fingern strich sie darüber.

Danke für deine Eindrücke und viele Grüße,
Rob

 
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11.11.2019
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Hi @Rob F

möchte dir auch noch gerne einen Leseeindruck da lassen.

Eine berührende Geschichte, niemand weiß, wie viel Zeit bleibt. Ich finde, du hast dieses Thema sehr gefühlvoll eingefangen.

„Ich habe den Mond in meinen Händen gehalten“, begann er. „Den schiefen Turm von Pisa gerade gerückt. Die Pyramiden in -“
gute Idee, gefällt mir!

Er ging auf die Baumgrenze zu und schaltete eine kleine Taschenlampe ein.
kenne den Ausdruck Baumgrenze vor allem im Zusammenhang mit dem Gebirge; ich weiß aber, was du hier meinst

Heute Abend bekommst du deine Geschichte“, sagte Lukas.
Pina ließ ihn los, trat einen Schritt zurück und blickte ihn an. „Kein Quatsch?“
„Doch, auch Quatsch, aber diesmal hab ich wirklich eine. Sie heißt Der Mondscheinweg. Und …“ Er drehte sich kurz zu seiner Mutter, beugte sich dann zu Pina runter und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie kicherte, sagte aber nichts.
„Hey, kein Unfug. Ich komme ohnehin kontrollieren“, sagte seine Mutter.
„Wir werden brav sein wie immer, oder?“, fragte Lukas.
„Klar“, antwortete seine Schwester und kicherte erneut.
„Sehr glaubwürdig. Wie wärs mit Eistee?“
„Jaaa“, rief Pina und lief in die Küche.
dieser Abschnitt gefällt mir sehr gut!

Warts ab.“ Nach einigen Sekunden fügte er hinzu: „Um das Leben.“
bin mir nicht sicher, aber würde es mit Apostroph schreiben - "wart's ab" - weil: "Wart es ab ..."

„Ja, unendlich weit weg. Manche existieren schon gar nicht mehr.“
„Das geht doch gar nicht.“
„Klar. Ihr Licht ist so lange unterwegs, dass sie schon erloschen sind, wenn es hier ankommt.“
„Wie traurig. Aber wenigstens werden sie gesehen, irgendwo.“
„Und irgendwann. Ein ewiger Kreislauf. Etwas endet und Neues entsteht. Sieh dir die Bäume an. Sie entstehen aus einem kleinen Samenkorn.“
Du bekommst hier den Übergang sehr gut hin, finde ich. Dazu erzeugst du auch noch ein schönes Bild!

Auch diesmal legte sie den bunten Strauß vor den halbherzigen, zwei Meter hohen Gitterzaun.
an halbherzig bin ich hängengeblieben - Gitterzaun und halbherzig? Ist aber wohl Geschmackssache ...
Ihre Augen wurden glasig. Noch ein ganzes Leben hatte vor ihm gelegen.
Da hört man, meiner Meinung nach, sehr stark den Autor raus oder ist Pina schon so viel älter, dass sie so (philosophisch) denkt?
Auf der Seite, auf der das Haus ihrer Eltern stand, führte ein Weg in den Wald, der jedoch im Nachbarsdorf begann. Auf der anderen Seite gabelte sich der Pfad. Einer bog nach links ab, am Bach vorbei. Die anderen beiden verzweigten ebenfalls in den Wald, weiter geradeaus und nach schräg rechts.
Da bin ich hängengeblieben und musste mehrmals lesen bis ich mich ausgekannt habe. Hab's aber nicht so mit Richtungen und Wegbeschreibungen, mir kam's kompliziert vor.
Die anderen beiden verzweigten [sich] ebenfalls in den Wald, weiter geradeaus und nach schräg rechts.
mMn fehlt hier sich

Schöner Text, trotz des schwierigen Themas.
Regt zum Nachdenken an.

Gerne gelesen!
Servus,
Walterbalter

 
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Hallo @Walterbalter ,

danke für den Gegenbesuch und deine Eindrücke!

Eine berührende Geschichte, niemand weiß, wie viel Zeit bleibt. Ich finde, du hast dieses Thema sehr gefühlvoll eingefangen.
Danke, es zeigt mir hierbei auch, wie "vorstellbar" die Protagonisten schon alleine durch Dialoge werden.

kenne den Ausdruck Baumgrenze vor allem im Zusammenhang mit dem Gebirge; ich weiß aber, was du hier meinst
Ja, fachlich so ganz richtig ist es wohl nicht, aber ich wollte nicht immer nur "Wald" schreiben.

Warts ab.“ Nach einigen Sekunden fügte er hinzu: „Um das Leben.“

bin mir nicht sicher, aber würde es mit Apostroph schreiben - "wart's ab" - weil: "Wart es ab ..."

habe das Apostroph ergänzt

Auch diesmal legte sie den bunten Strauß vor den halbherzigen, zwei Meter hohen Gitterzaun.

an halbherzig bin ich hängengeblieben - Gitterzaun und halbherzig? Ist aber wohl Geschmackssache ...

Ich wollte mit diesem Wort andeuten, dass der Zaun den Zweck haben soll, dass keiner zu den Gleisen kommt. Je nachdem, wie groß jemand ist, stellt ein ca. zwei Meter großer Zaun jedoch kein allzu großes Hindernis dar.
Ich habe es mal geändert zu: "... halbherzig angebrachten ..."

Ihre Augen wurden glasig. Noch ein ganzes Leben hatte vor ihm gelegen.

Da hört man, meiner Meinung nach, sehr stark den Autor raus oder ist Pina schon so viel älter, dass sie so (philosophisch) denkt?

Ich möchte auch im Nachhinein kein genaues Alter nennen, aber ihr Verhalten (sie fährt alleine zum Blumenladen und zu den Gleisen) sollte schon zeigen, dass sie zumindest kein Kind mehr ist, jedoch auch nicht deutlich älter, da sie ja noch zur Schule geht.
In Pinas Gedanken ist der Satz vielleicht nicht ganz so ausführlich, aber etwas in diese Richtung finde ich schon passend, als sie die Gleise/Unfallstelle betrachtet.

Da bin ich hängengeblieben und musste mehrmals lesen bis ich mich ausgekannt habe. Hab's aber nicht so mit Richtungen und Wegbeschreibungen, mir kam's kompliziert vor.
Ja, ich hätte es hier auch einfacher halten können, aber es soll inhaltlich auch auf die verschiedenen Wege anspielen, die Lukas hätte nehmen können. Und einer davon ist dann tatsächlich der Mondscheinweg.

Die anderen beiden verzweigten [sich] ebenfalls in den Wald, weiter geradeaus und nach schräg rechts.

mMn fehlt hier sich

Bin mir auch nicht sicher, aber für mich klingt es ohne "sich" schon richtig.

Danke für deinen Kommentar und viele Grüße,
Rob

 
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Das Leben als „Weg“ (mit dem „Lebenslauf“ als bürokratisch verknappten Bericht), der keineswegs geradlinig verlaufen muss, ist ein uraltes Bild, wobei der Titel durch den Mondschein eine weitere Symbolik anstößt, die ich ja gerne für das Modalverb „scheinen“ nutze, und es im geflügelten Wort meines ehemaligen Klassenlehrers erhalten bleibt, dass der Mond sein Licht „nur“ geliehen hat von der Sonne, so bekommen wir unser Leben geschenkt und wissen weder Tag noch Stunde, wann die Reise zu Ende geht. Anders bei Lukas, Deinem jungen Helden, dessen Ende so offen nicht ist, was Du m. E. behutsam erzählst, da bietet sich als einleitendes Zitat folgende Stelle an,

lieber Rob,

„Worum geht es in der Geschichte?“
„Wart's ab.“ Nach einigen Sekunden fügte er hinzu: „Um das Leben.“
und noch vorm Mittag (kitzelt bereits ein wenig in der Nase) ein paar kleinere Reparaturen

„Den schiefen Turm von Pisa gerade gerückt. Die Pyramiden in -“
„geraderücken“, zusammen

Die Zimmertür ging auf und ihre Mutter kam rein.
Du verwendest oft Possessivpronomen, zu oft, wie ich meine, denn wessen Mutter sollte denn sonst ins Zimmer kommen?

„Dauert bestimmt nicht lange. Während du wartestKOMMA kannst du dir eine Geschichte überlegen, ewig kannst du sie nicht hinhalten.“

Die Bäume standen hier gut zwei Meter auseinander, als wären sie so gepflanzt worden.
Nix falsch, keine Bange, aber das ist in fast allen „deutschen“ Wäldern der Fall – außer, wo man sich entschieden hat, die Wälder sich selbst zu überlassen. Neben den natürlichen Ursachen (wie Kyril, Wibke & Co.) sind vor allem Kriege und die Holzwirtschaft daran beteiligt ...

Die erste wie ein Reisebericht geschrieben[...]über eine Radtour, die er mal mit Freunden gemacht hatte.

Schön, dass zum Unabänderlichen Deine Stimme so ruhig und unaufgeregt bleibt,

findet der

Friedel

 
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Monster-WG
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Hi Rob,

eine starke, berührende Geschichte.

Zunächst Textkram:

Die Bäume standen hier gut zwei Meter auseinander, als wären sie so gepflanzt worden.
Wofür ist das wichtig?

„Jetzt lebt es. Irgendwann wird es sterben und ein Teil der Erde“, fuhr er fort und fasste sich an den Kopf.
„Sprichst du auch von dir?“ Pinas Stimme zitterte leicht.
Hier holst du m.E. den Holzhammer heraus.

Bis zum Punkt, wo die Eltern sie aus dem Wald "zurückholen", finde ich die Geschichte unheimlich stark. Ich bekam Gänsehaut, ahnte, dass sie allein da war.
Von mir aus hätte der Text genau hier enden sollen.

Der weitere Teil ist für mich so etwas wie eine zweite Geschichte, auf die ich persönlich hätte verzichten können. Er ist tot, sie sucht und findet. Da war nichts Berührendes oder Spannendes mehr.
Ist jetzt nicht negativ gemeint. Ich denke aber, nur der erste Teil allein hätte eine viel stärkere Wirkung als das Ganze.

Alles in allem aber sehr schön.

Schönen Tag noch und liebe Grüße,
GoMusic

 
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@Friedrichard

Hallo Friedel,

auch hierbei freue ich mich über deinen Besuch, danke für die Anmerkungen!

Das Leben als „Weg“ ... der keineswegs geradlinig verlaufen muss
Das macht das Leben wohl meistens nur in unserer Vorstellung. Auch Menschen, die sich immer korrekt verhalten und auf ihre Gesundheit achten, kann plötzlich etwas schlimmes passieren. Sei es eine Erkrankung, ein Unfall ... oder ein Mitarbeiter in einer Tankstelle wird erschossen, weil er einen Kunden auf die Maskenpflicht hingewiesen hat, wie kürzlich in Idar-Oberstein.

„Den schiefen Turm von Pisa gerade gerückt. Die Pyramiden in -“

„geraderücken“, zusammen

Ich hatte nach beiden Varianten mal bei Google gesucht und war mir nach den Ergebnissen unschlüssig ... habe es aber nun auch zu Beginn zusammengeschrieben.

Die Zimmertür ging auf und ihre Mutter kam rein.

Du verwendest oft Possessivpronomen, zu oft, wie ich meine, denn wessen Mutter sollte denn sonst ins Zimmer kommen?

Ich werde den Text dahingehend noch mal prüfen. An dieser Stelle gefällt mir einfach die Formulierung "die Mutter" nicht. Ich bin ja zuvor beim Erzählen nah bei Lukas und Pina, da wirkt mir das zu distanziert.

„Dauert bestimmt nicht lange. Während du wartestKOMMA kannst du dir eine Geschichte überlegen, ewig kannst du sie nicht hinhalten.“
ist korrigiert

Die Bäume standen hier gut zwei Meter auseinander, als wären sie so gepflanzt worden.

Nix falsch, keine Bange, aber das ist in fast allen „deutschen“ Wäldern der Fall – außer, wo man sich entschieden hat, die Wälder sich selbst zu überlassen. Neben den natürlichen Ursachen (wie Kyril, Wibke & Co.) sind vor allem Kriege und die Holzwirtschaft daran beteiligt ...

Danke für den Hinweis, so wie bisher hat der Satz auch nicht so richtig beschrieben, was ich meinte. Ich habe ihn mal geändert in:
"Die Bäume standen hier dicht beieinander und schirmten den zwei Meter breiten Pfad ab."

Die erste wie ein Reisebericht geschrieben[...]über eine Radtour, die er mal mit Freunden gemacht hatte.
korrigiert

Danke für deine Zeit und noch eine gute Woche,
Rob


Hi @GoMusic ,

danke für deinen Kommentar!

Die Bäume standen hier gut zwei Meter auseinander, als wären sie so gepflanzt worden.

Wofür ist das wichtig?

Ja, der Satz war nicht wirklich gelungen. Ich habe ihn entsprechend geändert, wie zuvor an @Friedrichard geschrieben.

„Jetzt lebt es. Irgendwann wird es sterben und ein Teil der Erde“, fuhr er fort und fasste sich an den Kopf.
„Sprichst du auch von dir?“ Pinas Stimme zitterte leicht.

Hier holst du m.E. den Holzhammer heraus.

Ja, nur irgendwann musste ich ja den Übergang zum eigentlichen Thema finden. Ich habe aber die Aussage von Lukas etwas verkürzt:
„Jetzt lebt es, aber irgendwann wird es ein Teil der Erde“, fuhr er fort und fasste sich an den Kopf.

(...)
Ist jetzt nicht negativ gemeint. Ich denke aber, nur der erste Teil allein hätte eine viel stärkere Wirkung als das Ganze.
Bezogen auf die emotionale Wirkung kann ich dein Feedback gut nachvollziehen. Im zweiten Teil der Geschichte ist das Unglück ja bereits geschehen.
Ich probiere in Geschichten ja grundsätzlich gerne ein wenig, wie eine Handlung wirkt, wenn zum Ende hin nicht alles erklärt und aufgelöst wird. insofern finde ich deinen Vorschlag eine interessante Variante.
Im Moment habe ich dabei nur den Eindruck, dass ich damit die Leser doch eher ratlos und vielleicht auch frustriert zurücklassen würde. Kann ich schwer einschätzen, aber ich wollte Pinas weiteren Weg doch noch etwas verfolgen. Anstatt sich durch Lukas Selbstmord immer weiter zurückzuziehen, fängt sie an, sich damit zu beschäftigen. Und überlegt am Ende, als eine erfundene Geschichte, wie es vielleicht auch anders für ihn hätte weitergehen können.
Vielleicht liegt es auch daran, dass ich den "zweiten Teil" bereits geschrieben habe, aber ohne ihn würde für mich nun die Geschichte mittendrin aufhören, werde es also mal so lassen.

Danke für deine Anmerkungen und viele Grüße,
Rob

 
Monster-WG
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Hallo @Rob F ,

eine sehr schöne Geschichte, mal etwas ganz anderes und doch habe ich das Gefühl, als wäre sie die Folge aller deiner vorherigen Geschichten :)

Viel kann ich den bisherigen Kommentaren nicht mehr hinzufügen, außer dass es mir ein wenig wie @GoMusic ging und den zweiten Teil nicht ganz so stark fand. Ich hatte Schwierigkeiten mitzukommen, da hier doch recht viel in kurzer Zeit offenbart wird. Es ist ein Traum gewesen, während sie schlafwandelte, was sie bereits seit einiger Zeit macht, weil ihr Bruder bereits seit einiger Zeit tot ist und sie deswegen in psychologischer Betreuung ist. Das alles handelst du in wenigen Sätzen ab und dadurch verliere ich den Anschluss an ihre eigene Aufarbeitung. Vielleicht kannst du ja damit etwas anfangen :)

Grüße
feurig

 
Monster-WG
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20.08.2019
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Lieber @Rob F

Deine Geschichte hat mich sehr berührt. Sie geht ans Herz. Du beginnst spielerisch, ich entwickle sofort Nähe zu den Geschwistern. Etwas steht im Raum, eine Krankheit, Operation. Ich hoffe auf ein Happy End. Völlig überraschend kommt der Tot des Prota. Hat mich sehr berührt. Der Zusammenhalt der Familie ist toll, auch wie Du beschreibst, wie die Prota versucht, den Tod zu vearbeiten. Du schilderst die Trauer sehr glaubhaft.

Hier meine Leseeindrücke:

Sie gingen weiter, das reflektierte Licht des Mondes erhellte den Boden. Lukas schaltete die Taschenlampe aus. An einigen Stellen tanzten Glühwürmchen durch die Luft, als wollten sie mit ihrem gelben Schein den Weg weisen. Schließlich erreichten sie eine Lichtung, in deren Mitte eine Felsformation aus dem Boden ragte. Als wäre sie entstanden, um das Mondlicht einzufangen, dachte Pina.

Das Setting ist sehr schön beschrieben. Atmosphärisch dicht, tolles Kopfkino.

„Weiß nicht, irgendwie … war es erst mal mein Ort. Aber jetzt bist du eingeweiht.“ Er setzte sich auf den Boden, während seine Schwester die Formation umrundete.

Man spürt die innige Beziehung der Geschwister. Schön, dass er sie einweiht.

„Das Leben. Sieh mal.“ Er zeigte zur Seite. Ein Reh stand am Rand der Lichtung zwischen den Bäumen und betrachtete sie regungslos. „Jetzt lebt es, aber irgendwann wird es ein Teil der Erde“, fuhr er fort und fasste sich an den Kopf.

Sehr philosophisch. Gut geschrieben.

Ich war nach dem Termin nicht ganz ehrlich. Es war kaum zu erkennen, aber … anscheinend ist der Tumor größer geworden.“
Pina hielt sich die Hände vor den Mund. „Nein!“ Sie krabbelte zu ihm, legte den Kopf an seine Schulter.
„Es muss ja nichts Schlimmes bedeuten, aber …“ Weiter kam er nicht.
„Nein!“, schrie Pina durch die Tränen, immer wieder.
Als sie aufsah, blickte sie in die leeren Augenhöhlen eines Totenschädels. Alles wurde dunkel.

Hier hab ich mitgelitten.
Und es schon irgendwie geahnt.

Sie schreckte hoch, schwitzte am ganzen Körper.
„Pina!?“, durchdrangen Rufe die Stille. Die Stimmen ihrer Eltern.
Die Lichtung war kleiner als vorher, nur ein schmaler Platz zwischen dicht stehenden Bäumen. Anstatt der Felsformation lag neben ihr ein großer Stein.
„Hier“, wollte sie rufen, aber es kam nur ein heiseres Krächzen.

Und auch hier hab ich mitgefiebert, als klar wird, dass sie alleine ist.

Pina drehte den Kopf zur Seite und blickte aus dem Fenster. Schleierwolken zogen langsam vorbei.
„Es wird immer wieder zurückkommen, ob durch Schlafwandeln oder etwas anderes. Er wirkte so normal an dem Tag, wollte mir von dem Weg erzählen.“
„Wir fahren am Wochenende wieder zum Friedhof. Möchtest du frühstücken? Oder heute lieber zuhause bleiben?“
„Ich komme gleich runter.“
„Okay.“ Sie gab Pina einen Kuss auf die Stirn und verließ das Zimmer.

Ich finde den Zusammenhalt der Familie sehr wichtig. Man hat den Eindruck, die Familie verarbeitet die Trauer gemeinsam.
Es hat mich natürlich erschüttert, dass der Prota tot ist :(

Nach der Schule fuhr sie wie jeden Mittwoch mit dem Fahrrad zum Blumenladen und dann zu den Schienen, die an dem verlassenen Industriegebiet vorbeiführten. Auch diesmal legte sie den bunten Strauß vor den halbherzig angebrachten, zwei Meter hohen Gitterzaun. Die Blumen der Vorwoche waren wie jedes Mal verschwunden. Vielleicht bist du noch irgendwo und holst sie, dachte Pina und setzte sich im Schneidersitz auf den Grasboden. Nach einigen Minuten rauschte ein Schnellzug vorbei. Ihre kurzen schwarzen Haare wurden zurückgeweht.

Hier bin ich ganz nah bei Pina. Tolle Szene!

Lukas hatte oft nachmittags eine Radtour gemacht. War es eine spontane Entscheidung, sich vor einen Zug zu schmeißen? Nachdem er erfahren hatte, dass der Tumor größer geworden war? Oder hatte er diesen Gedanken schon lange?

Der Selbstmord hat mich erschüttert. Ein schwieriges Thema, das die Menschen bewegt. Und für die Hinterbliebenen schrecklich sein muss. Ich mag und kann es mir gar nicht vorstellen. Du beschreibst das sehr authentisch.

Sie wollte aufstehen, als ihr Blick auf die alten Industrieanlagen hinter den Schienen fiel. Einer der Wassertürme schien ein wenig schief zu stehen. Oder war es eine Sinnestäuschung, da der Boden nicht ganz eben war? Ich habe den schiefen Turm von Pisa geradegerückt, wiederholte sie in Gedanken. Und dachte an die kleine Glaspyramide vor dem Stadtmuseum. Ich habe die Pyramiden in – diesen Satz hatte sie ihn nie zu Ende sagen lassen, erinnerte sie sich und lächelte kurz.
„Und wo ist dein Mondscheinweg? Gibt es ihn?“
Ein weiterer Zug näherte sich. Ein Doppelstockwagen. Unter so einem war Lukas gestorben. Sie bekam Gänsehaut, sprang auf und fuhr nach Hause.

Und auch hier bin ich ganz nah bei ihr. Kann ihre Verzweiflung spüren, die Unsicherheit aufgrund der Fragen.

Viele Menschen waren an diesem Samstagvormittag auf dem Friedhof. Auch diesmal zitterten ihre Beine leicht, während ihre Eltern die Blumen bewässerten. Als sie fertig waren, standen sie alle drei vor dem Grab und legten die Arme umeinander. Ein mittlerweile festes Ritual, während sie den Gedanken an Lukas nachgingen.

Ein schönes Bild. Die Familie hält zusammen, spendet sich gegenseitig Trost.

Pina öffnete die Luke zum Speicher und kletterte rauf. Wie in ihrem Traum war der Mond fast voll und schien durch das Schrägfenster in den staubigen Raum. Sie schaltete die Stehlampe ein und ging zu der roten Truhe. Bevor sie den Deckel öffnete, schrieb sie seinen Namen in die Staubschicht. Lukas.

Spannender Moment.

Ein junger Mann machte eine Wanderung, stand an einer Weggabelung und wusste nicht, welchen Weg er nehmen sollte. Also setzte er sich auf den Boden und wartete. Ohne zu wissen, worauf. Die letzten Sätze lauteten: „Dann wusste er, welche Richtung er nehmen würde. Wo der Ausweg war. Er stand auf und -“

Sehr philosophisch. Das gefällt mir gut.

m Licht der Taschenlampe arbeitete sie sich durch den Wald. Ihre innere Unruhe verdrängte die Stille des Waldes. Als sie schon über ihr Smartphone prüfen wollte, ob sie die richtige Richtung eingeschlagen hatte, hörte sie das Plätschern des Baches. Wenig später fand sie ihn und folgte stromabwärts, bis sie nach einigen Minuten die Falkenbrücke erreichte.

Spannend!

Ohne zu überlegen betrat sie den Wald. Der Weg war weniger gebogen als in ihrem Traum, aber auch hier flogen Glühwürmchen durch die Luft. Wie in Trance ging sie weiter, bis sie eine Lichtung erreichte. Alles hier kam ihr bekannt vor, die Größe der Fläche, die Felsformation in der Mitte. Gelbe Punkte tanzten durch die Luft. Tränen liefen ihre Wangen hinab, gleichzeitig lächelte sie.

Ich kann ihre Emotionen spüren.

Ein Reh schlich an den Rand der Lichtung. Mit geschlossenen Augen überlegte sie, wie es weitergehen könnte.

Schön!

Ein trauriges Thema. Du schreibst über Verlust und davon, wie die Hinterbliebenen damit umgehen. In Deiner Geschichte ist viel Liebe enthalten, die Familie hält zusammen, Pina nimmt sich Zeit, die Trauer zu verabeiten. Obwohl die Geschichte traurig ist, weckt sie Hoffnung, dass Pina es schafft, damit klarzukommen und ein gutes Leben zu haben.

Gern gelesen!

Beste Grüße und einen schönen Tag,
Silvita

 
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09.12.2019
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Hallo @feurig ,

freut mich, dass du wieder kommentierst, danke für deine Eindrücke!

... mal etwas ganz anderes und doch habe ich das Gefühl, als wäre sie die Folge aller deiner vorherigen Geschichten
Dann liegt es vermutlich an der Erzählart, obwohl ich mir hierzu vor einer neuen Geschichte keine ausführlichen Gedanken mache. Ich versuche grundsätzlich im Schwerpunkt bei Dialogen und Handlungen zu bleiben und die Stimmung an der ein oder anderen Stelle durch die Umgebung zu unterstreichen.
Es ist zwar eine ganz andere Handlung, aber ich habe kürzlich das Buch Looking for Alaska (Eine wie Alaska) von John Green gelesen. Auch hier geht es um ein tragisches Ereignis, die Protagonisten versuchen danach, es zu verstehen. Tragen Sie eine Mitschuld? Welche Anzeichen gab es ...
Da dachte ich, ich versuche auch mal etwas in diese Richtung. Das Buch von John Green kann ich auf jeden Fall empfehlen, wurde mittlerweile auch als Serie umgesetzt.

... und den zweiten Teil nicht ganz so stark fand. Ich hatte Schwierigkeiten mitzukommen, da hier doch recht viel in kurzer Zeit offenbart wird. Es ist ein Traum gewesen, während sie schlafwandelte, was sie bereits seit einiger Zeit macht, weil ihr Bruder bereits seit einiger Zeit tot ist und sie deswegen in psychologischer Betreuung ist. Das alles handelst du in wenigen Sätzen ab und dadurch verliere ich den Anschluss an ihre eigene Aufarbeitung. Vielleicht kannst du ja damit etwas anfangen
Ja, ich habe, da es eine Kurzgeschichte sein sollte, den "Mittelteil" nicht ausführlich erzählt: Wie ging es Pina direkt nach dem Tod ihres Bruders, wie gingen sie und ihre Eltern damit um, die psychologische Betreuung ...
Es war für mich nur naheliegend, diesen Teil eher kurz zu halten, da ich Pinas Aufarbeitung beschreiben wollte und zum Ende hin wird es ja (hoffe ich) noch mal etwas emotionaler, mit einer eher positiven Richtung für Pina.

Aber es freut mich, dass dir die Geschichte gefallen hat und danke dir für dein Feedback!

Viele Grüße,
Rob


Hallo @Silvita ,

danke für deinen ausführlichen Leseeindruck!

Demnach bin ich sehr froh, dass die einzelnen Szenen so ankommen und habe für zukünftige Texte auf jeden Fall auch selbst wieder neue Eindrücke.

Du beginnst spielerisch, ich entwickle sofort Nähe zu den Geschwistern. Etwas steht im Raum, eine Krankheit, Operation.
Die Handlung sollte eher positiv beginnen, aber ich versuche grundsätzlich, möglichst früh etwas zur eigentlichen Handlung anzudeuten, das dann hoffentlich neugierig macht.

Du schilderst die Trauer sehr glaubhaft.
Danke, das freut mich, gerade auch weil Pina ja eine Zeitlang eher sachlich nach dem Mondscheinweg sucht.

Obwohl die Geschichte traurig ist, weckt sie Hoffnung, dass Pina es schafft, damit klarzukommen und ein gutes Leben zu haben.
Da bin auch ich sehr zuversichtlich! :gelb:

Auch wenn ich es nur kurz beantworte, helfen mir deine Schilderungen zu den einzelnen Abschnitten auch hierbei sehr, um einzuschätzen, ob alles auch so ankommt wie ich es mir dachte!

Also vielen Dank für deine Mühe und schon mal ein schönes Wochenende!

Viele Grüße,
Rob

 

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