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Der Sensenmann

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09.01.2021
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Der Sensenmann

Der alte Jakob verliess an einem nebligen Montagmorgen müde das Bett und sein trüber Blick fiel auf den Kalender, der schräg an der Wand gegenüber hing. Es war der 4. Januar 2021. Heute waren es exakt sieben Jahre seit seine geliebte Amelia verstorben ist. Und so waren es auch exakt sieben Jahre seit er das letzte Mal gelacht hat. Ohne sie fühlte er sich mehr tot als lebendig und es gab keinen Grund mehr zu lachen, war es doch sie, die ihn immer zum Lachen gebracht hatte. Was er nicht wusste, sein eigener Tod war zum Greifen nahe.

Jakob lebte in einem verlotternden, kleinen Haus am Waldrand, abgeschieden von der Stadt. Früher, als seine Amelia noch bei ihm war, hatte das Haus einen rustikalen Charme. Blumen verzierten die Fensterbänke, frischer Duft wehte durchs Haus und es wirkte, als hätte es einen liebevollen, alten Charakter. Doch auch das Herz des Hauses hat aufgehört zu schlagen, als Amelias Seele ihren Körper verlassen hatte.
Der griesgrämige Mann vermied den Kontakt zu anderen Menschen und blieb die meiste Zeit in dem knarrenden, müde ächzenden Haus.
Als er an jenem Morgen den Kühlschrank öffnete, war da nichts als eine gähnende Leere. Eine halbleere Ketchupflasche stand einsam in der Mitte eines Regales und starrte ihn vorwurfsvoll an. Jakob stiess einen schwerfälligen, tiefen Seufzer aus. Er wusste, wenn er nicht verhungern wollte, musste er in die Stadt fahren und einkaufen gehen.

Jakob zog seine Schneestiefel an und ging zum roten 65er Mustang Fastback, der in der Einfahrt auf ihn wartete. Dieser Wagen war einst sein Baby. Erst nachdem Amelia nicht mehr bei ihm war, merkte er, dass er den Wagen nur so gerne fuhr, weil Amelia mit einem glücklichen Lächeln neben ihm sass und sie auf der Fahrt Händchen hielten, wie zwei junge, frisch verliebte Teenager. Jakob und Amelia waren dieses Ehepaar, dessen Liebe nie verflossen ist. Sie mussten sich nicht anstrengen, um die Liebe zu erhalten oder das Interesse aneinander. Denn die Liebe zwischen den zwei Seelenverwandten war so unendlich wie das Universum.

Er fuhr also Richtung Stadt. Sein Mustang machte ab und zu komische Geräusche, doch Jakob war sich das gewohnt und dachte sich nichts dabei. Gerade als er die Bahngleise überqueren wollte, dessen Warnlampen schon blinkten, starb der Motor gluckernd ab. Sein Blick ging nach rechts, und er sah von weitem einen Zug blitzschnell auf ihn zurasen. Bloss keine Panik, dachte er sich. Er drehte den Schlüssel in der Zündung, doch der Motor sprang nicht an, vielmehr klang es, als würde er Jakob mit einem teuflischen Lachen verhöhnen. Blick nach rechts. Das
konnte doch nicht sein! Wieso verlangsamte der Zug denn nicht? Er kam immer näher und näher, während Jakobs Puls schneller und schneller wurde. Nun gut, er musste den Wagen verlassen. Er versuchte die Türe aufzustossen, doch diese machte keinen Wank. Sie klemmte. Ein lautes Horn ertönte und die Gleise quietschten ohrenbetäubend. Jakob drehte erneut verzweifelt, mit schweissnassen Händen, am Schlüssel. 10 Meter, 7 Meter, 5 Meter, 3 Meter, plötzlich gab es einen Ruck und der Wagen sprang an. Er drückte aufs Gas und sein Auto machte einen Satz nach vorne. Im nächsten Moment raste der Zug, wenige Zentimeter hinter ihm, über die Gleise. Laut keuchend sass Jakob in seinem Auto und versuchte sich zu beruhigen. Er schloss kurz seine Augen und als er sie wieder öffnete, zuckte er erschrocken zusammen. Eine schwarze Gestalt stand vor seinem Auto. Doch nur eine Sekunde später war sie verschwunden. Er blinzelte ein paar Mal und war sich sicher, dass das nur eine optische Täuschung war, ausgelöst vom Adrenalin, das durch seine Adern schoss.

Die Strassen waren nass und die Dächer der Stadt mit einer dicken Schneeschicht bedeckt. Es hatte gestern geschneit und alle Kinder strömten auf die Strasse, bereit für einen Tag voller Spass im Schnee, denn die Schulen waren glücklicherweise ferienhalber geschlossen.
Jakob war im Supermarkt angekommen und machte sich lustlos an seinen Einkauf. Er vermisste die sensationellen Gerichte, die Amelia täglich für ihn gezaubert hatte, sehr. Seit er allein war, ass er meistens nur Teigwaren und etwas Dosenfutter, wie Bohnen oder Ravioli. Mit schweren Tüten in den Händen trat er nach draussen an die frische, eisigkalte Winterluft. Auf einmal schrie jemand „Achtung! Passen sie auf!“ Und bevor Jakob wusste wie ihm geschah, sauste ein Backstein, der sich wohl durch den schweren Schnee gelöst hatte, einige Millimeter neben seinem Kopf vorbei. Es gelang ihm gerade noch, den Fuss wegzuziehen, sodass der Stein auf den Boden krachte und nicht seinen Fuss zertrümmerte. Eins war sicher, wäre dieser Backstein auf seinen Kopf gefallen, wäre er nun mausetot. Das zweite Mal in einem Tag, war der Tod nur einen Hauch von ihm entfernt. Er hob seinen Blick vom Boden und es war ihm, als ob ein dunkler Schatten hinter der nächsten Hausecke verschwand. Derselbe Schatten, den er eben schon beim Vorfall mit dem Zug gesehen hatte. Was war das? Oder besser noch, wer war das?

Hätte man Jakob am Morgen gefragt, ob er sterben wolle, hätte er ja gesagt. Doch nun, nachdem er dem Tod scheinbar direkt gegenüberstand, änderte sich seine Meinung. Er hatte Angst. Todesangst. Er wollte noch nicht sterben. Er war nicht bereit. Er wusste, der Tod war im dicht auf den Fersen. Was Jakob nicht wusste, war, dass er dem Tod entkommen konnte. Jedoch nur auf eine einzige Art und Weise. Würde er es schaffen?

Jakob brachte die Einkaufstüten in seinen Wagen, dessen Tür wie durch ein Wunder nicht mehr klemmte. Dann machte er sich auf den Weg, in den nahe gelegenen Stadtpark, für einen kleinen Spaziergang. „Ob es sein Letzter sein würde?“ Schoss es ihm durch den Kopf. Nach ein paar Schritten setzte er sich auf eine Bank unter einem riesigen Baum, an dem etliche, grosse und äusserst spitzige Eiszapfen hingen.

Jakob liess seinen Blick durch den Park schweifen. Kinder rannten umher, pfefferten lachend und schreiend Schneebälle durch die Luft, rannten kreuz und quer umher und bauten Iglus. Einige Pärchen spazierten, Hand in Hand, durch den Park und beobachteten den Ententeich. Sein Blick blieb an einem ganz besonderen Pärchen haften. Die beiden waren etwa gleich alt wie Jakob und Amelia waren, als sie sich unsterblich ineinander verliebt hatten. Sie verzierten gerade ihren selbst gebauten Schneemann mit einer Rübe. Jakob beobachtete sie weiter, doch er sah schon lange nicht mehr die beiden Teenager, sondern sich selbst, als jungen, starken und fröhlichen Mann und seine unglaublich schöne, zarte und liebevolle Amelia. Zeitgleich löste sich ein immens grosser, extrem spitziger Eiszapfen von einem Ast über ihm. Dieser würde ihn direkt am Hals treffen und seine Halsschlagader durchbohren. Es gäbe keine Chance zu überleben. Bis Hilfe käme, wäre er bereits verblutet. Jakob versank in seinen Erinnerungen, an die schöne Zeit mit Amelia. Die Wolken verzogen sich und die Sonne strahlte auf den Schnee, der nun im Licht funkelte und glitzerte. Der Eiszapfen war nur noch ein kleines bisschen von seinem Hals entfernt. Er dachte daran, wie sie verträumt zusammen im Schnee getanzt haben und er, in den Schneebergen von Österreich, vor Amelia auf die Knie ging, um ihr die Frage aller Fragen zu stellen. Gleich würde der tödliche Eiszapfen in seinen Hals dringen. Die Erinnerung an das Ja-Wort von Amelia und ihre funkelnden Augen zauberten Jakob ein Lächeln ins Gesicht. Das erste Lächeln seit sieben Jahren. In dem Moment verwandelte sich der Eiszapfen wie durch ein Wunder in Wasser und ergoss sich über Jakob. Inmitten des von einer funkelnden Schneedecke überzogenen Feldes erschien erneut der schwarze Schatten. Zum ersten Mal erkannte Jakob wer es war: Der Sensenmann. Doch nun verschwand er nicht wieder, sondern er löste sich in tausende kleine, schwarze Stückchen auf. Der Wind bliess diese zärtlich auseinander, bis nichts mehr von dem Bösen übrig war.

Und von diesem Tag an schaute Jakob glücklich und dankbar auf die Zeit, die er mit Amelia erleben durfte, zurück. Es war der 04. Januar 2021 als er sein Lächeln wiederfand.
 
Senior
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10.02.2000
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Salü @Jennifer,

du hast den Weg zu den Mädels und Jungs hier gefunden. Willkommen und Glückwunsch zur Geschichte. Ich lese sie metaphorisch, denn so einiges wird sich in der tatsächlichen Welt nicht auf diese Weise abspielen. Nehmen wir den Zug. 3 Meter, keine Chance auf ein Entkommen. Auch nicht bei 10 Meter. Nimm einen Standardzug, durchschnittliches Gewicht, durchschnittliche Lokomotive, durchschnittliche Streckengeschwindigkeit, sagen wir 100 km/h. Dann legt der Zug in 1 Sekunde 27,8 Meter zurück. Entfernungen dramatisch zu reduzieren ist ein gutes Mittel, aber es muss realistisch sein. Es sind eigentlich auch nicht die Gleise die kreischen, es sind die blockierenden Bremsen, die dieses Geräusch durch die Schienen übertragen.

Nimm die Halsschlagader. Den Eiszapfen von oben. Wenn es nicht gerade der Hals von Franz-Josef Strauß ist, wird er keine der Halsschlagadern treffen von oben. Er wird maximal in den Schlüsselbein-Bereich eintreten, und wenn er tiefer eindringt, kann der die Armvenen verletzen. Was er könnte, in den Schädel eindringen. Das ist gut möglich bei entsprechender Größe/Masse. Aber wie alles, fällt er mit einer Fallbeschleunigung von 9,81 m/s, wobei seine Trägheit (je nach Masse) das kurz verzögert. Hängt der Ast 10 Meter über Jakob, bräuchte der Zapfen etwa 1,3 Sekunden.

Sobald du reale physikalische Bedingungen einbaust, sollten sie diesen auch entsprechen. Wenn du hingegen auf der bildhaften Ebene bleibst, ist alles okay.

Ich finde deine Geschichte gut. Und sie funktioniert auf der bildhaften Ebene. Den technischen Krams ein wenig zurücknehmen, mehr die Bilder wirken lassen, und die kommen ohne Zahlen oder genau Eintrittspunkte aus. Du näherst dich deinem Jakob also mehr auf der lyrischen Ebene.

Den Sensenmann kannst ruhig drin lassen, denn von ihm wissen wir ja, dass er ein bildhaftes Element ist und dass extreme emotionale Erregungen Trugbilder auslösen, weiß die Psychologie auch aus zahllosen Experimenten. Das ist also gut so wie du es schreibst.

Am Ende zählt natürlich, dass Jakob sich wieder auf das Leben einlässt, sein Lächeln wiedergefunden hat und die Erinnerungen lebendig sind. Amelia ist also bei ihm.

Ein guter Einstieg jedenfalls hier bei den Wortkriegern (müsste man das nicht gendern? Fällt mir gerade auf ...)

Griasle und einen schönen Sonntag wünscht
Morphin
 
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28.12.2020
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Hallo @Jennifer, ganz herzlich Willkommen und ich gratuliere dir mit deiner Erstling.
Deine Geschichte hat mir gefallen. Ob den technischen Kram (@Morphin) nun stimmt oder nicht, ich würde sie auf jeden Fall weglassen. Die Kern deiner Geschichte kommt auch so rüber.

Gern gelesen!

Lieber Gruß,
Schwerhörig
 

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