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Der Unbekannte, oder das Briefkastendrama.

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20.05.2022
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Der Unbekannte, oder das Briefkastendrama.

Die Frau lächelte. Eine kleine, schwache Lampe warf ihr Licht auf den Briefkasten, auf dem ein gerader, geschnittener Papierfetzen klebte. Sie strich vorsichtig über die Worte, die mit einem Bleistift geschrieben waren, als seien sie fragil und könnten bei der ersten Berührung zerbrechen, dann löste sie den Fetzen ab und steckte ihn in ihre Jackentasche. Gegen Mitternacht würde sie selbst ein Papier an den Briefkasten kleben, so war es ihr Ritual. Sie würde wissen, dass es gelesen wird und dass sie am nächsten Morgen eine Antwort erhalten würde. Es war ein Spiel, dass unerwartet vor einem halben Jahr begonnen hat. Ein Spiel, dass sie bereit war mitzuspielen, denn es langweilte sie alles, ihr Leben, der Gleichschritt, ihr Mann. Mit diesen Nachrichten, die sie morgens heimlich, wenn er noch schlief in Empfang nahm und denen sie, wenn er schon zu Bett war, ebenso heimlich antwortete, war ein altes, vergessenes Gefühl in ihr Leben zurückgekommen. Ein Nervenkitzel und ein Gefühl von Gefahr, dass sich aus dem Gedanken ergab, er könnte ihr kleines, unanständiges Geheimnis entdecken. Aber bald würde er das …

Seit siebzehn Jahren waren sie nun verheiratet. Er war Jurist und die meiste Zeit damit beschäftigt, Paragraphen zu wälzen und Rechtsfragen zu klären, dabei schien ihr, war er unversehens selbst zu einem Paragraphen geworden. Wenn er morgens müde aus dem Bett stieg und in die Küche kam, um sich einen Kaffee zu kochen, hörte sie beinahe den Staub aus seinen Falten rieseln, die er in den letzend Jahren angesammelt hatte. Sie schwiegen viel, zu viel, viel zu viel. Und wenn es dazu kam, dass sie redeten, behandelte er sie wie eine Frage, die für einen Juristen gedacht war, wie eine Art Problem, das einer Lösung bedarf. Seine einstige Vitalität und mehr noch sein Unternehmensgeist schienen völlig verschwunden. Er erweckte täglich ein Stückchen mehr den Eindruck, als versuche er, wie ein armseliges Häufchen Elend, durch eine graue, feste Masse in den Tag zu schwimmen, langsam, träge und traurig.

Sie stieg die Treppen hinauf. Aber wer war er, wer war der Unbekannte? Wollte er sie wirklich? Oder war es ein Verrückter? Unergründlich! Aber unzweifelhaft, dass er existierte. Unergründlich, aber unzweifelhaft, dass er etwas, irgendetwas, von ihr wollte. Eine Art geheime, verborgene Existenz, die ein Zettelspiel mehrt. Aber nicht mehr lange, denn Morgen würde sie es darauf ankommen lassen und ihn um einen Besuch bitten. Warum auch nicht? Ein fremder Mann in der Wohnung war sicher mehr als eine Rechtsfrage, mehr als ein Paragraph. Vielleicht würde ihr Mann ja einen Tobsuchtanfall kriegen und vielleicht lockte sie etwas aus ihm hervor, diese alte, verschüttete Begierde, die früher so dominant war und das Feuer in seinen Augen, die rasche Beweglichkeit. Sie würde es jedenfalls darauf ankommen lassen, den nächsten Schritt machen, sie würde mit der Gefahr spielen. Heute Nacht noch, würde sie den Unbekannten vorbei bitten und ihm Versprechen machen, ihn herlocken und dann zusehen, wie sich die Dinge entwickeln, sehen, ob es einen Ausweg, eine Veränderung gibt, die ihr Leben, ihre Lebendigkeit, wieder entfacht.

Als sie um Mitternacht vor dem Briefkasten stand, beschlichen sie Zweifel. Würde er wirklich kommen? Und selbst wenn, sie kannte ihren Mann ja … nie tat er ihr den Gefallen sie zu schlagen, enttäuscht zu sein, oder wenigstens zu schreien. Das wäre auch etwas, lebendig wäre es und echt, ein Ersatz für seine vergangenen Avancen. Aber wie ein kalte Masse saß er immer nur da und wog ab. Das er nicht seine Bücher aufschlug, wenn sie „stritten“ kam einem Wunder gleich. Aber was war zu verlieren? Ihre Hände zitterten. Alte Gans, dachte sie. Ja, was war zu verlieren? Plötzlich ruhiger brachte sie den Zettel, den sie in den Händen trug an, betrachtet den Briefkasten, seufzte, drehte sich um und ging unendlich müde und dennoch irgendwie erregt zurück in die Wohnung. - Ein Ausgang, ein Exit.

„Schmeckt der Kaffee nicht?“, fragte sie ihr Mann. Sie rührte lustlos in ihrer Tasse. „Es ist doch derselbe wie immer“ Er sah sie an. Das war es ja, der Idiot. Es ist alles wie immer. Als sie heute morgen mit klopfendem Herzen nach einer Nachricht sehen wollte, starrte sie nur die blanke und eiserne Wand des Briefkastens an. Sie war naiv und hätte es wissen müssen. Sie sammelte sich, schwieg zuerst. Ja, sie hätte es wissen müssen. Es gibt keinen Ausweg, kein Exit. Der Unbekannte war ein Verrückter und sie hatte ihn verschreckt. „Nein, ich bin nur etwas müde“, antwortete sie. „Aha". Ihr Mann goss sich eine zweite Tasse Kaffee ein und schüttete Zucker nach. Sie schwiegen. „Wo sind eigentlich die Bleistifte?“ fragte er. „Ich habe sie heute gesucht.“ „In meinen Zimmer“, murmelte sie. „Ich bring sie dir später." Natürlich würde sie ihm seine blöden Stifte bringen, damit er seine Paragraphen kritzeln konnte, was auch sonst. Wie immer würde sie machen, was er sagt. Als ob das jetzt noch zählen würde ...

 
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Hallo @Nadir

Was möchtest Du mit dieser Geschichte aussagen? Das man nichts verändern kann, auch wenn man sich noch so anstrengt, wenn man mal zu festgefahren ist im Alltag? Die Frau sehnt sich ja sehr nach etwas Abwechslung und Abenteuer und ihr Mann ist zu einem Schatten geworden, der sich nicht mehr für sie interessiert, sondern nur noch für seine Paragraphen. Deshalb klebt sie Zettelchen an den Briefkasten und irgendjemand antwortet ihr auch, es ist zu einem Spiel zwischen ihr und dem Unbekannten geworden. Als sie den Schritt wagt und ihn zu sich einlädt, passiert nichts und der Zettelschreiber meldet sich nicht. Ich habe mich gefragt, ob der Zettelschreiber vielleicht ihr Mann ist, aber dafür gibt's imo keine Hinweise oder ich habe was überlesen.

Mich würde interessieren, wie ist es denn zu diesem Zettelschreiben gekommen? Hat sie da einfach eines Abends einen Zettel hingeklebt und gehofft, das liest jemand? Ihr Mann wird so beschrieben, wie man sich einen Paragraphenreiter vorstellt, also fast schon etwas too much die gängige Vorstellung eines solchen Menschen bemüht. Vielleicht könntest Du dem Mann noch eine Ecke und eine Kante geben. Oder früher war er ja anders, vielleicht könntest Du da näher drauf eingehen, was ihn denn ursprünglich für sie so anziehend gemacht hatte. Das wird nämlich nicht so recht klar. Und wie und warum kam es zu diesem Bruch, dass er sich heute so anders verhält als damals?

Mir fehlt in der Geschichte eine Aussage / Pointe. Nachfolgend ein paar Dinge, die mir aufgefallen sind:

Eine kleine, schwache Lampe warf ihr Licht auf den Briefkasten, auf dem ein gerader, geschnittener Papierfetzen klebte.
Ich würde mich für eines der Adjektive entscheiden. Ich glaube es ist nicht wirklich wichtig, dass die Lampe klein UND schwach war. Eine kleine Lampe hat ja auch eher einen schwachen Lichtschein, sie sagen also mMn sowieso fast dasselbe aus. Dann vielleicht noch: ... auf dem ein gerade geschnittener Papierfetzen klebte. So könntest Du das Komma einsparen.

Aber bald würde er das …
Könntest Du mMn streichen. Das ist so Foreshadowing auf etwas, dass dann doch nicht passiert. Das braucht es nicht, oder hat das irgendeine Funktion?


Er war ein Jurist und die meiste Zeit damit beschäftigt[KOMMA] Paragraphen zu wälzen und Rechtsfragen zu klären, dabei schien ihr, war er unversehens selbst zu einem Paragraphen geworden.
"ein" streichen, Komma setzen.

Wenn er morgens müde aus dem Bett stieg und in die Küche kam[KOMMA] um sich einen Kaffee zu kochen, hörte sie beinahe den Staub aus seinen Falten rieseln, die er in den letzend Jahren angesammelt hatte.
Komma setzen. Hier in der Vergangenheitsform bleiben (hat = hatte).

Und wenn es dazu kam, dass sie redeten, behandelte er sie wie eine Frage, die für einen Juristen gedacht war, wie eine Art Problem, das einer Lösung bedarf.
ein = einen

Vielleicht würde ihr Mann ja einen Tobsuchtanfall kriegen und vielleicht lockte sie etwas aus ihm hervor, diese alte, verschüttete Begierde, die früher so dominant war und das Feuer in seinen Augen, die rasche Beweglichkeit.
Was soll die "rasche Beweglichkeit" aussagen? Das er mal gut im Bett war? Oder sich einfach sonst mehr bewegt hat, als jetzt? Ich finde den Ausdruck nicht wirklich rund.

Und selbst wenn, sie kannte ihren Mann ja … nie tat er ihr den Gefallen sie zu schlagen, enttäuscht zu sein, oder wenigstens zu schreien. Das wäre auch etwas, lebendig wäre es und echt, ein Ersatz für seine vergangenen Avancen.
Schläge wären für sie ein guter Ersatz für die vergangenen Avancen, wo er sie noch verführen konnte? Ist sie schon so gefühlstot, dass sie von ihm verletzt / körperlich angegangen werden will? Also bitte ... finde ich etwas heftig. So verzweifelt und innerlich tot ist sie vorher im Text aber nicht rübergekommen.

„Schmeckt der Kaffee nicht?“[KOMMA] fragte sie ihr Mann.

„Nein, ich bin nur etwas müde“[KOMMA] antwortete sie.

„Wo sind eigentlich die Bleistifte?“[KOMMA] fragte er.

„In meinen Zimmer“[KOMMA] murmelte sie.

„Ich bring sie dir später[PUNKT]

Soweit mein Eindruck. Hoffe, es hilft Dir was.

Schönen Sonntag & Gruss
d-m

 
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Hallo @deserted-monkey

Ich habe mich gefragt, ob der Zettelschreiber vielleicht ihr Mann ist, aber dafür gibt's imo keine Hinweise oder ich habe was überlesen.

Doch, doch. Exakt so war es gemeint, deswegen die Frage nach den Bleistiften. Um das als Vermutung aufkommen zu lassen, habe ich am Anfang extra erwähnt, dass die Nachrichten mit Bleistift geschrieben sind. Allerdings soll das im Zustand der Vermutung bleiben, denn der Text heißt ja "der Unbekannte".

Deswegen auch die klicheehafte Schilderung des Mannes, er ist ja gar nicht so, wie sie glaubt, wenn er ihr die Nachrichten schreibt. Er, der Mann ist der Unbekannte. Er ist ihr unbekannt, sie schätzt ihn vollkommen falsch ein. Das klichee Bild ist in ihrem Kopf und entspricht nicht der Wirklichkeit.

Könntest Du mMn streichen. Das ist so Foreshadowing auf etwas, dass dann doch nicht passiert. Das braucht es nicht, oder hat das irgendeine Funktion?

Es passiert ja im Grunde doch. Wie eben jeden Tag, ist der Unbekannte (ihr Mann) die ganze Zeit da. Sie versucht etwas zu bekommen, dass sie längst hat, aber nicht wahrnimmt.

Schläge wären für sie ein guter Ersatz für die vergangenen Avancen, wo er sie noch verführen konnte? Ist sie schon so gefühlstot, dass sie von ihm verletzt / körperlich angegangen werden will? Also bitte ... finde ich etwas heftig. So verzweifelt und innerlich tot ist sie vorher im Text aber nicht rübergekommen.

Ja, da hast du recht, da bin ich ein bischen über das Ziel hinausgeschossen. :D
Ich streiche die Schläge, sobald mir etwas passendes, milderes eingefallen ist.

Mich würde interessieren, wie ist es denn zu diesem Zettelschreiben gekommen? Hat sie da einfach eines Abends einen Zettel hingeklebt und gehofft, das liest jemand?

Das Problem ist ja zu lösen, wenn der Unbekannte (ihr Mann) angefangen hat und sie aufforderte mitzumachen.

Was soll die "rasche Beweglichkeit" aussagen? Das er mal gut im Bett war? Oder sich einfach sonst mehr bewegt hat, als jetzt? Ich finde den Ausdruck nicht wirklich rund.

Die rasche Beweglichkeit greift Metaphorisch den Part hier auf;

Er erweckte täglich ein Stückchen mehr den Eindruck, als versuche er, wie ein armseliges Häufchen Elend, durch eine graue, feste Masse in den Tag zu schwimmen, langsam, träge und traurig.

Die folgenden Fehler bessere ich aus, vielen Dank für dein aufmerksames Auge. :)

Hoffe, es hilft Dir was.

Tja, ich habe in meinem Leben höchsten eine handvoll Kurzgeschichten geschrieben und das meiste davon ist eher Kurzprosa. Ich schrieb bisher eigentlich nur Gedichte und Aphorisem. Da weiß ich, was ich machen muss, weiß ich, wie ich strukturiere, andeute und in welchem Stil ich schreiben muss. Hier bin ich blutiger Anfänger. Also ja, dein Kommentar hilft mir sehr. Vorallem, da mir langsam klar wird, dass ich wohl offensichtlicher andeuten muss, wo ich hinwill. Es versteht sich ja offenbar nicht von alleine.

LG
Patrick

 
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Moin @Nadir,

danke für diese Geschichte.

Tatsächlich dachte ich mir so ca. ab dem dritten Absatz, dass es doch interessant wäre, wenn es sich bei ihrem heimlichen Zettelschreiber um den eigenen, auf den ersten und zweiten Blick antriebslos gewordenen Ehemann handeln würde.
Ich hab das Ende also indirekt kommen sehen …

Alles, was nun folgt, stellt bloß meine eigene, individuelle Meinung da und soll nicht heißen, dass ich es besser weiß. Nimm Dir, was Du gebrauchen kannst:

Leider packt mich die Erzählung, so wie Du sie bisher erzählst, nicht wirklich. Sie nimmt mich nicht mit, was zu großen Teilen an der Distanz zur Prota und der beschreibenden Erzählstimme liegt.

Ich finde, Du könntest mehr aus der Story herausholen, wenn Du sie ein wenig größer, lebendiger machen und ausbauen würdest. Mehr Szenen, weniger Show don’t tell:

Ein Spiel, dass sie bereit war mitzuspielen, denn es langweilte sie alles, ihr Leben, der Gleichschritt, ihr Mann.
Zeig uns das doch, anstatt es "nur" zu behaupten. Nimm uns mit, durch einen für Deine Prota absolut frustrierenden Montag, einer Tretmühle aus gefühlter Eintönigkeit und den mittlerweile für sie so verhassten Eigenheiten ihres Mannes. Lass uns mit ihr mitfühlen, bis wir denken: Ja, sie muss da raus, diese Ehe ist absolut am Ende. Hoffentlich kommt sie mit dem geheimnisvollen Zettelschreiber zusammen!

Und wenn es dazu kam, dass sie redeten, behandelte er sie wie eine Frage, die für einen Juristen gedacht war, wie eine Art Problem, das einer Lösung bedarf.
Hier ebenso. Gerne hätte ich einen geschliffenen Dialog von Dir gelesen, der meine Frage klärt, wie es klingt, wenn jemand eine(n) andere(n) wie eine Frage behandelt, die für einen Juristen gedacht war.

Und ich habe mich die ganze Zeit gefragt: Was genau schreiben sich die beiden denn? Darauf gehst Du nicht weiter ein. Auch das mögliche Logikloch, dass sie gegenseitig die Handschrift des anderen nicht erkennen (sie sind immerhin seit 17 Jahren verheiratet), könntest Du bei Interesse noch stopfen. Und was passiert mit den Zetteln, wenn es mal regnet?
Auf den Ehemann gehst Du bis auf die von ihr empfundene Tristesse nicht weiter ein, obwohl er ja eigentlich 50% der Geschichte ausmacht. Das finde ich schade, denn mMn verschenkst Du hier Potenzial.

Ich denke, durch ein Ausbauen der Story schaffst Du viel Raum für mehr, kannst beiden Figuren zusätzliches Leben einhauchen und der Geschichte insgesamt mehr Tiefe geben, ganz egal, in was für einem Genre wir uns am Ende befinden.

Noch drei Kleinigkeiten:

Aber bald würde er das …
Kannst Du mMn streichen, es teasert ein spezielles Ende an, was an dieser Stelle unnötig ist.

Und selbst wenn, sie kannte ihren Mann ja … nie tat er ihr den Gefallen sie zu schlagen, enttäuscht zu sein, oder wenigstens zu schreien.
Das fett markierte hat mich ein wenig straucheln lassen. Wenn Du im Verlauf der Geschichte noch darauf eingehen würdest, dass sie eigentlich S/M im Schlafzimmer bevorzugt, das jedoch nichts für ihn ist und dieser Konflikt vielleicht schon seit Jahren zwischen den beiden schwelt, wäre das was anderes.
So kommt es ein bisschen aus dem Nichts und wirkt seltsam deplatziert (auf mich).

Dialog hast du bloß im letzten Absatz, allerdings würde ich da mit Zeilenwechsel arbeiten, um stärker herauszustellen, wer gerade spricht:

„Schmeckt der Kaffee nicht?“, fragte sie ihr Mann.
Sie rührte lustlos in ihrer Tasse. „Es ist doch derselbe wie immer“
Er sah sie an.
Das war es ja, der Idiot. Es ist alles wie immer. Als sie heute morgen mit klopfendem Herzen nach einer Nachricht sehen wollte, starrte sie nur die blanke und eiserne Wand des Briefkastens an. Sie war naiv und hätte es wissen müssen. Sie sammelte sich, schwieg zuerst. Ja, sie hätte es wissen müssen. Es gibt keinen Ausweg, kein Exit. Der Unbekannte war ein Verrückter und sie hatte ihn verschreckt. „Nein, ich bin nur etwas müde“, antwortete sie.
„Aha". Ihr Mann goss sich eine zweite Tasse Kaffee ein und schüttete Zucker nach.
Sie schwiegen.
„Wo sind eigentlich die Bleistifte?“ fragte er. „Ich habe sie heute gesucht.“
„In meinen Zimmer“, murmelte sie. „Ich bring sie dir später." Natürlich würde sie ihm seine blöden Stifte bringen, damit er seine Paragraphen kritzeln konnte, was auch sonst. Wie immer würde sie machen, was er sagt. Als ob das jetzt noch zählen würde ...

Soviel zu meinen Gedanken,

gerne gelesen,
beste Grüße
Seth

 

Hallo @Seth Gecko

Ich muss sagen, du überzeugst mich! Ja, ich weiß genau was mein Problem ist. Nach neun Jahren Lyrik schreiben und Aphorismen, hat sich bei mir der Automatismus eingestellt, zu verdichten wäre immer gut und der einzige Weg. Ich bemerke jetzt schon, dass ich Kurzgeschichten so nicht weiterkommen werde.

Ich mach mal folgendes; ich benutze diese Geschichte als Prüfstein. Sie eignet sich dazu, denn viel falsch machen kann ich nicht. Die Idee ist nichts besonderes, gibt aber Raum mich an Dialogen und "show" zu üben. Deswegen habe ich bisher auch nur Fehler ausgebessert und nichts weiter. Vielleicht nehme ich die Geschichte ganz raus, überarbeite und gucke dann mal, was am Ende dabei herauskommt. Sie muss auf jeden Fall von Grund aus umgekrempelt werden.

Also ich nehme folgendes schonmal mit;

1: offensichtlicher werden und nicht immer bloß andeuten. Sonst erkennt der Leser nicht, worum es dir geht.

2: Weniger verdichten, mehr ausarbeiten. Das bedeutet auch, sich länger Zeit zu lassen und nicht imme alles in einem Rutsch niederzuschreiben.


Ich bin allerdings noch nicht ganz sicher, ob dieser typische Kurzgeschichten-Weg wirklich der meine wird. Ich habe nochmal ein Experiment eingestellt und schau mal, ob das Rückmeldungen bekommt. So kann ich von vorneherein feststellen, was funktioniert und was nicht.

Ihr helft mir wirklich sehr. Ich danke euch :)

 

Hallo @Nadir,

ich bin gut durch die Geschichte gekommen, war ein angenehmer Lesefluss. Ab und an bin ich allerdings etwas gestolpert. Gerade bei der wörtlichen Rede ist die Formatierung manchmal noch verbesserungsfähig. Gebe da gleich ein paar Beispiele, damit du weißt, weshalb ich diesen Eindruck hatte. Ansonsten war mir der Text ein wenig zu komprimiert. Du erzählst von einer Frau, die sich in ihrer Beziehung mit ihrem Mann, einem Anwalt, langweilt und der jegliche Begeisterung abhanden gekommen ist. So lässt sie sich auf ein mysteriöses Briefkastenspiel ein und hofft so, dass etwas Neues in ihrem Leben passiert. Später stellt sich heraus, dass der mysteriöse Briefpartner ihr Mann ist oder zumindest habe ich das so heraus gelesen, weil er nach den Bleistiften fragt. Mich hat hier etwas gewundert, dass er nicht angesprochen hat, dass sie ihn als "unbekannten Mann" zu sich eingeladen hat. Möglicherweise hängt das aber auch damit zusammen, dass die beiden wirklich gar keine kommunikative Ebene haben, die über den alltäglichen Smalltalk hinausgeht.
Ich gehe im Detail auf meinen Eindruck ein:

Eine kleine, schwache Lampe warf ihr Licht auf den Briefkasten, auf dem ein gerader, geschnittener Papierfetzen klebte.
Das Bild mit der Lampe gefällt mir, da entsteht sofort ein visueller Eindruck. Schöne Sache. Bei dem "gerade, geschnittenen Papierfetzen" bin ich allerdings etwas gestolpert: Müsste das nicht eher ein Papierstreifen sein? Inwiefern kann ein Papierfetzen gerade geschnitten sein?

Es war ein Spiel, dass unerwartet vor einem halben Jahr begonnen hat. Ein Spiel, dass sie bereit war mitzuspielen, denn es langweilte sie alles, ihr Leben, der Gleichschritt, ihr Mann. Mit diesen Nachrichten, die sie morgens heimlich, wenn er noch schlief in Empfang nahm und denen sie, wenn er schon zu Bett war, ebenso heimlich antwortete, war ein altes, vergessenes Gefühl in ihr Leben zurückgekommen.
Das ist für mich der Kern deiner Geschichte und ich hätte mir gewünscht, dass du das hier nicht nur behauptet hättest, sondern mich als Leser mit in dieses Spiel mitgenommen hättest. Will sagen: Ich hätte mir Szenen gewünscht, die diese Emotionen, dieses Mysteriöse erlebbarer machen.

die er in den letzend Jahren angesammelt hatte.
Kleinigkeit: letzten.

Ein fremder Mann in der Wohnung war sicher mehr als eine Rechtsfrage, mehr als ein Paragraph.
Das hat mir gut gefallen, weil es sehr schön zeigt, wie die Frau über ihren Mann denkt und wie resigniert sie eben auch ist. Ja, das konnte ich gut nehmen.

ielleicht würde ihr Mann ja einen Tobsuchtanfall kriegen und vielleicht lockte sie etwas aus ihm hervor, diese alte, verschüttete Begierde, die früher so dominant war und das Feuer in seinen Augen, die rasche Beweglichkeit. Sie würde es jedenfalls darauf ankommen lassen, den nächsten Schritt machen, sie würde mit der Gefahr spielen.
Mir war nicht ganz klar, ob das erlebte Rede ist oder ob sich nicht doch der Autor dahinter verbirgt? So richtig hatte ich nicht das Gefühl, im Kopf der Figur zu sein. Das liegt vor allem an dem Satz "Sie würde es jedenfalls darauf ankommen lassen". Ich hatte hier den Eindruck, dass es zu distanziert, zu sachlich formuliert ist, um direkt aus ihrem Kopf zu kommen.

Sie rührte lustlos in ihrer Tasse. „Es ist doch derselbe wie immer“ Er sah sie an.
„Wo sind eigentlich die Bleistifte?“ fragte er. „Ich habe sie heute gesucht.“ „In meinen Zimmer“,
Bei Sprecherwechsel einen neuen Absatz machen. Das meinte ich weiter oben mit der Formatierung, bin ich etwas drüber gestolpert.

Wie immer würde sie machen, was er sagt.
Müsste es hier nicht "sagte" heißen wegen der erlebten Rede? Ich war mir nicht ganz sicher.

Insgesamt habe ich das nicht ungern gelesen, war ein guter Lesefluss und ich sehe Potential. Wäre vor allem sehr gespannt, wie sich der Text mit ausformulierten Szenen entwickeln würde. So viel erst einmal zu meinem Leseeindruck und viel Spaß hier im Forum.

Beste Grüße
MRG

 
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Ein fremder Mann in der Wohnung war sicher mehr als eine Rechtsfrage, mehr als ein Paragraph.

Die kaufmännische Welt hat – wahrscheinlich in Norditalien – für Dinge, die sich abnutzen oder abgenutzt werden, die „Afa“ erfunden, wohinter sich die „Abschreibung für Abnutzung“ verbirgt und sagen wir mal, ein PC hält – je nach Qualität – drei, fünf oder acht Jahre und hätte damit eine Abnutzung pro Jahr von 33, 20 oder 12,5 % jährlich (dergleichen ist vor allem gegenüber dem Finanzamt wichtig) und wie das Leben selbst können Bündnisse vor der Zeit zerfallen, dass selbst die Ehe (entstanden aus dem westgermanistischen Wort für Gesetz und Recht, aber auch das göttliche Gebot und der schlichte Vertrag, nämlich ahd. ewa, ewif (ahd., ab ca. 800), mhd. e(we)- wobei der Gleichklang mit „ewig“ eher zufällig ist bei einer juristischen Einrichtung, die auf ziemlich lange Zeit ausgelegt zum großen Teil noch heute auch religiös abgesichert wird – ohne dass es „funktionieren“ oder „halten“ muss/kann, wiewohl es soll – was wiederum sehr nach den zehn Geboten klingt, die nun wiederum nicht ein „muss“ oder „darfst“ sondern ein „sollen“ verwenden, weil sich bestimmte Dinge nicht vermeiden lassen (mit einem konsequent durchgesetzten „Du darfst nicht töten“ wäre das Problem des Fleischkonsums formal gelöst …) Kurz:
Es hat eine gewisse Logik, dass der immer gleiche Alltag zu einem beschleunigten Verfall führt …

Aber zum Text –

und damit herzlich willkommen hierorts,

@Nadir,

bei dem besonders der Umgang mit dem Konjunktiv auffällt

Sie strich vorsichtig über die Worte, die mit einem Bleistift geschrieben waren, als seien sie fragil und könnten bei der ersten Berührung zerbrechen, dann …
da wird unzulässig Konj I (indirekte Rede, „seien“) mit dem Konj. II, „könnten“ vermengt, wodurch beides in den Konjunktiv irrealis oder potentialis, also Konj. II rutscht

die mit einem Bleistift geschrieben waren, als wären sie fragil und könnten bei der ersten Berührung zerbrechen,

Und warum schnappt hier die Gezeitenfalle (würde/eigentlich: wird vs. „war“?)
Gegen Mitternacht würde sie selbst ein Papier an den Briefkasten kleben, so war es ihr Ritual.
Der Konj. in einem Meer des Indikatives? Besser
„Gegen Mitternacht wird sie selbst …, so ist es ihr Ritual.

Und in dem Satzgemenge

Sie würde wissen, dass es gelesen wird und dass sie am nächsten Morgen eine Antwort erhalten würde. Es war ein Spiel, dass unerwartet vor einem halben Jahr begonnen hat.
Ist so gut wie alles aus dem Ruder gelaufen „würde“, „wird“ … „war“ … „begonnen hat“,
wenn sie doch weiß, dass es gelesen wird und am nächsten Tag die Antwort erhalten wird (ließe sich sogar dank des „nächsten Tages“ weiter reduzieren, „dass sie am nächsten Morgen eine Antwort erhalten wird“ bzw. „erhält“ (dank des „nächsten Morgens“)

Mal ne kleine Entspannung, spielt vllt. unter der Schädeldecke ein "verletzend" eine Rolle

Wenn er morgens müde aus dem Bett stieg und in die Küche kam, um sich einen Kaffee zu kochen, hörte sie beinahe den Staub aus seinen Falten rieseln, die er in den letzend Jahren angesammelt hatte.

Er erweckte täglich ein Stückchen mehr den Eindruck, als versuch[t]e er, wie ein …
hier würd ich nicht mal das „würde“ empfehlen, um dem geneigten, aber dann eher ahnungslosen Leser den Konjunktiv II (identisch mit dem Prät.) aufzudrängen
armseliges Häufchen Elend, durch eine graue, feste Masse in den Tag zu schwimmen, langsam, träge und traurig.

Vielleicht würde ihr Mann ja einen Tobsuchtanfall kriegen und vielleicht lockte sie etwas aus ihm hervor, diese alte, verschüttete Begierde, die früher so dominant warKOMMA und das Feuer in seinen Augen, die rasche Beweglichkeit.

Und selbst wenn, sie kannte ihren Mann ja … nie tat er ihr den GefallenKOMMA sie zu schlagen, enttäuscht zu seinKOMMA, WEG oder wenigstens zu schreien.

Das er nicht seine Bücher aufschlug, wenn sie „stritten“KOMMA kam einem Wunder gleich.

„Es ist doch derselbe wie immerPUNKT“ Er sah sie an.

Das war es ja, der Idiot.1
Da wäre ich vorsichtig ...

Wird schon werden, meint der

Friedel

1
zu idiṓtēsgriech griechisch (ἰδιώτης) ‘Privatperson, einer aus dem Volk, der einfache, ungelehrte Mann, Laie’ < idiṓtēsgriech (ἰδιώτης) ‘privat, ungelehrt, laienhaft’ < ídiosgriech (ἴδιος) ‘abgesondert, eigen, eigentümlich, privat’
zitiert heute nach https://www.dwds.de/wb/Idiot

Nachtrag 18:08
Jetzt hätt ich das Auffälligste noch glatt vergessen:
Warum das KOmma in der Überschrift?

 

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