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Der Wanderer

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21.08.2021
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Der Wanderer

Am Horizont leuchtet ein Licht. Sein Schein kämpft sich durch die dichten Nebelschwaden, treibt sie zur Seite. Es ist wie ein Leuchtfeuer für verlorene Seelen, die Erlösung suchen, sie wandern ziellos durch die endlose Weite und suchen etwas, von dem sie nicht einmal selbst wissen, was es ist.
Eine dieser verlorenen Seelen ist der Wanderer. Er irrt schon sein ganzes Leben durch das Nichts, dem Licht entgegen, auch wenn er ihm niemals näherkommt.
Der Wanderer ist stumm. Nur seine Schritte brechen mit der Stille. Sie sind gleichmäßig, wie ein Mantra, folgen ihm, wohin er auch geht.
Der Wanderer ist allein. Bei sich trägt er nur den Stab mit der Laterne. Die Laterne schwingt an einer eisernen Kette hin und her, immer wenn er den Stab nach vorne setzt.
Man kann sich fragen, ob der Stab wohl Last oder Stütze ist. Um das zu erfahren, müssten man ihm den Stab nehmen. Doch wer wäre so herzlos dem Armen sein einziges Gut zu rauben?
So geht der Wanderer immer weiter, er folgt dem Licht, denn es ist das Einzige, was er sieht. Der Rest um ihn ist schwarz.
Er spürt, wie der Nebel ihm über die Haut streicht, er streichelt ihn wie einen lieb gewonnen Hund.
Ob es wohl noch andere Wanderer gibt? Wo sind sie?
Dort vorne kommt etwas. Der Wanderer geht weiter, Schritt für Schritt.
Vor ihm steht jetzt der Tod. Der Schädel unter der schwarzen Robe grinst. Er kann ja auch nicht anders.
Der Tod streckt seine Sense aus, gebietet dem Wanderer innezuhalten. Dieser fügt sich, bleibt stehen.
Seine Zeit ist gekommen, der Tod soll ihn holen.
Schweigen.
Wo er hin will.
Schweigen.
Warum er schweigt.
Stille.
Der Tod schüttelt betroffen den Kopf.
Der Wanderer steht weiter da, die Laterne an der Kette schwingt leicht.
Der Wanderer ist nicht bereit.
Der Tod geht fort, lässt den Wanderer zurück. Der ist noch immer stumm, sieht ihm nach, sehnsüchtig. Dann geht er weiter, sein Mantra setzt sich fort.
Was ist seine Aufgabe, fragt man.
Wir wissen es nicht, er ist schon immer so gegangen. Er geht immer weiter, wird wahrscheinlich noch lange Zeit gehen und nach dem greifen, was er nicht erreichen kann.
Was, wenn er das Licht erreicht?
Wird er nicht. Es ist so fern wie es immer war.
Aber was, wenn doch?
Wir wissen es nicht, sagt der eine. Der andere sagt, dann wird er erlöst. Doch sind sie alle ahnungslos.
Der Wanderer ist stetig, ein Wesen des Kampfes gegen die Veränderung. Er will gehen, hoffen, doch will sein Ziel nicht erreichen, er will es vor sich sehen, unendlich fern.

Der Wanderer geht noch immer. Das Licht ist jetzt nahe, er kommt immer näher. Es steht im Nichts, einfach so. Fast ist er da, es scheint greifbar. Er streckt den Arm aus, tastet nach dem Licht.
Es verblasst.
War es jemals da?
Der Wanderer verändert sich zum ersten Mal, seine Schultern sacken nach unten, nur ein bisschen. Eine schwarze Träne fällt zu Boden, im Dunkel ist sie unsichtbar, verschwindet im Meer der Tränen. Der Wanderer geht zu Boden, kraftlos kniet er da, die Laterne gleitet ihm aus der Hand. Sie macht kein Geräusch wie sie auf dem Grund aufkommt. Sie erlischt, ertrunken in der Tiefe.
Es ist vorbei.
Der Wanderer hat sein Ziel erreicht, doch ist er ihm ferner als jemals zuvor. Er möchte aufgeben, er ruft ihn zu sich. Seine Zeit ist gekommen.
Eine knöcherne Hand ergreift die seine, hebt ihn hoch.
Nun sieht er, dass sein Kampf sinnlos war, er hat sich vergessen, hat sich verraten, sich nicht um sein eigenes Licht gekümmert. Jetzt ist es vergangen.
Der Wanderer wirft einen letzten Blick in das Nichts, bevor er geht. In der Ferne brennt ein Licht. Daneben ein weiteres und noch eines, immer mehr Lichter sieht er, jetzt wo ihn sein eigenes nicht mehr blendet.

Der Tod geht allein davon.
Der Wanderer braucht seinen Stab nicht mehr, er sieht unendlich viele Lichter.
Es sind die Lichter seiner Brüder.

 
Monster-WG
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Hola @Karabastus,

in Deinem Profil lese ich:

Oft fallen anderen Menschen, die Geschichten lesen, sehr offensichtliche Unstimmigkeiten und Fehler auf. Daher höre ich gerne die scharfe Kritik Dritter an meinen Geschichten.

Das klingt vernünftig und lebensnah – hingegen wirkt Dein Text auf mich wie das krasse Gegenteil. Trotzdem wird‘s nichts mit der scharfen Kritik – wozu auch? Ich kann nur sagen, dass nicht nur Wanderer und offensichtlich Autor, sondern auch ich als Leser total im Dunkeln tappen.
Der Text will viel hermachen mit großem Gedöns, ist sogar getaggt mit ‚Philosophisches‘, jedoch sagt er mir gar nichts. Untote auf der Wanderschaft. Auf mich wirkt er wie Gefasel, ein Kreisverkehr von Dunkelheit und Lichtern, von Nebel und Laternen. Fürchterlich.
‚Fantasy‘ soll wohl Freibrief sein für alles Mögliche, wir sind jedoch bei ‚Kurzgeschichten‘ und da braucht es Struktur, einen Plan, eine Handlung.
Das Kind fällt mir ein, das auf den nackten König zeigt und ruft: „Aber er hat doch gar nichts an!“
Schade, besonders deshalb, weil Du schreiben kannst.
Da würde ich mir doch mal die Mühe machen, eine passable Kurzgeschichte mit einem erkennbaren Plot zu kreieren.
Na, vielleicht beim nächsten Mal. Schöne Grüße!

José

 
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Hallo @Karabastus,

ich schließe mich @josefelipes Meinung an. Das ist keine Kurzgeschichte. Was es ist? Ich bin nicht sicher, vielleicht so eine Art Gleichnis? Aber auch das nicht so 100%ig. Am ehesten erinnert es mich an ein überdimensioniertes Gedicht. Also Fantasy ist es jedenfalls definitiv nicht. Mein Rat wäre, überlege genau, was du mit diesem Text eigentlich sagen willst (also ich vermute irgendwie es soll eine Allegorie aufs Leben sein oder so, bin aber absolut nicht sicher) und dann mach eine konkrete Geschichte draus (nun ist es aber so, dass eigentlich alle Geschichten über das Leben sind, und du dann schon noch überlegen müsstest, was genau über das Leben will ich eigentlich sagen). Gib dem Wanderer einen Namen (wenigstens für dich) und vor allem eine Persönlichkeit, fülle ihn, denn momentan ist er gaaaanz leeeer. Oder mach ein richtiges Gedicht daraus, das erscheint mir persönlich hier am naheliegensten. Mit Gedichten bist du dann aber hier im Forum ganz falsch, aber es gibt sicher auch Lyrik-Foren in den Weiten des Internets.

Trotz aller Kritik: Herzlich willkommen hier im Forum und
viele Grüße
Katta

 
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21.08.2021
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Hallo @josefelipe,

also das ist auf jeden Fall eine harte Zurechtweisung.
Das, was Du als "im Dunkeln tappen" beschreibst, ist durchaus so gewollt. Ich persönlich finde Erzählungen die eine ganz klare Struktur haben, keinen Interpretationsspielraum zulassen im Regelfall langweilig. Daher schreibe ich so, dass der Leser erstmal dasitzt und sich fragt, was er da gerade gelesen hat. Der Begriff, der es für mich am ehesten beschreibt, wäre "mysteriös". Ich kann aber verstehen, wenn Du mit all dem nichts anfangen kannst, die Zielgruppe mag bei den meisten meiner Texte recht überschaubar sein.
Der Plot. Kann man so oder so sehen. Ich finde schon, dass es hier einen gibt, Du findest nicht. Ich denke das ist Ansichtssache.
Das mit den Tags ist so eine Sache. Ich habe echt lang überlegt, aber die Auswahl ist sehr begrenzt und ich habe keine Tags finden können, die besser passen.

Was das Thema "Kurzgeschichte" angeht, ist, so denke ich, der Begriff recht weit gesteckt. Wenn ich den Begriff bei Google eingebe und ein wenig herumschaue, erhalte ich vor allem eines als klares Merkmal: die Kürze.

Trotzdem danke für deinen Kommentar
Kara

Hallo @Katta,

auf einige Deiner Punkte bin ich schon im vorherigen Kommentar eingegangen, der Einfachheit halber werde ich diese nicht wiederholen.

So weit ich weiß, kann man Gleichnisse durchaus auch unter dem Begriff Kurzgeschichten fassen.
Ja, Fantasy, ich weiß, wie gesagt, hab nichts besseres gefunden.
Du meinst ich solle eine konkrete Geschichte daraus machen und dem Wanderer einen Namen geben, ihn als Charakter formen, dass er leer sei. Der entscheidende Punkt ist, dass das genau so gewollt ist. Er soll kein Profil haben, die Geschichte soll schwer greifbar sein. Auch hier der Verweis, die Zielgruppe meiner Texte ist wahrscheinlich recht klein, vielleicht gehörst Du auch einfach nicht zu den Menschen, die damit etwas anfangen können.

Danke für deine Meinung
Kara

 
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Der Wanderer ist stumm. Nur seine Schritte brechen mit der Stille.

»Einsam stand ich und sah in die afrikanischen dürren
Ebnen hinaus; vom Olymp regnete Feuer herab.
Fernhin schlich das hagre Gebirg, wie ein wandelnd Gerippe,
Hohl und einsam und kahl blickt' aus der Höhe sein Haupt.

...«


beginnt Hölderlins Wanderer, der seiner Natur gemäß eine andere Dimension hat als Dein Wanderer,

lieber Karabastus,

und das vorweg: Dein kleiner Text ist eine Geschichte, schon allein weil das Wort ein substantiviertes Partizip des Verbes „geschehen“ ist und selbst, wenn Du nur von der bloßen Bewegung erzähltest, geschähe da mehr, als wenn einer sich hinsetzte und dächte – und selbst der Denkvorgang ist ein Geschehen – man lese das letzte Kapitel des Ulysses, wenn Molly Bloom im Bett liegend 14 Seiten lang ohne Punkt und Komma träumt, was der Bloomsday denn da so gebracht habe.

Natürlich sind Hölderlin und Joyce ganz andere Dimensionen und liefern gleich eine ganze Welt mit, aber was nicht ist, kann ja noch werden, denn vom Hocker gehauen hat mich Deine Wanderung/der Wanderer nicht – muss er ja auch nicht, ich bin halt nicht das Maß aller Dinge und schon gar kein Maßstab – aber was mir zunächst auffällt, ist ein Glaube, der sich direkt zu Anfang äußert, wenn es heißt

Am Horizont leuchtet ein Licht. Sein Schein kämpft sich durch die dichten Nebelschwaden, treibt sie zur Seite
und bei mir sofort das Spiel mit dem vieldeutigen „scheinen“ auslöst, denn in meinem bisherigen Leben hab ich noch nie erlebt, dass Lichtteilchen oder -wellen trotz höchster Geschwindigkeit Nebel besiegte, der entweder vom Winde verweht oder schlicht und einfach durch Einstrahlung verdampfte. Da übertreibstu mächtig – aber, das darf schöne Literatur, soll und muss es z. B. auch (was wäre eine Satire für eine langweilige Angelegenheit, könnte sie keinen Lacher erzeugen!) - wir sind ja auch hier nicht in einem naturwissenschaftlichen Seminar.

Aber schon hier

Es ist wie ein Leuchtfeuer für verlorene Seelen, die Erlösung suchen, …
ist die Überhöhung des Wanderns als die Wanderung durch (s)ein Leben.

Aber warum betonstu hier

Bei sich trägt er nur den Stab mit der Laterne.
Das „sich“ – welchen Mehrwert hat dieses Pronomen, wenn ein „er“ allein ist, niemand ihm – jedenfalls bis jetzt – den Stab streitig macht? Weg mit dem „bei sich“, er trägt halt Stab und Laterne, denn die Kunst von Dichtung ist die Verknappung – da ist Poesie wie Kurzgeschichte, beide vertragen keinen Ballast. Und auch Floskeln wie
Man kann sich fragen, …
sind entbehrlich, denn wer soll dieses allgemeinste unter allen Indefintipronomen sein? Wenn „man sagt“ verallgmeinert (Volksmund oder wer), so auch Fragen. Und wieder dieser „man“, diesmal aber versehentlich, wie ich meine, pluralistisch

… ob der Stab wohl Last oder Stütze ist. Um das zu erfahren, müssten man ihm den Stab nehmen. Doch wer wäre so herzlosKOMMA dem Armen sein einziges Gut zu rauben?

Und wieder die Verallgemeinerung

Was ist seine Aufgabe, fragt man.
...

Wir wissen es nicht, sagt der eine.


Und dann geschieht es – da bricht Satire mit allem heiligen Ernst bei mir durch (da wirstu Dich dran gewöhnen [müssen]):

Der Wanderer ist stetig, ein Wesen des Kampfes gegen die Veränderung.
Jetzt wissen wir’s: Es ist der konservative Wähler, obwohl doch Fußgänger wie der Wanderer eher für Veränderungen stehen sollten und die Dichtung kippt ins Kitschige – denn was soll eine Laterne auch machen

Sie macht kein Geräusch wie sie auf dem Grund aufkommt. Sie erlischt, ertrunken in der Tiefe.
Die Laterne wohlgemerkt!
Da ist der Rest: Schweigen!

Nix für ungut

Friedel

 

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