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  • Macht bis zum 15.08.2020 mit bei der ersten jährlichen Sommer-Challenge für Kindergeschichten: Zielgruppe Krümel.

Die Bibliothek

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13.04.2003
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Die Bibliothek

1

In der Wahl seiner Feinde kann man gar nicht vorsichtig genug sein.
Oscar Wilde (1854–1900)​

„Ich habe gerade die Durchsage gemacht, dass wir in fünf Minuten schließen. Du kannst schon mal nach oben gehen. Fang bei Ebene Fünf an und mach die Lampen und die Rechner aus. Natürlich nur, wenn niemand mehr da ist. Manche Studenten sind echt hartnäckig und ignorieren unsere Öffnungszeiten.“
.....Marc hörte seiner Arbeitskollegin leicht amüsiert zu. Er glaubte, es sei weniger auf die Ignoranz sondern eher auf Johannas leise, piepsige Fistelstimme zurück zu führen sei, dass einige Bibliotheksbesucher bei seinem abschließenden Rundgang noch versunken über ihren Büchern hockten. Auch ihm war das schon passiert.
.....„Ist gut, Johanna. Ich werde sie schon vertreiben.“
.....„Ich verlasse mich auf dich, Süßer.“ Sie sah ihn mit großen Augen an und schien im selben Moment zu erschrecken, als sie es ausgesprochen hatte. Sie brachte ein verlegenes Grinsen zustande, das deutlich besagte: Verschwinde endlich, siehst du nicht, wie peinlich mir das ist. Marc lächelte freundlich und machte sich auf den Weg zum Treppenhaus. Er mochte sie und ihre vorschnelle, offene Art zu sagen, was sie denkt, bevor sie es überdenkt. Eine Eigenschaft, die ein Mädchen, das nach Gesellschaftsnorm viel zu übergewichtig ist, um als attraktiv zu gelten, besonders liebenswert macht.
.....Dann fragte er sich, wie sie es gemeint haben könnte. Vielleicht eine versteckte Andeutung auf seine Homosexualität. Wusste sie es? Er war sich nicht sicher.
.....Als Marc den fünften Stock erreichte, wandte er sich nach rechts und passierte die Toiletten. Ein kurzer Blick durch die Türen war ausreichend, da die Beleuchtung über einen Bewegungsmelder eingeschaltet wurde: Kein Licht – keine Besucher.
.....Dann betrat er den Bereich Geschichts- und Wirtschaftsliteratur durch die Glastüren, sah sich um und lauschte. Außer dem stetig zunehmenden Wind, der die ersten Tropfen eines herannahenden Sommergewitters gegen die Fenster warf, war nichts zu hören. Es schien sich niemand mehr auf dieser Ebene zu befinden, aber sie war viel zu groß und durch die unzähligen, hohen Bücheregale zu unübersichtlich, um sie mit einem einfachen Blick von den Türen aus zu kontrollieren. Er wandte sich zum linken Hauptgang, der an der westlichen Fensterfront entlang führte. Auch wenn, oder vielleicht gerade weil dies seine dritte Nachtschicht war, fühlte er sich ein wenig unbehaglich, fast klaustrophobisch. Die Hauptgänge waren relativ breit, aber die Gänge zwischen den mauergleichen Regalen waren so eng, dass zwei Menschen grundsätzlich Probleme bekamen, sich aneinander vorbei zu quetschen. Zudem standen in jedem Nebengang mindestens zwei Elefantenfüße – kleine runde Plastikschemel auf Rollen – die das Passieren nicht gerade erleichterten.

Den Namen der grauen Plastikschemel hatte Marc an seinem Einführungstag, vier Tage vor seiner ersten Nachtschicht, von Sybille Lohmann erfahren. Frau Lohmann war so etwas wie die Mutter der Bibliothek, obwohl Marc ihr Alter auf höchstens fünfunddreißig schätzte. Im Gegensatz zu seinem Chef hatte Marc sie bei fast jedem seiner Besuche der vergangenen Semester in der Bibliothek gesehen. Daher war er nicht überrascht, von ihr angelernt zu werden, wohl aber, sie wiedererkannt zu haben, denn sie sah – abgesehen von Marcs Eigenart, sich selten Gesichter von Frauen einzuprägen – relativ alltäglich aus. Ihr einziges Merkmal, im Gegensatz zu ihrer durchschnittlichen Größe, ihres durchschnittlichen Gewichts und ihrer überhaupt durchschnittlichen restlichen Erscheinung, war ihre altertümliche Hornbrille, die sie an einer Kette um den Hals trug, wie es eigentlich nur alte Frauen taten – also steinalte Frauen von über fünfzig Jahren. Bei keinem seiner Besuche hatte Marc jemals gesehen, dass Frau Lohmann diese Brille auch wirklich auf der Nase trug, sie baumelte ausschließlich vor ihren durchschnittlichen Brüsten.
.....Auch als sie am Tag seiner Einführung Marc freudig als neuen Kollegen begrüßte, hing die Brille dort, als sei sie ein im Personalausweis eingetragenes unveränderliches Kennzeichen. Sybille Lohmann begann die Trainingsphase mit einem langen Rundgang durch sämtliche Ebenen der Bibliothek, bei der sie Marc auf alle Pflichten der Bediensteten in der Tag- und Nachtschicht hinwies. Sie zeigte ihm den Bücherlift, der im Treppenhaus die einzelnen Etagen miteinander verband, die Route, die zum Abschluss der Nachtschicht abgegangen werden musste, wo und wie was zu finden sei, die Alarmpläne der einzelnen Stockwerke, den Bereich hinter dem Ausgabetresen und natürlich das Computersystem und die dazugehörige Software. Mit ihrem freundlich-mütterlichen Lächeln erzählte sie Marc von den erlaubten (Kaffeetrinken, Lesen, Essen) und nicht erlaubten (Rauchen, Musik hören, Spielen) Tätigkeiten während der Arbeitszeit.
.....In der Mittagspause aßen sie zusammen in der Mensa und rauchten danach im Foyer eine Zigarette. Für eine Frau ihres Alters fand Marc sie echt phat. Ähnlich wie er liebte sie Bücher und war an diesem Tag aufgedreht wie ein kleines Kind, weil sie ein altes Buch für ihre private Sammlung ergattert hatte.
.....Um halb Fünf beendete Sybille Lohmann den Lehrgang mit den Worten, er, Marc, habe seine Arbeit sehr gewissenhaft und richtig erledigt und sie werde ihn beruhigt für die Nachtschicht einteilen. Falls es Probleme, Unsicherheiten oder Fragen gebe, könne er sich an die mit ihm arbeitenden Kollegen und Kolleginnen wenden, in wichtigen Fällen natürlich auch an sie. Marc war froh, den Einführungstag mit Frau Lohmann gemacht zu haben und nicht mit seinem Chef, Dr. Lenniger.

Marc machte sich auf den Weg. Er ging recht zügig den Westgang entlang, den Kopf nach rechts in Richtung Regalreihen gewandt. Auf diese Weise konnte er die komplette Fläche bis zum mittleren Hauptgang kontrollieren, dummerweise nicht weiter, da die östlichen Regalreihen versetzt standen. Diese Art, die Stockwerke nach ignoranten Studenten zu durchsuchen, war zwar oberflächlich, aber ausreichend. Lange Schächte und Regalseiten wechselten sich schnell ab, als würde man in eine riesige Bildertrommel, ein Daedaleum blicken. Es hatte eine fast hypnotische Wirkung.
.....Je tiefer Marc in die fünfte Ebene vordrang, desto unbehaglicher fühlte er sich.
.....Es war das Gefühl, hier in dieser Stille nicht allein zu sein. Nein, dachte er, das ist es nicht. Er verlangsamte seine Schritte. Natürlich konnte noch immer in irgendeiner Ecke ein Student vertieft über seinen Büchern sitzen, aber er spürte etwas anderes.
.....Es war das Gefühl, beobachtet zu werden.

Marc blieb stehen, lauschte erneut und sah sich dabei um. Er war davon überzeugt, … jemand würde direkt hinter ihm lauern.
.....Nichts.
.....Natürlich nichts, dachte er und lächelte unsicher. Dann ging er weiter, allerdings langsamer als zuvor, und bog in den fensterlosen Nordgang ein. Der Wind erzeugte jetzt ein hohles, fast röchelndes Atemgeräusch hinter den Gittern der Luftschächte.
.....„Das muss es sein“, flüsterte er. Darum dachte ich, ich würde – was? Beobachtet? Verfolgt? Ach, Mist! Bleib cool, Marky Marcster, du bist echt ...
.....Das Licht ging aus. Mit weit aufgerissenen Augen und angehaltenem Atem blieb er schlagartig stehen. Unendlich lange Sekunden verstrichen. Er konnte sich nicht bewegen.
.....„Hallo?“, rief Marc mit leicht zitternder Stimme. Pause. Dann, mit etwas festerer Stimme: „Was soll der Blödsinn?“
.....Keine Antwort. Kein Geräusch.
.....Scheiße, dachte er, und da es offensichtlich nicht genug war, Scheiße, Scheiße, SCHEISSE! Schweiß bildete sich unter seinen Achseln. Ein Tropfen löste sich und wanderte wie der kalte Finger eines Toten seine Hüfte hinab.
.....Es ist ein Stromausfall, schoss es ihm durch den Kopf, natürlich. Alle Lichter sind gleichzeitig ausgegangen. Die Lampen müssen aber mit fünf zweireihig angebrachten Sicherungen abgeschaltet werden. Das kann eine Person allein kaum schaffen.
.....Mit dieser Einsicht löste sich Marc endlich aus seiner Starre. Er tastete sich vorsichtig in dem wenigen Licht, das durch die Fenster fiel, zum Mittelgang.
.....Etwas war falsch.
.....Marc fühlte es, konnte es aber nicht zu fassen bekommen. Er war zu sehr damit beschäftigt, die aufkommende Panik mit dem Gedanken an einen simplen Stromausfall zu unterdrücken.
.....Stromausfall.
.....Er war nur wenige Meter weit gekommen, als er es bemerkte. Wenn tatsächlich der Strom ausgefallen ist, warum scheint mitten in der Nacht Licht durch die Fenster? Die Außenbeleuchtung und die angrenzenden Bereiche der Uni scheinen noch Strom zu haben.
.....Marc blieb erneut stehen. Mittlerweile hatten sich seine Augen ein wenig an die Dunkelheit gewöhnt. Sein gesamtes Umfeld bestand nun aus einem Meer von schwarzen und dunkelgrauen Flächen, die keine konkreten Konturen bilden wollten. Gab es vielleicht eine Hauptsicherung für jedes Stockwerk, von der er nichts wusste? Das würde wenig Sinn machen, denn dann hätte man ihm bei der Einführung davon erzählt. Aber wenn es doch so wäre, würde er die Lösung eventuell in dem Sicherungskasten neben der Eingangstür finden.
.....Gerade wollte er vorsichtig weitergehen, als er im Augenwinkel am Ende des linken Seitengangs eine Bewegung am Boden wahrnahm. In den verfluchten Schatten der Regale konnte man kaum etwas erkennen. Alle grau-schwarzen Konturen schienen auf entsetzlich langsame Art ineinander zu fließen.
.....Dann hörte er ein schmatzendes Geräusch, als würde man einen großen, nassen Wäschehaufen über den Boden ziehen.
.....Es kam genau von dem Punkt, den er vergeblich versuchte, zu fokussieren.
.....Und es bewegte sich langsam auf ihn zu.

Marc rannte los, den Mittelgang entlang zum Treppenhaus. Er erreichte den Flur, sprintete weiter und stieß in der Hoffnung auf Licht eine der Toilettentüren im Vorbeilaufen auf, um nicht im Dunkeln die Treppe herunterzufallen. Aber die Lampen im vierten Stock funktionierten noch und reichten aus, das Treppenhaus halbwegs vernünftig zu beleuchten. Eine Etage tiefer blieb er stehen, stützte seine Hände auf die Oberschenkel und atmete tief durch. Dabei ließ er die nach oben führende Treppe nicht aus den Augen.
.....Nur für den Fall, dass sich das kriechende Ding auch für die Linguistikliteratur im Vierten interessieren könnte.
.....Bei dem Gedanken lachte er trotz seiner Angst leise auf. Schrecken, Adrenalin und Humor waren seit Menschengedenken gute Partner.
.....Nach einer halben Minute richtete er sich auf. Auf Ebene Fünf blieb es weiterhin still.
.....Was jetzt, dachte Marc, dessen Puls nun wieder regelmäßiger ging. Er könnte Johanna im Erdgeschoss Bescheid sagen und dann ...? Was sollte er ihr erzählen? Der Strom ist im fünften Stock ausgefallen. Und abgesehen davon, Johanna, befindet sich im dort etwas sehr viel Schlimmeres als Wirtschaftsliteratur, denn da lauerte ein feuchtes Wesen im Schatten, das auf mich zu gekrochen kam. Ist das üblich in Bibliotheken?
.....Marc konnte sich lebhaft vorstellen, was dann passieren würde. Sie würde einen Moment ernst dreinschauen, vielleicht sogar erschrocken, nur um dann laut loszulachen und mit Tränen in den Augen die Taste der Sprechanlage zu drücken: „Ok, Leute, der Gag hat funktioniert. Ihr könnt runterkommen. Marc ist hier bei mir und kreidebleich vor Angst.“
.....Ein paar seiner anderen Arbeitskollegen – einer von ihnen in eine nasse Decke gehüllt – würden lachend aus dem Treppenhaus kommen und sich gemeinsam darüber freuen, wieviel Schiss der Neuling bei seiner Bibliothekarstaufe gehabt hatte.
.....Der schwule Neuling.
.....Das macht es gleich doppelt so witzig. Was für ein Spaß.
.....Nein. Was für ein Mist, dachte Marc. Seine Angst ging allmählich in Wut über. Er hatte nicht vor, sie in irgendwelchen Klischeevorstellungen zu bekräftigen.
.....Er vergewisserte sich ein letztes Mal, dass außer dem Wind nichts zu hören und außer dem einsetzenden Wetterleuchten nichts zu sehen war, dann setze er seinen Rundgang auf Ebene Vier fort.
.....Allerdings summte er ab jetzt immer wieder leise ‚Clint Eastwood‘ von den Gorillaz vor sich hin, blickte nach jeder Etage, die er kontrolliert hatte, vorsichtig durch die offenen Glastüren ins Treppenhaus und wartete einen kleinen Moment, bevor er es betrat.

Als er im Erdgeschoss ankam, waren ihm keine weiteren Kreaturen – Studenten eingeschlossen – mehr begegnet. Johanna hatte die Rechner an der Ausgabe bereits runtergefahren und war damit beschäftigt, ihren Rucksack aufzusetzen. Sie lächelte Marc freundlich an.
.....„Na, alles klar gegangen?“, fragte sie.
.....„Sicher. Alles aus, alles zu, keiner mehr da.“ Marc erwartete eine enttäuschte Reaktion auf ihrem Gesicht. Oder ein Zeichen der Verwunderung darüber, warum der perfekt eingefädelte Streich nicht funktioniert hatte. Nichts der Gleichen war zu erkennen.
.....„Prima, dann haben wir jetzt endlich Feierabend. Gott sei Dank, ich bin echt fertig.“
.....„Ja, ich auch.“, sagte Marc und war sich der möglichen Doppeldeutigkeit seiner Aussage durchaus bewusst. Aber auch jetzt wich das offene Lächeln nicht aus ihrem Gesicht. Er begann zu zweifeln, dass ein so nettes Mädchen wie Johanna überhaupt bei solch einem Jux mitmachen würde. Sie schien ein richtiger Sonnenschein zu sein.

Sie verließen die Bibliothek durch den Haupteingang und standen im Foyer der Uni. Johanna kramte vergeblich nach den Türschlüsseln in ihren Hosentaschen.
.....„Oh man, ich hab‘ meinen Schlüsselbund vorhin in den Rucksack gepackt. Mist.“
.....„Ich habe meinen Schlüssel hier.“, sagte Marc, hob seine Hand und schloss ab, bevor sich Johanna den Rucksack wieder abstreifen musste. Ein Vorgang, der bei ihrer Leibesfülle sicherlich mit Anstrengungen verbunden gewesen wäre. Sie blickte ihn dankbar an.
.....„Ich stehe auf dem Parkplatz beim P-Gebäude. Wo hast du geparkt?“, fragte sie.
.....„Auf dem Hauptparkplatz vor der Bibo.“
.....„Dann trennen wir uns hier. Ich wünsche dir noch eine gute Heimfahrt.“
.....Mit diesen Worten umarmte sie Marc kurz. Er war zwar überrascht, aber das gehörte eben auch zu ihrer offenen Art, die sie so liebenswert machte. Er lächelte.
.....„Also dann“, sagte sie „wir sehen uns morgen Abend. Laut Plan haben wir wieder gemeinsam Dienst.“
.....Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging.


2

Schön sind nur die Dinge, die uns nichts angehen.
Oscar Wilde (1854–1900)​

Marc marschierte auf dem Weg zum Hauptausgang am leeren Wachmannbüro (von allen wegen der großen Fenster zu drei Seiten scherzhaft als ‚das Aquarium‘ bezeichnet) vorbei. Wieder auf Kontrollgang, dachte er, das muss bei dieser riesigen Uni doch Stunden dauern. Und wieder allein, weil beide seiner Kollegen krank sind. Für kurzfristigen Ersatz wird vom Personalbüro nicht gesorgt.
.....Seine Gedanken wanderten unmerklich zurück zu dem Tag seines Einstellungsgesprächs.

Es war ein sonniger Nachmittag, ungefähr eine Woche vor Marcs erster Nachtschicht, als er das Büro von Dr. Lenniger betrat, nur mit seinen Bewerbungsunterlagen bewaffnet. Obwohl der Raum ein großes Fenster, das es mit etwas mehr Ehrgeiz zum Panoramafenster geschafft hätte, an der Wand hinter Dr. Lennigers Schreibtisch besaß, schien das hereinfallende Tageslicht gedämpft zu sein. Die vorherrschende Farbe in diesen vier Wänden war Grau, angefangen vom besagten Schreibtisch bis hin zu den mit Büchern und Aktenordnern überladenen Regalen, die fast bis zur Decke reichten. Ein Grau, das die wenigen leuchtenden Farbkleckse im Büro zu verschlucken schien. Auch bei Marcs zukünftigem Chef zeigte dieser Effekt seine Wirkung; Dr. Lennigers Haut war aschfahl. Er bot Marc an, sich zu setzen, ohne dabei selber aufzustehen oder ihm die Hand zu geben.
.....Er nahm die Bewerbung, schob seine Brille, die nach Marcs Schätzung mindestens fünfhundert Dioptrien hatte, die Nasenspitze herauf, kratze sich mit dem Zeigefinger an seinem grauen Schnäuzer, der, im Gegensatz zu seinem Haupthaar, dicht wucherte, und blätterte sie wortlos durch. Nach nicht ganz einer Minute schlug er sie zu, beugte sich über den Schreibtisch zu Marc und blickte auf.
.....„Also, Herr Unterholz – Marc – Sie möchten unserer kleinen Bibliotheksgilde beitreten. Warum denken Sie, ausreichend qualifiziert zu sein?“
.....Marc fühlte sich schlagartig unwohl. Mit einer derartigen Frage hätte er allenfalls bei einem Einstellungsgespräch zum Abteilungsleiter einer größeren Firma gerechnet. Aber hier ging es um eine simple Stelle als Aushilfskraft, eine SHK-Stelle. Welche besondere Qualifikation benötigt man schon, um Bücher zu verleihen oder zurückzunehmen? Marc zögerte. Der starre Blick Dr. Lennigers, der durch die dicken Brillengläser noch verstärkt wurde, machte ihn nervös. Es kam ihm vor, als versuchte der Doktor direkt in seinen Kopf zu schauen.
.....„Weil ich gerne lese.“, sagte Marc, da ihm nichts Besseres einfiel. Außerdem entsprach es der Wahrheit – Marc liebte Bücher. Dr. Lenniger sagte nichts, bewegte sich nicht und starrte ihn weiterhin an. Die Zeit schien stillzustehen. Marc wollte irgendetwas hinzufügen, nur um diese bedrückende Stille zu unterbrechen, aber es fiel ihm absolut gar nichts ein. Dann endlich löste sich Dr. Lenniger aus seiner Starre und stand langsam auf.
.....„So so, was genau lesen Sie denn gerne?“
.....„Goethe, Lovecraft, Poe, Kafka, Mann, ...“ Ängstlich sprudelten die Namen aus Marc heraus. Der Doktor war mittlerweile um den Schreibtisch herumgewandert und blieb links neben Marcs Stuhl stehen. Ihm wurde heiß.
.....„Thomas, Heinrich, oder vielleicht ... KLAUS?“ Bei dem letzten Namen hatte sich Dr. Lenniger trotz seines immensen Bauchs heruntergebeugt. Seine Nasenspitze befand sich nun nur noch einen Fingerbreit von Marcs linkem Ohr.
.....„Thomas“, flüsterte Marc. Er wagte nicht, sich zu bewegen, obwohl er am liebsten aufgesprungen und weggelaufen wäre. Diese körperliche Nähe war ihm unangenehm. Er konnte im Augenwinkel Schweißperlen auf Dr. Lennigers kahler Stirn sehen.
.....„Aha.“, hauchte der Doktor, dann, nach einer weiteren Pause, legte er eine Hand auf Marcs Schulter und erhob sich wieder. Marc hätte fast geschrien. Die Hand war weich – wabbelig, dachte Marc – und irgendwie kalt.
.....„Wir legen hier gesteigerten Wert auf Ordnung, Pünktlichkeit und Verlässlichkeit! VER-LÄSS-LICH-KEIT! Sind Sie davon überzeugt, diese Kriterien zu erfüllen?“ Mit diesen Worten knetete er Marcs Schulter. Obwohl er sich mittlerweile gar nicht mehr so sicher war, ob er diesen Job überhaupt noch haben wollte, stotterte er: „J-ja, das bin ich.“
.....Als wäre es ein magischer Befehl gewesen, zog Dr. Lenniger seine Hand weg und ging zurück zu seinem Schreibtischstuhl.
.....„Dann ist ja alles bestens“, grinste der Doktor und leckte sich die Unterlippe. „Fräulein Lohmann wird Sie morgen ab 10:00 Uhr anlernen, den Papierkram erledigen und in Ihre Schicht einteilen. Bei weiteren Fragen wenden Sie sich bitte an sie, bei schwerwiegenden Problemen informieren Sie bitte mich.“
.....Marc wartete noch einen Moment, bis ihm klar wurde, dass er den Job hatte und Dr. Lenniger das Gespräch für beendet hielt. Marc verließ das Büro und atmete tief durch, als er wieder im sonnendurchfluteten Flur stand.

Mit dieser letzten Erinnerung an die erste und – Gott sei Dank vorerst – letzte Begegnung mit seinem Chef verließ Marc die Universität. Er blieb einen Augenblick unter dem Vordach stehen und atmete die erfrischend kühle Nachtluft ein. Sie war so viel besser, als die abgestandene Bibliotheksluft.
.....Der Wind hatte ein wenig nachgelassen, dafür grollten die ersten Donnerschläge des Gewitters, das unmerklich das Wetterleuchten abgelöst hatte. Marc hatte am Nachmittag, als er seinen Dienst angetreten hatte, wieder einmal vergessen, wie kalt es sein konnte, wenn er Feierabend hatte. Es fröstelte ihn ein wenig bei dem Gedanken, nur mit seinem ärmellosen T-Shirt und seinen Bermudashorts durch den Regen zum Auto gehen zu müssen. Er hatte nicht einmal Socken an, denn er trug Flip Flops. Die Kleiderordnung der Bibliothek war erstaunlicherweise alles andere als streng und sicherlich auf Frau Lohmann und nicht Dr. Lenniger zurückzuführen, und darauf, dass dieser Sommer kurz nach der Jahrtausendwende der heißeste seit 1976 war.
.....Aber es half nichts, also machte er sich weiter auf den Weg. Nach kurzer Zeit kam er zu dem Pfad, von dem aus man den Bibliothekstrakt sehen konnte. Er sah nach oben durch die rauschenden Baumkronen zur Ebene Fünf. Sie war nach wie vor stockfinster. Eine Windböe peitschte ihm Regen ins Gesicht.
.....Puh, Schwein gehabt, dachte Marc. Wäre das Licht wieder angewesen, hätte er, um Ärger zu vermeiden, wieder zurückgemusst.
.....Er wollte gerade weitergehen, als er einen gedämpften Knall hörte. Es war kein Donner, auch wenn es ähnlich klang. Ein Blitz zuckte über den Himmel.
.....Eine Gestalt war an einem der Fenster in Ebene Fünf aufgetaucht. Sie war entweder gegen die Scheibe gerannt oder gestoßen worden. Jedenfalls hatte sie die Hände erhoben und gegen das Glas gedrückt. Der Mund war wie zu einem stummen Schrei geöffnet. Die Haare standen wirr ab und Kleidung war völlig zerfleddert. Sie verharrte einen Moment regungslos in dieser Position. Marc konnte nicht erkennen, ob jemand hinter ihr stand und sie gegen die Scheibe drückte. Dann bewegte sich die Gestalt unkontrolliert hin und her. Sie hinterließ dabei dunkle Schmierspuren.
.....Und starrte Marc mit riesigen Augen an.
.....Er konnte es aus dieser Entfernung nicht wirklich erkennen, aber das musste er auch nicht. Er fühlte es.
.....Wetterleuchten erhellte den Himmel. Etwas hinter der Gestalt blitzte kurz auf, ungefähr in Brusthöhe. Stand doch jemand dahinter?
.....Dann wurde die Gestalt zurück in die Finsternis der Bibliothek gerissen. Übrig blieb nur der schmierige Film an dem Fenster, den man trotz der Dunkelheit erkennen konnte.
.....„Ach du Scheiße“, flüsterte Marc tonlos. Er stand dort mit offenem Mund; der kühle Regen verstärkte seine Gänsehaut. Er konnte nicht glauben.
.....Aber er musste es, nicht wahr? Der schmutzige Film an der Scheibe bewies es.
.....Marc wollte weglaufen, einfach zum Auto rennen, nach Hause fahren, nicht darüber nachdenken und morgen ganz normal zu den Vorlesungen und vielleicht sogar zur Arbeit gehen. Das Wissen, dass er das nicht konnte – nicht durfte – machte ihn wütend. Es war eine verzweifelte Wut.
.....VER-LÄSS-LICH-KEIT!
.....In seinem Kopf hörte Marc die Stimme von Dr. Lenniger. Sie klang zynisch.
.....Wir legen gesteigerten Wert auf die exakte Einhaltung sämtlicher Anweisungen unserer kleinen Bibliotheksgilde, auch wenn schreckliche Kreaturen in den nächtlichen Schatten der Regalreihen herumkriechen.
.....Marc schüttelte den Kopf, als könne er damit die Stimme durcheinanderbringen, vielleicht sogar loswerden. Dann wurden seine Gedanken etwas klarer: Meine Arbeitskollegen haben sich geärgert, weil ich nicht auf ihren kleinen Streich eingegangen bin. Statt aufzugeben versuchen sie jetzt, zu retten, was zu retten ist und setzen einen drauf. Wegen diesem Mist verliere ich meine Stelle und was dann? Dann kann ich in den Semesterferien jobben gehen und mein Praktikum vergessen.
.....Was, wenn es gar keine Arbeitskollegen sind? Was, wenn es sich nur um ein paar dämlich Erstsemester handelt, die sich für wer-weiß-wie witzig und originell halten? Wenn der Nachtwächter sie dort oben entdeckt, eingesperrt und randalierend – womöglich besoffen und auf einige der wirklich alten Bücher pissend – wer wäre dafür verantwortlich?
.....Die Frage brauchte er sich nicht zu beantworten. Es war klar. Marc drehte sich fluchend um und lief, mittlerweile vom Regen durchnässt, zum Haupteingang zurück.


3

Denken ist herrlich, aber noch herrlicher ist die Erregung des Abenteuers.
Oscar Wilde (1854–1900)​

Als Marc durch den Hauptflur zum Bibliothekseingang rannte, kam ihm die Stille um sich herum bedrückend vor. Grabesstille, dachte er, versuchte aber sofort, diesen Gedanken wieder zu verdrängen. Im Laufen fingerte er die Schlüssel aus der Tasche. Sein Blick fiel auf das immer noch leere „Aquarium“. Er hoffte, der Wachmann war bei seinem Rundgang nicht mittlerweile in der Bibliothek angekommen. Dabei fragte sich Marc, ob der Nachtdienst überhaupt einen Schlüssel zur Bibliothek besaß. Wahrscheinlich hatte er einen Universalschlüssel (schließlich ist es ja eine Uni, hahaha), aber sicher war er sich nicht.
.....Vor der Eingangstür blieb Marc einen Moment stehen und starrte durch das Glas. Da es im Erdgeschoss der Bibliothek dunkel war, sah er nichts weiter als sein eigenes Spiegelbild. Er fluchte innerlich. Dann schloss er die Tür auf und zog sie am Schlüssel, statt am Türgriff, zu sich hin, so, wie er es bei der Haustür seiner WG auch immer machte. Mit einem metallischen Knacken brach der Schlüssel ab. Instinktiv schob er seine Hand zwischen Rahmen und Tür und verhinderte zumindest, dass sie wieder zufiel.
.....„Ach... du... SCHEISSE!“, fluchte er, diesmal laut. Das abgebrochene Stück würde man nicht so leicht aus dem Schloss bekommen, vielleicht mit den Fingernägeln, aber dafür hatte er im Moment keine Zeit. Marc sah sich hilfesuchend um. Niemand zu sehen, niemand zu hören. Er war sich nicht sicher, jetzt, da ein Teil seines Schlüssels im Schloss steckte, ob es auch entriegelt war und ob sich die Tür wieder öffnen ließe, sollte er sie ins Schloss fallen lassen. Er hatte nicht die geringste Lust, das auszuprobieren. Er schlüpfte durch die Tür und sah sich vergeblich nach etwas um, das er zwischen Tür und Rahmen anstelle seines Fußes stellen konnte.
.....So viele Bücher, dachte er wütend, und alle unendlich weit weg. Er überlegte einen Augenblick, dann zog er sein nasses T-Shirt aus, knüllte es zusammen und legte es an den Platz, an dem noch eben sein Flip Flop die Eingangstür offen gehalten hatte. Die schwere Tür drückte sein Shirt mit einem saftigen Schmatzen zusammen, hatte aber keine Chance, sich ganz zu schließen. Gut, dachte Marc, wenigstens etwas.
.....Er blieb noch einen Moment im Eingangsbereich stehen, einerseits um zu lauschen, andererseits um seine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Außer dem Wind, der nach wie vor fleißig Regentropfen gegen die Fenster schleuderte und nähergekommenen Donnergrollen war nichts zu hören. Marc schwitzte. Es schien nun heißer und stickiger in dem großen Gebäudekomplex zu sein.
.....Vielleicht, weil ich eben noch an der frischen Luft war und gerannt bin, dachte er. Dann setzte er sich vorsichtig in Bewegung.

Links vor ihm befand sich der riesige Ausgabebereich, durch einen L-förmigen Tresen abgeschottet. In Stoßzeiten konnte er mit acht Bibliothekaren gleichzeitig besetzt werden. Größer als so manche Studentenwohnung, hatte Marc lächelnd an seinem ersten Arbeitstag gedacht. Der Sicherungskasten für das Erdgeschoss war über dem Tresen angebracht worden, dort wo der kürzere Balken des Ls in die Wand mündete. Marc ging zögerlich darauf zu. Er kannte sich an seinem neuen Arbeitsplatz noch nicht gut genug aus, um sich in dieser diffusen Dunkelheit schneller zu bewegen. Die Klappe des Sicherungskastens war geschlossen. Hatte Johanna das getan? Er konnte sich nicht erinnern.
.....Marc beugte sich über den Tresen und öffnete sie mit einem leisen, metallischen Knarren. Dann legte er den ersten Schalter um. Nichts geschah. Er versuchte es mit dem nächsten, aber das Ergebnis blieb dasselbe – Finsternis. Wütend schaltete er hin und her, bis ihm bewusst wurde, dass dieses ebenso nutzlos war, wie mehrfach hintereinander einen Ampelknopf zu drücken, damit sie schneller auf Grün springt.
.....Am anderen Ende des Ausgabebereichs befanden sich die Fächer der einzelnen Mitarbeiter. Die letzten beiden Fächer wurden als Ablage für allgemeine Dinge, wie Kaffeetassen, Putzmittel und Werkzeug, genutzt. Marc war sich sicher, zwischen dem Werkzeug eine Taschenlampe gesehen zu haben.
.....Er schwang sich über den breiten Tresen (etwas, das während der Arbeitszeit zur sofortigen Kündigung geführt hätte), tastete sich an den Computerplätzen vorbei und erreichte die Fächer. Nach kurzer Suche fand er die Taschenlampe. Zwischen den Tassen und Gläsern war sie ihm nicht sofort aufgefallen. Er griff danach und schaltete sie ein.
.....Licht ergoss sich kegelförmig über die Fächer. Marc musste seine Augen zusammenkneifen, so sehr hatten sie sich schon an die Finsternis gewöhnt. Er schwenkte das alte, monströse Modell, das wahrscheinlich die Sensation gewesen war, bevor Mag-Lite den Markt überschwemmt hatte, zum Tresendurchgang und ging, diesmal etwas zügiger, auf das Treppenhaus zu. Er hatte schon zu viel Zeit vertrödelt.

Im Treppenhaus versuchte Marc erneut, die Deckenbeleuchtung über die Sicherungen einzuschalten. Auch hier blieb es bei dem Versuch, also wanderte er mit seiner spärlichen Beleuchtung weiter nach oben. Das Licht der Taschenlampe erzeugte unangenehme Schatten an den Wänden, die durch seine Bewegungen zum Leben erwachten. Das Gefühl, aus den dunklen Winkeln angestarrt zu werden, wuchs.
.....Im vierten Stock blieb Marc stehen und lauschte nochmals. Ein ohrenbetäubender Donnerschlag zerriss die Stille und Marc ließ vor Schreck die Lampe fallen. Sie schlug auf die Fliesen, flackerte kurz und rollte in einem kleinen Halbkreis von ihm weg. Bevor sie die nach unten führende Treppe erreichte, griff Marc danach. Die Lampe funktionierte noch, aber sein Herz schlug wie wild. Er war sich nicht sicher, was ihn mehr geschockt hatte, der plötzliche Donner oder die Möglichkeit, gleich wieder in der Dunkelheit zu stehen. Angespornt durch das Adrenalin, das jetzt durch seinen Körper tobte, ging Marc die letzte Treppe hoch in den fünften Stock.
.....Vor den Glastüren blieb er erneut stehen und leuchtete durch die Scheiben in das Labyrinth aus Bücherregalen. Seine Reflexion im Glas war halb transparent. Sie sah aus wie ein Geist, der auf der anderen Seite der Tür stand, um ihn zu beobachten. Die Lampe flackerte abermals und viel ganz aus. Marc schlug mit dem Handballen dagegen. Für einen kurzen Moment leuchtete sie auf. Er sah in der Scheibe eine Fratze, die ihm von hinten über die Schulter blickte. Er schrie. Dann war es wieder dunkel. Marc wirbelte herum und schlug mit der Taschenlampe in die Schwärze, immer noch schreiend. Sie pfiff durch die Luft, hin und her, traf aber auf keinen Widerstand. Blut pochte wie wild durch seine Halsschlagadern. Die Panik hatte ihn fest im Griff.
.....Ein Blitz warf etwas Licht in das Treppenhaus. Als wäre es ein Ansporn für die Taschenlampe gewesen, setzte sie wieder ein. Hektisch leuchtete Marc in alle Richtungen. Er war allein.
.....Das hast du dir in deiner Angst nur eingebildet. Während ihm seine rechte Hirnhälfte in aller Deutlichkeit das Bild des irren Grinsens vor Augen hielt, beharrte die linke weiterhin auf ihrer Aussage. Da ist niemand und da war auch niemand! Eine Mischung aus deinem Spiegelbild und den Büchern und Regalen, die hinter der Scheibe stehen, weiter nichts.
.....Frischer Schweiß auf seinem Rücken erzeugte eine Gänsehaut, aber das Schreckensbild verblasste allmählich. Was genau hatte er gesehen?
.....Nichts! Du hast gar nichts gesehen. Reiß dich zusammen und riskiere nicht deinen Job.
.....Marc atmete erneut tief durch und leuchtete – diesmal etwas genauer – in alle Winkel des Treppenhauses. Nachdem er sicher war, allein zu sein, öffnete er entschlossen die Glastür und betrat Ebene Fünf.

Sofort nahm er einen seltsamen Geruch wahr, der ihm bekannt vorkam, allerdings nicht in Verbindung mit einer Bibliothek. Es roch nach ... Graupensuppe.
.....Als Kind hatte er nie gerne Suppe gegessen, aber beim Bund hatte er gelernt, dass manche Dinge entgegen seiner Meinung doch zum Verzehr geeignet waren.
.....Graupensuppe gehörte mit dazu, und hier roch es eindeutig danach. Marc bewegte sich seitlich zum Sicherungskasten, ohne seine Augen von den Regalreihen zu lassen. Er tastete nach den Schaltern, legte drei davon gleichzeitig um und traute seinen Augen kaum, als einige der Neonröhren mit einem leisen Summen aufflackerten. Erstaunt schaltete er die Hälfte der Innenbeleuchtung ein. Das reichte vorerst.
.....Was soll das denn jetzt, dachte er sich. Ich hatte sie vorhin doch nicht mal ausgeschaltet. Was läuft hier?
.....Mit der vom Licht verdrängten Dunkelheit verschwand auch ein Großteil seiner Angst. Marc räusperte sich.
.....„Hallo? Falls noch jemand hier drinnen ist, wir haben geschlossen! Es ist verboten, sich nach Mitternacht in der Bibliothek aufzuhalten!“, rief er mit fester Stimme.
.....Keine Antwort.
.....„Hallo!“, rief er erneut, aber dieses Mal klang es etwas flehentlich. Die einzige Antwort war ein weiterer Donnerschlag. Marc seufzte. In diesem Moment war er absolut unschlüssig, was er als nächstes tun sollte. Falls es doch ein dämlicher Streich seiner Kollegen gewesen sein sollte, standen die Chancen nicht schlecht, dass sie sich mittlerweile aus dem Staub gemacht hatten. Falls es wirklich ein Kollege war, der hier sein Unwesen trieb, wäre er auf jeden Fall mit dran, sollte diese Nacht irgendetwas passieren. Er hatte wirklich keine Lust, sich wegen solch einem Mist die Nacht um die Ohren zu schlagen, schließlich würde er morgen Früh um halb acht schon wieder an der Uni sein müssen – Hitchcock Seminar – und es war jetzt garantiert schon nach ein Uhr. Um sich in seinem Vorhaben zu bekräftigen, ohne einen kompletten Kontrollgang endgültig zu verschwinden, sah er auf seine Uhr. Es war bereits fünf nach halb zwei.
.....Um sein Gewissen gänzlich zu beruhigen, rief Marc noch einmal in die vom Wind und Regen untermalte Stille der Bibliothek: "Hallo?"
.....Ein dumpfes Klatschen ertönte aus der nordwestlichen Ecke der Ebene, als würde man ein Paket Mehl in eine Regenpfütze fallen lassen.
.....Sofort erschienen vor Marcs geistigem Auge mehrere Bilder von Dingen, die ein derartiges Geräusch verursachen könnten. Keines der Bilder passte in eine Bibliothek.
.....„Ok, ich weiß, dass Sie dahinten stecken“, rief Marc „und wenn ich Ihren Arsch nicht in eine neue Form treten soll, kommen Sie jetzt SOFORT raus!“
.....Keine Antwort. Wütend stapfte Marc dem mittleren Hauptgang entlang, nicht ohne links und rechts im Wechsel zwischen die Regalreihen zu blicken, und näherte sich der Stelle, von der das Geräusch gekommen war.


4

Schicksalsschläge lassen sich ertragen – da ist der blinde Zufall am Werk; man kann nichts dafür. Doch für die eigenen Fehler büßen zu müssen, das ist bitter.
Oscar Wilde (1854–1900)​

Je weiter Marc in die Untiefen der Bibliothek eindrang, desto mehr wich sein neuerlicher Zorn dem Wunsch, er hätte vor Dienstantritt genau wie Johanna auf dem Parkplatz an den P-Gebäuden geparkt. Sie lag jetzt schon mit Sicherheit im Bett eines gut gelüfteten Zimmers und schlief beim gemütlichen Geräusch des Regens und Sommergewitters.
.....Hier kam es Marc überhaupt nicht gemütlich vor. Der Geruch von Graupensuppe nahm zu. Da nur die Hälfte der Deckenbeleuchtung brannte, gab es unangenehme Schatten und düstre Winkel. Als er sich der Nordwand näherte, wurde er langsamer. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf die linken Gänge; von dort hatte er das Klatschen gehört.
.....Außerdem ist das die Stelle, an der du die Gestalt am Fenster gesehen hattest.
.....Die Stimme in seinem Kopf – es war seine eigene – hatte einen leicht zynischen Tonfall.
.....Als Marc zwischen die dritt- und vorletzte Regalreihe sehen konnte, blieb er schlagartig stehen. Etwas lag am anderen Ende auf dem Boden. In dem Schatten sah es aus wie ein voller, zerrissener schwarzer Müllbeutel. Marc überlegte kurz, zum Sicherungskasten zurückzulaufen, um auch die restlichen Lampen einzuschalten, besann sich aber der Taschenlampe, die er nach wie vor fest umklammert hielt. Er schaltete sie noch nicht ein, hielt sie aber vor sich in Position.
.....Als er fast zwei Drittel des Seitengangs zwischen den Regalen hinter sich gelassen hatte, erkannte er, dass es kein Müllbeutel war. Es waren die Überreste eines menschlichen Körpers. Und er war auch nicht zerrissen, sondern regelrecht zerfetzt worden, als ob eine Granate in seinem Inneren explodiert wäre. Blut, Galle, Magen- und Darminhalt, alles lief sämig an den Bücherreihen links und rechts herab. Der Körper lag auf dem Rücken, der Kopf wies in Marcs Richtung. Er schien seltsam verdreht zu sein. Blutbeschmierte Bücher und Zettel lagen am Boden verteilt. Ein Buch mit dem Titel ‚Seehandelsrecht‘ ragte zwischen Milz und Niere aus dem Toten heraus.
.....Wie hypnotisiert starrte Marc auf den nassen Berg aus Innereien und Extremitäten. Er unterlag derselben Macht, die einen dazu verleitet, bei einem Verkehrsunfall hinzusehen, statt sich abzuwenden.
.....Das rechte Bein lehnte abgerissen und angewinkelt am Regal, mit der Kniescheibe an einer vierbändigen Ausgabe zum Thema Wirtschaftsgeschichte im Ruhrgebiet. Das linke Bein hing noch am dem, was vom Körper und einer Jeanshose übrig war, aber es sah so aus, als hätte etwas große Fleischstücke aus Ober- und Unterschenkel herausgebissen. Beide Hände waren abgerissen worden, die linke hing festgeklammert am fünften Regalbrett, die andere lag in einer größer werdenden Blutlache auf dem Boden.
.....Das hatte das Geräusch verursacht. Marc sah es in seinem blanken Entsetzen so deutlich vor Augen, als hätte er es tatsächlich beobachtet. Beide abgetrennten Hände hingen bis vor einer Minute an den Regalbrettern, nur hatte sich die rechte gelöst und war mit einem Klatschen in die Blutlache gefallen. Von wegen ein Paket Mehl.
.....Der Hals des Toten war zum größten Teil verschwunden. Der Kopf, der nur noch mit wenigen Sehnen am Oberkörper hing, lag auf der Schädeldecke und starrte Marc mit weit aufgerissenen Augen vorwurfsvoll an. Blut und Speichel rannen aus seinem Mund.
.....Das war der Moment, in dem Marc schrie. Und es war auch der Moment, in dem das komplette Licht ausging.

Sofort schnürte ihm die pure Panik die Kehle zu. Hastig schaltete er die Taschenlampe ein, aber es blieb dunkel. Marc schlug sie vor Angst ein paar Mal gegen das rechte Regal – das jetzt irgendwie näher schien – aber nichts passierte, außer dass sich die Abdeckung mit dem Reflektorspiegel löste und herunterfiel. Gleichzeitig hörte er ein statisches Rauschen, das sich mit dem Windgeräusch vermischte. Ein kehliges Flüstern schwoll an und ab, zu leise, um es zu verstehen. Es klang wie Funksprüche. Und ganz weit entfernt, kaum wahrnehmbar, glaubte er aus einem alten Röhrenradio die Stimme von Ella Fitzgerald zu hören, wie sie ‚Dream a little Dream of me‘ sang.
.....Marc stand noch immer zur Leiche gewandt, als er im Gang hinter sich eine trockene, tonlose Stimme in der Finsternis vernahm: „Du stinkst nach Tod ...“
.....Marc zuckte und fuhr herum. Die Deckenbeleuchtung ging ohne das für Neonröhren typische Flackern an. Der Gang war leer. Das Rauschen, Flüstern und die Musik waren nach wie vor zu hören. Und ein Knirschen, das aus der Richtung des Toten kam. Marc sah gerade noch, wie sich die Augen der Leiche schlossen und wieder öffneten, während sich ihr Kopf langsam neigte. Wieder ging das Licht aus.
.....„Du stinkst nach Tod.“
.....Jetzt war die Stimme hinter ihm sehr viel näher. Ein weiteres Knirschen und Schmatzen kam aus der anderen Richtung. Der Graupensuppengeruch wurde intensiver. Als das Licht diesmal anging, sah Marc, wie sich der Tote aufrichtete. Sein Kopf hing in einem grotesken Winkel am Körper herab, die Augen immer noch starr auf Marc gerichtet. Er stützte sich mit seinen Armstummeln ab, drückte das, was von seinem zerfetzten Oberkörper übrig war in die Höhe, während sich ein Teil des Darms löste und wie ein fetter, aufgedunsener Wurm auf den Boden klatschte. Die Leiche bewegte sich wie in Zeitlupe, dann plötzlich wie im Zeitraffer und dann wieder langsam. Das Licht ging aus, bevor Marcs Unterbewusstsein seinen Beinen befehlen konnte, sich endlich in Bewegung zu setzen.
.....Die tonlose Stimme war jetzt ganz nah. Marc war sich sicher, ihren Atem beim Sprechen zu spüren.
.....„Du stinkst nach Tod. Ich nehme dich mit.“
.....Die Lampen gingen an. Die Leiche machte einen erneuten Zeitraffersprung und kroch ungelenk, aber in einer entsetzlichen Geschwindigkeit auf ihn zu. Drei Meter vor ihm verfiel sie erneut in Zeitlupe.
.....Marc drehte sich um und rannte los, schneller als jemals zuvor in seinem Leben. Er vergewisserte sich nicht einmal, ob das Wesen mit der tonlosen Stimme hinter ihm stand – was nicht der Fall war. Das statische Rauschen wurde von Kratz- und Knacklauten unterbrochen. Er erreichte den mittleren Hauptgang, prallte schmerzhaft mit der linken Schulter an die gegenüberliegende Regalwand, fing sich und hetzte zu den Glastüren. Dort angelangt, warf er sich aus dem Lauf heraus mit seinem gesamten Gewicht dagegen. Die Türen flogen auf und federten mit einem lauten Knall von den Wänden ab, während Marc hindurchstolperte. Er raste an den Toilettentüren vorbei und die Treppen hinab zum Erdgeschoss.
.....Er kam genau bis zum Treppenabsatz zwischen dem dritten und dem vierten Stockwerk, als ihn ein unangenehm heller Lichtkegel blendete und er stolperte. Marc fiel vornüber, schlug die Arme schützend vor sein Gesicht und rollte sich so gut es ging ab. Er blieb ungefähr einen Meter vom Treppenfuß entfernt liegen, benommen, aber größtenteils unverletzt. Dann sah er die Umrisse eines Mannes hinter der Lichtquelle.
.....„He, Sie da! Was machen Sie hier?“, fragte der Schatten, während er näherkam.
.....Marc richtete sich mühsam zur Hälfte auf. Dabei hob er die linke Hand vor die Augen, um das Licht ein wenig abzuschirmen.
.....„Sind Sie verletzt?“, fragte die Gestalt, mit einer Spur echter Besorgnis in der Stimme.
.....„Es geht schon, denke ich.“ Marc stand nun ganz auf. Es gefiel ihm nicht, vor dem Unbekannten zu hocken wie ein in die Enge getriebenes Tier.
.....„Dann also noch mal: Wer sind Sie und was tun Sie hier?“
.....„Mein Name ist Marc Unterholz und ich arbeite hier seit Anfang der Woche als Bibliothekar.“
.....Endlich richtete der Fremde den Kegel seiner Taschenlampe gegen den Fußboden, der diffuses Licht zurückwarf. Jetzt erkannte Marc die Uniform. Er war recht alt für einen Wachmann, wirkte aber dennoch ziemlich rüstig, was durch die antiquierte Kombination aus Schnauz- und Backenbart verstärkt wurde. Der Mann musterte ihn argwöhnisch.
.....„Ich nehme an, das ist ihr T-Shirt, unten in der Eingangstür?“
.....Jetzt wurde Marc klar, warum ihn der Mann vom Wachschutz so misstrauisch anblickte. Er stand mitten in der Nacht in einem dunklen Treppenhaus, nur noch in Shorts und Flip Flops.
.....Als Marc nicht sofort antwortete, redete der Wachmann einfach weiter: „Dann darf ich bestimmt mal ihren Studentenausweis sehen.“
.....Noch bevor Marcs Hand die Gesäßtasche seiner Shorts erreicht hatte, erinnerte er sich, sein Portemonnaie am Nachmittag zu Hause gelassen zu haben. Wozu auch sollte er das dicke Ding bei der Arbeit mit sich rumschleppen?
.....„Den habe ich nicht dabei.“
.....Der Wächter seufzte. „Ach Junge, mach es mir doch nicht unnötig schwer. Irgendetwas anderes? Perso? Führerschein?“
.....„Das ist alles in meinem Portemonnaie, aber das habe ich auch nicht dabei. Hören Sie, das ist jetzt auch gar nicht so wichtig! Viel wichtiger ist, dass oben auf Ebene Fünf ...“
.....Marc stockte. Was sollte er sagen? Er befand sich in genau der Situation, die er schon in unzähligen Horrorfilmen gesehen hatte: Das Opfer erklärt, es habe etwas Übernatürliches gesehen. Dabei wäre es sehr viel klüger, eine kleine Notlüge zu erzählen, die zwar nicht ganz der Wahrheit entspräche, aber sofortige Hilfe zur Folge hätte. Tollwütiger Hund statt Werwolf, Mörder statt Monster und so weiter.
.....„... dass ich auf Ebene Fünf eine Leiche gefunden habe“, fuhr Marc fort, die mich verfolgt hat, beendete er für sich den Satz im Kopf.
.....„Eine was? Eine Leiche? Damit macht man keine Scherze, hörst du?“
.....„Bitte glauben Sie mir, das ist kein Scherz. Dort oben ist jemand umgebracht worden. Wir müssen die Polizei rufen!“
.....Keine Reaktion.
.....„Bitte! Ich war schon auf dem Weg nach Hause, als ich draußen etwas an der Scheibe im fünften Stock gesehen hatte. Einen Mann oder so. Deshalb bin ich wieder zurückgekommen. Dann ist mir der Schlüssel abgebrochen und dann habe ich den Toten gefunden.“
.....Marcs Stimme nahm einen flehenden Tonfall an, der beinahe schon weinerlich klang. Der Mann vom Wachschutz zog eine buschige Augenbraue hoch, machte aber keinerlei Anstalten, sich zu bewegen. Marc konnte es kaum fassen. Träge verstrichen die Sekunden. Gerade, als Marc weiterreden wollte, löste sich der Wachmann aus seiner Lethargie, räusperte sich und murmelte ruhig: „Pass mal auf, mein Junge, ich erkläre dir jetzt mal die Situation. Ich bin seit über zwanzig Jahren an dieser Universität beschäftigt. In dieser Zeit gab es bedauerlicherweise einige Tote, wenngleich noch nie einen Mord. Es gibt jetzt drei Möglichkeiten. Möglichkeit eins: Das, was du hier abziehst, ist ein Studentenulk auf meine Kosten oder eine verbotene Party.“
.....Marc wollte gerade protestieren, aber der Wachmann fuhr einfach fort.
.....„Das glaube ich allerdings nicht. Du läufst hier zwar halbnackt rum, aber deine Augen sind nicht glasig oder gerötet, du riechst nicht nach Alkohol und du scheinst wirklich Angst zu haben – aber nicht vor mir. Daher ergibt sich Möglichkeit zwei: Es ist ein Studentenulk auf deine Kosten.“
.....„Das hatte ich zuerst auch gedacht“, fuhr Marc dazwischen. „Aber das kann nicht sein. Es war … echt.“
.....War es das?
.....„Wir … Sie müssen etwas unternehmen. Wenn Sie mir nicht glauben, dass ich hier arbeite, rufen Sie Frau Lohmann an. Meinetwegen auch Dr. Lenniger. Aber auf jeden Fall die Polizei. Der Mörder ist wahrscheinlich noch dort oben!“
.....„Das ist Möglichkeit drei: Es gibt da wirklich einen Toten“, sagte der Wachmann und strich mit den Fingern nachdenklich durch seinen Bart. Marc atmete erleichtert auf, wenngleich etwas zu früh.
.....„So oder so muss ich die Lage überprüfen, bevor ich irgendjemanden anrufe“, fuhr der Wachmann ruhig fort. „Du bist dir sicher, die Person ist wirklich tot? Und es war Mord?“
.....„Ja!“ antwortete Marc in einer Stimmlage, die durch aufkommende Hysterie höher war, als es ihm lieb sein konnte. Er atmete einmal tief durch, sammelte sich kurz und sagte dann ruhig: „Gehen Sie nicht da rauf. Wenn Sie unbedingt wollen, warten sie hier und beobachten Sie die Treppe zum Fünften. Ich renne runter zu den Telefonzellen und hole Hilfe. Der Notruf geht auch ohne Kleingeld.“
.....Handys funktionierten in der Bibliothek nicht, das hatte ihm Frau Lohmann bereits am ersten Tag erklärt. Vielleicht wegen der massiven Außenwände oder vielen Metallregale.
.....„Warte, Junge, lauf nicht weg.“ Der verdrossene Gesichtsausdruck des Wachmanns war selbst in dem diffusen Licht deutlich zu erkennen.
.....„Wenn du das machst, muss ich dich in Gewahrsam nehmen und das will ich nicht. Du machst doch einen ganz vernünftigen Eindruck.“
.....Marc bezweifelte, dass diese Einschätzung auf echter Überzeugung beruhte, konnte es in der momentanen Situation dem Wachmann aber nicht verdenken.
.....„Wenn du da oben irgendeinen Unfug angerichtet oder was kaputt gemacht hast und ich dich laufen lasse, ohne es zu überprüfen, macht mir dein Chef, Dr. Lenniger, die Hölle heiß. Ich könnte meinen Job verlieren, weil der Doktor an dieser Uni so viel Einfluss hat. Deshalb mache ich dir folgenden Vorschlag: Du begleitest mich ohne Sperenzchen in den fünften Stock und zeigst mir den Toten.“
.....Marc wollte gerade protestieren, der Wachmann war schneller: „Du musst nur bis in den Flur mitkommen und brauchst die Abteilung nicht zu betreten. Du bleibst einfach an der Glastür stehen, zeigst mir von da aus die Stelle, ich schaue schnell nach und wenn ich was finde, rufen wir sofort einen Krankenwagen und die Polizei. Sollte ich nichts finden und alles in Ordnung sein, kannst du einfach nach Hause gehen. Ich sage morgen früh dem Hausmeister Bescheid und der kümmert sich um deinen abgebrochenen Schlüssel. Bist du damit einverstanden?“
.....Marc versuchte, so schnell es seine Situation zuließ, alle Eventualitäten abzuwägen. Er könnte es schaffen, an dem Wachmann vorbeizulaufen und ins Erdgeschoss zu gelangen. Zeit für einen Anruf bei der Polizei hätte er dann nicht und wenn er sich ganz aus dem Staub machte, könnte ihn das nicht nur seinen Job kosten, sondern im schlimmsten Fall seinen Studienplatz. Was, wenn ihm seine Arbeitskollegen tatsächlich einen Streich gespielt hatten? Wenn sie in der Abteilung irgendwelche Schäden angerichtet hatten und dem Wachmann entwischen würden, fiele die Schuld vielleicht doch wieder auf ihn zurück. Ade, Job. Ade, Studium.
.....Jetzt war es der Wachmann, der ungeduldig zu werden schien.
.....Was wäre eigentlich so schlimm daran, bis zum Flur mitzukommen? Zur Not könnte er von dort aus wie der Blitz verschwinden. Und überhaupt – lebende Leichen? Ja, er hatte noch vor wenigen Minuten Schiss gehabt, aber mit jeder Sekunde, die verging, sank sein Adrenalinspiegel und die Gedanken wurden klarer. Es konnte sich doch nur um einen Trick handeln.
.....Mit den tröstlichen Gedanken an ‚Drei Fragezeichen‘-Kassetten, die er als Kind gehört hatte und an Episoden von ‚Scooby Doo‘, die er gesehen hatte – an all die gruseligen Geschichten, die letzten Endes immer eine logische und natürliche Erklärung hatten – nickte Marc dem Wachmann langsam zu.
.....„Okay, ich zeigen Ihnen, wo ich die Leiche gefunden habe.“


5

Ehrgeiz ist die letzte Zuflucht der Erfolglosen.
Oscar Wilde (1854–1900)​

„Aber ich komme echt nur bis zur Glastür mit“, sagte Marc, dessen neu gewonnener Mut mit jedem Schritt, den sie sich der fünften Ebene näherten, wieder abnahm. Wenigstens war er dieses Mal nicht allein.
.....„Pscht“, zischte der Wachmann, gerade im vierten Stock angekommen. „Sei mal leise.“
.....Sie lauschten dem stetigen Rauschen des Regens und dem Donner. Nur klang es nicht nach Donner. Es hörte sich eher nach einer Art Poltern an, das von oben kam. Der Wachmann griff wortlos an seine Koppel, die mit mehreren Taschen und Holstern versehen war, und zog eine kleine Dose Pfefferspray heraus. Den Taser ließ er stecken.
.....„Freunde von dir? Jetzt kannst du es noch sagen und Schlimmeres verhindern.“
.....„Äh-ähh“, verneinte Marc beinahe flüsternd. „Sollen wir nicht doch jetzt schon die Polizei rufen?“
.....Als Antwort setzte sich der Wachmann wieder in Bewegung und Marc blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.
.....Das Licht in der Abteilung für Geschichts- und Wirtschaftsliteratur – neuerdings wohl auch für traumatische Erlebnisse – brannte noch immer. Leise Musik war zu hören; dieses Mal ‚Falling in Love again‘, gesungen von Marlene Dietrich. Marc hatte im letzten Semester ‚Medienereignisse der 20er und 30er Jahre‘ belegt, daher kannte er sich halbwegs mit den Songs dieser Zeit aus.
.....„Wenn das eine Studentenparty ist, dann aber eine sehr lahme“, bemerkte der Wachmann trocken. Sie kamen an die Glastür und sahen haufenweise Bücher, die aus den Regalen gerissen worden waren und überall in den Gängen verstreut und zerfetzt auf dem Boden lagen.
.....„Mein Junge, ich will wirklich für dich hoffen, dass du damit nichts zu tun hast; das wird nämlich verflixt teuer.“
.....Wenn der Wachmann noch mehr sagte, bekam Marc es jedenfalls nicht mehr mit. Er starrte ungläubig auf die Verwüstung und auf etwas, das dem Wachmann scheinbar entgangen war.
.....„Und wie soll ich das gemacht haben?“, fragte Marc tonlos. Sein Mund war knochentrocken.
.....Der Wachmann wandte sich wieder der Scheibe zu und entdeckte es auch. Etwa ein Dutzend Bücher lagen nicht auf dem Boden, sie hingen in der Luft. Einige von ihnen drehten sich dabei träge um sich selbst.
.....„Hängen die an Angelschnüren?“
.....„Das kann nicht sein“, erwiderte Marc. „Dann könnten sie nur um die senkrechte Achse rotieren. Aber der dicke rote Wälzer da vorne rechts dreht sich um die waagerechte.“
.....„Senkrechte Achsen und waagerechte. Mumpitz. Ich gehe da jetzt rein. Wo soll deine Leiche liegen?“
.....Bei dieser Formulierung zog sich Marcs Innerstes erschrocken zusammen.
.....„Es ist nicht meine Leiche, ich habe sie nur gefunden. Da drüben in der linken Ecke, irgendwo zwischen den letzten zwei oder drei Regalreihen.“
.....„Okay, Junge. Du bleibst schön hier, bis ich wieder zurück bin. Halt die Glastür auf, damit du hörst, falls ich dich rufen sollte.“
.....„Klar“, murmelte Marc und war sich nicht sicher, ob er einer solchen Aufforderung folgen würde. Inzwischen tauschte der Wachmann die Dose Pfefferspray nun doch gegen den Taser, steckte die Stablampe ein und betrat die Abteilung. Statt in die besagte Ecke, begab er sich vorsichtig zum Zentrum des Mittelgangs, dorthin, wo das angerichtete Chaos am größten war. Bei dem ersten schwebenden Buch blieb er stehen, begutachtete es von oben und unten und stieß es dann leicht mit dem Finger an. Wie von einer Gewehrkugel getroffen, schoss das Buch schräg nach oben weg, prallte gegen das nächste Regal und riss weitere Bücher heraus, bevor es zu Boden fiel. Erschrocken machte der Wachmann einen Satz zurück. Das statische Rauschen, das durch das Regengeräusch fast gar nicht zu hören gewesen war, nahm plötzlich wieder zu.
.....„Kommen Sie lieber wieder zurück“, rief Marc.
.....„Moment noch“, antwortete der Wachmann und wischte mit seinem Fuß einige der herumliegenden Bücher zur Seite. „Was ist das hier für ein Geschmiere auf dem Parkett? Sieht aus wie Buchstaben oder so.“
.....Die verstümmelte Kreatur, die in den Schatten zwischen den östlichen Regalreihen gelauert hatte, sprang ohne Vorwarnung den Wachmann an. Trotz der Geschwindigkeit kam es Marc vor, als würde die Zeit langsamer ablaufen.
.....Der Tote umklammerte mit seinen Armstummeln den Hals des Wachmanns, dabei lag der halb abgerissene Kopf auf dessen rechter Schulter. Der Taser, den der Wächter instinktiv schützend vor sich gehalten hatte, bohrte sich dabei tief in die offenliegenden Gedärme des Angreifers. Der Kadaver riss seinen Mund auf und grub die Zähne mit einem schmatzenden Geräusch in den Hals seines Opfers. Der Wachmann schrie. Gleichzeitig ertönte ein lautes, elektrisches Knistern. Der tote Angreifer schleuderte seinen Schädel zurück und schrie ebenfalls, allerdings mit einer hohen, röchelnden Stimme. Marc sah das riesige rote Loch am Hals des Wachmanns, aus dem fortwährend Blut sprudelte. Dann beugte sich die Kreatur zurück und schnellte wieder nach vorn, das kreischende Maul noch weiter aufgerissen. Mit einem durchdringenden Krachen biss sie dem Wächter die obere rechte Hälfte des Kopfs ab. Sein Geschrei verstummte augenblicklich. Der Schädel des Wesens fiel zurück und baumelte an seinen Sehnen zwischen den Schulterblättern. Jedes Mal, wenn es schluckte, rannen zerkaute Knochensplitter, Blut und eine gallertartige Masse aus der abgerissenen Speiseröhre über Hals, Kopf und Rücken der Kreatur. Der Wachmann sank beinahe theatralisch auf seine Knie, wie in einem alten Western. Der Kadaver glitt dabei zu Boden und drehte sich auf seinen verbliebenen Gliedmaßen weit genug herum, um Marc anzustarren.
.....Das letzte, was Marc sah, bevor er zum Treppenhaus lief, war wie sich die Kreatur in Bewegung setzte.

Als Marc wieder an den Toilettentüren vorbeirannte, hatte er ein déjà vue. Mehr noch, es kam ihm vor, als befände er sich in einer Zeitschleife. Der Gedanke verschwand sofort wieder, als er dorthin trat, wo sich kurz zuvor noch die Treppe befunden hatte, und ins Leere stürzte.
.....Instinktiv griff er zu und bekam mit einem schmerzhaften Ruck in der Schulter den Fuß des Geländerstücks zu fassen, das noch nicht verschwunden war. Durch seinen Schwung schlug er mit seiner Kniescheibe an die Decke von Ebene Vier und zog sich eine Schürfwunde am Kopf zu. Er hatte nur mit der rechten Hand das Geländerstück umklammert; jetzt griff er mit der linken Hand nach und hielt sich am Fußboden der Ebene Fünf fest. Für einen Moment blieb Marc regungslos über unerklärlichen Abgrund hängen und spürte augenblicklich die Schmerzen, die das Resultat seiner rettenden Aktion waren. Dann hörte er das metallische Scheppern der Taschenlampe, die weit unter ihm in der Dunkelheit aufprallte und in ihre Einzelteile zersprang. Seine beiden Flip Flops machten kein Geräusch, als sie neben den Trümmern der Taschenlampe aufkamen. Er atmete er einmal tief durch, spannte seine Muskeln, zog sich am Geländer hoch, kletterte darüber und stand mit zittrigen Beinen wieder auf dem kurzen Flur der Ebene Fünf.

Marc spürte, wie ihm ein wenig warmes Blut in das linke Auge floss. Als er danach tastete, um es wegzuwischen, fuhr ihm ein erneuter Schmerz durch die Schulter.
.....Glück im Unglück, dachte er, das Knie blutet aber die Kniescheibe ist noch okay, und die Schulter ist auch nicht ausgerenkt. War schon mal schlimmer.
.....Marc sah kurz zu den Glastüren herüber, um sich zu vergewissern, dass er – im Moment – nicht verfolgt wurde, dann schaute er über das Geländer in den leeren Treppenhausschacht. Nicht nur die Treppe zwischen dem vierten und fünften Stock war verschwunden, es sah in dem wenigen Licht danach aus, als hätte sich das gesamte Treppenhaus unter ihm aufgelöst. Ja, aufgelöst, dachte er, ich habe kein Einsturzgeräusch gehört und die oberste Stufe ist sauber vom Fußboden abgetrennt. Wenn ich langsamer gewesen oder nicht in diesem steilen Winkel auf die Treppe zugelaufen wäre, hätte ich einen kostenlosen Freiflug ins Nichts gemacht.
.....Die Kreatur bewegte sich noch immer auf die Glastür zu. Es war die Leiche, die er zwischen den Regalwänden entdeckt hatte. Sie hinkte wie zuvor, in einem grausamen Wechsel aus Zeitraffer und Zeitlupe, der es unmöglich machte zu sagen, wann sie die Türen erreichen würde. Das, was einmal der Wachmann gewesen war, lag regungslos auf dem Bücherhaufen im Zentrum der Abteilung. Marc ging langsam einige Schritte rückwärts. Das Rauschen und Flüstern wurde lauter. Er blickte sich hilfesuchend um. Der Tote kam immer näher, dabei baumelte sein Kopf vor seiner Brust bei jedem Schritt hin und her. Die Treppe kam als Fluchtweg nicht mehr in Frage, soviel war klar; er würde nicht fünf Stockwerke in die Tiefe springen. Zur Linken fiel sein Blick auf eine Metalltür: Der Bücherlift.
.....Dieser winzige Lastenaufzug, von etwas mehr als einem Kubikmeter Größe, wurde in der Regel genutzt, um Bücherwagen mit zurückgegebenen Exemplaren vom Erdgeschoss in die jeweils entsprechende Etage zu transportieren. Es hätte mit Sicherheit beim Bau der Bibliothek zusätzlich zu den Treppen auch Rampen gegeben, die sowohl Angestellte mit ihren Bücherwagen als auch Rollstuhlfahrer hätten nutzen können, aber in den späten sechziger Jahren war man offensichtlich nicht sehr Minderheitenfreundlich eingestellt gewesen.
.....Was hier gerade abgeht ist auch nicht besonders Minderheitenfreundlich.
.....Marc fingerte an dem Griff der Metallklappe herum, ohne die Augen von den Glastüren zu lassen. In dem Augenblick, als die Klappe mit einem Schnappen aufsprang, erreichte die Kreatur die Türen zum Flur. Es schien, als würde die lebendige Masse aus Knochen, Gedärmen und Blut dagegen rasen und ihr Gesicht an der Scheibe plattdrücken. Eine schmale Aura bildete sich um den Kopf – er wurde tatsächlich breiter und flacher – dann presste er sich langsam und mit dem kreischenden Geräusch einer Gabel, die auf einem Teller kratzt, durch das Glas. Einfach so, wie Pudding durch ein Sieb.
.....Marc riss die Klappe des Lifts ganz auf. Wer auch immer den Lift zuletzt benutzt hatte, hatte ihn auf der obersten Ebene stehenlassen. Anders als ein regulärer Personenaufzug, ließ er sich nur von außen bedienen. Einen Moment keimte die Angst in ihm auf, die Steuertasten an der Wand würden nur bei geschlossener Klappe funktionieren. Aber was hatte er schon zu verlieren? Das Wesen presste gerade schwer keuchend die Trümmer seiner Hüfte durch die Scheibe. Trotzdem glotzte ihn das Ding mit einem siegreichen Grinsen an.
.....Marc kletterte in die enge Kabine. Sein Gewicht war kein Problem, ein Wagen mit Büchern wog auf jeden Fall mehr. Bevor er seinen Kopf einzog, sah er, dass die Kreatur sein verbliebenes Bein durch das Glas gezogen hatte und nun wieder beschleunigt auf ihn zuraste, begleitet von dem schweren Graupensuppengeruch. Marc beugte sich vor und hämmerte auf den Schalter für das Erdgeschoss. Eine Woge der Erleichterung überschwemmte ihn, als sich der Aufzug mit metallischem Stöhnen in Bewegung setzte. Die Erleichterung schwand sofort, als er realisierte, wie langsam der Lift nach untern fuhr; trotzdem riskierte er es nicht, nach außen zu langen um irgendwie die Klappe zu schließen. Er biss die Zähne zusammen, verzog sein Gesicht zu einer Grimasse und hielt seine Arme schützend vor sich als die hässliche Fratze des Wesens vor dem kleiner werdenden Spalt auftauchte. Als wäre die Zeit angehalten worden, sah Marc jedes Detail in dem furchtbaren Gesicht: Eine olivgrüne Schleimblase hatte sich an dem linken Nasenloch gebildet und waberte auf einem Bett aus Speichel und Blut. Die Pupillen waren so hellgrau, man konnte sie fast nicht mehr vom Weiß der Augäpfel unterscheiden. Aber am entsetzlichsten war der Mund. Das Fleisch und die Haut darum schienen sich zurückgezogen zu haben, weshalb man das gesamte Zahnfleisch sehen konnte. Der Kiefer öffnete sich und eine poröse Zunge kam zum Vorschein, gerade, als der Lift endgültig im Mauerwerk des vierten Stocks verschwand.
.....Es war jetzt stockdunkel in dem engen Aufzug. Marc versuchte, die klaustrophobische Angst abzuschütteln, in dem er nachrechnete, in welchem Stockwerk er sich mittlerweile befand. Gedanklich war er beim zweiten Geschoss angelangt, als er von einem heftigen Krachen auf der Decke der Kabine aufgeschreckt wurde. Die Aufhängung gab ein quietschendes, knarrendes Geräusch von sich, aber der Aufzug bewegte sich mit konstanter Geschwindigkeit weiter.
.....Marc atmete in kurzen Stößen.
.....Was sich durch Glas drücken kann, kann das auch durch Metall schaffen. Und dann ist es hier drinnen bei mir und ich kann mich in der Enge nicht mal bewegen. Es wird mich einfach bei lebendigem Leibe auffressen.
.....Marc riss die Hände nach oben, als könne er, was auch immer durch die Decke kommen würde, damit aufhalten. Stattdessen gab es einen weiteren Ruck, begleitet von einem Geräusch metallischen Reißens. Der Aufzug wurde durchgeschüttelt, dann ertönte noch zwei Mal dieser Laut und er raste ungebremst in die Tiefe.

Die plötzliche Beschleunigung drückte Marcs Lungenflügel zusammen, dennoch stemmte er seine Schulter, Arme und Füße gegen die Außenwände. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen schlug der Lift auf. Der Aufprall war so heftig, dass Marc für einen Moment die Luft ganz wegblieb und ein wahnsinniger Schmerz durch seinen gesamten Körper raste. Die Dunkelheit um ihn herum ergriff nun auch Besitz von seinem Geist.
.....Marc verlor das Bewusstsein.


6

Bildung ist wunderbar. Doch sollte man sich von Zeit zu Zeit erinnern, dass wirklich Wissenswertes nicht gelehrt werden kann.
Oscar Wilde (1854–1900)​

Als er wieder zu sich kam, lag er noch immer regungslos in der engen Finsternis. Der Übergang von der Ohnmacht bis zum vollen Bewusstsein vollzog sich langsamer als der allmorgendliche Prozess des Aufwachens.
.....Zu Beginn herrscht eine angenehme und beruhigende Leere im Kopf, zu der sich stetig vereinzelte Gedanken und Erinnerungen wie lose Puzzleteile addieren, die mit Gleichgültigkeit betrachtet werden. Diese Teile treiben wie durch eine klare Flüssigkeit, bis sich einige von ihnen zusammensetzen und somit schlüssigeren Inhalt ergeben.
.....Diese größeren Fragmente betrachtete Marc mit der gegebenen Ruhe dieser Phase: Du bist noch am Arbeiten – du solltest langsam Feierabend machen – geh einfach nach Hause – kümmere dich später um alles.
.....Dann fügten sich die Fragmente zu noch größeren Teilen zusammen: Etwas Unangenehmes ist geschehen – nein, etwas Schreckliches ist geschehen – du hast eine (zwei) Leichen gesehen – sie haben sich bewegt – das ist völlig unmöglich – aber du hast es gesehen – das kann es nicht geben, du hast alles nur geträumt – warum liege ich hier – einer der Toten hat dich verfolgt – ich verliere meinen Verstand, das ist die einzige Erklärung – ich warte einfach auf ärztliche Hilfe, psychologische Hilfe – so schlimm wird es schon nicht werden, denk an Nicholson in ‚One flew over the Cuckoo’s Nest‘ – hahaha.
.....Dann schrie ein Teil seines Gehirns:
.....Raus hier! So schnell wie möglich. Das Ding ist noch immer direkt über dir!
.....Sofort tauchte Marc aus dem Meer des Halbschlafes auf. Eine weitere Welle von Schmerzen durchfuhr seinen Körper. Ungeachtet dessen presste er seinen rechten Handballen gegen die Innenseite der Klappe und drückte so fest er konnte. Die Klappe gab nicht nach, dafür hörte er ein metallisches Knirschen. Marc erstarrte. War das die Klappe oder etwas über ihm?
.....Ein sämiger Tropfen fiel auf seine Schulter.
.....Das Wesen! Es ist noch da. Es drückt sich durch die Decke!
.....Marc drehte sich in der Enge seines Gefängnisses auf die Seite, winkelte seine Beine an und presste die Füße gegen die Klappe. Die Schmerzen waren gewaltig. Er konnte nicht sagen, ob das Keuchen, das er hörte, sein eigenes war oder das der Kreatur über ihm. Mit einem plötzlichen Ruck flog die Klappe auf. Die komplette Dunkelheit um ihn herum wich einigen flackernden Blitzen, gefolgt von stetigem Lichteinfall, der ausreichend war, um im Augenwinkel den Kopf der Kreatur zu sehen, den sie schon fast gänzlich in den Fahrstuhl gedrückt hatte. Der klaffende Mund war wie zu einem stummen Triumphgeheul aufgerissen.
.....Marc rollte sich darunter hinweg aus dem Bücherlift heraus und kam mühsam auf die Beine. Ihm war schwindelig und übel, sein ganzer Körper eine einzige Wunde, aber er war auch erleichtert, so weit gekommen zu sein. Das Ding würde noch etwas Zeit brauchen, um durch die Metalldecke zu kommen. Da der Riegel bei seinem Befreiungsversuch abgebrochen war, konnte Marc seinen möglichen Vorsprung nicht dadurch erhöhen, dass er die Klappe zum Lift wieder schloss. Also drehte er sich um und orientierte sich. Er befand sich nicht im Erdgeschoss, wie er es angenommen hatte, sondern im Keller der Bibliothek, genauer gesagt, im Archiv. Aufgehalten hatte er sich in den wenigen Tagen seiner Dienstzeit hier noch nicht, aber Frau Lohmann hatte ihm kurz davon erzählt.
.....Die Neonröhren wurden scheinbar von Bewegungsmeldern aktiviert – das zumindest erklärte, warum das Licht angegangen war, als die Klappe aufflog. Der Grundriss unterschied sich von dem des Erdgeschosses und denen der übrigen Stockwerke, denn Marc befand sich nicht im Treppenhaus des Kellers, sondern im Archiv selbst. Ein regelrechtes Labyrinth aus extrem hohen Rotationsregalen ragte vor ihm in der riesigen, gewölbeartigen Halle auf. Er hatte zwar noch nie in seinem Leben Rotationsregale gesehen, aber sie entsprachen genau der Beschreibung von Frau Lohmann – lange Bücherregale von bis zu sechs Metern Höhe, deren Regalbretter mittels einer Kurbel durch Ketten über oben und unten angebrachten Umlenkrollen wie bei einem Paternosteraufzug hinauf- und hinabbewegt werden konnten, was die Benutzung von Elefantenfüßen oder Leitern komplett überflüssig machte. Man kurbelte einfach so lange, bis das gewünschte Buch in Griffhöhe angelangt war.
.....Nur wenige Meter von Marc entfernt befanden sich Glastüren, die zum Treppenhaus führen mussten. Die Freude darüber war nur von kurzer Dauer, denn die Türen waren verschlossen. Sehnsüchtige blickte Marc durch die Scheiben herüber zu dem vom wenigen Licht des Archivs beleuchteten Treppenaufgang und stutze, als er in der grauen Dunkelheit etwas am Fuß der Treppe liegen sah – seine Flip Flops und die zerbrochene Taschenlampe. Jetzt erst wurde ihm bewusst, dass die Treppe wieder da war – oder war sie nie weg gewesen? ‚one flew east‘ – und es war diese Erkenntnis, die ihn plötzlich resignieren lies. Ohne einen konkreten Gedanken fassen zu können, stand Marc, seine Stirn an die Glastür gedrückt, als wolle er es der Kreatur gleichtun, und starrte auf die Treppe, bis er irgendwann hinter sich ein widerliches Knacken, gefolgt von einem platschenden Geräusch aus dem Inneren des Bücherlifts hörte. Das löste ihn aus seiner Lethargie. Erneut sah er sich um. Es gab nichts in unmittelbarer Nähe, mit dem er hätte die Glastüren einschlagen können – wie zum Beispiel einen Feuerlöscher – nur Bücher; aber selbst die dicksten Hardcoverausgaben würden nicht ausreichen, die Doppelverglasung kaputt zu kriegen.
.....Der Notausgang. Es musste hier unten mindestens einen davon geben, vielleicht sogar mehrere, berücksichtigte man die Größe des Archivs und dessen leicht entflammbaren Inhalt. Marc setzte sich in Bewegung. Rennen kam nicht in Frage, dafür waren seine Schmerzen zu groß. Da er sich dort unten eh nicht auskannte, wählte er den mittleren Hauptgang. Ihm war es vorerst nur wichtig, möglichst viel Distanz zwischen sich und das Wesen zu bringen.
.....Kurz darauf hörte Marc das Knarren der Lifttür. Sogleich änderte er seine Richtung, verließ den Hauptgang und schlug sich in die schützende Deckung zwischen den Regalen. Jedenfalls hoffte er, dass sie Schutz bieten würde. Dann blieb Marc regungslos stehen, um zu lauschen. Sein erschöpfter Atem und sein rasendes Herz waren lauter, als es ihm lieb war.
.....Eine kurze Zeit – oder eine Ewigkeit – geschah nichts. Dann bemerkte Marc wieder den Geruch von Graupensuppe. Er unterdrückte mühsam ein Schluchzen der Verzweiflung. Das Wesen kam näher, schnell näher. Durch den fortwährenden Wechsel zwischen Zeitraffer und Zeitlupe war es unmöglich abzuschätzen, wie schnell der Kadaver wirklich war. Marc wurde klar, Weglaufen stellte keine echte Lösung dar, zumal er nicht wirklich in der Lage war, zu laufen. Also versuchte er, so leise und regungslos an seinem Platz zu bleiben, wie es in seiner Situation eben möglich war.
.....Als sich das Wesen nur wenige Meter von ihm entfernt im Hauptgang in sein Sichtfeld schob, hielt er den Atem an. Langsam zog es sich auf seinen Ellenbogen voran und hielt plötzlich inne. Es drehte seinen Kopf in Marcs Richtung. Das, was einst ein Mund gewesen war, verzerrte sich zu einem höhnischen Grinsen. Es hatte ihn entdeckt.

Marc riss die Arme nach oben, packte das höchste Regalbrett, das er zu fassen bekam und zog sich mit aller Gewalt daran hoch. Für den Bruchteil einer Sekunde betete er, die Regalböden würden halten. Wenn die Zahnräder des Rotationsmechanismus durch sein zusätzliches Gewicht durchdrehten, die Ketten rissen oder aus der Führung sprangen, dann wäre es, als würde er versuchen, das größte, senkrechtstehende Laufband der Welt zu bezwingen. Aber sie hielten und Marc erklomm das Regal wie eine Leiter.
.....Oben angekommen, hockte er sich hin und blickte ängstlich hinab zu dem Wesen. Es tobte wie ein Berserker an der Stelle, an der er vor wenigen Augenblicken noch gekauert hatte. Vergeblich versuchte es, Marc zu folgen, gab gurgelnde, kreischende Laute von sich, doch ohne Hände war alle Mühe vergebens. Marc spürte einen Funken Hoffnung in ihm aufkeimen. Mit ein wenig Glück würde er bis zum nahenden Morgengrauen aushalten und gerettet werden. Allerdings konnte er sich nicht wirklich entspannen, denn das Kreischen schwoll zu einem ohrenbetäubenden Geschrei an und der Geruch nach Graupensuppe wurde noch penetranter.
.....Um sich davon abzulenken, sah Marc sich seine Umgebung genauer an. Nur wenige Meter entfernt zu seiner Rechten befand sich eine der Außenwände. Ungefähr auf Hüfthöhe verlief ein schmaler, weißgelblicher Streifen über die gesamte Länge der grob verputzten Betonwand, in regelmäßigen Abständen unterbrochen von ebenfalls weißgelblichen Pfeilen, die vom Eingang weg und tiefer in das Gewölbe zeigten. Das war das phosphoreszierende Leitsystem für die Notausgänge.
.....Konnte er es riskieren?
.....Theoretisch – ja. Andererseits war es vermutlich sicherer, auf dem Regal bis zum Morgen auszuharren. Aber was, wenn er müde wurde, einschlief und runterfiel? Oder der Mechanismus doch noch nachgab und er das Gleichgewicht verlor. Was, denn die Kreatur auch ohne Hände einen Weg zu ihm herauffand?
.....Unter ihm tobte das Untier lauter als zuvor, als hätte es seine Gedanken erraten. Marc wurde unruhig. Er wollte es versuchen. Wenn es ihm gelang, von Regal zu Regal zu springen, konnte er vielleicht nah genug an den nächsten Notausgang gelangen, um irgendwie zu fliehen. Er könnte die Kreatur mit Büchern bewerfen und sie so kurz ablenken oder, im besten Falle, kurz verscheuchen. Hol das Büchlein. Brav.
.....Marc peilte das nächste Regal an. Der Zwischenraum war größer als in der eigentlichen Bibliothek; er schätzte ihn auf ungefähr einen Meter achtzig. Mit wackligen Beinen erhob er sich, während das Rotationsregal verdächtig knarrte.
.....Er sprang …

… und erreichte das nebenstehende Regal. Marc klammerte sich krampfhaft an der oberen Reihe fest und zog sich herauf. Bücher fielen hinab und trafen die Kreatur, die ihm am Boden gnadenlos folgte. Sein Herz raste. Marc holte einen Moment Luft, dann sprang er erneut.
.....Auf diese Weise gelang es ihm, sich fünf Regalreihen weit zu bewegen. Verzweiflung und Triumph fochten einen inneren Kampf aus. Einige der Regale waren deutlich älter und morscher als andere. Warum konnten sie nicht einfach längst zur Außenwand stehen? Dann hätte er bis zu seinem Ziel auf Händen und Knien bewegt, ohne überhaupt springen zu müssen. Doch das war jetzt fast egal, denn der Notausgang befand sich nur noch wenige Meter von ihm entfernt. Der komplette Rahmen der grünen Metalltür war ebenfalls mit der phosphoreszierenden Farbe gestrichen worden. Marc fixierte die Klinke – draußen wird sie wohl keine haben. Sollte die Tür entgegen allen Vorschriften abgeschlossen sein, wäre das sein sicheres Todesurteil. Er glaubte nicht, die Kreatur lange genug ablenken zu können, um bis zur Tür und wieder zurück auf das Regal zu gelangen.
.....Stellenweise war der grüne Lack abgeblättert und machte rotbraunen Rostflecken Platz.
.....Was, wenn das Schloss auch verrostet ist? Wie lange ist die Tür nicht mehr benutzt worden?
.....Dann bemerkte Marc das Kabel und den Kontakt zwischen Tür und Rahmen. Eine Alarmanlage. Selbst, wenn er die Tür nicht aufbekäme, könnte er vielleicht mit dem Alarm Hilfe herbeirufen.
.....Mark ließ die Finger seiner linken Hand über die Bücher gleiten, die direkt unter ihm auf dem höchsten Regalbrett standen, bis er eine schwere Hardcoverausgabe ertastete. Er nahm sie (‚Die Maerchen‘ von Werner Jansen mit Bildern von Paul Hey, 1921), trennte mit einem Ruck den Buchblock heraus, riss den Deckel vom blaugrünen Einband aus Maroquinleder ab, faltete ihn und steckte ihn in seine hintere Hosentasche. Selbst wenn die Tür verschlossen war, reichte es eventuell, den Buchdeckel zwischen die beiden Kontakte der Alarmanlage zu schieben, um sie auszulösen.
.....Die Kreatur war Marc bis hierher gefolgt und kroch aufgeregt hin und her, am Fuß der rechten Regalseite, derjenigen, die der Notausgangstür abgewandt war. Marc sah abwechselnd zwischen der Tür, dem Wesen und den Regalen in der Nähe Glastüren, die er hinter sich gelassen hatte, hin und her, schätzte die Entfernungen ab und mit ihnen die Zeit, die ihm blieb, sollte sein Plan überhaupt funktionieren. Er ging vorsichtig in die Hocke und wedelte vor sich mit dem Buchblock herum, sodass ihn die Kreatur sehen konnte.
.....„Hey, du Mistviech, willst du das? Willst du es? Los, schnapp es dir!“
.....Marc warf ihn mit aller Kraft in Richtung Glastüren. Die Seiten flatterten und verliehen dem Buchblock kurzfristig das Aussehen eines fetten, hektischen Vogels. Durch den plötzlichen Ruck rutschte Marcs schweißnasser Fuß vom oberen Regalbrett. Er ruderte mit den Armen, fiel, dann versuchte er sich instinktiv an irgendetwas zu klammern, riss dabei etliche Bücher heraus, bekam das nächste Regalbrett zu fassen, hörte die morschen Kettenglieder des Rotationsmechanismus bersten, die Zahnräder durchdrehen und stürzte, an das Regal geklammert, fast ungebremst in die Tiefe. Die durch Marcs Gewicht einsetzende Rotation katapultierte weitere Bücher aus dem Regal sobald sie die obere und untere Umlenkrolle passierten.
.....Der Aufprall war schmerzhaft, aber nicht so schlimm, wie er befürchtet hatte. Seine lädierten Beine knickten weg, er fiel auf den Rücken und schützte sich eher schlecht als recht mit den Armen gegen die herabfallende Literatur. Er spürte ein Stechen in der linken Schläfe. Wenn man von schweren Büchern am Kopf getroffen wird, erinnert man sich unweigerlich daran, dass sie zum allergrößten Teil aus Holz bestehen.
.....Wo war die Kreatur?
.....Marc rappelte sich mühsam auf. Erst jetzt bemerkte er die beinahe absolute Stille – kein Kreischen, kein Gewitter und da das Rotationsregal endlich zum Stillstand gekommen war, gab es auch keine knarrenden, quietschenden Laute mehr von sich.
.....Warum war das Wesen plötzlich still? Und wo steckte es? Lauerte es ihm auf? Das machte keinen Sinn. War er wieder ohnmächtig geworden? Er konnte sich das doch unmöglich alles eingebildet haben.
.....‚one flew west‘
.....Der Notausgang! Er war fast zum Greifen nahe. Mit angehaltenem Atem spähte Marc in den Seitengang, der an der Außenwand des Archivs entlanglief. Nichts – keine Kreatur, keine Bewegung, keine Geräusche. Nach wenigen Sekunden hielt Marc es nicht mehr aus, er stolperte unbeholfen über die am Boden verteilt liegenden Bücher, ignorierte die Schmerzen, erreichte die Tür, griff mit beiden Händen nach der Klinke und … nichts.
.....Die Klinke ließ sich zwar herunterdrücken, aber die Tür öffnete sich nicht, weder nach innen noch nach außen. Panik, Wut und Verzweiflung mischten sich und während er in diesem emotionalen Wirbel an der Tür mit Leibeskräften rüttelte, verfluchte er sie, die Bibliothek, die Hersteller von Notausgängen und überhaupt jeden in dieser gottverdammten Uni.
.....Ein metallisches Klirren ertönte aus Richtung der Glastüren, gefolgt von einem Klicken und einem Quietschen.
.....„Hallo? Marc? Bist du hier?“
.....Marc kannte die Frauenstimme, konnte sie in seiner Verwirrung aber nicht sofort zuordnen und die Regale versperrten ihm die Sicht. Es klang so, als hätte jemand die Glastüren aufgeschlossen. Sie kannte seinen Namen … sie …
.....„Frau Lohmann!“, rief Marc plötzlich. „Passen Sie auf! Hier läuft ein Monster herum!“
.....Soviel zum Thema kluge, kleine Notlügen.
.....Marc humpelte zurück zwischen die Regalreihen und in Richtung Hauptgang, ohne sich dessen richtig bewusst zu sein. Sollte sich die Kreatur zwischen ihm und Frau Lohmann befinden, würde er ihr vermutlich nicht mehr entkommen können. Er hatte beinahe das Ende des Regals erreicht, als eine Gestalt im Hauptgang in sein Sichtfeld trat.
.....Sybille Lohmann.
.....„Marc. Was um Himmels Willen ist denn hier los? Und wie siehst du überha –“
.....„Wo ist es?“, unterbrach er sie lauter als gewollt. „Das Ding, wo steckt es? Wir müssen hier raus! Sofort!“
.....„Was denn für ein Ding? Jetzt beruhige dich doch erst einmal.“
.....„Nein!“, schrie Marc und seine Stimme überschlug sich, als sei er wieder im Stimmbruch. Es packte Sybille Lohmann am Arm, spähte hektisch den Hauptgang rauf und runter und zerrte sie dann in Richtung Glastüren. „Erst müssen wir hier verschwinden!“
.....Das rettende Treppenhaus ließ Marc sämtliche Vorsicht vergessen. Selbst wenn die Kreatur in einem der Seitengänge lauerte, könnte ihr Marc trotz seiner Schmerzen vermutlich davonlaufen, so voller Adrenalin, wie er jetzt war.
.....Vermutlich.
.....Auf halber Strecke ließ Marc ihren Arm los, um schneller voran zu kommen. Er erreichte die Glastüren und riss sie auf. Das Treppenhaus war jetzt beleuchtet. Ohne anzuhalten rannte er weiter, ignorierte seine Flip Flops, versuchte lediglich, mit seinen nackten Füßen nicht auf die Scherben der kaputten Taschenlampe zu treten und lief die Treppe hinauf.
.....Weg! Nur weg von hier.

Im Erdgeschoss kamen sie direkt neben dem Eingang zum Hörsaal C1 heraus. Obwohl Marc schon etliche Vorlesungen darin verbrachte hatte, war ihm die Kellertreppe nie aufgefallen.
.....„Marc, jetzt bleib endlich stehen!“, keuchte hinter ihm Sybille Lohmann. Er wäre am liebsten weitergelaufen, raus aus der Uni, raus aus der Stadt und sicherheitshalber raus aus dem Land. Dennoch folgte er ihrer Aufforderung. Der Bereich vor dem Hörsaal grenzte an das Foyer. Hier gab es große Fensterfronten und frischere Luft als tief unten im Archiv. Hier hörte man endlich wieder das Geräusch von Regen und das leise Grollen des Gewitters.
.....War es immer noch dasselbe? Wie spät es wohl war? Draußen war es noch immer dunkel.
.....Hier gab es eine Spur von Normalität. Dennoch ließ Marc den Absatz zur Kellertreppe nicht aus den Augen. Er würde er sofort stiften gehen, sollte er dort auch nur die kleinste Bewegung wahrnehmen.
.....„Hören Sie, Frau Lohmann, wir müssen hier raus und die Polizei benachrichtigen.“
.....Sybille Lohmann hatte sich mit ihren Händen auf den Knien abgestützt, sodass ihre Brille wie eine kleine Schaukel vor ihren Beinen hin und herschwang. Sie war sichtbar außer Atem und blickte mit ungläubigem Gesichtsausdruck zu ihm hoch. Das unangenehme Gefühl von Déjà-vu überkam Marc, aber es war ihm egal. Er würde sich auf nichts mehr einlassen und schnellstmöglich von hier verschwinden. Sollten sie ihn doch feuern oder der Uni verweisen. Das wäre ihm momentan sogar ganz recht. Im besten Fall hatte ihm jemand Drogen verabreicht und ihn auf einen Horrortrip geschickt, im schlechteren Fall hatte er seinen Verstand verloren und im schlechtesten Fall war alles wirklich passiert.
.....‚and one flew over the cuckoo’s nest’
.....„Die Polizei?“, fragte sie, wieder einigermaßen bei Atem. „Weshalb? Was ist passiert?“
.....„Oben in der Bibliothek liegt eine Leiche. Zwei. Eine!“
.....„Ganz ruhig, Marc. Eine oder zwei?“
.....„Eigentlich zwei. Den Wachmann hat es auch erwischt. Die andere ist unten im Archiv. Glaube ich.“
.....„Das ist ja entsetzlich.“
.....„Können wir jetzt bitte endlich hier verschwinden und Hilfe rufen? Ich glaube, der Mörder ist hier immer noch irgendwo.“
.....„Aber sicher doch“, antwortete Sybille Lohmann ruhig. „Die Telefone sind hinten im Foyer, in der Nähe des Haupteingangs.“
.....„Ich weiß.“
.....„Was ist denn nun passiert? Kannst du mir das sagen?“
.....Und Marc erklärte ihr in kurzen Worten, dass er im fünften Stock eine Leiche entdeckt hatte, danach dem Wachmann begegnet war und ihn zum Tatort zurückbegleitet hatte. Dort wurde dieser ebenfalls umgebracht und er, Marc, war mit Hilfe des Bücherlifts in das Archiv geflohen und hatte sich dort versteckt, bis sie aufgetaucht sei.
.....Marc war selber erstaunt, wie plausibel die Geschichte klang, wenn man sie ohne die übernatürlichen Elemente erzählte. Zumindest so lange nicht nach irgendwelchen Details gefragt wurde.
.....Mittlerweile hatten sie die vier offenen Zellen mit den Telefonen erreicht. Sie befanden sich in der Nähe des Haupteingangs und grenzten an einen Bereich mit mehreren Tischen und Bänken. Keiner der ihm bekannten Studenten wusste, wofür die Architekten seinerzeit diesen Aufenthaltsbereich vorgesehen hatten – genutzt wurde er eigentlich nur, um die wöchentlich zu erledigenden Aufgabenzettel von Kommilitonen abzuschreiben.
.....„Ich rufe jetzt die Polizei, Marc“, sagte Sybille Lohmann und drückte ihn sanft auf eine der Bänke. Von hier aus konnte er zwar nicht mehr den Treppenabsatz auf der gegenüberliegenden Seite des riesigen Foyers sehen, aber zumindest den Bereich vor dem Hörsaal C1. So nahe am Haupteingang reichte ihm das. Vorerst.
.....Dann kramte sie aus ihrer uralten Umhängetasche eine Packung Marlboro hervor und bot Marc eine Zigarette an. Er rauchte sie dankbar, während Sybille Lohmann mit der Polizei telefonierte. Ihr Anruf dauerte nicht lange. Marc hatte ihr nicht richtig zugehört – dafür war er viel zu sehr mit einer Million Gedanken beschäftigt gewesen, die sich alle um die Geschehnisse der letzten Stunden drehten. Zudem hatte er das unbestimmte Gefühl, etwas vergessen zu haben. Sein T-Shirt? Schon, aber das war es nicht. Was sein Shirt anging, so hätte er es gerne geholt und angezogen, aber er würde ohne einen Polizisten keinen Schritt in Richtung Bibliothekseingang machen. Er hatte die Zigarette erst zur Hälfte geraucht, als Sybille Lohmann sich neben ihn setzte und sich ebenfalls eine ansteckte.
.....„Die Polizei ist in spätestens drei Minuten hier. Durch das Gewitter ist ganz schön was los und unten in der Stadt solle es in einigen Vierteln zu heftigen Überschwemmungen gekommen sein. Der knochentrockene Boden konnte die plötzlichen Regenmassen wohl nicht schnell genug aufnehmen. Jedenfalls sollen wir hier warten, bis sie eintreffen.“
.....„Können wir das nicht draußen tun?“, fragte Mark leicht flehentlich. „Das … der Mörder ist doch wahrscheinlich noch hier. Haben Sie das den Polizisten nicht erzählt?
.....„Nachbarn haben der Polizei eine auf dem Unigelände herumschleichende, verdächtige Person gemeldet, deshalb sollen wir hier drinnen in der Nähe des Haupteingangs warten. Dort können wir auch schnell flüchten, falls nötig.“
.....Marc war unentschlossen und war drauf und dran, einfach nach Hause zu gehen. Aber sich von einem Tatort zu entfernen hatte mit Sicherheit schlimmere Konsequenzen als Entlassung oder Exmatrikulation. Er könnte es auf seine geistige Verfassung schieben und seinen Schockzustand, was vermutlich nicht mal eine Lüge gewesen wäre. Andererseits –
.....„Außerdem würdest du dir bei dem Unwetter garantiert eine Lungenentzündung holen, wenn du draußen so halbnackt herumläufst. Du hast doch so nicht etwa gearbeitet? Dir ist schon klar, dass wir keine Oben-ohne-Bibliothek sind?“
.....Zu seiner eigenen Überraschung lachte Marc kurz auf. Aus seinen Gedanken gerissen fragte er: „Wieso sind Sie eigentlich hier?“
.....„Kennst du das Hochhaus in dem Wohngebiet gegenüber der Uni auf der anderen Seite der Hauptstraße? Dieser geschmacklose Bauklotz ist dir bestimmt schon mal aufgefallen. Ich wohne ziemlich weit oben und von meinem Küchenfenster aus kann ich die Uni sehen. Ich konnte bei der Hitze und dem Gewitter nicht schlafen und als ich mir eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank holte, sah ich Licht in verschiedenen Stockwerken der Bibliothek an- und ausgehen. Dann habe ich versucht, den Wachschutz anzurufen, aber erfolglos, deshalb habe ich mich selber auf den Weg gemacht, um nachzuschauen.“
.....„Das war ziemlich mutig“, murmelte Marc, der schon wieder geistesabwesend nur das letzte Drittel ihrer Erklärung mitbekommen hatte. Er drückte seine Zigarette aus.
.....„Ich wusste ja nicht, was hier los war und hatte gehofft, den Wachmann zu finden. Lenniger hat mich schon lange auf dem Kieker und sucht nur nach einem Grund, mich zu feuern, aber ich bin zu gut in meinem Job. Pah, dieser aufgeblasene Wichtigtuer mit seinen mickrigen Literaturkenntnissen kann gerade mal ein Buch von einem beschrifteten Ziegelstein unterscheiden. Blöder Anal-phabet.“
.....Diese plötzliche Schimpfkanonade kam völlig überraschend für Marc und seine Vorgesetzte hatte nun endlich wieder seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Erstaunt und etwas belustigt starrte er sie an.
.....„Es tut mir leid, Marc. Man sollte keine Witze auf Kosten von Homosexuellen machen.“
.....„Schon okay, ich habe damit keine Probleme. Ist natürlich davon abhängig, von wem es kommt und wie es gemeint ist.“
.....Verlegenheit schwang in ihrer Stimme mit, als sie weitersprach.
.....„Dann bist du also …? Ich meine, hier wird viel getratscht und so. Du kennst das bestimmt. Mir macht das nichts aus, mein jüngerer Bruder ist auch homosexuell. Er und seine Clique witzeln ständig damit rum und nennen sich gegenseitig ‚Kissenbeißer‘ oder ‚Ritzentaucher‘. Daher habe ich das wohl.“
.....„Wie gesagt, es ist in Ordnung. Sie müssen sich nicht entschuldigen. Ich weiß ja, Sie meinen es nicht böse“, entgegnete Marc versöhnlich. „Und ja, ich bin schwul. Keine große Sache.“
.....„Absolut nicht“, bestätigte Sybille Lohmann und klang immer noch leicht beschämt. „Ich kenne das ja von David, so heißt mein Bruder. David hatte in seinem ganzen Leben noch nie eine Freundin gehabt. Ich habe mich immer gewundert, wie er dann wissen konnte, dass er … nicht auf Frauen steht. Also wenn er es nie ‚ausprobiert‘ hat.“
.....Marc wunderte sich ein wenig, welche Richtung ihr Gespräch gerade nahm, aber vielleicht wollte sie ihn nur mit irgendeinem Thema von dem Grauen der letzten Stunden ablenken, bis endlich die Polizei eintraf. Nett, wenn auch etwas zu offensichtlich. Er ließ sich trotzdem darauf ein.
.....„Tja, stehen Sie denn auf Frauen?“, setzte Marc also den Dialog fort.
.....„Ich? Nein.“
.....„Haben Sie es denn schon einmal ausprobiert?“
.....„Oh, ich verstehe“, antwortete Sybille Lohmann mit leichtem Zögern. „Guter Einwand.“
.....Sie schwiegen beide einen kurzen Moment.
.....Dann fragte sie beiläufig: „Und du? Hast du schon mal mit einer Frau geschlafen?“
.....Jetzt wurde es Marc doch etwas mulmig zumute. Worauf wollte sie hinaus? Sollte das ein Angebot sein?
.....„Nein, noch nie“, antwortete er und sah sie dabei direkt an. „Und das wird sich bestimmt nicht ändern.“
.....Marc war sich nicht sicher, ob sein Tonfall zu vorwurfsvoll geklungen hatte. Vielleicht hatte sie ja gar keine Absichten und wollte sich wirklich nur unterhalten.
.....Es entstand wieder eine kurze Pause. Gerade wollte Marc das Gespräch auf ein weniger verfängliches Thema umlenken, als ein Blitz in nächster Nähe der gläsernen Eingangstüren einschlug und unmittelbarer Donner die Stille förmlich zerriss. Der Blitz verwandelte das Foyer für einen Moment in ein monochromatisches Bild aus weißen Oberflächen und schwarzen Schatten. Und er wurde von Sybille Lohmanns Brillenkette grell reflektiert.
.....Wetterleuchten erhellte den Himmel. Etwas hinter der Gestalt blitzte kurz auf, ungefähr in Brusthöhe. Stand doch jemand dahinter?
.....Das war es, was Marc vergessen hatte.
.....„Sie …?“, flüsterte er.
.....Statt zu antworten, lächelte Sybille Lohmann ihn an, zog eine kleine Dose aus ihrer Umhängetasche und sprühte ihm die Ladung Pfefferspray direkt ins Gesicht.


7

Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert.
Oscar Wilde (1854–1900)​

Marc hatte in dem Moment gerade ausgeatmet, dadurch bekam er kaum etwas von dem Spray in die Lungen. Das Wenige, was dennoch in seinen Körper gelangte, reichte jedoch, ihn unkontrolliert husten zu lassen. Seine Augen hatte er nicht schnell genug schützen können. Sie brannten, als hätte man ihm heißes Kerzenwachs hineingeträufelt. Trotz der Schmerzen schlug er seine Hände vor das Gesicht und rieb seine unkontrolliert tränenden Augen, was alles nur noch schlimmer machte. Er war blind und orientierungslos. Hilflos.
.....Er krümmte sich und stieß sich das Knie an einer der Bänke, als plötzlich ein unbeschreiblich heftiger Schmerz durch seinen Rücken schoss und er zitternd zusammenbrach.

Es fühlte sich an, als sei er selbst vom Blitz getroffen worden. Wenigstens schlug er nicht mit dem Gesicht auf den Fußboden, da er noch immer seine Hände gegen die Augen gedrückt hatte. Die epochale Ewigkeit von drei oder vier Sekunden hatte Marc die komplette Kontrolle über seine Muskeln verloren und lag zitternd wie ein Fisch, der versehentlich an Land gespült worden war, am Grund. Aber im Gegensatz zu einem Fisch schrie er dabei aus vollen Leibeskräften.
.....Dann endlich hörte das Zittern auf. Die Schmerzen verschwanden nicht augenblicklich, aber er konnte sich wieder bewegen. Marc wimmerte.
.....„Das ist ein Taser, den ich dem toten Wachmann abgenommen habe“, hörte er Sybille Lohmann wie durch Watte sagen. „Solch eine Waffe teilt Stromstöße von bis zu 50.000 Volt aus, habe ich mal gelesen. Sie sind dank der geringen Amperezahl nicht tödlich, aber ihre Wirkung kennst du nun. Und jetzt hörst du mir ganz genau zu, denn ich möchte weder, dass du irgendwelche Dummheiten begehst, noch, dass ich mich wiederholen muss.“
.....Sie machte eine kurze Pause, dann fuhr sie so sachlich fort, als würde sie ihm das Dewey-Dezimalsystem noch einmal erklären.
.....„Ich habe dir das Doppelprojektil ungefähr mittig zwischen deine Schulterblätter geschossen. Dort kommst du mit deinen Händen nicht schnell genug heran, um es herauszuziehen, bevor ich wieder abdrücke. Durch deine nackte Haut wird der Strom besonders effektiv übertragen, wie du bereits bemerkt haben dürftest. Die Kabel zwischen dem Projektil und dem Taser haben eine Länge von circa sieben Metern. Wenn wir gleich nach oben gehen, halte ich mich drei Meter hinter dir auf. Weit genug weg, dass du mich nicht angreifen kannst und nahe genug an dir dran, dass du das Projektil nicht dadurch loswerden kannst, indem du mir plötzlich davonrennst. In beiden Fällen lähme ich dich mit einem weiteren Stromstoß. Du würdest eh nicht weit kommen, da du für noch mindestens zwanzig Minuten fast blind sein dürftest. Hast du das alles verstanden?“
.....Marc verstand eigentlich gar nichts mehr, aber er hatte zumindest begriffen, was sie meinte. Er lag in Embryonalhaltung auf dem Steinboden. Bitterer Speichel rann aus seinem Mund, während er sich zwischen kurzen Hustenreizen immer wieder schmerzhaft räusperte. Er zitterte am ganzen Leib – das erste Mal in seinem Leben nicht vor Kälte, sondern aus echter Angst. Er nickte und weil er sich nicht sicher war, ob sie das bei seinem Zitteranfall erkennen konnte, krächzte er ein heiseres: „Ja.“
.....„Fein. Du stehst jetzt vorsichtig auf. Ich sage dir, in welche Richtung du dich drehen wirst, dann gehen wir langsam los.“

Marc gehorchte ihr und schleppte sich mühsam voran. An Flucht war nicht zu denken, nicht nur wegen ihrer Vorsichtsmaßnahmen, sondern weil diese endlos erscheinende Nacht ihren Tribut forderte und er vor Schmerzen kaum gehen konnte. Vielleicht hätte er versucht, ihr zu entkommen, wenn sie ihn in das Archiv gelotst hätte. Dahin wollte er unter gar keinen Umständen zurück. Aber sie gingen Treppen hinauf, statt hinab und wenn sie an Türen kamen, warnte ihn Sybille Lohmann rechtzeitig, damit er nicht gegen sie stieß, sondern sie öffnen konnte.
.....„Was haben Sie mit mir vor?“, fragte Marc nach einigen Minuten. Sofort musste er wieder husten.
.....„Du wirst Zeuge eines unglaublichen Experiments. Bitte geh etwas schneller, uns rennt langsam die Zeit davon.“
.....„Stecken Sie hinter all dem, was hier passiert ist?“
.....„Etwas schneller, Marc. Die nächste Aufforderung wird von einem Stromstoß begleitet.“
.....Darauf beschränkte sich Sybille Lohmanns Antwort und Marc traute sich nicht, nachzuhaken.

Kurz darauf passierten sie eine weitere Tür. Die Akustik änderte sich – der Hall ihrer Schritte nahm zu und der Regen war deutlicher zu hören. Obwohl seine Schleimhäute ebenso wie seine Kehle in Mitleidenschaft gezogen worden waren, nahm er den leichten Graupensuppengeruch wahr. Schlagartig brach ihm kalter Schweiß aus. Sybille Lohmann bemerkte seine plötzliche Unruhe sofort und wusste sie zu deuten.
.....„Du hast nichts zu befürchten, Marc. Wir sind allein. Ich habe den Thouless zurückgeschickt.“
.....„Was?“, fragte Marc, der sicher war, sie nicht richtig verstanden zu haben. Shoe lace?
.....„Ein Thouless ist ein niederer Dämon der dritten Stufe mit der Fähigkeit zur Diffusion. Aber wir sind hier in keiner Vorlesung. Wir gehen nun durch den Hauptgang vor uns, bis wir zu einem Stuhl gelangen. Geh vorsichtig, damit du über keine Bücher stolperst.“
.....Marc befolgte erneut ihre Befehle. Auf dem Weg blinzelte er und konnte endlich etwas mehr als nur farblose, unscharfe Flächen erkennen. Sie befanden sich vermutlich auf Ebene Fünf. Soweit er es sehen konnte, schwebten keine der Bücher mehr in der Luft, dafür lagen sie vereinzelt oder in kleinen Gruppen auf dem Parkettboden herum.
.....Der alte Holzstuhl stand recht zentral im Mittelgang. Hier irgendwo musste der Wachmann getötet worden sein. Statt der Leiche erblickte Marc eine niedrige, kleine Kupferwanne, die direkt vor dem Stuhl auf dem Boden stand. Sie hatte in etwa die Größe eines alten Fasses, das man in 20 Zentimetern Höhe abgesägt hatte und war mit einer fleischfarbenen Flüssigkeit gefüllt.
.....„Gut“, murmelte Sybille Lohmann zufrieden, als sie angekommen waren. „Hör mir jetzt noch einmal genau zu. Du wirst dich gleich auf den Stuhl setzen und deine Füße in die Wanne stellen. Neben dem Stuhl liegen Kabelbinder und ein paar Handschellen. Mit den Kabelbindern wirst du deine Beine an die vorderen Stuhlbeine fesseln. Die Füße bleiben dabei in der Wanne. Danach setzt du dich, legst dir die Handschellen an deinem rechten Handgelenk an und steckst deine Arme hinter dir durch die beiden senkrechten Spalte in der Rückenlehne – einen links, einen rechts. Ich werde dann die Schelle um das andere Gelenk schließen. Das kann ich mit einer Hand erledigen. In der anderen halte ich weiterhin den Taser. Solltest du Dummheiten versuchen, werde ich mehrere Minuten am Stück Strom durch deinen Körper fließen lassen. Hast du das alles verstanden?“
.....„Verstanden“, flüsterte Marc.
.....Die dunkle Flüssigkeit war lauwarm und etwas zäh. Als Marc seine Beine fesselte, bemerkte er die merkwürdigen Schriftzeichen, die um die Wanne herum auf dem Boden gemalt worden waren.
.....Was ist das hier für ein Geschmiere auf dem Parkett? Sieht aus wie Buchstaben oder so.
.....Vermutlich hatte Frau Lohmann der Leiche des Wachmanns auch die Handschellen abgenommen. Als sie mit allem fertig waren, riss Sybille Lohmann das Doppelprojektil aus Marcs Rücken. Die kurze, unbewusst aufkeimende Hoffnung wurde sofort wieder erstickt. Marc war an Händen und Füßen an den Stuhl gefesselt. Zwar konnte er seine Hände bis zur oberen Kante der Rückenlehne hochschieben, wenn er sich vorbeugte, aber das war auch schon alles.
.....Sybille Lohmann trat wieder in sein Gesichtsfeld, löste die leere Kartusche vom Taser und steckte ein neues Projektil auf. Sie schaute kurz besorgt auf ihre Uhr, dann nach draußen. Soweit Marc das mit seiner getrübten Sicht erkennen konnte, zog das erste Morgengrauen auf.
.....Morgengrauen.
.....„Was soll das alles? Was wollen Sie von mir?“
.....Angst und Verzweiflung mischten sich in Marcs Stimme, die ebenso wie seine Augen wieder besser wurde.
.....„Bitte lassen Sie mich gehen. Bitte!“
.....Mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck zog Sybille Lohmann – den Taser noch immer in der Hand – ein schweres, gebundenes Buch aus ihrer Umhängetasche. Unbeholfen balancierte sie es auf der Hand mit der Waffe, während sie es mit der freien aufschlug und hektisch durchblätterte.
.....„Bitte tun Sie mir nichts! Bitte! Tun Sie mir nichts!“
.....Mehrere beschriftete Notizzettel und Post-its fielen zu Boden.
.....„Ich habe Ihnen nichts getan! Bitte! Machen Sie mich los, ich will gehen! Bitte! Bitte!“
.....Die Panik, die von Marc Besitz ergriffen hatte, reduzierte den Inhalt seiner Sätze, ebenso wie die Eindrücke sämtlicher Sinnesorgane, auf eine simple Prämisse: Ich will leben. Ein Urinstinkt, der kein logisches oder bewusstes Denken erfordert – nur Emotionen.
.....Sybille Lohmann wollte sich nach den Notizen bücken, sah stattdessen erneut auf ihre Uhr und blätterte weiter. Vor und zurück.
.....„Ich flehe Sie an, bitte! Bitte!“
.....Obwohl die Wirkung des Pfeffersprays fast komplett verflogen war, nahm Marc seine Umgebung wie durch einen Tunnel wahr. Trotz der Lampen und der Morgendämmerung war es zu dunkel. Und zu kalt. Er zitterte wieder. Sein Mund war trocken, seine Handflächen dagegen feucht. Ihm wurde schwindlig.
.....„Ich will nicht sterben!“
.....Dann brach Sybille Lohmann in Tränen aus.


8

Jeder von uns ist sein eigener Teufel, und wir machen uns diese Welt zur Hölle.
Oscar Wilde (1854–1900)​

Marc verstummte augenblicklich.
.....Sybille Lohmann gab einige tiefe, langgezogene Schluchzer von sich. Sie ließ beinahe das Buch fallen, während sie ein Stofftaschentuch hervorkramte und den Taser auf den Boden legte. Weit außer Marcs Reichweite.
.....„Das wollte mein Bruder auch nicht. Der Wirtschaftsstudent und der Wachmann vermutlich ebenfalls nicht. Ich wollte sterben, nachdem dieser dreckige LKW-Fahrer David getötet hatte. Führerscheinentzug für ein Jahr was alles! Weil die Kreuzung schlecht einzusehen war. Nach dem Unfall haben sie dort einen konvexen Spiegel angebracht und ein Warnschild aufgestellt, aber das bringt mir meinen Bruder auch nicht zurück.“
.....Marc schaffte es nicht, die Fülle von Informationen in der gleichen Geschwindigkeit zu verarbeiten, in der sie aus Sybille Lohmann heraussprudelten. Letzen Winter hatte es in der Innenstadt einen Unfall gegeben, bei dem ein junger Fußgänger zu Tode gekommen war. Marc kannte die Kreuzung mit dem Spiegel. Auch jetzt wurden dort regelmäßig frische Blumen hingelegt und Kerzen aufgestellt.
.....„Aber ich bringe ihn zurück“, fuhr Sybille Lohmann fort. „Mit dem Wirtschaftsstudenten hat es nicht funktioniert – statt David hat ein Thouless seinen Körper übernommen und ihn dabei fast zerstört. Dass diese verdammten Studenten es heutzutage nicht schaffen, ihre Schwänze in den Hosen zu behalten!“
.....„Was?“ Marcs Frage klang eher wie ein kraftloser Seufzer.
.....„Ich brauche einen jungfräulichen Wirt. Ich dachte, es sei nicht so wichtig, aber du hast ja gesehen, was passiert ist. Deshalb habe ich es mit dem Wachmann gar nicht erst probiert. Gott, es tut mir so leid für ihn, seine Frau und seine Tochter.“
.....Sybille Lohmann schluchzte wieder.
.....„Ich wollte das alles nicht. Ich bin doch keine Mörderin. Aber ich muss meinen Bruder zurückhaben. Sein Tot frisst mich auf und es wird nicht besser. Es wird einfach nicht besser.“
.....Marc wagte noch einen Versuch: „Aber ich bin auch keine Jungfrau mehr.“
.....Erschrocken sah ihm Sybille Lohmann in die Augen und stammelte: „Du lügst. Du hast es vorhin selbst zugegeben.“
.....„Ich habe schon mit einigen Männern geschlafen.“
.....„Dann bist du nach den Lehren und Vorstellungen des Demetrischen Ordens der siebten Weihe immer noch eine Jungfrau“, sagte Sybille Lohmann mit kaum hörbarer Erleichterung in ihrer Stimme und hob wie als unwiderlegbaren Beweis das schwere Buch vor ihre Brust. In dem Licht der aufgehenden Sonne waren die Zeichen ‚Επτά κλειδιά‘ auf dem Cover klar und deutlich zu erkennen.
.....„So steht es in ihrer Grimoire.“
.....Marc wusste nicht, ob sie wahnsinnig war, er vielleicht selber seinen Verstand verloren hatte – was in Anbetracht der Ereignisse am wahrscheinlichsten war – oder ob es stimmte, was sie sagte. Alles war nach dieser Nacht möglich. Aus. Vorbei.
.....„Bitte.“ Es war kaum mehr als ein Wimmern.
.....„Sei froh, dass ich dich nicht umgebracht habe. Wenn meine Übersetzung stimmt, brauche ich nicht einmal lebendige organische Materie. Oder einen ganzen Menschen. Ein Körperteil würde schon reichen, deine Hand oder so.“
.....Marc war sich nicht sicher, ob er deshalb froh sein sollte. Ein letzter, verzweifelter Funken Hoffnung keimte in ihm auf.
.....„Dann … dann trennen Sie mir doch meine Hand ab. Oder meinen Finger!“ Alles war besser, als zu sterben.
.....„Marc, es tut mir ehrlich leid. Du scheinst ein netter Junge zu sein, aber ich kann jetzt kein Risiko mehr eingehen. Und selbst, wenn ich etwas zum Abtrennen hätte, würdest du danach vermutlich eh verbluten. Nein, du bleibst mit deinen Füßen in der Katalysatorflüssigkeit.“
.....„Wird es wehtun?“
.....„Ich weiß es nicht. Aber es wird schnell gehen. Die Interdimensionalen Überlappungen enden, wenn die Sonne komplett aufgegangen ist, daher werde ich mich beeilen.“
.....Jetzt war es Marc, der anfing, zu weinen. Stumm rannen die Tränen seine Wangen hinab. Sybille Lohmann streifte ihre Schuhe ab, positionierte sich barfuß ihm gegenüber vor dem Holzbottich, schlug die Grimoire auf und blätterte wieder. Dann fielen ihr scheinbar die heruntergefallenen Notizen wieder ein und sie ließ ihre Blicke suchend über den Boden gleiten, bis sie zwischen dem Chaos der am Boden verstreut liegenden Büchern den gesuchten Zettel entdeckte. Bevor sie ihn an sich nahm, sah Marc, dass der Text darauf mit Se synarpázo begann und mit Ublote, Marukin, Rhakotlia! Sikónomai! endete. Die Worte ergaben für Marc ebenso wenig Sinn wie die verdammte restliche Nacht, aber wie ein Ohrwurm hallten sie in seinem Kopf nach, umtanzt von Erinnerungsfetzen zum Klang der Silben. Ein Gleichklang? Welcher?
.....Sybille Lohmann setzte ihre Hornbrille auf – zum ersten Mal, seit Marc sie kannte. Mit Brille sah sie verändert aus, aber … ähnlich. Das orangerote Licht der aufgehenden Sonne spiegelte sich in den Gläsern.
.....Se synarpázo …
.....Sie schlug die Grimoire auf …
.....… Ublote … nein! Das nicht … Rhakotlia …
.....… und hielt den Zettel daneben.
.....… Marukin! Ja! Eine allerletze Chance.

Sybille Lohmann begann laut zu lesen: „Se synarpázo Asgu, Matar, Gemi, Pasu“. Sie sprach mit tiefer Ehrfurcht, deshalb ließen die Pausen nach jedem Wort Marc genug Zeit, sie flüsternd zu wiederholen. Hinter seinem Rücken schob er die gefesselten Hände ein Stück nach oben. Leise Musik ertönte. Eine zu langsame Version von ‚Seasons in the Sun‘.
.....„Sagkhle, Bason, Ilem, Argame.”
.....Marc flüsterte auch diese Worte. Er presste seine nackten Zehen fest gegen den Boden der Wanne. Unter die Musik mischten sich ebenso leise Stimmen. Er durfte sich auf keinen Fall ablenken lassen.
.....„Sokhar, Naboutan, Kanob kai Gekhaz.“
.....Während er flüsterte, ertastete Marc den Gegenstand, der noch immer hinten in seiner Hose steckte und zog ihn vorsichtig heraus. Er war sich sicher, es würde nicht klappen. Zu viel konnte schief gehen.
.....„Tzoukuna, Rhaphgie, Glusea, Rhepidon, Oristuron.”
.....Sag es doch endlich, dachte Marc aber wisperte auch diese Worte so exakt es ihm möglich war.
.....„Ublote, Marukin –„
.....Da! Marc beugte sich nach vorn, schob seine gefesselten Hände nach oben und schleuderte das Buchcover aus Maroquinleder, das zwischen seinem Zeige- und Mittelfinger steckte, über seine Schulter. Er schrie die Worte: „Ublote! Marukin!“
.....Ich treffe nicht!
.....Das Cover aus toter, organischer Materie wirbelte wie ein verstörter Vogel an seinem Kopf vorbei, prallte an seinem Knie ab, traf den gegenüberliegenden Rand der Wanne, schaukelte auf ihm balancierend eine Sekunde – eine Äone – unschlüssig hin und her, kippte und rutschte letztendlich in die Flüssigkeit. Marc stieß sich mit aller Kraft mit den Füßen ab, warf sich mit dem Rücken gegen die Lehne des Stuhls und brüllte im Fallen die letzten Worte: „Rhakotlia! Sikónomai!“
.....Der Aufprall auf dem Boden war hart. Marc stieß sich den Kopf und quetschte sich Hände und Finger. Ein schriller Pfeifton schmerzte in seinem Kopf. Dann änderte er seine Tonhöhe und Marc erkannte, dass Sybille Lohmann schrie. Wut? Angst? Beides.
.....Er strampelte, um die Kabelbinder abzustreifen. Jetzt, da sich der Rand der Wanne nicht mehr zwischen seinen Füßen und den Stuhlbeinen befand, hatte er genug Bewegungsfreiheit, sie loszuwerden.
.....Der Geruch von Graupensuppe hing plötzlich wieder schwer in der Luft, dick und fettig und beinahe greifbar. Marcs Beine waren frei, aber er lag noch immer hilflos auf seinem Rücken, die Hände an den unverschämt stabilen Holzstuhl gefesselt. Sybille Lohmann tauchte in seinem Sichtfeld auf – ihr blanker Hass beinahe körperlich spürbar. Statt der Grimoire hatte sie den Taser in der Hand und zielte damit genau auf sein Gesicht.
.....„Du verdammte Schwuchtel“, schrie sie. „Du hast David noch einmal getötet! Du dreckige–“
.....Die Kreatur wurde aus der Kupferwanne regelrecht herauskatapultiert und riss dabei das meiste der zähen Flüssigkeit mit, die zum Teil bis an die hohe Decke der Bibliothek spritzte und herabregnete. Eine enorme Druckwelle begleitete den Vorgang. Die verstreut herumliegenden Bücher wurden durch die Luft gewirbelt und Sybille Lohmann riss es von den Füßen. Selbst Marc wurde durch dem Impuls samt Stuhl einen halben Meter über das Parkett geschoben.
.....Das Wesen richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Aus Marcs Winkel war es schwer abzuschätzen, aber es war mindestens zweieinhalb Meter groß. Auf Knien und mit einer Hand am Boden abgestützt, schoss Sybille Lohmann, nicht auf Marc, sondern auf die Kreatur. Ob das Projektil Wirkung zeigte, konnte Marc nicht erkennen, denn das Wesen war mit einem gewaltigen Sprung bei ihr und biss Sybille Lohmann den kompletten rechten Arm bis zur Schulter ab. Ihr schriller Schrei mischte sich mit dem Fauchen des Wesens zu einer grauenhaften Kakophonie. Marc drehte sich auf die Seite, der Druck auf seine Hände verschwand. Er hatte jetzt freie Sicht auf den Kampf der beiden ungleichen Kontrahenten. Kein Kampf – ein Massaker. Er konzentrierte sich auf seine eigene, missliche Lage, schob die gefesselten Handgelenke hinter seinem Rücken hinab, unter seinem Po durch, winkelte die Beine an und schaffte es somit, seine Hände mitsamt dem Stuhl vor den Körper zu bringen.
.....Wenn doch nur die Schreie endlich aufhören würden.
.....Marc achtete nicht auf seine schmerzenden Knochen, rappelte sich mühsam auf und hielt den Stuhl schützend vor sich. Noch war die Kreatur mit dem beschäftigt, was von Sybille Lohmann übrig war. Er hatte das Wesen herbeigerufen, nicht sie. Wenn Sybille Lohmann die letzten Worte der Beschwörung vor Marc ausgesprochen hätte, nachdem er seine Füße aus der Kupferwanne gezogen und den Maroquinledereinband hineingeworfen hatte, würde bestimmt er nun bei lebendigem Leibe zerfetzt und gefressen werden.
.....Maroquinleder ist aus Ziegenfell. Jetzt erst nahm Marc das Aussehen der Kreatur bewusst wahr. Sie sah tatsächlich wie eine ungesunde Mischung aus Mensch und Ziege aus, hatte drei Beine unterschiedlicher Länge und Dicke, zwei Arme und in Hüfthöhe einen Auswuchs, der entweder ein weiterer Arm oder ein weiteres Bein hätte sein können. Auf dem langgezogenen Schädel prangten drei Hörner, zwei links, eines davon nach unten gekrümmt, eins rechts. Die fahle, fettig wirkende Haut wies Spalten und Öffnungen auf, die je nach Bewegung aufklafften wie Lippen und die Sicht auf etwas freigaben, das an Haufen schwarzer, feucht glänzender Morcheln erinnerte. Unter dem, was ein Brustkorb sein mochte, schien sich ein handballgroßes Organ, von milchig-weißem Gewebe spinnennetzartig überzogen, durch eine dieser Öffnungen zur Hälfte nach außen gedrückt zu haben. Es pulsierte, während es Sekrete absonderte. Überhaupt schienen Teile der Muskeln und Sehnen über statt unter der Haut zu liegen.

Nachdem der Ziegendämon – Marc hatte sich zwar die Bezeichnung Thouless gemerkt, war sich aber nicht sicher, ob es sich um die gleiche Art Wesen handelte wie das, was aus dem Studenten geworden war – mit den spärlichen Überresten von Sybille Lohmanns Körper fertig war, blickte er sich suchend um, bis er Marc erspähte. Er wusste, im Kampf gegen diese Kreatur hätte er keine Chance, mit Stuhl bewaffnet oder ohne und setzte alles darauf, dass er mit seiner Theorie richtig lag. Die Musik war zusammen mit den Schreien verstummt und die plötzliche Stille wirkte schwer und bedrohlich.
.....Der Dämon bewegte sich langsam auf Marc zu, bis sein länglicher Kopf nur Zentimeter von Marcs entfernt war. Dann hockte sie sich hin und wartete. Marc atmete tief und stotternd ein. Er hatte, ohne es zu merken, die Luft angehalten. Mit einer Mischung aus Ekel und Faszination studierte er das Gesicht der Kreatur.
.....Symmetrie war auch hier eher Mangelware. Eines der kränklich wirkenden Augen besaß eine rundliche Pupille, das andere, kleinere, eine waagerechte. Die Nase schien irgendwie nach innen gewachsen zu sein. Auch hier wies die Haut zu viele Öffnungen auf, die größte davon ein riesiges, lippenloses Maul mit teils sehr spitz und teils sehr verfault aussehenden Zähnen. Und viel zu viele davon. Ohren gab es keine, nur weitere Öffnungen.

Irgendwann nahm Marc seinen Mut zusammen und bewegte sich vorsichtig um den asymmetrischen Alptraum herum zur Leiche von Sybille Lohmann. Es kostete ihn viel Überwindung, sich nicht zu übergeben, als er in ihrer Umhängetasche nach dem Schlüssel für die Handschellen suchte. Er verspürte keinerlei Mitleid. Sie hatte versucht, ihn umzubringen und war eine zweifache Mörderin. Mindestens. Als er fündig geworden war, bemerkte er, dass ihm der Dämon langsam gefolgt war. Marc öffnete die Handschellen, ließ sie bei dem Stuhl zurück und sah sich nach der Grimoire um. Die Druckwelle hatte sie genauso erfasst, wie die restlichen Bücher und Sybille Lohmann, aber sie lag in der Nähe. Er hob den schweren Band auf und vergewisserte sich, ob die Kreatur irgendwelche Einwände hatte. Sie hatte keine.
.....Marc sah ihr wieder in die Augen und sagte in einem Befehlston: „Schlaf!“
.....Nichts geschah
.....„Leg dich hin! Platz!“
.....Nichts. Das wäre auch zu einfach gewesen. Marc blätterte durch die Grimoire. Sybille Lohmanns Aufzeichnungen, Post-its und Zettel befanden sich größtenteils noch zwischen den Seiten, abgesehen von denen, die ihr vor der Beschwörung herausgefallen waren. Es dauerte nicht lange, bevor Marc seinen Irrtum erkannte. Er machte sich auf den Weg in den vierten Stock.

Mittlerweile war das Morgengrauen einem wolkenlosen Sonnenaufgang gewichen und das zarte Orange, das eben noch den Himmel bedeckt hatte, verwandelte sich zusehends in ein blasses Stahlblau. Gleich würden die ersten Studenten eintreffen – er musste sich beeilen. Die Kreatur folgte ihm immer noch, beinahe hündisch.
.....Mehrere Dinge erstaunten Marc, sofern das nach solch einer Nacht überhaupt noch möglich war. Einerseits, wie klar sein Verstand noch funktionierte und wie er es in dieser Situation schaffte, einen Plan aus dem Nichts auf die Beine zu stellen. Er hatte sich schon immer unter Druck besser konzentrieren können, beim Lernen zum Beispiel, aber das hier war absurd.
.....Vielleicht funktioniert ein Gehirn unter Shock besonders gut – für kurze Zeit.
.....Andererseits wunderte ihn, wie selbstverständlich er nur wenige Stunden, nachdem er erstmalig mit übernatürlichen Phänomenen konfrontiert worden war, diese nicht nur akzeptierte, sondern auch noch zu Nutze machte. Menschen sind erstaunlich anpassungsfähig – vermutlich ist das der Grund für ihre fortwährende Existenz.
.....In der Abteilung für Linguistikliteratur musste Marc nicht lange suchen, bis er das gewünschte Regal entdeckt hatte. Das ist der Vorteil, wenn man in einer Bibliothek arbeitet. Er setzte sich auf einen Elefantenfuß, legte die Grimoire auf den Schoß und darauf ein Deutsch-Griechisch-Wörterbuch, daneben eine Grammatik und einen Sprachkurs ‚Griechisch für Anfänger‘. Er musste sich trotz seiner bohrenden Kopfschmerzen konzentrieren, denn ein Fehler könnte ihn noch immer sein Leben kosten. Flüssigkeits- und Schlafmangel, gepaart mit Stress, physischer Überanstrengung und einem psychischen Druck, hervorgerufen durch das plötzliche Wissen um eine völlig neue Welt mit Magie und Dämonen, forderten ihren Tribut.
.....Nach einigen Minuten hektischen Suchens und Vergleichens wollte Marc war Marc bereit. Es blieb keine Zeit mehr für unverfängliche Versuche und er konnte sich keine Notizen machen, da er zwar von Tonnen von Papier umgeben war, aber keinen Stift hatte. Er musste sich die Worte in Kombination merken und hoffte inständig, sie korrekt auszusprechen.
.....Marc räusperte sich, vergewisserte sich der Aufmerksamkeit des Wesens, blickte auf die Seiten der aufgeschlagenen Bücher und rief: „Prépei na petháneis!“
.....Er betete, die Lautschrift von Πρέπει να πεθάνεις! richtig betont zu haben und ergänzte sicherheitshalber: „Tóra!“
.....Im selben Augenblick fiel die Kreatur tot um.


9

Die einzige Möglichkeit, eine Versuchung zu überwinden, ist, sich ihr hinzugeben.
Oscar Wilde (1854–1900)​

Marc harrte ein paar Minuten aus, um sicher zu gehen, dass die Kreatur sich weder auflöste, noch wieder lebendig wurde, stellte die Bücher in die Regale und verließ die Bibliothek.
.....Sein T-Shirt lag nicht mehr zwischen Eingangstür und Rahmen und Marc nahm es ebenso unbeeindruckt zur Kenntnis, wie die Tatsache, dass sich die Tür doch von Innen öffnen ließ. Im Foyer waren die ersten Studenten eingetroffen. Marc ignorierte sie, ihre Blicke, ihre Tuscheleien, die Satzfragmente, die er aufnahm.
.....„… mit dem los?“
.....„… halbnackt …“
.....„… Arzt rufen …“
.....„… ist bestimmt high.“
.....„Ist das Blut? … verletzt …“
.....Jetzt, da seine Nebennieren kein weiteres Adrenalin produzierten, fühlte er sich müde und ausgelaugt. Mühselig drückte er die Eingangstüren der Uni auf, tapste weiter, bis er die Wiese neben dem Hauptparkplatz erreichte, genoss das Gefühl von frischem Morgentau und Grashalmen unter seinen nackten Fußsohlen und die klare, kühle Luft. Er atmete sie in tiefen, langen Zügen ein, bis ihm schwindelig wurde. Marc lächelte, als er zusammenbrach.

Raus hier! So schnell wie möglich. Das Ding ist noch immer direkt über dir!
.....Voller Panik schreckte Marc auf und versuchte sich hektisch von dem Wesen zu entfernen, das über ihm gebeugt hockte. Das Wesen war ein Ersthelfer vom Roten Kreuz, der Marc sanft festhielt und beruhigende Worte sprach. Er konnte den Mann zwar verstehen, aber das, was er sagte, nicht vernünftig verarbeiten. Dann setzte langsam das geordnete Denken wieder ein und Marc wurde sich seiner Situation und Umgebung vollends bewusst.
.....Er lag nicht mehr auf dem Rasen, sondern auf einer Matte und war mit einer Art goldener Folie zugedeckt. Gegen den Himmel zeichneten sich ein weiterer Sanitäter und drei Polizisten ab. Im Hintergrund waren zwei Uniformierte damit beschäftigt, Absperrband vor dem Haupteingang anzubringen, während weitere Polizisten Scharen von Studenten von dem Uni-Gebäude weglosten.
.....Der Sanitäter, ein junger Mann mit feuerroten Haaren, prüfte Marcs Puls, Blutdruck, Temperatur und ob er wieder voll bei Bewusstsein war. Anschließend fragte er Marc nach seinem Namen, möglichen Verletzungen und Allergien.
.....„Ich heiße Marc Unterholz – ja, wie das im Wald. Ich habe keine Allergien, dafür aber überall Schmerzen.“
.....„Dagegen haben wir was“, sagte er mit einem Grinsen. „Also gegen Schmerzen bei unseren Patienten.“
.....Die beiden Sanitäter tauschten sich routiniert aus, dann kümmerte sich der rothaarige um Marcs Pupillen und eventuellen Bewegungseinschränkungen, während sein Kollege eine Spritze aufzog. Diese Dialogpause nutze die Polizistin aus der Dreiergruppe, um Marc zu befragen: „Bitte schildern Sie uns kurz aber möglichst präzise, was letzte Nacht vorgefallen ist.“
.....„Meine Vorgesetzte, Frau Lohmann, hat zusammen mit einem Typen in einem Ziegenkostüm oder so den Wachmann getötet … mich wollten sie ebenfalls umbringen, für so ein verrücktes Ritual … dann sind sie irgendwie komplett durchgedreht und übereinander hergefallen … ich glaube, der Ziegenkerl hat Frau Lohmann ermordet … jedenfalls konnte ich weglaufen und mich verstecken und dann verpissen.“
.....Einer ihrer Kollegen machte sich Notizen, während der andere die Informationen mit seinem Funkgerät weitergab. Die Polizistin hakte nach und fragte nach weiteren Tätern – nicht, dass ich wüsste – nach weiteren Opfern – nur der Wachmann, Frau Lohmann und der Mann im Ziegenoutfit, vermutlich alle irgendwo im fünften Stock der Bibliothek – was Marc am Tatort gemacht hatte – ich arbeite in der Bibliothek – nach seinem Ausweis – den habe ich zu Hause vergessen – und welche seiner Angehörigen sie benachrichtigen sollten – meinen Bruder Tristan, meine Eltern wohnen zu weit weg.
.....„So“, sagte der rothaarige Sanitäter. „Wenn das erst einmal alles ist, werden wir unseren Tarzan aus dem Unterholz zur genauen Untersuchung ins Krankenhaus bringen.“
.....Sie halfen Marc in den Rettungswagen und gemeinsam mit einem der Polizisten fuhren sie los. Ohne Blaulicht.

In der Klinik lief das Zusammenspiel der Ärzte, Pfleger und des restlichen Personals perfekt wie ein Uhrwerk. Marc wurde aufgenommen, bekam einen Pyjama, ein Bett, wurde mit diesem zwischen kurzen Pausen in den Fluren – in denen er gelegentlich eindöste – zu verschieden Untersuchungen geschoben, über seinen erfreulich guten Zustand und die Möglichkeit, psychologische Unterstützung zu bekommen, informiert und dann, am späten Vormittag, auf sein Zimmer gebracht, wo er essen und sich ausruhen konnte.
.....Mittags wurde er noch einmal ausgiebiger verhört. Marc glaubte, es sei der Polizist, der am Morgen im Krankenwagen mitgefahren war, hatte sich dessen Äußeres allerdings nicht gemerkt. Er besaß einen irritierend buschigen Schnurrbart, wie ihn seit den späten Siebzigern niemand mehr hätte tragen dürfen, ohne dafür anständig und zu Recht ausgelacht zu werden. Zwischen seinen Notizen schabte er häufig mit dem Druckknopf seines Kugelschreibers darin herum. Marc versuchte, sich davon nicht irritieren zu lassen. Der Beamte stellte seine Fragen in einem sehr ruhigen, angenehmen Tonfall, offensichtlich führte er häufiger Gespräche mit Tatopfern. Instinktiv entschied Marc, seine flapsige Art zu reden auch bei dieser Aussage beizubehalten. Es war vielleicht besser, naiver zu wirken, als er tatsächlich war.
.....„Meine Kollegin Johanna Walters und ich habe die Bibliothek um ungefähr 0:30 Uhr verlassen und uns getrennt. Auf dem Weg zu meinem Wagen glaubte ich, jemanden am Fenster im fünften Stock gesehen zu haben, also bin ich umgekehrt, um nachzuschauen. Mein blöder Schlüssel brach ab und ich schnappte mir eine Taschenlampe, weil teilweise Stromausfall war, wohl wegen des Gewitters. Im fünften Stock traf ich auf den riesigen Kerl im Ziegenkostüm. Der hat mich grundlos angegriffen, da bin ich weggelaufen, habe den Wachmann gesucht und bin mit ihm zurückgegangen. Der Ziegenmann hat ihn getötet und mir den Weg zur Treppe versperrt. Da habe ich die Taschenlampe verloren und mich in den Bücherlift geflüchtet, aber das Halteseil ist durchgerissen und ich bin bis ins Archiv im Keller gestürzt und ohnmächtig geworden. Als ich wach wurde, wollte ich mich dort unten bis zum Morgen verstecken, aber dann tauche meine Chefin Frau Lohmann auf. Ich ahnte nichts Böses, aber sie verpasste mir eine Ladung Pfefferspray und zwang mich mit einem Elektroschocker, wieder nach oben in den fünften Stock zu gehen. Dort wartete der Ziegentyp. Dann haben sie mich gefesselt. Ich weiß nicht, was für perverse Spielchen die vorhatten, aber plötzlich fingen sie an zu streiten und haben alles verwüstet. Ich nutzte die Chance, mich zu befreien. Der Kerl im Ziegenkostüm brachte meine Chefin um, aber sie muss ihn wohl auch ziemlich stark verletzt haben. Ich bin dann abgehauen und er kam noch hinterher, aber nicht sehr schnell. Ich habe ihn abgehängt und bin nach draußen auf die Wiese geflüchtet. Den Rest kennen Sie besser als ich, nehme ich an.“
.....Marc erwähnte den Studenten nicht, den Sybille Lohmann versehentlich in den ersten Thouless verwandelt hatte, weil er offenbar ebenso wenig eine Jungfrau gewesen war wie die Ziege, von der das Buchleder stammte. Sybille Lohmann hatte ihn zurückgeschickt, daher bezweifelte Marc, die Leiche des Studenten werde jemals auftauchen. Irgendwann gab es bestimmt eine Vermisstenanzeige, die mit etwas Glück nicht mit den Vorkommnissen der letzten Nacht in Verbindung gebracht würde. Marc hatte noch immer Angst, in Erklärungsnot zu geraten.
.....Der Polizist schien jedoch einigermaßen zufrieden zu sein, überflog sein Protokoll, hakte allerdings an einigen Stellen nach. Dabei ging es ihm um den Verbleib von Marcs T-Shirt und Flip Flops, das Chaos im Archiv und den Grund und den Inhalt des Streits zwischen den beiden Tätern. Marc beantwortete die Fragen in knappen Sätzen, allerdings hätte er nicht verstanden, um was es in dem Streit gegangen war. Erstaunlicherweise vermied der Polizist sämtliche Rückfragen zu dem Thouless und beließ es bei Marcs Behauptung, es handele sich um einen großen Mann in einem Ziegenkostüm. Vielleicht wollte er Marc psychisch nicht noch stärker belasten und war sogar glücklich über den Irrtum – schließlich mussten sie damit rechnen, dass die ganze Geschichte an die Presse ging. Ob sie den Thouless wohl für einen Mutanten hielten? Oder eine unbekannte Spezies? Vielleicht ein Genexperiment oder einen Außerirdischen? So oder so hatten die Behörden bestimmt kein Interesse daran, das den Medien zu erklären. Marc war es wichtig gewesen, den Ziegen-Thouless nicht verschwinden zu lassen, wie es Sybille Lohmann mit dem Studenten-Thouless gemacht hatte. Marc musste der Polizei einen Täter präsentieren, einen, der für den grausamen Mord an Sybille Lohmann verantwortlich war. Ohne den Dämon wäre Marc eventuell der nächste Tatverdächtige gewesen, schließlich war er der einzige Überlebende. Natürlich hätte der Täter auch geflohen sein können, aber so konnte die Polizei den Fall zügig abschließen, denn sie hatten ihren Sündenziegenbock. Marc schmunzelte, riss sich aber sofort wieder zusammen.
.....Der Polizist zeigte seinerseits ein mitfühlendes Lächeln. Er bedankte sich für Marcs Kooperation und wies ihn noch einmal auf mögliche, psychologische Betreuung hin. Bevor er sich verabschiedete, hatte Marc noch eine Frage: „Wissen Sie, warum meine Chefin das alles getan hat?“
.....Der schnauzbärtige Beamte blätterte durch seine Aufzeichnungen.
.....„Wir nehmen an, dass sie den Tot ihres Bruders David Lohmann im Dezember letzten Jahres geistig nicht verkraftet hat. Bei der Wohnungsdurchsuchung haben wir bei ihr allerlei Utensilien, Aufzeichnungen und Literatur zu magischen Ritualen gefunden. Offensichtlich war sie sehr labil und leider auch ebenso gefährlich.“
.....Marc nickte stumm.

Am frühen Nachmittag tauchte Marcs Bruder Tristan auf und ließ sich ebenfalls alles berichten, während sie auf die Entlassungsunterlagen warteten. Marc blieb bei der Version, die er dem Polizisten erzählt hatte. Als sie die Papiere hatten, schlüpfte Marc in die frischen Sachen, die Tristan ihm mitgebracht hatte, dann chauffierte ihn sein Bruder direkt zur WG. Einer von Marcs Mitbewohnern hatte bereits seinen Golf von der Uni abgeholt. Die Fahrt verlief ohne Unterhaltung und Marc genoss das warme Sonnenlicht, das in hypnotischen Mustern durch die Baumkronen der Alleen auf sein Gesicht fiel. Wie ein Daedaleum. Die Luft roch immer noch fantastisch nach dem schweren Gewitter der letzten Nacht.

Eines Morgens, etwas über eine Woche später, waren die Absperrbänder vor der Bibliothek verschwunden. Der Betrieb wurde wieder aufgenommen, allerdings blieb der fünfte Stock wegen Aufräumungsarbeiten für weitere zwei Wochen gesperrt. Marc legte seine schriftliche Kündigung in Dr. Lennigers Fach und plauderte kurz und unverbindlich mit seinen beiden Kollegen Stephanie und Patrick, die gerade Dienst hatten. Er bat sie um Verständnis, nicht über die Nacht reden zu wollen. Dann wanderte Marc in aller Ruhe in den vierten Stock, verschwand kurz zwischen den Regalen und kehrte mit einem großen Stapel Bücher zum Tresen zurück. Scheinbar bestand ein recht hoher Nachholbedarf, denn obwohl es noch recht früh war, tummelten sich dort fast ein Dutzend Studenten. Patrick war nicht am Platz – vermutlich auf der Toilette.
.....„Deutsch-Griechisch-Wörterbücher? Mit Grammatik und Sprachkursen? Was hast du denn vor, Marc?“, fragte Stephanie, während sie an dem Studenten vorbeischaute, den sie gerade bediente.
.....„Ich brauche Ablenkung.“
.....„Wow, wenn ich Ablenkung brauche, lese ich Koontz.“
.....„Kann ich die Bücher eben selber einbuchen?“
.....„Klar, du siehst ja, was hier los ist.“
.....Marc rief sein Konto auf, gab die sechs Buchnummern in den Rechner ein, klemmte sich die sieben Bücher unter den Arm und verabschiedete sich von der überforderten Stephanie: „Sorry, aber ich muss wieder los.“
.....„Kein Problem, Patrick müsste gleich wiederkommen. Alles Gute, Marc. Und bleib uns zumindest als Leser treu.“

Marc verließ die Bibliothek, packte die Bücher in seinen Rucksack im Foyer und ging zu seinem Auto. Auch heute war der Sommertag wieder erstklassig und passte perfekt zu Marcs Laune. Die nächste Zeit würde aufregend werden. Und anstrengend, aber das war egal. Was für unfassbare Möglichkeiten vor ihm lagen. Die Polizei hatte die Grimoire nicht am Tatort gefunden. Marc überraschte es nicht, denn wo versteckt man ein Buch am besten? Richtig – in einer Bibliothek.

Ende
 
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Hallo alle zusammen und vielen Dank an diejenigen von euch, die sich durch meine lange Kurzgeschichte gekämpft haben.

Dreizehn Jahre ist es her, dass ich hier aktiv gewesen bin. Vor einem Jahr bin ich auf meine unfertige Kurzgeschichte ‚Die Bibliothek‘ aus 2004 gestoßen. Sie gefiel mir vom Ansatz her immer noch ganz gut, daher habe ich sie in den letzten neun Monaten stark überarbeitet und ein – hoffentlich – zufriedenstellendes Ende geschrieben.

Was die Formatierung betrifft, habe ich jeweils fünf Punkte weiß eingefärbt und vor die Zeilenanfänge gesetzt, da Tabulatoren aus Word hier nicht funktionieren oder ich einfach zu schusselig bin, die Funktion zu finden. Sollte Letzteres der Fall sein, bin ich für jede Belehrung dankbar.

Es gibt zudem vier Illustrationen zu den ersten drei Kapiteln. Sie enthalten leichte Spoiler, daher bette ich sie hier nicht direkt ein sondern verlinke auf eine externe Seite:
Die Bibliothek
 
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09.12.2019
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Hi @Xenomurphy ,

ich habe die Geschichte bis zum fünften Kapitel gelesen und dann abgebrochen, obwohl ich grundsätzlich wissen wollte, wie es weitergeht.

Es ist halt alles nicht nur ein bisschen, sondern viel zu ausführlich und detailliert. Ich schätze, du könntest den Text um ca. 1/3 kürzen, vielleicht sogar noch mehr, ohne das relevanter Inhalt verloren geht.

Bis zum fünften Kapitel passiert im Prinzip nicht viel, aber du schreibst es so, als wolltest du unbedingt einen möglichst langen Text draus machen, beschreibst jedes Detail. Hierdurch entziehst du jedoch m.E. dem Text die Spannung, irgendwann fängt es dann leider an, eher nervig zu werden.

Nach einer Einleitung sollte die Geschichte halt irgendwann Fahrt aufnehmen, im Moment wirkt sie eher so, als hättest du gewollt die Handbremse angezogen.

Also: Mut zum Kürzen!

Viele Grüße,
Rob
 
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13.04.2003
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Hallo @Rob F ,

vielen Dank für deine Kritik. Es stimmt, abschließendes Kürzen ist ebenso wichtig wie Korrektur lesen und beides ist immer einfacher für eine außenstehende Person als für den Autoren oder die Autorin. Für Vorschläge wäre ich sehr dankbar.

Ich glaube, zumindest teilweise liegt die Auffassung auch daran, dass die Geschichte 16 Jahre alt ist. In mehr als anderthalb Jahrzehnten hat sich das Konsumverhalten stark geändert - besonders im Internet. Waren zum Beispiel Anleitungsvideos früher noch 10 Minuten lang, dürfen sie heute kaum noch 3 Minuten lang sein, um überhaupt angeklickt und bis zum Ende geschaut zu werden.
Das ist weder gut noch schlecht, es ist einfach anders und hat meiner Meinung nach nichts mit einer geringeren Aufmerksamkeitsspanne zu tun, sondern mit einer drastisch höheren Menge an Angeboten, zwischen denen wir uns entscheiden müssen.

Aber wie gesagt, langweilen will ich ganz gewiss niemanden. Ein bedachter Spannungsaufbau ist sicherlich wichtig, gerade für eine Horrorgeschichte, aber alles hat seine Grenzen.

Viele Grüße,
Murphy
 
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09.12.2019
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Hi @Xenomurphy ,

In mehr als anderthalb Jahrzehnten hat sich das Konsumverhalten stark geändert - besonders im Internet. Waren zum Beispiel Anleitungsvideos früher noch 10 Minuten lang, dürfen sie heute kaum noch 3 Minuten lang sein, um überhaupt angeklickt und bis zum Ende geschaut zu werden.
Das ist weder gut noch schlecht, es ist einfach anders und hat meiner Meinung nach nichts mit einer geringeren Aufmerksamkeitsspanne zu tun, sondern mit einer drastisch höheren Menge an Angeboten, zwischen denen wir uns entscheiden müssen.
So deutlich war es mir nicht klar, aber wie du geschrieben hast, die meisten möchten ja möglichst viel vom Angebot mitnehmen, da darf das Einzelne dann leider nicht zu viel Zeit verschlingen.

Wobei ich beim Lesen und Schreiben weiterhin schon eher bei längeren Texten bin, es war also nicht als ein grundsätzliches "der Text ist zu lang" gedacht.

Also etwas konkreter würde ich die Stellen kürzen, an denen du beschreibst, wie der Protagonist den Job in der Bibliothek bekommen hat und wie er eingearbeitet wurde. Ich finde es inhaltlich wichtig, auch bei einer eher auf Spannung ausgerichteten Handlung die Personen kennenzulernen, finde es halt nur wie erwähnt zu ausführlich.

Weiterhin würde ich zwar auch darauf achten, dass der Leser zwischendurch mal durchatmen kann, aber ich würde die Szenen in der Bibliothek doch etwas "zusammenstauchen". Auch hierbei hat natürlich jeder eine andere Geduld, aber wenn die Textteile zu lang sind, in denen etwas passieren könnte, dann fange ich irgendwann an, querzulesen, oder lasse es halt irgendwann.

Wie im ersten Kommentar geschrieben, sind es bis zum fünften Kapitel wenig Geschehnisse, aber doch viele Textzeilen ...

Was ich übrigens ziemlich gut finde, sind die Momente, in denen etwas passiert oder deutlicher/unheimlicher angedeutet wird. Also hierbei insgesamt nur nicht zu sehr mit der Geduld der Leser spielen, das Verhältnis zwischen "es könnte etwas passieren" und "es passiert etwas" muss halt stimmen.

Viele Grüße,
Rob
 
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Hallo @Xenomurphy,

ich stimme Rob zu, dass im Text Kürzungspotenzial steckt. Nur ein paar Anmerkungen zu Kapitel 1.

Auch ihm war das schon mal passiert. Das war natürlich bevor er letzte Woche den Job in der Unibibliothek angenommen hatte.
"Mal" im ersten Satz könnte man streichen, den zweiten Satz braucht es nicht.

Du schlägst ein langsames Erzähltempo an. Finde ich okay, angesichts des "ruhigen" Settings.

Sie sollte sich nicht seinetwegen schlecht fühlen.
Da schaltest du schon sehr in den Erklär-Modus. Ich denke, das kann man sich erschließen, den Satz braucht es nicht.

Dann fragte er sich, wie sie es gemeint haben könnte. Einerseits sah Marc, gemessen an eben dieser Norm, überdurchschnittlich gut aus. Das war ihm ohne falsche Bescheidenheit klar. Andererseits war es vielleicht eine versteckte Andeutung auf seine Homosexualität. Es war nicht seine Art, das an die große Glocke zu hängen und jeden mit den Worten ‚Hallo, ich bin Marc und schwul‘ zu begrüßen, aber er machte auch keinen Hehl daraus. Er hatte lange genug versteckt gelebt. Wusste sie es? Er war sich nicht sicher.
Du legst hier eine Menge Details auf den Tisch, für mich fühlt sich das ein klein wenig wie ein "Infoblock" an. Ich frage mich, ist das sinnvoll, das hier so geballt zu platzieren? Sind die Informationen, zumal so früh untergebracht, wirklich wichtig für die Handlung?

Als er den fünften Stock erreichte, kam er zu dem Schluss, es sei egal.
Das ist mir auch ein Tick zuviel Info.

Er wandte sich nach rechts und passierte auf dem kurzen Flur die Toiletten.
"auf dem kurzen Flur" ist ein Streichkandidat, weil nicht wichtig

Seine Aufgabe, die er in dieser Nacht zum dritten Mal seit seiner Einstellung auszuführen hatte, bestand aus mehreren Teilen.
Das hat doch Johanna anfangs schon erwähnt, ich finde das überflüssige Info

Habe nur mal ein paar Stellen beispielhaft aufgeführt. Auf solche Möglichkeiten, zu streichen, zu kürzen und zusammenzufassen, würde ich, wie Rob schon richtig schrieb, den Text durchsehen. Insbesondere brauchst du nicht alles zu erklären, manches Detail kannst du auch beiläufig einfließen lassen.

Dann betrat er den Bereich Geschichts- und Wirtschaftsliteratur durch die Glastüren, sah sich um und lauschte.
Ich folge deinem Mark sehr gern durch die Bibliothek.

Dann hörte er ein schmatzendes Geräusch, als würde man einen großen, nassen Wäschehaufen über den Boden ziehen.
Leider zieht ausgerechnet das Monster bei mir den Stecker. Ich hatte hier auf eine Nachtschicht-Geschichte gehofft, wie man sie aus manchen Filmen kennt: Der Typ stiefelt nur durch die Gegend und endlos lang passiert nichts. Aber gerade diese Ausdehnung des "Nichts-Passierens" erzeugt eine Art klaustrophobischer Stimmung und daraus ziehen diese Filme ihre Spannung. Wenn jetzt aber schon nach drei Minuten ein Monster auftaucht, tja ... mir ist das zu früh. Auch, wozu ein Monster. Das fühlt sich etwas "unrelated" zur Bibliothek an.

LG Manlio
 
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Hi @Rob F ,

nochmals vielen Dank für deine Antwort. Ich freue mich über jede Form von Kritik.

Also etwas konkreter würde ich die Stellen kürzen, an denen du beschreibst, wie der Protagonist den Job in der Bibliothek bekommen hat und wie er eingearbeitet wurde. Ich finde es inhaltlich wichtig, auch bei einer eher auf Spannung ausgerichteten Handlung die Personen kennenzulernen, finde es halt nur wie erwähnt zu ausführlich.
Da geht auf jeden Fall etwas. Ich bin nach ausgiebiger Recherche leider häufig zu euphorisch und will alles in Erfahrung gebrachte an den Leser weitervermitteln. Das ist tatsächlich oft zu viel des Guten.
In diesem Fall kommt dazu, dass sein Vorstellungsgespräch in der ursprünglichen Fassung der Geschichte für die Handlung wesentlich wichtigere Punkte vermittelte, als es in der jetzigen Fassung der Fall ist.
Jetzt ist Dr. Lenniger kaum mehr als ein "Red Herring".

Trotzdem schade, dass du die letzten Kapitel nicht mehr gelesen hast, da dort das Tempo immer stärker angezogen wird und einige der in den ersten Kapiteln gemachten Aussagen mehr Sinn ergeben. Aber ich kann dich verstehen und ich habe in meinem Leben genug Geschichten, Bücher oder Filme nicht bis zum Ende durchgehalten. Ich finde es toll, dass du dir dennoch die Mühe gemacht und die Zeit genommen hast, auf meine Geschichte zu antworten. Ich werde sie auf jeden Fall am Wochenende überarbeiten.

Viele Grüße,
Murphy
 
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Hallo @Manlio ,

auch bei dir möchte ich mich erst einmal für die Resonanz bedanken und besonders für deine Arbeit mit den Kürzungsvorschlägen für das erste Kapitel. Ich habe sie vorhin überflogen und finde sie großartig.
Am Wochenende werde ich mir Mut antrinken und versuchen, basierend auf deinen Änderungen auch die restlichen Kapitel zu überarbeiten. Verdammt sei die Subjektivität, wenn es um eigene Texte geht, aber irgendwie kriege ich das hin.

Dann betrat er den Bereich Geschichts- und Wirtschaftsliteratur durch die Glastüren, sah sich um und lauschte.
Ich folge deinem Mark sehr gern durch die Bibliothek.
Ich fürchte, das verstehe ich nicht. Oder bezieht sich das auf deine nächste Aussage:
Leider zieht ausgerechnet das Monster bei mir den Stecker. Ich hatte hier auf eine Nachtschicht-Geschichte gehofft, wie man sie aus manchen Filmen kennt: Der Typ stiefelt nur durch die Gegend und endlos lang passiert nichts. Aber gerade diese Ausdehnung des "Nichts-Passierens" erzeugt eine Art klaustrophobischer Stimmung und daraus ziehen diese Filme ihre Spannung.
Das ist die Krux mit Erwartungshaltungen und ich weiß genau, was du meinst. Einigen kann es nicht schnell genug gehen, bis die Action einsetzt, andere bevorzugen einen langsamen, ruhigen Spannungsaufbau, der dafür oft eine tiefere Wirkung hat. Ich mag auch lieber letzteres, aber da kommt wieder die Sache mit der Aufmerksamkeitsspanne und dem Überangebot ins Spiel. Um bei deinem Beispiel mit dem Film zu bleiben - ich persönlich würde 'Alien' immer Filmen wie 'Alien vs. Predator' vorziehen. Anderes Beispiel: Dir ging es bei meiner Geschichte vermutlich so, wie mir damals, als ich erstmalig den Film 'Jeepers Creepers' gesehen habe. Dort wurde für meinen Geschmack das Wesen viel zu früh entmystifiziert und weg war der Horror.
Aber:
Dort war die Kreatur die zentrale und einzige Figur, bei mir ist das Wesen nur ein Gehilfe und wer hinter allem steckt, wird erst sehr viel später offenbart.
Ich bin gespannt, ob es noch weitere Meinungen zum Tempo und Inhalt der Geschichte gibt.

So oder so nochmals vielen Dank für deine Mühe mit den Kürzungen. Wie versprochen werde ich mich am Wochenende an die Arbeit begeben.

Viele Grüße,
Murphy
 
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@Xenomurphy

Trotzdem schade, dass du die letzten Kapitel nicht mehr gelesen hast, da dort das Tempo immer stärker angezogen wird und einige der in den ersten Kapiteln gemachten Aussagen mehr Sinn ergeben.
Dann warte ich mal deine Überarbeitung am nächsten Wochenende ab und lese dann nächste Woche die zweite Hälfte. Und vertraue damit auf dein Versprechen, dass dort mehr passiert mit etwas mehr Tempo ;) Hat ja wie erwähnt nicht an deiner Handlungsidee gelegen, dass ich erstmal aufgehört habe, also schaue ich später nochmal weiter.

Viele Grüße,
Rob
 
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13.04.2003
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Wie versprochen habe ich mit den Kürzungen begonnen und sie fallen mir leichter, als ich befürchtet hatte.
Allerdings muss ich zu meiner Schande geschehen, dass ich den dafür nötigen Zeitaufwand massiv unterschätzt habe. Bislang konnte ich nur die ersten beiden Kapitel überarbeiten und muss jetzt erst einmal abbrechen.
Aber ich bleibe am Ball und sehe zu, dass ich mir dir restlichen Kapitel während der nächsten Tage auch vornehme, jetzt, da ich in Streichlaune bin.
 

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