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Die medizinische Komödie - Grundlegung zur Metaphysik der Gesundheit

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Die medizinische Komödie - Grundlegung zur Metaphysik der Gesundheit

Ich, Max Piper, möchte hier der Welt meine Gesichte kundtun, welche ich hatte eines schönen Nachmittags, als ich zu Hause vor dem Fernseher eine Pressekonferenz des ehrenwerten Gesundheitsministers Splitter (Name zum Personenschutz geändert) mit ansah und dabei eine Zigarette rauchte. Wenngleich ich zugestehen muss, dass ich von der Echtheit und allgemeinen Bedeutung dieser Gesichte für die Menschheit nicht im gleichen Maße überzeugt bin, wie die Propheten des Alten und Neuen Testaments, wenngleich es auch durchaus denkbar ist, dass die Unterversorgung meines Gehirns auf meiner Arbeit, die sehr anstrengend ist, und auf der ich, was ich schlecht vertrage, acht Stunden täglich eine Atemmaske tragen muss, dazu beigetragen hat, möchte ich sie hier aufschreiben. Nachdem Herr Splitter eine gute Viertelstunde über die unbedingte Notwendigkeit der neuesten Maßnahmen gegen das Zeptervirus (Name zum Virenschutz geändert) gesprochen hatte – ich gebe zu, ich kann mich des Wortlauts seiner Rede nicht mehr erinnern – schloss er mit den ebenso einfachen, wie treffenden Worten: „Die Konferenz ist hiermit beendet.“, wandte dann aber, was der gewöhnliche Zuschauer politischer Vorgänge nicht eben gewöhnt ist, mir als Person seine Aufmerksamkeit zu, und zwar indem er anfügte: „Und mit Ihnen, Herr Piper, habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen!“

Zuerst dachte ich, er meine wohl einen der Reporter vor ihm, der zufällig denselben Namen trug, als er aber mit Nachdruck sagte: „Ja, genau Sie da mit Ihrer Zigarette!“, war mir klar, dass er mich anredete, denn in Konferenzsälen durfte ja schon seit Ewigkeiten nicht mehr geraucht werden. Wenn mich schon diese unerwartete Anrede erstaunte, so war sie doch noch als kleine Kuriosität abzutun, im Vergleich mit dem, was darauf folgte. Obwohl nämlich mein Fernseher über keine jener Funktionen verfügt, welche drei-, vier- oder ein Dutzend-dimensionales Erleben ermöglichen, zur heutigen Zeit aber für Effekte wie die hier zu Schildernden noch längst nicht ausreichen, kletterte Herr Splitter unvermittelt aus dem Fernseher heraus in mein Wohnzimmer, während dort die Reporter, die hiervon nichts zu bemerken schienen, in aller Ruhe ihre Kameras einpackten.

„Ich darf Sie zuallererst bitten“, begann er, „Ihre Zigarette auszudrücken – ich bin Gesundheitsminister und verstehe daher mit solchen Dingen keinen Spaß.“ Eigentlich war ich mir an diesem Punkt sicher, dass es sich bei diesen Ereignissen um einen Traum handeln und ich auf dem Sofa eingeschlafen sein musste. Gleichzeitig aber war ich überzeugt, dass er sich, sobald ich versuchen sollte, daraus aufzuwachen, als eine jener peinigenden Schlafgesichte herausstellen würde, die willentlich zu beenden dem Träumenden nicht möglich ist. „Entschuldigen Sie“, entgegnete ich daher nur ruhig, „aber das ist meine Wohnung, hier ist das Rauchen…“
„Das Recht der Wohnung – wenn Sie meiner Rede zugehört hätten, wüssten Sie das – sollte in besonderen Not- und Krisenfällen durchaus beschränkt werden dürfen. Außerdem gefährden Sie hier nicht nur Ihre, sondern auch meine Gesundheit. Wenn Sie die gutgemeinten Warnungen auf Ihren Tabakpäckchen aufmerksamer gelesen hätten, welche wir für Analphabeten sogar noch mit hochauflösenden Fotos illustriert haben…“
„Na gut“, sagte ich und drückte die Zigarette aus. „Kommen Sie mit – hier durch den Fernseher“, sagte Herr Splitter, „ich habe keine Zeit zu verlieren.“
„Durch den Fernseher?“, fragte ich, „kann man denn…“ „Natürlich kann man“, unterbrach mich Herr Splitter gereizt, „Sie haben es doch gerade bei mir gesehen!“
„Aber“, erwiderte ich, immer noch überzeugt, dass dies eine Traumfigur war, von der man nichts zu befürchten hatte, „ehe Sie mich mitnehmen, möchte ich Sie noch etwas fragen: Die Mutter meines Nachbarn ist während des Lockdowns an einer Hirnblutung gestorben. Er schlägt sich immer noch mit dem Gedanken herum, dass sie es vielleicht überlebt hätte, wenn er an ihrem Bett sitzen und ihre Hand hätte halten dürfen. Ist so etwas aus medizinischer Sicht denkbar?“
„Weiß ich nicht, kommt auf den Einzelfall an“, sagte Herr Splitter hart, „Außerdem bin ich studierter Jurist und kein Mediziner.“
„Ach stimmt ja“, meinte ich, „dann können Sie mir mit Ihrem Fachwissen aber vielleicht woanders weiterhelfen: Darf man hierzulande einen Menschen foltern, wenn dadurch mit sehr kleiner Wahrscheinlichkeit jemand gerettet werden kann?“
„Ob mit kleiner oder großer Wahrscheinlichkeit – Folter ist in Deutschland tabu.“
„Gilt Isolation hierzulande als Foltermethode?“
„Unter gewissen Umständen, ja.“
„Sind die Umstände des Sterbeprozesses nicht die allerschlimmsten, in denen Isolation stattfinden kann?“
„Kann man so sehen“, knirschte Herr Splitter durch die Zähne.
„Nehmen wir einmal an – nur so zur kasuistischen Anschauung – der Chef der deutschen Polizei würde die Folterung zehntausender Unschuldiger befehlen, käme er dann nicht vor Gericht – auch, wenn er damit vielleicht Menschen gerettet hätte? Würde er nicht, zumindest, wenn das umgesetzt worden wäre, in jedem Falle seines Amtes enthoben und höchstwahrscheinlich auch mit einer Gefängnisstrafe belegt? Würde es zu seiner Rechtfertigung ausreichen, zu sagen, dass er es jetzt besser wüsste und das in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr vorkommen werde?“
Herr Splitter war blass geworden. „Wir sind auch alle nur Menschen“, sagte er schließlich wutbebend, „außerdem – redet man so mit einem, der in weißen Gewändern angetan vor einem steht und die Schlüssel zum Abgrund in seiner Rechten hält?“
Ich blickte an Herrn Splitter hoch. Auf einmal stand er in einem langen, weißen Arztkittel vor mir und hielt in der Hand einen dicken Schlüsselbund.
„Kommen Sie!“, wiederholte er, drehte sich um und kletterte in den Fernseher. Ich folgte ihm.
Im Konferenzraum waren alle Reporter schon gegangen. Herr Splitter führte mich schnellen Schrittes nach hinten einen langen Gang entlang zu einer Brandschutztür, die er mit einem seiner Schlüssel aufsperrte.
„Kommen Sie herein!“, sagte er, „Sie sind berufen, die Geheimnisse des Jenseits zu schauen – Ihnen zur Warnung und mir zur…ach vergessen Sie’s!“
Wir begannen, eine nur schwach erleuchtete Treppe nach der anderen hinunterzusteigen. Die Wände und die Decke waren aus nacktem Beton und ein leichter Modergeruch erfüllte die Luft. Anfangs war es so kalt, dass ich mich mit dem Gedanken trug, bald umzukehren und wieder nach Hause zu gehen – mochte Herr Splitter sagen, was er wollte. Doch würde ich vom Konferenzraum wieder in den Fernseher finden? Nach und nach jedoch wurde es wärmer, und wenn auch der süßlich-widerliche Geruch gleichzeitig zunahm, wuchs doch meine Neugierde, was ich hier sehen würde. Das Bewusstsein, zu träumen, bestand noch, war aber gerade dabei, mir abhanden zu kommen.
Nach einem mindestens dreißigstöckigen Abstieg, der bereits anfing, in meine Knie zu gehen, gelangten wir zu einer weiteren Brandschutztür, vor der an einem Haken eine Gasmaske hing. Herr Splitter nahm sie ab und sagte, während er sie aufsetzte, zu mir: „Sie als Raucher müssen das dort drin auch so aushalten können – aber die teuflische Tragödie, die Sie jetzt erleben werden, wird Ihnen hoffentlich zur Lehre gereichen!“
Gleich darauf wusste ich, was er mit „das dort drin“ gemeint hatte. Herr Splitter öffnete die Türe und eine unbeschreibliche Welle von Zigarettenqualm schlug uns entgegen. Es war nicht der wohltuende Geruch, den der Rauch jedem Raucher in der Nase bereitet, wenn er die dünnen Wölkchen hindurchbläst, sondern jener toxische, beißende, der aus übervollen Aschenbechern herausstinkt. Sobald der Qualm für den Moment ein kleines Bisschen lichter wurde, erkannten meine tränenden Augen, dass wir auf einer durch ein wohl geschmackvolles, aber vom Rauch pechschwarzes Geländer abgeschirmten Promenade standen, während sich vor uns ein unübersehbarer, gelbbrauner See erstreckte. Doch halt – es war gar kein See! Als ich, um zu sehen, woraus denn diese gelbe Masse bestand, an sein an mich heranreichendes Ufer blickte, erkannte ich Millionen von ausgedrückten Zigarettenstummeln. Ich wurde gewahr, dass überall in diesem See sich etwas wie große Fische regte und von Zeit zu Zeit nach Luft schnappend an die Oberfläche kam. Wie ich schauderte, als ich Menschen darin erkannte! Doch das Grauen packte mich erst, als ich von dort aufwärts blickte: Über unseren Köpfen kreiste etwas, das durch all den Nikotingestank hindurch einen noch viel übleren Geruch verströmte – es waren faulende menschliche Organe! Dort eine vom Teer schwarze Lunge, dort ein vom Krebs zerfressener Magen, wieder anderswo ein aschgraues, amputiertes Raucherbein. All das schwebte über unseren Köpfen, schwarzes Blut auf die Unglücklichen im See heruntertropfend und sie jedes Mal, wenn sie an die Oberfläche kamen, mit seinem gräulichen Anblick quälend. Zwischen ihnen sauste ein krepierter Fötus an medizinischen Schläuchen aufgehängt durch die Luft und stieß grässliche dünne Schreie aus.
Nachdem ich all das eine Weile wie gelähmt betrachtet hatte, sagte mir Herr Splitter, dumpf und schallend unter seiner Gasmaske, was mir bereits klar war: „Das hier ist die Hölle für Raucher. Tag und Nacht werden sie vom Anblick ihrer Organe gepeinigt, von Ewigkeit zu Ewigkeit – überlegen Sie sich’s gut, ob Sie nicht auch mal aufhören wollen, ehe es zu spät ist.“ Ich bin ein äußerster Realist, weshalb ich mich für das Prophetenamt vielleicht nicht allzu gut eigne, doch in diesem Moment zweifelte ich plötzlich, ob das hier wirklich nur ein Traum war, oder ob diese Raucherhölle nicht doch irgendwo existiere.
„Aber“, sagte ich darum verzweifelt, „Sie haben diese Menschen doch schon im Diesseits mit diesem Anblick gequält – immer und jeden Tag standen ihnen all das auf ihren Zigarettenschachteln vor Augen – wäre es da nicht gerecht, sie im Jenseits zu trösten?“
„Zweifeln Sie bloß nicht an der medizinischen Gerechtigkeit!“, dröhnte Herr Splitter, „Ihnen zur Warnung haben wir das getan, damit die Verfluchten keine Entschuldigung für ihren Frevel haben. Die unwissentlichen Sünder sitzen da drüben“, er deutete auf einen Hügel neben dem See, auf dem sich etwas entrückt vom schlimmsten Gestank Raucher früherer Zeiten, darunter zum Beispiel auch indianische Häuptlinge, drängten, „es sind die, die geraucht haben, aber von den gesundheitlichen Risiken noch nichts wissen konnten.“
„Na gut“, sagte ich kleinlaut, „nur eine Frage noch – was ist denn das dort, was da zwischen den Organen herumfliegt – ich kann es nicht erkennen.“
„Das“, erwiderte Herr Splitter, „sind Geldpakete. Es ist all das Geld, das ihre Krebsbehandlungen die Versicherungen gekostet haben. Das meiste hängt an ihren Füßen, sodass sie nicht oben bleiben, doch einen Teil haben wir hier aufgehängt, um neben ihrem Körper auch ihr Gewissen noch zu quälen. Gewiss, das Geld haben wir so direkt nicht auf die Zigaretten gemalt – aber wer eins und eins zusammenzählen kann, hätte wissen müssen, dass es darum ging! Aber die Verworfenen sind verblendet und verstehen die Gleichnisse nicht. Hier unten gibt es Menschen, die sich zu Lebzeiten sogar erfrecht haben, sich noch über die explodierenden Tabaksteuern zu beklagen.“
„Aber entschuldigen Sie mal!“, sagte ich mit einem Mal vehement, „Versicherungen tun mir nun wirklich nicht leid. Ich kenne einen Vizechef einer Versicherung, der lebt in einer Villa, das glauben Sie gar nicht…“
Herrn Splitters Gasmaske näherte sich drohend meinem Gesicht. „Nun hören Sie mir mal gut zu“, sagte er mit rollender Stimme, „wenn Sie mir noch einmal widersprechen, dann können Sie gleich für alle Ewigkeit hier in diesen Pfuhl springen!“
Da ich nicht wusste, wie lange dieser Traum noch dauern würde und diesen Gestank so schnell wie möglich wieder verlassen wollte, fügte ich mich und folgte Herrn Splitter durch eine andere Tür, die uns abermals in ein trostloses Treppenhaus von Beton führte.
„Es gibt noch viele andere Höllenkreise, aber die wollen wir überspringen“, sagte er. Wir stiegen aufwärts. „Das war der unterste Kreis – keine Sorge, von jetzt an geht’s bergauf.“
Herr Splitter nahm seine Gasmaske ab. Einige Stockwerke höher öffnete er eine andere Tür.
Wie froh war ich, diesmal keinen Gestank zu atmen! Dafür aber schallte mir ein tausendfaches Geräusch entgegen, das wie „Mmmmmm, mmmmmm, mmmmmm!“ klang. Als ich mich umsah, erblickte ich in einer riesigen Betonhalle Menschen, die auf dem Fußboden aneinandergefesselt saßen, mit tausend Seilen so dicht gebunden, dass sie nicht den kleinsten Finger rühren konnten. Ihre Gesichter waren verhüllt und ihre Münder geknebelt, doch an den erbärmlichen Zuckungen, die durch diese Menschenbündel gingen und an ihren Geräuschen spürte man, dass in ihnen unbändiger Freiheitsdrang saß.
„Das hier“, erklärte Herr Splitter, „ist die Hölle für Maßnahmenverweigerer. Im Diesseits haben sie keine Masken getragen, sich trotz Verbots getroffen und umarmt – nur zu ihrem egoistischen Vergnügen!“, Herr Splitter spuckte aus, „Manche von ihnen hat das Zeptervirus schon hierher mitgenommen – aber ich sage Ihnen: Wenn erst alle hier beisammen sind, wird diese Halle noch richtig voll!“
Ich blickte mich um. In der Tat starrte ein großer Teil der unübersehbaren, sich nach hinten in Nebel verlierenden Halle noch vor Leere.
„Ich würde auch Buße tun an Ihrer Stelle!“, ermahnte mich Herr Splitter, „dass Sie mit Ihrem Nachbarn auf der Beerdigung seiner Mutter waren, sogar noch jemandem erzählt haben, Sie gehören zur Familie – das steht alles im himmlischen Buch! Außerdem, dass Sie sich mitten im Lockdown zu ihren Freunden geschlichen haben…“
„Ich war so einsam“, entgegnete ich.
„So einsam, so einsam! Gesungen haben Sie mit denen zusammen! Ge-sun-gen! Nur weil Ihr Chor dicht hatte. Tut man so was, wenn man weiß, dass beim Singen die Aerosole…“
„Aber Singen braucht der Mensch. Wir waren alle so angespannt – zwei von uns hatten ihre Arbeit verloren…“
„Singen braucht der Mensch – pah!“, rief Herr Splitter, „Egoismus nenne ich das und sonst gar nichts. Hier unten können Sie schön weitersingen, wenn Sie so weitermachen – schauen Sie sich’s ruhig genau an!“
Er ließ mir keine Zeit, es mir ruhig anzuschauen, sondern zog mich sogleich wieder mit sich nach der nächsten Tür, worauf wir uns wieder in einem Treppenhaus befanden, das allerdings ein Wenig einladender aussah, als die vorigen. Wir überwanden unzählige Stockwerke.
„Jetzt geht’s in den Himmel“, erklärte mir Herr Splitter, „da müssen wir einigen Höhenunterschied bewältigen.“
Plötzlich aber wandte er sich um, schloss eine kleine Tür auf, die ich sonst gar nicht bemerkt hätte und sagte: „Ach ja, der Läuterungsraum – fast hätte ich’s vergessen.“
Wir betraten einen Raum, in dem viele junge, dünne Frauen hin und her gingen. Auf einer Seite des Raumes waren Kuchen aufgestellt.
„Das hier“, sagte Herr Splitter, „sind die, deren Urteil noch nicht gewiss ist. Hier zum Beispiel die Magersüchtigen. Ohne Zweifel waren sie alle redlich um ihre Gesundheit besorgt, manche bis zum Tod, was sie eigentlich direkt in den Himmel bringen könnte – doch sie haben nicht auf den Rat der Ärzte gehört, was ein großer Frevel ist. Jetzt können sie hier warten und erweisen, ob sie es schaffen, noch mal ein Bisschen zuzunehmen. Sobald sie wieder auf Idealgewicht sind, hole ich sie ab und bringe sie ins Paradies.“
Dann deutete er auf einen muskulösen Mann, der in einer Ecke mit Hanteln trainierte.
„Der hier hat sich so eifrig um seine Fitness bemüht, dass ihn eines Tages im Fitnessstudio ein Herzinfarkt ereilte. Man könnte ihn dafür unter die Märtyrer zählen, aber andererseits hat er die Sünde begangen, sein Pulsmessgerät nicht einzuschalten – jetzt kann er hier noch einmal beweisen, dass er es besser kann.“
Darauf führte mich Herr Splitter wieder hinaus und weiter die immer schöner werdenden, inzwischen barock verschnörkelten Treppen hinauf. Die nächste Tür war aus Ebenholz. Doch was mir aus dem Raum entgegenschlug, in den sie führte, ließ mich zuerst ebenso zusammenfahren wie in der Raucherhölle. Es war ohrenbetäubende Musik von Geigen, Posaunen und Chören, die unablässig „Halleluja!“ sangen. Sie dröhnte aus gewaltigen Lautsprechern, zwischen denen Menschen auf großen, fahrradähnlichen Gebilden saßen und mir einer Geschwindigkeit, die kein Sterblicher fertigbringt, in die Pedale traten.
„Das hier ist der Himmel der Fitten“, brüllte Herr Splitter gegen die Musik an, „Unser armes Herzinfarktopfer wird auch hierherkommen, wenn er seine Probe im Läuterungsraum bestanden hat. Der Allmächtige gibt ihnen neue Muskeln, unvergänglich und tausendmal herrlicher als in der Welt. Tag und Nacht dürfen sie radeln, mit einem neuen gewissen Geist, der sie niemals ermüden lässt. Der Strom, den sie produzieren, speist die Anlagen, die Tag und Nacht das Lob des Herrn verkünden.“
Ich war dankbar für mein Gehör, dass er mich daraufhin wieder mit aus jenem Raum herausnahm und nur eine Treppe weiter oben in einen neuen, viel ruhigeren, führte. Überwiegend Frauen, aber auch Männer, die meisten in den Vierzigern oder Fünfzigern saßen auf einer Wiese um Picknickdecken herum, aßen, tranken und unterhielten sich leise. Wie ich erfuhr, waren dies die Ernährungsbewussten.
„Diese Frau hier – stehen Sie ruhig einmal auf, Frau Meier“, erzählte Herr Splitter und half einer Dame von ihrer Picknickdecke auf, „diese Frau ist im Leben jede Woche zwanzig Kilometer von ihrem Dorf aus zur nächsten Großstadt gefahren, nur weil es dort einen Demeter-Markt gab. All Ihr bescheidenes Einkommen haben Sie für Demeterprodukte ausgegeben, obwohl die viermal so viel kosten – nicht wahr, Frau Meier?“
Die Dame nickte bescheiden. „Und als Ihr Mann nicht mit dem Rauchen aufhören wollte – was haben Sie da gemacht? Na los, sagen Sie’s ruhig – Sie sind ein Licht für die Welt!“
„Mich scheiden lassen“, sagte die Frau mit einer weichen Stimme, „aber das war eher wegen…“ „Nein, nein, nein“, fiel ihr Herr Splitter ins Wort, „stehen Sie ruhig dazu. Es ist ein ewiges Gesetz – zwischen den Geretteten und den Verdammten ist ein ewiger Abgrund, bei manchen müssen alle Warnungen verhallen. Wo ihr Mann bald landen wird, das hat unser Besucher hier gerade sehen dürfen.“
„Ach mein lieber Mann! Lassen Sie mich doch noch einmal zu ihm, ich will ihn warnen!“, seufzte die Frau.
„Hören Sie auf – vergessen Sie ihn – haben sie auf mich und die Ärzte nicht gehört, so werden sie auch nicht hören, wenn einer von den Toten heraufsteigt. Setzen Sie sich hin und genießen Sie ihre unsterbliche laktosefreie Milch. Und Sie kommen mit!“, wandte sich Herr Splitter wieder streng an mich und führte mich weiter die Treppen hinauf. Das Treppenhaus war hier oben lichtdurchflutet, kunstvolle bunte Glasfenster erhoben sich zu beiden Seiten, der Boden bestand aus gleißendem Marmor.
„Jetzt“, verkündete Herr Splitter, „steigen wir zu den Heiligen empor. Kennen Sie nicht die Stelle, wo es heißt: Sie werden gehen in weißen Gewändern? Gleich werden Sie sehen, worauf sich das bezieht.“
Ganz oben hatte die Treppe wieder allen Schmuck verloren. In blitzblanken, weißen Kacheln war hier alles gehalten, die Helligkeit fing an unangenehm zu werden und die Luft war so rein, dass sie wie destilliertes Wasser schmeckte. Als Herr Splitter die letzte Tür öffnete, war mir, als bohre mir jemand mit spitzen Nadeln durch Augen und Nase ins Gehirn. Das Licht, das aus diesem Raum herausflutete, war so stark und von einem so grellen Weiß, dass bunte Flecken vor meinen Augen schwebten, ein Geruch von Desinfektionsmittel schlug mir entgegen, der – nein, man kann dieses Stechen nicht beschreiben. Und dazu erklang abermals, wenn auch nicht ganz so laut wie im Himmel der Fitten, ein unablässiges „Halleluja“ aus tausend Stimmen. Nachdem meine Augen sich mit den Lichtverhältnissen arrangiert hatten – von Gewöhnung konnte keine Rede sein – erkannte ich Menschen mit Laborbrillen und Mundschützen in blitzweißen Kitteln, die bis zum Boden reichten.
„Hier sind die, welche am schwersten gelitten haben“, sprach Herr Splitter, „dieser Mann zum Beispiel hat auf Erden nur Hohn und Spott hören müssen – schon vor dem Zeptervirus ging er immer mit Mundschutz hinaus, und als es ausbrach, hat er sich für zweitausend Euro eine komplette, hochwertige Ausrüstung mit Gasmaske gekauft, voller Hingabe auch die letzten Lücken zugeklebt und sie von da an nie mehr ausgezogen. Selbst seine Nächsten fielen von ihm ab, verständigten sogar den psychiatrischen Krisendienst – aber die wahrhaft Heiligen lassen sich nicht beirren. Hier nun hat er seinen verdienten Lohn!“ – Herr Splitter hatte Tränen der Rührung in den Augen – „Es regnet in diesem Bereich Tag und Nacht himmlisches Desinfektionsmittel, jedes Stäubchen wird sofort getilgt, seine erniedrigte Seele kann endlich Ruhe finden – und nahe sein seinem Gott.“
Er wies in die Höhe, wohin ich mich aber, zumal genau daher das unerträgliche Licht kam, nur eine Sekunde zu wenden wagte. Doch das reichte völlig - ich erblickte ein Dreieck aus Neonröhren, das mir durch seine Helligkeit noch minutenlang vor den Augen tanzte.
„Was du dort siehst, ist die heilige Dreifaltigkeit. Es sind die Gesundheit, die Gesundheit und die Gesundheit. Diese drei sind durch ein tiefes Mysterium eins. Doch sieh dir lieber wieder die Heiligen an – das Auge eines Sterblichen vermag göttlicher Herrlichkeit nicht standzuhalten. Hier dieser Mann verlor seine Arbeit wegen Zepter – er versuchte es als Briefträger, konnte aber nicht mit dem Postfahrrad und rollte auf die Straße, wo ihn ein Bus überfuhr. Sterbend im Krankenhaus verzichtete er freiwillig auf jeden Besuch – sagen Sie das mal Ihrem Nachbarn – und hauchte seinen Geist aus mit den Worten: Höre, Gesundheitswesen! Dein Gott ist ein steriler Gott! Stellen Sie sich das vor! Oder diese Dame hier – ihr Vater starb während des Lockdowns – ganz wie die Mutter Ihres Nachbarn. Sie haben Recht, an so was bewährt sich Standhaftigkeit und Treue der Heiligen. Sie aber ertrug es standhaft, sagte nur in tiefer, gläubiger Demut „Ja, Herr Doktor“, als man ihr sagte, sie dürfe ihn nicht mehr sehen. Der Vater hat im Sterben einen Chefarzt angespuckt, als der ihm dasselbe sagte – für diese grobe Schmähung des Heiligen wird er wohl viele Etagen tiefer landen – dabei war er sonst im Leben ein gesundheitsbewusster Mensch. Was sagt eigentlich Ihr Nachbar? Äußert er sich blasphemisch über den Ärztestand?“ Da reichte es mir. „Er wünscht Sie allesamt zum Teufel – und, mit Verlaub, da gehören Sie auch hin!“, schrie ich, „Und wenn es hier noch keinen Höllenkreis für Ihresgleichen gibt, dann fordere ich, umgehend einen einzurichten. Außerdem will ich lieber den Gestank der Raucherhölle ertragen als diese Desinfektionsmittel hier. Also lassen Sie mich jetzt zurück auf mein Sofa und meine Zigarette fertigrauchen.“
Herr Splitter starrte mich mit hochrotem Kopf und wutbebender Brust an, dann brüllte er: „Raus! Solche schmählichen Worte an diesem heiligsten aller Orte! Verlassen Sie sofort den Himmel der Heiligen und kommen Sie ja nie mehr wieder – ich wusste doch: Wer verloren ist, ist verloren!“ Dann packte er eine der Lampen, die hier herumstanden und strahlte mir damit geradewegs ins Gesicht. Alles wurde weiß vor meinen Augen, ich schrie auf – und erwachte auf meinem Sofa. Gott sei Dank war meine Zigarette selbstgedreht, sodass sie von allein ausging. So hatte sie, als sie mir aus der Hand fiel, nur ein winzig kleines Loch in den Boden gebrannt. Draußen war es schon dunkel geworden und im Fernsehen spielte ein Orchester das „Halleluja“ von Händel.
 
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16.03.2015
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Hi Moma,

Ich, Max Piper, möchte hier der Welt meine Gesichte kundtun, welche ich hatte eines schönen Nachmittags, als ich zu Hause vor dem Fernseher eine Pressekonferenz des ehrenwerten Gesundheitsministers Splitter (Name zum Personenschutz geändert) mit ansah und dabei eine Zigarette rauchte.

Ich finde den ersten Satz einer GESICHTE sehr wichtig, aber das hier reißt mich nicht vom Hocker.

Der Text ist vom Format her ein langer Bandwurm. Sei doch bitte so nett und füge ein paar Absätze ein. Und Zeilenwechsel da, wo die Sprecher wechseln. So ist das gerade auf dem Handy unlesbar.

Danke und viele Grüße,
GoMusic
 
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28.04.2016
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Lieber @GoMusic,

ich habe jetzt viele Absätze eingefügt. Du hattest natürlich Recht - es lässt sich so besser lesen.

Viele Grüße,

Moritz Mayer
 
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Hallo Moritz,
die Absätze sind schon mal ein Anfang und @GoMusic hat dir mit dem Zaunpfahl gewunken.
Ich, Max Piper, möchte hier der Welt meine Gesichte kundtun, welche ...

Leider konnte ich bei deinem Text nicht bis zum Ende durchhalten. Mit der Zeit ging mir die offensichtliche, mit dem drohenden Zeigfinger geäusserte Kritik am Diktat des Gesundheitswesens auf den Zeiger und spätestens hier
Was du dort siehst, ist die heilige Dreifaltigkeit. Es sind die Gesundheit, die Gesundheit und die Gesundheit. Diese drei sind durch ein tiefes Mysterium eins. Doch sieh dir lieber wieder die Heiligen an – das Auge eines Sterblichen vermag göttlicher Herrlichkeit nicht standzuhalten
hab ich quergelesen. Der Text ist für mich weder Satire, noch Komödie, denn ich konnte den Sinn der oftmals langatmigen Phrasen nicht erkennen. Ich fragte mich die ganze Zeit, was möchte mir der Autor erzählen? Weil ein Dauerwerbeblock zum Thema Auflehnung gegen die (Halb-)Götter in Weiss bietet mir einfach zuwenig Unterhaltung.

Liebe Grüsse, dot.
 
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… aber als ehemaligem Arbeitgeber darf ich am Gesundheitsunwesen nicht spurlos vorbeikommen.
schrieb ich in aller Flüchtigkeit eine kleinstmögliche Satire. Warum, wirst nicht nur Du Dich fragen,

lieber @moma,
guter Moritz,

denn tatsächlich nimmt (oder enteignet) doch der „Arbeitgeber“ gegen ein kleines Entgelt das Produkt des „Arbeitnehmers“, um einen größeren Profit daraus zu schlagen. Und das Rauchen tödlich „sein kann“ ist so sicher, wie das Leben allemal tödlich endet. Aber aus dieser Logik hinaus eine versteckte Kritik in querdenkender Manier an den zeitlich begrenzten Maßnahmen wie einem „neudeutschen“ Lockdaun wider den Virus oder gar der simplen Abstandsregeln (bei Rauchen in geschlossenen Räumen nützen die nicht die Bohne) zu äußern, wirft bei mir die Gegenfrage auf: Sollen wir Beten oder gar Tarantella tanzen, uns geißeln und frohlocken und Hosianna singen wie am Ausgang des Mittelalters zu Zeiten des Schwarzen Todes? Der übrigens den gleichen Weg nahm, wie die moderne Variante - über die Seidenstraße, und er setzte ein historisches Ende: Für Peking endete die Pax mongolica - und ich neig zu behaupten, dass vier trumple Jahre reichten, um die amerikanische Vorherrschaft in Frage zu stellen ...

Auch fehlt mir der Bezug zur für mich einzigen gültigen Maxime zur Satire, die zwar nach Tucholsky alles darf – folglich auch schlecht sein oder auch misslingen. Ich greif da gerne auf den Schiller der ästhetischen Briefe zurück, wo es heißt »Satirisch ist der Dichter, wenn er die Entfernung von der Natur und den Widerspruch der Wirklichkeit mit dem Ideale (in der Wirkung auf das Gemüth kommt Beides auf Eins hinaus) zu seinem Gegenstande macht. Dies kann er aber sowohl ernsthaft und mit Affekt, als scherzhaft und mit Heiterkeit ausführen, je nachdem er entweder im Gebiete des Willens oder im Gebiete des Verstandes verweilt. Jenes geschieht durch die strafende oder pathetische, dieses durch die scherzhafte Satire. Streng genommen verträgt zwar der Zweck des Dichters weder den Ton der Strafe, noch den der Belustigung. Jener ist zu ernst für das Spiel, was die Poesie immer sein soll; dieser ist zu frivol für den Ernst, der allem poetischen Spiele zum Grunde liegen soll. Moralische Widersprüche interessieren nothwendig unser Herz und rauben also dem Gemüth seine Freiheit, und doch soll aus poetischen Rührungen alles eigentliche Interesse, d. h. alle Beziehung auf ein Bedürfniß verbannt sein.«

Flusenlese

„Die Konferenz ist hiermit beendet.“, wandte dann aber, ….
Abschlusspunkt am Ende der wörtl. Rede weg!

Zuerst dachte ich, er meine wohl einen der Reporter vor ihm, der …
Warum auf einmal Konj. I?, angemessen bliebe Prät., „meinte“

„Entschuldigen Sie“, entgegnete ich daher nur ruhig, „aber das ist meine Wohnung, hier ist das Rauchen…“
Auslassungspunkte direkt am Wort behaupten, dass da zumindest ein Buchstabe fehle. Ich vermiss da keines - da wäre ja auch die Ästhetik des Apostrophes wesentlich rationeller
Da musstu jeden Einsatz von Auslassungspunkten reparieren!

„Weiß ich nicht, kommt auf den Einzelfall an“, sagte Herr Splitter hart, „Außerdem bin ich studierter Jurist ….
Nach Komma beginnt selbst wiederaufgenommene wörtl. Rede mit Minuskel – und das wahrscheinlich schon seit der karolingischen Renaissance

„AchKOMMA stimmt ja“, meinte ich, „dann können Sie …

Nach einem mindestens dreißigstöckigen Abstieg, der bereits anfing, in meine Knie zu gehen, gelangten wir zu einer weiteren Brandschutztür, …
Komma vorm Infinitivsatz weg, weil „zu gehen anfangen“ ein komplexes Prädikat bildet und sonst zerschlagen wird

Wie ich schauderte, als ich Menschen darin erkannte!
Nicht falsch – aber ist „wie mich schauderte“ wesentlich literarischer?

Die unwissentlichen Sünder sitzen da drüben“, er deutete auf einen Hügel neben dem See, auf dem sich etwas entrückt vom schlimmsten Gestank Raucher früherer Zeiten, darunter zum Beispiel auch indianische Häuptlinge, drängten, „es sind die, die geraucht haben, aber von den gesundheitlichen Risiken noch nichts wissen konnten.“
Ja, ich weiß – auch Kant war ein Rassist. Aber das Friedelspfeifchen wurde nicht alle zehn Minuten hervorgeholt und – da liegt sogar Karl M. nicht daneben – mit anderen geteilt – also rumgereicht wie etwa ein Joint. In der Familie Crazy Horse wurde sie sogar vererbt ...

„Mmmmmm, mmmmmm, mmmmmm!“ klang.
Komma nicht vergessen, sonst hätte der Klang tatsächlich mit Majuskel zu beginnen! Aber das eigentliche Problem – wie spricht man die „mm…“ korrekt aus, was lautschriftlich [m:] kurz ist

Er ließ mir keine Zeit, es mir ruhig anzuschauen, sondern zog mich sogleich wieder mit sich nach der nächsten Tür, worauf wir uns wieder in einem Treppenhaus befanden, das allerdings ein Wenig einladender aussah, als die vorigen. Wir überwanden unzählige Stockwerke.
„ein wenig“

Plötzlich aber wandte er sich um, schloss eine kleine Tür auf, die ich sonst gar nicht bemerkt hätteKOMMA und sagte: „Ach ja, der Läuterungsraum – fast hätte ich’s vergessen.“
Nachdem meine Augen sich mit den Lichtverhältnissen arrangiert hatten – von Gewöhnung konnte keine Rede sein – erkannte ich Menschen mit Laborbrillen und Mundschützen in blitzweißen Kitteln, die bis zum Boden reichten.
Mundschutze!

Hm - da weiß ich wirklich nicht, wie der Text zu retten wäre ...

Tut mir leid, Moritz!
meint der

Friedel
 
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28.04.2016
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Lieber @Friedrichard,

ja natürlich, Du wie auch die anderen haben Recht, dass dieser Text einigermaßen flach daherkommt. Aber ich hatte nur das Bedürfnis, einigen, wie ich doch auch wieder meine, interessanten Gedanken Ausdruck zu verleihen. Ein Bisschen ist er Nachtrag zu meiner neulich geschriebenen Geschichte über Religion in Zeiten von Corona (Gespräche auf der Teststation). Ich glaube ganz ernsthaft, dass zum Beispiel die Bildchen auf Tabakpäckchen und Zigarettenschachteln in vieler Hinsicht dieselben Muster bedienen, wie einst die - ja auch äußerlich ähnlichen - Höllendarstellungen. Höllenglaube bedeutet ja einen Konsens in einer Gesellschaft darüber, was für den Einzelnen wie für alle insgesamt unbedingt zu vermeiden ist - worüber sich also alle einig sind, dass man DORT auf gar keinen Fall hinwill. War dieser unbedingt zu vermeidende Ort früher die Hölle, so sind es heute die Sterbebetten, die uns genauso vor Augen gehalten werden. Zum Charakter des Höllenglaubens gehört auch, dass eine Gemeinschaft sich durch die gemeinsame Angst vor diesem allseits gefürchteten Zustand zusammenschweißt, sich unter dem Zeichen seiner Abwehr gemeinsamen Übungen, Handlungen und Regeln für das tägliche Leben unterwirft. All das bietet das heutige Gesundheitswesen in ständig zunehmendem Maße auch (vgl. dazu Manfred Lütz über die von ihm so genannte Gesundheitsreligion). Nur, dass diese allen gemeinsame Angst heute die vor dem Tod ist - aber dazu vgl. meine andere Geschichte.

Jede Kultur, die im Laufe der Geschichte hervortrat und sich wieder auflöste, hatte ihren besonderen Charakter, der damit einherging, dass bestimmte für sie charakteristische Themen, die Bekämpfung eines ganz bestimmten, entsprechenden Kreises von Problemen, über alles gestellt und bis zum Äußersten getrieben wurden, ehe diese Kultur sich wieder verflüchtigte und ihr Erbe an andere Kulturen weitergab. Bei den alten Ägyptern war dies vielleicht die Arbeitsmoral und die beständige Referenz an die Vergangenheit, bei den Juden des Altertums die Sexualmoral, bei Germanen Treue und Zusammenhalt. Verletzungen dieser Ideale wurden von der jeweiligen Kultur mit den drakonischsten Strafen geahndet, ihre Verwirklichung heiligte fast alle Mittel, der Zustand ihrer Auflösung wurde sozusagen als Hölle wahrgenommen. Mir persönlich scheint, dass den Platz dieses bestimmten, charakteristischen, ganz oben stehenden Ideals in unserer Kultur zunehmend die Gesundheit einnimmt und dass in Zukunft mit der Angst der Menschen vor Krankheit und Tod genauso viel gespielt werden wird, wie früher mit ihrer Angst vor der Hölle. Zumindest sehe ich die Gefahr hiervon ziemlich deutlich.

Viele Grüße - und vielen Dank für Deine "Flusenlese", die Du gemacht hast, obwohl Dir mein Text nicht gefiel - Moritz Mayer
 
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Nix zu danken,

lieber Moritz,

und ich erinner mich gut an die Gespräche auf der Teststation (die allemal gelungen sind und vor allem schon wegen der "dialektischen" Phase von besonderem Reiz - zumindest für mich - war und ist. Und mit den Bildchen auf Zigarettenschachteln (ich bin übrigens Nichtraucher, obwohl ich mit 13 nach Fußballspielen mit den Kumpels im Rasen lag und auch gelegentlich am Glimmstengel zog. Mir schmeckte da schon Bier leckerer als der Lungentod). 1994 hab ich mir dann noch mal demonstrativ eine Zichte geben lassen, als Krankenpflegeschülerinnen im Park an der Krankenhauscafeteria rauchten und gerade ein Rauchverbot ausgesprochen war vom Dienstherren, zu dem die Mitarbeitervertretung (ich war Vorsitzender) nicht informiert wurde. Um die Schüler zu schützen, hab ich mir eine geben lassen, mich zu ihnen gesetzt und gepafft. Eine halbe Stunde später wurd ich zum Krankenhausdirektor gebeten, der sich entrüstete, wie ich als bekannter Nichtraucher usw. usf. So nebenbei informierte ich ihn über sein Fehlverhalten. Dass sich die MAV da nicht dagegen auflehnte, war ja eigentlich abzusehen. Aber Ordnung muss sein und es wurden genug Mitbestimmungsrechte missachtet, von denen wir nix erfuhren.

Eigentlich auch Stoff für eine kurze Geschichte ... übers Jupp-Hotel ...

Tschüss

Friedel
 

CoK

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Hallo @moma

Ob es nun eine Satire oder eine Komödie ist oder einfach die Geschichte eines Traums, die von beidem etwas hat.
Ich habe sie gerne gelesen.
Mir hat dein Schreibstil sehr gut gefallen und in deiner Traumhölle sowie in deinem Traumhimmel habe ich mich als Beobachter gut unterhalten gefühlt.

Mit freundlichen Grüßen
CoK
 

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