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Die Rettung der Prinzessin

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08.10.2014
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Die Rettung der Prinzessin

Der Schmerz stand ihr gut, dachte sie. Sie betrachtete sich in dem schmalen, rechteckigen Spiegel. Der dünne, schwarze Gürtel betonte ihre Taille. Auch ihr Gesicht wirkte attraktiver, fand sie. Ihre grünen Augen stachen nun geradezu aus dem kantig gewordenen Gesicht hervor. Sie nahm noch einen Schluck Rotwein aus dem Glas, das neben ihr auf dem Boden stand. Doch die Angst rieb wie Sandpapier gegen ihren Magen und ihr wurde schlecht. Ein ohrenbetäubendes Gefühl, für das sie Linderung brauchte. Sie war schon seit Wochen auf der Suche nach einem Heilmittel. Obwohl ein Teil von ihr wusste, dass sie es wahrscheinlich nie finden würde.

Schnell packte sie ihre hohen Schuhe, zog ihre Jacke an und verließ die Wohnung. Die Straßen gehörten um diese Zeit den Paaren. Sie hielten sich an der Hand und blieben von Zeit zu Zeit stehen, um sich zu küssen. Sie musste immer wieder ausweichen, um nicht mit ihnen zusammenzustoßen. Ein Baby lächelte sie aus einem Kinderwagen grausam liebenswert an. Sie beschleunigte ihre Schritte, ihr Atem dampfte kurz in die Nacht und verschwand schnell wieder. „Wenn ich atme und keiner sieht es, lebe ich dann überhaupt?“, dachte sie. Ihre Kehle zog sich schmerzhaft zusammen.

Dann hörte sie das Summen. Erst leise, dann immer lauter. Wie ein Bienenschwarm. Sie sah die rosa Leuchtbuchstaben, die sich nach und nach vom grauen Beton abhoben. Sie formten zwei Worte: Cosimar Bar. Endlich. Sie streckte den Arm aus und griff hastig nach der Tür. Sofort überschwemmte sie eine Mischung aus Stimmengewirr und abgestandener Luft. Die Welle erstickte ihre Angst. Sie tauchte ein in diese Welt, glitt sicher durch die vertrauten Wogen des Partylebens.
„Hi, wie geht es dir?“ Monika, erinnerte sie sich. Sie hatten sich bei einer Party vergangene Woche kennengelernt. Sie tauschten ein paar Worte und ließen dabei die Blicke zu den anderen Gästen schweifen. Es war wichtig, immer beschäftigt zu wirken.
“Hast du schon jemand interessantes hier gesehen?”, fragte sie.
Monika schüttelte den Kopf: “Nein, leider nicht, du?“ Sie standen eine Weile schweigend da. Dann platzte es aus Monika heraus: „Oliver ist hier.” Sie folgte Monikas Blick und sah einen schlanken, mittelgroßen Mann, der sich gerade mit einer hübschen Frau unterhielt. Nach einer Zeit schien er das Interesse zu verlieren und ließ die Frau stehen. So wie er Monika hatte stehen lassen, dachte sie.

Der DJ spielte “Sweet Dreams” von den Eurythmics. Sie wippte im Takt und trank ihre vierte Weinschorle. Da trat er durch die Tür. Groß, dunkel, übermächtig. Stahl ihr den Atem und die Hoffnung. Er war der lebende Beweis, dass sie nicht gut genug war. Dass sich ihr innigster Wunsch nicht erfüllen würde. Bilder galoppierten wild durch ihren Kopf. Betrug, Demütigung, Trauer, Wut. Der Schmerz bäumte sich plötzlich auf, wurde zur unbezähmbaren Energie. Sie hatte sich selten so lebendig gefühlt wie jetzt. Ihre Seele ächzte nach Linderung ihrer Schmerzen. Sie bewegte sich im Takt der Musik, ihre Arme suchten nach anderen Armen. In dem Meer an Körpern, Lichtern und Musik blickte sie plötzlich in Olivers Augen. Monikas Oliver. Er war nett zu ihr. Flirtete. Sie lachte, fühlte wieder etwas Hoffnung in sich aufsteigen.

Wäre er es, das Heilmittel? Sie kamen sich näher. Eng. Sehr eng. Sein Körper war Medizin. Sie sog seinen Geruch ein, strich mit ihren Händen über seine Schultern. Gleich würde er sie erlösen. Mit seinem Kuss. Aber nichts passierte. Als er sie losließ, fiel sie ins Nichts. Erwachte im freien Fall. Die Bar war leer geworden, die Bienen ausgeflogen. Auch Monika und der dunkle Mann waren gegangen.

Da hörte sie neben sich eine Stimme, süß und leicht wie Zuckerwatte: “Tanzen wir?”, fragte sie. Die Stimme gehörte einer wunderschönen blonden Prinzessin. Wie selbstverständlich legte sie ihre Arme um sie. Ihre Schultern waren klein und perfekt. Sie roch süß und rein. Das Gefühl war wundervoll fremd. Und als sie tanzten, verschwanden die anderen Menschen, wurden zu Schatten. Irgendwann war das Lied verstummt. Oliver war zurückgekommen. Er nahm ihre Hand. Er war die Schwerkraft. Und die Prinzessin verschwand. Gleich würde er sie küssen. Aus ihrem Augenwinkel sah sie etwas aufblitzen. Golden und warm. Die Prinzessin stand drüben an der Bar. Sie spürte, wie etwas ihr den Boden unter den Füßen wegzog. Die Zeit dehnte sich. Und zerriss. Sie stand neben der Prinzessin. Berührte ihre blonden Locken und ihr herzförmiges Gesicht. “Du bist so schön”, sagte sie. Dann küsste sie die Prinzessin wach.

 
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N´abend @Steffi

Dein kleiner Text war ruckzuck gelesen, was vor allem an einem angenehmen Schreibstil liegt.
Bis auf ein paar Kleinigkeiten, hat mir dein Geschichtchen - oder sollte ich Märchen sagen? - ganz gut gefallen. Du versprühst eine hippe 80er Jahre Atmosphäre, die ich gut nachvollziehen konnte, auch wenn ich sie nicht selbst erleben durfte. Lediglich dein letzter Absatz hat mich etwas stutzen lassen, denn da habe ich den Anschluss an deine Handlung irgendwie verloren.

Aber vorher wenige Kleinigkeiten:

Doch die Angst rieb wie Sandpapier gegen ihren Magen

Da bin ich kurz drüber gestolpert. Versuchs vielleicht mit "Doch die Angst rieb wie Sandpapier in ihrem Magen".

Sie war schon seit Wochen auf der Suche nach einem Heilmittel[,] Obwohl ein Teil von ihr wusste, dass sie es wahrscheinlichnie finden würde.

Das fehlt einmal ein Leerzeichen.
Dem Lesefluss zur Liebe würde ich diese beiden Sätze evtl. zu einem machen.

Schnell packte sie ihre hohen Schuhe, zog ihre Jacke an und verließ die Wohnung.Die Straßen gehörten um diese Zeit den Paaren.

Darfst den Sätzen ruhig ein wenig Platz lassen :)

zusammen zu stoßen

zusammenzustoßen


Ein Baby lächelte sie aus einem Kinderwagen grausam liebenswert an. Sie beschleunigte ihre Schritte, ihr Atem dampfte kurz in die Nacht und verschwand schnell wieder.

Mir gefallen die Bilder, die du kreierst.

„Hi, wie geht es dir?“ Monika, erinnerte sie sich.

Es ist nicht unbedingt notwendig, aber um es dem Auge des Lesers noch leichter zu machen, könntest du die wörtliche Rede eine Zeile runter setzen.

Sie tauschten ein paar Worte und ließen dabei die Blicke zu den anderen Gästen schweifen. Es war wichtig, immer beschäftigt zu wirken. “Hast du schon jemand interessantes hier gesehen?”, fragte sie. Monika schüttelte den Kopf:“Nein, leider nicht, du?“

Auch hier fehlt ein Leerzeichen


Sie tauschten ein paar Worte und ließen dabei die Blicke zu den anderen Gästen schweifen. Es war wichtig, immer beschäftigt zu wirken.
“Hast du schon jemand interessantes hier gesehen?”, fragte sie.
Monika schüttelte den Kopf: “Nein, leider nicht, du?“

Mal so als Beispiel, wie gesagt, ist nicht unbedingt notwendig.


Der DJ spielte “Sweet Dreams” von den Eurythmics.

Gute Wahl!

Da trat er durch die Tür. Groß, dunkel, übermächtig. Stahl ihr den Atem und die Hoffnung.

Mein Vorschlag:
"Da trat er durch die Tür. Groß, dunkel, übermächtig, und stahl ihr Atem und Hoffnung."

In dem Meer an Körpern, Lichtern und Musik[,] blickte sie plötzlich in Olivers Augen.

Komma

Die Bar war leer geworden, die Bienen ausgeflogen.

Schön, dass du hier wieder an den Anfang des Textes anknüpfst. Der Kreis schließt sich.

Die wenigen Kleinigkeiten haben sich beim zweiten Lesen dann doch etwas vermehrt. Versuche in Zukunft Flüchtigkeiten, wie das Vergessen eines Leerzeichens, zu vermeiden, indem du den Text einen oder zwei Tage beiseite legst und dann noch mal drüber schaust. Du glaubst nicht, was einem dann auf einmal alles auffällt.

Beim letzten Absatz angekommen, verstehe ich nicht mehr genau, was du mir mitteilen möchtest. Ist die Prinzessin jetzt sie selbst, war das alles nur ein Traum, denn nur dort kann sich Zeit dehnen und zerreißen.
Vielleicht schaust du noch mal drüber und überlegst, wie du dem Leser die Pointe verständlicher machen kannst. Oder ich bin einfach ein Ochse und rall´s nicht. Ist schließlich auch eine Möglichkeit.

So viel dazu, das war´s erst mal von mir.

Gruß

Dave

 

Ein Baby lächelte sie aus einem Kinderwagen grausam liebenswert an.

Moin,

Steffi,

obwohl von der Herkunft her der Generation „Talkin' ‘bout my generation ...“ schon wieder angehörend und es dann wohl in näherer oder doch hoffentlich fernerer Zukunft auf der Wandergitarre (oder doch elektrifiziert, dass auch die Tauben wieder hören lernen) im Altenheim klimpern und emotionslos mitgröhlen werde, kann ich @Dave A folgen bis hin zu den fehlenden Leerzeichen. Und – egal was gleich noch jenseits der Leerzeichen kommt – schließ ich mich – auch ohne Verse wie zur „Werkirche“, die Variante über den morgensternschen „Werwolf“ überkam mich damals (klingt ja auch wie aus ferner Vergangenheit) einfach. Jetzt reim ich mal nicht, abgemacht!

Aber es geht gleich los, denn hier

Der Schmerz stand ihr gut, dachte sie
ist an sich der Gedanke eher eine indirekte Rede, wenn nicht gleich Wunschdenken, also keineswegs Indikativ. Wenn es also Wunschdenken ist, Konj.II, hieße, dass der Schmerz ihr gut „stünde“ oder „stände“ (ich selbst wähl am liebsten die ältere Form, weil darin zugleich das Zeitliche, die Stunde und somit die Begrenzung mitschwingt ...)

Der dünne[,] schwarze Gürtel betonte ihre Taille.
Komma, weil die Adjektive gleichrangig sind. Die Gegenprobe dünne „und“ schwarze Gürtel sträubt sich zumindest nicht

Ein ohrenbetäubendes Gefühl, für das sie Linderung brauchte.
So laut ist der Magen oder doch „Tinitus“ oder die Disco? „Ohrenbetäubend“ meint immer „Lärm“

Sie musste immer wieder ausweichen, um nicht mit ihnen zusammen zu stoßen.
„zusammenstoßen“, auch als Infinitiv (oder auch Partizip)

Sie sah die rosa Leuchtbuchstaben, die sich nach und nach vom grauen Beton abhoen.

Sie tauschten ein paar Worte und ließen dabei die Blicke zu den anderen Gästen schweifen.
Üblicherweise im übertragenen Sinn "schweifen" Blicke "über" etwas. Das "zu" würd' aber selbst ich stehn lassen, weil es verrät, dass die Disco nicht allzu "brechend" (schon wieder eine "übertragene" Bedeutung) voll ist.

Sie folgte Monikas Blick und sah einen schlanken[,] mittelgroßen Mann, der sich …
s. o.

Als er sie losließ[,] fiel sie ins Nichts.
„Als“ leitet einen vollständigen Satz ein, darum die Kommasetzung (gilt auch für die Verschiebung „Die fiel ins Nichts, als er ...“)

Die Stimme gehörte einer wunderschönen[,] blonden Prinzessin.
s. o.; hier lässt sich am leichtesten die Vatiante ohne Komma darstellen, wenn es hieße „gehörte einer wunderschön blonden Prinzessin“ da verstärkt das erste Adjektiv das zwote, die Haarfarbe und nicht die Person

Sie spürte[,] wie etwas ihr den Boden unter den Füßen wegzog.
Wie schon beim „als“, wenn vergleichende Konjunktionen einen vollständigen Satz jenseits des bloßen Vergleiches einleiten, ist immer ein Komma zu setzen.

Wie dem auch sei, gern gelesen vom

Friedel

 

Hallo @Steffi,
deine Geschichte hat ein paar schöne Stimmungsbilder, die aber leider nicht weiter vertieft werden.

Der Schmerz stand ihr gut, dachte sie.
Toller erster Satz! Ich bin neugierig auf die Frau und welchen Schmerz sie mit sich herumträgt, bzw. darauf, was dieses Gefühl nach sich zieht.

„Wenn ich atme und keiner sieht es, lebe ich dann überhaupt?“, dachte sie. Ihre Kehle zog sich schmerzhaft zusammen.
:thumbsup:


Bis zu dem Treffen mit Monika hast du mich am Haken. Dann wird mir zu viel angerissen und etwas oberflächlich herumexperimentiert. Ich erfahre, dass Oliver sich mit einer hübschen Frau unterhält und sie dann stehen lässt. Wie Monika. Ein toller Typ kommt durch die Tür, aber deine Prota fühlt sich ihm nicht gewachsen. Du greifst diese Themen aber danach nicht wieder auf. Ich erfahre nichts über Monikas Beziehung mit Oliver oder was er für ein Typ ist. Er wird mir über ein paar äußerliche Details vorgestellt, aber ich sehe ihn nicht handeln, nicht sprechen, wie er sich bewegt, welche Charakteristika oder Merkmale seine Persönlichkeit ausmachen. Der Typ an der Tür taucht nicht wieder auf.
Die Sache mit der Prinzessin finde ich grundsätzlich ganz romantisch, nur bleibt sie mir zu passiv.
Es sei denn, du hast die ganze Situation als Drogentrip in einem Club angelegt. Das würde für mich Sinn machen, wäre mir als Plot aber zu schwach, denn dann käme lediglich raus, dass die Protagonistin unzufrieden ist mit sich, vermutlich depressiv, Liebeskummer hat, drogenabhängig ist oder alles zusammen. Das bleibt mir zu vage. Sie lenkt sich mit oberflächlichen Vergnügungen ab und fühlt sich mit irgendwelchen Partydrogen wie eine Prinzessin, die alles kriegt, was sie will. Da müsste für mich mehr passieren, und ich müsste im Laufe der Geschichte tiefer in die Charaktere einsteigen können, um mich mit ihnen zu identifizieren.

Viele Grüße,
Chai

 

Hallo Dave,
vielen Dank für deinen Kommentar. Hat mich sehr gefreut, dass dir die Geschichte gefallen hat. Die Anmerkungen fand ich sehr hilfreich und habe die meisten schon umgesetzt.
Ich werde mir den Schluss auf jeden Fall noch einmal ansehen und überlegen, wie ich die Pointe vielleicht klarer machen kann.
Grüße
Steffi

Lieber Friedel,
ach schade, Reime wären doch schön gewesen ;)
Da habe ich ja eine Menge Kommafehler eingebaut. Vielen Dank auch für deine Verbesserungen. Das ohrenbetäubende Gefühl habe ich absichtlich als Bild gewählt. Werde an meiner Kommasetzung üben.
Steffi

Hallo Chai,
danke auch dir, dass du dich mit der Geschichte beschäftigt hast. Ich habe die Handlung sehr verdichtet. Es ist natürlich möglich, dass sie dadurch nicht mehr so einfach zugänglich ist. Es ist vielleicht tatsächlich mehr ein Traum oder, wie Dave meinte, ein Märchen. Sicher wäre es aber auch möglich gewesen, es als "klassische" Kurzgeschichte auszuarbeiten.
Grüße
Steffi

 

Hallo @Steffi

Freut mich, dass du dir die Kritik in diesem Forum zu Herzen nimmst.

Noch ein kleiner Tipp, um die Zusammenarbeit mit den anderen Mitgliedern zu erleichtern. Du kannst deine Kommentatoren und natürlich auch andere Wortkrieger taggen. Einfach ein @ vor den Username setzen. Auf diese Weise bekommen wir eine Mitteilung und es wird nichts übersehen.

LG

Dave

 

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