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Die schrecklichen Landschaften

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01.05.2009
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Die schrecklichen Landschaften

Erinnerungen in Bildern, die sich nur ruckartig weiterbewegen – alten Filmaufnahmen gleich. Immer scheinen Zwischeneindrücke zu fehlen. Ich will mich nicht erinnern. Aber es ist der Schmerz, den ich nicht vergessen kann.
Als es damals anfing, 1917, dachte keiner, der Krieg könnte nach einem Jahr vorbei sein. Die Aufrechnung kam später: Mehr als neuntausend Gefallene. Fünfzehntausend Waisen, die vielleicht nie hätten überleben sollen. Zweitausend Frauen kämpften für den Gegner. Ich habe keine von ihnen angerührt.
Erschießungen. Unmarkierte Gräber auf Feldern, im Wald. Massengräber. Wir taten kein Unrecht. Es gab Leid, das beendet werden musste – die rote Pest, die alle mit ihrer Propaganda vergiftete. Das Land war zerrissen, und wir haben es geheilt. Aber warum schwiegen sie bis zum Schluss, bis es nicht mehr auszuhalten war?

* * *​

Tammisaari, die erste Flucht, April 1918, Natalja ist noch ein Kind. "Wir müssen uns beeilen, die bösen Männer kommen uns holen", wird ihr gesagt. Die Weißen.
Plötzlich einsetzendes Tauwetter, der Treck droht, im Schlamm stecken zu bleiben. Sie werden noch den Deutschen in die Arme laufen, der einrückenden Allianz vor die Geschütze. Natalja will nicht verstehen, warum sie weglaufen müssen, warum geschossen wurde und ihre Mutter ein Gewehr trägt. Oder warum der Ort, an dem ihre Tante jetzt ist, besser sein soll, als ihr Zuhause.

Der Matsch ist überall. In Schuhen, Mänteln, ihren Haaren. Oft müssen sie vom Wagen steigen, weil die Pferde sonst nicht anziehen können. Alles, nur nicht stehen bleiben. Eisige Nässe schlüpft zwischen Stoff und Haut, lähmt jede Bewegung. Und nachts kein Feuer, aus Angst, entdeckt zu werden. Sie schaffen es nahe der Küste entlang bis zur Karelischen Landenge, da ist der Krieg längst vorbei. Nataljas Mutter spricht von Gefangenschaft, von Lagern, um die Deutschen geht es nicht mehr. Es sind die Sieger, die Weißen, die sie fürchtet. Die Flucht wird fortgesetzt, und weiter nach Norden, Osten. In Kaukjärvi verlässt sie die Kraft. Ein kleiner Ort, dabei, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen.
„Wenn es hier so schön ist, kommt Tante Sanna auch bald?“, fragt Natalja.
Sie bekommt keine Antwort. Natalja fürchtet sich vor dem hohlwangigen Gespenst mit den toten Augen und wünscht sich ihre Mutter zurück, die sie irgendwo auf dem Weg verloren hat.

* * *​

Dampf, so trocken, dass er in der Nase beißt. Öliges Harz der Birken, erwärmtes Holz. Wasser faucht auf den Steinen des Saunaofens, Dampf schießt über die oberste Bank hinweg. Hüllt die beiden Männer ein, nimmt ihnen die Sicht wie der Schweiß, der in die Augen rinnt. Der Verschluss einer Bierflasche knackt, gieriges Schlucken. Eine zweite Kelle Wasser trifft die Steine. Mehr Hitze, noch ein paar Schlucke.
„Wie war das jetzt, mit dem Kind?“, fragt Toivo. „Diesem Bengel hinten beim Schuppen und ...“
„Das war kein Kind.“
„Hat es mit dir gesprochen?“
„Nein!“
„Es steht nur da und sagt kein Wort?“
„Es ... er kann nicht sprechen, glaube ich.“

Wir hatten dir den Mund zugenäht, am Ende. Warum nur, warum? Ich weiß es nicht. Und jetzt bist du wieder da, nach all den Jahren, und schleichst um mein Haus wie ein räudiger Hund.

* * *​

Einem Virus gleich steckt Natalja der Fluchttrieb ihrer Mutter im Körper, musste sich am Sterbebett von der kalten, schwitzigen Hand durch ihre Haut gefressen haben.
Über Tante Sanna war nie wieder gesprochen worden. Natalja stieß in einer Zeitung auf die Mitteilung und behielt ihr Wissen für sich: Es war ein schöner Ort, an dem Sanna und zehn weitere Frauen verblieben sind. Am Ende eines Feldweges – vielleicht schien eine kalte Sonne auf das Korn des vergangenen Jahres, vielleicht roch die Erde nach Waldmeister. Ein flaches Grab neben dem Weg, ohne Kreuz, ohne Stein, nur durch Zufall wiederentdeckt. Kein Trost, dass die Exekutierten später auf einen Friedhof umgebettet wurden.
Für Natalja liegt der Körper noch immer an diesem Straßenrand. Liegt dort, wo Müll verrottet. In ihren Albträumen sieht sie Motoröl und Fäule bis in die verscharrte Leiche sickern. Die Knochen verätzen, Augenhöhlen verbrennen. Und sie selbst wacht auf, schweißnass und nach Atem ringend, mit dem Geschmack von Benzin auf der Zunge.

Es ist eine Warnung, sagt sie sich. Meine Aufmerksamkeit darf nicht nachlassen. Zwanzig Jahre Frieden: eine trügerische Ruhe, nicht mehr. Der Ausbruch des Winterkrieges wie die Erleichterung, wenn eine Eiterbeule aufgeschnitten wird – die Hoffnung, dass die Wunde, gesäubert, heilen könnte. Noch ahnungslos, welche Schmerzen folgen werden. Es ist das Jahr 1940, und ihre zweite Flucht. Die meisten fliehen in die entgegengesetzte Richtung nach Westen, in ihrer Gruppe sind nur wenige. Kinder wie Natalja damals, vor zwanzig Jahren. Ebenso verschreckt und neugierig stolpern sie neben der Mutter her - an die Hand, den Rocksaum geklammert, ihren Blick zurückgerichtet. Werden ermahnt, nach vorn zu schauen, auf die Straße. Nach Norden, ins Unbekannte.
Hinter ihnen lodern die Gehöfte, ein Flammenmeer, das die Vergangenheit unter sich begräbt.

* * *​

Die Erinnerung ruht wie ein träges Tier in einem, wenn man nicht an ihr rührt. Schweigen allein genügt nicht. Man lernt, andere Speisen zu essen, Kaffee statt schwarzem Tee zu trinken. Nicht auf Gerüche zu achten - sie wecken Bilder, zu schnell, bevor man sie vertreiben kann.
Die Zeiten damals, man muss vergessen können. Tampere ist eine moderne Stadt, hier wurde aufgeräumt. Befreiung – sagt das nicht alles? Wir haben den roten Terror gebannt. Keiner kann behaupten, er hätte es anders gewollt.

* * *​

Vor zehn Jahren waren Mitteilungen angeschlagen worden: Am 5. März 1962 ist zur Vollversammlung in die Schule zu kommen. Pirttilahti ist als perspektivlos identifiziert worden und wird im Sommer liquidiert werden. Die Einwohner haben sich auf die Umsiedlung vorzubereiten.
Natalja hatte sich geweigert, und keine Versprechungen von Betonhäusern, fließendem – sogar heißem – Wasser aus der Leitung, von Infrastruktur und Telefonanschluss konnten sie überzeugen. Einige beratschlagten schon, ob sie ihre Kühe dort in der Stadt hinter dem Haus weiden lassen könnten. Natalja und ein Dutzend andere hatten sich weder durch Überredung noch Drohungen zur Aufgabe ihrer Häuser bewegen lassen. Dieses Land war ihre Heimat geworden, und es würde keine weitere für sie geben.
Ihnen wurde der Strom abgestellt, alle Dienstleistungen unterbrochen, Läden, Schule, Post, Bäckerei und die Bibliothek geschlossen. Niemand klagte. Es gab ihre Gärten, einige Kühe, und jemand hatte einen Lastwagen für Sammeleinkäufe. Pirttilahti legte sich schlafen, um nie wieder aufzustehen.

Die Blockhäuser der Weggezogenen sacken zusammen, erdrückt von Schnee, unterspült von Regen. Blumen blühen wild, streunende Katzen betteln um Milch. Spitzenvorhänge vergrauen hinter schiefen Fensterrahmen. Im Sommer wird reihum zu Kaffee und Kuchen geladen, die Tische im Garten gedeckt wie sonst nur zu Praašnikat, heiligen Festtagen. Sie essen Beerentorte und schlürfen gesüßten Kaffee aus Untertassen, hören den Wind im hohen Gras und den Fluss in seinem Lauf. Auf den Holzzäunen trocknen Handtücher mit Rotstickerei, frisch gewaschen. Sie planen gemeinsam, welche Planken auf den Wegen erneuert, welches Dach gedeckt werden muss, und wessen Fensterrahmen einen neuen Anstrich brauchen. Dieses Jahr gibt es nur hellblaue Farbe.

Natalja lebt auf in dieser Isolation. Ein Versteck, wie eine Falte im Gewebe der Welt. Wo nur die Erinnerungen sie finden können.

In den ersten Tagen des Jahres ’73 stirbt die Nachbarin, Josefiina. Nur noch acht von uns im Dorf, denkt Natalja. Und keiner wird nach uns kommen. Wir sitzen hier und warten auf den Tod. Die Erde ist gefroren und Josefiina wird in der Sauna aufgebahrt. Natalja weint nicht, sie streicht die Laken glatt und hält Totenwache mit den anderen. Es gibt Piroggi und Salzgurken, sie trinken Schnaps, singen ihre Klage. Kerzen werfen unstetes Licht auf Wände bedeckt von Ruß. Alles duftet nach Teer, Holzfeuer, altem und frischem Rauch. Träge hängen die Schwaden unter dem Dach, ziehen an der Decke entlang und entkommen aus einer Luke.

Den Winter über schaut Natalja stets zum Nachbarhaus, wenn sie an den Fluss hinuntergeht. Jedes Mal erwartet sie, Josefiina hinter ihren halbzugezogenen Gardinen wirtschaften zu sehen. Verstorbene schrecken sie nicht, nur die leeren, frostgeschüttelten Räume lassen sie schaudern.
Manchmal, zwischen Träumen und Wachen, meint sie, das Gift der Erde würde sich ins Holz fressen, sich einnisten in den Balken ihres Hauses. Die schrecklichen Landschaften ihrer Kindheit wären ihr bis hierher gefolgt. Es kann nicht in allem existieren, glaubt sie in diesen Augenblicken zu wissen. Es benötigt die Erde, das Holz und das Fleisch. Aas, zur Not. Erinnerungen sterben nicht, sie suchen sich einen neuen Wirt, eine neue Heimat. Klebrig und zäh, und wenn sie einen Unterschlupf gefunden haben, lassen sie dich nie wieder los.
Mehr noch als das Nachbarhaus fürchtet Natalja die Orte ihrer Vergangenheit, und ein Massengrab in Tammisaari.

* * *​

„Hast du ihn nochmal gesehen, hier?“, unterbricht Toivo die Stille.
Aarne schweigt. Ja, und diesmal ist er näher ans Haus gekommen.
„Aarne?“, hakt Toivo nach. Die Sache lässt ihm keine Ruhe. Er kennt den Freund nicht so verschlossen.
Plötzlich schiebt dieser die Bierflasche von sich. „Er stand hinten an der Küchentür. Die ist ja nie verschlossen. Ich dachte schon, er würde reinkommen.“
„Es ist ein Kind! Und die Familie sucht ….“
Kopfschütteln. „Der Junge gehört hier nicht hin. Er ist dreckig. Er kann nicht sprechen, steht da und schaut mich an. Wartet.“
„Dass du ihn erstmal aufnimmst und die Polizei anrufst? Vielleicht findet er nicht mehr nach Hause, herrje.“
„Schluss jetzt! Du hast ja keine Ahnung.“ Aarne leert mit einem Zug die Flasche und steht auf.

* * *​

Es ist ihr altes Ritual – vor der Ikone in der Ecke, mit dem Rücken zum Raum. Natalja steht dort wie vor einem Spiegel, und stellt sich Fragen, die sie nie beantworten könnte. Auch antwortet keiner an ihrer Stelle. Doch sie kann sich dabei verlieren im Ocker, Braun und Gold des Gemäldes, dessen Fläche sich zu einer Landschaft öffnet. Jedes Mal versucht sie, auf ihren Weg zurückzuschauen, stets ist es nur dunkle Erde, die sie sieht. Schlammig, gefroren. Verbrannter Boden.
Die Erde ist nicht immer nur gut, denkt Natalja. Es gibt sie, die entsetzlichen, bösartigen Landschaften, die das Auge mit ihrer Unschuld täuschen. In denen Vergangenes lauert, lebendig begraben.
Der Hund hat nicht angeschlagen, und doch steht jemand in der Diele. Im Dämmerlicht des Vorraumes, klein und schmächtig. Ein Kind noch.
„Komm rein“, sagt sie. „Aber zieh dir die Schuhe aus, bevor du mir das Unglück ins Haus schleppst.“
Der Junge ist verschwunden.

* * *​

Was will dieses Kind denn, gerade von mir? Ich habe nie Befehle erteilt. Man darf nicht denken, das alles hätte uns Spaß gemacht. Die Frauen, nun, das war die eine Sache. Aber daran hätte ich mich nie beteiligt. Weiber in Männerkleidung, so ausgemergelt und dreckig. Mit kurzem Haar, das ist gar nicht mein Fall. Es wurde ja viel getrunken, als der Sieg nah war, auch das muss man bedenken.

* * *​

Der Ort ist nicht vergessen, vielmehr trostlos. Sonne trifft den Boden, aber es sind die Schatten, die dort herrschen. Kaum Grün auf dem Waldboden. Kanister, Flaschen, aufgerissene Kartons und Schrott. Die Erde ist locker und kühl und schwarz. Eine verfaulte Krähe zeigt ihren blanken Schädel.
Öl sucht sich schillernd seinen Weg in die Tiefe. Batteriesäure und Benzin verätzen den Boden. Keine zwei Meter tief, die Gefangenen waren schon schwach gewesen. Säure leckt an den Knochen, Öl rinnt durch Elle und Speiche, sammelt sich in erdgefüllten Augenhöhlen. Vergifteter Schlamm füllt den Mund voll weißer Zähne. Nicht eine Kugel, kein durchschlagener Nackenwirbel. Sechs, in Brust und Schultern - und eine ins Gesicht. Die ihr die Wange zerrissen hatte bevor sie starb. Wäre noch das Fleisch auf den Knochen, könnte man Ruß an der Wunde sehen, der letzte Schuss aus nächster Nähe. Regenwasser spült Vergorenes in ihre Gebeine, in klaffende Risse. Schimmel überzieht Rippenbögen, vom Druck der Erde längst geborsten. Sie liegt dort, niemals auf einem Friedhof. Liegt dort und wartet, und streckt ihre Fühler nach den Überlebenden aus.

* * *​

Hier in der Stadt ist kein Platz für Aberglauben – ich hätte diesen Jungen gar nicht erwähnen sollen, Toivo wird denken, ich hätte den Verstand verloren. Wie nennt man das? Wahnvorstellung? Halluzination. Und selbst – was könnte er ausrichten, gegen einen erwachsenen Mann? Im Schlaf erwürgen vielleicht. Mit Draht ... Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass er mich mit diesen Händen anfasst.

* * *​

Die Türen sind gegen die Kälte verschlossen, aber er steht dort, fast mit der Dunkelheit verschmolzen, und bringt den Geruch von regennasser Erde mit.
„Komm rein“, wiederholt Natalja ihre Einladung, wie schon vor Tagen. Wendet sich ab, räumt geschäftig in der Küche. Wildkatzen darf man nicht locken, sonst laufen sie einem davon. „Setz dich“, sagt sie über die Schulter hinweg. „Ich hab hier was, das wird dir schmecken.“
Keine Schritte, kein Rascheln von Kleidung, doch die Sitzbank scharrt über den Boden.
Natalja bringt eine Schale Haferbrei, rot leuchten Preiselbeeren darauf. Sie hatte sich geirrt, der Junge ist kein ausgerückter Streuner. Metall kratzt auf Holz, als er die Hände auf den Tisch legt. Drähte, so eng um die Finger gewunden, dass sie sich tief ins Fleisch eingegraben haben. Sichtbar nur, wo sie mehrmals um eine Stelle geschlungen sind. Das Geräusch verursachen die losen Enden, die aus der Haut ragen.
Violinensaiten, denkt Natalja. Eisendraht, störrisch, und härter gespannt, als auf jedem Instrument. Einige Finger sind zusammengeschnürt. Ein kleiner Finger fehlt. Die Einschnitte müssen bis auf die Knochen gehen. Metall kratzt erneut auf Holz, als er nach dem Löffel greift.

* * *​

Ich weiß beim besten Willen nicht, wer auf diese Idee mit dem Draht gekommen war. Es ist nicht so leicht, wie es klingen mag. Man braucht eine gute Zange. Ja, und zwei Männer, auch zum Festhalten. Man stellt sich das zu einfach vor. Was genau hatten wir wissen wollen? Im Krieg ist jede Information wichtig. Kaum Blut, anfangs. Vielleicht was abgeschnürt. Als der Draht tiefer geschnitten hat, da floss auch Blut.

Was tue ich, wenn er ins Haus kommt?

* * *​

Natalja sieht keine Fingernägel, keine Haut. Nur Erde, Dreck. Offene, trockene Wunden. „Die Beeren sind bitter, es hat zu wenig geregnet dieses Jahr“, entschuldigt sie sich.
Die Schale wird über den Tisch gezogen, der Löffel klackt leise an den Rand. Sie setzt sich ihm gegenüber, betrachtet sein Gesicht. Dort sind keine Augen mehr. Keine Lider, nur verkrustetes Blut. Verwachsene Narben spannen seine Haut von den Brauen bis über die Wangen. Schorf überall. Der Nasenrücken schief, gebrochen, mehr als einmal. Die Lippen gefurcht, wie von Schnitten.
Und doch sieht dieses Kind sie an.
„Ich denke, ich nenne dich Antero“, sagt Natalja. „Ein schöner Name, er hätte dir gefallen.“

* * *​

Nein, es ist diese verdammte Schlaflosigkeit, die mich fertigmacht. Man liegt da und denkt an nichts, und das Herz schlägt zu schnell. Sonst würde es ja gehen. Vielleicht wären Albträume besser – man wüsste, es war nicht Wirklichkeit und schliefe wieder ein. Schlaftabletten, das wäre es. Auch wenn ich immer gesagt habe, das sei was für Schwächlinge. Nur, seit ich dieses Kind gesehen habe – der Gedanke macht mich ganz nervös. Dann schlafe ich zu tief, und höre ihn nicht kommen. Das ist sehr riskant. Da muss man jetzt gut nachdenken.
 
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Senior
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Liebe Leute,
nachdem ich meine Nase ein paar Jahre in den Wind statt in Papier gesteckt habe (Segeln & Matrosenausbildung), juckt es mir wieder in den Fingern, und ich würde mich über eure Hilfe freuen.

Dies ist eine Geschichte, die durch mehrere kommentierte Edits ging und mir sehr am Herzen liegt, und deren Bearbeitung mir eine noch nicht begonnene Story erleichtern würde. (Ich lerne am besten von einer Geschichte zur nächsten). Vielen Dank!

Cheers, Katla
 
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Liebe Katla,
freue mich, wieder von Dir zu lesen. Ein Text mit großer inhaltlicher Dichte, und großer Zerrisenheit, der durch die fragmenthafte Form entsprochen wird. Wie geht die Geschichte weiter? Es könnte der Prolog für einen Roman sein. Es könnte auch so stehen bleiben. Immer wieder lernen wir, dass man der grausigen Vergangenheit nicht entkommt, nicht in einem Leben, nicht in ein, zwei oder drei Generationen, ein Prozess, der durch den Begriff "transgerationale Traumatisierung" trocken und unzureichend beschrieben ist.- Zum Schreibkram: der Text ist zu überwältigend, kann mich nicht darauf konzentrieren, was man wie hätte besser ausdrücken können. Sehr stark.
Liebe Grüße
Set

PS: Ich habe Finnland im Herbst 1974 bereist, goldenes Herbstlaub, großartiges Polarlicht. Wie schön die Landschaft doch sein kann, wenn man nichts weiß.
 
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01.05.2009
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Lieber Set,

vielen Dank, und umgekehrt freue ich mich auch, von dir zu lesen! Und weil Politik und Geschichte dein (oder eines deiner) Steckenpferde ist, bin ich natürlich froh, dass dir die Geschichte gefällt.

Ja, Kriegstraumata ziehen sich durch Generationen (Katrin Himmlers selbstkritisches Buch hat mich da auch beeindruckt), aber ich denke, am meisten hat die Kriegsgeneration selbst gelitten, nach dem Krieg. Weil es eben - besonders für Männer - verpönt war, über Gefühle, und besonderns Ängste, zu sprechen, und da werden viele ihre Erlebnisse unerzählt mit ins Grab genommen haben.

Oh ja, Finnland ist wunderschön, die Landschaft kann ja nix dafür, was auf ihr passierte. Freut mich, dass es dir hier gefiel. :-) Ich war in Tammisaari und Hanko unterwegs, auf Friedhöfen und Gefangenen'trails', und da sieht alles so nett aus, das ist echt doppelt gruselig! So wie wenn man vor der Insel Utö schwimmen geht, und ein paar nautische Meilen weiter liegt die Estonia auf Grund ...

Dir ein schönes Wochenende, liebe Grüße,
Katla
 
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Erinnerungen sterben nicht, sie suchen sich einen neuen Wirt, eine neue Heimat. Klebrig und zäh, und wenn sie einen Unterschlupf gefunden haben, lassen sie dich nie wieder los.

Grüß Dich,

Katla,

fein, dass Du wieder da bist und schön, von Dir zu lesen, wenn auch kein schönes Thema mit diesem verfluchten modernen Dreißigjährigen Krieg 1914 - 1945, geboren aus dem Imperialismus des 19. Jh., an dem die ganze Welt heute noch zu knacken hat - man sehe sich die Landkarte von Vorderen Orient und Afrika an, wo mit dem Lineal Grenzen gezogen und Interessensphären abgesteckt wurden und seit den 1980er Jahren mit Reagan und der Eisernen Lady der Manchesterkapitalismus und erst recht mit dem Untergang der Sowjetunion fleißig Urständ feiert und unter der Ideologie der School of Chicago Errungenschaften aus 150 Jahren blutiger Arbeiterbewegung zurückdreht.

Beeindruckend die Sprache!, von der ich nur die Szene in der Sauna zitieren will, da "beißt" der trockene Dampf "in der Nase", da "faucht" das Wasser und "schießt" der Dampf "hinweg". Und zugleich wird ein Kind vom sächlichen Es zum Er emanzipiert

„Wie war das jetzt, mit dem Kind?“, fragt Toivo. „Diesem Bengel hinten beim Schuppen und ...“
„Das war kein Kind.“
„Hat es mit dir gesprochen?“
„Nein!“
„Es steht nur da und sagt kein Wort?“
„Es ... er kann nicht sprechen, glaube ich.“

Wir hatten dir den Mund zugenäht, am Ende.

Paar kleine Korrekturen

Natalja ist noch ein Kind, versteht zu wenig, ahnt zuviel.
I. d. R. "zu viel" auseinander mit der einzigen Ausnahme als Substantiv, einem "Zuviel" eben.

... und ihre Mutter ein Gewehr trägt, Oder warum der Ort, ...
"oder" oder "... trägt. Oder ... Im Fall der Kleinschreibung kannstu das Komma weglassen, da die Konjunktion eine Aufzählung gleichrangiger Wortgruppen verbindet und das Komma ersetzt

Doch sie kann sich dabei verlieren im Ocker, Brauntönen und Gold des Gemäldes, ...
Besser Plural: "in Ocker, Brauntönen ..." oder jeweils mit Artikel "im Ocker, in den Brauntönen usw.

So viel oder wenig zunächst,
Frühstück wartet!

Bis bald

Friedel
 
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01.05.2009
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Lieber Friedel,

danke, und ich freue mich auch, dass du zu meinem Text gefunden hast. :-)

Jau, deine Korrekturen hab ich übernommen, lieben Dank! Vor dem 'Oder' das sollte eigentlich ein Punkt sein, ich hätte wohl mal die Lesebrille auspacken sollen. Und die Aufzählung, super, da bin ich sonst so penibel, ich mag nämlich dabei auch keine gemischten Formen.

Witzig (naja), ich lese gerade einen Band mit Augenzeigenberichten aus dem 30-jährigen Krieg. Ohne den hätte es sehr wahrscheinlich nicht die Hexenverfolgungen der Neuzeit gegeben (die ja eigentlich Häresieverfolgung waren), und wäre ich Historikerin, würde ich untersuchen, ob es ohne diese den Faschismus gegeben hätte.

In Finnland (das nicht am ersten Weltkrieg teilgenommen hat) ging das alles etwas knapper: Bürgerkrieg ein paar katastrophale Monate 1917/18, Winterkrieg 1939-40 und Fortsetzungskrieg 1941-44. Anders als in anderen faschistischen Ländern, hat der zwar nationalsozialistische, aber nicht blöde Mannerheim das Licht gesehen, und hinter dem Rücken der deutschen Waffenbrüder einen Friedenvertrag mit der Sowjetunion ausgehandelt, mit dem Finnland seine Unabhängigkeit bewahren konnte. Die Deutschen mussten sie dann selbst rauswerfen, weswegen das lauschige Lappland quasi ausradiert wurde (Verbrannte Erde beim Rückzug). Deutsche Touristen staunen immer, wenn sie den Weihnachtsmann besuchen: "Ach, das wurde hier vollständig zerstört, wie furchtbar, was ist denn passiert?!" :D Es gibt da höfliche und weniger höfliche Antworten drauf, hörte ich.

Liebe Grüße, und herzlichen Dank nochmal,
Katla
 
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01.07.2016
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Hallo Katla ,

Erinnerungen in Bildern, die sich nur ruckartig weiterbewegen – alten Filmaufnahmen gleich.
Das ist eine schöne Idee für einen ersten Satz.

Zweitausend Frauen kämpften für den Gegner. Ich habe keine von ihnen angerührt.
Sehr schöner Zusatz.

Tammisaari
Finnland?

Der Verschluss einer Bierflasche knackt, gieriges Schlucken
Hier bekomme ich langsam das Gefühl, dass du diesen Schlaglichtstil übertreibst. Willst du wirklich so Trinken darstellen?

„Es ... er kann nicht sprechen, glaube ich.“

Wir hatten dir den Mund zugenäht, am Ende. Warum nur, warum? Ich weiß es nicht. Und jetzt bist du wieder da, nach all den Jahren, und schleichst um mein Haus wie ein räudiger Hund.
Möchtest du in Richtung Fantasy abdriften?

Es war ein schöner Ort, an dem Sanna und zehn weitere Frauen verblieben sind.
Das ist schön.

vielleicht roch die Erde nach Waldmeister.
Das fand ich wieder unpassend.

Wir sitzen hier und warten auf den Tod. Die Erde ist gefroren und Josefiina wird in der Sauna aufgebahrt.
Trauriger Zusatz :(

Natalja sieht keine Fingernägel, keine Haut. Nur Erde, Dreck. Offene, trockene Wunden. „Die Beeren sind bitter, es hat zu wenig geregnet dieses Jahr“, entschuldigt sie sich.
Die Schale wird über den Tisch gezogen, der Löffel klackt leise an den Rand. Sie setzt sich ihm gegenüber, betrachtet sein Gesicht. Dort sind keine Augen mehr. Keine Lider, nur verkrustetes Blut. Verwachsene Narben spannen seine Haut von den Brauen bis über die Wangen. Schorf überall. Der Nasenrücken schief, gebrochen, mehr als einmal. Die Lippen gefurcht, wie von Schnitten.
Und doch sieht dieses Kind sie an.
Oh mein Gott. Aber was ist das? Eine abgefahrene Metapher für ein Trauma?

Aaaalsoo:
Die Sprache ist sehr schön. Metaphernreich, dynamisch, die unterschiedlichsten Sinne ansprechen. Das hast du sehr gut umgesetzt. Die Thematik fand ich auch sehr gut gewählt, gerade weil du hier etwas Zeitloses aufgreifst, obwohl du ja natürlich dich auf ein bestimmtes Ereigniss der Vergangenheit beziehst.

Liebe Grüße,
Alexei
 
Senior
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01.05.2009
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Hallo alexei,

lieben Dank für deinen Kommentar! Ganz besonders glücklich bin ich über dein Fazit, denn als du „Schlaglichtstil“ relativ weit vorn erwähntest, erwartete ich, dass dich der Text immer mehr nerven würde. Klasse, wenn es nicht so war.

Ich freue mich total, dass du den ersten Satz erwähnt hast. Meine ursprünglich ersten (und auch als erste geschriebene, quasi das Rückgrat) waren Sätze 2 & 3. In der gegendrehten Variante wirkt das aber total verquast und ergibt keinen klaren Gedankengang.

Genau, Finnland, und später Ostkarelien.

Hier bekomme ich langsam das Gefühl, dass du diesen Schlaglichtstil übertreibst.
Tatsächlich sehr gut möglich, aber das können nur die Leser beurteilen. Es ist bei weitem nicht mein extremst-elliptischer Text, aber andere sind kürzer und haben nur ein paar Stunden erzählte Zeit. Was ich hier schon unterlassen hab (weil ich denke, dass diese Kriege nicht bekannt genug sind, und die Leser total den Faden verlieren würden), ist, Handlung / Konsequenzen obendrein nur anzudeuten. :D Meinen Plan beim Schreiben kann ich am besten mit einem Zitat von Saint Clair Cemin erklären: „Wenn es das Ziel der Moderne in der Kunst war, das alte Haus niederzubrennen, so ist alles, was die Postmoderne getan hat, mit den kleinen verkohlten Stücken zu spielen, die übrig sind, was angesichts des kommenden Winters ein ziemlich kindisches Verhalten ist.“ Und ich will eben versuchen, nicht mit Stöckchen zu spielen. Da kann ich nur ausprobieren und mich durch Rückmeldungen verbessern (hoffentlich).

Willst du wirklich so Trinken darstellen?
Definitiv! Wenn da jemand Übereifriges eine Kelle nach der anderen draufhaut, und man da sitzt, wohin der Dampf rollt, man aber noch zuende schnacken will, obwohl man schon kocht, und dann erinnert man sich an das eiskalte Bier, das man wohlbedacht mitgebracht hat, ist das so ein Trinken. Da kippt man die halbe Dose hinter und kann 3 Minuten länger aushalten, bevor man ins Wasser springt.

Möchtest du in Richtung Fantasy abdriften?
Der Text ist zwar nicht Fantasy, aber Magischer Realismus (= auch Phantastik, nur speziell, wenn das Übernatürliche wie etwas ganz Normales im Alltag stattfindet). Deshalb der tag Seltsam, denn Horror ist das nicht, auch wenn zwei Geister mitspielen: Der in der Logik der Geschichte physisch anwesende Geist des getöteten Jungen, und Sannas, auf den Natalja aber nur in ihrer Fantasie fixiert ist. Sanna kommt nicht zurück und hat keine Intention, ihrer Nichte zu schaden.

Eine abgefahrene Metapher für ein Trauma?
Ganz genau. Die beiden Geister stehen für auf verschiedene Arten verdrängte Vergangenheit und stellvertretend für ein – bis heute größtenteils unaufgearbeitetes - nationales Trauma: der Junge erscheint seinem Mörder, der ihn fürchtet (obwohl er ihn ja auch ins Haus holen und um Vergebung bitten könnte), und er erscheint Natalja, die mit ihm nie zu tun hatte und die daher unverkrampft mit ihm umgeht, als sei er ein Lebender. Dafür fürchtet sie den (nur eingebildeten) Geist ihrer ermordeten Tante, und wird davon umgetrieben (was passieren kann - ohne Gespenster - wenn Leute keine Möglichkeit zu trauern hatten).

Ich hoffe, ich hab nicht ungebeten zu viel erklärt, auch eine Marotte von mir. ;-) Und wenn jemand den Text ganz anders versteht, ist es auch völlig okay, solange er funktioniert.

Tausend Dank für deine Rückmeldung, herzlichst,
Katla
 
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Wortkrieger-Team
Senior
Monster-WG
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19.05.2015
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Hallo Katla,
gut, dass es Senior-Mitglieder gibt, die abtauchen, nach Wander- und Windjahren zurückfinden. Ich kannte deine Texte bisher nicht, weil du vor meiner Wortkriegerzeit hier aktiv warst. Dein Stil wirkt reif, sicher, die verkürzten Sätze, Ellipsen, Splitter, fügen sich nach und nach zu einem Bild des Schreckens, der sich aus der Geschichte speist. Und darin besteht auch die Hauptkritik. Zu viel Schrecken und ein weit gefasster historischer Rahmen, der Geschichte als Ergebnis von Entwicklungen wahrnimmt, die jeweilige Gegenwart aus den Schatten der Vergangenheit erklärt. Sicher, wir sind historische Personen, tragen Erinnerungen in uns, die wir nicht erklären können, aus einer fernen Vergangenheit stammen. Die Geschichte spürt einen Teil davon auf und rückt sie ins Bewusstsein. Dass in dem so wenig Hoffnung, Zukunft zu finden ist, transportiert eine zutiefst pessimistische Haltung. Aber die Horrorbilder, mit denen er angefüllt ist, gestaltest du derart intensiv, dass es sich doch lohnt. So bleibe ich zwiegespalten, weil ich den Text sprachlich großartig finde, ohne dass ich ihn gern gelesen hätte.

Textstellen:

Natalja ist noch ein Kind, versteht zu wenig, ahnt zuviel.
klingt gut, aber genauer betrachtet ist die Aussage klischeebehaftet

Dampf, so trocken, dass er in der Nase beißt. Öliges Harz der Birken, erwärmtes Holz. Wasser faucht auf den Steinen des Saunaofens, Dampf schießt über die oberste Bank hinweg.
schöne, reduzierte Beschreibung

Wir hatten dir den Mund zugenäht, am Ende. Warum nur, warum? Ich weiß es nicht. Und jetzt bist du wieder da, nach all den Jahren, und schleichst um mein Haus wie ein räudiger Hund.
auch das ein gutes Bild, nur der räudige Hund ist so ein müder, oftgehörter Vergleich

In ihren Albträumen sieht sie Motoröl und Fäule bis in die verscharrte Leiche sickern. Die Knochen verätzen, Augenhöhlen verbrennen. Und sie selbst wacht auf, schweißnass und nach Atem ringend, mit dem Geschmack von Benzin auf der Zunge.
auch stark!

Die Erinnerung ruht wie ein träges Tier in einem, wenn man nicht an ihr rührt. Schweigen allein genügt nicht. Man lernt, andere Speisen zu essen, Kaffee statt schwarzem Tee zu trinken. Nicht auf Gerüche zu achten - sie wecken Bilder, zu schnell, bevor man sie vertreiben kann.
meinst du wirklich Schweigen, nicht eher, die Erinnerung in sich verstecken, vor sich selbst verschweigen?

Es gibt sie, die entsetzlichen, bösartigen Landschaften, die das Auge mit ihrer Unschuld täuschen. In denen Vergangenes lauert, lebendig begraben.
gilt wahrscheinlich für jede Landschaft, irgendwo verbirgt sich das Entsetzen.

Auch wenn ich immer gesagt habe, das sei was für Schwächlinge. Nur, wo ich dieses Kind gesehen habe - der Gedanke macht mich ganz nervös. Dann schlafe ich zu tief, und höre ihn nicht kommen. Das ist sehr riskant. Da muss man jetzt gut nachdenken.
der wirkt nach, der Schluss

Viele Grüße, danke für die Schreckensgeschichte, die werde ich nicht vergessen
Isegrims
 
Wortkrieger-Team
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31.01.2016
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Hej Katla,

eine Hilfe werde ihr dir nicht sein können, aber vielleicht hast du ja Lust auf den Leseeindruck einer Leserin, die es nicht gewohnt ist, Texte in dieser Form zu lesen. Lesen ist ja auch Gewohnheitssache, nicht wahr? Man entwickelt Vorlieben und einszweidrei liest man immer dasselbe. Das Schönste an diesem Forum ist da eben die servierte Vielfalt. Und ich greife gerne zum Buffet.

Und schon beim Titel hast du alles richtig gemacht, um mein Interesse zu wecken. Dieser Widerspruch lockt mich. Und dann im ersten Absatz lässt du mich nicht länger rätseln. Und so kann ich mich treiben lassen. Obwohl es ja weniger das ist. Es ist ja mehr ein Stoßen, Gestoßenwerden durch deine Geschichte.

Vom Inhalt her ist es schon weit verteilt und dennoch gerafft. Und ehrlich hätte mir für das Thema des Erlebens, des Verdrängens und des Auftauchens des Traumas ein kürzerer Zeitraum ausreicht. Auch wäre es dann nicht notwendig gewesen, stellenweise Sätze aneinanderzureihen und mir somit mehr von den anderen Sätzen geblieben.

Wie diesen

Einem Virus gleich steckt Natalja der Fluchttrieb ihrer Mutter im Körper, musste sich am Sterbebett von der kalten, schwitzigen Hand durch ihre Haut gefressen haben.

oder diesen

Es war ein schöner Ort, an dem Sanna und zehn weitere Frauen verblieben sind. Am Ende eines Feldweges – vielleicht schien eine kalte Sonne auf das Korn des vergangenen Jahres, vielleicht roch die Erde nach Waldmeister.

den nicht zu vergessen

Die Erinnerung ruht wie ein träges Tier in einem, wenn man nicht an ihr rührt. Schweigen allein genügt nicht. Man lernt, andere Speisen zu essen, Kaffee statt schwarzem Tee zu trinken. Nicht auf Gerüche zu achten - sie wecken Bilder, zu schnell, bevor man sie vertreiben kann.

Dampf, so trocken, dass er in der Nase beißt.

Weil ich mit Dampf Wasser verbinde, irritiert mich trocken.

Es gibt sie, die entsetzlichen, bösartigen Landschaften, die das Auge mit ihrer Unschuld täuschen. In denen Vergangenes lauert, lebendig begraben.

Bei Wanderungen in Skandinavien und mit Bildern von Schlachten der Wikinger im Kopf, kam mir der Gedanke schon das eine oder andere Mal, erst weniger im Kopf zuerst, als dass es bloß so ein Gefühl war, beim dort Stehen. So kann ich den Gedanken deiner Protagonistin gut nachvollziehen.

Welche entsetzlichen Bilder du geschaffen hast. Das war eindringlich und nicht halbherzig. Ich konnte diesen Jungen sehen. Und dass Natalja, weil unschuldig, dem Grauen entgegentreten kann und Aarne, weil eben nicht unschuldig, Angst zeigt und nur angedeutet Eingeständnisse macht, hast du wundervoll dargelegt. Abschließen werden beide nicht können. Damit leben müssen beide.

Ich habe selten einen Text so aufmerksam und konzentriert lesen können, ich war gespannt und neugierig, interessiert und ein wenig enttäuscht, dass dieses Format wenig zulässt, denn schon Nataljas Leben wäre es wert gewesen, länger und genauer hinzusehen.

Ein Leseeindruck und freundlicher Gruß, Kanji
 
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Moin Katla. Dein Stil (er wurde glaube ich schon "Schlaglichtstil" genannt) ist anspruchsvoll und gut durchformuliert. Die geleistete Arbeit an der Geschichte deutlich erkennbar. Sonst bin ich eher ein Freund von deutlicher herausgearbeiteten Protagonisten, hier kann ich aber zu meinem eigenen Erstaunen das GANZE so für sich stehen lassen, es erinnerte mich an den Film von Andreji Tarkowski "Stalker" Mit wenigen Worten: Gern gelesen und für gut befunden! Es grüßt der LORD
 
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Hallo Isegrims,

ganz herzlichen Dank für deinen Kommentar! Das sind tolle Leseeindrücke, auch, weil wir uns unbekannt sind. Es freut mich, wenn der Stil sicher wirkt, weil man ja nie weiß, ob das, was man erzählen will, überhaupt von der Sprache her halbwegs transportiert wird..

Ja, dank dir, stimme völlig zu, das „weiß zu wenig, ahnt zu viel“ ist echt billig – das fliegt raus. Ich wollte das "Kind" als Verortung haben, aber was drumrum stricken, da fällt mir nur grad kein Ersatz ein.

Ja, das ‚räudiger Hund‘ ist eine bekannte Redensart, das lasse ich mal, denn es ist innerer Monolog / ältere Generation und nicht übergeordneter Erzähler.

Ich hab durchaus erwartet, dass Leser nicht glücklich sind, 70 Jahre auf 6 Seiten komprimiert zu sehen (ich hatte schon 400 Jahre auf 15, und 2000 auf 13 Seiten, aber da gab es eben Zeitsprünge, hrhr :shy:). Das ist eines der Dinge, die ich hier probieren will, weil mich beim Plotten Konsequenzen / Auswirkungen mehr interessieren als Prozesse. Mir ist klar, dass das dem Leseinteresse einiger zuwiderläuft, und da kann ich nur schauen, in welchen Formen das funktioniert, und in welchen nicht.

(Zu) viel Schrecken und Pessimismus ist interessant, weil ich das als Realismus sehe und noch den Nerv hab, mich als Optimisten zu definieren. :lol: Aber im Ernst - ich kann das sehr gut nachvollziehen, und habe auch ein paar Bücher, die nicht nur vollkommen hoffnungslose Szenarien behandeln, sondern dazu auch noch widerständig zu lesen sind (mein extremstes war Platonovs The Foundation Pit, ein echter wrist-slitter von der ersten bis zur letzten Seite). Ich probiere, da eine Balance zwischen Horror und Ästhetik hinzubekommen.
Für mein Verständnis sollte Fiktion Probleme nur aufzeigen (maximal analysieren), aber keine Lösungen anbieten. Das gerät schnell zur gut gemeinten Propaganda oder Selbstfindungs-/empowerment Literatur – und wie oben gesagt: man kann beim Schreiben nur – per Rückmeldung - ausprobieren, inwieweit Leser mitgehen und ab wo es unnachvollziehbar oder unfertig wirkt

meinst du wirklich Schweigen, nicht eher, die Erinnerung in sich verstecken, vor sich selbst verschweigen?
Ja, meine ich. Vor sich selbst etwas verschweigen ist physisch gar nicht möglich, Verschweigen kann nur ein aktiver Akt in Kommunikation sein, bei dem einzelne Aspekte, die einem selbst bewußt sind, aussortiert werden. Aarne verdrängt nicht, sondern versucht sich in Rechtfertigungen (weniger durch Innendruck, als - so hatte ich mir ihn vorgestellt - durch leise Kritik der Nachkriegsgeneration, was er da so aufgeschnappt hat: was 1918 noch adäquat und erwünscht war, z.B. Folter, ist 1950 eine Gräultat, und erklär das mal dem Folterer, der dachte, er rettet seine Heimat.) "Finnische Männer reden nicht" ist ein geflügeltes Wort und tatsächlich bis zu den heutigen Mittzwanzigern Realität. Ausnahme: Suff/Kneipe und Sauna (die ein Ausnahmeort ist, in dem keine soziale Rollen & Hierarchien existieren). Das Schweigen ist ganz umfassend gemeint, nicht nur auf den Krieg bezogen, es ist wie eine lebenslange emotional-kommunikative Teilisolation von der Gesellschaft.

Klasse, dass der letzte Satz so bei dir gewirkt hat! Dachte, das könne zu viel Suggestion sein.

Hei Kanji,
(bist du Schwedin, sind wir Nachbarinnen? ;))

Oh doch, und wie bist du eine Hilfe, danke schön!

Der Titel – gebe ich gerne zu - ist entliehen, nur jetzt im plural. Die story ist inspiriert von einer Photoaustellung vor vielen Jahren, die mich außergewöhnlich getroffen hat, obwohl ich die Fakten kannte. Pekka Elomaa: Paha maisema – Paha im Finnischen hat eine ungewöhnliche Bandbreite an Bedeutungen: krank, teuflisch/böse (religiös), verdorben, bösartig, furchtbar / erschreckend, bis hin zu harmlosen Varianten, wenn man sich z.B. schlecht oder schwindelig fühlt. Ich bin aber überhaupt ein Fan dieser 80er-Jahre Buchtitel mit Artikel + Adjektiv + Substantiv. Einige der Landschaften im Text hier sind ein Mix aus Pekkas Photos und Orten mit ähnlichem historischen Hintergrund, die ich besucht habe. (Ich schreib das nur so lang, weil ich in einem deiner Komms gelesen habe, du bist an Kunst interessiert).

Zum Komprimieren der Historie hab ich oben Insegrims schon geantwortet - das ist in jedem Fall eine Gratwanderung, vestehe ich. Und spannend, deine Sicht, einige Sätze sind ohne jeden Zweifel auch für mich Funktion/Übergänge, andere wesentliche Kerne der story (klar, was dem Autor wichtig ist, kann der Leser überflüssig finden).

Weil ich mit Dampf Wasser verbinde, irritiert mich trocken.
Da hab ich jetzt echt ne Weile drüber nachgedacht :lol:, und kam dann zu dem Schluss, dass es auf das Verhältnis Hitze/Wasser ankommt, ob Dampf feucht oder trocken wirkt. Über‘m Kochtopf sicher feucht, bei einer Dampfmaschine eher nicht. Und – besonders nach vielen Aufgüssen, weil die Temperatur steigt – selbst wenn man nass vom Duschen ist und dann schwitzt, ist man nach 10 Minuten trocken. (Das mag wie die Mutter allen Wegerklärens klingen, aber mich mich ist das physikalisch durchaus sinnvoll.)

„Nicht halbherzig“ – das freut mich besonders, und dein Fazit teile ich, mit solchen Traumata kann nicht abgeschlossen werden. Danke, es ist ein ganz tolles Kompliment, wenn du sagt, du hättest sehr konzentriert gelesen, und ich nehme – nicht nur von dir – die Enttäuschung über die Knappheit als Schreibziel für meinen nächsten Text. Ich pendle da immer hin und her, das ist eine der schwer abschätzbaren Dinge für mich: wo es zu knapp / andeutend / symbolisch ist und wo redundant oder bevormundend ist (ich schreib auch selten 3. Person-Erzähler).

Spannend, wie du das von deinen Wandereindrücken beschreibst - mir geht es da wie dir und Set gleichermaßen: Manche Landschaften (oder Orte) wirken so hübsch und unschuldig, das ist gruselig, wenn man einen ganz anderen Hintergrund kennenlernt. Und anderen meint man geradezu anzusehen, welche Kriege und Morde dort stattgefunden haben.


Hello Lord Arion,
(ich glaube, ich hab dir schonmal in grauer Vorzeit gesagt, wie gut mir dein Nick gefällt). Klasse, was soll ich sagen, es ist natürlich auch eine Freude zu hören, dass ein Text so funktioniert, wie man sich das erhofft hat. Und … fuck, Stalker – das ist vielleicht eine Bestätigung, liebsten Dank! Ich bin deswegen so überenthusiastisch, weil es drei Filme gibt, die in der frühen Teeniezeit meine Ästhetik, Weltempfinden, Selbstverortung etc. ganz maßgeblich bis heute geprägt haben: Alien (damit Gigers Kunst), Stalker (und darüber die Strugatzkis) und Caravaggio (darüber Derek Jarmans Bücher). Wenn das jetzt eine Assoziation ist, die jemand 35+ Jahre später bei meinem Text hat, kannst du dir vorstellen, dass ich heute Abend einen Sekt aufmache!

Ganz heißen Dank euch Dreien, das bringt mich jetzt schon ganz gut in die Spur!
Viele Grüße gen Süden,
Katla
 
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Wortkrieger-Team
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Hej Katla noch einmal, weil mich selbst deine Antwort anregt und freut.

ich bin ein deutsches Nordlicht mit einem regen Nachbarschaftsaustausch zu Dänemark, Schweden und Norwegen - bis nach Finnland ist es für Nachbarn zu weit ;) - und ich liebe und schätze diese Bezüge zu Skandinavien und den gegenseitigen Einfluss.

Und noch bevor du deine Ausführung über die Fotoausstellung zu Ende gelesen hatte, machte ich mir Notizen und freute mich dann doppelt, dass du bereits von meinem Interesse an bildnerischer Kunst wusstest und deshalb detailliert antwortetest. Herzlichen Dank.

Da hab ich jetzt echt ne Weile drüber nachgedacht , und kam dann zu dem Schluss, dass es auf das Verhältnis Hitze/Wasser ankommt, ob Dampf feucht oder trocken wirkt. Über‘m Kochtopf sicher feucht, bei einer Dampfmaschine eher nicht. Und – besonders nach vielen Aufgüssen, weil die Temperatur steigt – selbst wenn man nass vom Duschen ist und dann schwitzt, ist man nach 10 Minuten trocken. (Das mag wie die Mutter alles Wegerklärens klingen, aber mich mich ist das physikalisch durchaus sinnvoll.)

Das ist klug und wenn mit Naturwissenschaft argumentiert wird, streiche ich die Segel. ;)

und ich nehme – nicht nur von dir – die Enttäuschung über die Knappheit als Schreibziel für meinen nächsten Text.

Und wenn es möglich ist, dann stelle ihn hier wieder ein und ... bitte lass dir nicht wieder so lange Zeit. :shy:

Ich pendle da immer hin und her, das ist eine der schwer abschätzbaren Dinge für mich: wo es zu knapp / andeutend / symbolisch ist und wo redundant oder bevormundend ist (ich schreib auch selten 3. Person-Erzähler).

Ich nehme an, das hat mit der Fülle an Informationen zu tun, die eben dort verpackt werden. Ich würde auch gerne mehr von der sprachlichen Fülle nehmen und länger lesen.

Manche Landschaften (oder Orte) wirken so hübsch und unschuldig, das ist gruselig, wenn man einen ganz anderen Hintergrund kennenlernt. Und anderen meint man geradezu anzusehen, welche Kriege und Morde dort stattgefunden haben.

Oder zumindest wahrzunehmen. Man starrt auf das Gras, sieht den Platz und die Erde 'spricht' zu einem. Schon gruselig. Aber auch wichtig, manche Orte und Plätze historisch wahrzunehmen, schon aus Respekt. Mit Gebäuden ist das ebenfalls unheimlich und notwendig, finde ich.

Ich freue mich immer noch, deinen Text hier vorgefunden und gelesen zu haben, Kanji
 
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Hei Kanji,

ach, dann eben Nachbarinnen über den kleinen Teich. :gelb: Wenn ich in Deutschland bin, ist das auch Familienbesuch im hohen Norden, so weit ist das ja nicht weg von hier.

Ganz lieben Dank für deine enthusiastische Rückmeldung! Ich hab mich wahnsinnig gefreut und werde mir deine Anmerkungen und Eindrücke auf jeden Fall zu Herzen nehmen. Ein super Ansporn ist es obendrein, dank dir auch dafür! Erstmal muss ich mich zum neu Schreiben wieder mehr ins Deutsche fusseln, und dann hab ich mehr Setting- als Plot-Ideen momentan, aber so ein Austausch hier hilft ganz enorm beim Focussieren.

Dir einen schönen Abend, liebe Grüße,
Katla
 
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Hi Katla,
du, ich danke dir für deine Rückmeldung zur Die Verbeugung. Ich brüte noch über Text und deinem wieder sehr hilfreichen Kommentar. Weil ich schon angefangen hatte, mich mit dieser Geschichte zu beschäftigen, schick ich dir vorher meine Gedanken und Fragen hierzu.

Du weißt, von mir bekommst du keinen mehrseitigen Kommentartext und keine Fachbegriffe, nur Bauchgefühl und Detailhinterfragungen. ;) Das gibt dann nicht den großen Aha-Effekt, hilft aber vllt. trotzdem. Du bist der Chef. Nimm was du brauchst.


Dampf, so trocken, dass er in der Nase beißt. Öliges Harz der Birken, erwärmtes Holz. Wasser faucht auf den Steinen des Saunaofens, Dampf schießt über die oberste Bank hinweg.
2x Dampf. Das könntest du ändern.


„Es ... er kann nicht sprechen, glaube ich.“
Schön. Jetzt hätte er sich fast selbst widersprochen und zugegeben, dass es sich doch noch um ein Kind handelte.


Wir hatten dir den Mund zugenäht, am Ende. Warum nur, warum? Ich weiß es nicht. Und jetzt bist du wieder da, nach all den Jahren, und schleichst um mein Haus wie ein räudiger Hund.
Ich glaube, das würde ich vllt. kursiv setzen, weil es die einzige Stelle ist, an der Aarne den Jungen direkt anspricht und sie sich auch gegenüber de restlichen Rechtfertigungs-Passagen abhebt.


Kein Trost, dass die Exekutierten später auf einen Friedhof umgebettet wurden.
Kein Trost für wen? Für Natalja? Der Satz kommt mir in dem Fall zu allgemein/ alle Opfer umfassend rüber. Weist du, was ich damit meine?
Die Exekutierten finde ich recht sperrig, nicht falsch, nur sperrig.


Die Erinnerung ruht wie ein träges Tier in einem, wenn man nicht an ihr rührt.
An etwas rühren? Das ist schief für mich. Vllt. rütteln?

Vor zehn Jahren waren Mitteilungen angeschlagen worden:
(Ah, der doppelte Doppelpunkt ist weg.:) ) Warum Plural? Vom Gefühl her, würde ich entweder „Mitteilungen ausgeben/verteilen“ oder „war die Mitteilung angeschlagen worden“ schreiben.
Pirttilahti ist als perspektivlos identifiziert worden und wird im Sommer liquidiert werden.
So stand das in dem Aushang, lesbar für die Anwohner? Die Finnen waren schon immer ein gescheites Volk. :Pfeif:


Ihnen wurde der Strom abgestellt, alle Dienstleistungen unterbrochen, Läden, Schule, Post, Bäckerei und die Bibliothek geschlossen. Niemand klagte. Es gab ihre Gärten, einige Kühe, und jemand hatte einen Lastwagen für Sammeleinkäufe. Pirttilahti legte sich schlafen, um nie wieder aufzustehen.
Der letzte Satz klingt für mich ein bisschen wie ran gepappt. Ich weiß nicht genau, ob ich das erklärt bekomme: Die Lebensbedingungs-Kurve fällt Stück für Stück ab. Dann lässt der kämpferische Optimismus sie wieder steigen. Und dann brichst du es mit dem letzten Satz ab. Du könntest das relativieren, indem du sowas hier schreibst: Um sie herum (aber) legte sich Pirttilahti schlafen, um nie wieder aufzustehen. Wenn du das jeweils zusammen mit den vorherigen Sätzen liest, merkst du einen Unterschied?


Die Blockhäuser der Weggezogenen sacken zusammen, erdrückt von Schnee, unterspült von Regen. Blumen blühen wild, streunende Katzen betteln um Milch. Spitzenvorhänge ergrauen hinter schiefen Fensterrahmen.
Stoff vergraut. Oder wolltest du das absichtlich vermenschlichen? Nee, oder? Ich verstehe schon, die Rahmen sind schief, weil die Häuser zusammengesackt sind. Trotzdem ist das für mich ein schiefes Bild. Und ist die Gardine dann nicht im Rahmen oder hinter der Fensterscheibe/Fensterkreuz?


Natalja lebt auf in dieser Isolation. Ein Versteck, wie eine Falte im Gewebe der Welt. Wo nur die Erinnerungen sie finden können.
Warum nicht „Natalja lebt in dieser Isolation auf.“? Ich habe das erst falsch gelesen, so wie „Natalja lebt auf einer Insel“ -> „Natalja lebt auf [in] dieser Isolation(sstation).“ What? Geht vielleicht nur mir so.
Und dieses „Wo“ mag ich nicht. „In der nur die…“ Fände ich schöner.


In den ersten Tagen des neuen Jahres ’73 stirbt die Nachbarin, Josefiina.
Redundant, oder?


Alles duftet nach Teer,
Warum? Verbrannte Dachpappen?


Träge hängen die Schwaden unter dem Dach, ziehen an der Decke entlang und entkommen aus einer Luke.
Entkommen würde ich durch z.B. entweichen ersetzen, wegen der im Text allgegenwärtigen Fluchtthematik.


Jedes Mal erwartet sie, Josefiina hinter ihren halbzugezogenen Spitzengardinen wirtschaften zu sehen.
Du hattest kurz zuvor Spitzenvorhänge.


Mehr noch als das Nachbarhaus fürchtet Natalja die Orte ihrer Vergangenheit, und ein Massengrab in Tammisaari.
In dem 11 Frauen nicht mehr liegen. Ab wieviel Opfern spricht man eigentlich von einem Massengrab?


Der Hund hat nicht angeschlagen, und doch steht jemand in der Diele. Im Dämmerlicht des Vorraumes, klein und schmächtig. Ein Kind noch.
Ich fand es erst merkwürdig, dass der Geist des Jungen in die Natalja-Geschichte rüber schwappt.


Sonne trifft den Boden, aber es sind die Schatten, die dort herrschen. Kaum Grün auf dem Waldboden. Kanister, Flaschen, aufgerissene Kartons und Schrott. Die Erde ist locker und kühl und schwarz.
Oha, dachte ich. Schon wieder ein halber Absatz über Böden und Erde. :Pfeif:


Die Türen sind gegen die Kälte verschlossen, aber er steht dort, fast mit der Dunkelheit verschmolzen, und bringt den Geruch von regennasser Erde mit.
„Komm rein“, wiederholt Natalja ihre Einladung, wie schon vor Tagen. Wendet sich ab, räumt geschäftig in der Küche. Wildkatzen darf man nicht locken, sonst laufen sie einem davon. „Setz dich“, sagt sie über die Schulter hinweg. „Ich hab hier was, das wird dir schmecken.“
Keine Schritte, kein Rascheln von Kleidung, doch die Sitzbank scharrt über den Boden.
Natalja bringt eine Schale Haferbrei, rot leuchten Preiselbeeren darauf. Sie hatte sich geirrt, der Junge ist kein ausgerückter Streuner. Metall kratzt auf Holz, als er die Hände auf den Tisch legt. Drähte, so eng um die Finger gewunden, dass sie sich tief ins Fleisch eingegraben haben. Sichtbar nur, wo sie mehrmals um eine Stelle geschlungen sind. Das Geräusch verursachen die losen Enden, die aus der Haut ragen.
Violinensaiten, denkt Natalja. Eisendraht, störrisch, und härter gespannt, als auf jedem Instrument. Einige Finger sind zusammengeschnürt. Ein kleiner Finger fehlt. Die Einschnitte müssen bis auf die Knochen gehen. Metall kratzt erneut auf Holz, als er nach dem Löffel greift.
Der Absatz gefällt mir richtig gut. Rührend und gruselig zugleich. Ab hier fand ich es auch gut, dass der Geist zu ihr rüber geschwappt ist und die beiden Geschichtenstränge verbindet.


Als der Draht tiefer geschnitten hat, da floss auch Blut
Fehlender Punkt am Ende.


„Ich denke, ich nenne dich Antero“, sagt Natalja. „Ein schöner Name, er hätte dir gefallen.“
Das ist meine Lieblingsstelle im Text! Sie redet mit ihm, gibt ihm einen Namen, aber gesteht sich und ihrem Gegenüber ein, dass er längst nicht mehr ist. Stark! Btw. wieso hat deine Protagonistin einen russischen Namen? Ihre Tante hatte doch einen finnischen. Du hast bestimmt einen Grund dafür. Habe ich was übersehen? Oder fehlt mir da demografisches Hintergrundwissen: russische Minderheit in Finnland?

Nur, wo ich dieses Kind gesehen habe – der Gedanke macht mich ganz nervös.
Ah, wieder dieses „wo“. Das klingt für mich oft nach „Der wo da wohnen tut.“ Nein! So klingt dein Satz natürlich nicht. Ich mag es schlicht nicht. Kannste aber ignorieren.


Bilder, die mich mit am stärksten erreicht haben:
Natalja fürchtet sich vor dem hohlwangigen Gespenst mit den toten Augen und wünscht sich ihre Mutter zurück, die sie irgendwo auf dem Weg verloren hat.

Ebenso verschreckt und neugierig stolpern sie neben der Mutter her - an die Hand, den Rocksaum geklammert, ihren Blick zurückgerichtet. Werden ermahnt, nach vorn zu schauen, auf die Straße. Nach Norden, ins Unbekannte.
Hinter ihnen lodern die Gehöfte, ein Flammenmeer, das die Vergangenheit unter sich begräbt.


Vor 15 Jahren habe ich irgendwo in der Nähe von Rovaniemi eine denkmalgeschürzte Holzhütte mitten im Nirgendwo besucht, in der sich eine Hand voll Soldaten verschanzt hatte, um heranrückende Truppen aufzuhalten. Es gab in der Hütte einen Schaukasten und eine Art Kondolenzbuch, indem sich hauptsächlich finnische Schulklassen verewigt hatten. Wir waren an dem Tag die einzigen Besucher. Es herrschte eine selige Ruhe bei dieser Hütte und in dem entzückenden Waldgebiet um uns herum.

Gern gelesen.
Viele Grüße
wegen
 
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Hei liebe wegen,

ich freue mich total, dass du dich meiner geliebten Dauerbaustelle angenommen hast. Keine Sorge das ist wesentlich mehr als Bauchgefühl, und ab von den Fehlern hast du viele interessante Punkte aufgeworfen (und mir ein neues Wort beigebracht, dazu unten).

2x Dampf. Das könntest du ändern.
Nrgh, ich weiß. Der Text war erst um ein Drittel länger (und ich hab eine ganz neue Version vor dem Posten gefrickelt, die ist um 3000 Zeichen kürzer als diese) – jedenfalls war da früher was zwischen, das fiel nicht so auf. Problem ist: das einzige Synonym ist „heiße Luft“, und weil das eine umgangssprachlich negative Bedeutung hat, will ich das nicht. Dunst und Rauch wären ja was anderes. Hast du ne Idee?

„Es ... er kann nicht sprechen, glaube ich.“
Schön. Jetzt hätte er sich fast selbst widersprochen und zugegeben, dass es sich doch noch um ein Kind handelte.
Es ist total faszinierend, wie Texte von anderen gelesen werden. Friedl sagte dazu, das Kind emanzipierte sich vom es zum er / Jungen. Eure Leseweisen sind beide total schön, und in keiner Weise ‚falsch‘. Ich hatte mir dazu gedacht: genau, er gibt fast unbewusst vor sich was zu, nur, dass es eben nicht ein anonymes „Kind“ ist, sondern dass er genau weiß, um wen es sich handelt. Und wie du sagst, hier muss zugeben, dass die Sache anders ist, als von ihm dem Freund gegenüber dargestellt.

Ich glaube, das würde ich vllt. kursiv setzen, weil es die einzige Stelle ist, an der Aarne den Jungen direkt anspricht und sie sich auch gegenüber de restlichen Rechtfertigungs-Passagen abhebt.
Ich verstehe deinen Vorschlag, aber er redet ja immer noch mit sich selbst, quasi. Der Geist des Jungen steht da ja nicht, sondern er stellt die Frage rhetorisch ins nichts. Kursiv ist ja eine Form für inneren Monolog / Gedanken, und dann sähe das komisch aus, weil er ja auch an anderen Stellen was denkt, was dann nicht kursiv ist.

Kein Trost, dass die Exekutierten später auf einen Friedhof umgebettet wurden.
Kein Trost für wen? Für Natalja? Der Satz kommt mir in dem Fall zu allgemein/ alle Opfer umfassend rüber. Weist du, was ich damit meine?
Ja, verstehe ich, und du hast recht. Dein Eindruck liegt glaube ich daran, dass ich den Mix zwischen auktorial und personal nicht sauber hingekriegt habe, und nicht alles gekittet kriege – die Erzählstimmen werden ja meist gemischt, wenn nicht rein personal erzählt wird, aber ich meine, hier wäre so eine Stelle, bei der das eben auffällt (zudem ist da noch meine Stimme als Autorin drin, auch das hab ich nicht immer geschafft, rauszuhalten). Gut gesehen, danke! Ich guck mal, was ich einfügen kann, sodass die Stimme konsequenter ist.
Die Exekutierten finde ich recht sperrig, nicht falsch, nur sperrig
.
Verstehe ich auch. Ich dachte, der Begriff hätte sich aus dem Artikel im Kopf der Erzählerin festgesetzt. Das lasse ich mal.

Die Erinnerung ruht wie ein träges Tier in einem, wenn man nicht an ihr rührt.
An etwas rühren? Das ist schief für mich. Vllt. rütteln?
An etwas rühren ist eine feststehende Redeweise und heißt ‚etwas vorsichtig berühren“, auch im übertragenen Sinne von ‚aufstören/verändern‘.

Vor zehn Jahren waren Mitteilungen angeschlagen worden:
(Ah, der doppelte Doppelpunkt ist weg. ) Warum Plural? Vom Gefühl her, würde ich entweder „Mitteilungen ausgeben/verteilen“ oder „war die Mitteilung angeschlagen worden“ schreiben.
Pirttilahti ist als perspektivlos identifiziert worden und wird im Sommer liquidiert werden.
So stand das in dem Aushang, lesbar für die Anwohner? Die Finnen waren schon immer ein gescheites Volk.
Ich dachte, ein Aushang an der Schule, einer am Rathaus etc.
So stand das da, die haben nicht um den heißen Brei geredet – allerdings waren das die Sowjets, das ist in dem Teil Kareliens, der nach dem Krieg im Ostblock endete. Eine kleine Anzahl finnischer Kommunisten sind nach Osten geflüchtet, was ihnen Stalin nicht gedankt hat, sie sind fast alle als ‚Spione‘ in die GULAGs gekommen, wie auch die ethnischen Karelier. Im entvölkerten Ostkarelien sind dann die Weißrussen und Ukrainer zwangsangesiedelt worden, denen die Deutschen die Heimat in Schutt und Asche gelegt hatten. Tricky, aber das war unmöglich im Detail hier unterzubringen. (Ich jatte das versucht über die „Flucht nach Osten“, mir war aber schon klar, dass das nicht bedeutet, dass die die Landesgrenze wechseln. Ich guck mir das mal an, wie das mit der timeline hinkommt, ab wann das Sowjetunion war (vermutlich 1944).

Wenn du das jeweils zusammen mit den vorherigen Sätzen liest, merkst du einen Unterschied?
Merke ich, aber das will ich nicht anders sagen. Isegrims war es glaube ich, die sagte, das ‚auf den Tod warten‘ sei so traurig. Ich finde, Zerfall und Tod sind etwas Natürliches, und in manchen Situationen muss man das einfach so annehmen – dass die sich da glücklich einrichten ist für mich kein Widerspruch zu der Tatsache, dass da alles unwiederbringlich zerfällt. Das passiert ja nicht von jetzt auf gleich, die alten Leute dort wissen, dass sie ihre Häuser nicht noch 50 Jahre erhalten müssen, sondern eben nur noch max, zehn.

Stoff vergraut. Oder wolltest du das absichtlich vermenschlichen? Nee, oder? Ich verstehe schon, die Rahmen sind schief, weil die Häuser zusammengesackt sind. Trotzdem ist das für mich ein schiefes Bild. Und ist die Gardine dann nicht im Rahmen oder hinter der Fensterscheibe/Fensterkreuz?
:eek: Ganz ehrlich, ich hab das Wort ‚vergrauen‘ in meinem Leben noch nie gehört. Auch wenn ich dir traue, hab ich das im Duden nachgeschlagen, und natürlich hast du recht. Hatte also gar keinen Sinn. Wird geändert, lalala.

Warum nicht „Natalja lebt in dieser Isolation auf.“? Ich habe das erst falsch gelesen, so wie „Natalja lebt auf einer Insel“ -> „Natalja lebt auf [in] dieser Isolation(sstation).“ What? Geht vielleicht nur mir so.
Und dieses „Wo“ mag ich nicht. „In der nur die…“ Fände ich schöner.
Wenn da Leser ins Schleudern kommen, ist natürlich nicht so toll. Ich mag meine Version aber trotzdem vom Klang her lieber, und vor allem möchte ich, dass der Satz auf Isolation endet und mit deren Erklärung (wie eine ...) nach dem Punkt sofort anschließt.
Dieses wo ist aber ein anders als das weiter unten. :baddevil: Das war so ein bissl gemeint wie im Märchentonfall: Dort, wo der Mond im Meer versinkt, oder so. Diese Art von Anschluss. ‚In der die‘ ist mir auch zu wortreich vor dem, worum es geht.

In den ersten Tagen des neuen Jahres ’73 stirbt die Nachbarin, Josefiina.
Redundant, oder?
Absolut! Kommt raus.

Alles duftet nach Teer,
Warum? Verbrannte Dachpappen?
Weil traditionelle Holzhäuser da einen Teeranstrich als Wetterschutz und gegen Fäule haben, und das auch als ‚Kitt‘ für Flachs etc, in den Fugen genommen wird.

Entkommen würde ich durch z.B. entweichen ersetzen, wegen der im Text allgegenwärtigen Fluchtthematik.
Der Gedanke ist super (das mit Flucht zu verbinden), aber gerade dann passt „entkommen“ für mich besser. Entweichen klingt eher unerlaubt, wie beim Knastausbruch.

Jedes Mal erwartet sie, Josefiina hinter ihren halbzugezogenen Spitzengardinen wirtschaften zu sehen.
Du hattest kurz zuvor Spitzenvorhänge.
Hatte ich? :Pfeif: Cool, dann wird das auch nicht so umständlich mit dem langen Adjektiv davor.

In dem 11 Frauen nicht mehr liegen. Ab wieviel Opfern spricht man eigentlich von einem Massengrab?
Ja, aber für Natalja macht die Realität keinen Unterschied. Ich war von der Zählung bei Massenmord ausgegangen (ab 3 Opfer zur selben Zeit), hab aber nochmal geschaut und keine konkrete Zahl gefunden – es heißt ‚mehrere bis eine Großzahl‘. Müsste okay sein.

Ich fand es erst merkwürdig, dass der Geist des Jungen in die Natalja-Geschichte rüber schwappt.
Verstehe ich, und ich hab mir das am Aberglauben entlang so erklärt: Warum brauchen Geister überhaupt eine Séance oder Ouja-Board, um mit Lebenden Kontakt aufzunehmen? Also scheint die paranormale Logik zu sein, dass eine Situation geschaffen werden muss, um die Lebenden empfänglich zu machen, sonst ‚hören‘ die Geister den Ruf nicht. Natalja hat die Grenze zwischen den Welten geöffnet, weil sie die ganze Zeit an den (nur eingebildeten) Geist ihrer Tante denkt. Und räumliche Entfernung dürfte für Geister ja keine Rolle spielen.

Oha, dachte ich. Schon wieder ein halber Absatz über Böden und Erde.
Guilty as charged! Glaub es oder nicht, da hab ich vor dem Posten schon ein paar Sätze rausgehauen gehabt … :D

Der Absatz gefällt mir richtig gut. Rührend und gruselig zugleich. Ab hier fand ich es auch gut, dass der Geist zu ihr rüber geschwappt ist und die beiden Geschichtenstränge verbindet.
Cool, das freut mich! Genau so war es gedacht.

„Ich denke, ich nenne dich Antero“, sagt Natalja. „Ein schöner Name, er hätte dir gefallen.“
Das ist meine Lieblingsstelle im Text! Sie redet mit ihm, gibt ihm einen Namen, aber gesteht sich und ihrem Gegenüber ein, dass er längst nicht mehr ist. Stark! Btw. wieso hat deine Protagonistin einen russischen Namen? Ihre Tante hatte doch einen finnischen. Du hast bestimmt einen Grund dafür. Habe ich was übersehen? Oder fehlt mir da demografisches Hintergrundwissen: russische Minderheit in Finnland?
Ich hab alle Namen aus Tagebüchern und Exekutionslisten (auch verteilt nach Kommunist und Faschist, und nach Alter). Jetzt bringst du mich ins Grübeln, ob das zu regional gesehen werden kann. Karelischstämmige Finnen haben oft russisch klingende Namen, auch bevor ei teil der Region an die Sowjetunion fiel. Hm, falls mir einer einfällt, den ich mit meiner Prot genauso verbinde, der aber mehr karelisch als russisch klingt, wechsle ich den gern aus.
Freut mich ansoten, dass das Verhältnis zwischen den beiden so gut für dich funktionoert hat.

Ah, wieder dieses „wo“. Das klingt für mich oft nach „Der wo da wohnen tut.“ Nein! So klingt dein Satz natürlich nicht. Ich mag es schlicht nicht. Kannste aber ignorieren.
Hier sehe ich das ein. Meine Familie kommt aus Norddeutschland, aber ich bin in Hessen aufgewachsen. Ein Onlinesprachtest ergab: Vokabular aus Richtung Schleswig-Holstein, Satzstruktur aus dem Südwesten. Ich hab nie „der wo“ gesagt, aber das hier kommt mit Sicherheit daher. Ist das schlimm? :shy: Für mich klingt das ganz normal. :lol: Ich gucke nach einer Alternative. „Nur, da ich …“ klingt für mich grad zu gestelzt …

Bilder, die mich mit am stärksten erreicht haben
Ach, wie toll! Mir ist schon klar, dass das so ziemlich die Grenze zum Pathos überschreitet, aber bei manchen Themen finde ich darf man das. Ich hatte den Text vor längerer Zeit mit ein paar befreundeten Schreibern hier durchgesprochen, und diese Stellen waren angestrichen worden als ‚zu viel‘ und ich wollte sie unbedingt drinbehalten (in der Hoffnung, dass sie mir nicht alle um die Ohren hauen). Das freut mich jetzt echt wahnsinnig, dass du – die ja auch nicht zu Kitsch neigst – gerade daran Gefallen gefunden hast!


Das kann ich mir vorstellen, dein Besuch in der Waldgütte, obwohl ich noch nie in Lappland war. Aber ich war oft in Nordkarelien, auch in Bunkermuseen und an Gedenkstätten zu beiden Kriegen – da war ich auch oft die einzige Besucherin, und das ist ein verrückter Kontrast, die Natur, die Ruhe und dann die Überreste aus dem Krieg.

Tausend Dank für deine lieben, interessanten und hilfreichen Anmerkungen! Änderungen und Verbesserungen arbeite ich in den nächsten Tagen ein!
Herzliche Grüße, Katla
 
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Liebe @Katla,

Versprechen eingelöst ;) Uff, ich bin aber noch ziemlich durch den Wind. Da hast du mir ein paar ziemlich üble Bilder vors innere Auge gebrannt :eek: Ich wünschte, ich hätte den Text schon eher (oder besser später) gelesen, denn wir haben zurzeit Ratten oder Mäuse auf dem Dachboden. Ich wache oft in der Nacht auf, und dann scharrt da oben irgendwas am Holz rum, rennt kreuz und quer über die (ziemlich dünnen) Holzbalken. Ich weiß zwar, dass es Ratten oder Mäuse sein müssen, aber hören tut man das nicht, denn die Biester machen Geräusche wie zweibeinige, und nicht vierbeinige Geschöpfe. Gruselig. Da kommt mir der kleine Jungen mit den Drähten an den Fingern natürlich sehr, sehr ungelegen :D Mal schauen, was die Nacht so bringen wird …

Aber Spaß beiseite, man oh man, der Text hat mich echt geflasht. Ich habe ein paar Kommentare überflogen und gebe den Vorrednern recht: Sprachlich ist das eine Wucht. Der "Schlaglichtstil" gefällt mir – bei der Länge des Texts – außerordentlich gut. Den hast du echt drauf und erzeugst mit wenigen Worten wahnsinnig intensive Bilder. Der Text ist sehr dicht, da liest man nicht eben mal so drüber. Ich musste mich echt konzentrieren, und dadurch wurden die Bilder noch intensiver. Falls du das so beabsichtigt hast, kann ich nur eins sagen: Es ist dir mehr als gelungen :thumbsup: Während der Lektüre herrschte in meinem Kopf eine sehr intensive Atmosphäre, ja, ich dachte sogar kurz, es sei noch Winter, und ich sässe irgendwo im hohen Norden, in einer Hütte. Krass. Passiert mir nicht oft.

Am Anfang hatte ich ein wenig Mühe, mich zurecht zu finden. Ich wusste nicht immer, aus wessen Perspektive gerade erzählt wird, aber nach und nach konnte ich die einzelnen Abschnitte den einzelnen Personen zuordnen. Hierzu dann gleich mehr. Für mich war es super spannend, deine Version bzw. Interpretation des Magischen Realismus' zu lesen. Wie du ja weißt, bin ich da mehr oder weniger per Zufall in dieses Genre gerutscht. Aber puh, da wirkt mein kleines Strandmärchen doch gleich wie eine Gute-Nacht-Geschichte verglichen mit den Erinnerungen und Erlebnissen von Natalja & Co. ;) Dein Text hat mich sehr inspiriert und ich konnte viele neue Erkenntnisse daraus ziehen.

Hier noch ein paar Textstellen, die mir besonders gefallen haben oder die das eine oder andere Fragezeichen aufgeworfen haben:

Erinnerungen in Bildern, die sich nur ruckartig weiterbewegen – alten Filmaufnahmen gleich.
Das sprichwörtliche Kopfkino, gleich zu Beginn. Ich war sofort in einem dunklen Raum, in dem ein paar Bilder flackernd auf die Wand projiziert werden.

Immer scheinen Zwischeneindrücke zu fehlen. Ich will mich nicht erinnern. Aber es ist der Schmerz, den ich nicht vergessen kann.
Fies … Da fehlen Zwischeneindrücke, aber gerade der Schmerz zeigt sich hartnäckig.

Fünfzehntausend Waisen, die vielleicht nie hätten überleben sollen. Zweitausend Frauen kämpften für den Gegner. Ich habe keine von ihnen angerührt.
Der erste Satz ist eine Wucht. Und dann diese Zahl. Wahnsinn. Und auch der letzte Satz zieht mich weiter in den Text. Wie ich erst später feststellen werde, beginnen hier bereits die Selbstrechtfertigungen, die du schön durch den ganzen Text ziehst.

Erschießungen. Unmarkierte Gräber auf Feldern, im Wald. Massengräber. Wir taten kein Unrecht. Es gab Leid, das beendet werden musste – die rote Pest, die alle mit ihrer Propaganda vergiftete. Das Land war zerrissen, und wir haben es geheilt.
Das ist eines von vielen weiteren Bildern, die noch kommen werden. Allein der letzte Satz steht für eine ganze Geschichte, für Leid, Schmerz und noch so viel mehr. Mit einer der besten Sätze im ganzen Text.

Natalja will nicht verstehen, warum sie weglaufen müssen, warum geschossen wurde und ihre Mutter ein Gewehr trägt. Oder warum der Ort, an dem ihre Tante jetzt ist, besser sein soll, als ihr Zuhause.
Wahnsinnig gut, wie du den Tod der Tante hier nur andeutest, und wie dem Leser auch gleich klar wird, wie den Kindern der Tod "verkauft" wurde.

Der Matsch ist überall. In Schuhen, Mänteln, ihren Haaren. Oft müssen sie vom Wagen steigen, weil die Pferde sonst nicht anziehen können. Alles, nur nicht stehen bleiben. Eisige Nässe schlüpft zwischen Stoff und Haut, lähmt jede Bewegung. Und nachts kein Feuer, aus Angst, entdeckt zu werden.
Beklemmend. Einfach nur beklemmend. Ich glaube hier habe ich zum ersten Mal gefroren (oder es mir zumindest eingebildet).

Tammisaari, die erste Flucht, April 1918, Natalja ist noch ein Kind. Wir müssen uns beeilen, die bösen Männer kommen uns holen. Die Weißen, heißt es.
Plötzlich einsetzendes Tauwetter, der Treck droht, im Schlamm stecken zu bleiben. Sie werden noch den Deutschen in die Arme laufen, der einrückenden Allianz vor die Geschütze.
Hier ist so eine Stelle, wo ich die Perspektive nicht verstanden habe. Zuerst der Blick von außen auf Natalja (offensichtlich ein Erwachsener), der Wechsel ins "wir", dann die Furcht vor den bösen Männern (was ein Erwachsener so nicht denken würde, also sind wir jetzt bei Natalja?), dann im zweiten Abschnitt der Blick von ganz außen, nicht mehr "wir", sondern "sie werden noch den Deutschen …". Da war ich ein wenig verwirrt (oder lese diesen Teil einfach falsch). Danach wird dann aber alles klarer und ich meine zu verstehen, dass hier auch ein auktorialer Erzähler mit von der Partie ist.

„Wenn es hier so schön ist, kommt Tante Sanna auch bald?“, fragt Natalja.
Ach herrje … Eine Frage, wie sie nur ein unschuldiges Kind stellen kann :cry:

Natalja fürchtet sich vor dem hohlwangigen Gespenst mit den toten Augen und wünscht sich ihre Mutter zurück, die sie irgendwo auf dem Weg verloren hat.
Die Tante ist bereits tot, und jetzt auch noch die Mutter? Krass … Und dann noch das hohlwangige Gespenst mit den toten Augen. Die Kleine geht echt durch die Hölle.

Wasser faucht auf den Steinen des Saunaofens
Ein wirklich toll gewähltes Verb! Wahrscheinlich ist es nicht hundertprozentig "korrekt" verwendet, aber das Bild bzw. der Ton stellt sich allemal ein :thumbsup:

Wir hatten dir den Mund zugenäht, am Ende.
Das war ein echter Schockmoment für mich. Auch jetzt, während ich hier kommentiere, durchzieht mich ein sehr ungutes Gefühl, wenn ich den Satz nochmals lese. Acht Wörter, tausend Bilder.

Einem Virus gleich steckt Natalja der Fluchttrieb ihrer Mutter im Körper, musste sich am Sterbebett von der kalten, schwitzigen Hand durch ihre Haut gefressen haben.
Hier kam ich ganz kurz ins Stocken. Weiter oben schreibst du, dass sie die Mutter irgendwo verloren hat. Das klingt für mich ein bisschen so, als wäre das alles sehr schnell passiert, vielleicht gab's ein Gefecht, oder die Mutter war sonst irgendwie verschollen. Doch hier wird der Abschied als sehr nahe beschrieben. Aber vielleicht interpretieren ich das "Verlorengehen" weiter oben im Text einfach falsch?

Für Natalja liegt der Körper noch immer an diesem Straßenrand. Liegt dort, wo Müll verrottet. In ihren Albträumen sieht sie Motoröl und Fäule bis in die verscharrte Leiche sickern. Die Knochen verätzen, Augenhöhlen verbrennen. Und sie selbst wacht auf, schweißnass und nach Atem ringend, mit dem Geschmack von Benzin auf der Zunge.
:eek: Ich hatte ganz offensichtlich noch nie einen echten Albtraum. Echt heftig, was du hier schilderst. Ein Detail hierzu: Augenhöhlen, die verbrennen? Sind die nicht schon leer?

Der Ausbruch des Winterkrieges wie die Erleichterung, wenn eine Eiterbeule aufgeschnitten wird – die Hoffnung, dass die Wunde, gesäubert, heilen könnte.
Der Vergleich ist spitze! Eklig, aber spitze :thumbsup:

Hinter ihnen lodern die Gehöfte, ein Flammenmeer, das die Vergangenheit unter sich begräbt.
Ich befürchte, dass ich mich langsam aber sicher wiederhole, aber auch hier: Was für ein Bild!

Nicht auf Gerüche zu achten - sie wecken Bilder, zu schnell, bevor man sie vertreiben kann.
Diese Stelle hat mir sehr gefallen. Irgendwo habe ich gelesen, dass Gerüche die mächtigsten Gefühls- und Erinnerungs-Trigger sind. Das macht den Text glaubwürdig, obwohl man viele Dinge darin so gar nicht fassen kann.

Ihnen wurde der Strom abgestellt, alle Dienstleistungen unterbrochen, Läden, Schule, Post, Bäckerei und die Bibliothek geschlossen. Niemand klagte. Es gab ihre Gärten, einige Kühe, und jemand hatte einen Lastwagen für Sammeleinkäufe. Pirttilahti legte sich schlafen, um nie wieder aufzustehen.
Ein Vorredner hatte angemerkt, dass der letzte Satz den "Optimismus" oder Widerstand, den die Bewohner leisten, wieder schmälert. Das empfinde ich auch ein wenig so, obwohl der Satz an sich natürlich sehr schön geschrieben ist.

Natalja lebt auf in dieser Isolation. Ein Versteck, wie eine Falte im Gewebe der Welt. Wo nur die Erinnerungen sie finden können.
Ja, die trägt man immer bei sich. Schön, wie du das hier darstellst.

Manchmal, zwischen Träumen und Wachen, meint sie, das Gift der Erde würde sich ins Holz fressen, sich einnisten in den Balken ihres Hauses. Die schrecklichen Landschaften ihrer Kindheit wären ihr bis hierher gefolgt. Es kann nicht in allem existieren, glaubt sie in diesen Augenblicken zu wissen. Es benötigt die Erde, das Holz und das Fleisch. Aas, zur Not. Erinnerungen sterben nicht, sie suchen sich einen neuen Wirt, eine neue Heimat. Klebrig und zäh, und wenn sie einen Unterschlupf gefunden haben, lassen sie dich nie wieder los.
Mehr noch als das Nachbarhaus fürchtet Natalja die Orte ihrer Vergangenheit, und ein Massengrab in Tammisaari.
Wieder so eine Stelle, die bei mir Gänsehaut auslöst. Auch hier möchte ich den letzten Satz verhorheben, der ist einfach wahnsinnig gut.

„Der Junge gehört hier nicht hin. Er ist dreckig. Er kann nicht sprechen, steht da und schaut mich an. Wartet.“
Schrecklich, diese Vorstellung. Und tausendmal schlimmer, als ein Geist, der durchs Zimmer flitzt oder sonst etwas macht. Er macht einfach nichts. Steht nur da. Horror.

Die Erde ist nicht immer nur gut, denkt Natalja. Es gibt sie, die entsetzlichen, bösartigen Landschaften, die das Auge mit ihrer Unschuld täuschen. In denen Vergangenes lauert, lebendig begraben.
Die gibt's … Und ich bin – ehrlich gesagt – froh, nicht allzu viele davon zu kennen.

Was will dieses Kind denn, gerade von mir? Ich habe nie Befehle erteilt. Man darf nicht denken, das alles hätte uns Spaß gemacht. Die Frauen, nun, das war die eine Sache. Aber daran hätte ich mich nie beteiligt. Weiber in Männerkleidung, so ausgemergelt und dreckig. Mit kurzem Haar, das ist gar nicht mein Fall. Es wurde ja viel getrunken, als der Sieg nah war, auch das muss man bedenken.
Schön, die du ihn hier charakterisierst. Man fragt sich ja gleich: Wäre es anders gewesen, wenn es "wohlgenährte" und "saubere" Frauen gewesen wären? Nimmt der Stelle am Anfang der Geschichte ("Zweitausend Frauen kämpften für den Gegner. Ich habe keine von ihnen angerührt.") natürlich viel von der ursprünglichen Kraft.

Keine zwei Meter tief, die Gefangenen waren schon schwach gewesen.
Auch das eine tolle Stelle. So kurz, so vielaussagend.

Der Ort ist nicht vergessen, vielmehr trostlos. Sonne trifft den Boden, aber es sind die Schatten, die dort herrschen. Kaum Grün auf dem Waldboden. Kanister, Flaschen, aufgerissene Kartons und Schrott. Die Erde ist locker und kühl und schwarz. Eine verfaulte Krähe zeigt ihren blanken Schädel.
Öl sucht sich schillernd seinen Weg in die Tiefe. Batteriesäure und Benzin verätzen den Boden. Keine zwei Meter tief, die Gefangenen waren schon schwach gewesen. Säure leckt an den Knochen, Öl rinnt durch Elle und Speiche, sammelt sich in erdgefüllten Augenhöhlen. Vergifteter Schlamm füllt den Mund voll weißer Zähne. Nicht eine Kugel, kein durchschlagener Nackenwirbel. Sechs, in Brust und Schultern - und eine ins Gesicht. Die ihr die Wange zerrissen hatte bevor sie starb. Wäre noch das Fleisch auf den Knochen, könnte man Ruß an der Wunde sehen, der letzte Schuss aus nächster Nähe. Regenwasser spült Vergorenes in ihre Gebeine, in klaffende Risse. Schimmel überzieht Rippenbögen, vom Druck der Erde längst geborsten. Sie liegt dort, niemals auf einem Friedhof. Liegt dort und wartet, und streckt ihre Fühler nach den Überlebenden aus.
Diese letzten Sätze hast du einfach drauf, liebe @Katla. Versteh mich nicht falsch, auch die Sätze davor sind gut, aber auch hier boxt mich der letzte Satz noch einmal in die Magengrube, obwohl ich schon beinahe am Boden bin.

Keine Schritte, kein Rascheln von Kleidung, doch die Sitzbank scharrt über den Boden.
Ich bin vorbelastet … In meiner Geschichte habe ich Wasser rascheln lassen und wurde von josefelipe (zurecht) darauf hingewiesen, dass das nicht sein kann. Und jetzt fällt es mir natürlich schwer, das Rascheln bei Kleidern zu hören. Bei der Recherche bin dann im Duden-Stilwörterbuch auf raschelnde Seide gestoßen, aber ansonsten bezieht sich das Geräusch doch immer auf Papier, Laub etc.

Natalja bringt eine Schale Haferbrei, rot leuchten Preiselbeeren darauf. Sie hatte sich geirrt, der Junge ist kein ausgerückter Streuner. Metall kratzt auf Holz, als er die Hände auf den Tisch legt. Drähte, so eng um die Finger gewunden, dass sie sich tief ins Fleisch eingegraben haben. Sichtbar nur, wo sie mehrmals um eine Stelle geschlungen sind. Das Geräusch verursachen die losen Enden, die aus der Haut ragen.
Violinensaiten, denkt Natalja. Eisendraht, störrisch, und härter gespannt, als auf jedem Instrument. Einige Finger sind zusammengeschnürt. Ein kleiner Finger fehlt. Die Einschnitte müssen bis auf die Knochen gehen. Metall kratzt erneut auf Holz, als er nach dem Löffel greift.
H O R R O R. Mein persönlicher, auf jeden Fall ;) Ich will gar nicht an meinen Dachboden denken. Spannend auch, dass der Geist des kleinen Jungen auch zu Natalja kommt, sie ihn aber nicht als solchen sieht. Ich bin nicht sicher, ob ich da alles verstanden habe, und werde wohl noch einige Zeit darüber nachdenken müssen (aber nicht abends).

Natalja sieht keine Fingernägel, keine Haut. Nur Erde, Dreck. Offene, trockene Wunden. „Die Beeren sind bitter, es hat zu wenig geregnet dieses Jahr“, entschuldigt sie sich.
Die Schale wird über den Tisch gezogen, der Löffel klackt leise an den Rand. Sie setzt sich ihm gegenüber, betrachtet sein Gesicht. Dort sind keine Augen mehr. Keine Lider, nur verkrustetes Blut. Verwachsene Narben spannen seine Haut von den Brauen bis über die Wangen. Schorf überall. Der Nasenrücken schief, gebrochen, mehr als einmal. Die Lippen gefurcht, wie von Schnitten.
Und doch sieht dieses Kind sie an.
„Ich denke, ich nenne dich Antero“, sagt Natalja. „Ein schöner Name, er hätte dir gefallen.“
Auch hier wiederhole ich mich (gerne) nochmals: Der letzte Teil macht den Teil davor noch intensiver, noch schrecklicher, noch eindringlicher.

Nein, es ist diese verdammte Schlaflosigkeit, die mich fertigmacht. Man liegt da und denkt an nichts, und das Herz schlägt zu schnell. Sonst würde es ja gehen. Vielleicht wären Albträume besser – man wüsste, es war nicht Wirklichkeit und schliefe wieder ein. Schlaftabletten, das wäre es. Auch wenn ich immer gesagt habe, das sei was für Schwächlinge. Nur, seit ich dieses Kind gesehen habe – der Gedanke macht mich ganz nervös. Dann schlafe ich zu tief, und höre ihn nicht kommen. Das ist sehr riskant. Da muss man jetzt gut nachdenken.
Und jetzt kommt die dicke Überraschung: Genau hier hätte ich die zwei letzten Sätze weggelassen :) Der drittletzte Satz ist so stark, dass die zwei nachfolgenden (auf mich) nicht mehr so ganz wirken. Wobei ich den drittletzten Satz dann unterbrochen hätte, etwa so:

"… seit ich dieses Kind gesehen habe – der Gedanke macht mich ganz nervös. Dann schlafe ich zu tief. Höre ihn nicht kommen."

So würde mir das Ende noch stärker in Erinnerung bleiben. Aber wie gesagt, das ist nur mein Eindruck, und die letzten Sätze einer Geschichte sind – so meine ich – immer ganz heikel und schwierig zu kritisieren.

Ich hoffe, dass ich dir eine Idee davon geben konnte, wie der Text auf mich gewirkt hat. Wie eingangs bereits erwähnt, hast du einen superdichten, atmosphärischen Text geschrieben. Und das in einer Sprache, die mich richtig gepackt hat. Nun frage ich mich natürlich, was "Schwarzer Schnee in Norilsk" mit mir gemacht hätte, und ein Teil von mir sagt, dass es gut ist, es nicht zu wissen ;)

Ein ganz fantastisches Wochenende wünsche ich dir, liebe @Katla!

Herzliche Grüße

sevas
 
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Ahoi lieber servas,

ich freue mich irre, dass du meine Geschichte gelesen hast und noch viel mehr über all diese wunderbaren Eindrücke, die mir wirklich weiterhelfen. Toll, wie du dich im Forum engagierst, das ist nicht selbstverständlich, und ich lese deine Komms überhaupt sehr gerne.

Aber Spaß beiseite, man oh man, der Text hat mich echt geflasht.
Das freut mich ganz besonders, weil der Text ja recht tempo-arm ist und die Entwicklungen über Jahrzehnte gezogen werden, was vielen Lesern sicher zuwiderläuft. Schön, dass es auch einige gibt, die sich gern darauf einlassen.
Dein Text hat mich sehr inspiriert und ich konnte viele neue Erkenntnisse daraus ziehen.
Auch das freut mich wirklich, ist wohl eines des schönsten Komplimente, die man kriegen kann. Ich zitiere jetzt nicht mehr aus deinem Lob heraus, obwohl ich mich über jedes gefreut habe, weil das sonst wie Klopfen auf die eigene Schulter ist. :D Aber liebsten Dank!
Hier ist so eine Stelle, wo ich die Perspektive nicht verstanden habe. Zuerst der Blick von außen auf Natalja (offensichtlich ein Erwachsener), der Wechsel ins "wir", dann die Furcht vor den bösen Männern (was ein Erwachsener so nicht denken würde, also sind wir jetzt bei Natalja?), dann im zweiten Abschnitt der Blick von ganz außen, nicht mehr "wir", sondern "sie werden noch den Deutschen …". Da war ich ein wenig verwirrt (oder lese diesen Teil einfach falsch). Danach wird dann aber alles klarer und ich meine zu verstehen, dass hier auch ein auktorialer Erzähler mit von der Partie ist.
Ja, das sehe ich auch so. Ich hatte die Stelle schon mit "" und kursiv, aber kursiv steht für Gedanken eines Erzählers/einer Figur und Anführungsstriche sahen doof aus, weil man nicht weiß, wer das sagt. Idee ist, dass es wirklich - wie du annimmst - Nataljas Erinnerung ist, daher die Mischung aus einer an Kinder gerichtete Sprache (sowas wie "Der böse Mann kommt dich holen!") und die Unterhaltungen der anderen im Treck, bei dem es um politische Begriffe wie "die Weißen" geht, wie hier in Finnland Faschisten genannt wurden / werden. Und das Kind erinnert sich nicht, wer genau das alles sagte. Ich formuliere das mal direkter.

Ja, der Natalja-Teil ist eine (zulässige) Mischung aus personal und auktorial, allerdings gibt es ein paar Stellen, an denen ich das nicht sauber hinbekommen habe, mal schauen, was ich hier machen kann. Auf jeden Fall eine Sache, die man in fremden Texten sofort sieht, in eigenen scheint das immer so irre viel schwieriger aufzulösen ...
Die Tante ist bereits tot, und jetzt auch noch die Mutter?
und
Hier kam ich ganz kurz ins Stocken. Weiter oben schreibst du, dass sie die Mutter irgendwo verloren hat. Das klingt für mich ein bisschen so, als wäre das alles sehr schnell passiert, vielleicht gab's ein Gefecht, oder die Mutter war sonst irgendwie verschollen. Doch hier wird der Abschied als sehr nahe beschrieben. Aber vielleicht interpretieren ich das "Verlorengehen" weiter oben im Text einfach falsch?
Das erste Verlorengehen ist im übertragenen Sinne gemeint, die Mutter ist zu traumatisiert, um auf andere - auch ihr Kind - adäquat zu reagieren, innerlich / emotional tot. Sie stirbt erst später zu Friedenszeiten im Bett. Da ist bisher noch niemand drüber gestolpert, aber ich werfe da auf jeden Fall nochmal einen kritischen Blick drauf.
Ein Detail hierzu: Augenhöhlen, die verbrennen? Sind die nicht schon leer?
Jetzt bin ich mal echt zusammengezuckt. :lol: Ich verspreche ja jedem, der mir einen Recherchefehler nachweist, eine leckere Tafel finnischer Schokolade (oder Salmiakki), aber hier müsste das hinkommen: das Farlex Online Medical Dictionary sagt: Orbita = "The bony cavity containing the eyeball and its adnexa; it is formed of parts of the frontal, maxillary, sphenoid, lacrimal, zygomatic, ethmoid, and palatine bones." bzw. netdoktor -> Anatomie: "Die knöcherne Augenhöhle hat die Form einer vierseitigen Pyramide, deren Grundfläche nach vorn zeigt und deren Spitze nach hinten zur Mitte hin gerichtet ist." Im Englischen wird ein Unterschied zw. orbit und orbital cavity gemacht, der im Deutschen mAn nicht so gut funktioniert, will ich nicht direkt Orbit schreiben, wobei man wohl sofort an den Umlauf um die Erde denken würde. Und wenn ich jetzt 'knöcherne Augenhöhle' schreibe, klingt das wie ein Wikipedia-Infodump oder als Tautologie, das wäre imA eine Verschlimmbesserung. Soll jetzt nicht bedeuten, ich wischte deine Anmerkung vom Tisch, ich bin immer heilfroh, wenn mir jemand einen Stolperstein zeigt, über den ich mir Gedanken machen kann.
Ein Vorredner hatte angemerkt, dass der letzte Satz den "Optimismus" oder Widerstand, den die Bewohner leisten, wieder schmälert. Das empfinde ich auch ein wenig so, obwohl der Satz an sich natürlich sehr schön geschrieben ist.
Ja, das kann ich nachvollziehen, aber genauso melancholisch oder eben gebrochen wollte ich das. Möglicherweise hängt hier ein Daumen hoch / runter auch von der jeweiligen Sicht der Leser auf die Welt ab.
Schrecklich, diese Vorstellung. Und tausendmal schlimmer, als ein Geist, der durchs Zimmer flitzt oder sonst etwas macht. Er macht einfach nichts. Steht nur da. Horror.
Schön, dass das bei dir geklappt hat, so sehe ich das auch bei Filmen oder Geschichten, wenn man nicht weiß, was der Geist eigentlich will. Ich grusele mich selbst in dem Moment nicht mehr, wenn der Geist eine konkrete Aufgabe an die Lebenden heranträgt: finde meinen Mörder, begrabe meinen Körper etc.
Schön, die du ihn hier charakterisierst. Man fragt sich ja gleich: Wäre es anders gewesen, wenn es "wohlgenährte" und "saubere" Frauen gewesen wären? Nimmt der Stelle am Anfang der Geschichte ("Zweitausend Frauen kämpften für den Gegner. Ich habe keine von ihnen angerührt.") natürlich viel von der ursprünglichen Kraft.
Es ist echt schön, dass das trotzdem klappt, aber hier hab ich offenbar versagt: meine Idee war, dass seine übermässige Betonung auf seine 'Enthaltsamkeit' hier (wie auch bei der Bemerkung, man solle einiges entschuldigen, weil viel Alkohol getrunken wurde) den Verdacht nahelegt, dass er eben doch vergewaltigt hat. Aber anderseits er ist ja schon 'böse' genug, vllt. ist das 'Nichtklappen' hier sogar besser für die Figur, damit sie nicht zur Schwarzweißmalerei gerät ...
Ich bin vorbelastet … In meiner Geschichte habe ich Wasser rascheln lassen und wurde von josefelipe (zurecht) darauf hingewiesen, dass das nicht sein kann. Und jetzt fällt es mir natürlich schwer, das Rascheln bei Kleidern zu hören. Bei der Recherche bin dann im Duden-Stilwörterbuch auf raschelnde Seide gestoßen, aber ansonsten bezieht sich das Geräusch doch immer auf Papier, Laub etc.
Ich finde ja, dass Wasser und Kleidung völlig unterscheidliche Geräusche machen. Rascheln entsteht ja durch das Aneinanderreiben relativ harter und ganz vor allem trockener Materialien. Grobes Leinen z.B. dürfte mAn so ein Geräusch hervorrufen.
Spannend auch, dass der Geist des kleinen Jungen auch zu Natalja kommt, sie ihn aber nicht als solchen sieht. Ich bin nicht sicher, ob ich da alles verstanden habe, und werde wohl noch einige Zeit darüber nachdenken müssen (aber nicht abends).
Deine Leseweise wäre da zwar nicht meine Intention, aber ich finde sie dennoch sehr spannend. Deine Variante ist nicht 'falsch', sondern nur anders. Meine Idee war, dass sie das Kind schon recht schnell als Gespenst erkennt, aber - da sie erkennt, dass die vor ihm nichts zu befürchten hat - die paranormale Welt genauso behandelt wie die reale, sich ihm gegenüber ganz normal verhält. Ich wollte gegenüberstellen, dass der Täter den Geist seines Anklägers fürchtet und nicht will, dass er ins Haus kommt. Natalja hat dem Jungen zu Lebzeiten nicht gekannt, ihm nichts getan, daher hat sie kein Problem, ihn hereinzubitten, quasi ein Zuhause anzubieten. Vllt auch, weil der Tod für sie selbst nicht allzuweit entfernt mehr ist. Den Hinweis auf meine Intention hatte ich am Schluß, wenn sie sagt "der Name hätte dir gefallen". Wie gesagt, deine Leseweise hat auch ihre Berechtigung.
Und jetzt kommt die dicke Überraschung: Genau hier hätte ich die zwei letzten Sätze weggelassen :) Der drittletzte Satz ist so stark, dass die zwei nachfolgenden (auf mich) nicht mehr so ganz wirken. Wobei ich den drittletzten Satz dann unterbrochen hätte, etwa so:
"… seit ich dieses Kind gesehen habe – der Gedanke macht mich ganz nervös. Dann schlafe ich zu tief. Höre ihn nicht kommen."
So würde mir das Ende noch stärker in Erinnerung bleiben. Aber wie gesagt, das ist nur mein Eindruck, und die letzten Sätze einer Geschichte sind – so meine ich – immer ganz heikel und schwierig zu kritisieren.
Nee, so überraschend nicht. ;-) Ich habe schon mehr als einmal nach einem Kommentar den letzten Satz in einem Text gekickt. Man will ja damit so eine Art Schleife binden, und dann bindet man eben oft eine Schlaufe zu viel. Ich hab da jetzt ne Weile drüber nachgedacht, mich aber in diesem Fall (zum ersten Mal) gegen die Streichung entschieden.
Grund: Das Streichen ergibt so eine Art cliffhanger, so ein 'was jetzt?'. Ein Spannungsmoment, was der Geist jetzt mit ihm anstellen könnte und damit open end. Das wäre für mich auch stimmig, wenn ich den Abschnitt als eher als plot-driven / handlungsgetragen ansehen würde. Ich habe das aber eher character-driven / figurengetragen gedacht, wobei mir wichtig ist, dass der Mann das selbst so wortreich überbetont: Weniger als ein einfaches Statement ist das sein eigentlich bereits gescheiterter Versuch, die Kontrolle und einen klaren Kopf zu behalten. Er kann ja "aufpassen", so viel er will, das wird nichts helfen. So meine Idee: weniger ein spannendes, als ein (für ihn) eindeutig pessimistisches Ende.

Ich hoffe mal, ich habe nicht zu viel übererklärt, aber mir hilft das immer für das Plotten bei neuen Texten - zu sehen, was wollte ich und warum eigentlich?

Nochmal ganz herzlichen Dank! Und dir viel Glück mit den Nagern, die klingen tatsächlich oft wie wesentlich größere Wesen (wir hatten auch mal welche in der Wand). Jetzt rate ich dir aber nicht, Lovecrafts "Ratten im Gemäuer" zu lesen! :Pfeif:

Sonnige Grüße und ganz viel Glück nochmal beim Segelschein,
:-) Katla
 
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Ahoi, liebe @Katla! Hach … Mein Projekt "Segelschein" ruht ja derzeit, aber wenn ich so lese, wie und wo du überall unterwegs warst/bist … Da überkommt mich doch glatt der Drang, das Ölzeug zusammenzupacken, nach Kiel zu reisen und wieder die Schulbank zu drücken (okay, ist nicht die ideale Zeit gerade, aber vielleicht dann im Spätsommer, wer weiß).

ich freue mich irre, dass du meine Geschichte gelesen hast und noch viel mehr über all diese wunderbaren Eindrücke, die mir wirklich weiterhelfen. Toll, wie du dich im Forum engagierst, das ist nicht selbstverständlich, und ich lese deine Komms überhaupt sehr gerne.
Ich hatte mich auch wirklich total auf den Text gefreut und war – so dachte ich – auf alles vorbereitet (ich hatte ja nur die Komms aus "Schwarzer Schnee in Norilsk gekannt). Aber der Junge mit den Drähten/Saiten … Das Bild hat sich eingebrannt. Bis in die Augenhöhlen ;) Aber dazu später mehr. Vielen Dank auch für die lieben Worte, da freue ich mich natürlich sehr :shy:

Aber Spaß beiseite, man oh man, der Text hat mich echt geflasht.
Das freut mich ganz besonders, weil der Text ja recht tempo-arm ist und die Entwicklungen über Jahrzehnte gezogen werden, was vielen Lesern sicher zuwiderläuft. Schön, dass es auch einige gibt, die sich gern darauf einlassen.
Ich fand das echt spannend, eine Kurzgeschichte zu lesen, die sich "in die Länge zieht". Das passt meiner Meinung nach auch ganz besonders zu diesem Schlaglichtstil. Der würde vielleicht gar nicht funktionieren, wenn die Geschichte nur einen kurzen Moment oder eine einzelne Begegnung umfassen würde. Und ein Satz wie dieser:
Mehr noch als das Nachbarhaus fürchtet Natalja die Orte ihrer Vergangenheit, und ein Massengrab in Tammisaari.
funktioniert doch genau dann besonders gut, wenn ich auch die Vorgeschichte kenne. Also zumindest denke ich mir das so :D Packt mich auch jetzt wieder, dieser Satz.

Dein Text hat mich sehr inspiriert und ich konnte viele neue Erkenntnisse daraus ziehen.
Auch das freut mich wirklich, ist wohl eines des schönsten Komplimente, die man kriegen kann. Ich zitiere jetzt nicht mehr aus deinem Lob heraus, obwohl ich mich über jedes gefreut habe, weil das sonst wie Klopfen auf die eigene Schulter ist. :D Aber liebsten Dank!
Hehe, ja, auf Lob zu antworten ist fast schwieriger als auf Kritik ;) Aber was das Ungleichgewicht zwischen Lob und Kritik angeht … Da bist du ja nicht ganz unschuldig :D

Hier ist so eine Stelle, wo ich die Perspektive nicht verstanden habe. Zuerst der Blick von außen auf Natalja (offensichtlich ein Erwachsener), der Wechsel ins "wir", dann die Furcht vor den bösen Männern (was ein Erwachsener so nicht denken würde, also sind wir jetzt bei Natalja?), dann im zweiten Abschnitt der Blick von ganz außen, nicht mehr "wir", sondern "sie werden noch den Deutschen …". Da war ich ein wenig verwirrt (oder lese diesen Teil einfach falsch). Danach wird dann aber alles klarer und ich meine zu verstehen, dass hier auch ein auktorialer Erzähler mit von der Partie ist.
Ja, das sehe ich auch so. Ich hatte die Stelle schon mit "" und kursiv, aber kursiv steht für Gedanken eines Erzählers/einer Figur und Anführungsstriche sahen doof aus, weil man nicht weiß, wer das sagt. Idee ist, dass es wirklich - wie du annimmst - Nataljas Erinnerung ist, daher die Mischung aus einer an Kinder gerichtete Sprache (sowas wie "Der böse Mann kommt dich holen!") und die Unterhaltungen der anderen im Treck, bei dem es um politische Begriffe wie "die Weißen" geht, wie hier in Finnland Faschisten genannt wurden / werden. Und das Kind erinnert sich nicht, wer genau das alles sagte. Ich formuliere das mal direkter.

Ja, der Natalja-Teil ist eine (zulässige) Mischung aus personal und auktorial, allerdings gibt es ein paar Stellen, an denen ich das nicht sauber hinbekommen habe, mal schauen, was ich hier machen kann. Auf jeden Fall eine Sache, die man in fremden Texten sofort sieht, in eigenen scheint das immer so irre viel schwieriger aufzulösen ...
Das kann natürlich auch meinem Leseverständnis geschuldet sein, ich habe die anderen Komms jetzt nicht mehr alle im Kopf und weiß nicht, ob das vielleicht nur mir so gegangen ist. Es wäre aber sicherlich interessant eine zweite Version zu lesen und zu sehen, wie diese wirkt.

Hier kam ich ganz kurz ins Stocken. Weiter oben schreibst du, dass sie die Mutter irgendwo verloren hat. Das klingt für mich ein bisschen so, als wäre das alles sehr schnell passiert, vielleicht gab's ein Gefecht, oder die Mutter war sonst irgendwie verschollen. Doch hier wird der Abschied als sehr nahe beschrieben. Aber vielleicht interpretieren ich das "Verlorengehen" weiter oben im Text einfach falsch?
Das erste Verlorengehen ist im übertragenen Sinne gemeint, die Mutter ist zu traumatisiert, um auf andere - auch ihr Kind - adäquat zu reagieren, innerlich / emotional tot. Sie stirbt erst später zu Friedenszeiten im Bett. Da ist bisher noch niemand drüber gestolpert, aber ich werfe da auf jeden Fall nochmal einen kritischen Blick drauf.
Das ergibt natürlich Sinn :thumbsup: Das hatte ich tatsächlich so gelesen, dass sie die Mutter endgültig verloren hat. Aber da ich der Einzige bin, der hier gestolpert ist, würde ich hier auf keinen Fall dran feilen …

Ein Detail hierzu: Augenhöhlen, die verbrennen? Sind die nicht schon leer?
Jetzt bin ich mal echt zusammengezuckt. :lol: Ich verspreche ja jedem, der mir einen Recherchefehler nachweist, eine leckere Tafel finnischer Schokolade (oder Salmiakki), aber hier müsste das hinkommen: das Farlex Online Medical Dictionary sagt: Orbita = "The bony cavity containing the eyeball and its adnexa; it is formed of parts of the frontal, maxillary, sphenoid, lacrimal, zygomatic, ethmoid, and palatine bones." bzw. netdoktor -> Anatomie: "Die knöcherne Augenhöhle hat die Form einer vierseitigen Pyramide, deren Grundfläche nach vorn zeigt und deren Spitze nach hinten zur Mitte hin gerichtet ist." Im Englischen wird ein Unterschied zw. orbit und orbital cavity gemacht, der im Deutschen mAn nicht so gut funktioniert, will ich nicht direkt Orbit schreiben, wobei man wohl sofort an den Umlauf um die Erde denken würde. Und wenn ich jetzt 'knöcherne Augenhöhle' schreibe, klingt das wie ein Wikipedia-Infodump oder als Tautologie, das wäre imA eine Verschlimmbesserung. Soll jetzt nicht bedeuten, ich wischte deine Anmerkung vom Tisch, ich bin immer heilfroh, wenn mir jemand einen Stolperstein zeigt, über den ich mir Gedanken machen kann.
Absolut richtig :D Ich rede mich jetzt einfach mal raus und behaupte, dass ich mir dieTafel Salmiakki auf dreiste Weise ergattern wollte (als Schweizer ist es meine Pflicht, die Schokoladenkreationen anderer Länder zu probieren, um die heimischen Produkte dann über den Klee zu loben ;)) Nein, da habe ich meinem Oberstübchen eine unverdiente Pause gegönnt, eine Höhle ist ja auch nicht einfach nur ein Loch in einem großen Felsbrocken. Sorry für den Zusammenzucker ;)

Ein Vorredner hatte angemerkt, dass der letzte Satz den "Optimismus" oder Widerstand, den die Bewohner leisten, wieder schmälert. Das empfinde ich auch ein wenig so, obwohl der Satz an sich natürlich sehr schön geschrieben ist.
Ja, das kann ich nachvollziehen, aber genauso melancholisch oder eben gebrochen wollte ich das. Möglicherweise hängt hier ein Daumen hoch / runter auch von der jeweiligen Sicht der Leser auf die Welt ab.
Ja, das kann sehr gut sein. Vielleicht wäre es mir auch gar nicht aufgefallen, wenn ich nicht die Komms schon gelesen hätte (damit muss ich echt aufhören, aber die Versuchung ist einfach zu groß, schlimmer noch als bei Schokolade). Den Schlaf kann man auch auf die Abschottung von der restlichen Welt beziehen, nicht auf Endgültigeres.

Schrecklich, diese Vorstellung. Und tausendmal schlimmer, als ein Geist, der durchs Zimmer flitzt oder sonst etwas macht. Er macht einfach nichts. Steht nur da. Horror.
Schön, dass das bei dir geklappt hat, so sehe ich das auch bei Filmen oder Geschichten, wenn man nicht weiß, was der Geist eigentlich will. Ich grusele mich selbst in dem Moment nicht mehr, wenn der Geist eine konkrete Aufgabe an die Lebenden heranträgt: finde meinen Mörder, begrabe meinen Körper etc.
Absolut! Die Starre und die Unwissenheit darüber, was geschehen könnte, ist so viel intensiver. Ging mir damals auch bei Paranormal Activity so, wo der Mann am Ende einfach nur neben dem Bett steht, stundenlang, und nichts macht. Wenn der da sonst etwas gemacht hätte, okay, aber so … Oder auch bei Blair Witch Project, wo die Frau am Ende im Haus in der Ecke steht, Gesicht zur Wand, sich nicht rühren kann/darf. Übel. Und die Tatsache, dass es in deiner Geschichte ein Kind ist, macht es sowieso noch viel grusliger.

Schön, die du ihn hier charakterisierst. Man fragt sich ja gleich: Wäre es anders gewesen, wenn es "wohlgenährte" und "saubere" Frauen gewesen wären? Nimmt der Stelle am Anfang der Geschichte ("Zweitausend Frauen kämpften für den Gegner. Ich habe keine von ihnen angerührt.") natürlich viel von der ursprünglichen Kraft.
Es ist echt schön, dass das trotzdem klappt, aber hier hab ich offenbar versagt: meine Idee war, dass seine übermässige Betonung auf seine 'Enthaltsamkeit' hier (wie auch bei der Bemerkung, man solle einiges entschuldigen, weil viel Alkohol getrunken wurde) den Verdacht nahelegt, dass er eben doch vergewaltigt hat. Aber anderseits er ist ja schon 'böse' genug, vllt. ist das 'Nichtklappen' hier sogar besser für die Figur, damit sie nicht zur Schwarzweißmalerei gerät ...
Versagt hast du auf keinen Fall, vielleicht bin ich einfach nur zu leichtgläubig, wäre nicht das erste Mal, trust me ;) Hätte ich durchaus drauf kommen können, aber vielleicht hebt man eine Sache ganz besonders hervor, wenn man dafür ganz andere schlimme Dinge getan hat, so im Stile von "ich habe X getan, aber zumindest Y nicht, darum ist es okay". Oder vielleicht hat er aus anderen Gründen tatsächlich davon abgesehen, ich weiß es nicht.

Ich bin vorbelastet … In meiner Geschichte habe ich Wasser rascheln lassen und wurde von josefelipe (zurecht) darauf hingewiesen, dass das nicht sein kann. Und jetzt fällt es mir natürlich schwer, das Rascheln bei Kleidern zu hören. Bei der Recherche bin dann im Duden-Stilwörterbuch auf raschelnde Seide gestoßen, aber ansonsten bezieht sich das Geräusch doch immer auf Papier, Laub etc.
Ich finde ja, dass Wasser und Kleidung völlig unterscheidliche Geräusche machen. Rascheln entsteht ja durch das Aneinanderreiben relativ harter und ganz vor allem trockener Materialien. Grobes Leinen z.B. dürfte mAn so ein Geräusch hervorrufen.
Absolut, war ein schöner Fehlgriff beim Wasser :D Ich verstehe, was du meinst, die Kleidung wird sich auch in einem sehr schlechten Zustand befinden, trocken, vielleicht sogar brüchig sein, mit altem Dreck durchzogen. Ich verbinde raschelnde Kleidung irgendwie mit synthetischen Stoffen, Outdoor-Jacken und solchen Dingen. Aber das Rascheln passt so oder so gut zur Szene :thumbsup:

Spannend auch, dass der Geist des kleinen Jungen auch zu Natalja kommt, sie ihn aber nicht als solchen sieht. Ich bin nicht sicher, ob ich da alles verstanden habe, und werde wohl noch einige Zeit darüber nachdenken müssen (aber nicht abends).
Deine Leseweise wäre da zwar nicht meine Intention, aber ich finde sie dennoch sehr spannend. Deine Variante ist nicht 'falsch', sondern nur anders. Meine Idee war, dass sie das Kind schon recht schnell als Gespenst erkennt, aber - da sie erkennt, dass die vor ihm nichts zu befürchten hat - die paranormale Welt genauso behandelt wie die reale, sich ihm gegenüber ganz normal verhält. Ich wollte gegenüberstellen, dass der Täter den Geist seines Anklägers fürchtet und nicht will, dass er ins Haus kommt. Natalja hat dem Jungen zu Lebzeiten nicht gekannt, ihm nichts getan, daher hat sie kein Problem, ihn hereinzubitten, quasi ein Zuhause anzubieten. Vllt auch, weil der Tod für sie selbst nicht allzuweit entfernt mehr ist. Den Hinweis auf meine Intention hatte ich am Schluß, wenn sie sagt "der Name hätte dir gefallen". Wie gesagt, deine Leseweise hat auch ihre Berechtigung.
Ich ging davon aus, dass die Bilder in Nataljas Kopf bereits so real geworden sind, dass sie der Anblick des Jungen nicht mehr erschrecken kann. Dass die beiden Welten quasi zusammengewachsen sind. Dass sie zwar eigentlich weiß, dass der Junge tot sein muss, dieser Umstand für sie aber nicht weiter befremdlich ist. Aber es ist super spannend, wenn ich jetzt deine eigentliche Intention lese. Da wird mir der Junge wohl noch eine Zeit länger im Gedächtnis bleiben ;) Vielen lieben Dank für die Erklärung, das regt auch an, die Dinge auch aus anderen Blickwinkeln zu betrachten und nicht gleich die naheliegende "Lösung" zu akzeptieren.

Und jetzt kommt die dicke Überraschung: Genau hier hätte ich die zwei letzten Sätze weggelassen :) Der drittletzte Satz ist so stark, dass die zwei nachfolgenden (auf mich) nicht mehr so ganz wirken. Wobei ich den drittletzten Satz dann unterbrochen hätte, etwa so:
"… seit ich dieses Kind gesehen habe – der Gedanke macht mich ganz nervös. Dann schlafe ich zu tief. Höre ihn nicht kommen."
So würde mir das Ende noch stärker in Erinnerung bleiben. Aber wie gesagt, das ist nur mein Eindruck, und die letzten Sätze einer Geschichte sind – so meine ich – immer ganz heikel und schwierig zu kritisieren.
Nee, so überraschend nicht. ;-) Ich habe schon mehr als einmal nach einem Kommentar den letzten Satz in einem Text gekickt. Man will ja damit so eine Art Schleife binden, und dann bindet man eben oft eine Schlaufe zu viel. Ich hab da jetzt ne Weile drüber nachgedacht, mich aber in diesem Fall (zum ersten Mal) gegen die Streichung entschieden.
Grund: Das Streichen ergibt so eine Art cliffhanger, so ein 'was jetzt?'. Ein Spannungsmoment, was der Geist jetzt mit ihm anstellen könnte und damit open end. Das wäre für mich auch stimmig, wenn ich den Abschnitt als eher als plot-driven / handlungsgetragen ansehen würde. Ich habe das aber eher character-driven / figurengetragen gedacht, wobei mir wichtig ist, dass der Mann das selbst so wortreich überbetont: Weniger als ein einfaches Statement ist das sein eigentlich bereits gescheiterter Versuch, die Kontrolle und einen klaren Kopf zu behalten. Er kann ja "aufpassen", so viel er will, das wird nichts helfen. So meine Idee: weniger ein spannendes, als ein (für ihn) eindeutig pessimistisches Ende.
Das ist absolut überzeugend. Ich verstehe die Logik dahinter voll und ganz. Da habe ich meinen Lieblingssatz in dieser Passage "überschätzt". Jetzt wünschte ich mir natürlich, dass ich das gleich begriffen hätte, und verweise gleich auf den letzen Satz im letzten Kommentar ;)

Ich hoffe mal, ich habe nicht zu viel übererklärt, aber mir hilft das immer für das Plotten bei neuen Texten - zu sehen, was wollte ich und warum eigentlich?
Nein, gar nicht, die Erklärungen sind spitze und waren mir ein Reminder dafür, Texte noch genauer zu lesen und den Blickwinkel auch mal zu verändern. Dass du dir hierfür die Zeit genommen hast, schätze ich sehr. Bleibt mir nur zu sagen, dass ich – wenn ich das nächste Mal in der Heimat bin – daran denken werde, ein kleines, rechteckiges und etwas mehr als 100 Gramm schweres Päckchen auf die Reise nach Finnland zu entsenden ;)

Nochmal ganz herzlichen Dank! Und dir viel Glück mit den Nagern, die klingen tatsächlich oft wie wesentlich größere Wesen (wir hatten auch mal welche in der Wand). Jetzt rate ich dir aber nicht, Lovecrafts "Ratten im Gemäuer" zu lesen! :Pfeif:
Haha, danke liebe @Katla! Die Geräusche sind echt übel … Gestern war's ruhig, mal schauen wie's heute Nacht wird ;) Ich freue mich auf jeden Fall, dass ihr eure losgeworden seid. Mr. Lovecraft muss leider noch warten, jetzt ist erst einmal die Filmerzählerin dran ;)

Sonnige Grüße und ganz viel Glück nochmal beim Segelschein,
:-) Katla
Vielen Dank! Ich wünsche dir eine super Woche, viele Stunden am und auf dem Wasser und natürlich viel guten Wind :thumbsup:

Herzliche Grüße

sevas
 
Senior
Beitritt
01.05.2009
Beiträge
1.975
Hallo lieber sevas nochmal,

herzlichen Dank für deine erneute Rückmeldung! :-)
Da überkommt mich doch glatt der Drang, das Ölzeug zusammenzupacken, nach Kiel zu reisen und wieder die Schulbank zu drücken.
Auf, auf! :-) Dem sollte man nachgeben, wenn die Zeiten hoffentlich wieder ein Segeln erlauben.
Das passt meiner Meinung nach auch ganz besonders zu diesem Schlaglichtstil. Der würde vielleicht gar nicht funktionieren, wenn die Geschichte nur einen kurzen Moment oder eine einzelne Begegnung umfassen würde.
Spannend, ich wäre instinktiv vom Gegenteil ausgegangen, abr das beruhigt mich ungemein.
Ich ging davon aus, dass die Bilder in Nataljas Kopf bereits so real geworden sind, dass sie der Anblick des Jungen nicht mehr erschrecken kann. Dass die beiden Welten quasi zusammengewachsen sind. Dass sie zwar eigentlich weiß, dass der Junge tot sein muss, dieser Umstand für sie aber nicht weiter befremdlich ist. Aber es ist super spannend, wenn ich jetzt deine eigentliche Intention lese. Da wird mir der Junge wohl noch eine Zeit länger im Gedächtnis bleiben ;) Vielen lieben Dank für die Erklärung, das regt auch an, die Dinge auch aus anderen Blickwinkeln zu betrachten und nicht gleich die naheliegende "Lösung" zu akzeptieren.
Selbst wenn ich mir das etwas anders gedacht hatte, macht der Text deine Leseweise möglich, sie ist ja nicht 'falsch'. Ist vllt. ein schmaler Grat zwischen etwas, das man tatsächlich unklar, ungenau oder missverständlich formuliert / konzipiert, und dem, dass der Text zu eine Eigenständigkeit kriegt, sobald andere ihn lesen. Wenn die Fremdleseweise ihm nicht tatsächlich zuwiderläuft, sondern nur eine andere sinnvolle Facette zeigt, finde ich die immer spannend - und wenn etwas gänzlich falschverstanden wird, ist das eh fast immer die Schuld des Autors.
Das ist absolut überzeugend. Ich verstehe die Logik dahinter voll und ganz. Da habe ich meinen Lieblingssatz in dieser Passage "überschätzt". Jetzt wünschte ich mir natürlich, dass ich das gleich begriffen hätte, und verweise gleich auf den letzen Satz im letzten Kommentar.
Gleiches gilt auch hier, zudem hat ja deine Sicht / eine Fremdsicht absolute Berechtigung, die der des Autors gleichgestellt ist.

Dir ein schönes langes Wochenende und immer ne Handbreit Wasser unter'm Kiel (in Kiel, später vllt), herzlichst, Katla
 

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