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Die Struktur von Kartoffelbrei

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Die Struktur von Kartoffelbrei

Es ist 11:30 Uhr an einem Dienstag. Seit einer Dreiviertelstunde grüble ich über einem Sudoku, aber ich komme einfach nicht auf die letzten paar Ziffern. Ich sitze weder in einem Zug, noch in einem Hörsaal, weder bei der Arbeit, noch in einer Hotellobby. Ich sitze in der ersten Reihe. Ab und zu stehe ich auf und betrete die Bühne. Eigentlich sogar ziemlich oft. Denn ich habe eine der Hauptrollen. Nicht, dass ich sie gewollt hatte. Es fehlte einfach nur Personal. Vor Kurzem noch habe ich die Bühne von oben betrachtet. Ich kauerte auf dem Balken, an dem der Vorhang befestigt war. Und mein Strick. Ich war unbemerkt dort hinaufgeklettert und anfangs war es mir schwindelig geworden. Dann nicht mehr so oft. Es war kalt dort oben, und staubig, aber ich unterdrückte das Husten, denn ich wollte die Vorstellung nicht stören. Natürlich hätte ich gerne den Schleim gelöst, alles ausgekotzt, aber es war ja schon egal. Bald würde der Vorhang fallen. Und ich mit ihm. Ende der Vorstellung. Aber der Vorhang fiel nicht. Und so begann ich, wieder mitzuspielen.

Ein Mann mit schwarz glänzenden Nudellöckchen linst um die Ecke und spricht fragend meinen Namen aus. Er muss die Vertretung sein.
„Ja, ich komme“, sage ich und lege das Heftchen auf die Fensterbank. Ich ärgere mich, dass ich das Sudoku jetzt unterbrechen muss, und folge dem Mann in eines der Sprechzimmer. Das Gespräch nimmt seinen gewohnten Lauf.
„Wie ist Ihr Schlaf?“
„Ganz gut mit den Tropfen.“
„Wie ist Ihr Stuhlgang?“
„Keine Ahnung, normal?“
„Suizidgedanken?“
„Ja, die habe ich mitunter noch“, sage ich und denke mir:
„Wieso auch nicht?“
Der Blick des Arztes, bis dahin eine Mischung aus Geschäftigkeit, Besorgnis und Aufmunterung, ist nun ganz Besorgnis. Er hakt nach, fragt mich, ob ich konkrete Pläne schmiede.
„Nein, mein Herr, ich gebe brav alle Rasierklingen ab und habe auch nicht vor, beim Ausflug am Freitag vom Dach des Museums zu springen.“
Auch das denke ich mir nur. Stattdessen antworte ich ihm lediglich:
„Nein.“
Seine Augenbrauen entspannen sich. Er sieht jetzt erleichtert aus, fast dankbar. Er ist noch jung und macht den Eindruck, als fühlte er tatsächlich mit. Jedenfalls lese ich das aus seinem ständigen Nicken heraus. Man könnte direkt meinen, er mag mich.

Als ich an meinen Platz zurückkomme, ist die vom Flur abgehende Essecke mit den in Hufeneisenform angeordneten Tischen bereits eingedeckt. Auf dem Tresen, der eine offene Küche abtrennt, stehen die versiegelten Metallschalen mit dem Essen bereit. In den letzten fünfzehn Minuten vor dem Mittagessen ist der ganze Bereich Sperrzone, sodass die beiden Menschen, die sich eines Morgens nach langem Hadern entschlossen haben, für eine Woche die Verantwortung fürs Tischdecken, Abräumen und Spülmaschineeinräumen zu übernehmen, ungestört der einzigen Tätigkeit nachgehen können, die zumindest blass den Anstrich einer Verpflichtung hat. Man lässt sie walten, denn für sie ist der Küchendienst eine große Sache, eine Bürde, der mit Ernst und gemessenen Gesten begegnet wird. Nur die zugedröhnte einbeinige Afrikanerin mit dem Barracuda-Biss und den wirren Haaren stört sich nicht an diesem Ritus und humpelt den beiden Diensttuenden zwischen den Füßen herum. Diese sind von der Arbeit bereits so erschöpft, dass sie es nicht schaffen, auch noch die Frau zu verscheuchen, und so wird sie zu einem vierten Mülleimer, um den sie sich mit ausdruckslosem Gesicht bei jedem Gang herumschlängeln. Sie wollen das Essen keine Minute zu früh auf den Tisch stellen, denn die Metallschalen sind zuvor in orangefarbenen Plastikcontainern mit einem Lieferwagen durch die halbe Stadt gereist, nur um dann im Hof, im Treppenhaus und vor der Küche herumzustehen. Entsprechend lau ist die Temperatur der Großküchenköstlichkeiten bereits. Für die Küchendienstler schafft dieser Timing-Prozess natürlich ein enormes Stressmoment, und die letzten Minuten vor Essensbeginn lauern sie förmlich darauf, endlich die Schalen zu öffnen und den Kartoffelbrei mit einem Kochlöffel zu entjungfern. Dieser Moment rückt nun näher und näher und die ersten Patienten landen im Flurabschnitt vor der Essecke. Doch obwohl jetzt alles schon bereitsteht, überquert keiner die Grenze von Teppich zu Linoleum. Wir alle wissen: Erst um Punkt zwölf darf man sich setzen, denn jeder Termin, jede konkrete Zeitangabe ist eine Rille in der „Struktur“, die hier jedem fehlt, die aber bestenfalls unseren ganzen Tag überziehen sollte.

Ich nutze die Zeit für einen kurzen Gang in den Aufenthaltsraum gegenüber. Auf den beiden Sofas sitzen gebeugt ein paar Leute, die Arme auf den Oberschenkeln, die Hände gefaltet. Nichts bewegt sich, nur die Füße wippen schnell. Manchen sieht man an, dass sie eben erst wieder aufgestanden sind. Sie haben ungekämmte Haare und starren ins Leere. Auch sie sitzt auf der Couch, das einzige Mädchen hier, das meinen Blick auf sich zieht. Aber sie beachtet mich nicht. Die Hände in den Taschen schlendere ich zum Fenster und schaue zwischen den Baumwipfeln hindurch auf die gegenüberliegende Häuserfront. Das Pärchen aus dem vierten Stock ist wohl nicht da. Manchmal sieht man es in Unterwäsche, wenn es das Bett verlässt, in dem es fernsieht oder sich vergnügt. Auch von einem der Sprechzimmer aus sieht man in ihre Wohnung und einmal lief die Frau ganz nackt herum, als die Ärztin tatsächlich gerade dabei war, mich über meine Libido auszufragen.
„Naja, hier ist ja nichts möglich“, kommentierte ich, während ich die Augen kaum von der Frau hinter ihr lassen konnte. Sie erwiderte:
„Außer, was man sich selbst macht.“
„Sie wissen schon, dass ich mit Herrn Colgani auf dem Zimmer bin?“, entgegnete ich daraufhin und sie lachte. Dass ich mir direkt beim ersten Ausgang ohne Begleitung am Kiosk einen Playboy gekauft und in meiner Jacke mit hineingenommen hatte, verschwieg ich ihr. Sie brauchte nicht zu wissen, was ich damit in dem kalten Badezimmer vor dem Spiegel machte, wenn Herr Colgani ein Nickerchen hielt.

Ich schaue nach unten zur Straße. Ein Bus passiert die Altglascontainer am Anfang der Allee und biegt an der Kneipe links ab. Es ist dieselbe Linie, mit der ich noch vor einigen Jahren zur Schule gefahren bin. Und rechts, das Kiosk, dort habe ich beim Zivildienst Frau Krolle immer ihre Wochenration Zigaretten geholt.
„Vergiss den Lottoschein nicht!“, das schärfte sie mir jedes Mal ein, bevor ich losging. Warum sie mit ihrem Lungenkrebs noch Lotto spielte, verstand ich damals nicht. Heute schon. Der Bus verschwindet zwischen den Häusern, aber ich sehe ihn trotzdem weiterfahren. Gleich kommt er am Obdachlosenheim vorbei, wo sie alle rumstehen, rumhumpeln, rumschreien, mit Weinflaschen und Bierdosen in der Hand, in abstruseste Altkleiderkombinationen gewandet. Ich stelle mir vor, wie einer zusteigt und den ganzen Bus verpestet mit seinem Auflösungsgeruch. Vielleicht ist es der Aufgedunsene im Trenchcoat mit der Sonnenbrille und der Blindenbinde, der immer bis zum Bahnhof fährt, die Krücke an den Sitz gelehnt. Als Kind hatte ich ein bisschen Angst, wenn ich mit dem Fahrrad durch diese Straße fuhr, aber nach kurzer Zeit wusste ich, dass mir dort nichts passieren wird. Diese Menschen sind nicht böswillig, sie werden nur empfindlich, wenn man ihnen das Wenige, was sie noch haben, streitig machen will. Und was soll ein Kind ihnen schon streitig machen?

Mein Blick schweift wieder nach oben, und zwischen den Dächern kann ich einen der Brückenbögen erkennen, und Häuser, die auf der anderen Seite des Flusses stehen. Ich weiß genau, wo ich mich geografisch befinde, kann zu jeder Ecke im Umkreis von fünf Kilometern etwas sagen, mich umgibt die Kulisse meines ganzen Lebens, mich umgeben Erinnerungen, mich umgeben meine Kindheit und meine Jugend, ich selbst umgebe mich. Und trotzdem kann ich nicht sagen, wo ich gerade bin. Nur eines weiß ich: Ich bin weiter weg von zu Hause als Anne, die mir Emails aus Indien schreibt.

Ich wende mich von dem Fenster und meinem bisherigen Leben ab und trete gegen einen Massageball, spiele ein bisschen mit ihm herum, schaue mir dabei die Gesellschaftsspiele im Regal an. Sie sind verstaubt. Da betritt Jürgen den Raum. Er sieht aus wie jeden Tag: Schwarze Adidas Samba, dunkelblaue Jeans, dunkelgrauer Wollpullover, dazu die Brille mit dem markanten schwarzen Gestell, seine grauen Haare lediglich halbwegs in Form gebracht. Er guckt ernst aus seinen weit auseinanderstehenden, hypnotischen Augen, dann sieht er mich und lächelt. Ich lächle auch.
„Gehen wir gleich einen Kaffee trinken?“, fragt er.
„Können wir machen“, antworte ich.
Mehr sagen wir nicht, denn es ist nicht die Zeit und es ist nicht der Ort, um zu reden. Stattdessen gucken wir uns nur an, so, als würden wir einen Pakt bekräftigen, der sicherstellt, dass auch der andere weiter aufmerksam bleibt für das Geschehen auf diesem fremden Planeten. Wir sammeln Eindrücke. Und gleich, in einer guten halben Stunde, wenn das Essen beendet ist, werden wir diese Eindrücke in unserem Refugium vergleichen. Wir werden die neuen Fundstücke des Anderen kommentieren und uns gegenseitig auf Orte hinweisen, wo es was zu suchen gibt. Aber obwohl wir das fast jeden Tag tun und es zu einem Ritual geworden ist, ist es nicht selbstverständlich, dass dieser Austausch stattfindet. Wir fragen uns stets aufs Neue, höflich und ein wenig schüchtern, ob wir nach dem Mittagessen einen Kaffee trinken gehen sollen, denn hier an diesem Ort ist es eine Frage des Respekts, den anderen nicht für sich zu vereinnahmen. Nie! Das bedeutet auch: Lautet die Antwort einmal „Nein“, sind keine weiteren Worte nötig. Es braucht keine Floskeln, keine Erklärungen, keine Ausreden. Der andere versteht. Ein „Nein“ bedeutet, dass das Kaffeetrinken an diesem Tag nicht stattfinden wird. Mehr bedeutet es nicht. Aber auch nicht weniger. Und das macht es einfach. Vielleicht wird man die Gründe später erfahren, dann kennt man sie, und vielleicht wird man sie nicht erfahren, dann gingen sie einen nichts an. Keinesfalls fragt man „Warum?“, denn so wie ich nicht will, dass Jürgen mich „Warum?“ fragt, so will auch Jürgen nicht, dass ich ihn „Warum?“ frage. Jeder spielt für sich allein, und auch wenn man manchmal ein Doppel bildet, oder sogar ein Team, zählt man am Ende trotzdem nur seine eigenen Punkte zusammen. Jürgen sieht das so und ich sehe das auch so.

Es ist jetzt zwölf und die ersten überqueren die Grenze. Ich höre, wie Stühle gerückt werden, und gehe als Letzter hinüber in die Essecke, um mich auf den nächstbesten freien Platz zu setzen. Ich bin nicht wählerisch, wo ich es esse. Keiner ist hier wählerisch und doch gleicht sich die Sitzordnung Tag für Tag. Die Pfleger merken das gerne an. Wir beginnen uns aufzutun und nachdem jeder die Kombination von Nahrungsmitteln, die ihm der Menüplan vorgibt, auf dem Teller hat, wird es still. Der wehleidige Reiseleiter mit der Tablettensucht streicht sich Paprikapaste auf seinen Vollkornbratling, der Architekt mit dem Bumskopf verschüttet ein Glas Saftgetränk. „Mist!“ Viel mehr passiert nicht. Kommt es am Tisch zu Gesprächen, werden sie meistens von den beiden Pflegern eingeleitet. Und da knapp zwanzig Leute an den Tischen sitzen, bedeutet das: Wenige reden und viele hören zu. Ist man selbst einer der Redenden, kommt man sich vor, als spräche man zur ganzen Gruppe, oder für sie, und das mag man nicht. Darum ist man meistens ruhig, es sei denn man will noch etwas Kartoffelbrei oder eine glänzende Scheibe Schweinebraten vom anderen Tisch. Dann muss man reden. Meistens muss man sogar das Schweigen brechen, das über der ganzen Ecke liegt. Man zerreißt die Stille, indem man urplötzlich einen Vornamen sagt, auch wenn der einer alten Dame gehört, mit der man noch nie geredet hat.
„Jutta!“ – Köpfe heben sich, Augen blicken rüber und die angesprochene Person schreckt auf – „Könntest du mir mal bitte den Kartoffelbrei reichen?“
Die eigene Stimme hört sich verstellt an und hallt nach, sodass man denkt, man hätte viel zu laut gesprochen, und die arme Jutta fühlt sich nun in einer Pflicht – und mit Pflichten ist es hier ja immer heikel. Also wird Jutta ganz nervös und schickt augenblicklich die Schüssel auf den Weg durch die Reihen, mit einer Mine, als ginge es um eine Depesche an den König. Eine Handvoll Leute muss nun das Besteck beiseitelegen und die Schüssel weiterreichen, und all das nur, damit man selbst sich noch zwei Löffel Kartoffelbrei nehmen kann. Manchmal belebt so eine Schüsselsendung schlagartig die ganze Gruppe und plötzlich fragen auch andere nach Schüsseln, oder lassen sich auftun. Wortwechsel entstehen und die Ruhe ist dahin, obwohl man sie mochte. Zwei Löffel Kartoffelbrei haben hier wirklich einen hohen Preis. Aber aufstehen und sich schnell selber nehmen, das ist gänzlich unmöglich, denn jeder Handgriff geschieht unter dem Blick der Pfleger, und sie fordern Kontakte von uns. Würde man aufstehen und sich selbst nachnehmen, würden sie sich eine Notiz machen, und am nächsten Morgen in der großen Runde müsste man sich vor den Ärzten rechtfertigen.
„Warum sind Sie gestern beim Mittagessen aufgestanden, um sich selbst Kartoffelbrei zu nehmen? Wollen Sie den Kontakt zu Ihren Mitpatienten vermeiden?“ Und so weiter.
Will man nicht derjenige sein, der die ganze Gruppe in Unruhe versetzt, bleibt nur eine Möglichkeit übrig: Man muss so lange warten, bis ein anderer öffentlich bekennt, noch Hunger zu haben. Er ist dann derjenige, der die Schüsselrochade in Gang setzt, und man selbst kann sich unbeachtet dranhängen.

Ich verzichte heute auf einen Nachschlag und mische mich auch nicht in die Unterhaltung von einem Pfleger mit einem Patienten an meinem Tisch ein. Nicht nur das Problem mit den vielen Zuhörern hält mich davon ab. Auch die Art und Weise, wie man am Tisch mit den Pflegern spricht, ist mir zuwider, denn man unterhält sich immer mit klar verteilten Rollen. Und alle Themen, die zu diesen Rollen passen, gehören entweder nicht an den Esstisch – oder sie sind belanglos. Auch das Gespräch am Tisch versandet bald wieder, denn der Pfleger stößt das Tor zu seinem privaten Garten, das er selbst zuvor einen Spalt weit geöffnet hatte, indem er etwas zu seinem Musikgeschmack gesagt hatte, jäh wieder zu. Dieser kurze Blick hinter die Hecke reicht, mehr will er uns nicht zeigen. Mich wundert es nicht, wer will schon uns in seinem Garten haben? Wir auf der anderen Seite, wir haben keine Gartentore mehr, bei uns latschen sie alle rein und zertrampeln die Beete. Aber wartet nur, ich bin schon dabei, mich nach einem Hund umzuschauen.

Es ist nun 17 Minuten nach zwölf. Alle Joghurts sind getauscht und gelöffelt und die Absurdität des Mahls wird auf die Spitze getrieben. Um eine weitere Rille in die Struktur des Tages zu gravieren, wird erneut zum Zeitplan gegriffen. Und darauf steht geschrieben: „Ende des Mittagessens: Zwanzig nach zwölf.“ Ein Fußballkader voller Menschen jeden Alters starrt nun schweigend auf leere Teller und ausgekratzte Schüsseln. Der Geruch des Zwiebelbratens liegt noch in der Luft und der Chefarzt schreitend grüßend vorbei. Er ist stets bemüht, wie ein Chefarzt zu wirken, und es gelingt ihm gut. An einem der Tische schaut der große hölzerne Mann mit den kurz geschorenen Haaren und dem roten Gesicht auf seine Armbanduhr. Aber die Zeit ist stehengeblieben. Manche haben ihre Augen geschlossen. Nur die Oberschwester, heute mit am Tisch, wendet ruckartig wie ein Huhn ihren Kopf hin und her und beäugt uns argwöhnisch. Endlich, endlich stützt sich der Mann mit der Armbanduhr schwerfällig auf den Tisch und wuchtet sich langsam hoch. Die Oberschwester fragt überrascht: „Haben wir es schon zwanzig nach?“ und der müde Pinocchio im Herkulesformat sagt artig: „Jo.“ Er trägt seinen Teller zur Spülmaschine und ist damit der erste, der sich in die Ereignislosigkeit des Nachmittags stürzen kann. Nur für die Afrikanerin ist die ganze Zeit hier ein einziger Trip, aber die ist auch nicht mit dabei bei diesen zähflüssigen Mahlzeiten.

Jürgen und ich bleiben sitzen und beobachten, wie es zum Stau in der Küche kommt. Wir sind entspannt, obwohl wir die einzigen sind, die etwas vorhaben. Aber wir haben auch noch gerade so viel Vernunft, um zu erkennen, dass in den neunzig Minuten bis zur Nachmittagsgruppe reichlich Zeit für einen Kaffee ist. Schließlich stehen auch wir auf. Jürgen wirkt zufrieden. Er hebt den Müllbeutel aus dem Eimer und wir gehen vor dem Zimmer der Pfleger in Stellung. Noch ist die Tür offen.
„Sie gehen sicher Kaffeetrinken?“, rät man richtig und lässt uns spüren, dass man unsere Bedürfnisse mittlerweile kennt – so wie man die seines Haustieres kennt: Erst Fresschen, dann Auslauf, und manchmal Streicheleinheiten, „Teamkontakt“ genannt. Wir sagen:
„Jawohl, ungefähr eine dreiviertel Stunde“, denn man will natürlich ganz genau wissen, wann wir zurück sind. Mir ist diese Kontrolle, dieses Bemuttern mittlerweile egal. Noch bin ich zwar ein Kätzchen, dem man die Balkontür aufmachen muss, damit es raus kann, das weiß ich. Aber bald werde ich eine Raubkatze sein, ein Tiger, oder, nein, ein Löwe, ja, ein Löwe, ein König, ein Pascha, bärtig, träge, Respekt einflößend und anmutig. Bin ich eine Katze, dann ist Jürgen ein Fuchs. Zu ihm geht man, wenn man merkt, dass sie einem nichts sagen, und dann sagt er einem was, und man sieht's. Sie fragen ihn fast alle irgendwann irgendwas und er lässt es gütig geschehen wie ein Orakel und zieht leise seine eigenen Schlüsse. Jürgen ist schon lange hier, aber ist keiner von den alten Hasen, die verzweifeln, wenn sie merken, dass sie mittlerweile alte Hasen sind. Sie erkennen nicht, dass sie sich selbst auf die Schlachtbank legen müssen, damit man ihnen das Fell abziehen kann. Nur der Tod führt zur Wiedergeburt als freier Vogel – vielleicht tut er das. Aber sie sträuben sich, wenn sie das gezückte Messer sehen, und bitten und betteln, und manchmal kriegt der Schlachter Mitleid und sie dürfen alte Hasen bleiben, solange sie wollen. Welch ein Elend! Einer auf Entzug schlurft vorbei und beäugt uns sehnsüchtig, weil wir rausdürfen. Er ist ein Goldfisch.

Nach ein paar Minuten auf januarkalten Straßen stehen wir vor der Tür des kleinen Cafés. Ein Pärchen kommt heraus und wir treten ein. Der Mann hinter der Theke begrüßt uns geschäftsmäßig. Er ist im besten Alter, mittelgroß und hat eine Stirnglatze. Sein Resthaar ist schwarz und kurz getrimmt. Er könnte Italiener sein mit seinem dünnen, graumelierten Schnurrbart und dem weißen Hemd, das er jeden Tag trägt. Er nimmt seinen Job ernst, denn es ist sein Laden, vielleicht nicht sein erster, und für ihn heißt es wohl „now or never“. Ich tippe auf „never“, aber bis dahin trinke ich meinen Kaffee gerne bei ihm.
„Zwei Latte?“, fragt er und wir bejahen.
Er weiß, dass wir nicht wegen ihm kommen, sondern wegen des Fensters mit dem Bartisch, an den wir uns nun stellen. Er weiß auch, dass niemand wegen ihm kommt, aber seine Enttäuschung darüber versteckt er gut. Er bringt uns die beiden Gläser und wir schauen aus dem Fenster auf die Großstadtkulisse. Busse und Bahnen kreuzen sich, Autos stoßen ruckartig in den Kreisverkehr vor, Fußgänger latschen ihnen vor die Motorhaube und Radfahrer touchieren fast ihre Türen. Bauarbeiter beackern den Asphalt mit Presslufthämmern und Baggern. In der Ferne sieht man das alte Stadttor. Direkt vor dem Fenster ist ein Zebrastreifen und Grüppchen nach Grüppchen bleibt dort kurz stehen, wie Models am Ende des Laufstegs. Wir sehen den Auftritt von verdreckten Pennern und von karierten Bürohengsten, von rosa Türken und von pausbäckigen Metzgern, von geblendeten Arzthelferinnen und von sympathischen Soldaten. Wir sehen Menschen, die sich freuen, und Menschen, die gehetzt sind, Menschen, die träge wirken, und Menschen, die uns gefallen, wir sehen Menschen mit Hunden und Menschen mit Mützen. Wir sehen Liebe, wir sehen Sorgen, wir sehen Wut und wir sehen Trost. Wir sehen Gedanken, Illusionen, Träume und Schmerz. Und wir sehen den Wienerwald. Wir hören Musik, wir hören Motoren, wir hören Maschinen und wir hören Gehupe. Wir hören Gespräche, Gelächter, Geschrei und Geweine. Wir hören den Barmann kramen und die Kaffeemaschine rumpeln. Wir hören die Tür quietschen und Leute bestellen. Wir hören einander und Jürgen hört auch noch Dinge, die ich nicht höre. Wir riechen den Kaffee, wir riechen Parfüm, wir riechen Zigarettenrauch und wir riechen Kuchenduft. Wir riechen noch nicht den Frühling, aber wir wissen, dass er kommen wird, irgendwann. Und über all das reden wir, hier im Café. Jürgen erzählt mir von seiner Jugend, von Afrika, von seinem Vater, dem Ingenieur, der verunglückte Dammarbeiter verschwinden lassen musste, während die Mutter auf der Terrasse saß und trank. Er erzählt mir von seiner Wohnung in Paris, von den Aktien und den Partys, und natürlich von den Frauen. Er erzählt mir, wie er wochenlang im Puff eingezogen ist, um dort Dinge zu tun, die man nicht erzählen kann. Ich weiß nicht, was er meint, er wird wieder orakelhaft, aber ich verstehe, dass es etwas mit dem Rätsel zu tun hat, das er so angestrengt zu lösen versucht. Alles dreht sich bei ihm um die Frauen, die er magisch anzieht, auch wenn er keine Eins-Siebzig groß ist und ein Bäuchlein hat. Trotz seines Alters verfällt auch er ihnen hoffnungslos. Allein in der Klinik hat er schon drei verschlissen. Ich erzähle ihm von Hemingway, vom kurzen glücklichen Leben des Francis Macomber, und er ist begeistert, will sich das Buch direkt kaufen, so wie er sich Blood Diamond am nächsten Tag direkt noch einmal angesehen hat, weil der Film ihn nicht losließ. Ich erzähle ihm von der schönen Schwester mit der schmalen Nase, den fein gezogenen Lippen und den stechenden Bernsteinaugen, und wie ich ihr am Vortag gegenübersaß. Ich erzähle ihm, wie sie immer die Augen aufreißt, wenn sie mich erreichen, mir etwas vermitteln, mich mit ihren Worten ermutigen will, dabei sind es doch nicht ihre Worte, die meine Seele behandeln. Nein, die Medizin sind ihre gelb-glühenden Wolfsaugen, für die allein ich tausend Jahre weiter leiden würde. Jürgen sagt nicht, dass sie ihn auch so anschaut, dass sie jeden so anschaut, er sagt, ich solle sie später, wenn wir da raus sind, einfach mal zu einem Kaffee einladen, und ich sage „Vielleicht“, auch wenn ich weiß, dass ich das niemals tun würde, denn wenn sie nein sagte, wäre ich enttäuscht, und wenn sie ja sagte, wäre ich noch viel enttäuschter. Denn mit ihr auszugehen hieße, sie später so zu berühren, wie man eine Frau berühren muss, und das würde die zierliche Porzellanstatue zerbrechen. Das will ich nicht. Mir ist es lieber, ihre Augen behalten ihre Tiefe und helfen mir weiterhin dabei, nach dem Essen nicht aufzuspringen wie die anderen, sondern in Ruhe sitzen zu bleiben und zu denken, ich wäre gesegnet. Und wenn es nur für zwei Stunden ist. Ich erzähle Jürgen dann doch von meinen Gedanken, ansatzweise, und er sagt:
„Junge, versuch bloß nicht, die Frauen zu retten.“
Ich sehe seine Stirnfalten und seine kleinen Pupillen und weiß, dass er weiß, wovon er redet.

Es wird Zeit zurückzugehen und wir laufen schweigend nebeneinander her durch ein Leben, das nicht mehr unseres ist. Und vielleicht wird es auch nie mehr unseres sein. Oben im Flur wirkt Jürgen plötzlich abwesend. Er sagt, dass er sich noch kurz hinlegen müsse, und geht dann sofort mit kleinen Schritten zu seinem Zimmer. Ich schlendere wieder zum Aufenthaltsraum. Vielleicht sitzt ja wieder das Mädchen auf dem Sofa und vielleicht beachtet es mich dieses Mal. Ich spüre, wie mein Bauch drückt. Später werde ich auch noch den Kartoffelbrei loswerden müssen.

 
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Hallo @Henry K. ,

ich finde deine Geschichte gut geschrieben, du schilderst den Alltag des Protagonisten und seine Umgebung sehr anschaulich und detailliert.

Es ist ja nicht immer einfach zu beschreiben, warum ein gut formulierter Text trotzdem nicht so richtig zündet, aber hierbei ist es mir irgendwie ... zu viel Einblick in diesen Mikrokosmos und zu wenig Entwicklung bei Personen und Handlung. Ich finde einfach inhaltlich kaum etwas, das mich neugierig macht, wie es denn nun weitergeht.

Da fehlt also m.E. eine Handlungsidee, ein roter Faden, der den Leser mitzieht. Aber ich kann auch gut verstehen, wenn die Geschichte für Leser genau in dieser Form interessant ist: Ein Einblick in diese Welt, den jeder selbst bewerten kann.

Soweit ein kurzes Feedback, viele Grüße,
Rob

 
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Hallo @Rob F,

vielen Dank für dein Feedback. Dass man Handlung vermisst, habe ich schon erwartet. Hier wird ja im Grunde nur zu Mittag gegessen und ein Kaffee getrunken, das ist jetzt nicht wirklich mitreißend 😄

Aber, du schreibst es schon (zwischen den Zeilen), natürlich geht es hier auch nicht spannende Wendepunkte oder eine größere Entwicklung der Figuren. Im Gegenteil: Es soll geradezu Ereignislosogkeit geschildert und in einen ungewöhnlichen, aber stillstehenden Alltag hineingezoomt werden.

Insgesamt bin ich derzeit mehr auf der Suche nach einer Sprache als nach Plots, darum freut es mich immer schon mal sehr, wenn diesbezüglich nicht allzu viel Kritik aufläuft oder sogar Lob kommt wie von dir. Danke dafür.

Aber: Meine nächste Story wird plotlasig(er) - versprochen. Sie habe ich allein vom Plot her gedacht und weitestgehend auch schon geschrieben - bin so gespannt, wie das funktionieren wird.

Ich hoffe, deine Lesezeit war nicht ganz verschwendet und sage mal: Bis bald!

VG, HK

 
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Servus @Henry K.,

Ehrliches Feedback: Mir fehlt ganz, ganz stark ein roter Faden. Der Text schlendert von einer Szenerie in die nächste. Nicht jeder Text muss ein Offenbarungstext der Hauptfigur sein, aber hier geht es, das muss ich so ehrlich sagen, zu sehr um nichts. Was schade ist, weil die Figuren und Konflikte durchaus das Potential bieten könnten. Es gibt Texte, die gehen vermeintlich um nichts, da schlendert der Prot von hier nach da und sie funktionieren. Ich sage, weil sie in Wirklichkeit schon um etwas gehen. Nimm Oh Boy oder In Plüschgewittern - als Zuschauer spürt man etwas im Untergrund brodeln, da ist Konflikt, den man wittert und der einen an der Stange hält.
In der Form gefällt mir der Text leider nicht. Verzeih mir die ehrlichen und harten Worte. Die Sprache ist gut und lesbar. Aber Sprache, die nicht in Form einer Story gebracht ist, ist wie Farbe, die nicht mit dem Pinsel auf der Leinwand zu einem Gemälde "angeordnet" wurde, sondern ausgekippt und formlos über der Leinwand gelaufen ist. So weit meine Metapher nachdem ich mir hier einen in die Krone gegossen habe. :D
Zu viele Figuren tauchen aus dem Nichts aus und verschwinden wieder, ohne dass sie für den Prot eine wirkliche Rolle spielen oder ihn auf irgendeine Art geprägt hätten. Ich schätze, das sind knapp 20 Figuren, die hier am Rande auftauchen, ich hab nicht mitgezählt. Auch der Prot verändert sich nicht, nur das Ende lässt kurz einen eigentlichen, ich möchte sagen: den eigentlichen Text durchscheinen. Und zwar als er über die Frau nachdenkt und ob er sie nach einem Date fragen sollte. Da kommt eine Traurigkeit und Depression zum Vorschein, die innerer Konflikt ist, da geht es plötzlich um etwas. Da zeigt sich dein Prot, wie er wirklich ist, davor hat er sich den kompletten Text hinter zynischen Beobachtungen versteckt.

Also mir fehlt hier ganz stark die erzählerische Form, namentlich ein sich durch den Text ziehender innerer oder äußerer Konflikt, im besten Fall natürlich beides. Wieso geht es ihm so schlecht? Solche inneren Konflikte zeigen und entladen sich doch immer in der Begegnung mit anderen, sei es durch Projektionen, Aggressionen, Verlieben o.a. Aber in den Begegnungen, die dein Prot gerade macht, wehrt er sich lediglich dagegen, seinen inneren Konflikt zu spüren: durch Zynismus und Abwertung der Personen, die er sieht.
Ich meine das nicht persönlich. Ich schreibe dir das auch, weil ich Potential in dir als Autor sehe und sehe, dass du Talent und Bock hast, aber der Text für mich in die falsche Richtung geht und ich das nicht bestärken, sondern entgegenwirken möchte. Ich bin gespannt auf deine Nächste, du schreibst, da arbeitest du mehr mit Plot. Das werde ich mir gern wieder anschauen. Sujet, Figuren gefallen mir grundsätzlich. Aber in der Form ist das leider nichts für mich. Zu 90% wegen der Formlosigkeit und dem fehlenden roten Faden, zu 10%, weil ich als Leser nicht an deinen Prot herankomme.

Alles natürlich nur meine persönliche Sichtweise.

Viele Grüße
zigga

 
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Hallo @zigga,

vielen Dank für deinen Kommentar. Ich stelle langsam ein Muster bei den Kommentaren zu meinen Texten fest - fast immer war das, was von Leserseite kritisiert wird, Absicht, sprich die Kritikpunkte beziehen sich auf Textelemente, um die es mir beim Schreiben gerade ging. Das finde ich sehr interessant.

Im hier vorliegenden Fall könnte ich alle deine Kritikpunkte nehmen und daraus eine (in meinen Augen) positive Kritik schreiben (was ich aber mal unterlasse ;-) Ich muss gestehen, das macht es für mich extrem schwer, Kritiken wie deine für mich einzuordnen. Sehr hilfreich sind sie natürlich trotzdem, da sie mir quasi die Aussensicht auf meine Texte zeigen und ich daraus lerne, was man von Texten erwartet oder sich von ihnen wünscht.

Hier einige genaue Repliken:

Servus @Henry K.,

Ehrliches Feedback: Mir fehlt ganz, ganz stark ein roter Faden. Der Text schlendert von einer Szenerie in die nächste. Nicht jeder Text muss ein Offenbarungstext der Hauptfigur sein, aber hier geht es, das muss ich so ehrlich sagen, zu sehr um nichts. Was schade ist, weil die Figuren und Konflikte durchaus das Potential bieten könnten. Es gibt Texte, die gehen vermeintlich um nichts, da schlendert der Prot von hier nach da und sie funktionieren. Ich sage, weil sie in Wirklichkeit schon um etwas gehen. Nimm Oh Boy oder In Plüschgewittern - als Zuschauer spürt man etwas im Untergrund brodeln, da ist Konflikt, den man wittert und der einen an der Stange hält.
In der Form gefällt mir der Text leider nicht. Verzeih mir die ehrlichen und harten Worte. Die Sprache ist gut und lesbar. Aber Sprache, die nicht in Form einer Story gebracht ist, ist wie Farbe, die nicht mit dem Pinsel auf der Leinwand zu einem Gemälde "angeordnet" wurde, sondern ausgekippt und formlos über der Leinwand gelaufen ist. So weit meine Metapher nachdem ich mir hier einen in die Krone gegossen habe. :D


Also mit dieser Anmerkung habe ich direkt mehrere Schwierigkeiten. Erstens beträgt die erzählte Zeit nur ca. 1,5 Stunden. Zoomt man nicht gerade in eine Art Extremsituation hinein, ereignet sich in so einer kurzen Zeit einfach nichts, was man mit einem "roten Faden" durchziehen müsste - es sei denn, man arbeitet mit Rückblenden oder Vorausdeutungen, was ich in noch stärkerer Form als jetzt nicht wollte. Der rote Faden ist die Zeit, die Chronologie der Ereignisse, die vorbeiziehen. Es geht hier also um banalsten Alltag. Zweitens ist der Protagonist ja in einer Klinik, sprich in einer Krisensituation. In solchen Situationen fehlt gerade der rote Faden, die Orientierung, das soll der Text spiegeln. Es wäre geradezu absurd, eine Figur in einer Psychiatrie sehr konsistent und geplant handeln zu lassen. Drittens - und das ist eine grundsätzliche Sache, darum wurden der rote Faden bzw. "Handlung" in all meinen Texten vermisst bislang - erlebe ich selbst einfach sehr selten rote Fäden im echten Leben. Und ich möchte beim Schreiben schon stark mein eigenes Lebensgefühl ausdrücken. Darum fühlt es sich für mich immer fast schon nach Vergewaltigung der Dinge an, wenn ich in Texte "Handlung" hineinbringe. Ich habe da wirklich starke Widerstände in mir.

Dass dir ein unterschwelliger Konflikt beim Protagonisten fehlt, das kann ich nachvollziehen. Ich wollte ihn weit zurücknehmen und die Beobachtungen und Gedanken zu Äusserlichkeiten für sich sprechen lassen. Die Figur Jürgen, aber auch das allgemeine Verhalten der Leute sollten andeuten, wie sich die Menschen in dieser Situation fühlen und was sie dorthin geführt hat. Auch die knappen Rückblenden sollten da einzahlen. Vielleicht war das zu optimistisch.

Zu viele Figuren tauchen aus dem Nichts aus und verschwinden wieder, ohne dass sie für den Prot eine wirkliche Rolle spielen oder ihn auf irgendeine Art geprägt hätten. Ich schätze, das sind knapp 20 Figuren, die hier am Rande auftauchen, ich hab nicht mitgezählt.

Die Figurenfülle ist vollste Absicht, ja einer der Hauptpunkte gewesen, um die es mir ging - genauso wie die, du nennst sie "zynische", ich eher "reflektierte" oder "sezierende" Erzählerfigur.

Unter einer anderen Story von mir hatte @Novak Folgendes kommentiert und ich hatte geantwortet:

So glotzt man als Leser auf deine Charaktere wie auf ein Terrarium mit merkwürdigen Wesen. Will man das?

Das ist so gut! Die Story, die ich gerade überarbeite und die ungefähr in derselben Zeit spielt, heisst "Das Terrarium". Also muss ich sagen: Ja, das will/wollte ich wohl tatsächlich so haben. Ob das in Hinblick auf die Leserschaft eine kluge Entscheidung ist, ist eine andere Frage ;-)

Nun, das hier ist die Story, die ursprünglich "Das Terrarium" hiess. Ich wollte eine Art Zoo zeichnen, vielleicht sogar ein Panoptikum, jedenfalls eine Szene, die vor eigenartigen Charakteren und Figuren wimmelt.

Dass sie auftauchen und wieder verschwinden ist ebenfalls Teil der Erlebniswelt Klinik: Leute kommen und gehen - oft ganz plötzlich. Man entwickelt kaum persönliche Bindung, obwohl man sehr vieles in sehr kurzer Zeit über die Leute erfährt. Und wenn es nur die eigenen Schlüsse sind, die man aufgrund von Beobachtungen macht. Für diese Beobachtungen hat man aber unendlich viel Zeit und sie sind geradezu Haupttagwerk. Darum finde ich, passt das eben zum Thema der Story.

Auch der Prot verändert sich nicht, nur das Ende lässt kurz einen eigentlichen, ich möchte sagen: den eigentlichen Text durchscheinen. Und zwar als er über die Frau nachdenkt und ob er sie nach einem Date fragen sollte. Da kommt eine Traurigkeit und Depression zum Vorschein, die innerer Konflikt ist, da geht es plötzlich um etwas. Da zeigt sich dein Prot, wie er wirklich ist, davor hat er sich den kompletten Text hinter zynischen Beobachtungen versteckt.

Hier gebe ich dir völlig recht: Der Prot und seine Konflikte klingen nur an und stehen nicht im Vordergrund. Ich habe tatsächlich das grössere Plot-Potenzial von ihm und dem Konflikt mit dem Mädchen - nicht der Bernsteinfrau - bereits erkannt und angefangen, da ein "Spin-off" vorzubereiten ;-)

Trotzdem stehe ich dazu, wie und was hier erzählt wird. Wieso sollte der Erzähler nicht "wirklich" zynisch (geworden) sein? Der Text übt für mich auch starke Systemkritik und das findet gerade im Zynismus bzw. Spott seinen Ausdruck.

Bei der mangelnden Veränderung des Prots muss man denn auch die erzählte Zeit mitbedenken, finde ich. Wie stark verändert man sich denn Dienstags zwischen 11:30 und 13:00 Uhr? :-D

Also mir fehlt hier ganz stark die erzählerische Form, namentlich ein sich durch den Text ziehender innerer oder äußerer Konflikt, im besten Fall natürlich beides. Wieso geht es ihm so schlecht? Solche inneren Konflikte zeigen und entladen sich doch immer in der Begegnung mit anderen, sei es durch Projektionen, Aggressionen, Verlieben o.a. Aber in den Begegnungen, die dein Prot gerade macht, wehrt er sich lediglich dagegen, seinen inneren Konflikt zu spüren: durch Zynismus und Abwertung der Personen, die er sieht.

Nur mal angenommen, der Prot wäre nicht "wirklich" zynisch - "Zynismus" hat übrigens mal jemand sehr treffend als "enttäuschten Moralismus" bezeichnet -, und er versteckt sich nur dahinter: Warum soll er nicht an einer Stelle in seinem Leben stehen, wo er das nicht erkennt? Und warum muss der Text das alles einordnen oder gar auflösen? Das meinte ich oben: Du als Leser hast das alles doch scheinbar aus dem Text herausgelesen - warum fehlt da was? Warum kann dort nicht der Punkt gesetzt werden? Ich wehre mich irgendwie dagegen, Texte in eine Art "Standardform" von Konflikten, Entwicklungen, Wende- und Höhepunkten zu bringen, vor allem, wenn die Kernaussage, die ich machen wollte, vom Leser offensichtlich erkannt wird.

Ich meine das nicht persönlich. Ich schreibe dir das auch, weil ich Potential in dir als Autor sehe und sehe, dass du Talent und Bock hast, aber der Text für mich in die falsche Richtung geht und ich das nicht bestärken, sondern entgegenwirken möchte. Ich bin gespannt auf deine Nächste, du schreibst, da arbeitest du mehr mit Plot. Das werde ich mir gern wieder anschauen. Sujet, Figuren gefallen mir grundsätzlich. Aber in der Form ist das leider nichts für mich. Zu 90% wegen der Formlosigkeit und dem fehlenden roten Faden, zu 10%, weil ich als Leser nicht an deinen Prot herankomme.

Ja, ich bin auch sehr gespannt. Ich habe da beim Schreiben gerade ehrlich gesagt das Gefühl massloser Übertreibungen und geradezu unerhörter Herumwerkelei am "echten Leben". Aber kurioserweise hatte ich das Gefühl in der Vergangenheit auch schon das eine oder andere Mal und diese Passagen fanden dann den grössten Anklang :D

Wie dem auch sei - vielen Dank für deine Zeit und dein sehr hilfreiches Feedback.

VG, HK

 
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@Henry K. Ich hatte den Text schon vor Tagen zu lesen begonnen, abgebrochen, jetzt wieder angefangen und diesmal zuende.

Die Art Text ist nicht mein Hauptinteresse; ob das nun schon eine KG ist - es stimmt ja, eine "Story" im Sinne irgendeiner Entwicklung von Figur oder Handlung ist kaum auffindbar - will ich nicht entscheiden. Ich kann nur sagen, ich hatte die von meinen Vorkritikern genannten Probleme beim Lesen nicht. Es fehlte mir weder der rote Faden noch die Handlung noch war's mir übel, dass so viele Leute auf- und wieder wegtauchen. Ich finde den Text gelungen, wie bei einer Bahnfahrt steigen Leute aus und ein, man berührt sich kurz, es ist klar, es gibt nur Momente - keine langen Bindungen - und doch ist das alles wertvoll, spielt Empathie und Anteilnahme eine Rolle. Ein fein beobachtetes Kaleidoskop eben, mit vielen schönen "Augenblicken"; die Atmosphäre des Klinikmiteinanders ist zu spüren; daher fand ich es auch nicht langweilig, das zu lesen, trotz dem Spannungsbogen, 'Entwicklung' sowie Konflikt hier fehlen. Nur, länger hätt es dann nicht werden dürfen - vielleicht wär sogar noch kürzen drin - sonst trägt es nicht mehr. Irgendwann braucht es dann schon eine Figur oder eine Geschichte (am Besten beides), die in den Mittelpunkt kommt. Ein Text mit vielen sehr guten Stellen, daher geht das so auf diese Weise.

Stattdessen gucken wir uns nur an, so, als würden wir einen Pakt bekräftigen, der sicherstellt, dass auch der andere weiter aufmerksam bleibt für das Geschehen auf diesem fremden Planeten.
Das ist eine der Stellen, fein beschrieben. Bei gucken weiß ich nicht -> kucken oder schauen?

Keinesfalls fragt man „Warum?“, denn so wie ich nicht will, dass Jürgen mich „Warum?“ fragt, so will auch Jürgen nicht, dass ich ihn „Warum?“ frage
Auch hier, schön beschrieben.

Denn mit ihr auszugehen hieße, sie später so zu berühren, wie man eine Frau berühren muss, und das würde die zierliche Porzellanstatue zerbrechen. Das will ich nicht. Mir ist es lieber, ihre Augen behalten ihre Tiefe und helfen mir weiterhin dabei, nach dem Essen nicht aufzuspringen wie die anderen, sondern in Ruhe sitzen zu bleiben und zu denken, ich wäre gesegnet. Und wenn es nur für zwei Stunden ist. Ich erzähle Jürgen dann doch von meinen Gedanken, ansatzweise, und er sagt:
„Junge, versuch bloß nicht, die Frauen zu retten.“
Schön; Beispiel für authentisch wirkende Szene, ein Aufriss, keine Interpretation, stehen gelassen. Gefällt mir.

und wir laufen schweigend nebeneinander her durch ein Leben, das nicht mehr unseres ist. Und vielleicht wird es auch nie mehr unseres sein.
Schön beschrieben. Ist "innere Welt".

Sprachlich gefällt mir das alles sowieso gut. Gratuliere!

Gruß

 
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Servus,

Also mit dieser Anmerkung habe ich direkt mehrere Schwierigkeiten. Erstens beträgt die erzählte Zeit nur ca. 1,5 Stunden. Zoomt man nicht gerade in eine Art Extremsituation hinein, ereignet sich in so einer kurzen Zeit einfach nichts, was man mit einem "roten Faden" durchziehen müsste
Aber das ist doch kein Argument, Henry. Wenn die 1,5h ereignislos verstreichen würden, würden sie nicht für einen literarischen Text nützen. Es gibt ja genug Beispiele, was alles in 1,5h für wichtige Dinge passieren können in Literatur/Film. Es muss auch im Außen nichts Dramatisches passieren, wenn in der Innenwelt deines Prots wichtige Dinge passieren. Aber das findet hier, meiner Lesweise nach, ebenfalls nicht statt. Ich stimme da nicht überein.

Der rote Faden ist die Zeit, die Chronologie der Ereignisse, die vorbeiziehen.
Da machst du es dir ein wenig zu einfach. Der rote Faden ist die Chronologie der Ereignisse, die vorbeiziehen? Da könnte im Grunde alles als roter Faden verkauft werden. Die einzelnen Elemente müssen für mich schon irgendeine Art von Zusammenhang aufweisen, damit man das als roten Faden als Leser spüren kann

Es geht hier also um banalsten Alltag.
Frage: Eignet sich das für Literatur im weitesten Sinne? Ich sage: nein. In der Form nicht. Außer, du verknüpfst die einzelnen Elemente mit etwas Verbindendem. Hier sind die Elemente zu losgelöst voneinander, zu beliebig, sie sagen mir als Leser nichts über den Prot und sind damit redundant

Zweitens ist der Protagonist ja in einer Klinik, sprich in einer Krisensituation.
Richtig! Das habe ich auch nicht angeprangert. Das ist ein Teil, von dem ich meinte, da könntest du doch was draus machen. Das ist ein Setting, von dem du authentisch erzählen kannst, das hast du hier ja bewiesen, aber in jetziger Form weist der Text keinen roten Faden auf, ich bleibe dabei. Ein roter Faden bedeutet auch nicht 08/15-Erzählung nach Baukastenprinzip, das kann alles sein, die Form ist offen und ich mag selbst keine 08/15-Teile, aber du solltest dich darauf konzentrieren - meinem Verständnis nach -, was du erzählen möchtest. Und wenn der Punkt ist, den Prot vorzustellen und ihn zu zeigen, ist das mehr als genug roter Faden. Aber das ist im vorliegenden Text aktuell nicht der Fall, weil der Prot bis auf das Ende nichts von sich preisgibt, nur zynische Kommentare und Beobachtungen macht und von sich gibt. Nee, ich stimme nicht zu

In solchen Situationen fehlt gerade der rote Faden, die Orientierung, das soll der Text spiegeln.
Und was ist der Zweck dessen? Man kann Orientirungslosigkeit in einer Story zeigen, natürlich, das wurde ja auch schon oft in Story/Film getan, das ist auch sau spannend. Aber doch nicht, indem du den Text vor sich hin plätschern und ziellos sein lässt. Du kannst wieder Oh Boy nehmen, das kennt man, denke ich, da wird auch mit Ziellosigkeit gespielt. Und dort ist es extrem spannend, weil die einzelnen Elemente der Erzählung mit einem Grundkonflikt verknüpft sind und man den Erzähler von Szene zu Szene besser kennen lernt, er sich dem Zuschauer gegenüber immer weiter öffnet. Dein Prot bleibt hier verschlossen, von Szene zu Szene gleich viel, bis zur Endszene, wo er sich ein wenig öffnet, aber meinem Empfinden nach auch nicht genug, v.a. nicht genug für die komplette Story.

Es wäre geradezu absurd, eine Figur in einer Psychiatrie sehr konsistent und geplant handeln zu lassen.
Das habe ich auch nicht verlangt. Es gibt nicht darum, wie sich die Figur in der totalen Zeit verhält, sondern wie du als Erzähler sie dem Leser zeigst, welche Ausschnitte aus ihrem Alltag und Leben du dem Leser geordnet rüber gibst. Nimm Berlin Calling. Da ist er auch in einer Psychiatrie. Wird dort gezeigt, wie er eine Person nach der anderen beobachtet? Ah, hier der Metzger! Und der möchte den Kartofflebrei. Und der hier einen Kaffee trinken gehen. Nee, da werden auch Szenen genommen, die auch den Alltag beschreiben, das ist ja wichtig, aber die werden knapp gehalten und so miteinander verbunden, dass in der gesehenen Zeit des Zuschauers immer wieder interessante Dinge passieren, in denen sie den Prot besser kennenlernen und in dem die Handlung und die Konflikte der Erzählung vorangetrieben werden.

Drittens - und das ist eine grundsätzliche Sache, darum wurden der rote Faden bzw. "Handlung" in all meinen Texten vermisst bislang - erlebe ich selbst einfach sehr selten rote Fäden im echten Leben.
Das ist kein Argument. Das echte Leben ist keine Literatur, my friend. Würde man das "echte Leben" so verfilmen, wie jedermann es kennt, wäre es extrem langweilig und banal, bei Osama bin Ladin genauso wie bei dir und bei mir. Eine Erzählung will etwas über das echte Leben aussagen und es zeigen, aber es ist immer spannender als das echte Leben und sei es, weil die wichtigen und außergewöhnlichen Situationen der Protagonisten zusammengestellt und von einer äußeren Kraft - dem Regisseur oder Autor - angeordnet werden

Und ich möchte beim Schreiben schon stark mein eigenes Lebensgefühl ausdrücken.
Das kannst du ja auch und solltest du. Dagegen sage ich absolut nichts, versteh mich nicht falsch. Es ist immer wieder extrem spannend, wie Leute ihr Lebensgefühl in Text ausdrücken, in fremde Welten hinein schauen lassen. ABER! :D Das alles in einem Rahmen, der konsumierbar für den Leser ist sollte meiner Meinung nach weit oben auf der Liste stehen. Man soll sich nicht verbiegen und nicht vollkommen nach Baukasten erzählen, aber gewisse erzählerische Tricks und Kniffs sind doch kein Verbrechen an der Wirklichkeit. Das hier, was ich aufreiße, ist eine technische Frage: Wie baut man eine gute, lesenswerte Erzählung auf? Erzählung ist dabei ein offener Begriff für mich, du kannst auch einen avantgardistischen Ich-Erzähler in neuerfundener Sprache oder sonst etwas erzählen lassen. Aber es muss doch Zug haben und um etwas gehen, ansonsten springen dir die Leser reihenweise ab.

Darum fühlt es sich für mich immer fast schon nach Vergewaltigung der Dinge an, wenn ich in Texte "Handlung" hineinbringe. Ich habe da wirklich starke Widerstände in mir.
Du hast die Dinge hier bereits in eine Handlung gebracht. Der Prot macht dies, dann das. Du hast deine Welt, wie du sie wahrnimmst, auch bereits literarisiert und somit zu großen Teilen fiktionalisiert. Die "echte Welt" wirst du nie in Text gegossen bekommen. Das ist unmöglich. All die Gedanken, Querverweise im Hirn, Wahrnehmungen. Ein geschriebener Text ist immer ein Destillat und eine Fiktionalisierung. Man kann die Fiktionalisierung aber so ausrichten, dass sie das eigene Lebensgefühl oder der eigenen Vorstellung, wie die Welt deiner Figuren aussehen soll, am größtmöglichen ausdrückt. Hiergegen sag ich absolut nichts! Versteh das nicht falsch. Ich begrüße das und habe Bock drauf, das zu lesen und wie du die Welt siehst und wahrnimmst. Von dem Ideal solltest du nicht abkommen. Aber, nachdem Texte sowieso immer fiktionalisiert und künstlich sind, solltest du - und das ist mein Punkt - diesen Umstand annehmen, und mit dem Werkzeug des Storytelling wenigstens (!) einen roten Faden einfügen. Das ist für mich das mindeste. Hier in dem Text wäre das für mich, dass du die Figuren, die er begegnet, durchgehen würdest und dir überlegen würdest, was hat wirklich Bedeutung. Wie kann ich die Depression und Hilflosigkeit des Prots zeigen? Klar gern auch den Zynismus, aber nicht über 98% des Textes, das ist, als ob du eine Geschichte über einen Krebskranken in einem Krankenhaus spielen lässt, und 98% der Zeit beschwert er sich über das Essen. Das mag in einer Szene gut funktionieren und den Prot beschreiben, aber so ausgedehnt verliert man als Leser das Interesse, weil man eigentlich wissen will: WIE VERDAMMT GEHST DU MIT DEINER KREBSERKRANKUNG UM? :D
Hier ist das bei mir dasselbe! WIE VERDAMMT GEHST DU MIT DEINER DEPRESSION UM? WARUM BIST DU SO? WAS MACHT DAS MIT DIR?
Stattdessen wird mir vom Metzger erzählt, wie Stühle gerückt werden,
der Architekt mit dem Bumskopf verschüttet ein Glas Saftgetränk. „Mist!“ Viel mehr passiert nicht.

Die Figur Jürgen, aber auch das allgemeine Verhalten der Leute sollten andeuten, wie sich die Menschen in dieser Situation fühlen und was sie dorthin geführt hat.
Das ist kein Bashing meinerseits, ich möchte dir nur meine Punkte deutlicher machen, weil ich das Gefühl habe, sie sind nicht richtig rübergekommen, wie ich sie meinte.
Hier: Für mich ist nicht rübergekommen, wie Jürger oder andere sich dort fühlen, nimm es mir nicht übel. Ich sehe, wie sie sich bewegen, aber ich spüre das Leid der Leute und die Depressionen und Ängste nicht. Hier würde ich gerne mehr über die Leute wissen, was sagen, denken sie? Weinen sie, wenn sie über diverse Dinge sprechen?Zeige mir die Traurigkeit, erzähle mir, wer sie sind, anstatt sie mir nur in banalen Situationen, wie sie Stühle verrücken oder Essen weitergeben, zu zeigen.

Ich wollte eine Art Zoo zeichnen, vielleicht sogar ein Panoptikum, jedenfalls eine Szene, die vor eigenartigen Charakteren und Figuren wimmelt.
Und für welchen Zweck?
Erstens sind die Figuren, die auftauchen, nicht greifbar für mich. Ich habe als Leser nicht das Gefühl, sie kennengelernt zu haben. Dafür tauchen sie viel zu schnell auf und ich erfahre nichts Wesentliches über sie. Wer sind sie? Weswegen sind sie depressiv? Ist eine Frau dabei, die ihr Kind hat sterben sehen? Oder ein Mann, der auch Oxys seine Frau verprügelt hat und das bereut? Ich war mal auf einer Art Anti-Aggressionstraining, da war ein Mann mit chronischen Rückenschmerzen, der von seinem Vater als Junge immer verprügelt wurde. Wenn er draußen auf der Straße bis zu einem gewissen Punkt gereizt wurde, ging ein Schalter bei ihm um und er hat die Leute richtig heftig kaputt geschlagen. Deswegen war er da. Wir saßen in einem Halbkreis und er stand mit dem Therapeuten vorne. Der Therapeut mit einem Boxsack in der Hand. Der Therapeut hat den Kerl so sehr - mit Ansage - gereizt und beleidigt, dass der Kerl wirklich umgekippt ist und das Teil heftig bearbeitet hat. Er wollte ihn zu dem Punkt bringen, an dem er die Kontrolle verliert, damit er lernt, damit umzugehen. Ich finde, wenn man so etwas sieht und auch als Leser in einer Story sieht, lernt man Menschen kennen. Wenn man wirklich ihr Leid sieht und ihre Probleme und die Hintergrundgeschichte hört. Ich hätte den Gewalttyp jetzt auch lediglich beschreiben können, wie er mir am morgen am anderen Ende des Tisches gegenüber gesessen hat und dass er irgendwie einen Buckel hatte und ständig Tischtennis spielen wollte. In welcher der beiden Beschreibungen bekommst du ein besseres, echteres Bild von ihm?

Hier gebe ich dir völlig recht: Der Prot und seine Konflikte klingen nur an und stehen nicht im Vordergrund. Ich habe tatsächlich das grössere Plot-Potenzial von ihm und dem Konflikt mit dem Mädchen - nicht der Bernsteinfrau - bereits erkannt und angefangen, da ein "Spin-off" vorzubereiten ;-)
Geil, bin gespannt

Der Text übt für mich auch starke Systemkritik und das findet gerade im Zynismus bzw. Spott seinen Ausdruck.
Starke Systemkritik durch den Zynismus und Spott deines Prots. Sorry, das sehe ich nicht und habe ich beim Lesen nicht gespürt. Das ist zu abstrakt. Er kritisiert ja auch nicht das System Psychiatrie oder Gesellschaft mit seinem Zynismus, es geht gegen einzelne, random Leute. Nee, das sehe ich nicht

Nur mal angenommen, der Prot wäre nicht "wirklich" zynisch - "Zynismus" hat übrigens mal jemand sehr treffend als "enttäuschten Moralismus" bezeichnet -, und er versteckt sich nur dahinter: Warum soll er nicht an einer Stelle in seinem Leben stehen, wo er das nicht erkennt?
Aber wir als Leser/Zuschauer müssen das erkennen. Ansonsten bleibt es auf der banalen Ebene. Es gibt eine ganze Reihe an zynischer Figuren in Erzählungen. Nehmen wir mal Frank in Pusher (1996). Er ist auch zynisch und noch abgebrühter als dein Prot, aber als Zuschauer erkennt man auch das Leid und die Einsamkeit und Trostlosigkeit dahinter. Es bleibt nie nur bei reinem Zynismus. Man versteht, was sich dahinter verbirgt, und zwar immer eine Enttäuschung? Die Enttäuschung muss man aber in der einzelnen Erzählung, in der man sich als Leser gerade befindet, mitbekommen und spüren. Das als Leser selbst reinzubringen ist zu viel verlangt und viel zu spekulativ, das muss mir der Autor schon zeigen, er muss die Arbeit machen

Das meinte ich oben: Du als Leser hast das alles doch scheinbar aus dem Text herausgelesen - warum fehlt da was?
Nein, ich hab das hinein spekuliert, wie gesagt, du als Autor müsstest das erkennbarer gestalten, dahingehend bist du in der Pflicht, das vorzubereiten und aufzubereiten; hier empfinde ich meine Punkte als so spekulativ, dass ich nicht das Gefühl habe, jemand zeigt mir eine Welt, die ich zurückliegend entdecken darf, sondern ich muss herumdenken und mir dann die eigentliche Geschichte im Kopf selbst zusammenbasteln. So sollte es nicht sein.

Ich wehre mich irgendwie dagegen, Texte in eine Art "Standardform" von Konflikten, Entwicklungen, Wende- und Höhepunkten zu bringen, vor allem, wenn die Kernaussage, die ich machen wollte, vom Leser offensichtlich erkannt wird.
Das habe ich auch nie verlangt, dass es in einer Standartform stattfinden soll. Du kannst aber nicht jeglichen Konflikt, jeglichen roten Faden aus einem Text schmeißen und erwarten, dass das sehr gut funktioniert! Die Kernaussage habe ich spekulativ zusammengeschustert im Rahmen eines Kommentars, als privater Leser wäre ich früh ausgestiegen im Text, nimm es mir nicht übel. Ich sag das nur als ehrliches Feedback. Mir diese Dinge selbst zu erdenken ist nicht meine Aufgabe als Leser, das muss schon in einer befriedigenden Dosis vom Text kommen. Klar, wenn ein Text richtig fett ist und ich mir danach noch Sachen und Theorien dazu denke, ist das doch geil. Aber der Text muss mir schon was liefern, eine Grundsubstanz, auf der ich aufbauen und weitermachen kann.

Viele Grüße
zigga

 
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@zigga

Hallo noch mal. Ich glaube, wir haben einfach sehr verschiedene Erwartungen an Texte und Literatur, deshalb will ich deinen erneuten Kommentar, für den ich mich natürlich bedanke, grösstenteils einfach so stehen lassen, wie er ist. Aber ein paar Gegenantworten möchte ich trotzdem noch geben:

Also mit dieser Anmerkung habe ich direkt mehrere Schwierigkeiten. Erstens beträgt die erzählte Zeit nur ca. 1,5 Stunden. Zoomt man nicht gerade in eine Art Extremsituation hinein, ereignet sich in so einer kurzen Zeit einfach nichts, was man mit einem "roten Faden" durchziehen müsste
Aber das ist doch kein Argument, Henry. Wenn die 1,5h ereignislos verstreichen würden, würden sie nicht für einen literarischen Text nützen. Es gibt ja genug Beispiele, was alles in 1,5h für wichtige Dinge passieren können in Literatur/Film. Es muss auch im Außen nichts Dramatisches passieren, wenn in der Innenwelt deines Prots wichtige Dinge passieren. Aber das findet hier, meiner Lesweise nach, ebenfalls nicht statt. Ich stimme da nicht überein.

Nun, um es einfach abschliessend noch einmal auszusprechen: Der Prot soll keine Entwicklung durchmachen - er soll sich ein paar Szenen anschauen und sie beschreiben. Mehr nicht.

Der rote Faden ist die Zeit, die Chronologie der Ereignisse, die vorbeiziehen.
Da machst du es dir ein wenig zu einfach. Der rote Faden ist die Chronologie der Ereignisse, die vorbeiziehen? Da könnte im Grunde alles als roter Faden verkauft werden. Die einzelnen Elemente müssen für mich schon irgendeine Art von Zusammenhang aufweisen, damit man das als roten Faden als Leser spüren kann

Das sehe ich komplett anders. Es ist die Erwartungshaltung der meisten Leser, dass es eine Handlung geben soll, aus der sich dann ein kausaler Ablauf mit Bezug auf die Figuren herauslesen lässt - aber das ist keine Notwendigkeit. Texte können auch inkonsistent, chaotisch oder willkürlich sein.

Abgesehen davon ist für mich aber hier ein roter Faden da: Es ist anfangs 11:30 Uhr, der Prot hat einen Arzttermin und dann folgen weitere Termine, die sich in den Tageszeitplan einfügen, der die titelgebende "Struktur" erzeugt. Deren Allmacht, um die der Text sich ja dreht, ist damit der rote Faden - und er ist dem Prot eben äusserlich aufoktroyiert. Vielleicht findest du das als Leser schwer erträglich oder unbefriedigend, aber das tut der Prot ja auch - du kannst also vl sogar durch den Text seinen Frust nachvollziehen ;-)

Es geht hier also um banalsten Alltag.
Frage: Eignet sich das für Literatur im weitesten Sinne? Ich sage: nein. In der Form nicht. Außer, du verknüpfst die einzelnen Elemente mit etwas Verbindendem. Hier sind die Elemente zu losgelöst voneinander, zu beliebig, sie sagen mir als Leser nichts über den Prot und sind damit redundant

Das stimmt nicht, wie eben ausgeführt. Der Prot wird einfach nur rein physisch durch äusserliche Dinge durch den Text gelenkt, er ist passiv und beobachtend und selbst nicht wirklich zu Handlungen motiviert - das alles ist übrigens auch ein Merkmal seiner Krankheit.

Ausserdem soll der Text eben die langweilige Alltäglichkeit einer nicht-alltäglichen Situation veranschaulichen - wie ein Anti-"Einer flog übers Kuckucksnest" - es gibt kein Drama, es gibt keine inneren Durchbrüche, es gibt kaum tiefgehende menschliche Kontakte - es gibt nur ein System und das Darinhängen.

Zweitens ist der Protagonist ja in einer Klinik, sprich in einer Krisensituation.
Richtig! Das habe ich auch nicht angeprangert. Das ist ein Teil, von dem ich meinte, da könntest du doch was draus machen. Das ist ein Setting, von dem du authentisch erzählen kannst, das hast du hier ja bewiesen, aber in jetziger Form weist der Text keinen roten Faden auf, ich bleibe dabei. Ein roter Faden bedeutet auch nicht 08/15-Erzählung nach Baukastenprinzip, das kann alles sein, die Form ist offen und ich mag selbst keine 08/15-Teile, aber du solltest dich darauf konzentrieren - meinem Verständnis nach -, was du erzählen möchtest. Und wenn der Punkt ist, den Prot vorzustellen und ihn zu zeigen, ist das mehr als genug roter Faden. Aber das ist im vorliegenden Text aktuell nicht der Fall, weil der Prot bis auf das Ende nichts von sich preisgibt, nur zynische Kommentare und Beobachtungen macht und von sich gibt. Nee, ich stimme nicht zu

Dass man nichts über den Prot erfährt, stimmt so nicht ganz, in meinen Augen. Es gibt eine abgetrennte Exposition, die seinen Hintergrund andeutet. Und dann gibt es zwei Hauptmotive: Das Theater und eine Art Zoo- oder Tierwelt, die nicht ohne Grund gewählt sind und in meinen Augen geradezu plakativ seine Weltsicht darlegen. Dazu gibt es Rückblenden, einige wertende Einordnungen und auch sonst einige Rahmeninfos.

Es wäre geradezu absurd, eine Figur in einer Psychiatrie sehr konsistent und geplant handeln zu lassen.
Das habe ich auch nicht verlangt. Es gibt nicht darum, wie sich die Figur in der totalen Zeit verhält, sondern wie du als Erzähler sie dem Leser zeigst, welche Ausschnitte aus ihrem Alltag und Leben du dem Leser geordnet rüber gibst. Nimm Berlin Calling. Da ist er auch in einer Psychiatrie. Wird dort gezeigt, wie er eine Person nach der anderen beobachtet? Ah, hier der Metzger! Und der möchte den Kartofflebrei. Und der hier einen Kaffee trinken gehen. Nee, da werden auch Szenen genommen, die auch den Alltag beschreiben, das ist ja wichtig, aber die werden knapp gehalten und so miteinander verbunden, dass in der gesehenen Zeit des Zuschauers immer wieder interessante Dinge passieren, in denen sie den Prot besser kennenlernen und in dem die Handlung und die Konflikte der Erzählung vorangetrieben werden.

Genau so wie "Berlin Calling" oder eben "EFÜKN" wollte ich nicht hieran gehen, denn das ist so was wie Psychiatrie-Porn, wo das Unterhaltsame, Spektakuläre, Karnevalleske an dem Ganzen herausgearbeitet wird, eben indem die Protagonisten exzentrische Vögel sind.

Drittens - und das ist eine grundsätzliche Sache, darum wurden der rote Faden bzw. "Handlung" in all meinen Texten vermisst bislang - erlebe ich selbst einfach sehr selten rote Fäden im echten Leben.
Das ist kein Argument. Das echte Leben ist keine Literatur, my friend. Würde man das "echte Leben" so verfilmen, wie jedermann es kennt, wäre es extrem langweilig und banal, bei Osama bin Ladin genauso wie bei dir und bei mir. Eine Erzählung will etwas über das echte Leben aussagen und es zeigen, aber es ist immer spannender als das echte Leben und sei es, weil die wichtigen und außergewöhnlichen Situationen der Protagonisten zusammengestellt und von einer äußeren Kraft - dem Regisseur oder Autor - angeordnet werden

Mich würde kaum etwas mehr interessieren, als der völlig banale Alltag von Osama bin Laden ;-) Neulich über ne Stunde dem Hausverwalter von Hitlers Berghof zugehört, wie er über Kartoffelmengen und Haushaltspläne erzählt hat.

Aber Scherz beiseite: Spannung ist für mich einfach wirklich gar keine Qualität von Texten oder Filmen, auf die ich Wert lege. Ich gehe Spannung oft sogar aktiv aus dem Weg und suche einfach nur Geplätscher, das mir wertfrei ein bisschen was von der Welt zeigt. Ist wohl Typsache.

Darum fühlt es sich für mich immer fast schon nach Vergewaltigung der Dinge an, wenn ich in Texte "Handlung" hineinbringe. Ich habe da wirklich starke Widerstände in mir.
Du hast die Dinge hier bereits in eine Handlung gebracht. Der Prot macht dies, dann das. Du hast deine Welt, wie du sie wahrnimmst, auch bereits literarisiert und somit zu großen Teilen fiktionalisiert. Die "echte Welt" wirst du nie in Text gegossen bekommen. Das ist unmöglich. All die Gedanken, Querverweise im Hirn, Wahrnehmungen. Ein geschriebener Text ist immer ein Destillat und eine Fiktionalisierung. Man kann die Fiktionalisierung aber so ausrichten, dass sie das eigene Lebensgefühl oder der eigenen Vorstellung, wie die Welt deiner Figuren aussehen soll, am größtmöglichen ausdrückt. Hiergegen sag ich absolut nichts! Versteh das nicht falsch. Ich begrüße das und habe Bock drauf, das zu lesen und wie du die Welt siehst und wahrnimmst. Von dem Ideal solltest du nicht abkommen. Aber, nachdem Texte sowieso immer fiktionalisiert und künstlich sind, solltest du - und das ist mein Punkt - diesen Umstand annehmen, und mit dem Werkzeug des Storytelling wenigstens (!) einen roten Faden einfügen. Das ist für mich das mindeste. Hier in dem Text wäre das für mich, dass du die Figuren, die er begegnet, durchgehen würdest und dir überlegen würdest, was hat wirklich Bedeutung. Wie kann ich die Depression und Hilflosigkeit des Prots zeigen? Klar gern auch den Zynismus, aber nicht über 98% des Textes, das ist, als ob du eine Geschichte über einen Krebskranken in einem Krankenhaus spielen lässt, und 98% der Zeit beschwert er sich über das Essen. Das mag in einer Szene gut funktionieren und den Prot beschreiben, aber so ausgedehnt verliert man als Leser das Interesse, weil man eigentlich wissen will: WIE VERDAMMT GEHST DU MIT DEINER KREBSERKRANKUNG UM? :D
Hier ist das bei mir dasselbe! WIE VERDAMMT GEHST DU MIT DEINER DEPRESSION UM? WARUM BIST DU SO? WAS MACHT DAS MIT DIR?
Stattdessen wird mir vom Metzger erzählt, wie Stühle gerückt werden,
der Architekt mit dem Bumskopf verschüttet ein Glas Saftgetränk. „Mist!“ Viel mehr passiert nicht.

Hier möchte ich darauf hinweisen, dass der Text nicht so konturlos und beliebig ist, wie du ihn darstellst: Es gibt wie gesagt eine Exposition mit Hintergrund, dann folgt der Hauptteil mit dem Klinikalltag, der ja hier ein Gefühl von Wochen auf eine Dreiviertelstunde eindampft, also ziemlich kondensiert und literarisch gewichtet ist. Und gegen Ende kommt dann das Kaffeetrinken, das bewusst viel weniger Raum bekommt als die Geschehnisse in der Klinik, dabei aber vor Leben und Sinneseindrücken überspriesst. Der Text stellt also ziemlich klar einen Kontrast von Klinik und normalem Leben dar - wobei der Erzähler und Jürgen eben von diesem Leben abgeschnitten sind: Darum ziehen sie nicht durch die Strassen, sie sitzen hinter einer Scheibe und können alles nur passiv beobachten. Daher der Ursprungstitel "Terrarium": Die beiden Figuren sitzen selbst in einem Kasten und werden vom Klinikpersonal genauestens beäugt, können aber auch selbst rausgucken und die Gegenseite beäugen. Ihre einzige Freiheit ist gleichwohl ihr eigener Kopf, dort können sie flüchten, aufbegehren, sich gegen die Übermacht des Systems wehren - wenn der Kopf denn mitspielt. Sogar der Schluss ist durchkomponiert: Jürgen wirft es zurück, der Prota ist auf dem Weg hinaus aus dem Ganzen und merkt, dass er den ganzen Klinikbrei bald einfach "ausscheissen" muss, um weiterzukommen. Damit gibt es auch eine Erklärung für den "Zynismus": Er ist Teil eines Ablösungsprozesses.


Ich wollte eine Art Zoo zeichnen, vielleicht sogar ein Panoptikum, jedenfalls eine Szene, die vor eigenartigen Charakteren und Figuren wimmelt.
Und für welchen Zweck?
Erstens sind die Figuren, die auftauchen, nicht greifbar für mich. Ich habe als Leser nicht das Gefühl, sie kennengelernt zu haben. Dafür tauchen sie viel zu schnell auf und ich erfahre nichts Wesentliches über sie. Wer sind sie? Weswegen sind sie depressiv? Ist eine Frau dabei, die ihr Kind hat sterben sehen? Oder ein Mann, der auch Oxys seine Frau verprügelt hat und das bereut? Ich war mal auf einer Art Anti-Aggressionstraining, da war ein Mann mit chronischen Rückenschmerzen, der von seinem Vater als Junge immer verprügelt wurde. Wenn er draußen auf der Straße bis zu einem gewissen Punkt gereizt wurde, ging ein Schalter bei ihm um und er hat die Leute richtig heftig kaputt geschlagen. Deswegen war er da. Wir saßen in einem Halbkreis und er stand mit dem Therapeuten vorne. Der Therapeut mit einem Boxsack in der Hand. Der Therapeut hat den Kerl so sehr - mit Ansage - gereizt und beleidigt, dass der Kerl wirklich umgekippt ist und das Teil heftig bearbeitet hat. Er wollte ihn zu dem Punkt bringen, an dem er die Kontrolle verliert, damit er lernt, damit umzugehen. Ich finde, wenn man so etwas sieht und auch als Leser in einer Story sieht, lernt man Menschen kennen. Wenn man wirklich ihr Leid sieht und ihre Probleme und die Hintergrundgeschichte hört. Ich hätte den Gewalttyp jetzt auch lediglich beschreiben können, wie er mir am morgen am anderen Ende des Tisches gegenüber gesessen hat und dass er irgendwie einen Buckel hatte und ständig Tischtennis spielen wollte. In welcher der beiden Beschreibungen bekommst du ein besseres, echteres Bild von ihm?

Ich kann deinen Wunsch nachvollziehen und kenne ja auch schon ein paar deiner Texte, muss aber sagen, dass mir das alles zu weit geht. Habe ja auch genau so etwas unter deinen letzten Text kommentiert: Für mich war das alles viel zu viel Literarisierung und too much. Ist einfach nicht mein Style - hier unterscheiden wir uns wohl.

Ich will bei diesem Text leise Töne anschlagen, aussen vor bleiben, weil es für mich so passt: Der Prot ist ja auch mit sich selbst beschäftigt, es wird sogar gesagt: Jeder spielt für sich allein. Da werde ich ihn nicht irgendwelche Dramen von anderen Leuten nacherzählen lassen.

Aber wie gesagt: Bei der nächsten Story versuche ich mal auf die Zwölf zu zielen, und wenn es nur ein Experiment bleibt :-P

VG, HK

 
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Hallo @FlicFlac,

vielen Dank für deinen Kommentar und deine Zeit. Freut mich natürlich sehr, wenn meine handlungsarmen Texte beim einen oder anderen Leser auch Zuspruch finden :-P (Habe mich kurz gefragt, ob es ein Zufall ist, dass gerade einer der Satiriker des Forums sich nicht so sehr an der Form stört? Meinen Text "Abschied" hattest du ja auch schon gern gelesen - wo manchem eben wieder die Handlung gefehlt hatte. Naja, war nur ein Gedanke ;-)

Nur, länger hätt es dann nicht werden dürfen - vielleicht wär sogar noch kürzen drin - sonst trägt es nicht mehr. Irgendwann braucht es dann schon eine Figur oder eine Geschichte (am Besten beides), die in den Mittelpunkt kommt.

Das sehe ich absolut genau so: Hatte ein, zwei Absätze schon auf dem Katapult liegen, aber habe dann gedacht: Versuchen wir's erst mal. Wollte den Leser schon auch etwas durch den Klinikteil "quälen", damit hier die Form den Inhalt mittransportiert - ohne natürlich langweilen zu wollen. Falls sich noch ähnliche Feedbacks häufen sollten, würde ich sofort diesen Absatz hier rauskicken:

Ich verzichte heute auf einen Nachschlag ...

Da ich deine Kommentare auch unter anderen Texten stets als sehr durchdacht und geordnet empfinde, habe ich mir noch gedacht, dass ich auch gerne mal einen ganz ernsthaften Text von dir lesen würde, denn die lustige Form hat natürlich auch gewisse Grenzen, was die Aussagekraft angeht. Werde demnächst mal in deinem Portfolio stöbern ...

VG, HK

 
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Hallo @Henry K.,
ich steig mal vorne ein.

Es ist 11:30 Uhr an einem Dienstag. Seit einer Dreiviertelstunde grüble ich über einem Sudoku, aber ich komme einfach nicht auf die letzten paar Ziffern. Ich sitze weder in einem Zug, noch in einem Hörsaal, weder bei der Arbeit, noch in einer Hotellobby. Ich sitze in der ersten Reihe. Ab und zu stehe ich auf und betrete die Bühne. Eigentlich sogar ziemlich oft. Denn ich habe eine der Hauptrollen. Nicht, dass ich sie gewollt hatte. Es fehlte einfach nur Personal. Vor Kurzem noch habe ich die Bühne von oben betrachtet. Ich kauerte auf dem Balken, an dem der Vorhang befestigt war. Und mein Strick. Ich war unbemerkt dort hinaufgeklettert und anfangs war es mir schwindelig geworden. Dann nicht mehr so oft. Es war kalt dort oben, und staubig, aber ich unterdrückte das Husten, denn ich wollte die Vorstellung nicht stören. Natürlich hätte ich gerne den Schleim gelöst, alles ausgekotzt, aber es war ja schon egal. Bald würde der Vorhang fallen. Und ich mit ihm. Ende der Vorstellung. Aber der Vorhang fiel nicht. Und so begann ich, wieder mitzuspielen.
Also hier spricht jemand, der zeitlich total gut orientiert ist und dem ist es wichtig, welcher Tag und welche Zeit ist. Dann sagt er, dass er seit einer 3/4 Stunden über einem Soduko sitzt. In Verbindung mit Satz Nr. 1 denke ich, dass jemand auf etwas für ihn wichtiges wartet und sich die Zeit mit Sudoku vertreibt, aber von dem, was vor ihm liegt, abgelenkt ist, und darum schon so lange an dem Sudoku sitzt und so genau die Zeit im Blick hat. Dann fängt dein Prot in meinen Augen an zu plappern. Er sitzt weder in einem Zug, noch in einem Hörsaal ... ok, wo sitzt er denn nu ... in der ersten Reihe. Aha. Also jemand, der so konkret auf die Zeit achtet, schafft es dann nicht, mir zu sagen, wo er sitzt. Ab und zu steht er auf und betritt die Bühne und der Text wechselt ins Prät. Der erste Absatz kommt nach den beiden sehr konkreten zeitlichen Bezügen dann recht kryptisch daher. Ich habe keine Ahnung, um was es hier geht. Bei dem Strick denke ich an Suizid, aber er spielt wieder mit. Insgesamt lese ich aus diesem Absatz mehr Autor als Erzähler, ich denke, der Autor wollte irgendeine doppelte Botschaft einbauen, dass es bei dem Spiel und der Bühne um sowas geht wie die Lebensbühne. Aber nur weil das jetzt so ein bissel kryptisch daherkommt, ist es ja nicht origineller, mMn sogar ganz im Gegenteil. Auf micht wirkt es bemüht und ich hoffe, du weißt, dass ich einfach nur ehrlich meinen Leseeindruck schildere. Ahnung habe ich keine ...

Es geht dann im Präsens weiter, mit einem Dialog, der hmmm... also ich finde grundsätzlich viele Dialoge nicht gelungen, das liegt sicher an mir, auch bei deinem kann ich nicht so richtig gut andocken. Sprachlich erzählt dein Erzähler zwar flüssig, aber ... ich kann nicht so richtig den Finger darauf legen ... "glänzende schwarze Nudellöckchen" und "um die Ecke linsen" und "seinen gewohnten Lauf nehmen" gleich am Anfang, da hab ich dann gar nicht mehr so richtig Lust weiterzulesen ... aber ich lese weiter, weil ja jetzt vielleicht aufgelöst wird oder ausgebaut wird, was der erste Absatz zu bedeuten hat. Aber nach dem ganzen zweiten Absatz, denke ich, da plappert einer unbedarft drauflos und hört sich einfach gerne reden. Das kann man natürlich machen, aber davon gibt es im Real Life ja genügend Leute, da muss ich sowas ja nicht auch noch lesen. Und dann wird in diesem Absatz auch schon klar, dass es um einen Erzähler geht, der mir als Leser wenig Raum lässt, der mir zu viel vorkaut über sich und die anderen, mir selbst wenig Raum lässt, selbst zu interpretieren und zu bewerten. Im Grunde setzt es sich dann so fort. Er beobachtet und gibt seine Gedanken weiter und - entschuldige meine Direktheit! - meint wohl, das interessiere irgendwen, wird es bestimmt auch, mich aber nicht. Also er erzählt mir keine Geschichte, sondern lässt mich teilhaben an seinen Bewertungen der Welt. Mich langweilt sowas grundsätzlich.

Ich fragte mich nach einer Weile auch, worum es hier eigentlich geht. Hat der Text ein Thema? Geht es um irgendwas? Hat der Erzähler irgendetwas zu erzählen, etwas interessantes, oder erschöpft es sich tatsächlich darin, dass er die Welt bewertet?

Irgendwann bin ich zu den Kommentaren gesprungen. Ich denke, dass du @zigga falsch verstanden hast. Es geht nicht um Handlung oder um eine plotlastige Geschichte. Ich denke, es geht um Konsistenz. Vielleicht sagst du jetzt, die Konsistenz deiner Geschichte ist, dass es eben keine Konsistenz im Leben gibt. Also wenn das das Thema deiner Geschichte ist, dass es keine Konsistenz gibt, keine Bindungen, das wir durchs Universum fliegen, dann ist dein so sehr bewertender Erzähler mMn denkbar ungeeignet mir dies als Leserin zu verklickern, dann ist der Einstieg ja schon fragwürdig mit dem Zeitpunkt. Aber das ist ja auch nur ins Blaue geraten: Was ist denn das Thema deines Textes? Worüber wolltest du schreiben?

In solchen Situationen fehlt gerade der rote Faden, die Orientierung, das soll der Text spiegeln. Es wäre geradezu absurd, eine Figur in einer Psychiatrie sehr konsistent und geplant handeln zu lassen.
Ich finde nicht, dass dir das gelingt und da bin ich wieder bei deinen ersten beiden Sätzen. Er ist ja zeitlich supergut orientiert. Ich denke, @zigga hat mehr Handlung oder mehr Plot vorgeschlagen, weil es ein einfacher Weg ist, einer Geschichte diesen roten Faden (ich nenne es mal Thema an dieser Stelle) zu geben. Dazu muss man dann kein begnadeter Autor sein und kann trotzdem eine gute Geschichte schreiben. Man schaue sich Harry Potter an - lese ich gerade mit meinem Sohn und die ganze Geschichte wird mMn nur durch den Plot getragen und ich würde Harry Potter nicht lesen, weil ich auch nicht nach Spannung suche und so plotlastige GEschichte selbst gar nicht so gerne lese und es sprachlich nicht gerade überragend finde. Aber wenn du sagst, du willst auf die ganzen Ingredenzien einer klassischen KG verzichten, d.h. kein Handlung, kein Plot, keine Entwicklung - dann lese ich das als Leserin nur, wenn du mir etwas anderes bietest und damit meine ich nicht, unoriginelle Bewertungen eines Psychiatriepatienten. Dann brauchst du Sprache, die mich überraschst, Gedanken, die mich überraschen, Struktur, die überrascht - also irgendetwas überraschendes bzw. originelles und vor allem brauche ich einen Grund, warum ich das lesen soll, der darüber hinausgeht, dass du sagst: Das habe ich halt so geschrieben.

Ich wollte eine Art Zoo zeichnen, vielleicht sogar ein Panoptikum, jedenfalls eine Szene, die vor eigenartigen Charakteren und Figuren wimmelt.
Es tut mir leid, ich will wirklich nicht verletztend sein oder so, aber sorry, das lese ich in deinem Text einfach nicht. Ich lese keine Wimmelung eigenartiger Charaktere oder Figuren. Deine Figur bewertet viel mehr passiert nicht im Text, es gibt sicher ein paar gute Sätze, aber die werden total verschluckt von dem ganzen Geplapper. Ich fand es echt mühsam, den Text zu lesen und hab es nicht bis zum Ende geschafft.

Der Text übt für mich auch starke Systemkritik und das findet gerade im Zynismus bzw. Spott seinen Ausdruck.
Echt? Für mich nicht ... Und zwar weil das alles dein Prot "reflektiert" und dabei eigentlich total unreflektiert ist. Es gibt manchmal so Texte, wo der Autor ein Ziel hat und Figuren eigene Bewertungen in den Mund legt. Das kommt aber bei den meisten Lesern nicht so gut an. Die wenigstens mögen es, bevormundet zu werden.

Das sehe ich komplett anders. Es ist die Erwartungshaltung der meisten Leser, dass es eine Handlung geben soll, aus der sich dann ein kausaler Ablauf mit Bezug auf die Figuren herauslesen lässt - aber das ist keine Notwendigkeit. Texte können auch inkonsistent, chaotisch oder willkürlich sein.
Ja, genau. Können sie, aber wenn sie in dem Fall auch lesenswert sind, dann ist das wirklich die hohe Kunst der Literatur und ich entschuldige mich nochmals für meine Direktheit, da bist du (noch?) nicht. Und ich auch nicht. Bitte denke nicht, dass ich denke, ich könne es besser. Ich sage nur: nee, dein Essen schmeckt mir nicht. Ich selbst kann aber nur Pfannkuchen machen.

Viele Grüße
Katta

 
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Danke @Katta für deinen Leseeindruck und deine Zeit. Leider kann ich zu einer solchen Kritik dann auch nicht mehr viel sagen. Du magst nichts an dem Text, bewertest im Grunde alles negativ, nun denn: amen ;-) Nicht jeder Text ist für jeden Leser. Viel Spaß mit anderen Autoren, sage ich dann mal.

VG, HK

 
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Schade, @Henry K., dass du es so siehst. Du hättest auch auf meine Frage nach dem Thema eingehen können oder auf meine Anmerkung, dass ich deinen bewertenden Erzähler für den Text nicht hilfreich finde.

Zum Abschluss noch ein Zitat von dir, das mir passend erscheint.

Prinzipiell habe ich nichts dagegen, wenn Autoren ihre Texte gegen Kritik schützen und für sie eintreten, versteh mich nicht falsch. Es wäre in meinen Augen sogar bedenklich, wenn sie das nicht täten, denn ein Zustimmen zu jeder Kritik hiesse ja, dass die Texte unbedacht geschrieben worden sind. Aber es ist für mich trotzdem immer eine Gratwanderung: Auf der einen Seite das legitime Eintreten für eigene Gedanken, einen eigenen Stil usw., auf der anderen Seite eben Halsstarrigkeit und Unwillen, den eigenen Horizont zu erweitern. Dabei hängt für mich persönlich alles an den Argumenten für einen bestimmten Text. Lässt sich etwas aus dem Text, dem Thema, der Intention, der Sprache heraus gut begründen, kann ein Text für mich durchaus unpopulär und kontrovers sein und so bleiben. Aber fehlen gute Argumente, wird es heikel.

Cheers, Katta

 
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Hallo @Katta,

ich habe einfach alles Wesentliche schon in den vorherigen Kommentaren geschildert, die du ja kennst. Du hast sie selbst zitiert. Darin schildere ich meine Sicht der Dinge ja dezidiert - mit Argumenten, die sich auf den Text selbst stützen - und sage zum Beispiel auch an einer Stelle ganz andere Dinge als du dann zitierst. Du zitierst mich mit

Das sehe ich komplett anders. Es ist die Erwartungshaltung der meisten Leser, dass es eine Handlung geben soll, aus der sich dann ein kausaler Ablauf mit Bezug auf die Figuren herauslesen lässt - aber das ist keine Notwendigkeit. Texte können auch inkonsistent, chaotisch oder willkürlich sein.

Und schreibst selbst dazu:

Ja, genau. Können sie, aber wenn sie in dem Fall auch lesenswert sind, dann ist das wirklich die hohe Kunst der Literatur und ich entschuldige mich nochmals für meine Direktheit, da bist du (noch?) nicht. Und ich auch nicht. Bitte denke nicht, dass ich denke, ich könne es besser. Ich sage nur: nee, dein Essen schmeckt mir nicht. Ich selbst kann aber nur Pfannkuchen machen.

Das vollständige Zitat meines Kommentars zeigt aber, dass du mir hier was in den Mund gelegt hast, denn ich schrieb:

Das sehe ich komplett anders. Es ist die Erwartungshaltung der meisten Leser, dass es eine Handlung geben soll, aus der sich dann ein kausaler Ablauf mit Bezug auf die Figuren herauslesen lässt - aber das ist keine Notwendigkeit. Texte können auch inkonsistent, chaotisch oder willkürlich sein.

Abgesehen davon ist für mich aber hier ein roter Faden da: Es ist anfangs 11:30 Uhr, der Prot hat einen Arzttermin und dann folgen weitere Termine, die sich in den Tageszeitplan einfügen, der die titelgebende "Struktur" erzeugt. Deren Allmacht, um die der Text sich ja dreht, ist damit der rote Faden - und er ist dem Prot eben äusserlich aufoktroyiert. Vielleicht findest du das als Leser schwer erträglich oder unbefriedigend, aber das tut der Prot ja auch - du kannst also vl sogar durch den Text seinen Frust nachvollziehen ;-)


Damit ist dann zum Beispiel auch schon beantwortet, was ich zu deinen anfänglichen Anmerkungen über den Protagonisten und sein Verhältnis zu konkreten Zeiten denke.

Und, und, und.

Kurz: Deine Kritik ist für mich so fundamental, dass ich darauf einfach nichts erwidern kann. Ich meine, du bezeichnest den Inhalt als "Geplapper", die Sprache lässt in dir nach Absatz zwei den Wunsch aufkeimen, nicht weiterzulesen, dann findest du keinerlei Struktur, bekundest "null Interesse" für die Grundidee, nennst den Erzähler "unreflektiert" usw. usf. Da ist einfach ein Grad von Dissens erreicht, wo man sagen muss: Das wird nichts mit dir und mir bzw. meinem Text.

VG, HK

 
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Hi @Henry K.,

ich mag den Text. Ich finde die Geisteshaltung deines Protagonisten wird gut übermittelt. Er wirkt auf der einen Seite melancholisch-depressiv und auf der anderen Seite zynisch, wenn er die anderen Figuren beschreibt. Diesen Zynismus brichst du aber, wenn er sagt, dass er ein Löwe sein will, was ja schon eine pathetische Vorstellung ist. Finde ich gut. Gefallen hat mir besonders der Ablauf des Fragens nach Kartoffelbrei und die Beschreibung der Beziehung mit Jürgen.

Auf der anderen Seite muss ich den anderen Kommentatoren recht geben, der Text mäandert schon sehr vor sich hin. Ich verstehe, dass du nicht einfach einen actionrechen Plot in den Klinikalltag schreiben kannst, den ja gerade die Ereignislosigkeit ausmacht. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, wie man das lösen könnte. Man könnte vielleicht die Handlung nach außen verlegen, also entweder den Prota in Gedanken an irgendwelche Handlungen schwelgen lassen oder den Prota nur als Beobachter von Handlungen außerhalb der Klinik machen. Vielleicht würde das sogar den Kontrast zur Ereignislosigkeit innerhalb der Klinik verstärken. Aber ist nur so eine Idee.

Noch ein paar genauere Sachen zum Text:

ch sitze in der ersten Reihe. Ab und zu stehe ich auf und betrete die Bühne. Eigentlich sogar ziemlich oft. Denn ich habe eine der Hauptrollen. Nicht, dass ich sie gewollt hatte. Es fehlte einfach nur Personal. Vor Kurzem noch habe ich die Bühne von oben betrachtet. Ich kauerte auf dem Balken, an dem der Vorhang befestigt war. Und mein Strick. Ich war unbemerkt dort hinaufgeklettert und anfangs war es mir schwindelig geworden. Dann nicht mehr so oft. Es war kalt dort oben, und staubig, aber ich unterdrückte das Husten, denn ich wollte die Vorstellung nicht stören. Natürlich hätte ich gerne den Schleim gelöst, alles ausgekotzt, aber es war ja schon egal. Bald würde der Vorhang fallen. Und ich mit ihm. Ende der Vorstellung. Aber der Vorhang fiel nicht. Und so begann ich, wieder mitzuspielen.
Hier finde ich dieses Bühnenbild etwas schief. Ich glaube, dass du damit auf einen Selbstmordversuch anspielst, worauf der Strick hinweist. Aber wenn du diesen Strick einführst gehe ich davon aus, dass dieser den Selbstmord symbolisiert, aber dann ist der Tod auf einmal der Vorhang. Mich verwirrt der Part auf jeden Fall.

Wir sehen Menschen, die sich freuen, und Menschen, die gehetzt sind, Menschen, die träge wirken, und Menschen, die uns gefallen, wir sehen Menschen mit Hunden und Menschen mit Mützen. Wir sehen Liebe, wir sehen Sorgen, wir sehen Wut und wir sehen Trost. Wir sehen Gedanken, Illusionen, Träume und Schmerz. Und wir sehen den Wienerwald. Wir hören Musik, wir hören Motoren, wir hören Maschinen und wir hören Gehupe. Wir hören Gespräche, Gelächter, Geschrei und Geweine.
Ist ein Part, den man einfach streichen kann ehrlich gesagt. Dass draußen viel passiert und er in einem Vakuum lebt könnte man prägnanter und damit auch wirkungsreicher beschreiben, denke ich. Ich hab diesen Abschnitt jedenfalls sehr unaufmerksam gelesen.

Hoffe, dass du etwas mit dem Kommentar anfangen kannst.

Beste Grüße
Klamm

 
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Hallo @Henry K. ,

Da ist einfach ein Grad von Dissens erreicht, wo man sagen muss: Das wird nichts mit dir und mir bzw. meinem Text.
Das hat aber sehr viel mit deinem Text zu tun: @Katta hat dir einen ausgeprochen detaillierten Leseeindruck geschildert, der am Text entlang begründet ist. Es ist eine Analyse aus ihrer Sicht. Es hat nichts mit Dissens oder Konsens zu tun - was hier passiert, ist einfach, dass deine Schreibintention nicht bei all deinen Lesern ankommt. Du kannst die Schuld nun selbstverständlich zu 100% bei diesen Lesern suchen, aber gemeinhin ist es schlauer und für die Textersteller hilfreicher, auch mal die Schuld - zumindest zum Teil - bei sich selbst zu suchen. Was ist da bei der Konzeption passiert, dass es Leser gibt, die meine Intention null herauslesen können. Meinst du denn, die wären alle bekloppt?

Auch, wenn ein Argument nicht dadurch stärker wird, dass mehr Leute es teilen: Ich hätte exakt - aber wirklich exakt - das gleiche kommentiert wie Katta. (Dabei würde ich sagen, wir hätten durchaus andere Lesevorlieben.)

Einen Kommentar hab ich hier nicht geschrieben, weil mir a) dazu gerade die Zeit fehlt und ich auch b) so eine Antwort wie deine an Katta hab kommen sehen. Wenn ein Autor so eine Teflon-Haltung hat, ergibt es wenig Sinn, seine Texte zu kommentieren. Sorry, is so.

P.S.
Ich meine übrigens, der Text sei gar keine Prosa bzw. eine Kurzgeschichte. Es ist eine Abfolge von erinnerungsartigen, arbiträren Sequenzen, in denen ein Setting und verschiedene Figuren vorkommen. Es wird aber - im Sinne von Prosa - nichts erzählt. Und eben nicht alles, was man aufzählen kann, ergibt automatisch eine Erzählung.
Ebensowenig wie ein Problem oder eine stressige Lage eines Protagonisten automatisch auch ein literarischer Konflikt sein muss.

Viele Grüße und wirklich nix für Ungut,
Katla

 
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Hallo @Katla,

ich danke auch dir für einen Kommentar. Leider weiss ich nicht, was ich dir darauf antworten soll, wenn du hier geradezu archaische Begriffe wie "Schuld" oder "bekloppt" aus dem Hut zauberst. Kommt hier etwa ein Angefasstsein deinerseits durch, obwohl wir uns gar nicht kennen? ich hoffe nicht - über Leute in Foren sollte man sich bekanntlich nie ärgern, dafür ist das Leben zu kurz ;-)

VG, HK

 
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Hallo @Klamm,

vielen Dank für deinen Kommentar, mit dem ich viel anfangen kann ;-) Freut mich, dass dir der Text gefällt.

Auf der anderen Seite muss ich den anderen Kommentatoren recht geben, der Text mäandert schon sehr vor sich hin. Ich verstehe, dass du nicht einfach einen actionrechen Plot in den Klinikalltag schreiben kannst, den ja gerade die Ereignislosigkeit ausmacht. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, wie man das lösen könnte. Man könnte vielleicht die Handlung nach außen verlegen, also entweder den Prota in Gedanken an irgendwelche Handlungen schwelgen lassen oder den Prota nur als Beobachter von Handlungen außerhalb der Klinik machen. Vielleicht würde das sogar den Kontrast zur Ereignislosigkeit innerhalb der Klinik verstärken. Aber ist nur so eine Idee.

Ja, ich hatte ja oben schon eingeräumt, dass er womöglich ein wenig zu lang ist. Darum bin ich auch skeptisch, ob er mehr Schwelgen in Erinnerungen vertragen würde. Aber, vielleicht ist der Text auch nur eine Art Studie für ein längeres Projekt. Dann würde sich auch das Problem der Ereignisarmut ein Stück weit erledigen, denke ich.

Henry K. schrieb:
ch sitze in der ersten Reihe. Ab und zu stehe ich auf und betrete die Bühne. Eigentlich sogar ziemlich oft. Denn ich habe eine der Hauptrollen. Nicht, dass ich sie gewollt hatte. Es fehlte einfach nur Personal. Vor Kurzem noch habe ich die Bühne von oben betrachtet. Ich kauerte auf dem Balken, an dem der Vorhang befestigt war. Und mein Strick. Ich war unbemerkt dort hinaufgeklettert und anfangs war es mir schwindelig geworden. Dann nicht mehr so oft. Es war kalt dort oben, und staubig, aber ich unterdrückte das Husten, denn ich wollte die Vorstellung nicht stören. Natürlich hätte ich gerne den Schleim gelöst, alles ausgekotzt, aber es war ja schon egal. Bald würde der Vorhang fallen. Und ich mit ihm. Ende der Vorstellung. Aber der Vorhang fiel nicht. Und so begann ich, wieder mitzuspielen.
Erweitern ...
Hier finde ich dieses Bühnenbild etwas schief. Ich glaube, dass du damit auf einen Selbstmordversuch anspielst, worauf der Strick hinweist. Aber wenn du diesen Strick einführst gehe ich davon aus, dass dieser den Selbstmord symbolisiert, aber dann ist der Tod auf einmal der Vorhang. Mich verwirrt der Part auf jeden Fall.

Vom Eingangspart bin ich selbst nicht zu 100 Prozent überzeugt, aber für entbehrlich halte ich ihn auch nicht. Zu deinem Hinweis mit Strick und Vorhang: Der Strick steht für die materielle Ebene, den Körper, der Vorhang für die Innensicht - das ist ja beides vorhanden. Der Körper fällt in den Strick, aber für den Ich-Erzähler wäre aus der Innensicht ein Vorhang gefallen und die Vorstellung (= die vor seinem Auge stattfindende Welt) wäre zu Ende gewesen. Alles schwarz. So hatte ich mir das gedacht :-D

Henry K. schrieb:
Wir sehen Menschen, die sich freuen, und Menschen, die gehetzt sind, Menschen, die träge wirken, und Menschen, die uns gefallen, wir sehen Menschen mit Hunden und Menschen mit Mützen. Wir sehen Liebe, wir sehen Sorgen, wir sehen Wut und wir sehen Trost. Wir sehen Gedanken, Illusionen, Träume und Schmerz. Und wir sehen den Wienerwald. Wir hören Musik, wir hören Motoren, wir hören Maschinen und wir hören Gehupe. Wir hören Gespräche, Gelächter, Geschrei und Geweine.
Ist ein Part, den man einfach streichen kann ehrlich gesagt. Dass draußen viel passiert und er in einem Vakuum lebt könnte man prägnanter und damit auch wirkungsreicher beschreiben, denke ich. Ich hab diesen Abschnitt jedenfalls sehr unaufmerksam gelesen.

Bei diesem ganzen Part habe ich mich allein vom Rhythmus beim Vorlesen leiten lassen. Er sollte auf kleinem Raum möglichst viel geballte Sinnlichkeit bieten, ohne dass die einzelnen Elemente der Aufzählung für sich genommen allzu wichtig wären. Der Erzähler und Jürgen achten ja auch nur beiläufig auf das alles. Aber du hast Recht: Als Leser mag einen dieser Part ein wenig strapazieren. Da jedoch der Klinikteil so viel Raum einnimmt, soll hier schon auch vom Umfang her ein Gegengewicht her, das zeigt, was in der Klinik alles fehlt - vor allem auch Emotionen.

Ich denke, bei diesem Text sind viele Stellen prinzipiell diskutabel, doch irgendwie scheint mir, als würde er einfach in sich zusammenfallen, wenn man jetzt noch mehr als Kleinigkeiten ändert. Er ist übrigens über viele Jahre abgehangen und damit frei vom Schnellschussverdacht. Im Gegenteil: Diese abschliessende Version ist schon Version drei. Darum auch meine Reaktion auf die Grundsatzkritik oben: Wenn man so fundamentale Dinge anprangert, ist der Text an sich vernichtet, weil dann nichts mehr stabil bleibt. Das werde ich natürlich niemals gutheissen :-P

VG, HK

 
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Kommt hier etwa ein Angefasstsein deinerseits durch, obwohl wir uns gar nicht kennen?
Hallo @Henry K. - Angefasstsein? Herrje, nein. Und (Edit): Du musst auch nicht versuchen, irgendwelche angenommenen Befindlichkeiten aus meinem Komm zu lesen - besser, das lesen, was mit Textarbeit zu tun hat.

Ich zaubere nix aus dem Hut, die Wortwahl sollte den Komm nur etwas auflockern. :dozey:

 
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»Klar ward's, dass im Tun und Handeln
Nicht im Grübeln's Leben liegt“
aus: Franz Grillparzer: „Der Traum ein Leben“​

Nun, das hier ist die Story, die ursprünglich "Das Terrarium" hie[ß]. Ich wollte eine Art Zoo zeichnen, vielleicht sogar ein Panoptikum, jedenfalls eine Szene, die vor eigenartigen Charakteren und Figuren wimmelt.

Und das ist Dir m. E. auch weitestgehend auch gelungen, wie ich finde,

@Henry K.,

wenn ich auch aus einem Krankenhaus „am Rande des Abgrunds – wir gehen einen Schritt weiter“ komme und noch 20 Jahre nach meinem relativ gut honorierten Abscheidens Kontakt zu ehem. [vor allem] Kolleg[inn]en halte.

Es gibt keine allgemein anerkannte Definition der Kurzgeschichte und ich würde es nicht begrüßen, wenn dogmatisch bestimmte Kriterien erzwungen würden. Wir sollten jedem System abhold sein, dass der Welt des (chinesischen) Mandarins nahekommt … Regeln müssen sein, um Komplexität zu reduzieren (wenn jeder schriebe, wie er jenseits des Amtsdeutschen oder der deutschen Dialekte wollte, brauchten wir für die schlichteste Botschaft Interpreten, womit wir bei der vernachlässigten Flusenlese sind, denn aus meinem Berufsleben weiß ich, wo fehlerbehaftete Bewerbungen landen).

Was zunächst auffällt, ist der Gezeitenwechsel – direkt am Anfang

Denn ich habe eine der Hauptrollen. Nicht, dass ich sie gewollt hatte. Es fehlte einfach nur Personal. Vor Kurzem noch habe ich die Bühne von oben betrachtet.
der für mich seinen Höhepunkt im Konjunktiv potentialis bzw. irrealis findet
Bald würde der Vorhang fallen. Und ich mit ihm.
Es gruselt mich immer, wenn vergessen wird, dass der Konjunktiv nix mit der Zeitenfolge zu tun hat

Gelegentlich wird ein Komma nicht oder falsch gesetzt

Es war kalt dort oben, und staubig, aber …
Bloße Aufzählung, in der die Konjunktion das Zeichen hervorragend ersetzt …

Hier nun

„Man könnte direkt meinen, er mag mich.
„meine“ ich, dass der Konj. getrost indikatief durchs „kann“ ersetzt werden sollte, lässt es doch in seiner nur binären Wertigkeit nun zwo Varianten zu: entweder man kann – oder eben nicht (jeder einfache Handwerker, und nix anderes ist das Ergebnis unseres Kopfwerkes, wird das bestätigen)

Und rechts, das Kiosk, dort habe ich beim Zivildienst Frau Krolle immer ihre Wochenration Zigaretten geholt.
„der“ Kiosk

Als Kind hatte ich ein bisschen Angst, wenn ich mit dem Fahrrad durch diese Straße fuhr, aber nach kurzer Zeit wusste ich, dass mir dort nichts passieren wird.
Warum am Ende Futur?
Unser Held ist sich doch gerade eben/gegenwärtig sicher, dass ihm „dort nichts passiert“.

Ich bin weiter weg von zu Hause als Anne, die mir Emails aus Indien schreibt.
„farbiger oder weißlicher glasartiger Überzug, der Eisengeräte schützt oder wertvolleres Metall, Tonwaren, Schmuck dekoriert“ (DWDS, Stichwort Email)
Besser: E-Mail

Wir werden die neuen Fundstücke des Anderen kommentieren und uns gegenseitig auf Orte hinweisen, …
„ander/…“ ist von Haus aus ein Zahlwort (früher das, was seit Luther „zwei“ geschrieben wird – sonst bissken ist es im „anderen“ noch verborgen, der ja immer ein anderer ist als ich. Hier gehts doch trotz Artikel vorweg
Der andere versteht.

Und weiter gehts mit irrtümlicher Substantivierung

Keinesfalls fragt man „Warum?“, denn so wie ich nicht will, dass Jürgen mich „Warum?“ fragt, so will auch Jürgen nicht, dass ich ihn „Warum?“ frage.

Ist man selbst einer der Redenden, kommt man sich vor, als spräche man zur ganzen Gruppe, oder für sie, und das mag man nicht.
Komma weg, die unterscheidende Konjunktion hat eine ähnliche Wirkung für die Zeichensetzung wie das verbindende „und“.

Das Komma kann gleich hier

Darum ist man meistens ruhig, es sei dennKOMMA man will noch etwas Kartoffelbrei oder eine glänzende Scheibe …
untergebracht werden

..., Augen blicken rüber und die angesprochene Person schreckt auf – „[k]önntest du mir mal bitte den Kartoffelbrei reichen?“

Dann kommt einer der SuperGAUS der schreibenden Zunft
Also wird Jutta ganz nervös und schickt augenblicklich die Schüssel auf den Weg durch die Reihen, mit einer Mi[e]ne, als ginge es um eine Depesche an den König.

Manchmal belebt so eine Schüsselsendung schlagartig die ganze Gruppe und plötzlich fragen auch andere nach Schüsseln, oder lassen sich auftun.
KOMMA weg!

Der Geruch des Zwiebelbratens liegt noch in der Luft und der Chefarzt schreitend grüßend vorbei.

Erst Fresschen, dann Auslauf, und manchmal Streicheleinheiten, „Teamkontakt“ genannt.

Es wird ZeitKOMMA zurückzugehen und wir laufen schweigend nebeneinander her durch ein Leben, das nicht mehr unseres ist.

1farbiger oder weißlicher glasartiger Überzug, der Eisengeräte schützt oder wertvolleres Metall, Tonwaren, Schmuck dekoriert

Wie dem auch wird,
gern gelesen vom

Friedel

 

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