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Die Uhr tickt, Karl!

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18.09.2020
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Die Uhr tickt, Karl!

Es war einer dieser Tage an denen man aufwacht. Wobei man bei meinem Zustand nicht von Wachsein sprechen konnte und aufgrund des Fehlens dieses, fiel mir auch kein passenderer Begriff ein. Ich erinnerte mich an Onkel Heinrichs Fensterläden, die nur mit großer Kraft und noch größerem Quietschen geöffnet werden konnten. In einem ähnlichen Zustand befanden sie meine Augen, Gott sei Dank ohne das Quietschen. Durchs Fenster strahlte die Sonne voller Schadenfreude, die sich einen Spaß daraus machte, meine Nase zu kitzeln und ich war kurz davor ihr entgegenzusetzen, dass ich einem Nasekitzeln momentan nicht sehr wohlgesonnen war. Da bekanntermaßen aller guten Dinge drei sind – wobei diese Dinge weit entfernt von gut waren, ich will beinahe sagen schlecht – begann die Glocke zu läuten und ich fühlte mich als hinge sie nicht in der Kirche, sondern dort wo sonst üblicherweise mein Hirn war. Am siebten Tag sollten wir anscheinend ruhen, aber jede Woche aufs Neue hatte er wohl seine Meinung wieder geändert.

Auf dem Weg ins Gotteshaus ließ ich die Erinnerungen der letzten Nacht durch meine Birne wandern und war tatsächlich ein wenig stolz darauf, dass ich überhaupt noch irgendetwas wusste. August hatte die letzten zwei Tage in Berlin verbracht und war nun selbsternannter Kosmopolit oder wie auch immer das Wort war und ich es amüsierte mich, dass er meinte, ein zweitägiger Aufenthalt außerhalb des Dorfs hätte ihn zu einem neuen, weltoffenen Menschen gemacht. Ich wusste allerdings, dass er nicht nur gern übertrieb, sondern auch allgemein nicht der Schnellste war. Bei August begann das schon mit seiner Geburt, die ironischerweise, anders als geplant, Anfang September stattfand. Aber September war nun mal kein Name für einen Jungen wie August. Außerdem hatte seine Frau Mutter schon alles fest geplant, und es ist ja allgemein bekannt, vor welcher außerordentlichen Schwierigkeit man steht, wenn man versucht Frauen, die sich etwas in den Kopf gesetzt haben, von etwas anderem zu überzeugen, vor allem, wenn sie schwanger sind.

Wie gesagt, August war ein Übertreiber und seinen Berlinaufenthalt konnte selbst der beste Übertreiber nicht so weit treiben. Denn eigentlich war er nicht in Berlin, sondern bei seiner Tante in einem Dorf Nahe Berlin, die ihm telegraphiert hatte und dringend seine Hilfe verlangte. Sie hatte nämlich die Befürchtung, ihr Augenlicht zu verlieren und August, als pflichtbewusster und vor allem erbfähiger Neffe, machte sich sofort auf den Weg, um ihr aus Zeitungen zu lesen und was man sonst so mit alten augenschwachen Tanten macht. Nun hatte die alte Dame allerdings lediglich vergessen ihre Brille aufzusetzen und nachdem August dieses Problem ermittelt und behoben hatte, beschloss er noch einen Tag dort zu bleiben, da der nächste Autobus sowieso erst am nächsten Morgen ging.

Aber nicht alle durchschauten Augusts Schwindeleien so wie ich. Er verstand es nämlich, seinen Geschichten mithilfe von Requisiten oder wie das heißt ein bisschen Glaubwürdigkeit einzuhauchen. Und so war es auch dieses Mal wieder. Kurz nach seiner Rückkehr am gestrigen Nachmittag klopfte er, um mich für den Abend einzuladen, er hätte wohl etwas delicates aus der Großstadt mitgebracht und ich fragte mich, ob er auch dieses komische Wort dort gefunden hatte. Wir trafen uns also wie geplant gegen acht bei Wilhelm, oder besser Willi, sein Vater hieß schon Wilhelm und kurioserweise auch dessen Vater und ihn Willi zu nennen war eine gute Möglichkeit, jegliche Verwechslung auszuschließen. Es war schon fast Tradition oder wie man das nennt, dass wir uns Sonnabendabend dort trafen, auch wenn Willis Stube aufgrund der Größe, oder wohl besser Kleine, eher den Eindruck einer Sardinendose machte, in die wir uns quetschten.

Passend zu seinem Eintreten in die Welt, verzögerte sich auch Augusts Eintreten in Willis Stube. Nach einer Reihe von „Hallo“s stellte August, der den stolzen Blick eines brütenden Huhnes aufgesetzt hatte, eine Flasche auf den Tisch und erklärte: „Das Gesöff ist delicat!“

Da war es wieder, dieses schreckliche Wort, das zusammen mit der Flasche seinen Weg von Berlin nach Obergrubenbach gefunden hatte, aber ich ließ das Ganze unkommentiert. Ganz im Gegensatz zu Willi, der mehr an der Form der Flasche als am Inhalt Gefallen gefunden hatte.
„Das ist eine fabelhafte Flasche!“, proklamierte er, als würde er ein Dorffest eröffnen.
„Pfeif doch auf die Flasche du Einfaltspinsel. Es geht um den Inhalt“, hielt August entgegen, „das nennt sich Absinth und ist momentan der Reißer in der Hauptstadt. Wir brauchen Gläser, einen Löffel, Zündhölzer und Zucker.“

Willi machte sich also auf den Weg um die verlangten Utensilien heranzuschaffen und wirkte dabei ein bisschen überfordert, beinahe wie ein kleines Mädel, das zum ersten Mal alleine zum Gemischtwarenladen stampft. Ich wunderte mich währenddessen über den Zucker. August erklärte mir die diversen Arbeitsschritte des Absinthtrinkens, die ich mir wahrscheinlich aufgrund meines wilden Kopfschüttelns nicht merken konnte. Versteht mich nicht falsch; wenn jemand zum Umtrunk lädt, dann bin ich der erste, der aufschlägt, aber ein Gesöff, das zuerst mehrere Vorarbeiten durchlaufen muss bevor man es nutzen kann war mir suspekt.

Willis Rückkehr riss mich aus meiner Verwirrung. „Ich hab keinen Zucker gefunden, nur Salz.“
Ich sah, wie Augusts Gedanken rasten bevor er bekannt gab, dass Salz genau so gut funktionieren würde, schließlich sähe es ja gleich aus und ich war mir sicher, dass das nicht stimmen konnte.
„Passt auf, ich zeig euch wie es geht“, sagte August wie unser ehemaliger Dorflehrer. Er schüttete also das Gesöff aus der fabelhaften Flasche in die Gläser, und Willi und ich mussten in diesem Moment ganz sicher denselben Blick gehabt haben. Ihr kennt sicher diesen Trick, in dessen Verlauf man einen Daumen geschickt zwischen Zeige- und Mittelfinger schiebt, um kleinen Kindern das Klauen derer Nasen vorzugaukeln. Mit dem gleichen unverständlichen Glotzen, welches die der Nase Beraubten jedes Mal zur Schau stellen, saßen wir nun da. Das Gesöff, ob ihr es glaubt oder nicht, war nämlich grün. Wir waren noch im Begriff uns von diesem Anblick zu erholen, als August schon den zweiten Akt seines Theaters einleitete. Er streute das Salz auf den Löffel, zündete das namensgleiche Holz und versuchte, warum auch immer, das Salz zu entflammen, was natürlich nicht gelang. Ich saß mit unverändertem Blick und hatte nicht die Leiseste, was das denn sollte. Unkommentiert ließ August das Salz in das Glas rieseln, rührte um und trank. An seinem Blick erkannte ich sofort das, was ich schon wusste: Salz hat außer seinem Aussehen nichts gemein mit Zucker.

„Selbst in Berlin schmeckt es nicht besser“, würdigte August sein Experiment und mir wurde langsam klar warum Vater immer sagte, dass in Berlin nur Verrückte leben. Ich hätte mir nichts Schöneres vorstellen können als dieses Gesöff nicht zu trinken, aber unter Freunden ist das nun einmal so, dass man jeden Nonsens mitmacht. Also durchliefen Willi und ich dieselbe Prozedur mit unseren Gläsern und tatsächlich wurde mir nun bewusst, dass das die letzte Erinnerung war, die ich an den gestrigen Abend hatte. Als wären meine Gedanken lauter als die Kirchenglocken, wurden diese pünktlich zum Ende der Erinnerung durchbrochen.


*​


„Ihr seid spät“, entgegnete mir eine seitliche Stimme und im ersten Moment wusste ich wirklich nicht, ob ich alleine war oder nicht. Die Konfusion löste sich auf sobald ich sah, wessen Organ mich da in die Seite stach. Erich Fischer, ein weiterer Charakter in diesem Dorf mit ironischem Namen, er war nämlich Schäfer, stand nun also da und wiederholte seine Aussage. Der alte Erich, und er war wirklich alt, stammte wohl aus einer Zeit in der man ein ähnlich merkwürdiges Vokabular verwendete wie die Berliner, da er die Angewohnheit hatte, alle Leute zu Ihrzen und klang damit wie etwas aus den Geschichtsbüchern. Glücklicherweise entdeckte er schon den nächsten Zuspätkommer, den er anihrzen konnte und ich verschwand in Windeseile ab ins Gotteshaus.

Wie erwartet stand Pfarrer Pfeiffer schon auf seiner Kanzel oder wie das Ding heißt, und ich setzte mich unerkannt in die vorletzte Reihe um möglichst jedem Kontakt aus dem Weg zu gehen. Da saß ich nun also und lauschte der Predigt, in der es in diesem Augenblick um das Paradies ging, in dem Milch und Honig fließen und ich dachte mir, dass das bestimmt hilfreich ist, wenn man dort mal Halsschmerzen bekommt. Ich war schon beinahe in einem meditativen Zustand als mich von hinten ein langgezogener Vokal traf.

„Kaaarl“, flüsterte eine laute Stimme gegen meinen Hinterkopf. Ich kannte alleine in Obergrubenbach mehr als ein Dutzend Charaktere mit demselben Namen und ich bin mir sicher, dass es in Untergrubenbach sogar noch ein paar mehr waren, aber ich erkannte diese Stimme und wusste sofort, dass keiner der dreizehn oder so anderen Karls gemeint war.

„Kaaaarl“, hauchte es mir in der Lautstärke eines Autobusses in den Nacken und an den immer länger werdenden Vokalen wurde mir bewusst, dass ich ihn wohl nicht ignorieren konnte. Trotzdem gab ich mein Bestes und konzentrierte mich wieder auf den Geistlichen, der in seiner Predigt mittlerweile bei Wasser und Wein angelangt war und ich fragte mich, ob er die Bibel nicht mit der Speisekarte des Goldenen Ochsen verwechselt hatte.

Da ihn lange Vokale nicht an sein Ziel brachten, beschloss er, mich mit dem Finger in den Rücken zu stippen. Ich drehte eulenartig meinen Kopf und wusste schon, wer dort sitzen würde. Ferdinand war einer dieser Kerle, die einem auch ganz ohne Absinth Kopfschmerzen bereiten und ebenso schwer zu vermeiden waren. Er hatte eindeutig die Augen eines ertrinkenden Frosches und auch sonst einige andere Merkmale des grünen Amphibs oder wie auch immer die Wissenschaft das nennt. Seine Zunge nämlich, sprang beim Sprechen regelmäßig vertikal nach vorne, als würde es ihn nach Fliegen gelüsten.

„Karl, du wirst es nicht glauben.“ Geschickt wich ich dem hervorspringenden Lappen aus und wunderte mich mehr über meine Reaktionsfähigkeit als über das, was Ferdinand mir wohl eröffnen würde.

Ich wartete also auf die wahrscheinlich nicht sehr spannende Neuigkeit, aber alles was ich bekam war Ferdinands ausgestreckter Arm, den er lediglich mit einem Blick kommentierte, der ähnlich stolz war wie Augusts hühnerartiger vom vergangenen Abend. Nachdem ich mich vor wenigen Augenblicken noch über meine Reaktionsfähigkeit erfreut hatte, versetzte mich diese Situation wieder in einen wirren Zustand. Ferdinand schüttelte seinen Arm und ich hatte noch immer keinen Schimmer, was er von mir wollte.

„Karl, die Uhr“, sagte er und erlöste mich aus meiner Verwirrung. Ich kommentierte das Ganze mit einem „Ah“ und damit war die Sache für mich gegessen, wie Pfarrer Pfeiffer wohl sagen würde, aber für Ferdinand begann jetzt erst seine eigene kleine Predigt: „Fortis Harwood Automatik.“ Mir war bewusst, dass diese Laute aus seinem Mund kamen, gefolgt vom Ferdinand’schen Zungenspringen, aber was diese Worte bedeuteten, das blieb mir ein Geheimnis. Er fuhr fort mit seiner Lobeshymne: „Die erste Automatikuhr. Das ist die Zukunft. Schau mal hier im ...“ Ich döste wieder langsam weg und war nicht wirklich interessiert an Ferdinands Ausführungen. Dieser hatte mittlerweile die Uhr vom Arm genommen und erklärte mir ganz ausführlich alle Funktionen und sonstige Spielereien und es fiel mir nicht schwer meine Begeisterung zu verstecken.

Ferdinand war ganz verrückt nach solchen Dingen. Erfindungen oder solches Zeug. Ich erinnere mich noch als er aus dem Krieg zurückkam und dort wohl ein Radio entführt hatte. Damals hatte er es tatsächlich geschafft, das halbe Dorf zu versammeln, um ihnen die neueste Technologie zu präsentieren. Das Problem war allerdings, dass es, im Gegensatz zu heute, noch gar keine Rundfunkübertragungen gab und dementsprechend war alles, was die gespannte Dorfbevölkerung zu hören bekam eine peinliche Stille, die abwechselnd von einem Hahn und dem Fluchen Ferdinands unterbrochen wurde.

Gerade als Ferdinand zum Finale seiner Rede kam erhob sich der Rest der Gemeinde zum Singen eines Chorals und ich hätte nie gedacht, dass mich verstimmter Gesang jemals aus den Klauen Ferdinands, oder besser Flossen, um beim Froschhaften zu bleiben, retten würde.

All das Predigen von Wasser und Honig, und Wein und Milch hatte mich hungrig gemacht und glücklicherweise war Sonntag und Mutter hatte bestimmt schon gekocht und ich stahl mich noch vor Ende des Gesangs genau so unauffällig aus dem Gotteshaus wie ich eingetreten war und rannte so schnell ich konnte, um eine Verfolgung durch Ferdinand auszuschließen, bis ich um die Kirchenmauer bog. Es war tatsächlich ein herrlicher Frühlingstag und auch das Nasenspitzenkitzeln der Sonne war mir jetzt weniger lästig als nach meinem Erwachen. Die Vorfreude auf den Sonntagsbraten hatte mir wieder Lebenskraft eingehaucht und galoppierend wie ein junges Fohlen hüpfte ich dem Haus der Alten entgegen.


*​


„Grüß Gott, ihr Alten“, grüßte ich beim Eintreffen in die elterliche Stube woraufhin mich ein Blick traf, der mir sagen wollte „Rede nicht so im Beisein deiner Verwandten.“ Das Fleisch und Blut war schon fast vollständig versammelt und als ich sah, dass es nicht Mutter war, die heute kochte, sondern Großmutter, ging mein Zustand wieder in Richtung meines Erwachens. Großmutter war eine fulminante Bäckerin, aber die Kochstunden hatte sie damals in der Schule wahrscheinlich krank im Bett verbracht oder aus anderen Gründen verpasst. Und ausgerechnet sie war heute mit der Zubereitung des Sonntagsbratens beauftragt. Ich warf einen fragenden Blick in den Raum und Vater war derjenige, der ihn einfing.

„Mutter war noch in Untergrubenbach beim Otto“, warf er zurück und ich erkannte, dass er ebenso verzweifelt war wie ich, „Großmutter hat glücklicherweise geholfen.“ Ich erkannte die meisten Lügen sofort, aber diese Lüge hätte selbst jemand erkannt, der nicht dafür bekannt ist Lügen zu erkennen. Aber es gehört nun mal zum guten Ton, schlechte Dinge nicht zu tadeln, wenn sie von den Alten kommen.

Just in diesem Moment kam Mutter zurück, in deren Blick ich schon erkennen konnte, dass es ihr Leid tat, das Kochen abgegeben zu haben. Es wurde nicht viel geredet. Großmutter wollte das nicht und außerdem waren wir beschäftigt mit Kauen. Ich hatte tatsächlich das Gefühl, dass Großmutter den echten Braten versteckt hielt, um ihn später selbst zu verzehren, und uns dafür ein Stück Gummireifen eines Omnibusses gebraten hatte.

Ich weiß nicht, ob ihr schonmal von Obergrubenbach nach Untergrubenbach spaziert seid, aber auf Höhe von Bauer Gießlers Hof, kurz nach der großen Kastanie standen früher immer Ottos Kühe. Und ich verbrachte schon viele schöne Stunden damit, ihnen beim Grasen zuzusehen. Die standen da also und kauten und kauten und kauten, als ob ihr Leben davon abhinge. Würden eben diese Kühe jetzt im Moment durch unsere Scheibe glotzen, so würden sie mit Sicherheit denken wir gehörten zu ihresgleichen. Wir saßen also da und kauten und kauten und, mein Gott, ich frage mich noch immer, wie man einen Braten so unbrauchbar machen konnte.

Nach dem Essen verflogen die Kopfschmerzen, welche nun durch Kieferschmerzen vom Kauen abgelöst wurden. Ich bedankte mich fürs Essen, zündete mir eine Pfeife an und machte mich auf den Weg nachhause, wo ein ausgiebiger Mittagsschlaf schon auf mich wartete. Wahrscheinlich kennt ihr das, aber der Schlaf ist nach einer durchzechten Nacht und einem ausgiebigen Essen, egal wie schwer es zu kauen ist, ein ganz vorzüglicher. Ich setzte mich auf die alte Bank vor dem Haus und rauchte meine Pfeife zu Ende. Ich war schon dabei durch die Türe zu biegen, als der gefürchtete Langvokal mich traf. Ich drehte mich wieder zur Tür hinaus und sah von weitem den froschähnlichen Charakter herbeispringen. Das war das letzte was ich jetzt brauchen konnte. Ich setzte mich wieder auf die alte Bank. Ich hatte aufgegeben. Man konnte ihm nicht entfliehen. Da saß ich also, jegliche Vorfreude auf den Mittagsschlaf war geschwunden und ich erwartete den zweiten Teil des Uhrenreferats.

„Karl!“ Das war in diesem Moment das einzige was er außer schwerem Atmen rausbrachte. Ich zündete mir eine weitere Pfeife an und wartete auf seinen Vortrag. Langsam kam er wieder zu Kräften und begann zu monologisieren: „Karl!“, begann er, doch diesen Teil kannte ich schon, „ich brauche deine Hilfe, es ist passiert, das Schlimmste, was du dir vorstellen kannst, Karl, mein Vater“, und hier begann eine kurze Pause, da der Referent den Tränen nahe war, „mein Vater, meine Uhr, meine Fortis Harwood Automatik“, und wieder läutete er eine Pause ein um mit den Tränen zu ringen.

„Ganz ruhig“, bat ich ihn und bot ihm einen Zug aus meiner Pfeife an. Ich hatte gelernt, dass ein solcher in schwierigen Situationen Wunder wirken kann. Er lehnte ab und führte fort: „Vater hat die Uhr eingetauscht. Ich hab sie nach der Kirche ins Etui gelegt. Damit ihr nichts passiert. Und als ich geschaut hab, da war sie weg. Einfach weg. Emma hat gesagt“, und hier musste ich ihn unterbrechen.

„Was hat Emma gesagt?“, und ich wusste auch nicht warum ich das gefragt hatte, denn er hatte ja in seiner Rede schon angekündigt zu erzählen, was sie gesagt hatte. Aber ihr müsst wissen, dass Emma, Ferdinands Schwester, das wundervollste Mädchen im ganzen Grubenbachkreis war und alleine das Erwähnen ihres Namens mein Herz so hoch springen ließ wie eine von Bauer Gießlers Ziegen. Das waren ganz verrückte Viecher. Wir hatten im letzten Sommer Obstkisten aufgestellt um herauszufinden welche denn am akrobatischsten war. Und tatsächlich hatte es die Wilde Hilde, ein grau-braunes Exemplar, geschafft über fünf der besagten Kisten zu springen und war damit dem Wackligen Walther, der schon an der ersten Kiste scheiterte, weit voraus.

„Sie hat gesagt, dass Vater die Uhr mitgenommen und beim Otto gegen eine Sau eingetauscht hat“, sagte Ferdinand und riss mich aus den Gedanken an die Ziegenolympiade. Ich kommentierte das Ganze wieder mit einem meiner „Ah“s und hatte eigentlich gehofft sie hätte gesagt, dass sie mich heiraten möchte, aber im Nachhinein wäre das im Kontext der verlorenen Uhr unpassend gewesen.
„Was sollen wir denn jetzt tun?“ stellte er fragend fest und sein „wir“ gefiel mir überhaupt nicht. Spätestens jetzt wusste ich, dass ich meinem Mittagsschlaf adieu sagen konnte.
„Wir?“
„Ja, Karl, wir!“
„Was hab ich denn mit deiner scheußlichen Uhr zu tun?“
„Die Fortis Harwood Automatik ist keine scheußliche Uhr. Es ist die erste Automatikuhr und wurde 1926 in England ...“
„Jaja, ich weiß das doch,“ unterbrach ich ihn – auch wenn ich es nicht wusste – um nicht nochmals die schon in der Kirche vorgetragene Beschreibung über mich ergehen zu lassen.
„Karl, weißt du noch damals? Als ich dich aus dem Grubenbach gerettet hab? Ich hab dein Leben gerettet. Du musst mir einfach helfen.“

Wieder mal diese alte Geschichte. Vor etwa zwei Jahren, an einem sommerlichen Sonntag wie heute, nach einer ebenso durchtrunkenen Nacht, hatte ich beschlossen meinen Mittagsschlaf in den Grubenbach zu verlegen um mich abzukühlen. Der erwähnte Bach taugte überhaupt nicht zum Ertrinken. Selbst wenn man es versuchen würde, so würde noch immer eines der Atemlöcher aus dem Wasser ragen und das Ertrinken verhindern. Nun war es aber so, dass ich dort doch in einen tiefen Schlaf gefallen war und erwachte, als mich etwas am Fuß aus dem Bach zog. Im ersten Moment dachte ich an eine von Bauer Gießlers Kühen und auf den ersten Blick war das auch so, schließlich ähneln sich Kühe und Frösche, wenn man sich im Halbschlaf befindet. Der zweite Blick offenbarte dann aber, dass es Ferdinand war, der meinen Fuß gepackt hatte und mich aus dem Bach zog. „Hallo“, oder sowas ähnliches hab ich in diesem Moment wohl gesagt, aber der Arme war ganz vertieft ins Karl-Ziehen und um ihm nicht die Freude zu nehmen, ließ ich die Tortur über mich ergehen bis ich letztendlich zum Trocknen auf eine Wiese gelegt wurde. Seit diesem Tag glaubt er, mein Leben gerettet zu haben und jeglicher Versuch ihm zu erklären, dass ich im Bach lag um zu schlafen war fehlgeschlagen. Ich schuldete ihm also nichts. Aber ich beschloss ihm trotzdem zu helfen. Ihr müsst wissen, ich helfe gerne, wenn Not am Mann ist und vor allem, wenn der Mann in Not eine wunderschöne Schwester hat.


„Also gut, Ferdi du alter Dusel, wie ist der Plan?“
„Ganz einfach, geh zum Otto und klau meine Uhr.“
Das schien mir weder einfach noch überhaupt sowas wie ein Plan zu sein.
„Das war’s? Das ist doch kein Plan.“
„Okay hör zu Karl. Du gehst einfach zum Otto. Der zieht seine Uhr immer aus bevor er in den Saustall geht und legt sie irgendwo draußen hin. Dann kannst du sie ganz einfach nehmen. Er wird denken, dass eines der Schweine die Uhr gefressen hat.“

Das klang wie das Absurdeste, das ich bis dahin in meinem ganzen Leben gehört hatte. Der Diebstahl-Abschnitt war schon schwierig, aber was man nicht alles tut für eine schöne Schwester. Dass jedoch ein Schwein eine Uhr frisst, das war schon etwas Unglaubliches, und auch wenn Otto nicht der hellste Kopf im Dorf war, so würde er das gewiss durchschauen.

„Eine Sau, die Uhren frisst. Ferdi, sowas miserables glaubst du doch selbst nicht.“
„Doch Karl!“, empörte er sich, „Schweine fressen alles. Erinnerst du dich noch als letztes Jahr beim Gießler die Gummireifen verschwunden waren? Das war eine von Ottos Säuen, die entflohen war. Die hat die ganzen Reifen gefressen.“
Mir fiel wieder Großmutters Braten ein. Der wär demnach ein Festmahl für die reifenfressende Sau. Mir schien das Ganze noch immer eine unglaubwürdige Erklärung, aber ich hatte keine Wahl. In meinem heutigen Zustand konnte ich mir keinen guten Plan einfallen lassen.
„Gut Ferdi. Dafür legst du aber ein gutes Wort bei Emma für mich ein.“
„Ach Karl! Ich wusste, dass du nicht vergessen hast, dass ich dein Leben gerettet hab.“

Ich wartete bis Ferdinand am Horizont verschwand und beschloss, noch in Ruhe eine letzte Pfeife zu rauchen, bevor ich mich an den Plan machte.



*


Ich dachte mir, dass das vielleicht doch nicht so schwierig sein könnte, eine Uhr aus einem Stall verschwinden zu lassen und verließ Obergrubenbach Richtung Untergrubenbach, wo sich Ottos Hof befand. Der kurze Fußmarsch führte mich vorbei an kauenden Kühen und dem Bach, der mich schon beim Anblick wieder zu einem Schläfchen einlud. Aber dafür war keine Zeit. Normalerweise lasse ich mich gerne ablenken von Kühen und Bächen, aber heute war ich auf einer wichtigen Mission und so begrüßte und verabschiedete ich mich mit demselben Handwink von Kuh und Bach und schritt fort.

Ein schweinischer Geruch verkündete das baldige Ende meiner Reise. Ich machte am Zaun vor Ottos Hof Halt und verschaffte mir einen ersten Überblick. Besagter Schweinebauer stand etwas abseits des Hofs und war ganz emotional mit einer Schaufel zugange, wie ein Hund, der nicht mehr weiß, wo er seinen Knochen vergraben hatte. Mein Blick wanderte weiter und stoppte am Schweinestall der offen stand. Man hat manchmal dieses Gefühl, wenn man etwas weiß ohne es wirklich zu wissen und ich meinte zu wissen, dass Ottos Sonntagskleidung zusammen mit der entführten Uhr dort drin versammelt sein mussten.

Otto war noch immer wild am buddeln und ich schlich mich unerkannt in die Richtung des Stalls. Ich trat ein und sah, dass alles voll mit Schwein war. Mein Blick blieb bei einer Konstruktion hängen, die wohl einen Schrank darstellen sollte. Das könnte Ottos Umkleidezimmer sein, erörterte ich detektivisch und ich wagte noch einen letzten Blick nach draußen um sicher zu gehen, dass Otto sein Graben nicht schon beendet hatte. Das schrankartige Möbel stand offen und nach kurzer, sorgfältiger Durchwühlung der Gewänder entdeckte ich tatsächlich eine Uhr.

Das Problem war, wie ihr euch sicher erinnert, dass ich Ferdinand wenig Aufmerksam geschenkt hatte bei seiner Vorstellung der Uhr und wenn ich wenig sage, dann meine ich gar keine. Ich hatte also nicht den Blassesten, wie die Uhr überhaupt aussieht und da ich im Allgemeinen kein Uhrenliebhaber bin, sahen für mich sowieso alle aus wie die anderen. Ich griff nach dem guten Stück und mich überkam ein Gefühl der Erlösung. „Fortis“ prangte auf dem Armband der Uhr und ich erinnerte mich wieder an den Namen des Dings.

„Karl, du bist ein ganz besonderer Genius“, lobte ich mich, als ich zwischen all dem schweinischen Gequietsche etwas anderes wahrnahm. Aus einem der Ställe erschienen zwei brezelartige Zöpfe, denen kurz darauf das dazugehörige Kind folgte und ich war im ersten Moment entzückt und dachte mir, dass das ein guter Platz war um Kinder zu lagern. Meine Entzückung wich, als ich sah, dass es Ottos Tochter war, die dastand und abwechselnd mich und die Uhr in meiner Hand anschaute.


„Was machst du mit Vaters Uhr?“
Ich brauchte schnell eine glaubwürdige Erklärung und wieder einmal ließ mich mein von Genialität gesegneter Verstand nicht im Stich.
„Mein Name ist Ulrich van den Uhren und ich bin ein holländischer Uhrenputzer“, erklärte ich ganz ohne holländischen Akzent, da ich noch nie einen dieser getroffen und überhaupt keine Ahnung hatte, wie die überhaupt sprechen. Jedes andere Kind hätte ich mit meiner brillanten Spontaneität problemlos hinter sämtliche Lichter führen können, aber dieses Exemplar war hartnäckiger. Hätte sie auch nur einen Hauch der Dummheit der Otto innewohnt geerbt, dann wäre ich schon lange wieder auf meinem Weg nachhause und hätte doch noch Zeit für einen späten Mittagsschlaf.

„Ich weiß, wer du bist.“
„Ah?“
„Ja, du bist der Karl und du willst Vaters Uhr klauen.“
Ich saß eindeutig in der Falle. Ich hatte keine Kraft für weitere Erleuchtungen und dachte mir, dass dieses Kind vielleicht nicht nur klug, sondern auch vernünftig war und beschloss, die Problematik darzulegen. Das Kind verstand und nach Beendung meiner Ausführungen grinste es mich an wie ein Storch.
„In Ordnung. Ich gebe dir Vaters Uhr.“
Mal wieder konnte ich mit meinen Verhandlungsfähigkeiten überzeugen und dankte ihr für die Zusammenarbeit.
„Aber ich will was dafür.“
„Ah?“, jetzt kam bestimmt ein unwirklicher Wunsch, den ich nicht erfüllen konnte, so wie gemeine Kinder ihres Schlages das so machen. Woher sollte ich in kurzer Zeit ein Pony, oder was kleine Mädchen immer wollen, nehmen? Beim Gießler stand eins, aber der war ziemlich hell im Kopf und würde das Verschwinden seines kleinen Hufenträgers sofort merken.
„Ich will Kaugummi“, verlangte sie und ich fühlte mich mal wieder wie in einem Fremdwörterbuch.
„Kau was?“
„Kaugummi. Käthchens Bruder hat ihr sowas aus Berlin mitgebracht und ich will auch welche. Dann bekommst du Vaters Uhr.“
Sie hatte bestimmt zu viel Zeit mit den Schweinen verbracht, denn wer wollte schon aus freien Stücken Gummi kauen? Wie auch immer, mein Problem war gelöst. Käthchen war die Schwester unseres Kosmopoliten und wenn mir jetzt einer helfen konnte, dann August.
„Gut Kindchen, du wartest hier und ich kümmer mich um das Kauzeug.“
Mit schnellerem Schritt als auf dem Hinweg spurtete ich zurück nach Obergrubenbach, ohne Kühen und Bächen auch nur einen Blick zu schenken und das bedeutete, dass die ganze Sache ernst war.



*


Beim Einbiegen ins Dorf kam mir der Ihrzer entgegen und ich begann schneller zu gehen, ja beinahe zu rennen. August wohnte im Haus seiner Eltern, die zu den Großeltern nach Untergrubenbach gezogen waren und ich dachte mir, dass ich dasselbe getan hätte, wenn ich Wohnraum mit August teilen müsste. Versteht mich nicht falsch, August ist ein Spitzenkerl, aber auf Dauer ein Nervenräuber sondergleichen. Wie üblich pfiff ich einen kurzen Akkord durchs offene Fenster, das diente im Normalfall als Sesam-öffne-dich. Heute jedoch nicht. Ich klopfte und überlegte, vor dem Haus zu warten. Aber die Situation war keine, die man aussitzt. Also verging ich mich spechtartig an der Tür bis August öffnete. Er hatte immer noch den Blick eines Huhnes, der allerdings von stolz nach gerupft gewandelt war.

„Mhm?“, murmelte er mir entgegen, aber ich hatte keine Zeit für solche Nasalitäten.
„August, spar mir jegliche Mhms, wir haben ein Problem.“
„Oh?“
Der Austausch von einzelnen Lauten brachte mich nicht weiter, aber ich wusste, wie ich auf Augusts Wissen zugreifen konnte.
„August, du bist der einzige Kosmopolit, den ich kenne und ich brauche deinen weisen Rat.“
Ich wusste, dass das klappt. August ist immer ganz Feuer und Flamme, wenn man ihm das Gefühl gibt, seine Meinung sei die Wichtigste.
„Ich wusste, dass du meine Exkursion nach Berlin zu würdigen weißt. Glaub mir, niemand kennt das schillernde Großstadtleben so gut wie ich. Also los, was ist es, was ich tun kann?“
Ich hatte keine Zeit, die gesamte Uhrenproblematik zu schildern und kam gleich zum Punkt.
„Kaugummi. Hast du sowas? Ich hab gehört du hast Käthchen sowas mitgebracht.“
„Karl, Kaugummis sind der Reißer in Berlin. Sowas delicates!“
Die ernste Lage verbot mir jeden Kommentar, also ließ ich Augusts Vokabular über mich ergehen.
„Jaja, delicat ...“, unterbrach ich ihn und danach sofort mich, dann das Wort rollte wider Erwarten ganz einfach von der Zunge und klang auch noch ganz, nun ja, delicat. Ich fuhr fort: „Ich brauche welchen. Dringend.“
„Aber Karl, Käthchen hat schon alle gegessen und mehr hab ich nicht mitgebracht.“
Das war mal wieder typisch. Dieser scheußliche Plan war so voller Lücken, dass er schon beinahe einem einzigen Loch glich in das ich hineinzufallen drohte. Trotzdem war mein Interesse geweckt.
„Sag, August, kannst du mir mit deinem kosmopolitischen Verstand erklären, was überhaupt ein Kaugummi ist.“
„Sowas weiß doch jedes Kind. Das sind süße, wie sagt man, Zuckerstücke, die man kaut. Also man kann sie stundenlang kauen und wenn man fertig ist, dann spuckt man sie aus.“

Dieser Tag war an dämlichen Aussagen nicht zu übertreffen. Noch vor ein paar Stunden war ich in derselben Lage, kauend ohne Ende an Großmutters Braten und ich konnte mir nicht vorstellen, wie jemand das aus freien Stücken tun wollte. Wozu sollte jemand nach Berlin fahren, wenn Großmutters Braten als Kaugummi dienen konnte.

Noch bevor ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte, stieß ich wieder ein „Ah“ aus, aber keines, das voller Verzweiflung oder Gleichgültigkeit war, sondern eines dieser „Ah“s, die man ausstößt, wenn man über 2+2 grübelt und einen nach langer Anstrengung, wie aus dem Nichts, eine 4 anspringt.

„August, du bist ein Genie!“, rief ich, aber ich war schon losgespurtet und auf dem Weg zurück ins Elternhaus. Dort angekommen schlich ich in die Küche, ich wusste, dass wir noch mehr als genug des Kaugummis übrighatten. Großmutter lag in der Stube und hielt ihren Mittagsschlaf und ich freute mich schon darauf, auch mal so alt zu sein, um dann den ganzen Tag zu schlafen.

Ich packte die Reste des Bratens in meine Jackentasche und wusste, dass das noch eine dieser schlechten Ideen war, die ich an diesem Tag hatte. Jetzt musste nur noch ein Problem gelöst werden, das Zeug war nämlich alles andere als süß. Aber ich war jetzt voller Tatenrang. Ab ging ich in die heimische Küche, wo ich besser ausgestattet war wie Willi und sofort den gesuchten Zucker fand.

Ich schnitt den Braten in mundgerechte Stücke, quetschte die letzten Saucenreste aus und wendete sie in Zucker. Ich hatte in meinem Eifer nicht gemerkt, dass August wohl beschlossen hatte, mir einen Besuch abzustatten und am Türrahmen lehnte.
„Karl, grüß Gott, ich hab da noch was für dich.“
„Ah!“, sagte ich, dieses Mal überrascht, „Was gibt’s denn?“
„Ich kann zwar nicht mit Kaugummi dienen, wie gesagt, Käthchen war da etwas gierig, aber ich hab noch das Kaugummipapier, damit du mal siehst, wie großartig das aussieht.“
„August, du bist mein Retter!“

Ich begann, die gesüßten Bratenstücke in das Kaugummipapier zu wickeln und wusste, dass der Tag doch noch gerettet war. Im Augenwinkel sah ich August, der sich ein Stück des Bratens in den Mund geschoben hatte und angestrengt kaute und ich dachte mir, dass dieses Kaugummikauen nicht nur eine ganz merkwürdige Mode war, sondern auch noch ziemlich dämlich aussah. Nachdem ich alle Stücke im Papier und dieses in meiner Jacke verpackt hatte, war August noch immer am Kauen und ich lud ihn ein für die nächsten Stunden, oder wie lange er noch kauen würde, hier zu warten.

Ich hatte damals in der Zeitung gelesen von den Olympischen Spielen, da gab’s diesen großartigen Kerl, Abraham oder so, aber ich bin nicht gut mit Namen. Irgendein Engländer. Der rannte die 100 Meter in Goldgeschwindigkeit und ebenso schnell rannte ich zu Ottos Hof. Otto war tatsächlich immer noch am Graben und das Tor zum Stall stand unverändert offen. Dieses Mal ging ich in normaler Manier zum Stall, da Otto so vertieft im Boden war, dass er nicht gemerkt hätte, ob da nun jemand schlich oder nicht.

Das Kind kam ums Eck des Stalls und verlangte nach kieferschmerzendem Konfekt. Ich übergab die geforderte Ware und wartete auf ihre Reaktion.
„Willst du nicht mal probieren?“, fragte ich und wusste, dass das keine meiner guten Fragen war. Ich war mir sicher, sie würde den Schwindel bemerken, aber ich wollte natürlich auch wissen, ob ihr Kiefer damit zurechtkam.
„Nein, die sind für Luise. Wenn ich ihr Kaugummi geb dann lässt sie mich auf ihrem Pony reiten.“

Ich wusste es! Am Ende geht es immer um Ponys bei diesen Gören. Mir konnte das recht sein, ich hatte meine Aufgabe erfüllt und war bereit, die Uhr entgegenzunehmen. Ich sah sie an mit einem Blick der ihr klarmachen sollte, dass ich wartete.
„Die Uhr liegt noch im Stall. Du kannst sie mitnehmen, ich sag Vater nichts.“

Und so verschwand sie, wahrscheinlich auf dem Weg zu diesem verfluchten Pony. Mir konnte das egal sein. Ich ging zurück in den Stall und begann wieder im Schrank zu wühlen. Da wo vorhin noch eine Uhr lag, da war jetzt nichts. Ich fragte mich, ob dieses freche Kind mich nicht doch in die Irre geführt hatte. Da stand ich jetzt also uhrlos im Stall und wunderte mich, was ich noch tun konnte. Ich wendete mich schon zum Gehen, als ich unter den Schweinen ein braunes Uhrband sah. „Ah!“, voller Entzückung griff ich danach und konnte schon den erlösenden Schriftzug „Fortis“ erkennen. Das dumme Kind muss die Uhr fallen gelassen haben. Wie ihr wisst, kenne ich mich mit Uhren nicht aus, aber es wurde mir schnell klar, dass eine Uhr so ganz sicher nicht aussah. Ich zog das Band zwischen den Schweinefüßen hervor und mehr war da auch nicht. Ein halbes Uhrenband mit Spuren von Schweinegebiss. Das war’s. Ich hatte den Tag endgültig aufgegeben. Aber wenigstens wusste ich nun, dass Schweine tatsächlich Uhren fressen.

 
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MRG

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Hallo @MeinHausImHof,

und herzlich Willkommen hier im Forum. Ich habe mich mit deiner Geschichte schwergetan. Das lag zum Einen daran, dass die Geschichte am Anfang für mich überhaupt nicht klar war. Ansonsten haben mir einige Formulierungen nicht so gut gefallen. Ich gehe in den folgenden Textstellen auf meinen eigenen subjektiven Leseeindruck ein:

Wobei man bei meinem Zustand nicht von Wachsein sprechen konnte und aufgrund des Fehlens dieses, fiel mir auch kein passenderer Begriff ein.
Ich bin hier über das Wort "dieses" gestolpert, das hat sich für mich falsch angehört.

In einem ähnlichen Zustand befanden sie meine Augen
Befanden "sich" meine Augen.

Auf dem Weg ins Gotteshaus ließ ich die Erinnerungen der letzten Nacht durch meine Birne wandern und war tatsächlich ein wenig stolz darauf, dass ich überhaupt noch irgendetwas wusste.
Das Wort Birne hat mir nicht gefallen. Du versuchst einen lockeren und coolen Ton in die Geschichte zu bekommen, aber für mich liest sich das einfach zu plump.

August hatte die letzten zwei Tage in Berlin verbracht und war nun selbsternannter Kosmopolit oder wie auch immer das Wort war und ich es amüsierte mich
Ich wusste nicht wer August war und die abrupte Einführung hat mich etwas verwirrt. Vielleicht kannst du August am Anfang kurz beschreiben, sodass ich als Leser weiß, wer er ist.

Außerdem hatte seine Frau Mutter schon alles fest geplant, und es ist ja allgemein bekannt, vor welcher außerordentlichen Schwierigkeit man steht, wenn man versucht Frauen, die sich etwas in den Kopf gesetzt haben, von etwas anderem zu überzeugen, vor allem, wenn sie schwanger sind.
Ich bin über "Frau Mutter" gestolpert und finde den Satz generelle ziemlich verschachtelt. Mir gefallen klare Sätze besser.

Wie gesagt, August war ein Übertreiber und seinen Berlinaufenthalt konnte selbst der beste Übertreiber nicht so weit treiben.
Das Wort "Übertreiber" kommt mir merkwürdig vor und das Wortspiel mit "nicht so weit treiben" hat für mich leider nicht funktioniert. Bin darüber gestolpert.

Er verstand es nämlich, seinen Geschichten mithilfe von Requisiten oder wie das heißt
Ich würde dir empfehlen hier lieber präzise zu schreiben, weil "oder wie das heißt" bei mir als Leser den Eindruck hinterlässt, dass du dir als Autor selbst nicht sicher bist, was du eigentlich sagen willst.

Es war schon fast Tradition oder wie man das nennt, dass wir uns Sonnabendabend dort trafen, auch wenn Willis Stube aufgrund der Größe, oder wohl besser Kleine,
Hier gilt das gleiche wie in dem Zitat darüber ("Oder wie man das nennt" gefällt mir nicht).

Ich saß mit unverändertem Blick und hatte nicht die Leiseste, was das denn sollte.
Ich finde es besser, wenn du nicht die "leistete Ahnung" schreibst. Es wirkt auf mich, als hättest du das Wort vergessen.

aber unter Freunden ist das nun einmal so, dass man jeden Nonsens mitmacht.
Der Anglizismus kam mir an der Stelle unpassend vor.

Erich Fischer, ein weiterer Charakter in diesem Dorf mit ironischem Namen, er war nämlich Schäfer, stand nun also da und wiederholte seine Aussage.
Ich finde du führst zu viele Charakter in deiner Geschichte ein. Das hat auf mich die Wirkung gehabt, dass ich gar nicht genau wusste, um wen es dir eigentlich geht.

Wie erwartet stand Pfarrer Pfeiffer schon auf seiner Kanzel oder wie das Ding heißt,
"Oder wie das Ding heißt" finde ich zu unpräzise.

den er lediglich mit einem Blick kommentierte, der ähnlich stolz war wie Augusts hühnerartiger vom vergangenen Abend.
Bin über das Wort "hühnerartiger" gestolpert, ich finde das sprachlich nicht schön gelöst.
Die standen da also und kauten und kauten und kauten, als ob ihr Leben davon abhinge. Würden eben diese Kühe jetzt im Moment durch unsere Scheibe glotzen, so würden sie mit Sicherheit denken wir gehörten zu ihresgleichen.
Nach dem Essen verflogen die Kopfschmerzen, welche nun durch Kieferschmerzen vom Kauen abgelöst wurden.
Bei den beiden Stellen musste ich Schmunzeln, das Bild ist einfach so surreal. Das hat mir gefallen.

„Vater hat die Uhr eingetauscht. Ich hab sie nach der Kirche ins Etui gelegt. Damit ihr nichts passiert. Und als ich geschaut hab, da war sie weg. Einfach weg.
Hier fängt für mich die eigentliche Geschichte an und es wird deutlich spannender, als davor.

Ihr müsst wissen, ich helfe gerne, wenn Not am Mann ist und vor allem, wenn der Mann in Not eine wunderschöne Schwester hat.
Das finde ich sprachlich gut geschrieben. Finde das eine richtig gute Stelle.

„Also gut, Ferdi du alter Dusel, wie ist der Plan?“
„Ganz einfach, geh zum Otto und klau meine Uhr.“
Hier wurde es für mich als Leser spannender. Der Protagonist hat eine Mission, mal sehen, wie er das lösen wird.

Ich dachte mir, dass das vielleicht doch nicht so schwierig sein könnte, eine Uhr aus einem Stall verschwinden zu lassen und verließ Obergrubenbach Richtung Untergrubenbach, wo sich Ottos Hof befand.
Der Protagonist wirkt auf mich nicht besonders sympathisch und ausgesprochen arrogant. Er scheint sich generell wenig Gedanken zu machen und sich für einen Superhelden zu halten.

Ich hatte also nicht den Blassesten
Mir würde hier nicht den blassesten Schimmer besser gefallen. So wirkt es auf mich unvollständig.

Ich griff nach dem guten Stück und mich überkam ein Gefühl der Erlösung. „Fortis“ prangte auf dem Armband der Uhr und ich erinnerte mich wieder an den Namen des Dings.
Schade, hier war ich etwas enttäuscht, dass es so einfach war.

„Ja, du bist der Karl und du willst Vaters Uhr klauen.“
Dann kam hier aber der Konflikt und ich war wieder dabei, aber so richtig spannend war es dann doch nicht. Das Kind kommt mir zudem viel zu abgebrüht und professionell vor. Welches Kind verhält sich denn so, wenn es einen Einbrecher entdeckt? Hat man da als kleines Kind nicht eher Angst?

„Gut Kindchen, du wartest hier und ich kümmer mich um das Kauzeug.“
Er muss also Kaugummi besorge, damit sie ihn nicht verpfeift. Das hat mir nicht gefallen, kam mir zu konstruiert und wirklichkeitsfremd vor.

Ich begann, die gesüßten Bratenstücke in das Kaugummipapier zu wickeln und wusste, dass der Tag doch noch gerettet war.
„Nein, die sind für Luise. Wenn ich ihr Kaugummi geb dann lässt sie mich auf ihrem Pony reiten.“
Hier musste ich den Kopf schütteln. Das ist mir einfach zu konstruiert und die Lösung hat mich auch nicht überzeugt. Sobald ihre Freundin sich beschwert, hat der Protagonist doch ein Problem. Sie kann ihn dann doch jeder Zeit verpfeifen. Hat mir nicht gefallen.

Ich hatte den Tag endgültig aufgegeben. Aber wenigstens wusste ich nun, dass Schweine tatsächlich Uhren fressen.
Das Ende hat mir nicht gefallen, finde es nicht besonders originell und es trifft auch leider nicht meinen Humor.


Insgesamt konnte ich mit deiner Geschichte leider nicht besonders viel anfangen. Ich finde es aber immer bewundernswert, wenn man sich öffentlicher Kritik aussetzt und freue mich über eine Überarbeitung deiner Geschichte. Ich finde, dass du den Anfang durchaus stark reduzieren kannst und die Stelle mit der Mission, die Uhr zurück zu holen weiter ausschmücken kannst.


Beste Grüße,
MRG
 

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