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Die Utopien des Seins

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07.03.2016
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Die Utopien des Seins

Halbleeres Glas: Man könnte das menschliche Leben mit einem Hasen vergleichen, dem man einen Stock auf den Rücken gebunden hat. Der Stock überragt seinen Kopf, eine Karotte ist ans vordere Ende gebunden. Das Tier läuft und läuft, ohne das begehrte Futter je zu erreichen.
Entwickler: Es ist doch in Wirklichkeit so, dass die Menschen in ihrem Leben Räume durchlaufen. In jedem dieser Räume warten bestimmte Personen auf sie, bestimmte Dinge, bestimmte Ereignisse, die sie formen. Und wenn sie das Ende des Raumes erreicht haben, gehen sie durch die nächste Tür in einen neuen Raum; die Tür hinter ihnen schließt sich.
Traumtänzer: Ach was. Für die Menschen ist das Leben ein schillernder Fluss und hinter jeder Biegung kann etwas Aufregendes passieren. Wozu sollen sie sich Gedanken über den Sinn machen. Der Sinn ist zu existieren.
Halbleeres Glas: Wohl eher der Karotte nachzulaufen.
Traumtänzer: So lange es ihnen Spaß macht. So lange sie einfach nur leben wollen.
Halbleeres Glas: So naiv möchte ich mal sein: Die Unerträglichkeit der Existenz auf die leichte Schulter nehmen. Habt ihr euch nie gefragt, warum die Menschen so viele Ablenkungen brauchen: Alkohol. Drogen, übermäßigen, abartigen Sex, Sportwagen, Tabak, Actionfilme.
Manche müssen sogar foltern und töten zu ihrem Vergnügen.
Traumtänzer: Das Leben besteht nicht nur aus Pflicht und Arbeit, es gibt auch Schönes. Wozu ich foltern und töten natürlich nicht zähle.
Halbleeres Glas: All diese Substitute und Irrwege – da könnte man schon auf den Gedanken kommen, dass die Menschen sich von etwas ablenken wollen.
Entwickler: Sehr richtig - es bringt sie vom Pfad ab, wenn sie die Räume des Lebens durchlaufen.
Traumtänzer: Quatsch, sie müssen keine Sekunde ihres Lebens leiden, wenn ihr mich fragt. Können sich über jeden Tag ihres Lebens freuen, müssen es einfach nur tun.
Halbleeres Glas: Deine Naivität – siehst immer nur die Sonnenseite, aber die hat gewöhnlich auch eine Schatten.
Draußen ist Wind aufgekommen, als sich die Drei auf den Balkon begeben. Er pfeift um die Fassaden und rüttelt an allem, was lose ist. Sie schlagen die Mantelkragen hoch. Auf dem Meer draußen zieht in weiter Ferne ein Schiff vorbei. Die letzten Sonnenstrahlen bieten gerade noch genug Licht, um es zu sehen. Die Nacht lauert hinter dem letzten Licht, um im nächsten Moment den Tag anzuspringen und zu fressen.
Traumtänzer: Seht nur, die Welt um uns herum. Ist sie nicht immer schön. Egal ob die Sonne scheint, ob es schneit, ob es regnet, stürmt oder dunkel ist. Es ist immer ein beeindruckendes Bild.
Halbleeres Glas: Der Käfig ist aus Gold, zugegeben. Ändert das etwas am Los der Existierenden?
Entwickler: Die Welt und das Leben sind wohlgefällig.
Halbleeres Glas: Du meinst, die Menschen sollen immer fleißig der unerreichbaren Karotte hinterher rennen und sich dabei an der Schönheit ihrer Welt erfreuen?
Traumtänzer: Die Welt ist das Leben? Das Leben ist die Welt. Die Welt ist das Leben.
Halbleeres Glas: Was geschieht am Ende? Die Überreste werden in eine Kiste gesteckt, die in die Erde kommt. Bald schon ist alles verfault. Bald schon verwittert die Inschrift auf dem Grab. Bald schon ist man vergessen.
Entwickler: Die Seelen leben woanders weiter. Es kann ihnen egal sein, was mit den zurück gebliebenen Resten geschieht.
Traumtänzer: Der Fluss fließt ins Unendliche – das Unendliche ist der Fluss.
Halbleeres Glas: Wenn ihr mich fragt: Das Leben ist willkürlich und sinnlos; ein entbehrliches Scheingefecht. Man könnte es genauso gut nicht leben.
Entwickler: Wer nicht lebt, lernt nichts dazu und steckt für ewig im Sumpf.
Halbleeres Glas: Fragt sich nur, zu welchem Zweck er etwas lernen soll?
Entwickler: „Für dich – für einen selbst.“
Traumtänzer: Der Weg ist das Ziel. Man genießt es zu leben und das allein hält einen auf dem richtigen Pfad.
Halbleeres Glas: Ich will aber nicht leben. Es ist mir unangenehm. Zu anstrengend. Ich will nicht sein. Ich will nicht tun. Ich will nicht hören. Ich will nicht sehen und nicht fühlen und auch nicht lernen. Ein Nichtkörper, ein Nichtgeist, eine Nichtseele will ich sein.
Halbleeres Glas steigt auf die Balkonbrüstung. Traumtänzer und Entwickler versuchen ihn davon abzuhalten.
Halbleeres Glas: War schön, eine Weile sinnlose Gespräche mit euch zu führen.
Traumtänzer: Du wirst vielleicht für einen Irrtum sterben.
Entwickler: Du wirst keinen neuen Raum erreichen, keine neue Tür wird sich für dich öffnen.
Halbleeres Glas lacht: Kann sein … aber ich werde die Karotte los.
Halbleeres Glas springt. Traumtänzer und Entwickler beugen sich über die Brüstung und sehen ihm nach. Ihre imaginären Gesichter sind weiß wie eine Wand. Einen Moment sieht man den Mitspieler segeln, als würde er gleich zum Fliegen ansetzen. Für eine Sekunde ist Hoffnung. Dann fällt er wie ein Stein und schlägt auf. Ein Geräusch, das einen den Mund verziehen lässt, die Stirn in Falten zieht und den Mund zu einem Schrei öffnet.
Entwickler zitternd: Ich, ich … gehe lieber um den Balkon, bis ich eine neue Tür finde.
Traumtänzer stotternd: Meine Wahrheit liegt auch da unten, aber ich will den Boden mit heilen Knochen erreichen.
Traumtänzer nimmt das mitgebrachte Seil und knotet es am Balkongeländer fest. Dann steigt er ebenfalls auf die Brüstung, umfasst das Seil und klettert nach unten. Entwickler bleibt zurück.
Die Stunde ist vorgerückt, die Sonne längst untergegangen. Der Wind ist stärker geworden und faucht wie ein Monster um den Turm. Zerrt an allem was lose ist. Mond und Sterne haben sich ihren Platz am Himmel erobert. Aufgeregt schäumend schlägt die Brandung gegen die Felsen. Der Turm gleicht einem geisterhaften Schatten, der allem stand hält.
Drei Reiter lösen sich aus diesem Schatten, jagen auf Pferden in verschiedene Richtungen. Hufe prasseln, wild flattern die Mähnen im Wind. Reiter halten sich mit aller Macht und gebückt an den Zügeln fest. Es gibt Leute, die behaupten gesehen zu haben, wie sie geradewegs in die Gedanken und Gefühle der Menschen hinein geritten sind; wie immer man sich das auch vorstellen mag.
 

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