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Die Welt wird uns sehen

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09.12.2019
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Die Welt wird uns sehen

Alizée war noch wach, als ihre ältere Schwester ins Zelt schlich. Auch im Mondlicht sah sie die Tränen. Das Blut an den Innenseiten der Beine. Im Bett nebenan weinte ihre Mutter. Nach einigen geflüsterten Worten des Vaters wurde es ein kaum hörbares Wimmern.
Bevor ihre Schwester, Dunja, in das Bett über ihr kletterte, stellte sie den Topf ab, den sie mit beiden Händen umklammerte. Der Holztisch wackelte auf dem unebenen Boden.
Als sie die Leiter nach oben stieg, spürte Alizée ihren bebenden Körper, den schnellen Atem. Nach einigen Minuten stand sie auf und kletterte zu Dunja. Auch sie zitterte und ließ die Tränen laufen. Irgendwann schliefen sie ein.

Die Stimmen ihrer Eltern weckten Alizée. Dunjas Kopf lag auf ihrer Schulter, eine Hand auf dem Bauch. Die Finger verkrampften immer wieder, griffen den Stoff des T-Shirts.
Alizée wollte ihrer Schwester die dunkelbraunen Haare aus dem Gesicht streichen, als Dunja hochschreckte. Mit hektischen Bewegungen sah sie sich um, unter den Augen dunkle Ringe.
„Kommt!“, sagte ihr Vater.
Er saß auf einem Hocker am Holztisch, in einer blauen Shorts und dem weißen, fleckigen T-Shirt. Ihre Mutter legte Löffel neben die kleinen Teller und nahm ebenfalls Platz, gegenüber ihrem Vater.
„Wir bleiben noch etwas …“, begann Alizée.
„Nein, ich möchte aufstehen", unterbrach Dunja mit trockener Stimme, kletterte über Alizée und die Leiter hinunter.
Sie nahm ein Gummi aus ihrer Reisetasche und band sich die Haare zusammen.
Alizée setzte sich mit Dunja an den Tisch und strich sich die kurzen, schwarzen Locken zurück. Bereits jetzt war es so warm, dass sie bei jeder Bewegung schwitzte.
Ihre Mutter hatte den Blick gesenkt, Tränen schimmerten in den Augen. Ihr Vater nahm den Deckel vom Topf, der in der Mitte des Tisches stand. Mit einem Löffel verteilte er das wenige Essen aus Reis und Gemüse auf die Teller.
„Ich gehe gleich wieder zur Essensausgabe, vielleicht bekommen wir heute mehr. Und Wertmarken für die Dusche“, sagte er und begann zu essen.
Dunja bemerkte den kurzen Blick ihrer Mutter zu den Beinen, dem getrockneten Blut.
„Du kannst mich ruhig ansehen. Es war meine Entscheidung.“ Als sie weiterhin schwieg und vor sich hinstarrte, beugte sich Dunja nach vorne. „Wie lange hätte die erste Vergewaltigung noch gedauert? Eine Woche? Einen Tag? So kann ich mir wenigstens einreden, dass es keine war.“
„Dunja, bitte …“, flüsterte Alizée.
„Jetzt kann ich zumindest hoffen, einen Beschützer zu haben. Außerdem haben wir etwas zu essen.“
Sie nahm den Löffel, er fiel ihr aus der zitternden Hand. Mit der anderen griff sie sich an den Bauch. Als es nach einigen Sekunden nicht besser wurde, stand sie auf und stolperte aus dem Zelt.
Alizée schloss die Augen, als sie das raue Würgen ihrer Schwester hörte.

***

Yavid blieb noch fast eine Stunde in der Dunkelheit liegen, nachdem es draußen ruhig geworden war. Er sah zu dem Jungen, mit dem er sich den kleinen Wohncontainer in der safe zone teilte. Ruhig atmend lag er auf dem Rücken, die dünne Decke nur über seinen Beinen.
Da sie beide unter fünfzehn und alleine hier waren, hatten sie zumindest das Privileg, in diesem geschützten Bereich wohnen zu dürfen, einfacher an Essen und eine Dusche zu kommen.
Yavid stand auf und streifte sein T-Shirt über. Nach dem heißen Tag fühlte sich die Luft wieder atembar an. Ein leichter Wind wehte durch das angelehnte Fenster. Er blickte hinaus, niemand war zu sehen.
Langsam öffnete er die Tür und trat in die Nacht. Die Containergasse war in beide Richtungen verlassen. Aus manchen der kleinen Behausungen drangen Schnarchgeräusche. Durch das vom Halbmond reflektierte Licht und die weißen Zelte konnte er ausreichend sehen.
Er ging zum Nordende der Gasse und blickte vorsichtig um die Ecke. Neben weiteren Unterkünften entdeckte er das Gebäude, in dem die Vorräte gelagert wurden. Zwei Wachen saßen vor dem Eingang an einem kleinen Tisch, eine brennende Kerze flackerte darauf. Sie spielten Karten und tranken. Aus den Fenstern des Hauses hinter ihnen drang elektrisches Licht. Etwas weiter entfernt stand ein Kleinbus vor einem geschlossenen Gittertor.
Yavid schlich hinter den Wohncontainern in Richtung des Lagers. Er zuckte zusammen und blieb stehen, fast wäre er gegen jemand gelaufen. Ein Mädchen mit hellblonden Haaren, vielleicht so alt wie er, soweit er es schemenhaft erkennen konnte. Sie hatte das weite T-Shirt über die Nase gezogen. Noch nicht lange hier, dachte Yavid. Bald ist der Gestank auch für sie normal. Sie beachtete ihn nicht, starrte nur weiter auf den Boden.
Er ging weiter und erreichte den letzten Container vor dem Vorratsgebäude. Es waren drei oder vier Meter bis zu dessen Seitenwand, auf denen er von den Wachen gesehen werden konnte. Betrunken und in ihr Spiel vertieft wirkten sie nicht sonderlich aufmerksam. Ich werde es riskieren müssen, dachte Yavid und atmete tief durch.
Als er gerade los wollte, lachte einer der beiden Männer laut und legte seine Karten auf den Tisch. Der andere fluchte, grinste und stand auf. „Bin gleich wieder da“, sagte er, trank noch einen Schluck und ging in das Gebäude.
Yavid nutzte die Gelegenheit, dass die verbliebene Wache mit dem Rücken zu ihm saß. Er näherte sich dem Lager, setzte seine Sohlen bei jedem Schritt vorsichtig auf den Sandboden, bis er sich hinter der Seitenwand verstecken konnte. Durch eins der Fenster hörte er eine Toilettenspülung und nur wenige Sekunden später die Stimme des anderen Mannes, als er wieder vor der Tür erschien.
Er schlich um das Gebäude und blickte durch vergitterte Fenster. Entdeckte dabei hauptsächlich Regale mit beschrifteten Kartons und Wasserkanistern. Außerdem Feuerlöscher, Stacheldrahtrollen und gefaltete Zelte. Vorsichtig rüttelte er an den Gitterstäben, aber sie waren alle fest montiert. Keine Chance, dachte er. Fuck.
Als er sich auf den Rückweg machen wollte, entdeckte er einige Meter entfernt den Kleinbus. Niemand war in der Nähe, er näherte sich in geduckter Haltung. Sämtliche Türen waren verschlossen, nur der Tankdeckel ließ sich öffnen.
Enttäuscht machte er sich auf den Weg zum Wohncontainer. Die Wachen hatten das Kartenspiel beiseite gelegt, tranken und lachten. Vorsichtig schlich er zurück, bereit, sofort zu laufen, sollte er entdeckt werden. Für einige Sekunden wurde es plötzlich still. Yavid erstarrte und sah zu den Männern. Sie blickten sich an, beide ein zur Hälfte gefülltes Glas in der Hand. „Prost!“, rief einer der beiden, sie tranken das bräunliche Getränk in einem Zug leer. Yavid nutzte instinktiv die Situation und rannte hinter die Container. Das Gelächter ging weiter, sie hatten ihn anscheinend nicht bemerkt. Er blieb nicht stehen, bis er seine Unterkunft erreicht hatte. Das Mädchen vom Hinweg war nicht mehr da.

Am nächsten morgen stand Yavid früh in der Warteschlange zur Essensausgabe. Die Hitze verdrängte bereits die nachts abgekühlte Luft. Feiner Sand wurde durch das Lager geweht.
Einige Meter weiter stand das Mädchen, über das er auf dem Weg zum Vorratsgebäude fast gestolpert wäre. Die hellblonden Haare, das T-Shirt wieder über die Nase gezogen.
„Ist sie deine Freundin?“, fragte jemand hinter ihm.
Er drehte sich um, ein kräftiger Jugendlicher mit nacktem Oberkörper stand nah bei ihm. Yavid wollte sich ohne zu antworten abwenden, aber sein Gegenüber trat noch näher.
„Verschwinde, heute gibt es nicht mehr viel. Du nimmst mir mein Essen nicht weg.“ Sein Atem roch wie ein Aschenbecher. Als sich Yavid nicht bewegte, fuhr er fort: „Muss ich nachts mal zu dir kommen? Oder zu deiner Freundin da vorne?“ Er leckte sich mit der Zunge über die Lippen, sein Grinsen entblößte gelbe Zähne.
Yavid sah ihm noch einige Sekunden in die Augen, dachte dann an das Mädchen und trat aus der Reihe.
„So ist es brav. Weil ich heute so nett bin, darfst du dich wieder hinten anstellen. Wir sehen uns noch.“
„Verlass dich drauf“, antwortete Yavid und ging ans Ende der Schlange.

***

Sie erreichten die Grenze zur safe zone.
„Da ist dein Zaunfreund“, meinte Dunja und blieb etwas hinter Alizée zurück.
„Du schon wieder“, sagte Yavid mit einem angedeuteten Lächeln von der anderen Seite. Er hielt eine Hand schützend über die Augen, die Sonne war schon vormittags gleißend hell.
„Ich schon wieder“, antwortete Alizée, wie fast jeden Tag. Ein weißes Cappy spendete ihrem Gesicht etwas Schatten. "Hast du von deinen Eltern gehört?"
Er senkte den Blick und schüttelte den Kopf.
"Hab Geduld, bestimmt sind sie auf dem Weg."
"Genau das befürchte ich. Sie haben kein Geld mehr für ..." Er blickte sich um. "Eine weitere Überfahrt mit einem Schlepper. Wahrscheinlich versuchen sie es irgendwie alleine."
„Manchmal vollbringen Eltern Wunder."
"Ja, wer weiß."
Sie standen einige Sekunden schweigend, bis Alizée flüsterte: "Hast du einen Weg gefunden?“
„Nein“, entgegnete Yavid genauso leise. „Alle Fenster sind vergittert. Auch der Kleinwagen war verschlossen, nur an das Benzin würde ich kommen.“
„Versuch besser den ganzen Wagen zu stehlen, damit wir von hier verschwinden können.“
„Wär wohl besser, außerdem habe ich ohnehin keine Kanister.“
Dunja kam näher und stellte sich neben ihre Schwester, direkt an den Zaun. „Wir aber.“

Alizée rannte zum Zelt, Dunja folgte kurz dahinter. Vor dem Eingang lag ihr Vater, das Gesicht blutüberströmt. Weinend kniete ihre Mutter neben ihm, drückte ein kleines Handtuch auf seine Stirn. Blut quoll darunter hervor.
„Was ist …“, begann Alizée und ließ sich neben ihren Vater fallen. Auch Dunja kam dazu, hielt sich beide Hände vor den Mund.
„Für ein paar Lebensmittel!“, schrie ihre Mutter durch das Schluchzen. „Alle sehen zu und …“ Ihre Stimme überschlug sich.
Dunja stand auf. „Ich hole Hilfe. Dieser Ort gehört in die Hölle.“ Bevor sie zum medizinischen Dienst lief, ging sie zu drei Männern, die vor dem Zelt schräg gegenüber saßen. „Warum habt ihr nicht geholfen?“, rief sie.
„Verpiss dich“, antwortete einer von ihnen.
„Feiglinge.“ Dunja spuckte in ihre Richtung und lief davon.
Die drei Männer standen auf und blickten ihr nach.

***

Alizée lehnte die Stirn an den Zaun.
„Was ist passiert?“, fragte Yavid.
Sie wollte es ihm erzählen, alles Schreckliche loswerden, brachte aber kein Wort heraus. Ihr Körper zitterte, Tränen liefen die Wangen hinab.
Yavid kam so nah, wie es das Gitternetz zuließ und berührte ebenfalls mit dem Kopf den Maschendraht.
„Sie hätte sie nicht vor anderen anspucken sollen. Ihr Gesicht war geschwollen, als sie hinter einem Zelt gefunden wurde. Einige Rippen sind wohl gebrochen. Und Vater …“ Wieder weinte sie, klammerte sich mit einer Hand in den Zaun. „Beide liegen im Krankenhaus, Mutter und ich können noch nicht mal zu ihnen.“
Yavid berührte ihre Finger. „Tut mir leid. Irgendwann kommen wir hier weg und …“
„Nein! Sieh es endlich ein. Wir sind hierher gekommen für ein besseres Leben. Jetzt werden wir gehalten wie wilde Tiere, niemand will mit uns zu tun haben. Irgendwann bringen sie uns zurück, falls wir nicht vorher sterben.“
„Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, die Welt auf uns aufmerksam zu machen.“
Alizée blickte auf, erkannte die Entschlossenheit in Yavids Augen. „Dann sag mir wie.“

***

Dunja saß auf dem Bett, neben ihrer Mutter. Das Gesicht war noch etwas geschwollen, unter beiden Augen blaue Flecken. Sie trug einen Verband um die angebrochenen Rippen. Nach drei Tagen durfte sie aus dem Krankenhaus.
„Hast du Schmerzmittel?“, fragte ihre Mutter.
„Ja, sie haben mir etwas mitgegeben, aber ich denke, es geht auch so. Es hätte schlimmer kommen können als eine Tracht Prügel.“ Sie versuchte zu lächeln, verzog dann aber schmerzverzerrt das Gesicht.
„Sie werden Vater wahrscheinlich bald entlassen. Ein Jochbein ist gebrochen, auch er hat eine Gehirnerschütterung.“
Dunja lehnte sich an ihre Mutter, die einen Arm um sie legte und ihre Schulter streichelte.
„Wir müssen hier weg“, sagte Alizée.
„Wie?“, fragte ihre Mutter. „Diese Insel ist ein Gefängnis.“
„Haben wir noch die drei Kanister?“
Dunja sah sie an und zeigte dann auf die große Reisetasche ihres Vaters. „Müssten noch da sein, wer sollte sie weggenommen haben?“
Alizée stand auf und öffnete den Reißverschluss. Unter einigen T-Shirts fand sie die Behältnisse, die ihr Vater zum Abfüllen von Wasser mitgenommen hatte.
„Und was nun?“, fragte ihre Mutter und zog die Augenbrauen hoch.
„Wir senden Europa ein Signal“, sagte Dunja und deutete vorsichtig ein Lächeln an.

***

Alizée warf auch den dritten Kanister über den Zaun. Yavid hätte ihn im Dunkeln fast fallen lassen, konnte ihn aber noch greifen.
„Hier.“ Dunja steckte einen durchsichtigen Schlauch durch den Maschendrahtzaun.
„Wo hast du den denn her?“, fragte Yavid und zog ihn auf seine Seite.
„Im Krankenhaus gestohlen. In meinen Träumen hab ich das Lager mehrfach abgebrannt.“
"Hey, es soll nur eine Warnung ...", begann Yavid.
„Beeil dich“, drängte Alizée.
„Okay, ich komme wieder hierhin. Versteckt euch solange." Er nahm die anderen beiden Behälter vom Boden auf und machte sich auf den Weg.
„Lass dich nicht erwischen“, sagte Alizée.

***

Diesmal saß nur eine Wache vor dem Lager. Er machte sich nicht die Mühe, aus einem Glas zu trinken, sondern hatte direkt eine ganze Flasche neben seinem Stuhl stehen. Immer wieder fielen ihm die Augen zu und der Kopf sank nach unten, bis er nach einigen Sekunden wieder ruckartig aufblickte und blinzelte.
Yavid nutzte einen der Sekundenschläfe und lief ungesehen zum Kleinbus. Er stellte die Kanister ab und zog an der Tankklappe. Dann drehte er den Verschluss auf und führte den Schlauch ein.
„Okay“, flüsterte er und öffnete den ersten Kanister.
Das andere Ende der durchsichtigen Röhre steckte er in den Mund und sog ein. Zuerst leicht, dann stärker. Nichts passierte. Als er gerade Luft holen wollte, schoss ihm das Benzin entgegen. Zu spät setzte er ab, der Kraftstoff strömte ihm bis in den Rachen. Er spie die stechende Flüssigkeit aus, seine Augen tränten. Erst nach einigen Sekunden schaffte er es, das austretende Benzin in den Behälter zu leiten. Währenddessen tastete er nach dem zweiten Kanister. Nach einigen Versuchen gelang es ihm, ihn aufzubekommen und zu füllen, direkt danach den dritten.
Nachdem er den Schlauch zu sich gezogen hatte, ließ er ihn auf den Boden fallen. Er verschloss den Tank wieder, genauso wie die drei Kanister. Bevor er sich auf den Rückweg machte, wollte er nochmal ausspucken. Und bekam dabei etwas Benzin in den Hals, begann zu husten und würgen. Als er die drei Behälter aufgehoben hatte und an sich drückte, rief jemand: „Hey!“, nur wenige Meter entfernt. Yavid erkannte die Wache, die auf ihn zu getorkelt kam. „Was machst du da?“
Ohne zu überlegen rannte Yavid los, zur Rückseite des Lagergebäudes und um die Ecke, dann wie einige Tage zuvor hinter die Wohncontainer. Der Mann rief mehrmals etwas, aber von immer weiter entfernt.
Diesmal sah er das Mädchen rechtzeitig und blieb schnaufend stehen. Sie hatte erneut das Shirt über die Nase gezogen. Yavid sah zurück, aber niemand folgte ihm.
„Was machst du?“, fragte sie, nachdem sie einige Sekunden ebenfalls in die Richtung geblickt hatte, aus der er gekommen war.
"Keine Zeit für Erklärungen, komm mit, hier ist es nicht sicher", schnaufte er. "Ich erklär es dir später."
Zunächst starrte sie auf den Boden, stand dann auf und sagte: „Okay.“

Alizée und Dunja traten hinter einem Zelt in der Nähe des Zauns hervor und kamen zu Yavid und dem Mädchen. Sie hatte ihm einen Kanister abgenommen.
„Wer ist sie?“, fragte Alizée misstrauisch.
„Sie …“, begann Yavid.
„Luja“, sagte das Mädchen und zog das T-Shirt von ihrem Gesicht. „Ich ertrage es hier nicht mehr und wollte …“
„Wir haben keine Zeit“, unterbrach Dunja. „Wahrscheinlich suchen sie euch schon. Hier.“ Sie warf das Ende eines langen, dünnen Seils über den Zaun und stöhnte auf, hielt sich die Rippen.
Alizée übernahm. „Bindet es um die Behälter, wir ziehen sie dann rüber.“
Luja und Yavid stellten das Benzin ab, wickelten das Seil um die Haltegriffe und verknoteten es. Auf der anderen Seite begann Alizée zu ziehen, bis die Kanister das obere Ende des Zauns erreichten, sich dort jedoch an der Kante verhakten.
„Hilf mir hoch“, meinte Luja zu Yavid.
Er führte seine Hände zusammen. Sie stieg mit einem Fuß hinein und drückte sich direkt nach oben. Erreichte mit den Händen die Kante, zog sich mit einer fließenden Bewegung hoch und setzte sich vor die Behälter.
„Nicht schlecht“, sagte Yavid.
„Ich musste klettern lernen, sonst wäre ich in meiner Heimat nie an Lebensmittel gekommen.“ Mit einer Hand hielt sie sich am Zaun fest, mit der anderen griff sie die zusammengebundenen Kanister an dem Seilstück darüber und hob sie auf die andere Seite. „Gib langsam Seil nach“, sagte sie zu Alizée. Vorsichtig führten sie ihre Beute zum Boden. „Perfekt. Soll ich versuchen, dir hoch zu helfen?“, fragte sie an Yavid gewandt.
Bevor er antworten konnte, hörten sie Rufe hinter ihm. Nicht weit entfernt leuchteten Strahler von Taschenlampen auf und kamen näher. Yavid überlegte nicht lange. „Verschwindet, ich werde euch finden.“
„Nein, du kannst es noch …“, begann Alizée, aber er rannte schon am Zaun entlang, raus aus den Lichtkegeln der Taschenlampen.

Sie näherten sich dem großen Zelt, das für die Essensausgabe genutzt wurde. Darin befanden sich einige Holzbänke und Tische, für die Glücklichen, die einen freien Platz fanden.
„Nutzen wir alles für dieses Zelt?“, fragte Luja.
„Ja“, sagte Alizée. „Ich glaube nicht, dass es auf andere Zelte übergreift und selbst wenn, wird schon genug Zeit zur Flucht bestehen.“
„Zwei Kanister werden hier reichen. Ich habe noch ein anderes Ziel“, erklärte Dunja, die bereits einen Behälter trug.
„Was meinst du?“
„Meine besonderen Freunde.“ Dunja zeigte auf die dunklen Flecken unter ihren Augen und entfernte sich bereits. „Keine Diskussion, Schwester. Wir treffen uns auf dem kleinen Platz hinter der Dusche, ich werde Mama mitbringen. Fangt an.“ Mit diesen Worten verschwand sie in der Nacht.

„Mir gefällt der aufkommende Wind nicht“, sagte Luja, nachdem sie sich in das verlassene Zelt geschlichen hatten.
„Es sind meistens nur kurze Böen. Hier.“ Alizée hielt ihr ein Feuerzeug hin.
„Woher hast du das?“
Alizée lächelte. „Auf dieser Seite gibt es mehr davon als Klopapier. Fangen wir an.“
Sie öffneten ihre Kanister und gossen Benzin über Bänke und Tische, danach an den Rand des Zeltes. Zuerst langsam, dann ging es ihnen leichter von der Hand.
„Okay“, sagte Alizée, als beide Behälter leer waren. „Tun wir es.“
Sie ging zu dem großen Tisch, auf dem jeden Tag die Töpfe für die Essensausgabe standen. Luja bewegte sich in die andere Richtung zu einer Holzbank und entzündete ihr Feuerzeug. Alizée ließ ein Streichholz auflodern. Über die Flammen blickten sie sich an und führten das Feuer zum Benzin.

Luja ging einige Schritte zurück und blieb wie erstarrt stehen, als alles um sie herum aufloderte. Alizée griff ihre Hand und zog sie nach draußen. Nach einigen Metern blieben sie stehen und wirbelten herum. Das Feuer füllte den ganzen Innenraum aus, ließ das Zelt schmelzen und in sich zusammenfallen. Rote Flammen züngelten in den Nachthimmel.
Der stärker gewordene Wind wehte Funken und brennende Kleinteile zu den anliegenden Zelten. Eine Holzbank flammte auf, Kleidung auf einer Wäscheleine. Die Hitze strömte in die Zelte, immer mehr brannten, wie ein vernichtendes Dominospiel. Bewohner flüchteten aus ihren Behausungen, riefen und schrien.
„Mein Gott“, flüsterte Luja.
Alizée führte ihre zitternden Hände zum Mund. „Weg hier“, sagte sie schließlich und griff Luja am Ellenbogen.
Sie liefen in Richtung dem Zelt ihrer Eltern und sahen nicht weit entfernt einen weiteren roten Schein aufflackern. Alizée wusste, welche Behausung dort vernichtet wurde.

Immer wieder wurden sie angerempelt, erreichten dann aber trotz des entstehenden Chaos den kleinen Platz hinter der Dusche. Dunja und ihre Mutter erschienen zwischen zwei Toilettenhäuschen. Sie hatten es geschafft, die drei Reisetaschen mitzunehmen.
Ihre Mutter hatte Tränen in den Augen. „Was habt ihr getan?“, flüsterte sie und sah Alizée an. Bevor ihre Tochter antworten konnte, gab sie ihr eine Ohrfeige.
Alizée senkte den Kopf, fing ebenfalls an zu weinen.
„Wir müssen hier weg, es ist nicht mehr aufzuhalten“, rief Luja.
Dunja nahm zwei der Taschen und gab jeweils eine an Alizée und Luja, hob dann ihre eigene auf. Sie bahnten sich einen Weg aus dem Lager, weg von der sich ausbreitenden Vernichtung.

***

Yavid versteckte sich hinter einem Container, in der Nähe des Zauns. In einiger Entfernung sah er ein Zelt nach dem anderen in Flammen aufgehen. Als hätte jemand eine Lunte durch das Lager gelegt. Auch am anderen Ende des Camps loderten zwei Feuer, wie die Antwort auf einen stillen Ruf.
Er hörte, wie ein Gittertor aufgezogen wurde. Die Menschen strömten aus der safe zone, der Vernichtung entgegen. Yavid versuchte, das sich ausbreitende Feuer einzuschätzen. Und sprang auf, um seine Habseligkeiten aus dem Wohncontainer zu holen.

***

Die meisten Flüchtenden liefen weiter, als würde sie das Feuer auch außerhalb des Lagers einholen können. Alizée, Dunja, ihre Mutter und Luja blieben erschöpft stehen und setzten sich unter einen Olivenbaum. Einer der wenigen, der noch nicht für das Lager abgeholzt worden war.
„Was geschieht jetzt?“, fragte Luja, auch sie hatte Tränen in den Augen.
Für einige Minuten antwortete niemand, sie betrachteten das fast vollständig brennende Camp.
„Nun wird die Welt uns sehen“, sagte Dunja.
„Und wenn es woanders genauso wird?“, flüsterte Alizée.
„Dann machen auch wir weiter.“ Dunja lehnte den Kopf an die Schulter ihrer Mutter.
Nur wenige Meter entfernt liefen die drei Männer vorbei, die Dunja zusammengeschlagen hatten. Alizée blickte zu ihrer Schwester.
„Hey, ich bin keine Mörderin. Sie waren ohnehin schon draußen durch den ganzen Tumult. Da konnte ich auch von der Rückseite ihr Zelt abfackeln und wenigstens ihre Sachen zerstören.“
Alizée schüttelte den Kopf und rang sich ein müdes Lächeln ab. Als sie gerade aufstehen wollte, hörte sie hinter sich eine Stimme.
„Du schon wieder.“
Sie drehte den Kopf und lachte, trotz der Erschöpfung. Yavid half ihr hoch.
„Ich schon wieder“, antwortete sie und umarmte ihn zum ersten Mal.

 
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Hallo @Rob F,

ich habe deine spannend geschriebene Geschichte in einem Rutsch durchgelesen, weil ich natürlich wissen wollte, wie es ausgeht.
Da es diesen Vorfall ja wirklich gegeben hat, bekam deine Darstellung noch zusätzlich Brisanz und ich könnte mir vorstellen, dass es damals so oder so ähnlich dort passiert ist.

Ich fand, du hast gelungen sehr viel Spannung in den Ablauf gebracht, man hat als Leser etwas Angst um die Figuren, weil so eine Feuersbrunst natürlich auch zu Todesopfern führen kann, es muss nur Panik ausbrechen und schon entstehen die furchtbarsten Szenen. Und weil man das als Leser weiß, bangt man um die Täter und hofft, dass sie nicht umkommen.

Übrigens ist ja tatsächlich für eine, wenn auch nur kleine Weile, dieses Flüchtlingslager und seine unerträglichen Missstände dort in die Presse gelangt, die vorher fast nur noch eher verhalten mal ab und zu von den Flüchtlingen berichtet hatte. Das Virus hat halt genügend Stoff für Schlagzeilen hergegeben. Aber hat es etwas nachhaltig gebracht für die Flüchtlinge?

Um diese ebenfalls wichtige und natürlich auch spannende Frage drückst du dich herum, weil deine Geschichte genau da endet. Nun gut, deine Protagonisten kündigen quasi an, dass sie zur Not wieder auf sich aufmerksam machen werden, wenn sie wieder im Elend landen sollten.
Was also passieren wird, wenn sich nichts ändert, hast du quasi in der Geschichte schon angekündigt. Aber das ist mir ein wenig zu flach. Gerade die vier Täter hätten in deiner Geschichte die Möglichkeit gehabt, darüber zu diskutieren, was das anrichten könnte und wie das wirken würde, wenn sie das Lager nieder brennen.
So ein bisschen blitzt auf, dass sie vermutlich gar nicht vorhatten, alles zu vernichten, es mehr oder weniger grob fahrlässig von ihnen war, so vorzugehen, zumal bei den Windverhältnissen, aber du hättest viel mehr sie miteinander streiten und diskutieren lassen können, ein mässiges Lager und ein radikaleres Lager bilden können und jede Menge gute und schlechte Argumente auf jeder Seite ansiedeln können. Denn irgendwie gibt es kein wirkliches Richtig und kein wirkliches Falsch.
Da ist und wäre mehr drin in dieser Geschichte als die reine Darstellung, wie es zu diesem Brand gekommen sein könnte.

Wohlgemerkt, bitte nicht vergessen, gelesen habe ich deine Geschichte sehr gern, weil sie eben von dir spannend erzählt wurde und somit einen Sog entfaltete. So ähnlich wie bei den Romanen, die Pageturner sind.
Und somit habe ich beim ersten Durchlesen auch längst nicht an so vielen Stellen gestockt, wie ich es beim zweiten Durchlauf getan habe, denn es befindet sich in deiner Geschichte noch viel Textarbeit, die getan werden könnte.

Bevor ich dir meine Liste präsentiere, etwas Grundsätzliches, weil ich befürchte, dass mir hie und da auch was durchgerutscht ist.
Du hast einen Hang zu überflüssigen Wörtern, das ist nichts Ungewöhnliches, ich glaube, jeder Anfänger liebt diese Worte, weil sie einem so etwas wie vermeintliche Sicherheit vermitteln, tatsächlich ziehen sie den Text nur in die Länge und vor allen Dingen machen sie ihn unkonkret.
Oder besser gesagt, ungenau und verwaschen die Aussagekraft.

Folgende Worte solltest du bitte akribisch in deinem Text betrachten, mit Sicherheit sind in 9 von 10 Fällen sie ersatzlos streichbar und dir wird garantiert in den folgenden Tagen, Wochen nicht mehr auffallen, dass es sie mal an manchen Stellen gegeben hat.

Die Worte vielleicht, anscheinend, wahrscheinlich sind zusätzlich zu den nachfolgenden Worten besonders indifferent und machen Konkretes unkonkret. Aber genau das möchte man als Autor nicht erreichen.

Folgende Wort fielen mir bei dir auf: auch, bereits, noch, schon, plötzlich, schließlich, gerade (als), genauso, dann.

Es gibt noch einige Sätze, die du verändern könntest und zwar sind das die, in denen das Wort "begann" zusammen mit einem nachfolgenden Verb verwendet wird. "Sie begann zu weinen."
All diese Formulierungen könntest du umbauen und zu "sie weinte" etc. umformulieren.
Sicherlich wirst du auch finden, dass "sie begann zu weinen" zeitlich allenfalls sich um eine Zehntelsekunde von "sie weinte" unterscheidet. Warum dann nicht gleich die aktivere Variante wählen?

So und nun noch Textarbeit:

„Dunja …“, sagte Alizée mit dünner Stimme
Punkt fehlt
Vielleicht magst du dich schon in dieser Geschichte oder aber dann erst in späteren Texten davon lösen, hinter einer wörtlichen Rede noch etwas Sinnvolles zu schreiben. Das gesprochene Wort, der wortwörtliche Satz muss für sich wirken und nicht das, was man quasi als Autor wie eine Regieanweisung hinterher schiebt, macht die Sache rund.
Hier gibst du dem Leser an die Hand, dass Alizée mit dünner Stimme spricht.
Schwierig hier etwas Pfiffiges in der wörtlichen Rede so darzustellen, dass der Leser merkt, dass sie jetzt eher kläglich klingt, aber trotzdem sollte genau das das Ziel sein.
„Nein“, unterbrach Dunja mit trockener Stimme. „Ich möchte aufstehen.“
Es wiederholt sich hier und manch anderer Stelle. Wie wäre es einfach mit: "Nein", sagte Dunja, "ich stehe auf" (der Satz geht einen Kasten drunter weiter)
Bevor Alizée etwas erwidern konnte, kletterte ihre Schwester über sie und die Leiter hinunter.
und kletterte über Alizée und stieg die Leiter hinunter.
Auch Alizée verließ das Bett,
würd ich streichen, weil man später ja merkt, dass sie auch am Tisch sitzt
Bereits jetzt war es so warm, dass sie bei jeder Bewegung schwitzten.
Der Satz klingt etwas hölzern. Vielleicht: Es war erst x Uhr, aber schon so warm, dass sie bei jeder Bewegung schwitzten.
Ihre Mutter hatte den Blick gesengt,
gesenkt
Er verteilte das Essen, Reis und Gemüse, mit seinem Löffel auf die Teller.
Er verteilte das wenige Essen aus Reis und Gemüse auf die Teller.
„Du kannst mich ruhig ansehen.“
Alizée bewunderte die Ruhe in ihrer Stimme.
Hier wäre es schön, wenn man diese Ruhe hören könnte. Vielleicht sollte Dunja einfach etwas Freundliches dazu sagen, vielleicht den Mutterkosenamen.
Und dann ist es ungenau, denn Alizée bewundert nicht die Ruhe in der Stimme, sondern ihre Schwester, die so ruhig bleiben kann trotz dieser furchtbaren Situation. Übrigens wiederholen sich in beiden Sätzen die Begriffe: ruhig und Ruhe. Ein Grund mehr, es umzuformulieren

Sie nahm den Löffel, aber ihre Hand begann zu zittern.
Sie nahm den Löffel, (aber) ihre Hand zitterte.
Javid blieb noch fast eine Stunde liegen, nachdem es draußen ruhig geworden war.
An dieser Stelle hatte ich das Problem, dass ich nicht sofort kapierte, dass Abend ist.

Da sie beide unter fünfzehn und alleine hier waren, hatten sie zumindest das Privileg, in diesem geschützten Bereich wohnen zu dürfen. Einfacher an Essen und eine Dusche zu kommen.
Einmal abgesehen davon, dass du deutlich mehr über Javid erzählen könntest, wie verbringt er seinen Tag, wieso ist er allein? Und wieso wird er besonders behandelt? Und wie unterscheidet sich die safe zone von dem Rest des Lagers ist der obige Satz sehr umständlich formuliert.

Langsam öffnete er die Tür und trat in die Nacht.
mich stört, dass du schreibst, "er trat in die Nacht" kann man in die Nacht treten? Es gibt vermutlich keinerlei Licht dort wo er ist. Wie verhält man sich dann bei Nächten, in denen allenfalls der Sternenhimmel etwas Licht bietet? Man versucht doch zunächst sich an die Schwärze oder Dunkelheit zu gewöhnen, nicht wahr. Man verharrt, starrt ins Dunkel, versucht irgendetwas zu erkennen, die Augen zu zwingen, etwas zu erkennen.

Sie spielten Karten, beide hatten ein Glas mit einem dunklen Getränk vor sich stehen.
Ach, ob das Getränk dunkel, grün oder durchsichtig ist. Sie tranken und jeder weiß, dass es kein Wasser ist.
Sie spielten Karten und tranken.
Aus den Fenstern des Hauses hinter ihnen drang elektrisches Licht.
Etwas zu gestelzt formuliert. Wie wäre es mit: "Aus den Fenstern fielen Lichtstrahlen des ununterbrochen eingeschalteten elektrischen Lichts. <(hm.. nee so richtig glücklich bin ich mit meiner Formulierung auch nicht.)
In ihr Spiel vertieft und durch den Alkohol wirkten sie nicht sonderlich aufmerksam.
Betrunken und in ihr Spiel vertieft wirkten sie nicht sonderlich aufmerksam.

Der andere fluchte zuerst, grinste dann ebenfalls und stand auf.
Der andere fluchte, grinste und erhob sich dann.
Mit leisen Schritten, er führte die Füße knapp über den Boden, erreichte er ungesehen das Lager und versteckte sich hinter der Seitenwand.
Füße knapp über den Boden führen? Ich würde es präziser beschreiben. Er schwebt ja nicht über dem Boden. Er setzt seine Sohlen so vorsichtig auf den Sandboden, dass noch nicht einmal der Sand knirscht.
Als er sich auf den Rückweg machen wollte, sah er einige Meter entfernt den Kleinbus. Niemand war in der Nähe, er näherte sich in geduckter Haltung. Sämtliche Türen waren verschlossen, nur der Tankdeckel ließ sich öffnen.
Er wollte umkehren als er einige Meter entfernt den Kleinbus entdeckte. Niemand zu sehen. In geduckter Haltung schlicht er hin und prüfte die Türen: alle verschlossen. Nur der Tankdeckel ließ sich öffnen.
„Prost“, rief einer der beiden schließlich und sie tranken das bräunliche Getränk in einem Zug leer.
Sie prosteten sich zu und tranken ihre Gläser in einem Zug leer.
. Als sich Yavid nicht bewegte, fuhr er fort: „Muss ich nachts mal zu dir kommen? Oder zu deiner Freundin da vorne?“
Yavid erstarrte. "Muss ich nachts..."
Yavid sah im noch einige Sekunden in die Augen, dachte dann an das Mädchen und trat aus der Reihe.
ihm
Aber ich würde den Satz ganz umformulieren: Yavid fixierte ihn, dachte dann an das Mädchen und trat aus der Reihe.
„Da ist dein Zaunfreund“, sagte Dunja und blieb etwas hinter Alizée zurück, als sie die Grenze zur safe zone erreichten.
An der Grenze zur safe zone sagte Dunja: "Da ist dein Zaunfreund."

Alizée rannte los, als sie sich ihrem Zelt näherten. Dunja folgte kurz dahinter.
Alizée rannte zum Zelt, Dunja folgte kurz dahinter.
Ihr ganzer Körper begann zu zittern, Tränen liefen ihre Wangen hinab.
Ist eh meist der ganze Körper, der zittert. Daher: Sie zitterte, Tränen liefen ihre Wangen hinab.
sagte Alizée mit trockener Stimme und blickte ihn an.
würde ich ganz weglassen.
„Ihr Gesicht war geschwollen, als sie hinter einem Zelt gefunden wurde. Einige Rippen sind wohl gebrochen. Und Vater …“
"Wir haben sie hinter einem Zelt gefunden, ihr Gesicht war geschwollen und sie hatte gebrochene Rippen."
Beide sind in ein Krankenhaus gebracht worden. Mutter und ich können noch nicht mal zu ihnen.“
"Beide liegen im Krankenhaus und wir dürfen nicht zu ihnen."
„Sie werden Vater wahrscheinlich auch bald entlassen. Ein Jochbein ist gebrochen und er hatte ebenfalls eine Gehirnerschütterung, aber er wird sich erholen.“
Mit dem Wort "wahrscheinlich" verliert der Satz seine Bedeutung. Wichtig sind seine Verletzungen. Aber indem du sagen lässt: "aber er wird sich erholen", verlieren diese Verletzungen ebenfalls ihre Wuchtigkeit. Willst du das so?
„Wir müssen hier weg“, sagte Alizée von ihrem eigenen Bett, nachdem sie einige Minuten geschwiegen hatten.
Ich würde hier nur schreiben und auf die Wirkung setzen: "Wir müssen hier weg", sagte Alizée
In meinen Träumen hab ich das Lager mehrfach abgebrannt.“
Demnach hast du Dunja unterstellt, dass sie vorsätzlich alles nieder brennen wollte? Die andern mögen das vielleicht auch gewünscht haben, aber sie äussern es nicht. An so einer Stelle könnte man doch sich eine Diskussion entfachen lassen.
und macht sich auf den Weg.
und geht.
„Lass dich nicht erwischen“, sagte Alizée und blickte ihm hinterher.
...und blickte ihm hinterher würde ich streichen.

Das andere Ende der durchsichtigen Röhre nahm er in den Mund und sog ein. Zuerst leicht, dann stärker, als nichts passierte. Als er gerade Luft holen wollte, kam ihm das Benzin entgegen geschossen.
Das würde ich etwas umformulieren: Das andere Ende der durchsichtigen Röhre steckte er in den Mund und sog ein. Zuerst leicht, dann stärker. Nichts passierte. Als er gerade Luft holen wollte, schoss ihm das Benzin entgegen.
seinen Augen tränten.
seine
Nach einigen Versuchen gelang es ihm, ihn aufzubekommen und füllte schließlich auch diesen, direkt danach den dritten.
Nach einigen Versuchen gelang es ihm, ihn aufzubekommen und zu füllen, direkt danach den dritten.

„Kein Zeit für Erklärungen“, schnaufte er und betrachtete sie. Dachte an das, was sie vorhatten. „Komm mit, hier ist es nicht sicher. Ich erkläre es dir später.“
Nee, wenn keine Zeit ist, dann betrachtet er sie nicht und denkt auch nicht viel.
"Keine Zeit für Erklärungen komm mit, hier ist es nicht sicher", schnaufte er, "ich erklär es dir später."
„Wir haben es hinter einem Zelt gefunden“, meinte Alizée und übernahm das Seil. „Bindet es um die Behälter, wir ziehen sie dann rüber.“
Egal, wo sie es gefunden haben, sie haben eines. Es ist nicht wichtig, woher es kommt.
Alizée übernahm das Seil: "Bindet es um die Behälter, wir ziehen sie dann rüber."

aber er rannte schon am Zaun entlang, weg von ihnen und den Taschenlampen.
Er rannte schon am Zaun entlang, raus aus den Lichtkegeln der Taschenlampen.
Alizée lächelte. „Auf dieser Seite gibt es mehr Feuerzeuge und Streichhölzer als Klopapier. Fangen wir an.“
zweimal Feuerzeuge, wie wär es mit: "Auf dieser Seite gibt es mehr davon und Streichhölzer...."
Sie öffnete ihren Kanister, Luja genauso.
Sie öffneten ihre Kanister.
Sie öffnete ihren Kanister, Luja genauso. Nachdem sie sich kurz in die Augen gesehen hatten, gossen sie das Benzin über Bänke und Tische. Genauso an den Rand des Zeltes. Zuerst langsam, dann ging es ihnen leichter von der Hand.
Sie öffneten ihre Kanister gossen das Benzin über Bänke und Tische, danach an den Rand des Zeltes. (mehr würde ich nicht schreiben)
Alizée führte ihre zitternden Hände zum Mund. „Weg hier“, sagte sie schließlich und griff Luja am Ellenbogen.
Sie liefen in Richtung dem Zelt ihrer Eltern und sahen nicht weit entfernt einen weiteren roten Schein aufflackern.
"Weg hier!", sagte Alizée und griff (packte) Luja am Ellenbogen.
Ihre Mutter hatte Tränen in den Augen. „Was habt ihr getan?“, flüsterte sie und sah Alizée in die Augen.
Zweimal Augen. Wie wär es mit: "Was habt ihr getan?", schluchzte sie und sah Alizée vorwurfsvoll in die Augen.
Nach einige Sekunden ergriff Luja die Initiative. „Wir müssen hier weg, es ist nicht mehr aufzuhalten.“
Dunja nahm zwei der Taschen und gab jeweils eine an Alizée und Luja, hob dann ihre eigene auf. Sie bahnten sich einen Weg aus dem Lager, weg von der sich ausbreitenden Vernichtung.
Zunächst würde ich den 1. Satz ersatzlos streichen. Dann frage ich mich, ob man bei so einem Feuer so cool sich einen Weg durch das Lager bahnen kann. Müsste es nicht doch etwas ängstlicher, panischer sein?
Einer der wenigen, der für das Lager noch nicht abgeholzt wurde.
Einer der wenigen, der verschont geblieben war.

Wie schon oft gesagt, meine Vorschläge sind nur Anregungen, die du übernehmen kannst, aber keinesfalls musst. So manches ist auch einfach nur Geschmackssache.

Lieben Gruß

lakita

 
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Hallo @lakita ,

danke für deine Zeit und Mühe zu später Stunde!

Gerade beim ersten Kommentar gehe ich erst mal in Deckung, aber das war ja gar nicht so schlimm :)

Die weiter andauernde Situation zeigt leider das Versagen u.a. der Europäischen Union. Wenn alle Länder entsprechend helfen würden, könnte vielen Menschen Leid erspart werden.
Es wird auch die Befüchtung dahinterstehen, dass sich noch mehr Flüchtlinge auf den Weg machen, wenn zu schnell geholfen wird, vermute ich zumindest.
Aber das kann kein Grund sein, Hilfesuchende wie Tiere zu halten. Wenn man sie schon nicht nach Europa lässt, sollte es zumindest möglich sein, ein Flüchtlingslager zu errichten, das menschenwürdige Bedingungen bietet.
Anstatt z.B. der Türkei Summen zu zahlen, die ich gar nicht kennen möchte, nur damit sie die Flüchtlinge zurückhält.

ich habe deine spannend geschriebene Geschichte in einem Rutsch durchgelesen, weil ich natürlich wissen wollte, wie es ausgeht.
Danke, das war neben dem Realitätsbezug das Ziel!
Ich kann hierbei für einen realitätsnahen Eindruck natürlich auch nur auf das zurückgreifen, was ich aus Nachrichten, Berichten und Fotos mitbekomme. Aber wenn ich mich auf mein Gefül verlasse, glaube ich, dass dort noch viel schlimmere Dinge passieren, als in den von mir beschriebenen Szenen. Es wird ja gar nicht möglich sein, dort alle Strafttaten zu verfolgen oder überhaupt zu melden. Dementsprechend fallen dann auch alle Hemmungen, wenn sich die Flüchtlinge ohnehin schon kaum beachtet fühlen.

Da es diesen Vorfall ja wirklich gegeben hat, bekam deine Darstellung noch zusätzlich Brisanz und ich könnte mir vorstellen, dass es damals so oder so ähnlich dort passiert ist.
Ja, da Medienberichten zufolge die Feuer an mehreren Stellen ausgebrochen sind, konnte es ja kein Unfall sein. Und im Nachgang wurden ja auch Jugendliche wegen Brandstiftung verhaftet.

Und weil man das als Leser weiß, bangt man um die Täter und hofft, dass sie nicht umkommen.
Auch das freut mich, da dementsprechend ja auch die Gründe der Jugendlichen deutlich werden. Sie wollen ein Zeichen setzen und zumindest in dieser erfundenen Geschichte war es nicht ihre Absicht, dass das ganze Lager abbrennt und Menschen zu schaden kommen.

Übrigens ist ja tatsächlich für eine, wenn auch nur kleine Weile, dieses Flüchtlingslager und seine unerträglichen Missstände dort in die Presse gelangt, die vorher fast nur noch eher verhalten mal ab und zu von den Flüchtlingen berichtet hatte. Das Virus hat halt genügend Stoff für Schlagzeilen hergegeben. Aber hat es etwas nachhaltig gebracht für die Flüchtlinge?
Bis zu dem vernichtenden Feuer war die Flüchtlingssituation eher ab und zu eine Randnotiz in den Nachrichten. Der Brand hat alles für eine kurze Zeit hervorgespült, aber wie das leider so ist, versickert es dann auch wieder.
Ich habe auch das ein oder andere zu dem neu errichteten Flüchtlingslager gelesen - dass sich dadurch für die Hilfesuchenden etwas verbessert hat, scheint demnach eine Illusion zu sein. Ironischerweise wurde es "provisorisches" Lager gennant, was ja offensichtlich die nächste Verhöhnung ist.

Um diese ebenfalls wichtige und natürlich auch spannende Frage drückst du dich herum, weil deine Geschichte genau da endet. Nun gut, deine Protagonisten kündigen quasi an, dass sie zur Not wieder auf sich aufmerksam machen werden, wenn sie wieder im Elend landen sollten.
Was also passieren wird, wenn sich nichts ändert, hast du quasi in der Geschichte schon angekündigt. Aber das ist mir ein wenig zu flach. Gerade die vier Täter hätten in deiner Geschichte die Möglichkeit gehabt, darüber zu diskutieren, was das anrichten könnte und wie das wirken würde, wenn sie das Lager nieder brennen.
Auch das ein guter Punkt, muss ich mal drüber nachdenken, ob ich den Dialog in der letzten Szene noch etwas erweitere. Ich bin mir im Moment nicht sicher, ob es zu diesem Zeitpunkt so passend ist, nach dem Schrecken und durch die Erschöpfung. Es sollte, so wie bisher geschrieben, zum einen die Hoffnung der Protagonisten darstellen, zum anderen aber auch deren Entschlossenheit, weiter auf sich aufmerksam zu machen, sollte sich nichts ändern.
Muss ich also mal schauen, ob ich das noch erweitern möchte, oder es so ein für mich passendes "Ende" dieser Episode ist.

So ein bisschen blitzt auf, dass sie vermutlich gar nicht vorhatten, alles zu vernichten, es mehr oder weniger grob fahrlässig von ihnen war, so vorzugehen, zumal bei den Windverhältnissen, aber du hättest viel mehr sie miteinander streiten und diskutieren lassen können, ein mässiges Lager und ein radikaleres Lager bilden können und jede Menge gute und schlechte Argumente auf jeder Seite ansiedeln können. Denn irgendwie gibt es kein wirkliches Richtig und kein wirkliches Falsch.
Da ist und wäre mehr drin in dieser Geschichte als die reine Darstellung, wie es zu diesem Brand gekommen sein könnte.
Es ist mir beim Schreiben nicht so aufgefallen, aber stimmt schon, es gibt innerhalb der Jugendlichen keinen Konflikt zum weiteren Vorgehen.
Da bin ich mir zum einen nicht sicher, ob ich es mir (schon) zutraue, dies noch zusätzlich in die Handlung einzubringen. Und es würde m.E. auch den Rahmen eine Kurzgeschichte sprengen, da ich dann diesen Punkt auch ausführlich einbinden würde.
Also auch diesen Vorschlag lasse ich erst mal auf mich wirken ;)

Wohlgemerkt, bitte nicht vergessen, gelesen habe ich deine Geschichte sehr gern, weil sie eben von dir spannend erzählt wurde und somit einen Sog entfaltete. So ähnlich wie bei den Romanen, die Pageturner sind.
Danke! Ich bin als Leser weiterhin gerne bei Stephen King. Seine Romane sind zwar teilweise recht langatmig, aber er schafft es m.E. oft, an den richtigen Stellen anzudeuten, was passieren könnte um die Spannung zu halten. Wahrscheinlich orientiere ich mich inbewusst auch daran, immer mal wieder etwas einstreuen, was Interesse weckt und Spannung erzeugt, die Geschehnisse kontinuierlich voranbringt.

(...)
Folgende Worte solltest du bitte akribisch in deinem Text betrachten, mit Sicherheit sind in 9 von 10 Fällen sie ersatzlos streichbar und dir wird garantiert in den folgenden Tagen, Wochen nicht mehr auffallen, dass es sie mal an manchen Stellen gegeben hat.
Die Worte vielleicht, anscheinend, wahrscheinlich sind zusätzlich zu den nachfolgenden Worten besonders indifferent und machen Konkretes unkonkret. Aber genau das möchte man als Autor nicht erreichen. Folgende Wort fielen mir bei dir auf: auch, bereits, noch, schon, plötzlich, schließlich, gerade (als), genauso, dann.
Wahrscheinlich muss ich, wie du geschrieben hast, einfach solche Wörter mal weglassen und beobachten, ob alles, was geschieht, auch so ausreichend beschrieben ist. Die von dir genannten Wörter sollten ja bei präzisen Beschreibungen auch nicht notwendig sein. Ich werde in jedem Fall den Text dahingehend nochmal durchgehen, danke für den allgemeinen Hinweis!

Soweit erstmal zu deinen inhaltlichen Anmerkungen, zu den Details melde ich mich (voraussichtlich morgen) nochmal.

Viele Grüße und noch einen schönen Tag,
Rob

 
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Lieber @Rob F

ich kann mich Lakita anschließen, was die Spannung deiner Geschichte angeht. Den Einstieg fand ich ein bisschen holprig, dann aber kam ich in den Fluß und konnte gar nicht mehr aufhören. Ich hab mitgefühlt, mitgelitten und mitgefiebert. Du baust die Spannung auf und hältst sie über lange Zeit. Ich entwickle Nähe zu den Protagonisten und habe durchgängig Kopfkino. Wir alle kennen die Szenen des Feuers mehr oder weniger aus den Medien, aber ich hab mich im Kopf davon frei gemacht und Deine Geschichte so gelesen, als wüsste ich nichts über die Ereignisse. Du bringst das Leid im Lager sehr glaubhaft rüber. Ich kann verstehen, warum sie ein Feuer legen wollen. Als sie den Wind bemerken hab ich noch überlegt, "lassen sie es jetzt lieber". Denn das kann natürlich krasse Folgen haben. Das Ende war mir dann ein zu schneller Cut. Da hättest Du ruhig noch ein bisschen dranbleiben können, bzw. etwas ausführlicher werden können. Die von Lakita aufgeführten Wörter sind mir beim Lesen gar nicht aufgefallen. Mir fiel nur auf, dass Du sehr oft das Verb sehen verwendet hast, oft auch hintereinander. Vielleicht magst Du da noch mal drauf gucken.

Langsam öffnete er die Tür und trat in die Nacht. Die Containergasse war in beide Richtungen verlassen. Aus manchen der kleinen Behausungen drangen Schnarchgeräusche. Durch das vom Halbmond reflektierte Licht und die weißen Zelte konnte er ausreichend sehen.
Er ging zum Nordende der Gasse und blickte vorsichtig um die Ecke. Neben weiteren Unterkünften sah er das Gebäude, in dem die Vorräte gelagert wurden.

Als er sich auf den Rückweg machen wollte, sah er einige Meter entfernt den Kleinbus. Niemand war in der Nähe, er näherte sich in geduckter Haltung. Sämtliche Türen waren verschlossen, nur der Tankdeckel ließ sich öffnen.
Enttäuscht machte er sich auf den Weg zum Wohncontainer. Die Wachen hatten das Kartenspiel beiseite gelegt, tranken und lachten. Vorsichtig schlich er zurück, bereit, sofort zu laufen, sollte er entdeckt werden. Für einige Sekunden wurde es plötzlich still. Yavid erstarrte und sah zu den Männern.

„Sie werden Vater wahrscheinlich bald entlassen. Ein Jochbein ist gebrochen, auch er hatte eine Gehirnerschütterung.“

Das find ich im Dialog etwas unbeholfen. So würde doch niemand reden, oder?

Und wieso hatte? Die hat er doch noch, oder nicht?

Ich wünsche Dir einen angenehmen Tag und lasse liebe Grüße hier.

Silvita

 
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Hallo @lakita ,

hier also noch meine Rückmeldung zu den Details. Danke für die vielen Anmerkungen und Vorschläge!

Die meisten von dir genannten Stellen habe ich angepasst, wenn ich mich auch nur teilweise von teils eher ausführlicheren Sätzen trennen konnte. Aber das kann sich ja bei zukünftigen Texten noch entsprechend entwickeln :)

Vielleicht magst du dich schon in dieser Geschichte oder aber dann erst in späteren Texten davon lösen, hinter einer wörtlichen Rede noch etwas Sinnvolles zu schreiben. Das gesprochene Wort, der wortwörtliche Satz muss für sich wirken und nicht das, was man quasi als Autor wie eine Regieanweisung hinterher schiebt
Das ist ja dann im Prinzip eine sehr detaillierte Version von show, don´t tell.
Aus der Situation und dem Gesagten heraus ergibt sich schon, wie die Personen sprechen. Anstatt "mit trockener Stimme" könnte die Person ja z.B. im Anschluss einen Schluck Wasser trinken.
Manchmal ist es jedoch schwierig, wie würde ich z.B. rüberbringen, dass jemand mit einer hohen, piepsigen Stimme spricht, ohne es explizit zu schreiben ... ?

„Dunja …“, sagte Alizée mit dünner Stimme.

Hier gibst du dem Leser an die Hand, dass Alizée mit dünner Stimme spricht.
Schwierig hier etwas Pfiffiges in der wörtlichen Rede so darzustellen, dass der Leser merkt, dass sie jetzt eher kläglich klingt, aber trotzdem sollte genau das das Ziel sein.

Ich habe es mal wie folgt geändert (auch wenn ich mit "flüstern" ja doch wieder etwas andeute):
"Dunja, bitte ...", flüsterte Alizée.

Ihre Mutter hatte den Blick gesengt,

gesenkt

Ja, so ist es natürlich richtig ...
Da habe ich wohl etwas zu früh an das Feuer gedacht :xxlmad: :)

Javid blieb noch fast eine Stunde liegen, nachdem es draußen ruhig geworden war.

An dieser Stelle hatte ich das Problem, dass ich nicht sofort kapierte, dass Abend ist.

Ich habe den Satz entsprechend erweitert.

Da sie beide unter fünfzehn und alleine hier waren, hatten sie zumindest das Privileg, in diesem geschützten Bereich wohnen zu dürfen. Einfacher an Essen und eine Dusche zu kommen.

Einmal abgesehen davon, dass du deutlich mehr über Javid erzählen könntest, wie verbringt er seinen Tag, wieso ist er allein? Und wieso wird er besonders behandelt? Und wie unterscheidet sich die safe zone von dem Rest des Lagers

m.E. beinhaltet der Satz schon die relevanten Informationen:
Jugendliche, die ohne ihre Eltern/alleine im Lager sind, dürfen in der safe zone wohnen. Sie hätten im übrigen Teil des Lagers ja kaum eine Chance, überhaupt zu überleben.
Ich habe das Gespräch zwischen Yavid und Alizée ein wenig erweitert, zu Yavids Situation:

"Hast du von deinen Eltern gehört?"
Er senkte den Blick und schüttelte den Kopf.
"Hab Geduld, bestimmt sind sie auf dem Weg."
"Genau das befürchte ich. Sie haben kein Geld mehr für ..." Er blickte sich um. "Eine weitere Überfahrt mit einem Schlepper. Wahrscheinlich versuchen sie es irgendwie alleine."
„Manchmal vollbringen Eltern Wunder."
"Ja, wer weiß."
Sie standen einige Sekunden schweigend, bis Alizée (...)

Füße knapp über den Boden führen? Ich würde es präziser beschreiben. Er schwebt ja nicht über dem Boden. Er setzt seine Sohlen so vorsichtig auf den Sandboden, dass noch nicht einmal der Sand knirscht.
Ich habe den Satz geändert in:
Er näherte sich dem Lager, setzte seine Sohlen bei jedem Schritt vorsichtig auf den Sandboden, bis er sich hinter der Seitenwand verstecken konnte.

Mit dem Wort "wahrscheinlich" verliert der Satz seine Bedeutung. Wichtig sind seine Verletzungen. Aber indem du sagen lässt: "aber er wird sich erholen", verlieren diese Verletzungen ebenfalls ihre Wuchtigkeit. Willst du das so?
Ich habe den Satz verkürzt zu:
„Sie werden Vater wahrscheinlich bald entlassen. Ein Jochbein ist gebrochen, auch er hat eine Gehirnerschütterung.“
In dieser Version hat gerade das Wort "wahrscheinlich" m.E. nicht den Effekt, dass der Satz seine Bedeutung verliert. Es ist demnach ja noch nicht 100% klar, ob und wann ihr Vater genesen wird, auch wenn diese Tendenz da ist. Bei der Überlastung der Krankenhäuser entlassen sie ja selbst hier (auch vor Corona) die Patienten, sobald es irgendwie möglich ist ...

(...) In meinen Träumen hab ich das Lager mehrfach abgebrannt.“

Demnach hast du Dunja unterstellt, dass sie vorsätzlich alles nieder brennen wollte? Die andern mögen das vielleicht auch gewünscht haben, aber sie äussern es nicht. An so einer Stelle könnte man doch sich eine Diskussion entfachen lassen.

Dunja ist die Einzige, die etwas in diese Richtung äußert, nach ihren schlimmen Erlebnissen. Nur zeigt ja das Ende, dass sie doch nicht mit diesem Ziel gehandelt hat. Alle Beteiligten wollten zwar ein deutliches Zeichen setzen, aber nicht das ganze Lager abbrennen und andere Menschen verletzen.
Ich habe es nicht zu einer Diskussion erweitert, da die Jugendlichen ja schon grundsätzlich das gleiche Ziel haben. Aber zumindest eine kleine Ergänzung:

„Wo hast du den denn her?“, fragte Yavid und zog ihn auf seine Seite.
„Im Krankenhaus gestohlen. In meinen Träumen hab ich das Lager mehrfach abgebrannt.“
"Hey, es soll nur eine Warnung ...", begann Yavid.
„Beeil dich“, drängte Alizée.
„Okay, ich komme wieder hierhin. Versteckt euch solange."

Nee, wenn keine Zeit ist, dann betrachtet er sie nicht und denkt auch nicht viel.
Guter Hinweis, das klang etwas zu entspannt in dieser Situation. Habe es entsprechend deines Vorschlags umformuliert.

Egal, wo sie es gefunden haben, sie haben eines. Es ist nicht wichtig, woher es kommt.
Bei solchen Stellen überlege ich immer, welche Fragen sich die Leser stellen würden, wenn z.B. plötzlich ein Gegenstand auftaucht, der vorher nicht da war. Das mag daran liegen, dass ich hier als Leser selbst denken würde: "Wo haben sie denn jetzt das Seil her?"
Aber an dieser Stelle ist es vielleicht nicht wichtig, sie hatten ja entsprechend Vorbereitungszeit, ich habe diese Information also entfernt.

zweimal Feuerzeuge, wie wär es mit: "Auf dieser Seite gibt es mehr davon und Streichhölzer...."
übernommen

Wie eingangs erwähnt habe ich noch weitere Stellen angepasst, auch wenn ich nicht alles nochmal in meiner Antwort erwähnt habe. Die Änderungen finden sich ja im Text.

Danke nochmals für deinen ausführlichen Kommentar, ich hoffe die Geschichte war unterhaltsam, trotz des unschönen Themas.

Viele Grüße und noch einen schönen Tag,
Rob


Hallo @Silvita,

danke für dein Feedback! Meine Antwort hierzu folgt demnächst ...

Viele Grüße,
Rob

 
Seniors
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28.12.2009
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Dunja bemerkte den kurzen Blick ihrer Mutter zu ihren Beinen, dem getrockneten Blut.
„Du kannst mich ruhig ansehen. Es war meine Entscheidung.“ Als ihre Mutter weiterhin schwieg und vor sich hinstarrte, beugte sich Dunja nach vorne. „Wie lange hätte die erste Vergewaltigung noch gedauert? Eine Woche? Einen Tag? So kann ich mir wenigstens einreden, dass es keine war.“
„Dunja, bitte …“, flüsterte Alizée.
„Jetzt kann jeder sehen, dass ich keine Jungfrau mehr bin. Vielleicht macht mich das weniger zur Beute. Du kannst beruhigt sein, er hat ein Kondom benutzt.“

Reden die wirklich so? Der Vater sieht da seine vergewaltigte Tochter, mit Blut (!) an den Schenkeln, es könnten schwerwiegende innere Verletzungen sein, aber hey, erstmal geht es um die Wertmarken für die Dusche. Überhaupt: Wie reagiert denn ein Mann aus einem anderen Kulturkreis (Moria waren doch sehr viele Syrer, wenn ich nicht irre) auf eine Vergewaltigung seiner Tochter? Ist es nicht oft so, dass die ihren Töchtern sogar eine Mitschuld geben, weil sie irgendeinen ethischen oder religiösen Kodex nicht eingehalten haben? Wäre aber etwas schwierig, das politisch korrekt darzustellen, nicht wahr? Dann die Mutter, die so ein wenig rumheult und sich sofort besänftigen lässt. Eine Frau, die genau wissen müsste, wie es sich anfühlt, AUF DIESE ART UND WEISE Gewalt angetan zu bekommen, auch wenn sie es nicht selbst erfahren hat. Dunja selbst ist ja absolut eiskalt, die hat ja im Grunde ihre eigene Vergewaltigung provoziert, herausgefordert, damit sie es endlich hinter sich hat. Warum? Weil alle männlichen Wesen in diesem Lager unter diesen Umständen natürlich sexuelle Predatoren werden und an nichts anderes denken, als an junge Mädchen zu vergewaltigen - deswegen spielt es keine Rolle, ob heute oder morgen, es wird sowieso und garantiert passieren. Wenigstens hat er ein Kondom benutzt, der edle Ritter. Und warum kann sie sich einreden, dass es keine Vergewaltigung gewesen ist, weil sie es überlebt hat und nicht halbtot geschlagen wurde? Ich kann mir kaum vorstellen, dass Opfer sexueller Gewalt so reagieren, so reden. Ich denke, die stehen unter immensem Schock, sie tun vielleicht absurde Dinge, die keinen Sinnzusammenhang haben, weil sie eben unter Schock stehen, und in deinem Text, das sind Kinder, da dürfte die Sprachlosigkeit angesichts dieser extremen Brutalität noch mal eine größere Rolle spielen. Dein Text kommt mir also auf eine Art sehr voyeuristisch vor, du ergötzt dich hier am Leid der Personen, die aber dadurch nur Pappkameraden bleiben. Auch die Gewalt bleibt eine Leerstelle, unmotiviert und ohne Grund. Menschen werden wie Tiere gehalten, dann verhalten sie sich wie Tiere - das wäre mal wenigstens eine Hypothese. Warum brauchst du auch diesen langen, kursiven Einstieg? Weil du dich damit absichern willst, weil es die Situation in der Wirklichkeit gegeben hat und das die Leser irgendwie beeinflussen soll? Weil sie dann gar nicht mehr anders denken können, denn das wäre ja moralisch verwerflich, oder? Ist ja wirklich passiert! Das ist unlauter, meiner Meinung nach, als Autor darfst du dich nur auf die Kraft deines Textes verlassen. Ich konnte deinen Text dann auch nicht weiterlesen, weil mir klar wird, mit welchen Chiffren operiert werden soll - Leidensporno. Das halte ich für schwer erträglich und dem Leid dieser Menschen unangemessen.

Gruss, Jimmy

 
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09.12.2019
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Hallo @jimmysalaryman ,

es kommt halt ab und zu mal vor, dass dich hier bei einem Text etwas stört, vor allem wenn es um die Darstellung von Personen geht, um eine (aus deiner Sicht) nicht angemessene Darstellung von Leid.

Von daher wusste ich schon bei deiner Einleitung, was du schreiben wirst, es ist dann im Kern ja meistens das Gleiche. Es ist halt schwer, deinen Kommentar als Textkritik zu sehen, du machst mir eher Vorwürfe auf Grund von Vermutungen, anstatt z.B. erst mal die ein oder andere Frage zu stellen. Oder den Text mal in Ruhe zu lesen.

Mag sein, dass es so ankommt, aber ich "ergötze" mich nicht am Leid anderer Personen. Da müsstest du mir schon genauer schreiben, warum das bei dir so ankommt. Lies den Text doch erst mal vollständig und lass ihn etwas auf dich wirken ...

Dunja hat zum Beginn der Handlung mit jemandem geschlafen, falls man es denn so nennen kann. Es mag sein, dass es aus den genannten Gründen extrem unwahrscheinlich ist. Aber jeder, der mir sagt: "Das macht jemand, der verzweifelt ist, auf keinen Fall", dem glaube ich kein Wort. Weißt du, wie es ist, unter ständigem Hunger zu leiden? Vielleicht es sogar als Schutz zu sehen, mit jemandem Sex zu haben, um sich vor noch Schlimmerem zu schützen?

Du hast ja selbst geschrieben, dass Menschen unter diesen Bedingungen ggf. völlig irrationale Dinge machen (auch wenn du es auf die Zeit nach einer Vergewaltigung beziehst):

(...) sie tun vielleicht absurde Dinge, die keinen Sinnzusammenhang haben, weil sie eben unter Schock stehen (...)

Es ist richtig, ich weiß nicht, wie Menschen in anderen Kulturkreisen damit umgehen, wenn die eigene Tochter so handelt wie Dunja, oder meinte, es so tun zu müssen, auch aus Angst vor schlimmerem. Die Mutter kann nicht damit umgehen, der Vater beachtet es überhaupt nicht. Was ja durchaus auch direkt zu Beginn schon Verdrängung sein kann. Wenn das, so wie ich es geschrieben habe, unsinnig ist, liegt das an meiner Fehleinschätzung, nicht weil ich irgendjemanden schlecht machen will oder mangelnde Empathie unterstelle.

Auch die Gewalt bleibt eine Leerstelle, unmotiviert und ohne Grund
Die Gründe für die Gewalt der Menschen dort sind mehr als nur offensichtlich.

Bezogen auf die Einleitung gebe ich dir Recht, sie wäre nicht unbedingt notwendig. Ich hatte mir im Vorfeld das ein oder andere durchgelesen und dachte, ich stelle es halt der Geschichte voran. Ich habe mich schon um eine Handlung bemüht, die so zumindest möglich sein könnte.

Kannst du natürlich so machen, ich beantworte deinen Kommentar, soweit es mir möglich ist. Dennoch könntest auch du Textkritik äußern ohne persönliche Unterstellungen. Jetzt wirst du wahrscheinlich wieder antworten, dass du das ja gar nicht machst. Dennoch ist es so und das wirst du ja wissen.

Sofern du weitere Hinweise hast, wäre ich dir für entsprechende Beispiele dankbar und vielleicht diesmal auch der ein oder andere Vorschlag, was ich verbessern könnte.

Danke und viele Grüße,
Rob

 
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Dennoch könntest auch du Textkritik äußern ohne persönliche Unterstellungen. Jetzt wirst du wahrscheinlich wieder antworten, dass du das ja gar nicht machst. Dennoch ist es so und das wirst du ja wissen.

Mein ganzer Kommentar bezog sich auf den Text, wie er mit bestimmten Chiffren operiert, wie er mit Realitäten innerhalb der Narrative umgeht. Das ist keine persönliche Unterstellung - die liest du da vielleicht heraus, aber das ist dann nicht mehr mein Problem, sondern exklusiv deines. Mir ging es hier lediglich um die Wirkung, die dein Text auf mich hat, mit dir persönlich hat das wenig zu tun. Und mit so kategorischen Aussagen, wie du sie hier tätigst (Dennoch ist es so!), tue ich mich schwer, das halte ich auch für intellektuell etwas unterkomplex.

Aber jeder, der mir sagt: "Das macht jemand, der verzweifelt ist, auf keinen Fall", dem glaube ich kein Wort.
Da wäre ich vorsichtig, denn du weißt nie, was derjenige tatsächlich selbst erlebt hat. Es klingt dann etwas anmaßend und höhnisch, die eigene Expertise über jede andere zu stellen, vielleicht sogar von echten Opfern sexueller Gewalt etc.

Verstehe mich nicht falsch - ich mache dir keine Vorwürfe. Du kannst schreiben, was du willst, du hast ja auch genügend Befürworter. Du solltest allerdings damit rechnen, dass es auch Leser/Kommentatoren gibt, die deine Erzählposition hinterfragen. Wer erzählt hier was, was wird mir erzählt und warum wird es mir genau so erzählt? Was wird ausgelassen? Was wird besonders in den Vordergrund gestellt? Im Grunde ist das, meiner bescheidenen Meinung nach, ein wohlgefälliges Rührstück, das exploitativ mit einer Gewalterfahrung operiert. Jeder bekommt sein Urteil bestätigt: Das ist ja schlimm da! Das wussten wir alle vorher. Der Text stellt nichts in Frage, er stellt keine Fragen - muss er natürlich nicht. Dann sei mir erlaubt, zu fragen, warum du diesen Text geschrieben hast? Das es eine vollkommen unmenschliche Situation ist, wussten wir dich vorher schon. Ich frage mich auch, warum du unbedingt eine Vergewaltigung nehmen musstest, um das Leid dieser Menschen erfahrbar zu machen? Reicht es nicht, einfach einen Tag zu schildern? Wie sie da in den Zelten hausen müssen, wie sie zu Nummern gemacht werden, für alles anstehen - das ist eine Erfahrung, die jeder Westeuropäer nicht kennt, die für die meisten vollkommen unvorstellbar ist. Aus Hoffnung wird ein ewiges, nicht selbst bestimmtes Warten im Dreck. Kleine Kinder werden von Ratten angenagt, daran erinnere ich mich. Der Alltag ist schon der pure Horror, aber nein, es muss natürlich eine Vergewaltigung sein. Verstehst du, was ich meine? Das ist ein wenig wie wenn ich eine Geschichte über die Sklaverei schreibe, um dann auf zehn Seiten haarklein zu beschreiben, wie jemand ausgepeitscht wird. Der Autor sagt dann oft, ich habe das ja nur gemacht, um auch wirklich die ganzen Abgründe zu zeigen ... mir kommt allerdings eher der Verdacht, hier möchte jemand einen billigen Gore-Effekt benutzen und das Ganze dann moralisch verbrämen, sich weniger angreifbar machen. Ich bin etwas abgewichen. Bei so sensiblen Themen, bei einem solch explosiven Gemisch aus Enge, Emotionen, Wut, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit etc, da würde ich alles zurückfahren. Ich würde mich auf die Darstellung der einfachsten Dinge beschränken, und nicht gleich den großen Hammer herausholen.

Gruss, Jimmy

 
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09.12.2019
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Hallo @jimmysalaryman ,

mit dem, was ich vorher schrieb, meinte ich z.B. Annahmen wie:

... hier möchte jemand einen billigen Gore-Effekt benutzen und das Ganze dann moralisch verbrämen, sich weniger angreifbar machen

So etwas mag ja sein, aber vielleicht verbirgt sich doch mehr dahinter, wenn du dich ausführlich mit dem Text beschäftigst, ihm bis zum Ende eine Chance gibst. Insofern fand ich dein vorheriges Urteil etwas schnell.

... das halte ich auch für intellektuell etwas unterkomplex.
Na ja, solange ich den Weg nach Hause und zur Toilette finde ...

Du solltest allerdings damit rechnen, dass es auch Leser/Kommentatoren gibt, die deine Erzählposition hinterfragen.
Klar, ich habe bisher hier auch jeden Kommentar ausführlich beantwortet. Auch nach einem erneuten Lesen fällt es mir bei deinem ersten Kommentar nur schwer, deine Kritik etwas genauer zu verstehen. Danke also für die ergänzenden Erklärungen.

Ich schreibe, weil es mir als Hobby Spaß macht, einen anderen Grund gibt es im Moment nicht. Hierbei habe ich mir halt das genannte Thema genommen und dabei versucht, neben dem Handlungsverlauf das Leben in dem Lager darzustellen. Auch wenn es dann die eher erwarteten Ereignisse sind.

Ja, ich denke mir ist nun soweit klar, was du inhaltlich meinst, mal etwas abseits der ohnehin erwarteten Ereignisse finden. Also mal sehen ...

Viele Grüße,
Rob

 
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09.12.2019
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Hallo @Silvita ,

danke fürs Lesen und Kommentieren!

Die Berichte, die ich hierzu gelesen habe, waren jeweils eher auf die Gesamtsituation des Lagers bezogen und auf den Brand. Also eher mit Sätzen wie: "Gewalt und Missbrauch sind an der Tagesordnung". Das und die fehlende Perspektive wollte ich demnach in den Szenen unterbringen, wodurch sich der Plan der Jugendlichen entwickelt, durch ein Feuer auf sich aufmerksam zu machen.

Du baust die Spannung auf und hältst sie über lange Zeit. Ich entwickle Nähe zu den Protagonisten und habe durchgängig Kopfkino.
Danke! Die erste Szene, in der Yavid auftaucht, ist vielleicht etwas langatmig, aber ich habe darauf geachtet, dass alles (hoffentlich) nachvollziehbar auf die Tat der Jugendlichen hinausläuft.

Du bringst das Leid im Lager sehr glaubhaft rüber. Ich kann verstehen, warum sie ein Feuer legen wollen. Als sie den Wind bemerken hab ich noch überlegt, "lassen sie es jetzt lieber". Denn das kann natürlich krasse Folgen haben.
Ja, zumindest Luja hat ganz kurz Zweifel. Aber sie machen weiter und unterschätzen, wie schnell die Flammen übergreifen können.

Das Ende war mir dann ein zu schneller Cut. Da hättest Du ruhig noch ein bisschen dranbleiben können, bzw. etwas ausführlicher werden können.
Ich habe mir die letzte Szene nochmal durchgelesen und finde sie so ganz passend. Durch die schlimmen Ereignisse und die Erschöpfung kann ich mir nicht so recht vorstellen, dass sie direkt danach ein tiefgründigeres Gespräch führen. Und ich fand es einen schönen Schluss, dass Alizée und Yavid zum ersten Mal nah beieinander sind, ohne einen Zaun dazwischen.
Bliebe also noch die Möglichkeit einer weiteren Szene, vielleicht wie es am nächsten Morgen weitergeht. Das wäre für mich nur nicht mehr wichtig für diese Handlung, sondern eher eine künstliche Verlängerung oder etwas für eine Folgegeschichte.
Ich lasse es demnach erst mal so.

Mir fiel nur auf, dass Du sehr oft das Verb sehen verwendet hast, oft auch hintereinander. Vielleicht magst Du da noch mal drauf gucken.
Danke für den Hinweis. Ich habe es an den von dir genannten Stellen und zwei weiteren geändert. Dabei habe ich schon versucht, hierbei zu variieren, aber irgendwie lande ich dann doch oft wieder bei "sehen".

Den Satz mit der Gehirnerschütterung (hatte/hat) habe ich ebenfalls geändert. Auch wenn Dunja hier weiterhin eher ausführlich spricht, ich finde es aber soweit ganz passend.

Danke für deine Eindrücke und noch einen schönen Abend,
Rob

 
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Hallo @Rob F,

nachdem ich deine Diskussion mit jimmysalaryman etwas verfolgt habe, wobei ich seine Vorhalte durchaus auch nachvollziehen kann, möchte ich nochmals etwas aufgreifen, was du, so glaube ich, gar nicht so sehr mir gegenüber erwidert hattest.

Das hier hatte ich in meinem Feedback geschrieben:

Gerade die vier Täter hätten in deiner Geschichte die Möglichkeit gehabt, darüber zu diskutieren, was das anrichten könnte und wie das wirken würde, wenn sie das Lager nieder brennen.

Ich schlug vor, dass deiner Geschichte dadurch mehr Tiefgang gegeben werden kann, indem du die politische Seite mit einbeziehst. Lass deine Figuren doch darüber diskutieren, was der beste Weg ist, die Misere im Lager zu verändern, die Misere überhaupt zu verändern. Lass sie unterschiedlicher Ansicht sein, lass sie sich vielleicht sogar deswegen hassen, aber am Ende gelangen sie zu dem Schluss, dass eben nur das geht, was geht und das hängt entscheidend von ihren wirklichen Möglichkeiten ab. Es ist eben nur Benzin, das sie haben.
Ich glaube, das würde dieser Geschichte auf jeden Fall gut tun, wenn du den Figuren mehr Tiefe durch so eine Auseinandersetzung gibst.
Klar, sie wird dann deutlich länger, aber auch intensiver und wertiger.

Übrigens hatte ich es zu Anfangs in der Geschichte so verstanden, dass Dunja nicht nur, wie man dann später erfährt, ganz pragmatisch denkt und fatalistisch handelt in Bezug auf die Vergewaltigung, sondern und dies schien mir am Anfang der Geschichte das Hauptmotiv zu sein, der Familie einen Topf mit Essen auf diese Weise organisiert.
Vielleicht, denn erst nachdem ich noch ein Weilchen weiter drüber nachgedacht habe, wäre es noch sinnvoll zu erwähnen, dass sie auch gleichzeitig mit dieser Handlung unter dem perfiden "Schutz" ihres Vergewaltigers stehen könnte. ER (der ja ruhig auch im Hintergrund bleiben kann) garantiert (soweit er es kann), dass sie nicht weiter von anderen Männern angefasst wird.
So steht diese Vergewaltigung tatsächlich etwas rohbaulich im Raum deiner Geschichte.


Das ist ja dann im Prinzip eine sehr detaillierte Version von show, don´t tell.
Aus der Situation und dem Gesagten heraus ergibt sich schon, wie die Personen sprechen. Anstatt "mit trockener Stimme" könnte die Person ja z.B. im Anschluss einen Schluck Wasser trinken.
Manchmal ist es jedoch schwierig, wie würde ich z.B. rüberbringen, dass jemand mit einer hohen, piepsigen Stimme spricht, ohne es explizit zu schreiben ... ?
Auch darüber habe ich nochmals nachgedacht.
Wenn eine Person spricht, dann hat man als Autor die Chance, relativ viel über ihren Charakter preis zu geben. Und zwar auf völlig natürliche Weise.
Und nun stellt sich die Frage, was aber ist einem wichtig, davon mitzuteilen?
Ist mir wichtig, dass die Stimme dünn klingt? Oder ist mir wichtig, dass ich rüberbringe, was diese Person grad fühlt? Ist sie unsicher, schwankt sie in ihren Grundfesten, ist sie einfach nur mutig, hat sie mit ihrem Leben irgendwie schon abgeschlossen, beendet es nur nicht eigenhändig? All solche Stimmungen können wunderbar in wörtliche Rede verpackt werden und sind auch meiner Sicht viel viel wichtiger als eine dünne Stimme.
Natürlich wäre, würde man jetzt eine Theateraufführung oder Lesung darstellen, es immens wichtig, ob jemand eine dünne oder eine tragende Stimme hat, es wäre wichtig, ob der jenige laut sprechen kann oder ob das unschön ins Schreien kippt. Hier käme es darauf an.
Was ich also sagen möchte, ist dass man sich die Frage stellen sollte, was man genau über eine Person aussagen möchte.
Und dann passieren solche Probleme nicht, dass ich dir ankreide, dass der Zusatz, sie hätte eine dünne Stimme überflüssig ist und du fragst, wie man das dann aber in die wörtliche Rede bringen kann. Kann man in diesem, deinem Zusammenhang nämlich nicht. Also ich könnte es nicht.
"Hast du von deinen Eltern gehört?"
Er senkte den Blick und schüttelte den Kopf.
"Hab Geduld, bestimmt sind sie auf dem Weg."
"Genau das befürchte ich. Sie haben kein Geld mehr für ..." Er blickte sich um. "Eine weitere Überfahrt mit einem Schlepper. Wahrscheinlich versuchen sie es irgendwie alleine."
„Manchmal vollbringen Eltern Wunder."
"Ja, wer weiß."
Sie standen einige Sekunden schweigend, bis Alizée (...)
Oh, ja, das gefällt mir gut.


Lieben Gruß

lakita

 
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Hi @lakita ,

danke für deine ergänzenden Überlegungen!

Zum ersten von dir genannten Punkt hatte ich mich in einer vorherigen Antwort zwar kurz gehalten, aber geschrieben:

Es ist mir beim Schreiben nicht so aufgefallen, aber stimmt schon, es gibt innerhalb der Jugendlichen keinen Konflikt zum weiteren Vorgehen.
Da bin ich mir zum einen nicht sicher, ob ich es mir (schon) zutraue, dies noch zusätzlich in die Handlung einzubringen. Und es würde m.E. auch den Rahmen eine Kurzgeschichte sprengen, da ich dann diesen Punkt auch ausführlich einbinden würde.
Ich schließe nicht aus, noch etwas in diese Richtung einzubringen, werde es aber eher mit ein wenig Abstand zum Text bewerten. Durch den bisherigen Handlungsverlauf ist es etwas schwierig, da ja im Prinzip nur Alizée und Dunja Zeit miteinander verbringen.
Yavid treffen sie jeweils nur am Zaun, und Luja kommt ja erst zum Ende hin ins Spiel. Und als die vier zum ersten Mal alle aufeinandertreffen, ist die Umsetzung des Plans schon im Gange.
Da müsste ich also voraussichtlich grundsätzlich die Handlung umstricken.

Übrigens hatte ich es zu Anfangs in der Geschichte so verstanden, dass Dunja nicht nur, wie man dann später erfährt, ganz pragmatisch denkt und fatalistisch handelt in Bezug auf die Vergewaltigung, sondern und dies schien mir am Anfang der Geschichte das Hauptmotiv zu sein, der Familie einen Topf mit Essen auf diese Weise organisiert.
Genau, Dunja kommt ja mit einem Topf wieder.
Ich habe zu dieser Behauptung, mehr kann es ja von meiner Seite her nicht sein, auch mit mehr Feedback und ggf. Gegenwind gerechnet. Es wäre ja demnach Dunjas Gedankengang:
"Meine Familie und ich leiden ständig unter Hunger und wissen nie, ob wir am nächsten Tag etwas bekommen. Außerdem bin ich hier der ständigen Gefahr ausgesetzt, überfallen und vergewaltigt zu werden."
Würde also in dieser Situation eine junge Frau einen solchen Schritt machen? Auch um Schlimmerem zuvorzukommen? Das kann ich als Mann natürlich nicht wissen, aber ich halte es bisher auch nicht für völlig ausgeschlossen.
Aber ich finde deine Idee gut, dass Dunja dadurch auch glaubt, einen Beschützer zu haben, der ihr sogar ab und zu Essen gibt. Ich habe demnach den Dialog in der zweiten Szene leicht geändert:

„Dunja, bitte …“, flüsterte Alizée.
„Jetzt kann ich zumindest hoffen, einen Beschützer zu haben. Außerdem haben wir etwas zu essen.“
Sie nahm den Löffel, er fiel ihr aus der zitternden Hand.

Es bleibt natürlich eine provokante Behauptung zu Dunjas Verhalten, aber ich lasse es mal so. Der Abschluss der zweiten Szene zeigt ja auch, wie sich Dunja danach fühlt, es sollte also nicht so wirken, dass sie damit keine Probleme hat:

Als es nach einigen Sekunden nicht besser wurde, stand sie auf und stolperte aus dem Zelt.
Alizée schloss die Augen, als sie das raue Würgen ihrer Schwester hörte.

Und nun stellt sich die Frage, was aber ist einem wichtig, davon mitzuteilen?
Ist mir wichtig, dass die Stimme dünn klingt? Oder ist mir wichtig, dass ich rüberbringe, was diese Person grad fühlt?
Damit bringst du es gut auf den Punkt, es geht darum, was die Person fühlt. Das immer im Blick zu haben, wird die Grundvoraussetzung sein, dann auch die hierfür passenden Worte zu finden. Also mal sehen, ob mir das zukünftig besser gelingt!

Danke erneut für deine Mühe, ich mache jetzt Feierabend :)

Viele Grüße,
Rob

 
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Hallo @Rob F,

pas de problem, wenn du jetzt Feierabend machst, ich bin eine Nachteule (oder wie nennt man die Dinger, die erst um 2 Uhr und danach ins Bett fallen?) und somit noch aktiv und ausserdem hast du heut auch echt viel dich um deine Geschichte gekümmert. Da benötigt man auch mal ein wenig Abstand, mir ginge es jedenfalls so.
Super, wie schnell du manche Dinge umgesetzt hast. Das bewundere ich immer sehr, weil ich meist meine Geschichten so sehr liebe, dass ich kritische Punkte meist erst mit gehörigem Zeitabstand erkenne. Ich tu mich da sehr schwer, sofort grundsätzliche Veränderungen vorzunehmen.
Respekt, wenn du und dass du es kannst.

Ich schließe nicht aus, noch etwas in diese Richtung einzubringen, werde es aber eher mit ein wenig Abstand zum Text bewerten. Durch den bisherigen Handlungsverlauf ist es etwas schwierig, da ja im Prinzip nur Alizée und Dunja Zeit miteinander verbringen.
Yavid treffen sie jeweils nur am Zaun, und Luja kommt ja erst zum Ende hin ins Spiel. Und als die vier zum ersten Mal alle aufeinandertreffen, ist die Umsetzung des Plans schon im Gange.
Da müsste ich also voraussichtlich grundsätzlich die Handlung umstricken.
Ja, ich verstehe, dass du da glaubst, auch grundsätzlich die Geschichte ändern zu müssen, aber vielleicht gibt es folgende Möglichkeit, dass du es tatsächlich nicht musst. Dunja und Alizee könnten doch erst mal nur zu zweit diskutieren. Dunja ist da vielleicht diejenige, die einige Stimmen aus dem Lager einfangen konnte. Vielleicht beteiligt sich auch der Vater dran? Obgleich mein Gefühl sagt mir, eher besser nicht, denn der ist, darauf weist ja jimmysalaryman hin, eventuell auf einem ganz anderen Stern mit seinen Ideologien und Wünschen, das würde dann schon bedeuten, dass du eine neue gestandene Figur in das Geschehen einbringen musst. Also wäre es praktischer, du bleibst zunächst bei einer Auseinandersetzung zwischen den Schwestern, Dunja bringt Argumente aus dem Lager mit dazu und überzeugt am Ende Alizée, hätte aber auch einen gewissen Reiz, wenn die Jüngere, die Ältere überzeugt.
Alizée könnte dann die sein, die mit Javid wegen des Einsatzes von Benzin diskutiert. Vielleicht müssen sie sich zwischendrin verstecken, weil die Wache sie sonst erwischt, das kannst du ja noch etwas dramatischer machen, dass sie kaum Möglichkeiten haben, zu reden, und immer wieder gestört und abgelenkt werden. Aber vielleicht entspinnt sich zwischen den beiden so etwas wie ein Disput, weil vielleicht Javid nichts brennen sehen möchte, aber Alizée so radikal schon ist oder geworden ist (durch die Argumente Dunjas).
Der einzige Einschub, den du machen müsstest, wäre ein Treffen der vier, in welchem sie sich gezielt darüber austauschen, was sie nun wirklich machen wollen. Da kann es dann mächtig zur Sache gehen.

So könnte ich es mir vorstellen. Aber letztendlich ist das wirklich nur ein Vorschlag und nicht mehr, du weißt ja, hier muss niemand sich gezwungen fühlen.

Also bleibt mir momentan nur, dir guten Erfolg und die richtigen Gedanken zu wünschen.

Lieben Gruß

lakita

U

 
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Hallo @Rob F,

ich habe deine Geschichte gesehen und wollte mich gerne für deinen Kommentar revanchieren. Leider hat mich die Geschichte nicht so richtig zu fassen bekommen, aber weil du ja schon positive Kommentare hast, denke ich mir, ich lasse dir meine Gedanken trotzdem da, vielleicht ist ja der eine oder andere hilfreich für dich.

Zunächst kommt ja der kursiv gesetzte Teil. Da wäre ich im RL ehrlicherweise schon raus gewesen. Wenn ich weiß, dass es in dem Text um Moria gehen wird, dann will ich eigentlich nicht mehr weiterlesen, weil mir die Nachrichten schon genug Bilder in meinem Kopf machen und Literatur für mich mehr sein muss als nur die Beschreibung menschlichen Leidens, für mich kriegt das schnell so etwas voyeuristisch-unangenehmes. Genau das ist es aber, was ich nach dem kursiven Teil erwarte. Das schreibe ich nur, damit du die Haltung mit der ich an deinen Text gehe, kennst und vielleicht auch noch mal überlegen kannst diesen Teil wegzulassen, je nachdem, ob du diese und andere Arten des Primings so willst oder nicht.

Grundsätzlich finde ich deinen Text insgesamt nicht voyeuristisch angelegt, aber mit dem Einstieg tust du dir mMn keinen Gefallen, bietet er dann doch genau das, was ich befürchte.

Alizée war noch wach, als ihre ältere Schwester ins Zelt schlich. Auch im Mondlicht sah sie die Tränen. Das Blut an den Innenseiten ihrer Beine. Im Bett nebenan weinte ihre Mutter. Nach einigen geflüsterten Worten ihres Vaters wurde es ein kaum hörbares Wimmern.
Bevor ihre Schwester, Dunja, in das Bett über ihr kletterte, stellte sie den Topf ab, den sie mit beiden Händen umklammerte. Der Holztisch wackelte auf dem unebenen Boden.
Als sie die Leiter nach oben stieg, spürte Alizée ihren bebenden Körper, den schnellen Atem. Nach einigen Minuten stand sie auf und kletterte zu ihrer Schwester. Auch sie zitterte und ließ die Tränen laufen. Irgendwann schliefen sie ein.
Zelt, Nacht, Blut, Weinen, Wimmern, jede Menge Sprach- und Hilflosigkeit, aber am Ende nichts, was mich berührt, weil es zum einen ist, was ich (nach dem Prolog) befürchte und weil es mich zum anderen in irgendein Drama wirft (soviel kann ich erahnen), von dem ich nichts weiß, ohne Prolog noch weniger wüsste. Ich werde reingeworfen in eine Situation (was man ja in einer KG tun soll), ich bin aber nicht orientiert, nicht verortet (außer durch deinen Prolog). Gibt es Geräusche, Gerüche, irgendetwas, woran ich mich halten kann, was mir hilft ein Bild zu entwickeln? Wie sieht das Zelt aus? Wie die Betten? Haben sie kuschelig weiches Bettzeug? Eher nicht, aber das weiß ich nur durch deinen Prolog. Schlafsack? Kratzedecke? MMn könntest du den Einstieg auch noch mal generell überdenken. Hat der irgendetwas mit deiner Geschichte zu tun? Worum geht es überhaupt in deiner Geschichte? Das ist mir auch nicht so richtig klar.

Die Stimmen ihrer Eltern weckten Alizée. Dunjas Kopf lag auf ihrer Schulter, eine Hand auf ihrem Bauch. Die Finger verkrampften immer wieder, griffen den Stoff ihres T-Shirts.
Auch im ersten Absatz habe ich immer wieder Probleme die vielen "sie" und "ihr" etc. richtig den beiden Schwestern zuzuordnen, über wessen Hand sprichst du und auf wessen Bauch liegt die, vermutlich Dunjas Hand auf Alizees Bauch? Da könntest du noch mal schauen, ob das etwas leserfreundlicher ginge. Auch wieder: wessen T-Shirt-Stoff wird hier gegriffen? Hier in diesem Beispiel versuchst du vermutlich die Anspannung zu zeigen. Das muss ich mir intellektuell herleiten, weil sich bei mir kein Bild einstellt. Auch im weiteren Verlauf nicht ...
„Nein, ich möchte aufstehen", unterbrach Dunja mit trockener Stimme, kletterte über Alizée und die Leiter hinunter.
... sodass du hier dann mit "trockener Stimme" anführen musst, was ich grundsätzlich nicht schlimm finde, aber es zeigt, dass du mich als Leserin nicht richtig eingestimmt hast. Du musst mir das sagen, damit ich Bescheid weiß. Aber über Beschreibungen der Umgebung zB könntest du die Trostlosigkeit, die Hilflosigkeit, was auch immer du hier eigentlich zeigen willst, mMn besser verdeutlichen. Grundsätzlich dürfte dein Erzähler für mich etwas dichter dran sein, auch etwas parteiischer.

Im nächsten Teil mit Javids Perspektive (an einigen Stellen schreibst du auch Yavid, da müsstest du noch mal gucken, welchen Schreibweise du wählen willst) gelingt es dir besser ein Bild in meinem Kopf entstehen zu lassen. Die Sache ist, alle Bilder die ich zur Verfügung habe, habe ich aus den Nachrichten, viel ist das nicht. Das heißt, du kannst nicht darauf vertrauen, dass wenn du etwas kurz beschreibst, dass sich ein Bild einstellt. Wenn sich ein Bild einstellt, dann eines aus der Presse, aber die Bilder, die ich kenne, decken sich nur bedingt mit dem, was du beschreibst. Ich finde, da könntest du dir mehr Zeit lassen, genauer beschreiben, Worte finden für das, was dort sichtbar ist oder hörbar oder riechbar. Mir fehlt das total in deinem Text. Die Personen wirken auf mich irgendwie so losgelöst von der Umgebung, aber das ganze spielt ja in Moria, nicht irgendwo, sondern in/an diesem uns alle sehr beschämenden, menschenunwürdigen Ort.

Ich finde, der Text müsste auch ohne den Prolog funktionieren, mMn tut er das aber nur bedingt und ich glaube, er würde gewinnen, wenn du den Prolog wegließest und den Text noch so veränderst, dass sich alles aus dem Text ergibt. Das würde dich dazu zwingen, genauer zu beschreiben und dich auf deine Prämisse zu konzentrieren, wenn du nicht zu viel tell drin haben willst.

Viele Grüße
Katta

 
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Hallo @Katta ,

danke für deinen Kommentar und die inhaltlichen Anregungen!

Ich kann deinen Eindruck nachvollziehen, jedoch auch nur bezogen auf den Beginn der Geschichte. Es ist ja insgesamt nicht eine Szene nach der anderen, in der es nur um Gewalt geht.

Ich finde es halt schwierig und inhaltlich auch nicht richtig, eine Geschichte in einem Flüchtlingslager zu schreiben und die tägliche Gewalt außen vor zu lassen. Es sollte nicht zu viel sein, aber ich kann hierbei ja auch keine heile Welt entstehen lassen, das hätte mit der Realität ja nichts zu tun.

Aber zumindest habe ich mal die Einleitung entfernt, auch wenn ich es bezogen auf die Informationen schade finde. Nur scheint ja, auch durch die erste Szene, hierdurch schnell der Eindruck zu entstehen, dass ich ohnehin nur eine erwartete Sache nach der anderen schreibe, also ist es wahrscheinlich besser so.

Auch im ersten Absatz habe ich immer wieder Probleme die vielen "sie" und "ihr" etc. richtig den beiden Schwestern zuzuordnen, über wessen Hand sprichst du und
Ja, kann ich sehr gut nachvollziehen, da ich dies mehrfach überarbeitet habe - ich weiß, es muss beim Lesen immer noch etwas entwirrt werden, aber ich möchte auch nicht noch öfter die Namen Alizée und Dunja schreiben.
Also mangels besserer Ideen lasse ich es erstmal so ...

... sodass du hier dann mit "trockener Stimme" anführen musst, was ich grundsätzlich nicht schlimm finde, aber es zeigt, dass du mich als Leserin nicht richtig eingestimmt hast.
Ja, es ist eine der wenigen Stellen, an denen ich so einen beschreibenden Zusatz gelassen habe. Vereinzelt finde ich es auch als Leser in Ordnung, manchmal kann es m.E. auch etwas gekünstelt wirken, wenn dauernd etwas erwähnt wird, nur um solche telligen Ergänzungen zu vermeiden.

Dann hast du noch die Umgebung erwähnt, das Lager, wie es dort aussieht, riecht usw ...
Es ist nicht der Schwerpunkt der Beschreibungen, aber über den gesamten Text hinweg hoffe ich, dass schon ein Bild entsteht, durch das, was ich in den Szenen erwähne:
Die Hitze. Die Tatsache, dass sich Luja wegen dem Gestank ihr T-Shirt über die Nase zieht. Der feine Sand, der durch das Lager geweht wird. Der Zaun zwischen der safe zone und dem Rest des Lagers. Die Hoffnung, überhaupt etwas zu Essen zu bekommen, genauso wie Wertmarken für die Dusche ...
Ich werde aber noch mal schauen, ob ich an der ein oder anderen Stelle noch etwas ergänze.

Also danke nochmal für dein Feedback und viele Grüße!
Rob


Hallo @lakita ,

noch zu deinem detaillierteren Vorschlag:

Nun hast du dir nochmal die Mühe gemacht, nur werde ich auch nach erneuten gedanklichen Runden ... diesen Konflikt nicht zusätzlich in die Handlung einbinden.

Von meiner Seite her wäre es ein Konflikt, der sich auch über die Geschichte hinweg entwickeln würde. Nicht nur in einem Treffen der vier Jugendlichen, sondern in verschiedenen Gesprächen. Es ist mir dann jedoch insgesamt zu viel Inhalt und auch für mich weiterhin die Frage, inwiefern die bisherige Handlung dann so bestehen bleiben könnte.

Ich kann mir z.B. schwer vorstellen, dass sie in einer Szene heftig diskutieren, danach dann aber alle wie bisher an einem Strang ziehen.

Dennoch danke fürs Dranbleiben und viele Grüße,
Rob

 
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Dieser Ort gehört in die Hölle.

Moin Rob,

war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis dass sich jemand hierorts mit dem buchstäblich zu nehmenden Fanal des Lagers Moria befasst, das in seinem verflixten siebenten Jahr die Grundlage zu Deiner notwendigen Erzählung gab und alle Welt schaute zu. Aber – da fall ich direkt mit der Tür ins Haus – warum diese abschreckende Einleitung, in der die inflationäre Verwendung des Possessivpronomens

Das Blut an den Innenseiten ihrer Beine. Im Bett nebenan weinte ihre Mutter ... ihres Vaters wurd … Bevor ihre Schwester, ... über ihr kletterte, ..., spürte Alizée ihren bebenden Körper, … zu ihrer Schwester. Auch sie zitterte und ließ die Tränen laufen. Irgendwann schliefen sie ein.

Die Stimmen ihrer Eltern ... auf ihrer Schulter, eine Hand auf ihrem Bauch. ..., griffen den Stoff ihres T-Shirts.


Es wird sich nicht jedes vermeiden lassen, aber nach der ersten Nennung wird der Leser wissen, wessen Eltern und Geschwister oder allgemeiner: Wer da gemeint ist, dass es auch der schlichte Artikel täte.

Das zwote repräsentiert dieser schlichte Satz

„Kommt“, sagte ihr Vater
der ja schon durch Imperativ etwas anderes ist als ein schlichter Aussagesatz. Oder?!

Ähnlich - trotz gänzlich anderer Bedingungen - hier

„Prost“, rief einer der beiden,

Er sah zu dem Jungen, mit dem er sich den kleinen Wohncontainer in der safe zone teilte.
Du meinst die „Sicherheitszone“, engl. “safety“ oder “security“, vllt. auch safer zone (wenn es als „safe zone“ fürs Lager verwendet wird/wurde, hab ich nix gesagt

Da sie beide unter fünfzehn und alleine hier waren, hatten sie zumindest das Privileg, in diesem geschützten Bereich wohnen zu dürfen. Einfacher an Essen und eine Dusche zu kommen.
Warum eine Ellipse anfügen , die sich nahtlos in den Satz einfügt „… wohnen zu dürfen und einfacher an Essen und ….“, wobei die Konjunktion auch gefahrlos durch ein Komma ersetzt werden kann.

Aber auch was gelernt, beim

Yavid stand auf und streifte sein T-Shirt über. Nach dem heißen Tag fühlte sich die Luft wieder atembar an.
Denn hier befremdete mich das Adjektiv „atembar“, das dann nichts so sehr im Duden als unter https://www.wortbedeutung.info/atembar/, zu finden war und offensichtlich mit der Schöpfungsgeschichte zusammenhängt, dass die "Luft" in ihrer Zusammensetzung "atembar" wurde ...

Diesmal sah er das Mädchen rechtzeitig und blieb schnaufend bei ihr stehen. Sie hatte erneut das Shirt über die Nase gezogen.
Den grammatischen Geschlechterwandel würde ich erst im zwoten Satz vornehmen

Nun, die überwiegend gebrauchte Abschiedsfloskel verbietet sich bei diesem Thema, bleibt aber von der Tendenz her erhalten

Nicht ungern gelesen vom

Friedel,
der noch einen angenehmen Sonntag wünscht!

 
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@Friedrichard

Moin zurück, Friedel,

... das in seinem verflixten siebenten Jahr die Grundlage zu Deiner notwendigen Erzählung gab und alle Welt schaute zu.
Schaute zu ... und schaut zu. Es ist ja leider weiterhin nicht zu erkennen, dass eine Lösung erarbeitet wird. Europa kauft sich einen trügerischen Frieden durch Zahlungen an die Türkei.
Es erinnert mich ein wenig an die frühere Schulzeit, wenn der Lehrer fragte: "Wer möchte denn die Hausaufgaben vorlesen?" Plötzlich haben alle etwas anderes zu tun, vor dem Fenster ist etwas interessant, es muss etwas im Schulranzen gesucht werden ...
Alle, die in den Ländern die Erarbeitung einer Lösung blockieren, sollten vielleicht mal ein paar Tage in dem nach Moria errichteten "provisorischen" Lager verbringen ...

Aber – da fall ich direkt mit der Tür ins Haus – warum diese abschreckende Einleitung, in der die inflationäre Verwendung des Possessivpronomens
Nun habe ich die abschreckende Einleitung schon entfernt und dann so was! :(
Dabei weise ich in Kommentaren selbst auf zu viele Fürwörter hin, kann ich mir nicht erklären ...
Aber ich habe es nun reduziert, an der ein oder anderen Stelle lasse ich es mal so. Danke für den Hinweis!
Kopfzerbrechen macht mir immer noch der folgende (zweite) Satz:
"Die Stimmen ihrer Eltern weckten Alizée. Dunjas Kopf lag auf ihrer Schulter, eine Hand auf dem Bauch. Die Finger verkrampften immer wieder, griffen den Stoff des T-Shirts."
Es soll hierbei ja um Dunjas Kopf und Hand gehen, aber um Alizées Schulter, Bauch und T-Shirt ...

... der ja schon durch Imperativ etwas anderes ist als ein schlichter Aussagesatz. Oder?! Ähnlich - trotz gänzlich anderer Bedingungen - hier ...
Beide Aussagen haben nun ein !

Du meinst die „Sicherheitszone“, engl. “safety“ oder “security“, vllt. auch safer zone (wenn es als „safe zone“ fürs Lager verwendet wird/wurde, hab ich nix gesagt
Die Bezeichnung "safe zone" habe ich so tatsächlich in mehreren Artikeln gefunden und übernommen, so z.B. auch auf tagespiegel.de:
(...) Die „Safe Zone“ war in der Mitte des Camps eingerichtet worden, um unbegleitete Kinder und Jugendlichen besser zu schützen. (...)
Inhaltlich habe ich etwas geflunkert, nach Berichten durften die Kinder und Jugendlichen diese Zone tagsüber verlassen.

Warum eine Ellipse anfügen , die sich nahtlos in den Satz einfügt „… wohnen zu dürfen und einfacher an Essen und ….“, wobei die Konjunktion auch gefahrlos durch ein Komma ersetzt werden kann.
Ich habe mich für die Variante mit dem Komma entschieden.

Denn hier befremdete mich das Adjektiv „atembar“, das dann nichts so sehr im Duden als unter https://www.wortbedeutung.info/atembar/, zu finden war und offensichtlich mit der Schöpfungsgeschichte zusammenhängt, dass die "Luft" in ihrer Zusammensetzung "atembar" wurde ...
Ja, dieses Wort wurde mir von meinem Textprogramm auch direkt als Fehler markiert. Ich würde es nur selbst so sagen, wenn tagsüber die Luft steht und es abends/nachts erträglicher wird, ich lasse es also mal so.

Diesmal sah er das Mädchen rechtzeitig und blieb schnaufend bei ihr stehen. Sie hatte erneut das Shirt über die Nase gezogen.

Den grammatischen Geschlechterwandel würde ich erst im zwoten Satz vornehmen

Ich habe es mir einfach gemacht und "bei ihr" entfernt.

Danke für deine Zeit und die Anmerkungen, wünsche dir auch noch einen schönen Sonntag!

Viele Grüße,
Rob

 
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Hallo @Rob F,

Ich kann deinen Eindruck nachvollziehen, jedoch auch nur bezogen auf den Beginn der Geschichte. Es ist ja insgesamt nicht eine Szene nach der anderen, in der es nur um Gewalt geht.

Ich finde es halt schwierig und inhaltlich auch nicht richtig, eine Geschichte in einem Flüchtlingslager zu schreiben und die tägliche Gewalt außen vor zu lassen. Es sollte nicht zu viel sein, aber ich kann hierbei ja auch keine heile Welt entstehen lassen, das hätte mit der Realität ja nichts zu tun.

Hier hast du mich möglicherweise auch missverstanden. Ich meinte nicht, dass du eine heile Moria-Welt darstellen solltest. Nein, bitte nicht! Ich meine, dass die Beschreibungen des Leidens usw. nicht reiner Selbstzweck sein dürfen oder noch anders: nicht so wirken sollten. Irgendwo in den anderen Kommentaren stand der Begriff Leidensporno, den fand ich sehr passend, weil so wie ich deine Geschichte lese, ist das ja genau das, was du nicht willst. Dein Einstieg, die Perspektive Alizees am Anfang, wirkt aber auf mich so. MMn musst du da nicht mit dem ganz großen Hammer aus der Ecke kommen und kannst das Leiden trotzdem einfangen, dabei aber viel persönlicher und subtiler sein. Ich will noch mal sagen, ich schreibe hier nicht übers Schreiben (in dem ich mich ja selbst noch übe), sondern übers Lesen (was ich mein Leben lang viel getan habe), also ich schreibe nur, wie dein Text auf mich wirkt und warum er möglicherweise so wirkt.

Im Moment wirkt der ganze Text auf mich wie ein Zwitter: Einerseits lese ich eine Art Agenda heraus, den Wunsch aufzurütteln oder Menschen eine Stimme zu geben etc. (also im weitesten Sinne Propaganda, wenn auch für das Gute). Das ist für mich momentan die Hauptaussage des Textes: In Moria ist es ganz schlimm. Das reicht nicht. Dafür gibt es Nachrichten, die stellen das besser dar, das kann doch nicht die Aufgabe deines Textes sein. Andererseits meine ich zu erkennen, dass du auch eine Geschichte erzählen willst, die würde ich auch wirklich gerne lesen, momentan ist sie aber nur Mittel zum Zweck und das merke ich und mag ich nicht.

Dein Plot:
Dunja wird vergewaltigt. Keinen interessiert es.
Yavid schleicht sich nachts raus. Was genau er vorhat, weiß ich nicht. Er trifft ein blondes Mädchen. Die Situation bei der Essensausgabe passiert.
Alizee und Yavid treffen sich am Zaun, reden über irgendeinen Plan, den ich nicht kenne, es wird auch nicht aufgelöst. Alizees Vater wird zusammengeschlagen wegen ein paar Lebensmitteln. Dunja spuckt drei Männer an, die nicht geholfen haben. Dunja wird deswegen auch verprügelt und liegt mit dem Vater im Krankenhaus (wäre es dort nicht eher nur eine Station? Also eine Krankenstation? Gibt es wirklich ein richtiges Krankenhaus?)
Yavid und Alizee beschließen, die Welt auf die Zustände im Lager aufmerksam zu machen. Drei Tage später kommt Dunja aus dem Krankenhaus. Irgendwann später (deine zeitlichen Übergänge sind mir auch nicht immer ganz klar) füllen sie Benzin ab, das blonde Mädchen taucht auch auf. Eine lange Passage befasst sich dann mit dem Legen des Feuers.

Dunja selbst komme ich nie nahe. Du benutzt sie als Projektionsfläche für die Gewalt. Auch über Alizee weiß ich wenig bis gar nichts. Das Gleiche gilt im Grunde für Yavid. MMn kannst du nicht über die Zustände im Lager schreiben und dabei deinen Figuren so wenig Empathie entgegenbringen (nur textlich gesprochen). Dein Text ist sehr handlungsgetrieben, dabei vergisst du mMn die Figuren. Außerdem ist der Plot eine Abfolge von mehr oder weniger nicht zusammenhängenden Ereignissen, er stellt, wie du ja schon gesagt hast, die Gewalt etc. im Lager dar. MMn brauchst du erst einen Plot mit einem Konflikt und darin kannst du dann die Gewalt darstellen. Persönlicher, leiser, empathischer ... Wie gesagt, ich weiß nicht, wie es besser geht, vielleicht würde es helfen, wenn du dich auf eine Sache konzentrierst, zB die Vergewaltigung oder dass der Vater zusammengeschlagen wird. Überlege dir, was die Geschichte aussagen soll, was der Konflikt ist, der gelöst werden soll. Oder du sagst, die Geschichte soll nur die Zustände in Moria aufzeigen, dann, denke ich, ist alles in Ordnung wie es ist.

Aber zumindest habe ich mal die Einleitung entfernt, auch wenn ich es bezogen auf die Informationen schade finde.
Wenn du es schade findest, könntest du es ja auch am Schluss anfügen. Dann wirkt dein Text als Priming für die Nachrichten und nicht umgekehrt.

Ja, kann ich sehr gut nachvollziehen, da ich dies mehrfach überarbeitet habe - ich weiß, es muss beim Lesen immer noch etwas entwirrt werden, aber ich möchte auch nicht noch öfter die Namen Alizée und Dunja schreiben.
Also mangels besserer Ideen lasse ich es erstmal so ...
Als Beispiel versuche ich mich mal an deinem Einstieg. Du nimmst, ignorierst, verbesserst, wie du magst ...
Im Mondlich sah Alizee ihre Schwester Dunja ins Zelt schleichen. Sie hörte das Weinen ihrer Mutter, das nach einigen geflüsterten Worten des Vater zu einem kaum hörbaren Wimmern wurde. Als Dunja auf der Leiter ins obere Bett kletterte, sah Alizee Blut an den Innenseiten der Beine ihrer Schwester und ihr Körper erbebte. Nach einigen Minuten stand Alizee auf und kletterte zu Dunja, die zitternd im Bett lag und die Tränen laufen ließ.
Am nächsten Morgen wurde Alizee von den Stimmen der Eltern geweckt. Dunjas Kopf lag auf ihrer Schulter, immer wieder griffen die Finger ihrer Schwester krampfartig nach dem T-Shirt auf Alizees Bauch. Alizée wollte Dunja gerade die dunkelbraunen Haare aus dem Gesicht streichen, als die Schwester hochschreckte.
Woher kommt das Mondlicht? Haben die Zelte Fenster? Das könntest du für das Setting noch mit anführen. Dann ist ja klar, dass sie wach ist, wenn sie etwas sieht oder hört. Das könntest du also weglassen. Zudem würde ich soweit möglich aktiv aus der Sicht Alizees schreiben, also sie sieht die Schwester, sie hört die Mutter ... Ist das mit dem Topf und dem Boden eine wichtige Information? Das würde ich weglassen. Mir erscheint auch merkwürdig, dass sie Blut und Tränen schon sieht, als Dunja gerade herinkommt, kann aber natürlich sein, ich habs trotzdem mal woanders platziert. Und du hast jede Menge Verben zur Verfügung, die du nutzen kannst, dann sparst du dir das Wort spüren, bist gleich konkret und hast mehr Dynamik, weniger Substantive. Das sie eingeschlafen ist/sind, wird direkt im nächsten Satz deutlich, könntest du also auch weglassen. Und dass die Hand auf dem Bauch von Alizee lag, hab ich auch weggelassen, weil es schwierig ist unterzubringen und nicht so viel Info/Stimmung bietet, dass es sich lohnt ...

Dann hast du noch die Umgebung erwähnt, das Lager, wie es dort aussieht, riecht usw ...
Es ist nicht der Schwerpunkt der Beschreibungen, aber über den gesamten Text hinweg hoffe ich, dass schon ein Bild entsteht, durch das, was ich in den Szenen erwähne:
Die Hitze. Die Tatsache, dass sich Luja wegen dem Gestank ihr T-Shirt über die Nase zieht. Der feine Sand, der durch das Lager geweht wird. Der Zaun zwischen der safe zone und dem Rest des Lagers. Die Hoffnung, überhaupt etwas zu Essen zu bekommen, genauso wie Wertmarken für die Dusche ...
Ich werde aber noch mal schauen, ob ich an der ein oder anderen Stelle noch etwas ergänze.
Ja, das stimmt. Ich mag es, zu wissen, wo etwas spielt, wie die Stimmung/Atmosphäre ist, das kann man oft durch Beschreibungen der Umgebung verdeutlichen. Ich würde also mögen, wenn du dir explizit Zeit nimmst, etwas zu beschreiben, nicht nur das mit dem T-Shirt über der Nase, sondern _wie_ es dort riecht. Es geht nicht darum, alles ganz genau und detailliert zu beschreiben, oft ist ein Aspekt völlig ausreichend. ZB der feine Sand, das finde ich ein gutes Detail. Du könntest es mit Yavid verknüpfen, der Sand könnte ihn auf die eine oder andere Art nerven oder so. Auch könntest du ein bestimmtes Detail mit Alizee verknüpfen, etwas was ihr besonders auffällt im Lager, vielleicht irgendwelche Geräusche oder eben Gerüche oder was auch immer und dann nicht nebenbei in einem Satz abfertigen, sondern dir ruhig auch mal 3 Sätze Zeit lassen ;-)

Viele Grüße
Katta

 
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Hallo @Katta ,

ja, es dauert schon mal etwas, bis mir klar ist, wie mein Text auf jemand anderen wirkt, also danke für deine zusätzlichen Erklärungen.

Zusammengefasst wollte ich mit der Handlung zunächst zeigen, welche Ereignisse und Gegebenheiten dazu führen, dass die Jugendlichen das Feuer legen. Weiterhin sollte nach und nach die Handlung Fahrt aufnehmen, auch wenn schon bekannt ist, worauf es hinausläuft. Also trotz des Themas auch eine Unterhaltungsgeschichte, auch wenn hierbei ein grundsätzlicher Konflikt fehlt.

Es ging mir also nicht darum, nur rüberzubringen, dass es in dem Lager ganz schlimm ist, wie du geschrieben hast, dafür würde ich mir die Arbeit nicht machen. Es sind verschiedene Ereignisse verschiedener Personen, die zum Ende hin zusammenlaufen und zu der Katastrophe führen. Es ist für mich schon ein positives Feedback, wenn Leser es zumindest für möglich halten, dass es so oder ähnlich geschehen sein könnte. Eine tiefere Botschaft habe ich hierbei nicht.

Die Personen bekommen keine deutlichere charakterliche Tiefe, aber ich hoffe, dass sie durch die Dialoge und Handlungen schon ihre Grundzüge haben. Alizée ist etwas zurückhaltender, Dunja eher das Gegenteil. Auch Yavid ist kein Feigling und er ist besorgt um andere. Er weicht in der vierten Szene nur zurück, weil er auch besorgt um Luja ist. Für die Vielzahl der Personen, zusammen mit den Eltern und Alizée und Dunja sind es ja sechs, ist es das, was ich bei der Länge der Geschichte soweit in Ordnung finde. Wie du ja geschrieben hast, ist die Geschichte sehr handlungsgetrieben, aber völlig charakterlos bleiben die Protagonisten m.E. nicht.

Und noch zum Begriff "Leidensporno":
Der Einstieg in die Geschichte ist vielleicht nicht optimal, direkt eine solche Szene, die ggf. vermuten lässt, dass es genauso weitergeht.
Nur kann m.E. niemand, der die Geschichte vollständig gelesen hat, sie in diese Kategorie einordnen. In den meisten Szenen geschieht überhaupt keine Gewalt. Und in denjenigen, in denen ich sie erwähne, ist sie bereits geschehen. Ich beschreibe weder wie Dunja noch ihr Vater geschlagen werden, und auch nicht zu Beginn bei Dunja eine Vergewaltigung.

Übrigens hatte ich in einem Bericht gelesen, dass Flüchtlinge bei schwereren Verletzungen in ein Krankenhaus auf der Insel gefahren werden. Daher können Dunja und ihr Vater auch nicht einfach besucht werden von Alizée und ihrer Mutter.

Nun habe ich hoffentlich nicht wieder an deinen Anmerkungen vorbeigeschrieben, ansonsten einfach nochmal nachfragen ... Ich hoffe, es ist nun erkennbar, warum ich die Geschichte so aufgebaut habe.

Danke auch für deinen Formulierungsvorschlag, schaue ich mir morgen in Ruhe an!

Viele Grüße,
Rob

 

CoK

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@Rob F

Eine Geschichte, wie es gewesen sein könnte in Moria.
Du hast es verstanden, deinen Text spannend zu schreiben. Was mir nicht gelang, war die Atmosphäre dieses Ortes zu spüren. Allerdings denke ich auch, dass jeder mittlerweile weiß, wie es in so einem Lager aussieht.
Für mich ist deine Geschichte Erinnerung !
Ich habe damals im September an Innenminister Seehofer und an unseren Ministerpräsidenten Kretschmann geschrieben, dass sie doch bitte Flüchtlinge aus Moria aufnehmen sollen. Das sie sich für diese Flüchtlinge einsetzen müssen, ihre politische Stellung nutzen, um zu helfen.
In Zeiten von Corona vergisst man diese Flüchtlingslager, darum finde ich es wichtig dass solche Geschichten wie deine geschrieben werden.

Betrunken und in ihr Spiel vertieft wirkten sie nicht sonderlich aufmerksam.
Hier bedienst du ein Klischee.
Vorsichtig rüttelte er an den Gitterstäben, aber sie waren alle fest montiert.
Gibt es Gitterstäbe die nicht fest montiert sind?

Ich wünsche dir einen schönen Nachmittag
Liebe Grüße CoK

 

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