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Die Witwe

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28.07.2020
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Die Witwe

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Die Witwe wischte das lange Messer gründlich an ihrer Schürze sauber. Die letzten Spuren von Blut und Gewebe polierte sie fort und betrachtete die Klinge im ersterbenden Licht des Abendrots, wie sie die Strahlen der untergehenden Sonne reflektierte und Lichtblitze in den Raum verschoss. Es war eine gute Waffe. Ihr Mann hatte nicht leiden müssen. Der Tod war so schnell über ihn gekommen, dass in seinen Augen nur blankes Erstaunen gelegen hatte aber kein Schmerz. Sie war sich ihrer Gefühle nicht ganz im Klaren. Ein Teil von ihr bedauerte, dass er nicht gelitten hatte. Ein Teil von ihr wünschte sich sogar, sie könnte die Tat ungeschehen machen und ihn erneut töten, wobei er langsam und qualvoll hätte sterben sollen…
Doch sie war Realistin genug, um zu akzeptieren, dass es im Leben meist nur eine einzige Gelegenheit gab, das Notwendige zu tun. Das Notwendige war in den letzten Stunden gewesen, die Spuren ihrer Tat zu tilgen. Sie hatte den Körper sorgsam zerteilt, wie sie es nach dem Schlachten auch mit den Schweinen immer tat. Sie hatte die Stücke portioniert, gewolft, mit dem restlichen Futter vermischt und den fertigen Brei an die Hundemeute verfüttert. Als gute Hausfrau hatte sie anschließend das Schlachthaus und die Küche gründlich geputzt.
Jetzt öffnete sie die Verschnürung der Schürze und legte sie zu den anderen Putzlappen in den Wäschekorb. Der morgige Tag versprach gutes Wetter zu bringen. Die Wäsche würde sie nun über Nacht einweichen und morgen im Fluss gründlich ausspülen. Wenn die Kinder vom Berg kämen, wollte sie ihnen etwas Leckeres zum Essen bereiten. Sie erschauderte, denn der auffrischende Nachtwind streichelte sie, wie es ihr Gatte früher so oft voller Liebe gemacht hatte. Damals, als die Welt noch bunt und fröhlich gewesen war…
Abrupt drehte sie sich vom Fenster fort und schloss die Läden. Sie stocherte in der Glut des Kamins und entfachte das Feuer neu. Als es richtig brannte, legte sie Stück für Stück die Kleidung ihres Gatten hinein. Es würde nur unliebsame Fragen aufwerfen, wenn die Kinder das Loch in seinem Hemd bemerkten, selbst wenn sie es gründlich waschen und das Loch flicken würde. Nein, die Kleinen sollten keinen Grund haben, sich zu grämen. Keinen weiteren Grund.
Die Hitze des Feuers wärmte ihr Gesicht, wie einst seine Berührungen ihre Haut zum Brennen gebracht hatten. Unwillkürlich öffnete sie die Lippen, als wollte sie sich seinem Kuss hingeben. Als ein Scheit knisternd und Funken sprühend zerbarst, zuckte sie zusammen und ihr glasiger, melancholischer Blick wurde wieder klar und scharf wie der eines Adlers. Mit dem Schürhaken schob sie die letzten Reste der noch nicht verbrannten Kleidung tiefer in die Glut hinein.
Später, als sie wie so viele Nächte in den letzten Jahren allein im großen Ehebett lag und die Risse im Putz an der Decke betrachtete, wie sie es unzählige Male zuvor gemacht hatte, da fiel ihr auf, dass sie ihn hören konnte. Seinen Atem, der so oft in volltönendes Schnarchen umgeschlagen war, wenn er getrunken hatte. Er hatte oft und viel getrunken in den letzten Jahren. Und je mehr er getrunken hatte, desto dunklere Seiten seiner Seele hatte er offenbart… Doch nein, es war nicht sein Atmen, was sie hörte, sondern nur der Wind, der um das Haus herum wisperte…
Der Schlaf legte seine sanften Schwingen um sie und sie versank darin wie in einem Ozean der Erinnerungen… Sanfte Hände liebkosten ihren Körper, zärtliche Lippen verwöhnten die empfindsame Haut unter ihrem Ohr. Doch die Liebkosungen wurden beengend, hielten sie fest und fesselten sie. Ein Schluchzen entrang sich ihrer Kehle, als sich die Laken wie die Fangarme eines Kraken um sie schlangen und sie zu ersticken drohten. Sie riss die Augen auf und kämpfte sich mühsam aus den unruhigen Träumen heraus. Schon wieder dieser Traum vom Kraken. Es war, als würde der Ozean nach ihr rufen…
Das erste Grau des Morgens kündigte das Ende der Nacht an. Sie stand auf und nahm die verschwitzten Laken gleich mit hinunter zum Fluss. Lange noch bevor die Sonne den höchsten Stand erreicht hatte, war die Wäsche sauber und sie hängte sie auf die Leinen zwischen den Bäumen auf. Das Laken breitete sie auf der Wiese aus, damit es in der Sonne bleichen konnte.
Ihr knurrender Magen erinnerte sie daran, dass sie noch nicht gefrühstückt hatte. Sie ging also zurück ins Haus und stellte die Kanne auf den Ofen. Wenig später kochte das Wasser und sie tat die Kräuter hinein, die sie im letzten Sommer gesammelt und sorgfältig getrocknet hatte. Sie schnitt den Brotlaib auf, den sie gestern frisch gebacken hatte, bestrich sich zwei gut daumendicke Scheiben mit Butter und legte Wurst drauf. Mit einem leicht schiefen Lächeln im Gesicht legte sie noch eine zweite und dritte Scheibe Wurst oben drauf. Er hätte geschimpft, wenn er diese Völlerei noch hätte sehen können. So dicke Scheiben Brot und derart üppig belegt standen allein ihm zu, wo er doch den ganzen Tag lang schwer arbeitete. Er trieb die Rinder auf die Alm, er beschützte sie vor den Wölfen. Sie dagegen sollte sich nicht so vollfressen, immerhin sollte sie nicht so fett werden, dass sie das Haus nicht länger in Ordnung halten könnte!
Ein wenig plagte sie dann doch das schlechte Gewissen, als sie später noch gut die Hälfte der zweiten Brotscheibe an die Schweine verfütterte. Und die ungewohnte Menge an Nahrung lag ihr noch den Rest des Tages schwer im Magen. Aber als die Kinder später mit den Ziegen von der Alm herunter kamen, lächelte sie tapfer und bereitete ihnen das Badewasser vor.
„Wann kommt der Vater vom Markt zurück?“ interessierte sich ihr Junge.
„Er ist gestern erst gegangen. Er wird wohl noch ein paar Tage fort sein.“ beruhigte sie ihm.
„Wir könnten noch hoch auf die Südalm gehen.“ schlug ihre Tochter vor. „Dort ist nach dem letzten Regen viel Gras nachgewachsen. Die Ziegen finden noch genug Futter, bevor wir sie ins Winterquartier sperren müssen.“
Ihr Junge lachte. „Du willst doch bloß wieder dem Seppel schöne Augen machen!“
„Will ich gar nicht!“ protestierte seine Schwester sofort. Ein wenig zu schnell. „Außerdem heißt er SEBASTIAN!“ setzte sie dennoch mit Nachdruck hinzu und errötete dabei anmutig. Ihre Mutter lächelte beruhigt. Wenn das Mädchen sich noch in junge Männer verlieben konnte, war der Schaden nicht so schlimm gewesen. Dann hatte sie sie noch rechtzeitig beschützen können, bevor… Sie verdrängte schnell diesen Gedanken und räumte die Reste des Abendessens fort.
Als die Nachtruhe das leise Murmeln der Kinderstimmen zum Verstummen brachte, lag die Witwe wieder allein in ihrem Ehebett. Ihr Junge hatte nicht weiter nachgefragt. Aber er war ein aufgeweckter Bursche und würde vermutlich noch lange wach liegen, um darüber nachzusinnen, warum der Vater noch so spät im Jahr zum Markt gegangen war, obwohl es doch Zeit war, die Rinder von der Alm zu holen. Anders ihre Tochter. Sie schlief bereits tief und fest. Das Schnurren ihrer Katze, die wie immer auf ihrer Decke schlief, erfüllte den Raum mit Wohlbefinden. Ein seltsames Tier, diese Katze. Wenn Kynthia auf der Alm war, war das Katzentier oft tagelang nicht zu sehen. Doch kaum war das Mädchen daheim, tauchte die Katze wieder auf und strich ihr schnurrend um die Beine. Ihr Mann wollte keine Tiere im Haus haben. Oft hatte er die Katze mit Tritten aus dem Haus gejagt. Doch immer hatte das schlaue Wesen es vollbracht, in der Nacht durch eine Lücke im Dach zurück zu ihrer kleinen Herrin zu gelangen. Meist war sie in den frühen Morgenstunden wieder auf dem gleichen Wege verschwunden, doch die Witwe war sich sicher, dass sie von nun an immer bis zum Morgen bleiben würde, um Kynthia aus dem Haus zu begleiten. Über diesen Gedanken schlief die Witwe endlich ein.
Wütendes Gebell, welches in freudiges Kläffen und Jaulen umschlug, weckte sie lange vor der Dämmerung. Sie schlüpfte in ihr Kleid und band sich die Haare mit einem Kopftuch zusammen, bevor sie eilig in den Hof hinaus lief.
„Verzeihung, gute Frau!“ murmelte der Jüngling undeutlich, der sich an den Pferchen der Meute zu schaffen machte. „Der Herr verlangt nach Rolf und den Hunden.“
„Rolf ist zum Markt gegangen, Kurt.“ entgegnete die Witwe. „Der Herr muss entweder warten, bis mein Mann zurück ist, oder du nimmst die Hunde selber mit. Aber nicht Fanny. Die ist trächtig und wird in wenigen Tagen werfen. Sie lass hier.“
„Lass gut sein, Mutter. Ich begleite Kurt an Vaters Stelle.“ erbot sich ihr Junge.
Genau wie sein Vater war er lautlos wie ein Schatten, wenn er es drauf anlegte. Sie überließ ihm das Feld und zog sich ins Haus zurück. Sie Katze funkelte sie kurz aus ihren wissenden Augen an, dann legte sie den Kopf wieder auf die Decke und fuhr fort mit ihrem Schnurrkonzert.

- 2 -

Eine Woche lang genoss die Witwe die friedliche Einheit mit ihrer Tochter und dem schnurrenden Katzentier am Tage bei der Hausarbeit und noch mehr bei Nacht. Doch eines Nachts verstummte das Schnurren und riss sie aus dem Tiefschlaf. Sie horchte, ob sie zu erkennen vermochte, was das Katzentier beunruhigte, doch ihre eigenen Ohren waren längst nicht so fein wie die der Katze. Allein ihre Instinkte verrieten ihr, dass die Katze aus gutem Grund beunruhigt war.
Dann hörte auch sie es. Schritte. Schwere Schritte wie die von Männern. Starken Männern. Jene Sorte Männer, die sich nahmen, was sie wollten.
Sie ging auf leisen Sohlen zum Bett ihrer Tochter und weckte sie vorsichtig, wobei sie ihr mahnend die Hand auf den Mund legte. „Kynthia!“ flüsterte sie eindringlich. „Lauf und versteck dich in der Kammer unter dem Küchenboden! SCHNELL!“
Das Mädchen war so schnell wach, wie es nur junge Menschen vermochten. In Windeseile war es bekleidet und huschte nahezu lautlos die Stufen in die untere Etage des Häuschens herab, schob den Teppich zur Seite und glitt durch die kleine Luke in die winzige Kammer hinein. Dort versteckte der Vater seinen wertvollsten Besitz.
„Du bist mein wertvollster Schatz!“ flüsterte die Witwe lautlos, als sie die Klappe schloss, sorgfältig den Teppich gerade zog und den Tisch unauffällig so platzierte, dass er wie selbstverständlich auf dem Teppich stand.
Erst jetzt fand sie Zeit dafür, sich zu wundern, warum Fanny nicht angeschlagen hatte. Eigentlich war die Hündin immer sehr pflichtbewusst und kündigte jeden gebetenen wie ungebetenen Besucher lautstark an! Es gab nur einen einzigen Mann hier in den Bergen, bei dem sie sich zitternd ins Stroh drückte und nicht einmal zu winseln wagte…
Die Witwe zog das Schultertuch enger um sich und öffnete die Tür. „Ulfgar.“ begrüßte sie kühl und abweisend den Mann, der gerade die Hand nach dem Knauf ausgestreckt hatte. „Du kommst vergeblich. Rolf ist zum Markt gegangen.“
„Ich hörte davon.“ antwortete der Recke und schob sie einfach beiseite. Er setzte sich an den Tisch, als ob er hier zuhause wäre, legte die Füße hoch und erwartete offensichtlich, dass sie ihm aus den Stiefeln helfen würde. Ein zweiter Mann folgte ihm ungefragt in den Wohnraum und prüfte mit der Hand, ob der Kessel über dem erloschenen Feuer noch warm wäre. Dann zuckte er beiläufig die Schultern, griff sich die Kelle und schlürfte laut schmatzend den kalten Eintopf in sich hinein.
„Ich sagte es euch bereits!“ erinnerte die Witwe die beiden Männer. „Rolf ist nicht hier! Er ist zum Markt gegangen. Ihr müsst ein andermal wieder kommen!“
„Du wiederholst dich, Weib!“ brummte Ulfgar unwillig. „Tu deine Pflicht und belästige uns nicht mit deinem Gequatsche!“ Er zeigte nachdrücklich auf seine Stiefel.
Sie zwang sich, nicht in die Richtung der kleinen Kammer im Boden zu schauen, als sie Ulfgar zuerst aus den Stiefeln half, dann den Umhang aus Bärenfell abnahm und ihm schließlich Brot, Wurst und Ale auftrug. Sein Gefährte wanderte unterdessen im Wohnraum auf und ab, schaute in Krüge und Truhen, biss mehrere Würste in der Vorratskammer an und widmete sich dann in aller Seelenruhe einem kleinen Fässchen Met.
Als Ulfgar satt war, griff er nach dem Arm der Witwe und zog sie in Richtung der Treppe zur Schlafkammer. Sie wehrte sich. „Lass ab von mir! Ich bin eine ehrenhafte Frau! Rolf wird dich zur Rechenschaft ziehen, wenn du dich an seinem Eheweib vergreifst!“
Er schlug sie. Nicht besonders stark. Eher so, wie man einen unwilligen Hund züchtigen mochte. „Schweig, Weib!“ brummte er gefährlich leise in ihr Ohr. „Du weißt genauso gut wie ich, dass Rolf nicht zum Markt gegangen ist!“
Ihr Herz schien auszusetzen. Sie erschlaffte unter Ulfgars hartem Griff und ließ sich widerstandslos zur Treppe führen. Wie betäubt kletterte sie die Stiege hinan und blieb dann in der Schlafkammer stehen. Wie konnte Ulfgar nur wissen, was sie getan hatte? Konnte er es überhaupt wissen? Oder vermutete er es nur? Wenn ja, was hatte ihn auf diesen Gedanken gebracht? Sie hatte doch alle Beweise beseitigt!
Als hätte er ihre wirren Gedanken vernommen, brummte Ulfgar: „Rolf hätte keine seiner Hündinnen so kurz vor dem Wurf allein gelassen. Fanny erst recht nicht. Sie war seine beste Hündin! Treuer als jedes Weib es sein kann.“ Er griff erneut nach ihr und schüttelte sie wie einen unerzogenen Welpen. „Also, Weib! Sprich die Wahrheit! Was ist mit Rolf geschehen? Hast du ihm die Kehle aufgeschlitzt, du dreckige Schlampe?“
„Er war betrunken und ist von der Leiter gefallen, als er zum Heuboden hinauf wollte.“ antwortete sie wenig überzeugend.
Diesmal schlug er sie stärker. Sie fiel aufs Bett und er legte sich hart und drängend auf sie. Er griff ihr unters Nachtgewand und erkundete ihren Körper, wie es nur einem Gemahl rechtmäßig gestattet wäre. Sie wand sich und versuchte, die aufdringlichen Finger fortzustoßen. Wieder schlug er sie.
„Gib Ruhe, Weib!“ zischte er ihr ins Gesicht. „Rolf schuldete mir noch Geld. Da er tot ist, nehme ich mir zum Ausgleich, was seins war! Du gehörst jetzt mir! Genau wie die Hunde, Kühe, Schweine und die Ziegen.“ Er grunzte zufrieden, als sie jeglichen Widerstand aufgab. Dann setzte er bösartig hinzu: „Du und deine Bastardgöre werdet mir als Mägde dienen. Und DEIN Dienst beginnt hier und jetzt, Weib!“
Die Witwe überlegte blitzartig, welche Auswege ihr aus dieser verfahrenen Situation wohl blieben. Sie gab vor, sich in ihr Schicksal zu fügen. Unbewegt ließ sie es zu, dass Ulfgar sie bestieg wie ein Hengst die rossige Stute begattete. Am besten wäre es wohl, wenn sie den Männern am nächsten Tag betäubende Kräuter ins Essen mischen und sich zusammen mit ihrer Tochter in die Berge schlagen würde. Dort kannte sie sich aus. Der verlassene Hof von Rolfs Eltern würde leicht wieder herzurichten sein und ihnen Obdach bieten im kommenden Winter. Es gäbe zwar viel Arbeit und anfänglich magere Zeiten, doch sie würden überleben und sie wären frei…
Gerade noch klammerte sie sich an diese Hoffnung und ignorierte beflissentlich das immer stärkere Stöhnen und Stoßen des Mannes auf ihr, da hörte sie das unmissverständliche Scharren des Tisches, der zur Seite geschoben wurde. Ihre Finger griffen ganz von selber unter das Kissen, schlossen sich um das Heft des Schlachtermesser und im gleichen Moment, als Ulfgar mit einem wilden Grunzen zum Höhepunkt kam, stach sie ihm die Klinge in den Körper bis ins Herz hinein. Er verdrehte die Augen, grunzte noch ein weiteres Mal, dann quoll ihm Blut aus dem Mund. Sie schob die Leiche von sich und eilte zur Treppe, das blutige Messer noch in der Hand und mit einem wilden, unartikulierten Schrei auf den Lippen.
Als sie den Fuß der Treppe erreichte, riss der Mann gerade den Teppich zur Seite und entdeckte die Bodenklappe. Im gleichen Moment, als er diese öffnete, fing Kynthia an zu schreien und ein fauchendes, kreischendes Bündel Fell flog regelrecht durch den Raum. Die Katze krallte sich am Kopf des Mannes fest, dessen Schreie sich mit denen Kynthias, der Katze und auch denen der Witwe vermischten. Ein unglaubliches Durcheinander entstand, als der Mann sich des Angriffs des wütenden Katzentiers erwehrte, es packte und ihm den Hals brach. Die Witwe reagierte rein instinktiv. Sie griff nach der Hand ihrer Tochter, zog sie aus der kleinen Kammer, wirbelte sie in die Richtung der Haustür und stieß aus dem gleichen Schwung heraus den Mann kopfüber in das Loch im Boden hinein.
„Verrecke darin!“ schrie sie, während sie die Tür öffnete und Kynthia aus dem Haus zerrte.
Sie rannten wie von Teufeln verfolgt in den Stall, wo die Witwe ihrer Tochter befahl, sich im Heu zu verstecken und keinen Mucks von sich zu geben. Flugs eilte sie zum anderen Ende der Scheune und grub mit bloßen Händen im Boden, bis sie ein längliches Bündel freigelegt hatte. Schnell und routiniert wickelte sie es auseinander. Es waren ein Köcher mit Pfeilen, ein Bogen und die dazu gehörige Sehne, die hier sorgsam aufbewahrt worden waren. Die Witwe flüsterte ein leises Gebet an Artemis, dass SIE ihr die Hand führen möge, wie SIE es früher stets getan hatte…
Ihre Finger erinnerten sich dieser lange nicht mehr ausgeübten Bewegungen. Sie spannten ganz von selber den Bogen, befestigten die Sehne und sicherten diese. Die Zugprobe zauberte ein Lächeln ins Gesicht der Witwe. Dieser Bogen würde nicht brechen. Er würde sie nicht im Stich lassen. Nicht hier und nicht heute.
Sie drehte sich zur Tür der Scheune um, atmete tief und gleichmäßig ein und wieder aus. So sammelte sich für das, was sie tun musste.
Das gedämpfte Fluchen aus dem Haus erstarb. Sie hörte die Tür an die Wand krachen und wütende Schritte über den Hof stapfen. Ganz am Rande ihrer Wahrnehmung bemerkte die Witwe, dass Fanny noch immer nicht bellte. Da schwang bereits das Scheunentor auf und der Mann trat im Mondlicht deutlich erkennbar in die Öffnung. Sie legte ruhig und völlig emotionslos einen Pfeil auf, zog die Sehne ans Ohr und ließ den Pfeil fliegen. Er bohrte sich ins Bein des Mannes, der sich fluchend zur Seite warf, als der zweite Pfeil wie ein Schatten des ersten durch die Luft flog und ihn knapp verfehlte. Doch der dritte Pfeil nagelte den Mann an einem Stützbalken fest.
Mehr Pfeile hatte sie leider nicht. Die Witwe schlich lautlos wie ein Schatten an der Außenwand der Scheune entlang, bis sie hinter den Mann gelang. Sie griff sich ein Seil, mit dem sie normalerweise im Winter die Kühe angebunden hätte, schlang es dem Mann um den Hals und zog fest. Sie musste ihre gesamte Kraft aufbringen, um den Mann zu halten und ihm die Luft abzuschnüren. Doch mit der Kraft der Verzweiflung einer Mutter, die um ihr Kind kämpft, schaffte sie es.
„Woher wusstet ihr es?“ keuchte sie, als der Mann signalisierte, sich zu ergeben. Er schaute sie fragend an. „Woher wusstet ihr, dass mein Mann tot ist?“ wurde sie präziser. Er signalisierte, dass er etwas sagen wollte, und sie ließ die Schlinge etwas lockerer.
„Die Hunde.“ keuchte er mühsam nach Luft schnappend. „Der Herr rief zur Jagd. Als Rolf nicht kam und nur sein Bengel mit den Hunden auftauchte, da wussten wir, dass etwas nicht stimmte. Rolf wäre nie so kurz vor dem Werfen seiner besten Hündin zum Markt gegangen. Die Geschichte des Jungen konnte nicht wahr sein. Wir nahmen zwei der Hunde, die Ulfgar selber gezogen und ausgebildet hat. Fox und Devil. Er setzte sie auf die Fährte ihres Herrn und sie führten ihn direkt zum Schlachthaus. War ja klar das eine Jägerin der Artemis…“
Sie zog die Schlinge wieder fest. Dieses Mal ließ sie nicht eher locker, als dass der Mann zu kämpfen aufhörte und der Geruch anzeigte, dass er sich besudelt hatte. Sie überprüfte seinen Herzschlag. Er hatte keinen.

- 3 -

Kynthia staunte nicht schlecht. Binnen weniger Stunden hatte ihre Mutter die Beinkleider ihres Bruders so hergerichtet, dass sie ihr selber passten, dann die Beinkleider des Vaters angepasst und begonnen, das Nötigste zusammenzupacken. Etwas Proviant, Trinkschläuche und zu Kynthias großer Verwunderung auch Waffen. Mehrere Messer, darunter das große Schlachtermesser, kamen ebenso in das Bündel wie der Bogen, der nun leere Köcher und ein Umhang, den Kynthia noch nie zuvor gesehen hatte. Es war ein so helles Bärenfell, dass es geradezu golden anmutete. Zuletzt legte die Mutter noch den Umhang aus Bärenfell von Ulfgar dazu. Dieser war im Gegensatz zu dem anderen so dunkel, dass er schon fast schwarz war.
Unterdessen war es Tag geworden und bei der Fütterung der Hunde entdeckte die Witwe, dass in dieser denkwürdigen Nacht der Veränderungen Fanny ganz allein und ohne Hilfe zu benötigen, ihren acht Welpen das Leben geschenkt hatte. Fox und Devil hielten devot Abstand, denn sie wussten, dass Fanny ihnen an die Kehlen gehen würde, sollten sie auch nur wagen, an den neugeborenen Welpen zu schnuppern.
Das Kläffen der Meute kündigte die Rückkehr ihres Sohnes an. Sie schickte Kynthia fort: „Geh schon einmal vor! Ich folge dir gleich!“ Sie wartete noch kurz, bis Kynthia zwischen den Bäumen verschwunden war, dann ging sie dem Gebell der Hunden entgegen, wobei auch sie sich als ein Schatten unter Schatten hinter Bäumen und Büschen verborgen hielt.
Wie erwartet kam ihr Junge nicht allein. Der Herr begleitete ihn. Das war gut. So würde der Herr dafür Sorge tragen, dass ihr Junge sein Erbe bekäme und es ihm niemand streitig machen würde. Beruhigt zog sie sich tiefer in die Büsche zurück und folgte Kynthia. Schnell hatte sie sie eingeholt und führte sie auf Wildpfaden tiefer ins Gebirge hinein.
Drei Wochen waren sie unterwegs und sprachen nur wenig. Abend für Abend beobachtete Kynthia ihre Mutter, wie sie Pfeile schnitzte, Federn spaltete und in die Pfeile einarbeitete. Sie beobachtete aufmerksam, wie ihre Mutter den Boden untersuchte, Fährten auslas und so mit ihren Pfeilen Abend für Abend dafür sorgte, dass sie satt und zufrieden einschlafen konnten. Dann begann sie, ihrer Mutter Fragen zu stellen. Zuerst ging es um die Künste des Überlebens in der Natur, danach fragte sie ihre Mutter darüber aus, welche Kräuter sie sammelte und welche Wirkungen diese hätten. Als zwei Monde ins Land gezogen waren und der einsetzende Winter nicht länger zu verleugnen war, wagte sich Kynthia in schwierigeres Terrain bei ihren Fragen.
„Mutter, an jenem Abend nannte mich Ulfgar einen Bastard. Bin ich nicht Vaters Tochter?“ wollte sie wissen.
Die Witwe lächelte, als blickte sie weit in die Vergangenheit zurück. Fast schon schien es, als wollte sie nicht antworten, da sprach sie leise: „Ich war auf der Jagd, als ich den Ruf der Göttin vernahm. Sie schickte mich in einen Wald, in dem ich noch nie zuvor gejagt hatte. Zwei Tage lang strich ich erfolglos umher, ohne brauchbares Wild zu entdecken, da sah ich am dritten Tag endlich eine Hirschkuh. Ich folgte ihr, doch ich verlor ihre Fährte. Lange suchte ich, da trat ein prachtvoller Hirsch auf den Weg vor mich und schaute mich an, als wollte er mir tief in die Seele blicken. Ich senkte den Bogen, den ich schussbereit erhoben hatte, und ließ ihn ziehen. In der folgenden Nacht träumte ich, der gehörnte Gott würde mein Lager teilen. Ich erwachte am frühen Morgen und lachte über meine verrückten Träume. Da entdeckte ich das Blut zwischen meinen Schenkeln und lachte nicht mehr. Natürlich glaubte mir niemand meinen Traum. Ich wurde verbannt und folgte meinen Träumen in den Norden. Hier traf ich deinen Vater. Wir verliebten uns und heirateten. Er nahm dich als sein Kind an, doch nur ein Dummkopf würde glauben, ein nach nur vier Monaten gesund und kräftig geborenes Kind wäre rechtmäßig in der Hochzeitsnacht gezeugt worden.“
Von nun an fragte Kynthia jeden Abend nach Dingen aus dem Leben ihrer Mutter. Als sie aus dem Gebirge heraus kamen und in wärmere Gefilde gelangten, fragte sie: „Was hat es mit dem Bogen auf sich? Warum nannte der Begleiter von Ulfgar dich eine Jägerin der Artemis?“
Die Witwe lächelte versonnen, bevor sie leise erzählte: „Mein Kind, als ich jung war, lebte ich unter Frauen, die sich der Göttin Artemis als Dienerinnen versprachen. Wir schworen Keuschheit, um IHR nachzufolgen. Einige von uns dienten IHR, indem sie sich um die Gesundheit der Frauen kümmerten, die um Hilfe ersuchten. Sie waren auch als Hebammen weithin gefragt. Andere von uns gingen auf die Jagd, wieder andere beschützten die Wälder und ihre Bewohner. Ich gehörte zu letzteren. Ich war eine Jägerin der Artemis. Als ich verstoßen wurde, blieb mir nichts als die Kleidung am Leibe und mein Bogen samt Köcher und Pfeilen. Als ich deinen Vater kennen und lieben lernte, versprach ich ihm, die Jägerin in mir zusammen mit den Waffen zu beerdigen. Und bis zu dem Abend vor unserem Aufbruch habe ich dieses Versprechen gehalten.“
Wieder einige Abende später fragte Kynthia zaghaft: „Hast du den Mann getötet, den ich als Vater gekannt habe?“
Trauer umwölkte das Gesicht der Witwe. „Ich habe den Mann geliebt, den ich geheiratet habe. Ich habe zu dem Mann gestanden, der nach seinem Unfall Erleichterung von den Schmerzen im Alkohol gesucht hat. Ich habe es akzeptiert, dass der Mann, den ich einst geliebt hatte, mich schlug und mir untreu wurde. Doch getötet habe ich jeden Mann, der nach der Unschuld meiner jungfräulichen Tochter getrachtet hat!“
Darüber dachte Kynthia lange und gründlich nach. Es war bereits die halbe Nacht verstrichen, als sie zaghaft fragte: „Mama? Musste Vater sterben, weil er mir etwas rauben wollte, was ich bereits dem Sebastian geschenkt hatte?“
Die Witwe nahm sie sanft in den Arm und beruhigte sie: „Nein, mein Schatz. Er musste sterben, weil er dir Gewalt antun wollte. Genau wie Ulfgar und sein Begleiter. Du bist unschuldig, meine Süße! Die Schuld lag bei den Männern, die keine Achtung vor uns Frauen haben. Jetzt sorge dich nicht länger, sondern schlafe süß und träume gut!“
Wenig später verrieten die sanften, langen Atemzüge der Witwe, dass Kynthia tatsächlich eingeschlafen war. Ihre Träume waren unruhig und manchmal murmelte sie Worte oder Namen, die der Witwe allzu gut bekannt waren, die Kynthia jedoch im wachen Zustand noch nie zuvor gehört haben sollte… Immer mehr verfestigte sich die Gewissheit bei der Witwe, dass auch ihre Tochter Zwiesprache mit den Göttern hielt, wenn sie schlief. Genau wie sie selber.
Sie sprachen nicht wieder über dieses Thema, aber Kynthia lernte von nun an noch intensiver all das, was ihre Mutter sie zu lehren vermochte. Bald schon konnte sie selber leidlich gut mit Pfeil und Bogen umgehen. Im Fährtenlesen war sie sehr begabt und auch die Kräuter des warmen Südens kannte sie schon bald so gut, dass ihre Mutter sie lobte.
Eines Tages kamen sie ans Meer. Kynthia staunte nicht schlecht. So viel Wasser hatte sie noch nie zuvor gesehen! Und diese vielen, je geradezu unzähligen Inseln, die sich vor dem Festland tummelten wie Fische im Netz! Die Witwe führte ihre Tochter durch die Gassen, die sich in den siebzehn Jahren ihrer Abwesenheit kaum verändert hatten. Sie führte sie am Tempel der Artemis vorbei in eine schmale Gasse und klopfte dort ein bestimmtes Signal an der Tür eines unscheinbaren Hauses. Die Tür wurde geöffnet und eine runzlige alte Frau öffnete ihnen.
„Was sehen meine halbblinden Augen denn da? Bist du es wirklich, Artio?“ gackerte die Alte und machte eine einladende Geste, um die Gäste herein zu bitten.
„Ja, Mutter Kallisto.“ Die Witwe verbeugte sich ehrerbietig. „Ich bitte um Obdach für mich und meine Tochter. Wir erbitten den Schutz der Dienerinnen der Kallisto!“
„Warum bringst du deine Tochter nicht in den Tempel der Artemis? Dort ist eine Jungfrau wie sie besser aufgehoben.“ hinterfragte die Alte und lächelte, als ob sie die Antwort bereits kennen würde. Ihr Lächeln vertiefte sich zu einem Grinsen und sie gackerte los, noch bevor die Witwe antworten konnte. „Nein! Lass sie selber antworten, meine Tochter!“ befahl sie und gebot ihr zu schweigen. In Kynthias Richtung fragte sie: „Nun, Kind. Was hast du mir zu sagen?“
Kynthia verbeugte sich artig, doch es lag keine Unterwürfigkeit in dieser Geste. „Ehrwürdige Mutter, ein Leben in Keuschheit war mir nie vorbestimmt. Ich sollte meine Mutter in den Norden schicken, um ihr Wissen dort den Frauen zu bringen. Ihre Mission ist erfüllt, weshalb wir nun gemeinsam hier sind, um Eure Schülerinnen zu sein und Eure Erbinnen.“
Da lächelte die Alte erneut und begrüßte sie herzlich: „Willkommen zuhause, Töchter der Kallisto!“
 
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Mitglied
Beitritt
17.07.2020
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Hallo @PalomaLaFleur und herzlich willkommen bei den Wortkriegern.

Deine Geschichte gefällt mir. Ich mag die Wörter, die du benutzt und wie du Sätze formulierst. Das liest sich sehr angenehm. Ich finde deine Beschreibungen auch sehr gut ausgearbeitet.

Viele Grüße
MichiTerra

Die Witwe wischte das lange Messer gründlich an ihrer Schürze sauber. Die letzten Spuren von Blut und Gewebe polierte sie fort und betrachtete die Klinge im ersterbenden Licht des Abendrots, wie sie die Strahlen der untergehenden Sonne reflektierte und Lichtblitze in den Raum verschoss.
Die ersten beiden Sätze gefallen mir richtig gut. Macht Lust auf mehr.
 
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Wortkrieger-Team
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22.10.2011
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Hallo, eine herzliches Willkommen wünsche ich dir.
Nur kurz zur Info, die Anmerkung habe ich gelöscht, sie trug nichts Wesentliches zum Verständnis des Textes bei. Auch den doppelten Titel habe ich gelöscht. Sieht dann einfach besser aus.
Alles Gute für dich.
Viele Grüße von Novak
 
Mitglied
Beitritt
28.07.2020
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Danke. War mein erster Versuch, etwas zu veröffentlichen. Muss mich noch einfuchsen. Auch das Thema Kurzgeschichte ist Neuland für mich. Ich schreibe eigentlich Romane mit um die 500 Seiten.
 
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Beitritt
15.09.2008
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155
Hallo @PalomaLaFleur ,
eine Frau mit blumigem Namen schreibt blutrünstige Antiken-Fiktionen.
Willkommen im Forum!

Ich sage es gleich:
Ich habe keinen Schimmer von Fantasy-Literatur, und so weiß ich auch nicht, was ich mir und auch dir mit einem Kommentarversuch antue.
Ich muss die Handlung zunächst zeitlich und räumlich einordnen:
Offensichtlich befinden wir uns auf Kreta noch während des minoischen Artemiskults, vielleicht in der Nähe von Ephesus, als dort der Artemistempel noch unversehrt stand.
Da Ephesus aber während des „Gotensturms“ um 260 n. Chr. geplündert und dabei der Artemistempel zerstört wurde, muss deine Handlung noch vor dieser Zeit spielen.
Na ja, der Artemiskult, dem deine Prota huldigt, hielt sich gerade mal noch bis ins 4. Jahrhundert n. Chr.
Das wäre so in etwa die Eisenzeit.
Passt ja! Deine Protagonistin Artio besitzt ein großes Messer.

Die gut 4500 Wörter zusammengefasst ergeben als Handlung:
Frau tötet ihren Mann, weil er die Tochter, die nicht seine ist, in mehr oder weniger alkoholisiertem Dauerzustand missbrauchen wollte.
Um die Tochter zu schützen und selbst den Nachstellungen und Erpressungsversuchen eines gewalttätigen Recken Ulfgar zu entgehen, müssen dieser, wie auch ein weiterer Mann, der die Tochter Kynthia zu schänden droht, beseitigt werden.
Das gut funktionierende Messer, Pfeil und Bogen sowie ein Seil werden gekonnt und reuelos eingesetzt.
Ehrverteidigung und Rache rechtfertigen hierbei Grausamkeiten wie Zerstückelung, Herstellung menschlicher Hundenahrung, Aufspießen mit Pfeilen und Leidensverlängerung während der langsamen und unterbrochenen Strangulation des letzten „Bösewichts“.

Nachdem die unliebsamen und gewalttätigen Männer aus dem Weg geräumt sind, gibt Artio den Sohn in die Obhut eines Herrn und verlässt Haus, Hof, Hunde und Herde.
Dank der Survival-Kenntnisse Artios finden Mutter und Tochter nach langer Wanderung ein neues Zuhause bei der halbblinden alten Nymphe Kallisto in die Nähe des Artemistempels.

Soweit, so gut.
Wie aber ordne ich die Wohnverhältnisse der antiken Familie ein?
Da gibt es am mehrstöckigen Wohnhaus mit Teppich, Ofen und Kamin auch eine Küche und ein Schlachthaus und nicht zu vergessen, den Fleischwolf, der Artio zur eleganten Spurenbeseitigung nach dem Gattenmord verhalf.
Recht fortschrittlich für die Eisenzeit!
Sie hatte die Stücke portioniert, gewolft, mit dem restlichen Futter vermischt und den fertigen Brei an die Hundemeute verfüttert. Als gute Hausfrau hatte sie anschließend das Schlachthaus und die Küche gründlich geputzt.
Frage: Hantierte man in der Eisenzeit schon mit Fleischwölfen und besaß man ein Schlachthaus sowie eine separate Küche?

Überhaupt bewundere ich diese Frau, die nicht nur Kühe, Ziegen, Schweine, Hunde und Katzen füttern muss, sondern auch Tiere schlachtet, Wurst und Butter herstellt, und ganz nebenbei am Gattenmordtag noch Brot backt, von dem sie dann einige Scheiben gebuttert und doppelt belegt reuevoll (wegen der doppelten Wurstscheiben) verzehrt.

Weder die feudalen Wohnverhältnisse, noch die Art der Tierhaltung und
-verwertung stimmen mit der zeitlichen Einordnung überein.

Und Seppel für Sebastian und die Hündin Funny sind einzigartig antik.

Aber es ist doch Fantasy!
MMn muss auch eine fiktive Handlung in sich logisch sein.
Die exemplarisch erwähnten Diskrepanzen haben mich leider aus der Handlung katapultiert.
Sicher wirst du aber für deine Fantasy-Geschichten Liebhaber finden.

Gruß und viel Glück!
kathso60
 
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28.07.2020
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Hallo kathso60!

Danke für deine ausführliche Kritik. Ich wollte die Geschichte im Zeitraum der Völkerwanderungen ansiedeln, räumlich irgendwo diesseits der Alpen beginnend und in Griechenland endend. Geschichte war nicht gerade mein Lieblingsfach in der Schule, weshalb ich mich für alle Ungenauigkeiten und Fehler nur entschuldigen kann.
Da ich bisher nur für mich und meine Kinder geschrieben habe, wollte ich einfach mal neutrale Meinungen von Außenstehenden hören (lesen), bevor ich versuche, mein Geschreibsel bei einem Agenten oder Verlag an den Mann zu bringen.
Deshalb vielen Dank für die Kritiken. Ich werde sie mir zu Herzen nehmen, bevor ich meine Romane preisgebe.
LG
 
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15.09.2008
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hallo @PalomaLaFleur,
ich weiß, dass es einen immer etwas runterzieht, wenn man einen wenig lobenden Kommentar erhält.

Was ich dir zu deinem Text, der ja explizit von dir in die Kategorie „Geschichte“ gesetzt wurde, geschrieben habe, sollte nicht entmutigend klingen.

Schreibpotenzial hast du, Stellenweise habe ich mich gut unterhalten gefühlt.

Nur eben die fehlende Kongruenz, der Zeit, der Lebensumstände mit der geschichtlichen Korrektheit hat mich rausgeschmissen.
Beim nächsten Mal könntest du vielleicht vorher die gesellschaftlichen Umstände und historischen Ereignisse recherchieren und dann erst deiner Phantasie für die Fantasy-Story freien Lauf lassen.

Lieben Gruß und Kopf hoch!

Kathso60
 
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28.07.2020
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Hallo Katho60!
Du hast mich mit deiner Kritik nicht herunter gezogen, sondern mir sehr wertvolle Hinweise gegeben.
Da ich mir meine Geschichten nicht ausdenke, sondern sie aus mir heraus fließen, als ob ich nur ein Medium wäre, müsste ich allerdings zuerst schreiben, dann recherchieren und zuletzt korrigieren. Aber das Ergebnis wäre letztendlich das gleiche. :)
LG
 
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Doch sie war Realistin genug, um zu akzeptieren, dass es im Leben meist nur eine einzige Gelegenheit gab, das Notwendige zu tun.

Der bekannteste Gattenmord ist wohl der im Hause Mykene an dem mit Kassandra als Kriegsbeute heimkehrenden Atriden Agamemnon in der Nachfolge des trojanischen Krieges mit weiteren „sagenhaften“ Folgen innerhalb des Hauses – und nicht nur die Odyssee (wo bereits das erste Mal in der Weltliteratur so etwas wie „Wurst“ auftaucht) schreibt die unruhigen Zeiten aus der Wanderung der Seevölker fort, sondern auch das Alte Testament mit dem Auftauchen der Philister, deren Geschichte eine Parallele zum Kampf um Troja im Zweikampf von Achill und Hektor aufweist: Goliath gegen David, mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Philister sich an die Abmachung hielten, dass das Schlachten hernach ein Ende habe und der Sieger des Zweikampfes die Niederlage der anderen Seite besiegelte.

Genug Stoff, um mehr als 500 Seiten zu füllen,

liebe PalomaLaFleur -
und damit erst einmal herzlich willkommen hierorts!

Aber vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt!

Dankenswerterweise hat @kathso60 schon einiges zur „Historik“ gesagt und auch ich sehe daher eher „Fantasy“ denn „Historik“ am Werk. Ich kann nun keineswegs griechische Originale lesen (das Gotische, kathso nennt die Goten, ist übrigens erstaunlich nahe beim Althochdeutschen, dass ich unterstelle, dass frühere Stufen – Sächsisch, Fränkisch, Bairisch – noch näher dran sind, als die ersten schriftlichen ahd. Zeugnisse Mitte des 9. Jh., als das Gotische als Lingua franca schon vergangen war und allein auf der Krim bis an die Pforten der Neuzeit überlebte.

Nun, Dein Dilemma beginnt mit der „modernen“ Sprache und ich muss da nun einen eigentlich unzulässigen Griff tun, wenn ich Mann und Frau als das mit westgermanistischer Zunge bezeichne, was sie vom Wort her sind. So ist das Wort „Frau“ eine Ableitung vom Mann, ahd. frō (lebt noch in zwo Bezeichnungen heutigentags fort, im „Frondienst“, der zugleich ein Frauendienst sein kann, und im „Fronleichnam“, dem „Leichnam des Herrn“).

Das weibliche Gegenstück zum „Herrn“ war die „frouwa“ – die „Herrin“. Dass der Wortursprung nix mehr mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu tun hat, ist ein anderes Problem. Umgekehrt würde ein Matriarchat auch nix ändern. Es bestimmte nur Erbschaftsangelegenheiten. Vom Bund der Irokesen – oft als die „Griechen“ Amerikas bezeichnet - weiß ich, dass dort eine Art Matriarchat gepflegt wurd und wird – aber wer muss(te) gelegentliche Unstimmigkeiten gegenüber Nachbarn (wie den Huronen etwa, der Spielfilm „Black Robe“ bringt es schön auf den blutigen Punkt) „ausbaden“?

Aber zu Deinem Text, der wörtl. Vorgetragen sicherlich eine andere Wirkung hat als niedegeschrieben. Das gesprochene Wort ist flüchtig, kaum der Zunge entronnen flüchtet es ins eine Ohr rein und zum andern wieder hinaus. Niedergeschrieben offenbart sich jede Schwäche wie schon am Anfang
Die Witwe wischte das lange Messer gründlich an ihrer Schürze sauber. Die letzten Spuren von Blut und Gewebe polierte sie fort und betrachtete die Klinge im ersterbenden Licht des Abendrots, wie sie die Strahlen der untergehenden Sonne reflektierte und Lichtblitze in den Raum verschoss.
offenbart sich eine Art offensichtlichen und verdeckten Adjektivismus, wenn jedes Substantiv seine Attribute bekommt und manches Substantiv selbst eine Verstärkung des anderen bedeutet, um seine Wirkung vermeintlich zu verstärken wie im Abendrot der untergehenden Sonne. Das ist gelebte Gartenlaube und Beschreibungsliteratur über Selbstverständlichkeiten. Irgendwie hängen doch Abendrot und Sonnenuntergang nahe beieinander. Oder hab ich die falsche Brille auf?

Da überlädtstu eine Geschichte, die nicht umsonst „kurz“ als Vorsilbe gewählt hat mit unnötigem Ballast.

Aber vor allem hapert es mit der Rechtschreibung und Zeichensetzung, wie bereits hier
Der Tod war so schnell über ihn gekommen, dass in seinen Augen nur blankes Erstaunen gelegen hatte[,] aber kein Schmerz.

Oder hier die Auslassungspunkte
Ein Teil von ihr wünschte sich sogar, sie könnte die Tat ungeschehen machen und ihn erneut töten, wobei er langsam und qualvoll hätte sterben sollen[...]...
die direkt am vorhergehenden Zeichen behaupten, es fehle wenigstens ein Buchstabe am – was nicht der Fall ist; da wäre ja auch die Ästhetik des Apostrophes viel rationeller.
Also immer eine Leerstelle zwischen Auslassungspunkten und Wort – außer im genannten Falle

Sie hatte die Stücke portioniert, gewolft, mit dem restlichen Futter vermischt und den fertigen Brei an die Hundemeute verfüttert.
Ich weiß, was Du meinst, aber „wolfen“ gibt es nicht im Deutschen (jedenfalls bis jetzt nicht) und das mhd. „welfen“ (Heinrich der Löwe war ein Welfe wie heute eigentlich noch das Haus Hannover, Cousins des Hauses UK), das aber meint eigentlich, dass der Wolf Junge werfe - angelehnt an „Wolf“ und „wölfen“.

Als gute Hausfrau …
Da isse, die züchtige Hausfrau, wie sie mit dem bürgerlichen Zeitalter auftaucht und in Schillers Glocke glorifiziert wird und in Wirklichkeit sich in ein heimisches Gefängnis zwingen lässt

Wenn die Kinder vom Berg kämen, wollte sie ihnen etwas Leckeres zum Essen bereiten.
Warum der Konjunktiv irrealis („käme“) inmitten des Indikativs, der durch das bedingende „wenn“ beibehalten werden kann, wobei man das „wollte“ in Deiner erzählten Zeit (Prät.) als Zwitter zwischen Indikativ und Konjunktiv ansehen kann (und - siehe ich - wird und als Konjunktiv Zweifel an der Absicht, Essen zuzubereiten äußert ...

Sie erschauderte, denn der auffrischende Nachtwind streichelte sie, wie es ihr Gatte früher so oft voller Liebe gemacht hatte. Damals, als die Welt noch bunt und fröhlich gewesen war…
Mit den Auslassungspunkten mussru alles durchsehen! Aber:
Statt „machen“ würd ich „tun“ empfehlen

Was überhaupt nicht klappt ist das Ende der wörtl. Rede, wobei sich das meiste an diesem zusammenhängenden Block darstellen lässt (aber vorsicht, es zieht sich weiter dahin …!)

*„Wann kommt der Vater vom Markt zurück?“[,] interessierte sich ihr Junge.
**„Er ist gestern erst gegangen. Er wird wohl noch ein paar Tage fort sein.“[,]beruhigte sie ihm.
***„Wir könnten noch hoch auf die Südalm gehen.“ chlug ihre Tochter vor.
Folgt direkt auf eine wörtl. Rede ein weiterer Satz, so beginnt dieser normalerweise wie auch jeder Satz jenseits der wörtl. Rede mit Großbuchstaben (hier ***). Schließt die wörtl. Rede nicht mit Punkt, sondern Frage- oder Ausrufezeichen, ist ein Komma zwischen wörtl. Rede und „Redebegleitsatz“ (hier *) ein Komma zu setzen, der die Forderung nach der Majuskel *** aufhebt und Minuskel ermöglicht. Das gilt auch für **, wobei der bloße Aussagesatz in wörtl. Rede ohne Punkt endet.

Genug für heute und doch kein Grund, den Kopf hängen zu lassen, denn wie sagt das Sprichwort doch so trefflich, es sei noch keine Meisterin vom Himmel gefallen, dass ich ergänze: Was hätte sie auch davon – außer einem gebrochenen Genick?

Tschüss

Friedel
 

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