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Die Zwiebel

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19.04.2020
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Die Zwiebel

Er sass auf seinem Bürostuhl und schaute auf die stark befahrene Strasse hinaus.
Sein Geschäft befand sich direkt an dieser Strasse. Dezent, wie es sich gehörte.
Natürlich hatte er wenig Laufkundschaft.
Heute hatte noch niemand seinen Laden betreten.
Er hatte ein wenig Schach am Computer gespielt, sich einen Tee gemacht. Nun sass er einfach da und schaute auf die Strasse hinaus.

Er hatte eine Besonderheit : Er weinte niemals. Schon als Kind, als er oft gehänselt und verprügelt worden war, flossen nie die Tränen, was seine Widersacher natürlich noch wütender machte und ihm noch mehr Blessuren einbrachte.
Er weinte nicht, als seine Mutter starb und er weinte nicht, als sein Vater dahinschied. Auf dessen Begräbnis war er mit seinem Bruder aneinandergeraten, welcher ihm Gefühlslosigkeit vorwaf. Er war nicht gefühllos, er weinte nur nicht. Die herumstehenden Personen hatten den Wutausbruch seines Bruders bemerkt und musterten ihn, wie ein lästiges Insekt.

Er hatte niemals eine Lebensgefährtin. Er war seit seiner Kindheit ein Aussenseiter, eine Randerscheinung der Gesellschft, weil ihm eines der wichtigsten Requisiten fehlte, um ein vollweriges Mitglied zu sein : Die Trauer. Ob sie nun gespielt war, oder nicht.
Als die Tochter seines Bruders an einer Hirnblutung starb und er –bei ihrem Begräbnis –ebenfalls nicht weinte, sagte sein Bruder : „Du solltest ein Bestattungsinstitut eröffnen“.

Was verletzend sein sollte, wurde Wirklichkeit.

Das kleine Unternehmen lief schlecht an. Die Leute schätzten zwar seine Integrität und seine Würde, wirken aber immer äusserst verwirrt, wenn er – auch bei den tragischen Fällen, in welche meistens Kinder involviert waren – nicht einmal eine einzige Träne vergoss.
Die Sache änderte sich erst, als er entschied – in einem besonders tragischem Fall – sich eine Zwiebel zu kaufen. Kurz , bevor der Kunde seinen Laden betrat, begab er sich in die kleine Toilette und zerschnitt die frische Zwiebel. Er hielt sich die Zwiebel unter die Nase und seine Augen fingen an zu tränen. Nicht viel, aber zumindest ein wenig.

Dieses Prozedere führte er fortan immer bei schwerwiegenden Fällen durch und der Aufschwung seines Unternehmens began. Die Zwiebel verursachte die notwendigen Tränen, nicht zu viel und nicht zu wenig. Der Trick funktionierte zu solcher Perfektion, das sogar sein Bruder ihm Glauben schenkte. „Du hast Deine Berufung gefunden, Bruder“ sagte er.

Er hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, fragte sich aber manchmal, warum man ihm diese „Laune“ der Genetik in die Wiege gelegt hatte. Manchmal sah er traurige Filme oder las traurige Bücher. Das Einzige jedoch, was ihm eine Träne entlocken konnte, war die Zwiebel.

Er ging zum Kühlschrank und holte sich ein Eis. Es war Sommer und die Temperatur im Geschäft war hoch. Es verfügte zwar über eine Klimaanlage ( alles zum Wohle der trauernden Kundschaft ), aber diese schaltete er meist nur dann ein, wenn Kundschaft zu erwarten war.
Er setzte sich wieder an seinen Schreibtisch, sah auf die Strasse hinaus und schleckte an seinem Eis.

Ein Mann betrat das Geschäft. Er sah sehr mitgenommen aus.

„Was kann ich für Sie tun ?“. Hier setzte er normalerweise seine Mitleidsmine auf, unterlies es diesmal aber. Erstens, weil der Mann alleine kam, was äusserst ungewöhnlich war und zweitens, weil er augenscheinlich völlig neben der Spur war.
„Ich will einen Sarg“
„Das kann ich bewerkstelligen. Für wen ?“
„Für mich“

Das Gespräch began abstruse Bahnen einzuschlagen. Er fühlte sich wohl auf dieser Wiese und entschied, dort noch ein wenig zu verweilen, bevor er diesen Besucher hinausbeförderte.
„Aber sie leben doch noch“
„Noch“
Der Mann setzte sich unaufgefordert auf ein Sofa und began zu erzählen.
Er hatte diese Geschichte schon mindestens einhundert mal gehört, allerdings nie von einem Lebenden, sondern meistens von den Hinterbliebenen, welche – wie meistens- die Angewohnheit hatten, die Dinge in einem schöneren Licht darzustellen, als sie wirklich gewesen sind. Man soll keinen Dreck auf Verstorbene werfen.

„Arbeitslos, Familienlos,Heimatlos. Was braucht der Mensch mehr, um zu sterben ?“
Endet der Mann seinen Monolog.
„Haben sie Kinder ?“
„Nein. Ich wollte immer Kinder, aber meine Frau hat die Karriere vorgezogen. Warum fragen Sie mich das ?“
„Machen Sie Kinder glücklich. Werden Sie Eismann !“
„Wie bitte ?“

Er war auf der Wiese und pflückte Blumen. Er hielt ein Eis in der Hand. Was lag also am Nächsten, was er diesem Mann vorschlagen konnte, um ihn loszuwerden ? „Werden Sie Eismann. Sie leben noch, also kann ich nichts für Sie tun. Sie dürfen gerne wiederkommen, wenn Sie das Zeitliche gesegnet haben.“
Der Mann war zu sehr mit sich selbst beschäftigt und verstand die Blume nicht, welche ihm gerade entgegengehalten wurde.
„Aber,aber.....“
Er schob ihn zur Tür hinaus. Es war genug des Guten gewesen.

Einige Monate, vielleicht auch länger – wer mag das im Rückspiegel der Zeitabläufe schon erkennen ? – vergingen. Die Geschäfte liefen gut. Es war ein extrem heisser Sommer und – speziell ältere Menschen – hatten es nicht einfach.

Eines Tages betrat der selbe Mann das Geschäft.
Diesmal sah er sehr Geschäftsmässig aus.
„Sie müssen mir helfen“
„Gern, womit ?“. Wieder ersparte er sich seine Mitleidsmine.
„Ich möchte gerne, das Sie mit mir zur Kirche fahren. Dort besprechen wir dann alles weitere.“

Diese Bitte war nichts Ungewöhnliches, da viele Kunden die Stelle vorher in Augenschein nehmen wollten, wo sie einen geliebten Menschen verabschieden mussten. Also stimmte er zu.
Im Auto began der Mann zu erzählen : „Sie erinnern sich an mich ?“ – „Natürlich. Ich erinnere mich an alle meine Kunden, obwohl Sie ja eigendlich garkein Kunde waren.“ „Sie haben mir gesagt, ich soll Kinder glücklich machen und Eismann werden“ .Er lächelte : „Ja. Daran erinnere ich mich. Und ?“

„Ich habe es getan ! Mittlerweile bin ich selbständig und habe über 20 Eiswagen, welche täglich – auch im Winter – durch die Wohngegenden fahren. Ich liebe es, wenn die Kinder beim Bimmeln der Glocke angerannt kommen.“ Er strahlte über das ganze Gesicht. Völlig unähnlich einem Trauernden.

Sie erreichten die Kirche. Beim öffnen des Eingangs sagte der Mann : „Danke !“
Die Kirche war bis auf den letzten Platz mit Kindern gefüllt.

Alle hatten in einer Hand eine Kerze und in der anderen Hand ein Eis. Wie aus einem Munde sprachen Sie : „Danke !“

Er weinte.
 
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13.09.2020
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Hallo Dosenfood,
Ich finde deine Geschichte sehr berührend, vorallem der Schluss. Du hast einen schönen Schreibstil und die Länge dieser Geschichte finde ich perfekt. Eine kleine Sache die ich ändern würde, ist der zweite Absatz.
Er hatte eine Besonderheit : Er weinte niemals.
Ich finde, es kommt so plötzlich. Vielleicht könnte sich die Person erst an die Beerdigung erinnern, weil er etwas draußen gesehen hat, was ihn daran erinnert hat.

LG Jojo
 
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19.04.2020
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Guten Morgen, Jojo05,

vielen Dank für Deinen Kommentar.
Ich werde den entsprechenden Satz umformen. Vielen Dank für den Tip und mit guten Wünschen für ein angenehmes Wochenende,

DF
 
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09.12.2019
Beiträge
322
Ich werde den entsprechenden Satz umformen. Vielen Dank für den Tip
Das gibt's ja nicht ... wirst du nun tatsächlich zum ersten Mal einen Text korrigieren?

Das glaube ich erst, wenn ich es sehe, bisher bist du den Beweis noch schuldig ;)
 

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