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Serie Doktor Brändli und das grosse Rennen gegen den wildgewordenen Suppentopf

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Doktor Brändli und das grosse Rennen gegen den wildgewordenen Suppentopf

Doktor Brändli war heute schneller wach als sonst. Ihm war, als hätte er auch pfeilschnell geträumt. Er war noch ganz ausser Atem. Es war so ein Tag, an dem man das Gefühl hatte, der untergehende Mond - nein, der abstürzende Mond - hätte der aufgehenden Sonne einen Tritt versetzt und dabei gegrummelt: „Mach vorwärts, Dicker!“
Doktor Brändli ahnte Kurioses.

Er richtete sich bewusst langsam auf, setzte sich bewusst langsam an seine Bettkante, streckte sich bewusst langsam und zog sich bewusst noch langsamer um.
„Doktor Brändli! Komm schnell!“
Doktor Brändli verdrehte die Augen.
Es war Tiger.
„Aufwachen! Komm schnell!“
„Warum schnell?“, fragte Doktor Brändli bewusst im Schneckentempo.
„Weil der Suppentopf wild geworden ist.“ Tiger wartete auf eine entrüstete Reaktion, so im Sinne von Was du nicht sagst! oder Ach, du meine liebenswerteste gute Güte! Etwas in der Art. Oder zumindest ein Na sowas. Aber nichts davon. Doktor Brändli zupfte ganz gemütlich an seinem Bart herum, schaute kurz auf und brummte: „Na und?“
„Der Suppentopf ist wild geworden. Wild. Weisst du. Ganz wild.“ Tiger wiederholte sich und wurde dabei nicht nur schneller, sondern auch lauter.
„Und jetzt?“ Doktor Brändli liess sich bewusst nicht aus der Ruhe bringen. „Der Suppentopf wird schon seine Gründe haben. Suppentöpfe sind von Natur aus wild. Manchmal vergessen sie einfach, dass sie gezähmt wurden.“
Doktor Brändli sortierte dabei weiter seinen Bart und tat so, als sei seine Bemerkung das Selbverständlichste der Welt und als wisse das jedes säugende Tigerbaby.
Tiger wusste das aber nicht und wurde barsch: „Jetzt komm einfach!“
Er packte Doktor Brändli am linken Arm, zerrte ihn aus dem Schlafzimmer, schleppte ihn die Treppe hinunter und schubste ihn nach draussen. „Dann schau doch einfach mal zu.“
Doktor Brändli bemühte sich sehr, seine Verblüffung zurückzuhalten. Denn das, was er sah, war gewiss nicht alltäglich.

Auf dem Vorplatz vor dem Haus standen nebeneinander drei weiss beschmierte Kisten. Die höchste Kiste stand in der Mitte. Auf der weissen Vorderseite war eine schwarze Nummer, eine „1“, aufgemalt. Die niedrigste Kiste stand links daneben. Sie war mit einer schwarzen „2“ versehen. Die Kiste auf der rechten Seite, deren Höhe irgendwo dazwischen lag, trug die Nummer „3“. Doktor Brändli erkannte in dem nicht sehr professionellen Gebastel trotzdem ein Siegerpodest.

Neben den Kisten stand Doktor Brändlis grosser Suppentopf. Er hatte sich eine Suppenkelle geschnappt, die er als Mikrophon benutzte. Im Halbkreis, rund um ihn herum, stand der wohl ganze Haushalt von Doktor Brändli und hörte der Ansage des Suppentopfes zu: „Und der Sieger des heutigen, heissblütig umkämpften Rennens ist ...“ Der Suppentopf legte eine Pause ein und liess seine quirligen Pupillen durch den Halbkreis wandern. „ ... ist der Einzigartigste von allen Einzigartigen, der Grösste aller Grossen, der Schnellste aller Schnellen, der Bescheidenste aller Bescheidenen, der Gebestetste aller in der Vergangenheit der Weltgeschichte je einmal Gebestetsten ...“ Seine Stimme schwoll an. „ ... Suppentopf!!!“

Der Suppentopf warf seine Hände jubelnd in die Höhe und liess dabei die Suppenkelle, sein Mikrophon, durch den Morgenhimmel fliegen - was, nebenbei gesagt, der Kelle nicht unangenehm war. Triumphierend näherte sich der Suppentopf dem selbst gebastelten Podest und tanzte freudestrahlend hinauf auf die Kiste Nummer eins. Als wäre er aus Leichtmetall.
Er verbeugte sich und legte sich eine selbstgebastelte Goldmedaille um. Er hatte aus einem gelben Schuhkarton einen Kreis herausgeschnitten und diesen an einer alten Hanfschnur befestigt. Zudem überreichte er sich selbst einen alten, verbeulten Dampfkochtopf. Als Pokal.
„Was ist eigentlich ein Gebestetster?“, fragte der Latz Doktor Brändli. Doch der zuckte nur mit den Schultern.

Inzwischen war der Suppentopf von Nummer eins hinuntergeklettert, hatte Medaille und Pokal zur Seite gelegt und fragte die Küchenuhr, wo sein Mikrophon sei. Die Küchenuhr wusste zwar, wo die Kelle gelandet war, schien aber nicht willens zu sein, ihre Zeiger zu verdrehen, um die Richtung anzuzeigen. In Sachen Genauigkeit machte sie keine Kompromisse und wirkte dadurch manchmal etwas altbacken.
„Hier bin ich. Hier bin ich.“ Die Kelle rannte auf den Suppentopf zu. Es schien so, als erhoffte sie sich, noch einmal durch den Morgenhimmel zu fliegen.

Der Suppentopf griff nach der Kelle, holte tief Luft und machte mit tiefer Stimme weiter: „Auf dem zweiten Platz, nur knapp hinter dem Gebestetsten aller Gebestetsten, sozusagen nur ein Silberhaar hinter der Goldmedaille, der verdiente Gewinner der schier vergoldeten Silbermedaille, ... der Suppentopf!!!“
Wieder begannen die Festlichkeiten von vorn. Der Wurf des Mikrophons durch die Morgenluft und das siegestänzelnde Besteigen der Kiste Nummer zwei, die komischerweise niedriger war als die Kiste Nummer drei. Der Suppentopf verbeugte sich wieder und legte sich die Silbermedaille um den Hals. Diesmal war es ein grauer Schuhkarton gewesen.

Nachdem sich der Suppentopf selbst mit Handkuss vom Podest verabschiedet hatte, griff er wieder nach der mit Vorfreude herbeieilenden Kelle. Doch bevor er Luft holen konnte, meldete sich jemand anders zu Wort.
Es war der Latz: „Sag mal, du wildgewordener Suppentopf mit deinem wildgewordenen Suppenkopf. Ich weiss nicht, wer dir dein Hirn so weichgekocht hat, aber wie ist es möglich, dass du gleichzeitig Erster und Zweiter bist?“
Der Suppentopf schien mit dieser Frage gerechnet zu haben: „Das ist doch klar. Ganz einfach. Weil ich eben der Gebestetste aller Gebestetsten bin.“ Er grinste dabei und zeigte seine schneeweissen Zähne. „Und nun, zu Rang Nummer drei ...“
„Au weia. Ist das spannend. Wer ist wohl Dritter geworden?“ Tiger rieb sich nervös die Hände und war ganz aus dem Häuschen.
Der Latz kickte ihn ins Schienbein. „Das ist doch wohl klar, du Depp.“

„Auf dem dritten Rang, mit dem wertvollsten Bronze, das die Welt je gefunden hat, weniger als ein hauchdünnes Nichts hinter dem gebestetsten Zweitplatzierten seit Igor, dem zweitplatzierten Riesenfüdlisaurus beim Zähneweitspucken, ... auf dem dritten Platz, der ..., der ..., der ... Suppentopf!!!“
„Das ist ja unglaublich! Schon wieder er.“ Tiger war ganz begeistert.
Der Latz kickte ihn ins andere Schienbein.
Die Suppenkelle genoss ihren dritten Flug. Und der Suppentopf seinen dritten Auftritt. Er legte sich eine grüne Medaille um und erklärte, das Bronze seiner Medaille habe eben schon Patina angesetzt.

Der Latz konnte sich nun nicht mehr halten. Er trat aus dem Halbkreis hinaus, kippte mit dem Fuss Kiste Nummer eins und Kiste Nummer zwei um und holte zum Konter aus. „Nun sag mal, du dickbauchige Eisenbeule, wann hat das Rennen denn stattgefunden und wie viele Teilnehmer sind gestartet?“
„Wenn du nicht weisst, wann das Rennen stattgefunden hat, bist du selber schuld. Du hättest eben das Plakat lesen müssen“, erwiderte der Suppentopf.
„Ein Plakat?“ Der Latz schaute in den Halbkreis. „Hat jemand von euch jemals ein Plakat gesehen, auf dem das Rennen angekündigt war?“
Der Halbkreis schüttelte synchron den Kopf.
„Sag schon. Wo ist dein Plakat?“
„Was? Das Plakat habt ihr nicht gesehen? Oder könnt ihr eventuell nicht lesen? Oder wart ihr einfach nur zu feige, um gegen mich anzutreten? Tz.“ Der Suppentopf schnalzte ungläubig mit der Zunge.
„Sag schon. Wo ist es?“ Der Latz wurde langsam ungeduldig und hätte sich die Ärmel hochgekrempelt, wenn er welche gehabt hätte.
„Ach. Dass ihr das nicht gesehen habt. Das hängt schon über zweieinhalb lange Monate in der Küche.“
„In der Küche? Ein Plakat? Hat jemand von euch in den letzten zweieinhalb Monaten in der Küche ein Plakat entdeckt?“
Wieder schüttelte der Halbkreis synchron den Kopf.
Ausser Tiger. Er spurtete nämlich sofort in die Küche, um das Plakat zu suchen. Auch der Rest der Zuschauer wurde neugierig. Es dauerte nicht lange und der ganze Halbkreis hatte sich neu in der Küche formiert.

„Ich sehe hier nichts.“ Tiger hatte schon alles durchsucht.
„Wo nichts ist, kannst du auch nichts sehen.“ Der Latz war sich seiner Sache sicher.
„Na? Habt ihr alle Tomaten auf den Augen?“ Der Suppentopf drängte sich etwas unhöflich durch den Halbkreis, schritt in die Mitte der Küche, kletterte unter den Küchentisch, legte sich darunter auf den Rücken, streckte die rechte Hand in die Höhe und meinte vorwurfsvoll: „Hier ist es ja. Grösser, klarer und deutlicher könnte man es nicht ankündigen.“
Kaum rollte der Suppentopf zur Seite, kroch auch schon Tiger unter den Küchentisch und las vor: „Das grosse Rennen! bla bla bla Datum, Zeit bla bla zehnmal um Doktor Brändlis Haus ...“
„Was? Du hängst ein Plakat unter dem Küchentisch auf?“ Der Latz trat näher und kippte den Küchentisch so um, dass der ganze Halbkreis das Plakat lesen konnte. „Du kannst doch nicht ein Plakat unter dem Küchentisch aufhängen.“
„Warum nicht? Ich dachte mir, die Küche ist ja das meist aufgesuchte Zimmer im ganzen Haus. Also suchte ich darin eine freie Fläche. Um den Anlass für alle augenscheinlich anzukündigen, habe ich ein extra grosses Plakat gestaltet. Für die Wände war es jedoch zu riesig. Die einzige Fläche, die gross genug war, war die Oberfläche des Küchentisches. Und da die obere Seite für die Mahlzeiten reserviert ist, habe ich eben die untere Seite als Plakatfläche benutzt. Ist ja wohl klar, oder?“
Der Suppentopf fischte in all den Augenpaaren, die auf ihn gerichtet waren nach Verständnis und fand es in den Tigeraugen.
„Klingt logisch.“ Tiger nickte. „Mann. Warum habe ich das Plakat nicht gesehen. Ich hätte bestimmt gewonnen.“
„Apropos gewonnen ...“ Der Suppentopf fuhr fort. „Doktor Brändli, könntest du meiner Wenigkeit noch die Siegesprämie überreichen?“
„Was für eine Siegesprämie?“, fragte Doktor Brändli.
„Steht auf dem Plakat“, antwortete der Suppentopf.
Tiger bückte sich und las vor: „Hier:

1. Platz: Eine Flugreise an einen exotischen Ort
2. Platz: Ein Swimmingpool, ganz alleine für den Gewinner
3. Platz: Eine luxuriöse Wellnessmassage“

„Boah. Und das hast du alles gewonnen. Gratuliere.“ Tiger streckte die rechte Hand dem Suppentopf entgegen.
„Auch ich gratuliere dir, mein lieber Suppentopf.“ Der Latz klopfte dem Suppentopf auf seine stählerne Schulter. „Doktor Brändli, würde es dir etwas ausmachen, wenn ich die Preise überreiche?“
Doktor Brändli war verwirrt und zugleich entzückt. „Äh. Mach nur. Wenn du das gerne übernehmen möchtest.“
„Vielen Dank.“ Der Latz griff nach der Suppenkelle. „Meine verehrten Damen, Herren, Tiere, Bestien, Gegenstände und Lebensmittel. Wir kommen nun zur Preisverleihung an den Gebestetsten aller Gebestetsten. An den siegreichen Sieger, der alle drei Preise mehr als redlich verdient hat.“
Der Latz legte den Arm um die Schulter des etwas unsicheren, verlegenen und auch verblüfften Suppentopfes und liess den Griff nicht los.
„Hier der erste Preis: Eine Flugreise an einen exotischen Ort!“
Kaum hatte er den Preis angekündigt, drehte sich der Latz blitzschnell um und kickte mit grosser Wucht gegen den Suppentopf, so dass dieser in die nächste Ecke der Küche flog.
Er landete mitten in der Etagère mit den Früchten.
„Welch eine Flugbahn an einen exotisch-fruchtigen Ort“, fuhr der Latz fort. „Wie der grossartige Gewinner es doch geniesst, zwischen all diesen Mangos, Passionsfrüchten und Bananen ...“
Der Suppentopf war noch etwas benommen und befreite sich von den Tropenfrüchten, als der Latz herbeieilte und ihn erneut am Griff festhielt.
„Der zweite Preis: Ein exklusiver Swimmingpool, ganz alleine für unseren Ausnahmesportler.“
Der Latz trug den Suppentopf zum Abwaschbecken, drehte den Wasserhahn voll auf und badete den Suppentopf im Abwaschtrog. Der Suppentopf japste und rang nach Luft.
„Welch ein Luxus. Ein Swimmingpool aus purem Chromstahl. Tagtäglich reserviert für unseren Meister der Geschwindigkeiten.“
Tiger war entsetzt. Behandelte man so einen Helden?
Der Latz trat einen Schritt vom Becken zurück. „Und jetzt, du selbsternannter Olympiake. Komm raus. Dann kriegst du noch als Drittes deine luxuriöse Wellnessmassage!“ Der Latz ballte seine Fäuste und ging in Kampf-Massage-Stellung.
„Das reicht. Das reicht.“ Doktor Brändli stellte sich zwischen die beiden. „Du bist nicht gerade hilfreich, Herr Latz.“
„Aber so einer ist doch ein Scharlatan, ein Schelm, ein schlüpfriger, schlampiger Schaumschläger!“ Der Latz gab sich zornig, fand aber seine Stabreime ganz schön gelungen.
Doktor Brändli beschwichtigte: „Also, mir hat diese Idee des Suppentopfes ganz gut gefallen. Das war ausgefallen, das war witzig und unterhaltsam. Natürlich auch etwas selbstherrlich, aber was soll's.“
„Aber wir hatten doch gar keine Chance, an diesem Rennen teilzunehmen“, konterte der Latz.
„Dann startet doch eine Revanche.“ Doktor Brändli zwinkerte mit dem linken Auge.
Der Latz hellte auf. „Geennnaaauuu. Eine Revanche. Wo ist Papier und Bleistift. Wir gestalten ein Plakat. Heute Abend findet nochmals ein grosses Rennen statt.“
Alle jubelten und machten sich an die Arbeit.

Das Plakat verwandelte sich nach und nach in ein buntes Kunstwerk. Der Latz textete und legte die Eckdaten des Rennens klar fest. Als Titel wählte er Das grosse Rennen gegen den wildgewordenen Suppentopf.
Tiger malte sich selbst. Mit elf Beinen, wie der Latz meinte. Tiger erklärte ihm jedoch, dass das dritte Bein sein Schwanz sei und die anderen acht seine Tasthaare.
Der Kühlschrank verewigte sich im Superman-Kostüm.
Der Sitzsack malte nur einen schwarzen Strich. Er erklärte, er sei so schnell, das könne man gar nicht zeichnen.
Das fertige Plakat wurde aufgehängt. Natürlich auf der Unterfläche des Küchentisches. Ein Teilnehmer nach dem anderen rollte unter den Tisch, um sich zu informieren und um sich in der Teilnehmerliste einzutragen.
Der letzte, der sich eintrug, war der Suppentopf selbst. Er wirkte etwas geduckt.

„Auf die Plätze. Fertig. Uuuuund ... Los!“ Punkt achtzehn Uhr liess Doktor Brändli einen Korken knallen. Als Startschuss.
Der Sitzsack startete schon bei fertig. Aber das kümmerte niemanden. Bereits nach zwei Sekunden musste er die Führung an Tiger abgeben und auch das weitere Feld überrollte ihn nach und nach. Das Schlusslicht bildete der Suppentopf. Er schien von den Ereignissen des Tages etwas ausgepumpt zu sein.

Das Rennen war nicht spannend. Tiger gewann haushoch. Mit zwei Runden Vorsprung. Zweiter wurde Tigers linker Rollschuh. Der dritte Rang ging an eine Blattlaus. Der Rollschinken (Rang 327) behauptete, die Blattlaus sei bestimmt gedopt. Dabei hatte sie sich einfach nur an den linken Rollschuh gekrallt und sich ins Ziel schleppen lassen.
Die Bratwurst schnappte sich die Suppenkelle und interviewte Tiger. Die Wurst fragte Tiger, ob Doping bei ihm ein Thema sei. Tiger meinte, ohne tägliches, intensives Doping gehe bei ihm gar nichts. Er meinte eigentlich Training. Fremdsprachen waren eben auch nicht seine Stärke.

Der Latz - natürlich Organisator, nicht Teilnehmer - hatte die Siegerehrung vorbereitet. Er schnappte sich von der Bratwurst die Suppenkelle und rief: „Alle mal herhören. Alle mal herhören. Wir kommen zur Siegerehrung. Auf dem ersten Platz, hochverdient und überlegen, wenn auch etwas dämlich, ... ist ... Tiger!“
Bevor alle in Jubel ausbrechen konnten, erklang eine Stimme aus den hinteren Reihen: „Einspruch! Meine Herren. Einspruch!“
Durch die Reihen nach vorne drängte sich wieder der Suppentopf. „Tiger hat nicht gewonnen. Einspruch.“
„Ach so. Der Herr mit dem eisernen Hirn kann nicht verlieren. Ach so.“ Der Latz spottete. „Natürlich hat Tiger gewonnen. Haushoch sogar“, doppelte er nach.
„Nee, nee, nee. Haushoch verloren hat er, mein lieber Herr Latz. Oder kannst du nicht lesen?“
„Was lesen ...“ Der Latz war verdutzt.
„Das Plakat natürlich. Du hast das Plakat nicht gelesen“, doppelte der Suppentopf nach und überreichte dem Latz das Plakat, das er vom Küchentisch sorgfältig entfernt und zusammengerollt hatte. „Lies. Unten links.“
Der Latz las. Unten links.
Dort stand etwas geschrieben, in kleiner, krakliger Schrift. Der Latz las laut vor: „Gewonnen hat, wer als Letzter ins Ziel kommt.“
Der Suppentopf hatte das hingeschmiert, als er sich als Letzter in die Teilnehmerliste eintrug. Er schnappte sich die Suppenkelle und erklärte schwungvoll: „Und das, meine verirrten und verwirrten dämlichen Herren und herrlichen Damen, heisst nichts anderes, als dass der Sieger dieses bombastischen Bombenrennens niemand anderes ist, als der von allen gefürchtete, von allen von jeder einzelnen seiner facettenreichen Seiten her bewunderte, von sämtlichen aller Sieger der Gesiegteste ... Suppentopf!“

Die Welt war auf den Kopf gestellt. Der Suppentopf feierte und der Latz kochte.
Der Latz drehte sich zu Doktor Brändli um, als verkünde dieser in Kürze das Urteil, das festlege, mit wie vielen Jahren Knast der Suppentopf bestraft werden sollte. Doch Richter Brändli sah ihn nur an, zuckte noch einmal mit den Schultern und lachte dann so herzhaft, dass auch der kochende Latz Dampf abliess.
Und mitlachte.

Der Latz holte aus dem Vorratsschrank der Küche eine runde Reiswaffel, stach mit einem Küchenmesser ein Loch hinein, holte ein breites Geschenkbank, fädelte ein und machte einen Knopf in die Schlaufe.
Er sammelte die Suppenkelle ein und rief: „Wir kommen nun zur Siegerehrung. Gold, Silber und Bronze hat er bereits gewonnen. Die Begehrteste aller begehrten Auszeichnungen soll ihm jetzt auch noch verliehen werden: Die Reiswaffelmedaille!“ Der Latz winkte den Suppentopf herbei. „Hier. Die hast du dir verdient. Du bist zwar nicht der grösste Sportler des Tages. Aber der grösste Spinner des Tages bist du alleweil.“
Der Suppentopf neigte sichtlich gerührt sein schweres Haupt und der Latz hängte ihm die Waffel um.
„Applaus für den furchtbaren Suppentopf“, rief der Latz nochmals.
Der Suppentopf riss seine Hände in die Höhe und liess sich feiern. Den ganzen Abend.

Während des Festes wollte jeder natürlich die Reiswaffelmedaille beäugen.
Tiger auch.
„Ist die echt?“, fragte er. „Aus echter Reiswaffel?“
„Natürlich ist die echt“, erwiderte der Suppentopf stolz.
„Darf ich mal schauen?“, fragte Tiger.
„Natürlich darfst du“, erwiderte der Suppentopf.
„Okay.“ Tiger nahm die Reiswaffel und biss hinein. Er hatte beobachtet, wie siegreiche Sportler dasselbe mit der Goldenen tun.
„Tiger hat meine Medaille gefressen!“ Der Suppentopf war ausser sich.
Tiger blickte verwirrt um sich. In der linken Pfote hielt er die angebissene Waffel. Er kaute noch.
Doktor Brändli legte den linken Arm um den Suppentopf, den rechten um Tiger: „Ach. Was soll's. Das ist doch kein Problem. Ich gehe und mache ein paar Neue.“ Er schüttelte lächelnd den Kopf und verschwand in der Küche.

Es war ein Sonntagabend zum Anbeissen. Plakate wurden kreiert und versteckt. Reiswaffelmedaillen wurden gebastelt und verspiesen. Podeste wurden bestiegen und an den strahlenden Gesichtern gemessen, war wohl jeder ein Sieger.
Als die Suppenkelle ein letztes Mal begleitet vom silbernen Scheinwerferlicht des ausgelassenen Mondes durch den Nachthimmel schwebte, verabschiedete sich Doktor Brändli von allen und ging schlafen - um Kräfte für die nächste Woche zu sammeln.
 
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08.01.2019
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Hi @snif ,

vielen Dank für diese herzerwärmende Geschichte! Das Lesen hat mir wirklich viel Freude bereitet. Dein Schreibstil ist herrlich locker und humorvoll, und wie du mit der Sprache spielst, ist eine Augenweide. Man merkt, dass du schon über viel Erfahrung verfügst, und die Geschichte könnte ich mir gut in einem Kinderbuch mit dem Titel "Doktor Brändlis schwurbelige Abenteuer" vorstellen. Finde ich wirklich ganz vorzüglich gelungen.

Was den Inhalt angeht: Ich fühle total mit dem armen Latz mit, auch wenn er hier als "Spielverderber" auftritt. Und der Suppentopf sollte vielleicht mal seinen Geltungsdrang in den Griff bekommen, das ist ja kaum auszuhalten. :D Tiger ist herrlich liebenswert naiv, einfach nur zum Liebhaben. Und der Doktor ist schon ein seltsamer Vogel, auch wenn ich ihn dafür, dass sein Name im Titel steht, ein wenig zu passiv finde.

Die Moral von der Geschicht' ist in meinen Augen, dass man sich über Angeber und Wichtigtuer nicht allzu sehr aufregen sollte, auch wenn sie ihre eigenen Regeln machen, weil ihnen das Gewinnen über alles geht. Ob das umgekehrt eine Verhaltensweise ist, die die Geschichte vielleicht ein wenig zu sehr "verharmlost" bzw. unwidersprochen durchgehen lässt, darüber bin ich mir noch nicht so ganz im Klaren. Denn was könnte ein Kind daraus lernen? "Mach ruhig deine eigenen Regeln, auch wenn sich andere darüber beschweren, Hauptsache du gewinnst! Die Autoritäten stehen dir dabei nicht im Wege, die zucken nur mit den Schultern." Klar ist das alles nur ein Spiel, und es geht nur um die Reiswaffelmedaille, und letztlich macht es allen Spaß, aber ich kann die Frustration des Latzes trotzdem nachvollziehen. Und ich weiß nicht, ob Kinder die selbe charakterliche Größe haben wie die anderen Haushaltsgeräte. Im wahren Leben kann man eben auch nicht einfach seine eigenen Regeln machen, und ein Kind, das sich verhält wie der Suppentopf, wird vielleicht bald sehr allein auf dem Spielplatz dastehen. Vielleicht ist mein Gerechtigkeitsempfinden aber auch einfach zu stark ausgeprägt und ich mach da gerade ein viel zu großes Ding daraus. ;)

Trotzdem alles in allem eine herrliche Geschichte. In diesem Stil würde ich sehr gerne noch mehr lesen. :)

Schöne Grüße
PtG
 
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Beitritt
17.08.2019
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Hey PtG

Danke für deinen Kommentar. Ich hatte vor einiger Zeit schon ein paar "Brändli"-Geschichten reingestellt. Diese hier noch nicht, obwohl ich sie schon vor einiger Zeit geschrieben habe. Da ich gerade eine Prise mehr Zeit habe, hat die Lust am Schreiben ausgeworfen und ich scheine anzubeissen. Obwohl diese Geschichte für dich die erste war, charakterisierst du hier die Protagonisten sehr schön:

Ich fühle total mit dem armen Latz mit, auch wenn er hier als "Spielverderber" auftritt. Und der Suppentopf sollte vielleicht mal seinen Geltungsdrang in den Griff bekommen, das ist ja kaum auszuhalten. :D Tiger ist herrlich liebenswert naiv, einfach nur zum Liebhaben. Und der Doktor ist schon ein seltsamer Vogel, auch wenn ich ihn dafür, dass sein Name im Titel steht, ein wenig zu passiv finde.
Doktor Brändli ist auch in den anderen Geschichten relativ passiv. Vielleicht nicht ganz so wie in dieser. Aber trotz allem ist er es, der die Fäden in seiner kleinen Welt zieht und zusammenhält. Deswegen gehört er in jeden Titel.

Die Moral von der Geschicht' ist in meinen Augen, dass man sich über Angeber und Wichtigtuer nicht allzu sehr aufregen sollte, auch wenn sie ihre eigenen Regeln machen, weil ihnen das Gewinnen über alles geht.
Wenn ich etwas aus den alten Geschichten gelernt habe, ist es in erster Linie, dass die "Moral von der Geschicht" ganz ruhig die Schnauze halten darf. Das hatte ich in der einen oder anderen Geschichte übertrieben. Wie du schön schreibst, geht es schlichtweg um die Reiswaffelmedaille. Auch darum, dass beim Vorlesen den Kindern ganz ruhig der Mund offen bleiben und die Augen ungläubig zusammengekniffen werden dürfen.

In diesem Stil würde ich sehr gerne noch mehr lesen.
... und ich sehr gerne noch mehr schreiben. Der Köder schmeckt gerade vorzüglich.

Ganz liebe Grüsse
snif
 
Wortkrieger-Globals
Beitritt
24.01.2009
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3.697
Hey snif,

ich lese ja nun schon lange die Brändli-Geschichten und ich lese sie immer wieder gern! Allerdings glaube ich, für 3jährige ist das ganz schön kompakt.

Ihm war, als hätte er auch pfeilschnell geträumt. Er war noch ganz ausser Atem.
hehe

„Weil der Suppentopf wild geworden ist.“
Genau deshalb mag ich die Geschichten. Ich habe eine Schwäche für verrückte Suppentöpfe.

„Der Suppentopf wird schon seine Gründe haben. Suppentöpfe sind von Natur aus wild. Manchmal vergessen sie einfach, dass sie gezähmt wurden.“
Davon habe ich auch schon gehört.

Doktor Brändli sortierte dabei weiter seinen Bart und tat so, als sei seine Bemerkung das Selbverständlichste der Welt ...
Selbst

Die niedrigste Kiste stand links daneben. Sie war mit einer schwarzen „2“ versehen. Die Kiste auf der rechten Seite, deren Höhe irgendwo dazwischen lag, trug die Nummer „3“.
Suppentöpfe sind halt bisschen hohl auch :sealed:.Jedenfalls manchmal. An anderen Tagen schäumen sie gerade vor Input.

„ ... ist der Einzigartigste von allen Einzigartigen, der Grösste aller Grossen, der Schnellste aller Schnellen, der Bescheidenste aller Bescheidenen, der Gebestetste aller in der Vergangenheit der Weltgeschichte je einmal Gebestetsten ...“
Was für eine Laudatio! Und Gebestetste ist ja wohl ein das gebestetste aller gebestetsten Worte.

Es war der Latz: „Sag mal, du wildgewordener Suppentopf mit deinem wildgewordenen Suppenkopf. Ich weiss nicht, wer dir dein Hirn so weichgekocht hat, aber wie ist es möglich, dass du gleichzeitig Erster und Zweiter bist?“
Ach, der schlaue Latz. Den habe ich ja auch so lieb.

„Au weia. Ist das spannend. Wer ist wohl Dritter geworden?“ Tiger rieb sich nervös die Hände und war ganz aus dem Häuschen.
...
„Das ist ja unglaublich! Schon wieder er.“ Tiger war ganz begeistert.
Und den Tiger sowieso.

... das Bronze seiner Medaille habe eben schon Patina angesetzt.
Ich bin ja auch für die latente Überforderung der Kinder, aber echt? Für 3jährige?

... kletterte unter den Küchentisch, legte sich darunter auf den Rücken, streckte die rechte Hand in die Höhe und meinte vorwurfsvoll: „Hier ist es ja. Grösser, klarer und deutlicher könnte man es nicht ankündigen.“
Clever ist er ja. Schöner Antagonist für den Latz.

... habe ich ein extra grosses Plakat gestaltet. Für die Wände war es jedoch zu riesig. Die einzige Fläche, die gross genug war, war die Oberfläche des Küchentisches.
Die Wände sind kleiner als der Tisch? Ich glaube ja gern an rennende Suppentöpfe, aber das passt mir dann doch nicht so ganz ins Schema.

„Boah. Und das hast du alles gewonnen. Gratuliere.“ Tiger streckte die rechte Hand dem Suppentopf entgegen.
:herz:

Der Rollschinken (Rang 327) behauptete, die Blattlaus sei bestimmt gedopt.
Ich finde, ein einfaches "geschummelt" täte es auch. Damit ziehst Du mehr Leser (alterstechnisch) mit ins Boot. Aber ich merk schon, das hat System und Du sicher deine Gründe dafür.

„Das Plakat natürlich. Du hast das Plakat nicht gelesen“, doppelte der Suppentopf nach und überreichte dem Latz das Plakat, das er vom Küchentisch sorgfältig entfernt und zusammengerollt hatte. „Lies. Unten links.“
Der Suppentopf sollte in die Politik gehen. Der hat gute Chancen ganz groß zu werden.

... von sämtlichen aller Sieger der Gesiegteste ... Suppentopf!“
Ich mag das so sehr!

... verabschiedete sich Doktor Brändli von allen und ging schlafen - um Kräfte für die nächste Woche zu sammeln.
Hat er sich aber auch verdient.

Lieber snif, Du musst gar nicht bandietisieren. Pass mal lieber auf deinen Schädel gut auf ;).

Hatte großen Spaß mit der Brändli-Tiger-Latz-WG! Wieder einmal.
Beste Grüße, Fliege
 
Mitglied
Beitritt
17.08.2019
Beiträge
89
Hey Fliege

Danke für deinen Kommentar. Macht mir Mut. :-)

Allerdings glaube ich, für 3jährige ist das ganz schön kompakt.
Ich bin ja auch für die latente Überforderung der Kinder, aber echt? Für 3jährige?
Okay. 5jährige. Deal. :D

Clever ist er ja. Schöner Antagonist für den Latz.
Stimmt. Nehm ich als Idee für weitere Geschichten vielleicht auf.

Die Wände sind kleiner als der Tisch? Ich glaube ja gern an rennende Suppentöpfe, aber das passt mir dann doch nicht so ganz ins Schema.
Verstehe. In meinem Kopf hat Doktor Brändli keine moderne Riesenküche mit kahlen Wänden. Da hängt überall Zeugs rum. Aber das müsste der Leser ja auch wissen ...

Ich finde, ein einfaches "geschummelt" täte es auch. Damit ziehst Du mehr Leser (alterstechnisch) mit ins Boot. Aber ich merk schon, das hat System und Du sicher deine Gründe dafür.
Ja, das hat System. Kinder sollen beim Lesen das eine oder andere Wort finden, das sie nicht kennen. Wenn das passiert, ohne dass sie das Interesse an der Geschichten verlieren, bereichert das die Geschichte.

Pass mal lieber auf deinen Schädel gut auf
Mach ich. Danke, Fliege. :bonk: :cool:
snif
 
Senior
Beitritt
12.04.2007
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5.708
„Was sucht Ihr hier auf Eurem Kopf, / hochwohlgebor’ne edle Leute?“ / …:
„Wir suchen hier, Du armer Tropf, / den Silberfisch nebst seinem Weib / und machen
reiche Beute ..., / entblößen beider dürren Leib / von seinem reichen Silberkleid ..., / Was wär
’ daran verkehrt? - / Verzärteln wir das Krabbeltier, / dann schmeckt es gut verzehrt ...“
aus: Geschichten aus Be-Erde

Er richtete sich bewusst langsam auf, setzte sich bewusst langsam an seine Bettkante, streckte sich bewusst langsam und zog sich bewusst noch langsamer um.
...
„Warum schnell?“, fragte Doktor Brändli bewusst im Schneckentempo.
„Weil der Suppentopf wild geworden ist.“
Ha, passend zu dem Text trag ich ein T-Shirt, auf dem Grinse- (Chichester-)katze im und Alice vorm Baum sich unterhalten (natürlich im Original) und ich hoffe, Du,

lieber @snif,

und vor allem Deine Bagage hat einen gültigen Waffelschein für gepflegten Nonsens, sonst seh ich schwarz und Lord Chief Justice Alice Pleasance Liddell wartete auf die Bagage!, denn beinahe hätte ich diese o(h!)lümpische Idee übersehn. Ich hoffe, Doktor Brändli kann mir noch mal verzeihen. An der Idee gibt‘s nix zu mäkeln, haben ja schon die ollen Griechen umd die Idee gewusst und selbst Nichtteilnahme bedeutete für Orte und Stämme Friedel, Freu(n)de, (F)Eierkuchen.

Wäre schade, ginge dieser Teil des Zyklus verschütt – darum vor dem Neuen kömmt das Ältere, wobei im Prinzip schon alles gesagt erscheint und doch noch ein paar Flüslein aufzulesen sind, wie bereits hier m. E.:
Tiger wusste das aber nicht und wurde barsch: „Jetzt komm einfach.“
will mir nach mehr als einer Aussage klingen!

Die Küchenuhr wusste zwar[,] wo die Kelle gelandet war, schien aber nicht willens[ zu sein], ihre Zeiger zu verdrehen, um die Richtung anzuzeigen.
a) Komma wg. Relativsatz „wo …“
b) mein Klassenlehrer an der Realschule behauptete immer, nur die Sonne scheine und selbst der Mond leihe sich nur sein Licht (eben von ihr). Darum komme „scheinen“ auch zumeist in die prekäre Lage des „brauchen“, von dem der Volksmund zu recht behaupte, wer brauchen ohne zu gebraucht, braucht brauchen gar nicht zu gebrauchen. Und – narütlich hat er Recht, mögen an Sein und Schein ganze Philosophien ausgerichtet sein.
Der Duden umgeht dieses Problem des Modalverbes zu meist durch einen schlichten Trick, indem er „scheinen“ zum Vollverb adelt und die Vorsilbe „er“ vors „scheinen“ setzt, wobei vollkommen egal ist, wessen Licht da leuchtet -
hier ebenso
Er schien von den Ereignissen des Tages etwas ausgepumpt.
3. Platz: Eine luxuriöse Wellnessmassage“
aber vllt. willstu ja schreiben, wie man spricht, denn der Gedanke kommt mir hier
Dann kriegst du noch als Drittes deine luxeriöse Wellnessmassage!“
Der Sitzsack startete schon bei [f]ertig.
Ne, ne, ne. Haushoch verloren hat er, mein lieber Herr Latz.
Hm, würd‘ ich wie ein verkürztes „eine“ oder so, „‘ne“ [nə], statt [ne:] aussprechen. Besser mit doppel-e, „nee“!, ne?
(und ha+t nicht vergessen!)

Der Latz drehte sich zu Doktor Brändli um, als verkünde dieser in Kürze das Urteil, das festlege, mit wie vielen Jahren Knast der Suppentopf bestraft werden sollte.
Bisher bistu dem folgenden Problem durch indirekte Sprache aus dem Weg gegangen, aber die mit dem „als“ eingeleitete Beschreibung ist so irreal, dass die „als-ob-Situation“ gar durch Lord Chief Justice Alice Pleasance Liddell in Kooperation mit Conni Duden und dem Homo grammaticus durchgesetzt werden müsste – denn der eigentlich Gag ist ja, wenn „sollte“ das letzte Wort hat – Prät.und Konj. II in einem … also besser „als verkündete + das festlegte“. Auf die schlichtere würde-Konstruktion „würde“ ich verzichten

Bis gleich oder später an anderer Stelle

Friedel
 
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Hey @Friedrichard

Was für ein Kommentar - wieder einmal. :D Ich muss schon sagen, ich finde diese einerseits höchst interessant, andererseits forderst du mich damit aber auch so sehr, dass ich oft mehr Zeit brauche, den Kommentar zu verstehen, als die Geschichte zu schreiben. :lol: Verstehe mich nicht falsch, ich meine das als Kompliment. Ich erlaube mir jedoch an dieser Stelle, dich nach der Lösung des einen oder anderen Rätsels zu fragen, das ich trotz mehrmaligem Lesen und eifrigem Googeln selbst nicht lüften konnte.

„Was sucht Ihr hier auf Eurem Kopf, / hochwohlgebor’ne edle Leute?“ / …:
„Wir suchen hier, Du armer Tropf, / den Silberfisch nebst seinem Weib / und machen
reiche Beute ..., / entblößen beider dürren Leib / von seinem reichen Silberkleid ..., / Was wär
’ daran verkehrt? - / Verzärteln wir das Krabbeltier, / dann schmeckt es gut verzehrt ...“
aus: Geschichten aus Be-Erde
Stammt dieser gepflegte Nonsens aus der Friedelfeder? Trotz eifrigem Suchen habe ich keinen Bezug dazu gefunden.

passend zu dem Text trag ich ein T-Shirt, auf dem Grinse- (Chichester-)katze im und Alice vorm Baum sich unterhalten
Alice Pleasance Liddell
Tja. Vielleicht verstehe ich das ja auch falsch, aber ich bastle mir aus deiner Bezugnahme zu Alice im Wunderland und Miss Liddell, ihrer Vorlage, einfach mal ein Kompliment. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich Alice im Wunderland noch nie gelesen habe. Das muss ich unbedingt mal nachholen - gerade weil diese Geschichte ja auch allen Gegenständen Leben einhaucht. Doktor Brändli würde sich verstanden fühlen. Obwohl die Geschichte hinter der Geschichte auch einige Fragen aufwirft, wie es mir zu scheinen scheint: (;))
b) mein Klassenlehrer an der Realschule behauptete immer, nur die Sonne scheine und selbst der Mond leihe sich nur sein Licht (eben von ihr). Darum komme „scheinen“ auch zumeist in die prekäre Lage des „brauchen“, von dem der Volksmund zu recht behaupte, wer brauchen ohne zu gebraucht, braucht brauchen gar nicht zu gebrauchen. Und – narütlich hat er Recht, mögen an Sein und Schein ganze Philosophien ausgerichtet sein.
Der Duden umgeht dieses Problem des Modalverbes zu meist durch einen schlichten Trick, indem er „scheinen“ zum Vollverb adelt und die Vorsilbe „er“ vors „scheinen“ setzt, wobei vollkommen egal ist, wessen Licht da leuchtet -
hier ebenso
Er schien von den Ereignissen des Tages etwas ausgepumpt.
Ich scheine also anscheinend die richtigen Schlüsse aus deinem scheinbar scheinenden Kommentar (nur die die Sonne kann scheinen) gezogen zu haben, oder?

ich hoffe, Du, lieber @snif, und vor allem Deine Bagage hat einen gültigen Waffelschein für gepflegten Nonsens,
An der Idee gibt‘s nix zu mäkeln
Wäre schade, ginge dieser Teil des Zyklus verschütt
Ich schreibe ohne gültigen Waffelschein, psst. ;) Trotzdem danke.

Bisher bistu dem folgenden Problem durch indirekte Sprache aus dem Weg gegangen, aber die mit dem „als“ eingeleitete Beschreibung ist so irreal, dass die „als-ob-Situation“ gar durch Lord Chief Justice Alice Pleasance Liddell in Kooperation mit Conni Duden und dem Homo grammaticus durchgesetzt werden müsste – denn der eigentlich Gag ist ja, wenn „sollte“ das letzte Wort hat – Prät.und Konj. II in einem … also besser „als verkündete + das festlegte“. Auf die schlichtere würde-Konstruktion „würde“ ich verzichten
Ayayayayay. Was heisst das genau? Verstehe ich das richtig? Du empfiehlst, auf (W)ürde zu verzichten? Also nicht ...

Der Latz drehte sich zu Doktor Brändli um, als ob dieser in Kürze das Urteil verkünden würde, das festlege, mit wie vielen Jahren Knast der Suppentopf bestraft werden sollte.

sondern:

Der Latz drehte sich zu Doktor Brändli um, als verkündete dieser in Kürze das Urteil, das festlegte, mit wie vielen Jahren Knast der Suppentopf bestraft werden sollte.

Oder ist das alles wieder mal zu versnift und sollte einfacher heissen:

Der Latz drehte sich zu Doktor Brändli um. Er erhoffte, dass der Suppentopf von ihm schuldig gesprochen und zu mehreren Jahren Knast verurteilt würde.

und doch noch ein paar Flüslein aufzulesen sind
Der Text ist jetzt etwas flusenfreier.

Ich hoffe, Doktor Brändli kann mir noch mal verzeihen
Doktor Brändli findet nichts zum Verzeihen, aber zum Verleihen. Er verleiht dir hiermit offiziell die Reiswaffel-Medaille für deine fulminanten Kommentare (ta-ta-ta-taaaaa!).

lg und danke
snif
 
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Was für ein Kommentar - wieder einmal. Ich muss schon sagen, ich finde diese einerseits höchst interessant, andererseits forderst du mich damit aber auch so sehr, dass ich oft mehr Zeit brauche, den Kommentar zu verstehen, als die Geschichte zu schreiben. Verstehe mich nicht falsch, ich meine das als Kompliment. Ich erlaube mir jedoch an dieser Stelle, dich nach der Lösung des einen oder anderen Rätsels zu fragen, das ich trotz mehrmaligem Lesen und eifrigem Googeln selbst nicht lüften konnte.

Tja. Vielleicht verstehe ich das ja auch falsch, aber ich bastle mir aus deiner Bezugnahme zu Alice im Wunderland und Miss Liddell, ihrer Vorlage, einfach mal ein Kompliment.
So is' richtig, so isset und sollte es auch sein,

lieber @snif,

und: Man muss nicht alles gelesen haben und ist es nicht auch auch so bei Dir, dass es ein ungeschriebenes Leben neben dem niedergeschriebenen gibt?

Die Verse sind übrigens inspiriert durch eine Verbannung hierorts und setzen in einem eher prosaischen Teil die ursprünglichen „Geschichten aus Be-Erde“ fort, die mir die Verbannung eingebracht hatten. Meine Heimat liegt nahe bei der des Homer: Ironien.

Ich scheine also anscheinend die richtigen Schlüsse aus deinem scheinbar scheinenden Kommentar (nur die die Sonne kann scheinen) gezogen zu haben, oder?
Sieht auch ohne (Sonnen)Brille so aus!

Kommen wir zum Konjunktiv irrealis, für den ich i. d. Regel auf „würde“-Konstruktionen verzichte, vor allem wenn die „als-ob-Situation“ schon dergleichen signalisiert – hier kommt wirklich was Unwirkliches. Wie sähe denn dann das bekannte Volkslied aus „Wenn ich ein Vöglein sein würde / und auch zwei Flüglein haben würde / würde ich zu dir fliegen. / Weil‘s aber nicht kann sein / bleib ich allhier.“

Der Latz drehte sich zu Doktor Brändli um, als ob dieser in Kürze das Urteil verkünden würde, das festlege, mit wie vielen Jahren Knast der Suppentopf bestraft werden sollte.
sondern:
Der Latz drehte sich zu Doktor Brändli um, als verkündete dieser in Kürze das Urteil, das festlegte, mit wie vielen Jahren Knast der Suppentopf bestraft werden sollte.
So isset!

Zudem muss man ja einkalkulieren, dass immer öfter das einfache Futur mit „würde“ gebildet wird, dass schlichte „werden“ aber nur ein zweistellige Wertigkeit hat von „es wird (sein/geschehen)“ oder eben nicht, der Konjunktiv II aber eine Art sprachlicher Wahrscheinlichkeitstheorie bildet zwischen „0“ = unmöglich, Schwindel/Lüge und „1“ = real, wahrhaftig und allen Werten „> 0“ und „< 1“ die Spannung zwischen Potentialität und Aktualität darstellen, kurzum: je niedriger der Wert, desto zweifelhafter die Aussage, das ja bis zum ungelösten Problem des Kreters reicht, der einem Schiffbrüchigen auf Kreta davor warnt, dass alle Kreter lügen / lögen.

Doktor Brändli findet nichts zum Verzeihen, aber zum Verleihen. Er verleiht dir hiermit offiziell die Reiswaffel-Medaille für deine fulminanten Kommentare (ta-ta-ta-taaaaa!).
Ich werd mal bei Herrn Nobel nachfragen, ob nicht auch ein Friedels-Nobelpreis eingerichtet werden kann/könnte – wobei können ja auch nur eine binäre Wertigkeit des „kann“ oder eben „kann nicht“ besitzt.

Bis bald

Friedel
 
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Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich Alice im Wunderland noch nie gelesen habe.
Im Zuge des Google Library Project wurde ein Algorithmus entwickelt, mit dem die Anzahl aller jemals erschienenen Bücher ermittelt werden sollte. Die Berechnungen ergaben schließlich (Stand 2010) die Zahl von ca. 130 Millionen Büchern.
Wenn wir nun von der Annahme ausgehen, dass nur eines von tausend Büchern lesenswert (großartig, brillant, hervorragend usw.) ist, und wir weiters annehmen, dass du als eifriger Leser zwei Bücher pro Woche liest und das achtzig Jahre lang, in deinem Leben also ca. 8.500 Bücher, heißt das nichts anderes, als dass du 121.500 (großartige, brillante, hervorragende usw.) lesenswerte Bücher niemals wirst lesen können.
Diesen Umstand darfst du natürlich bedauern, lieber snif, aber dir doch um Himmels Willen nicht als Schande (im Sinne von selbstverschuldetem, schmählichem Versagen) vorwerfen.
Ich zum Beispiel habe weder den Ulysses gelesen noch Der Mann ohne Eigenschaften, genauso wenig, wie ich die Directe Américaine an der Petit Dru geklettert bin oder die Totenkirchl-Westwand, aber ich käme nie auf die Idee, diese Versäumnisse als persönliche Schande zu bezeichnen. Nein, ich empfinde sie als das, was sie sind: Nicht realisierte Möglichkeiten neben tausenden tatsächlich realisierten Vorhaben.
Oder, um es mit Nico Semsrott zu sagen: „Eine Entscheidung zu treffen, bedeutet den Tod von abertausenden Möglichkeiten.“

Die Entscheidung, deinen ersten Dr. Brändli-Geschichtenband als eines der paar tausend Bücher meines Lebens zu lesen, halte ich übrigens nach wie vor für goldrichtig und sehe diese Entscheidung durch diese Geschichte hier einmal mehr bestätigt. Ganz, ganz großartige Kinderlektüre!
(Trotzdem wünsche ich mir, dass du dich irgendwann auch wieder „erwachsene“ Texte zu schreiben traust. Das kannst du nämlich auch.)


Grüße von der einen Sprachenklave in die andere.
offshore
 
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In absehbarer Zeit kommt hier auch noch eine ausführliche Kritik (sehr wohlwollend natürlich, weil einfach wieder tolle Geschichte ;)), aber ich nutze jetzt hier diese Stelle um freudig zu verkünden, dass der 1. Geschichtenband angekommen ist und jetzt Abendlektüre für mich und meine Kinder wird. :)
 
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Hey @Friedrichard

Wie sähe denn dann das bekannte Volkslied aus „Wenn ich ein Vöglein sein würde / und auch zwei Flüglein haben würde / würde ich zu dir fliegen. / Weil‘s aber nicht kann sein / bleib ich allhier.“
Dann würde das nie jemand je gesungen haben wollen, Friedel ... :D

je niedriger der Wert, desto zweifelhafter die Aussage, das ja bis zum ungelösten Problem des Kreters reicht, der einem Schiffbrüchigen auf Kreta davor warnt, dass alle Kreter lügen / lögen.
Was für ein Dilemma. :)

Ich werd mal bei Herrn Nobel nachfragen, ob nicht auch ein Friedels-Nobelpreis eingerichtet werden kann/könnte
Den hättest du auf sicher.

und: Man muss nicht alles gelesen haben und ist es nicht auch auch so bei Dir, dass es ein ungeschriebenes Leben neben dem niedergeschriebenen gibt?
Da hast du recht. Zum Glück gibt es noch so viel ungeschriebenes Leben, sonst hätten wir alle hier nicht viel zu erzählen.

Meine Heimat liegt nahe bei der des Homer: Ironien.
.. und das liegt ja bekanntlich am sarkastischen Meer.

Vielen Dank, Friedel. Es ist immer wieder eine Freude.

lg snif

---

Hey @ernst offshore

Einen Kommentar von dir unter einer Geschichte zu haben, ist für mich immer etwas Besonderes. Denn neben @Fliege und @Novak warst du es, der den ersten glimmenden Gluten meiner Texte hier im Forum etwas Wind zugefächelt hat.

Im Zuge des Google Library Project wurde ein Algorithmus entwickelt, mit dem die Anzahl aller jemals erschienenen Bücher ermittelt werden sollte. Die Berechnungen ergaben schließlich (Stand 2010) die Zahl von ca. 130 Millionen Büchern.
Wenn wir nun von der Annahme ausgehen, dass nur eines von tausend Büchern lesenswert (großartig, brillant, hervorragend usw.) ist, und wir weiters annehmen, dass du als eifriger Leser zwei Bücher pro Woche liest und das achtzig Jahre lang, in deinem Leben also ca. 8.500 Bücher, heißt das nichts anderes, als dass du 121.500 (großartige, brillante, hervorragende usw.) lesenswerte Bücher niemals wirst lesen können.
Diesen Umstand darfst du natürlich bedauern, lieber snif, aber dir doch um Himmels Willen nicht als Schande (im Sinne von selbstverschuldetem, schmählichem Versagen) vorwerfen.
Was für ein eindrucksvolles Argument. :D Damit weicht das Schämen dem Bedauern.;)

Oder, um es mit Nico Semsrott zu sagen: „Eine Entscheidung zu treffen, bedeutet den Tod von abertausenden Möglichkeiten.“
Der Nico ist schon weise. Das könnte aus einem seiner Unglückskekse stammen.

Die Entscheidung, deinen ersten Dr. Brändli-Geschichtenband als eines der paar tausend Bücher meines Lebens zu lesen, halte ich übrigens nach wie vor für goldrichtig
Oder es war eben der Tod abertausender Möglichkeiten ... :D

(Trotzdem wünsche ich mir, dass du dich irgendwann auch wieder „erwachsene“ Texte zu schreiben traust. Das kannst du nämlich auch.)
Hm. Ich weiss nicht. Ich tu mich echt schwer damit. Woran das wohl liegt? Vielleicht geht mir das echte Leben zu nahe und deswegen wühl ich lieber im Fantastischen. Was weiss ich ... aber danke für den Ansporn.

lg snif

PS: Übrigens, wann transferierst du hier wieder mal einen Text von deinem offshore Konto?

---

Hey @svg

ich nutze jetzt hier diese Stelle um freudig zu verkünden, dass der 1. Geschichtenband angekommen ist und jetzt Abendlektüre für mich und meine Kinder wird.
Hui. Welch vorzügliches Publikum. Was könnte mir lieber sein, svg. :) Hoffe, ihr habt Spass damit ... und bitte die Erwartungen tief stapeln. :D

lg snif
 
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14.08.2012
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Übrigens, wann transferierst du hier wieder mal einen Text von deinem offshore Konto?
Lass mich mit einem Zitat antworten, lieber snif:

Im Grunde war es so entsetzlich nicht, kein wahrer Schriftsteller zu sein, es gibt wichtigere Dinge im Leben, aber zu jener Zeit fasste ich das sehr übel auf, ich hatte Lust, ihn gegen die Mauern zu schmettern, diesen Schädel, aus dem nichts mehr herauskommen wollte, ich heulte vor Wut und verfluchte das ganze Universum, doch ich ereiferte mich umsonst, kein Engel stieg vom Himmel herab.
(aus Rückgrat von Philippe Djian)​
:Pfeif:
 
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:D @ernst offshore

:Pfeif: <--- snif pfeift mal auf wahre Schriftsteller, auf das Wichtigere und auf das, was woher auch immer herabkommt. Da im Schädel staut's vielleicht nur ein bisschen. Freue mich auf den Dammbruch. lg snif
 

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