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Drei Häschen

AWM

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Drei Häschen

Als Simon die Treppe hinunterging, hörte er Mama in der Stube telefonieren und blieb stehen. Er legte die rechte Hand an die Brust und setzte sich auf eine Stufe, hielt die Luft an und beobachtete, wie die Balken an der Decke zu verschwimmen begannen. Dann schürzte er die Oberlippe, bis sie die Nasenspitze berührte und achtete auf den Atem, der an der Lippe kitzelte. Er nannte das „Schnurrbart machen“. Schnurrbärte waren etwas für Männer und die weinten nicht.
So saß er da und atmete tief ein und aus und bald pochte das Herz nicht mehr so stark und die Balken hörten auf zu verschwimmen. Mama machte die Tür der Stube auf und trat in den Flur. Ihre Augen waren glasig. Sie fuhr sich durchs Haar, legte den Hörer in die Halterung auf der Kommode und dann machte sie: „Puh.“ Es war ein hohes und bebendes „Puh.“
„Mama?“
Mama drehte sich herum, wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht und lächelte. „Lass das doch mit deinem Tick“, sagte sie und Simon hörte auf, die Oberlippe zu schürzen. „Papa geht es nicht gut. Du musst heute wieder ein großer Bub sein, okay?“

Simon hängte die Heugabel zurück an den Haken, strich Stroh von der Latzhose und ging aus dem Kuhstall. Da sah er Kater Aaron in die Hofeinfahrt schleichen. Mit seinem buschigen Schwanz streifte er die Pfosten des Holzzauns und das eigentlich weiße Fell an seinem Maul war rot.
„Wo Aaron ist, ist der Tod nicht weit“, hatte Mama einmal gesagt und gelacht, als sie einen toten Spatz von der Terrasse kehrte. Aber seit Papa im Krankenhaus war, achtete Simon pingelig darauf, dass der Kater keine Pfote in den Hof setzte.
„Mach, dass du wegkommst“, rief Simon. Er nahm eine Handvoll Splitt vom Hof, warf sie nach Aaron und der Kater fauchte und rannte davon.
Dann holte Simon den Eimer mit dem Hasenfutter. Der riesige Eimer polterte mit jedem Schritt gegen sein rechtes Knie und die Kartoffelschalen und Brotrinden hüpften gegen das Plastik. Auf dem Weg zum Hasenstall blieb er an der Rutsche hinterm Haus stehen. Das Metall war stumpf geworden und die rote Farbe löste sich in handgroßen Blättern von den Geländern. Simon erinnerte sich an das Gefühl, als Papa mit der Rutsche auf dem Anhänger in den Hof getuckert war und er beim Aufbauen helfen durfte. Wegen der Rutsche war mächtig was los gewesen. Tim, Peter und sogar Luisa waren gekommen. Zusammen rutschten sie herunter und kraxelten wieder hinauf und lachten, bis sie sich die Bäuche hielten und die Mücken in Wolken vor dem roten Abendhimmel flirrten. Simon schürzte die Oberlippe und ging zum Hasenstall.

Er öffnete das Scharnier, griff in den Futtereimer und legte Schalen und Brotrinde in die Tontöpfe. Marta und Sven hoppelten heran und gaben den Blick auf ihre Babys frei. Die drei Häschen hatten sich im linken hinteren Eck zusammengekuschelt. Simon steckte seinen Arm in den Stall und senkte vorsichtig die Hand, bis sie das Fell der Häschen berührte. Er spürte die Wärme, das schnelle Atmen und die kleinen Wirbelsäulen.
„Hab gehört, ihr habt Hasenbabys.“
Simon zuckte zusammen, zog die Hand heraus und drehte sich um. Luisa und Peter standen im Hof und Peter hielt Luisas Hand.
„Hallo“, sagte Luisa.
„Hallo“, sagte Simon.
„Habt ihr oder habt ihr nicht?“, fragte Peter.
„Eine Woche alt“, sagte Simon.
Luisa und Peter schoben sich vor die Öffnung des Stalls.
„Süß!“, kiekste Luisa.
„Hol sie mal raus“, sagte Peter.
„Lieber nicht“, sagte Simon.
Peter zuckte mit den Schultern und hob die Augenbrauen.
„Die sind noch ganz empfindlich. Müssen noch paar Wochen bei ihren Eltern bleiben.“
„Sagt wer?“ Peter schaute im Hof herum und ließ seinen Blick auf der leeren Garage ruhen, deren Tore Simons Mutter offen hatte stehen lassen.
„Lass ihn“, sagte Luisa. „Gehen wir den Staudamm weiterbauen.“ Luisa nahm Peter am Handgelenk. Die beiden drehten sich um und Simon spürte einen Stich in der Brust.
„Wartet!“

Simon, Luisa und Peter saßen neben der Rutsche auf dem Rasen, der herrlich weich war und schauten die Häschen an. Simon hatte sie in einen von Mamas Schuhkartons gelegt. Luisa nahm eines heraus. Es war das schönste, fand Simon. Es hatte weißes Fell und einen braunen Fleck auf dem linken und einen schwarzen Fleck auf dem rechten Auge. Und weil es das schönste war, hatte es Simon Luisa genannt. Das wusste die richtige Luisa natürlich nicht. Sie legte das Häschen in ihren Schoß und strich über das Fell und Simon konnte nicht genug davon bekommen zuzusehen, wie Luisa ihre Namensvetterin streichelte.
„Was ist?“, fragte Luisa.
„Nichts.“ Simon nahm schnell ein Häschen aus dem Karton – Michel – und legte es in seinen Schoß. Er spürte die Krallen durch den Stoff der Latzhose und strich über das schwarze Fell, das von der Nachmittagssonne ganz warm war. Simon legte den Zeigefinger hinter Michels linkes Ohr und drückte leicht dagegen. Das fühlte sich zart an und die Sonnenstrahlen machten das Ohr fast durchsichtig und hellrosa und Simon konnte den Umriss seines Zeigefingers sehen.
„Langweilig!“, rief Peter. Er riss ein Büschel aus dem Rasen und warf es neben sich, wo schon ein richtiger kleiner Grashaufen war. „Bauen wir jetzt noch den Staudamm, oder was?“
Luisa legte Luisa zurück in den Karton und stand auf.
„Wollen wir nicht noch rutschen?“, platzte es aus Simon heraus.
Peter lachte. „Seh´ ich aus wie …“ Er hielt inne und biss auf dem Inneren seiner Backe herum. „Wobei.“
Simon mochte es gar nicht, wenn Peter so grinste. Und schon war Peter beim Karton und griff Michel.
„Warte mal“, rief Simon. Aber Peter saß längst oben auf der Rutsche und hatte das Häschen im Schoß und trommelte mit den Fersen auf dem Metall herum.
„Achtung, Achtung!“, rief er. „Weltneuheit. Ich präsentiere: die Hasenrutsche!“
Luisa lachte und strich sich eine Locke von der Nase und Peter pfiff und rutschte herunter, das Häschen im Schoß, und als seine Füße den Boden berührten, ließ er das Pfeifen in ein „Bumm“ übergehen, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Luisa rannte zum Karton, hob ihre Namensvetterin heraus und stieg die Leiter der Rutsche hinauf.
„Darf ich es einmal alleine rutschen lassen?“, fragte sie.
„Ach komm. Der Rasen ist doch weich“, sagte Peter.
Der Rasen ist wirklich weich, dachte Simon. Aber zur Sicherheit ging er vor der Rutsche in die Hocke, ballte eine Faust und drückte gegen den Boden.
„Einmal“, sagte Simon und ärgerte sich, weil sich sein „einmal“ anhörte wie das seiner Mama.
Luisa lächelte. Sie umschloss das Häschen mit beiden Händen, schob es über die Wölbung der Rutsche und ließ los. Es schlittere mit einem Mordstempo herunter und plumpste ins Gras und hoppelte im Kreis herum, dass die Ohren schlackerten. Simon musste lachen. Peter boxte ihn auf die Schulter und grinste. Aber dieses Mal war es kein fieses Grinsen. Und dann rutsche Luisa herunter, ihre blonden Locken wirbelten nur so herum und sie nahm den Schwung der Rutsche mit und fiel Simon und Peter in die Arme.
Und dann ließen sie Elisabeth rutschen, danach war wieder Michel an der Reihe und schließlich ging es mit Luisa von vorne los. Und Simon passte auf, dass nichts passierte und nur ganz manchmal streifte ein Häschen die Begrenzung der Rutsche und nur ganz manchmal landete eines nicht auf den Pfoten, sondern auf dem Rücken oder auf der Seite auf dem Rasen, der ganz weich war. Und sie lachten, bis sie sich die Bäuche hielten. Und als die Mücken in Wolken vor dem roten Abendhimmel flirrten, legten sie die Häschen in den Karton, wo sie sich zusammenkuschelten.
„Magst du morgen mitkommen, Staudamm bauen?“, fragte Luisa.
„Ich muss meiner Mama ...“
„Schon gut“, unterbrach ihn Peter. „Wäre trotzdem toll, wenn du mitkommst.“

Als Luisa und Peter gegangen waren, setzte sich Simon auf die Rutsche und ließ sich zurückfallen. Das Metall war so warm an seinem Rücken, dass Simon eine Gänsehaut bekam und wie er da so lag, merkte er, dass er den ganzen Nachmittag nicht an Papa gedacht hatte. Aber ehe er darüber nachdenken konnte, ob das gut oder schlecht war, sah er Kater Aaron um die Hausecke schleichen.
Simon sprang auf, schob die Handflächen unter den Karton mit den Häschen und hob ihn auf.
„Gehst du weg“, zischte Simon. Aber Aaron ging nicht weg. Er setzte sich und starrte Simon mit seinen gelben Augen an. Simon stampfte nach vorne und machte „Zschhh“. Da kullerte etwas im Karton und Simon sah hinein. Luisa lag auf der Seite, die Augen milchig, die Öhrchen schnurgerade in den Nacken gelegt. Er schüttelte den Karton: Auch Michel und Elisabeth rührten sich nicht. Simon spürte das Gewicht der kleinen Körper auf den Handflächen.
Er zählte bis drei. Dann schürzte er die Oberlippe, bis sie die Nasenspitze berührte und achtete auf den Atem. Es kitzelte an der Oberlippe und schmeckte salzig und als er den Splitt im Hof unter Autoreifen knistern hörte, tropfte es vom Kinn und fiel in das Fell von Luisa, Michel und Elisabeth.

 

AWM

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Servus @Katta und vielen Dank für deinen Kommentar.
Der von dir verlinkte Artikel hat mir geholfen. Er geht ja an einer Stelle genau auf das Problem ein, das ich genannt habe und orientert sich auch an den Büchern von Frey, die ich beide gelesen habe und die mich eben in dieser Hinsicht verwirrt haben.
Servus @Morphin und Danke für deinen Kommentar. Ich sehe das Verhältnis Theorie/Schreiben ähnlich wie @Peeperkorn (Danke für deinen Kommentar). Grundsätzlich macht mir die Beschäftigung mit Theorie eben viel Spaß und ich glaube einfach, dass es sehr viel bringt zu wissen, warum man was und wie schreibt. Das ist bei allen Künsten so und ich glaube, dass das in den wenigsten Fällen dem Ergebnis abträglich ist, wenn man eine theoretische Grundlage hat. Wenn ich aber etwas nicht wirklich verstehe, steigere ich mich manchmal zu sehr hinein und das ist dann der Punkt, an dem ich blockiert bin. Das war eben bei dieser Prämissenthematik so, mit der ich mich stark beschäftigt habe, weil ich an was Längerem arbeite und da nicht den Faden verlieren will. Ich habe überhaupt nicht mehr geschaut, wie ich konkret davon profitiere, sondern habe nur noch versucht, das Konzept isoliert bis ins kleinste Detail zu verstehen.
Gruß und noch einmal Danke euch dreien
AWM

 
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„Wo Aaron ist, ist der Tod nicht weit“, hatte Mama einmal gesagt und gelacht, als sie einen toten Spatz von der Terrasse kehrte.

Moin,

AWM,

jetzt ist der alte Mann nach einem etwas längeren Bad in einer gänzlich anderen Art von Literatur (nebst angewandter Mathematik) dazu gekommen, Deine „gelungene“ Geschichte über erste Erfahrung(en) mit der Gefährdung allen Lebens zu lesen, wobei auf mich (als Nebeneffekt) die Diskussion über die Regeln zur Kurzgeschichte wie eine Parodie auf den Methodenstreit der Sozialwissenschaften wirkt und zugleich mit dem Namen Aarons an den Tanz ums Goldene Kalb am Sinai in den Büchern Moses. Und das vorweg: Deine Geschichte gefällt mir, da wüsst ich nun nix, worüber zu meckern wäre – und die paar Flusen saugen wir jetzt mal eben weg:

Sie fuhr sich durchs Haar, legte den Hörer in die Halterung auf der Kommode und dann machte sie: „Puh“. Es war ein hohes und bebendes „Puh“.

Warum nicht die Regeln wörtlicher Rede anwenden, wenn’s schon in Gänsefüßchen gesetzt ist?
Und die Aussage ist minimal, wiewohl der Ausruf „Puh!“ mehr sagen kann als manch ein vollständiger Satz.
Besser – wie schon angezeigt „Puh!“

„Hallo“, sagte Luisa.
„Hallo“, sagte Simon.

Bisschen viel „sagte“, lass doch auch mal „antworten“ ...

Simon, Luisa und Peter saßen neben der Rutsche auf dem Rasen, der herrlich weich warKOMMA und schauten die Häschen an.
(Relativsatz ist zu Ende!, das „und“ setzt die Aufzählung gleichrangiger Satzteile des Hauptsatzes fort

Sie legte das Häschen in ihren Schoß und strich über das Fell und Simon konnte nicht genug davon bekommen, zuzusehen, wie Luisa ihre Namensvetterin streichelte.
Komma weg zwischen bekommen und zuzusehen, m. E. bildet „zu sehen bekommen“ ein komplexes Prädikat, dem zwo Modalverben (können, bekommen) und ein Vollverb zuzurechnen sind

„Wollen wir nicht noch rutschen?“, platzte es aus Simon heraus.
Peter lachte. „Seh´ ich aus wie …“ Er hielt inne und biss auf dem Inneren seiner Backe herum. „Wobei.“
„Wobei“ klingt selbst als Pronominaladverb durch seine erste Silbe sehr wie eine Frage ...

Der Rasen war wirklich weich, dachte Simon.
Denkt Simon wirklich im Prät.?

Und Simon passte auf, dass nichts passierteKOMMA und nur ganz manchmal streifte ein Häschen die Begrenzung der Rutsche und nur ganz manchmal landete eines nicht auf den PfotenKOMMA sondern auf dem Rücken oder auf der Seite auf dem Rasen, der ganz weich war.

Das Metall war so warm an seinem Rücken, dass Simon eine Gänsehaut bekamKOMMA und wie er da so lag, merkte er, dass er den ganzen Nachmittag nicht an Papa gedacht hatte.

Dem Thema angemesssen wäre nun kein "gern" angemessen, aber dennoch

nicht ungern gelesen vom

Friedel

 

AWM

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Hallo @Friedrichard und vielen Dank für deinen Kommentar :)

Diskussion über die Regeln zur Kurzgeschichte wie eine Parodie auf den Methodenstreit der Sozialwissenschaften wirkt
:D
Deine Geschichte gefällt mir
Danke
Warum nicht die Regeln wörtlicher Rede anwenden, wenn’s schon in Gänsefüßchen gesetzt ist?
Und die Aussage ist minimal, wiewohl der Ausruf „Puh!“ mehr sagen kann als manch ein vollständiger Satz.
Besser – wie schon angezeigt „Puh!“
Du würdest also "Es war ein hohes und bebendes Puh" streichen und dafür ein Ausrufezeichen setzen. Verstehe ich schon grundsätzlich. In dem Fall würde das aber ein wenig das Gewicht von diesem Puh nehmen, das Simon da so genau wahrnimmt und hinter dem viel steckt. Der Punkt ist jetzt aber vor das Anführungszeichen gerutscht.
Bisschen viel „sagte“, lass doch auch mal „antworten“ ...
Ja, verstehe ich grundsätzlich. Als alter Regel-Dogmatiker denke ich da immer an "never use a verb other than "said" to carry dialogue".
(Relativsatz ist zu Ende!, das „und“ setzt die Aufzählung gleichrangiger Satzteile des Hauptsatzes fort
Ja, aber das ist optional. Ich habe mich da vor langer Zeit für die einfache Lösung entschieden vor einem "und" nie ein Komma zu setzen.
Komma weg zwischen bekommen und zuzusehen, m. E. bildet „zu sehen bekommen“ ein komplexes Prädikat
geändert
Denkt Simon wirklich im Prät.?
Sehr gut, danke!

Vielen Dank noch einmal, auch für das Hochholen meiner Hasengeschichte :)

Gruß
AWM

 

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