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Eine späte Geste

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Eine späte Geste

Am Morgen nach Vaters Beerdigung schien die Sonne in mein Zimmer. Ich hatte vergessen, die Jalousien zuzuziehen. Das Fenster neben meinem Bett stand auf Kipp, der Gesang der Vögel drang herein. Ein neuer Tag, dachte ich. Das Leben geht weiter, auch nachdem jemand gestorben ist. Nur nicht mehr genauso, nicht für jeden.
Ich schob die Sommerdecke beiseite. Sie roch nach Schweiß, wie mein ganzes Bett, ich würde es später neu überziehen. Mit frischer Unterhose und T-Shirt ging ich zum Bad, direkt gegenüber meinem Zimmer. Es war frei, meine Mutter und meine Schwester waren meistens vor mir auf. Fast zwanzig Minuten stand ich unter der Dusche, als wollte ich die Beerdigung, die ganze letzte Woche wegspülen.

In der Küche war niemand. Es roch nach Kaffee, in der Kanne waren noch zwei oder drei Tassen. Ich nahm eine aus dem Regal und füllte sie zur Hälfte.
Laura saß auf der Terrasse, ich sah sie durchs Fenster und ging zu ihr. Sie hatte die Beine angewinkelt und ihr T-Shirt darüber gezogen. Auch mit siebzehn legte sie diese Angewohnheit nicht ab, wenn sie hier saß und nachdachte. Und rauchte, wie seit fast einem Jahr.
„Wo ist Mom?“, fragte ich und setzte mich neben sie.
„Auf dem Markt, wie jeden Samstag.“ Sie zog tief an der Zigarette und blies den Rauch durch die Nase aus.
„Heute ist aber nicht jeder Samstag. Sie möchte nicht, dass du rauchst.“
Laura antwortete nicht, sondern hielt mir die Zigarette hin. Ich nahm sie.

Im Fernsehen lief irgendeine Serie, die mich nicht interessierte. Ein Foto meines Vaters stand auf einem Bücherregal des Wohnzimmers. Sein Gesicht ausdruckslos, der Blick, als würde er den Raum beobachten und kontrollieren.
Schon seit zwei oder drei Jahren versuchte ich, nicht mehr darüber nachzudenken, wer dieser Mensch ist, wie er denkt und fühlt. War, dachte und fühlte, korrigierte ich mich. Dieser Mensch, mein Vater.
Ich hörte, wie der Wagen meiner Mutter vor der Garage hielt und ging hinaus, um ihr mit den Einkäufen zu helfen.

Wie üblich betrat Laura die Küche erst, nachdem wir alles aus dem Wagen geholt hatten. Sie durchstöberte die Einkaufstüten, während Mom und ich begannen, die Sachen einzuräumen.
„Wo ist das Obst?“, fragte sie.
Mom hielt kurz inne, als sie Käse und Wurst im Kühlschrank verstaute. „Hab ich wohl in der Hektik vergessen, war viel los heute.“
Sie sprach ruhig, aber ich bemerkte ihre Anspannung. Hände und Arme zitterten leicht.
„Na super, dann muss ich gleich noch zum Supermarkt. Können wir nicht auch mal was Gesundes hier haben?“
Ich hielt den Atem an. Bis heute glaube ich nicht, dass Laura so etwas extra macht. Sie bekommt die Stimmung anderer einfach nicht mit. Was sie will scheint in ihren Gedanken alles andere zu verdrängen.
Mom drehte sich um und nimmt eine Papiertüte. „Aber an die Brötchen hab ich gedacht. Hier.“ Sie warf sie Laura zu, die sie überrascht gerade noch fing.
Als nächstes griff sie sich eine kleine Plastikschale mit Frischkäse. „Und an den Käse!“
Diesmal konnte Laura nicht rechtzeitig reagieren, die Schale prallte an ihren Händen ab und knallte auf den Boden. Der Deckel sprang auf, Frischkäse verteilte sich über die Fliesen.
„Ist ja gut, ich meinte nur …“, begann Laura, bevor sie lautstark unterbrochen wurde.
„Und an die Eier! Und die Milch! Und an was ich sonst noch alles denke, während du rauchst oder in der Sonne schläfst!“ Sie nahm eine der Einkaufstüten und schmiss sie Laura vor die Füße. Es klirrte, etwas war zerbrochen.
„Dein Vater ist gestorben und du …“ Moms Stimme überschlug sich, das Gesicht rot, Tränen in den Augen. Sie lief aus der Küche, stieß Laura dabei mit der Schulter an.
Erst einige Sekunden später dachte ich daran, auszuatmen. „Gut gemacht. Viel Spaß beim Aufräumen“, zischte ich meiner Schwester zu und verließ ebenfalls den Raum.

Ich schrieb Melissa eine Nachricht, bevor ich mich auf mein Mountainbike schwang: „Fahre zum See, hast du Zeit?“ Wir kannten uns seit der fünften Klasse, in einem knappen Jahr würden wir zusammen den Schulabschluss machen.
Obwohl es erst halb elf war, stand bereits die Luft. Auch heute sollten es knapp vierzig Grad werden. Zumindest der Fahrtwind kühlte, als ich zunächst die Landstraße entlang und dann in den schmalen Waldweg fuhr. Ich bremste etwas ab und genoss die Stille.
Nach knapp zehn Minuten erreichte ich den See, die Sonne spiegelte sich auf der ruhigen Oberfläche. Ich stieg ab und lehnte mein Rad an einen Baum, nicht weit vom Ufer entfernt. Setzte mich ans Wasser und schloss die Augen. Es dauerte nicht lange, bis ich quietschende Bremsen hinter mir hörte.
„Hey, Lars!“, rief Melissa. „Du bist aber früh für einen Samstag.“
„Wer kann bei dieser Hitze schon schlafen?“, antwortete ich und drehte mich zu ihr um.
Sie lehnte ihr Rad an meins und nahm eine Decke vom Gepäckträger. „War ja klar, dass du wieder keine dabei hast“, sagte sie lächelnd und warf sie mir zu.
„Ich weiß ja, dass ich auf dich vertrauen kann“, gab ich ebenfalls lächelnd zurück und breitete die Decke aus.
Melissa zog noch die Trinkflasche aus der Halterung und setzte sich neben mich. „Und wie geht’s dir?“
„Geht so, bin immer wieder wach geworden. Nach der Beerdigung war alles so unwirklich, als hätte ich Fieber. Danke, dass du da warst.“
„Klar, hab deinen Dad ja auch gekannt.“ Sie nahm einen Schluck aus der Trinkflasche und hielt sie mir hin.
„Danke.“ Auch ich trank, drückte den Verschluss zu und stellte die Flasche zwischen uns. „Soweit man ihn kennen konnte, den ewigen Eisklotz.“
Melissa sah mich an. „Du wirkst sehr gefasst.“
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. War mir bewusst, wie ich mich fühlte? Wollte ich es überhaupt wissen? „Im Moment denke ich hauptsächlich daran, wie es nun weitergeht. Vater hat die letzten Jahre von einer Berufsunfähigkeitsversicherung gelebt, die nun nicht mehr zahlen wird. Er hat wohl auch eine Absicherung abgeschlossen, falls ihm etwas passiert, aber ich weiß nicht, ob es reichen wird, das Haus zu halten. Mom wird es Laura und mir wohl noch sagen.“
Sie betrachtete mich noch einige Sekunden und blickte dann zum See. Seine Oberfläche war fast eben, als wollte kein Lebewesen sie stören. „Lass es zu, wenn du dich schlecht fühlst. Wie sieht es bei deiner Mutter und Laura aus?“
„Ach, keine Ahnung. Laura hat eben mal wieder wegen etwas gemeckert, da hat Mom sie angeschrien und ist weinend in ihr Schlafzimmer. Hab sie erstmal in Ruhe gelassen, werde gleich nach ihr sehen.“
Melissa lehnte ihren Kopf an meine Schulter. „Ihr drei kriegt das schon hin.“
Wir schwiegen für einige Minuten. „Was machen deine Partyvorbereitungen?“, fragte ich schließlich.
„Hab die Einladungen ja schon verteilt, ist eigentlich nicht mehr viel zu tun. Fürs Buffet soll jeder was mitbringen und Getränke kaufe ich vorher noch.“
„Lass er krachen, du wirst nur einmal achtzehn.“
„Meine Eltern werden nicht da sein, also mal sehen. Wenn du wüsstest, wie lange ich auf sie eingequatscht habe, bis sie das Wochenende woanders verbringen.“
Ich lachte kurz. „Kann ich mir vorstellen, hätte nicht gedacht, dass es dir gelingt.“
„Sie haben wahrscheinlich irgendwann gedacht, dass ich nicht aufgebe, dabei war ich nah dran. Wirst du denn da sein?“
„Klar, warum nicht?“
Melissa antwortete nicht.
„Wird schon gehen, sind ja noch ein paar Tage, die Ablenkung wird mir gut tun. Ist es okay, wenn Laura mitkommt?“
„Klar, wenn sie Lust hat.“ Sie hob ihren Kopf wieder von meiner Schulter. „Beim nächsten Mal nehmen wir Schwimmsachen mit. Am besten komme ich vorher bei dir vorbei, sonst vergisst du sie wieder.“
„Oder ich gehe nackt ins Wasser.“
Sie blickte mich wieder an mit einem angedeuteten Lächeln. „Ich komme vorher bei dir vorbei.“

Mom saß auf der Terrasse und rauchte, als ich vom See zurückkam. Ich stellte mein Fahrrad wieder in die Garage und setzte mich neben sie. Ihre Augen waren gerötet. Die Hand, in der sie die Zigarette hielt, zitterte leicht.
„Tut mir leid wegen eben“, sagte sie und blickte dabei weiter geradeaus.
„Dir braucht nichts leid zu tun. Laura war wieder in taktvoller Höchstform.“
Als hätte meine Schwester es gehört, erklang aus ihrem Zimmer im ersten Stock Soulmusik.
Mom lächelte und zog an der Zigarette. Dann blickte sie zu mir und hielt mir die Packung hin, die neben ihr lag. „Nimm schon. Meinst du, ich weiß nicht, dass ihr beide qualmt wie die Weltmeister?“
Ich grinste und nahm eine. Sie hielt mir die Flamme des Feuerzeugs hin, ich entzündete die Zigarette und nahm zum ersten Mal einen Zug vor meiner Mutter.
„Du bist volljährig, also entscheide selbst, was du deiner Lunge antust.“
Wir saßen einige Minuten schweigend und rauchend nebeneinander. Es war ein seltsames Gefühl, aber irgendwie verband es uns auch in diesem Moment.
„Kann ich dir bei etwas helfen?“, fragte ich schließlich.
„Heute nicht, denke ich. Aber ich will ab morgen seine Sachen in den Keller räumen.“
„Klar, sag Bescheid.“
Sie drückte die Zigarette aus und zündete sich eine weitere an. Ich wollte sie fragen, wie es ihr geht, ob sie klarkommen wird. Aber dann schien es mir nicht notwendig. Wir wohnten im gleichen Haus, die Zeit würde es zeigen.

Ich wollte die Treppe hoch, in mein Zimmer, betrachtete dann aber die Tür am Ende des Flurs. Vaters Modellbauzimmer, sein Heiligtum. Es hatte schon immer eine Aura von „Betreten verboten“, auch wenn ich als Kind trotzdem oft hineingegangen war. Bis meine Hoffnung immer weiter schwand, dass er mich an seinem ewigen Hobby teilhaben ließ oder mir mal etwas darüber erzählte.
Lauras Musik war wie üblich im ganzen Haus zu hören. Langsam ging ich auf das Zimmer zu. Selbst jetzt spürte ich meine zunehmende Anspannung. Ich öffnete die Tür und trat ein. Die Sonne schien durch das Fenster neben dem großen Holztisch. Staub schwebte durch die Luft, wurde durch mein Eintreten durcheinandergewirbelt. Auf den Wandregalen standen die Modelle, die er in endlosen Stunden zusammengebastelt hatte. Schiffe, Flugzeuge, kleine Landschaften. Alles wirkte perfekt, kein Teil auch nur einen Millimeter verschoben. Liebevoll bemalt, was für eine ruhige Hand und wie viel Geduld musste er hierfür gehabt haben?
War es auch eine Flucht für ihn, um dem Leben außerhalb dieses Zimmers zu entgehen? Seinen Kindern zum Beispiel? Wie oft hatte ich früher neben ihm gestanden, neugierig zugesehen und Fragen gestellt. Manchmal hatte er gar nicht reagiert, oder nur kurz etwas vor sich hingemurmelt.
„Was wolltest du?“, flüsterte ich und nahm eine Handlupe, die auf dem Tisch lag. Manche Einzelteile waren so klein, dass er sie nur hiermit richtig anbringen und bemalen konnte.
„Wusstest du es? Sag es mir doch, sprich mit mir!“ Meine Stimme wurde lauter. „Lass mich nicht immer wie einen Idioten neben dir stehen. Unternimm mal etwas mit mir, ich bin dein Sohn, kein Fremder!“ Mit verkrampften Fingern schlug ich die Lupe mehrmals auf die Tischplatte und schrie: „Nimm mich wahr und rede!“
Nun zitterte mein ganzer Körper, ich ließ mich auf den Hocker fallen, der vor dem Tisch stand. Die Lupe fiel mir aus der Hand. Ich spürte die Tränen, wollte sie zurückhalten, aber dann kamen sie doch, liefen meine Wangen hinab.
Erst nach einigen Minuten beruhigte ich mich. Hände legten sich sanft auf meine Schultern. „Ich weiß“, sagte meine Mutter hinter mir.

„Sieh es nicht als deine Schuld“, sagte Melissa, als wir am nächsten Montag in einer Freistunde einen Spaziergang machten. „Dein Vater wirkte immer sehr verschlossen. Vielleicht hat er ja was Schreckliches erlebt, in seiner Kindheit, könnte doch sein?"
„Früher mal die ein oder andere Frage, aber … nein, eigentlich nicht. Ich habe es irgendwann akzeptiert, genau wie Laura. Er war fast wie ein Fremder im Haus.“
„Dann rede mal mit ihr, vielleicht ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt.“ Sie stubste mich mit dem Ellenbogen an, als ich nicht antwortete.
„Ja, sollte ich wohl mal.“
„Ich denke auch. Heute Nachmittag komme ich dich übrigens mit dem Rad abholen.“
„Ach?“
„Der See wartet. Aber ich nehme dich nur mit Badehose mit.“ Sie hakte sich bei mir ein.

Mom stand an der Arbeitsplatte, als ich nach der Schule die Küche betrat. „Hey!“
Sie bereitete einen Salat zu, ein großer Teller mit belegten Broten stand schon auf dem Tisch. „Bin gleich fertig“, sagte sie, ohne mich anzusehen.
Ich ging zu ihr, sie hatte den Kopf gesenkt, wirkte verkrampft. Zumindest waren ihre Augen mal nicht gerötet.
„Sieht gut aus. Kann ich helfen?“
„Nein, schon okay. Laura müsste auch gleich hier sein, sie wollte nach der Schule noch kurz bei einer Freundin vorbei.“
„Kann ich dich mal was fragen, zu Vater?“, fragte ich zögerlich, als ich zum Kühlschrank ging, um die Getränke herauszuholen.
Sie hielt kurz in ihren Bewegungen inne. „Klar.“
„War er immer so?“ Ich fragte es einfach direkt heraus, bevor ich doch wieder einen Grund fand, meine Gedanken beiseite zu legen. „Ich meine … war er auch mal lebhafter? Bevor Laura und ich da waren? Wollte er uns überhaupt?“ Die letzte Frage war mir einfach so über die Lipppen gekommen.
Mom drehte sich zu mir um. „Klar wollte er euch, was denkst du denn?“
„Du weißt genau, was ich meine. Wir haben uns in seiner Gegenwart wie Geister gefühlt. Warum hat er nie mal etwas mit uns unternommen? Sich für uns interessiert, unsere Hobbys, die Schule …“ Ich wollte nicht wütend auf Mom werden, dennoch geschah es. „Fandest du sein Benehmen etwa normal? Hast du darüber mal mit ihm gesprochen?“
„Ja, aber irgendwann musste auch ich es akzeptieren. Warte!“ Sie hob die Hand, als ich antworten wollte. „Wenn du ihn verstehen möchtest, musst du dich mit seiner Vergangenheit beschäftigen. Mit deinen Großeltern, der Nachkriegszeit. Seiner großen Dankbarkeit für alles Materielle, das er haben durfte. Er hat gut für uns gesorgt.“
„Ja, nur wollte ich einen Vater. Wir hätten soviel unternehmen können, mal ein Ausflug, eine Radtour …“
„Ihm hat es so gereicht.“
Ich wollte weiter reden, was alles hätte sein können. Aber diese einfache Wahrheit war wie ein Schlag ins Gesicht. Sie fasste alle meine Erinnerungen an meinen Vater zusammen, das ewige Anrennen und abgewiesen werden. Für ihn war es in Ordnung so, mehr gab es nicht zu sagen. Auf seine Weise war er für uns da.
Erst jetzt bemerkte ich, dass Laura am Türrahmen lehnte. Sie blickte zwischen mir und Mom hin und her.
„Sei doch froh, dass er so war“, sagte sie dann. „Hast du hier in den letzten Tagen eine Veränderung bemerkt?“ Sie setzte sich an den Tisch und nahm eins der belegten Brote.

„Komm schon rein!“, rief Melissa. Sie war schon fast bis zur Mitte des Sees geschwommen. Die langen, blonden Haare zu einem Zopf geflochten.
Ich zog mein T-Shirt aus und ging ins Wasser. Es war wärmer, als ich dachte, dennoch eine willkommene Abkühlung bei der Dauerhitze.
„Herrlich, oder?“, fragte sie, als ich mich näherte.
„Ja, war ne gute Idee.“
„Siehste! Hast du mit deiner Mom gesprochen?“
„Direkt nach der Schule. Sie hat es wie immer auf den Punkt gebracht. Hat ihm wohl gereicht, finanziell für uns zu sorgen. Mehr wollte er nicht, auch wenn ich nie verstehen werde, wie man so über seine Kinder denken kann.“
Melissa überlegte, schwamm näher zu mir. „Nur seltsam, dass er nie etwas gefordert hat. Laura und du konntet ja schon immer machen, was ihr wolltet. Aber es bestätigt ja, dass es nichts direkt mit euch persönlich zu tun hatte. Und ist es okay für dich, um deinen Frieden zu finden?“
„Eben hat es mich eher wütend gemacht. Warum konnte er nicht anders sein? Zumindest ab und zu über seinen Schatten springen? Aber jetzt denke ich eher an etwas anderes.“
Sie sah mich an und wartete geduldig, während sie sich mit ruhigen Bewegungen über Wasser hielt.
„Laura und ich haben immer nur an unsere Wünsche gedacht, wie er sein sollte. Alles andere war selbstverständlich. Das Haus, wir hatten immer genug Taschengeld. Wir haben uns tatsächlich nie bei ihm bedankt.“
Wir schwiegen einige Sekunden, bis Melissa meinte: „Lass uns mal wieder raus, können ja später nochmal schwimmen.“
Wieder an Land trockneten wir uns ab und setzten uns nebeneinander auf die Handtücher.
„Und möchtest du es nachholen?“, fragte sie und nahm eine Flasche Wasser aus der kleinen Kühlbox.
„Was?“
„Dich bei ihm bedanken. Vielleicht fällt uns eine Geste oder ein Ritual ein, ist ja nie zu spät.“ Sie trank einen Schluck und reichte mir die Flasche.
„Danke. Weiß nicht, aber … vielleicht keine schlechte Idee.“
Sie lehnte den Kopf an meine Schulter, wie schon so oft. Aber zum ersten Mal legte ich meinen Arm um sie, streichelte ihren Oberarm.

Wir standen am Grab meines Vaters. Es begann, dunkel zu werden.
„Und was hast du?“, fragte Melissa.
„Ist nur ein Kleinigkeit. Nicht lachen!“ Ich zog ein selbstgebasteltes und bemaltes Kleeblatt aus meiner Hosentasche, auf das ich einen Glückscent geklebt hatte.
„Warum sollte ich? Coole Idee, er würde wissen, was du sagen möchtest.“
Melissa ging ein paar Schritte zurück, als ich mich vor das Grab kniete und das Kleeblatt ablegte. Ich betrachtete den Grabstein und rief mir den ein oder anderen Moment ins Gedächtnis. Versuchte, es positiv sehen, wenn ich neben ihm stand, als er an einem Modell arbeitete. Oder ihn fragte, ob er mit mir Fußball spielt, als er im Garten saß und ein Buch las. Dass er sich auf seine Weise darüber gefreut hat, wenn es Laura und mir gut ging.
„Danke“, sagte ich schließlich. „Wir sind bei dir gut aufgewachsen, du warst immer da.“ Ich stand auf und wollte mich schon abwenden, als mir noch etwas einfiel: „Aber im nächsten Leben spielen wir Fußball.“
„Du bist verrückt“, sagte Melissa lächelnd, als ich zu ihr ging. „Hilfst du mir noch?“
„Wobei?“
„Die letzten Partyvorbereitungen. Meine Eltern sind schon weg, ich will das Wohnzimmer noch umräumen. Ohne Tanzfläche geht nichts.“
„Okay.“ Ich nahm ihre Hand, als wir den Friedhof verließen.

 
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Hallo @Rob F
Ein wirklich schöner Text und die Sicht auf den Tod ist immer eine Interessante. Ich fand gut, dass du die Geschichte im Sommer hast spielen lassen, das Gegenüberstellen von drückender Hitze und melancholischer Stimmung hat was. Ebenso wie den Vater als Teil der Nachkriegsgeneration zu inszenieren. Viele übersehen, wie lange sich psychische Macken weiter tragen, wie lange der Schatten eines solchen Krieges reicht. Außerdem ist es plausibel und nachvollziehbar und ich mochte das gemächliche Tempo. Das ist alles so unspektakulär, aber genau deswegen so gut!

Ich habs gern gelesen. Hier noch der ein oder andere Gedanke:

... ich unter der Dusche, als wollte ich die Beerdigung, die letzte Woche wegspülen.

An der Aufzählung bin ich etwas hängen geblieben. Vielleicht "als wollte ich die Beerdigung und die ganze letzte Woche wegspülen." ?

„Wer kann bei dieser Hitze schon schlafen?“, antwortete ich und drehte mich

setzte sich neben mich. „Und wie geht’s dir? Einigermaßen geschlafen?“

Das fand ich n bisschen komisch. So als würde sie ihm fast nicht zuhören. Vielleicht könnte sie fragen, ob es wirklich an der Hitze liegt, dass er nicht schlafen kann, sie weiß ja, was passiert ist.

„Kann ich dich mal was fragen, zu Vater

Mom und Vater? Also auf der Seite hinkt das, aber ich glaube, das war Absicht, um die Distanz noch deutlicher zu machen, oder?

Grüße
TheDeadFrog

 
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Moin @Rob F,

ein schwieriges Thema und die Geschichte hat mich nicht überzeugt. Sie wirkt künstlich.

Am Morgen nach Vaters Beerdigung schien die Sonne in mein Zimmer.

Nein! Warum? Was ist interessanter für den Leser: Papa tot, also bin ich traurig :sleep: oder ich bin traurig (warum fragt sich der Leser), weil sein Vater gestorben ist (aha!). Und dann schön der ungelöste Vater - Sohn (oder Familie) Konflikt mit Lösung aufziehen. In der ersten Variante wird sich der Leser nicht so stark in die Stimmung versetzen können. Weil du den Grund schon verraten hast. Pack den Leser und entführe ihn in die Gemütslage von Lars.

Schön, dass Lars noch eine Geste macht. Aber spannender wäre es gewesen (meine subjektive Wahrnehmung), wenn sie vom toten Vater gekommen wäre. Da wären Emotionen hochgekommen. Nun ist es halt ... nichts wirklich berauschendes. Stell dir mal vor, Lars hätte noch im Modellzimmer etwa ein Foto von der Familie gefunden, oder eine Bastelei vom Vater, was die Familie zeigt, oder etwas was wichtig für Lars war. Das wäre eine Geste gewesen! Die Tränen müssen beim Leser fließen, der Klops im Hals stecken bleiben. Erst dann weisst du, dass du es getroffen hast. Und dann Gegengeste von Lars. Kann man so schön ausbauen.

„Wenn du ihn verstehen möchtest, musst du dich mit seiner Vergangenheit beschäftigen. Mit deinen Großeltern, der Nachkriegszeit. Seiner großen Dankbarkeit für alles Materielle, das er haben durfte. Er hat gut für uns gesorgt.“

Eine schöne Beschreibung, wie sie Lars billig abtropfen lässt und ihm einen Grund für seinen Seelenfrieden gibt. Schlussendlich ist er noch jung und grün hinter den Ohren (wir dachten doch alle in dem Alter, dass wir wir die Welt verstehen). Er wird schon noch rausfinden, dass es für "er hat sich einen Dreck darum geschert" steht. Oder, vielleicht hat sie es ja auch wirklich so gemeint ...

Die Geschichte hat zwei Ebenen. Die Oberflächliche (künstlich, eher langweilig) und die zwischen den Zeilen. Ich mag die zwischen den Zeilen. Diplomatisch formuliert könnte man es als "don't worry, be happy" bezeichnen. Ist tragisch, dass sich der Vater nicht für Lars interessierte (womit er sich schon lange abgefunden hat) . Aber hey, er wird bald Melissa bumsen, und das zählt in dem Alter. Das Leben geht weiter.

Wie sangen die Ärzte: "Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist, es wär nur deine Schuld wenn sie so bleibt."

Die Geschichte ist sehr wohl überlegt und fein durch orchestriert. Aber, dass du bewusst eine zweite Ebene eingeführt hast, nehme ich dir noch nicht ab ;) (Krokos Klappe ist wieder mal groß). Entwickle dein Talent.

Ich mag Deine Geschichten und du schreibst interessant. Deshalb gibt's auch härtere Kritik von mir. Kroko ist nicht wie Laura, die nach ihrem Vater kommt.

Beste Grüße
Kroko

 
Monster-WG
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20.08.2019
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Lieber @Rob F

ich habe die Geschichte sehr gern gelesen. Im Anfang und Mittelteil sind ein paar sprachliche Haken und gerade zu Beginn fühle ich Distanz, aber die Geschichte entwickelt sich und im letzten Abschnitt kamen mir tatsächlich kurz die Tränen. Hat mich berührt! Der Verlust eines geliebten Menschen - immer wieder ein heftiges Thema, das uns letztendlich alle betrifft. Jeder Mensch geht anders mit Trauer um. Ich danke Dir, dass Du uns mit diesem Text zeigst, wie es Dein Prota macht.

Hier ein paar Leseeindrücke:

Ich schob die dünne Sommerdecke beiseite. Sie roch nach Schweiß, wie mein ganzes Bett. Würde es später neu überziehen. Mit frischer Unterhose und T-Shirt ging ich zum Bad, direkt gegenüber meinem Zimmer.

Das klingt ein wenig holprig.
Vorschlag: Ich schob die Sommerdecke (dünn brauchst du hier nicht, das sind Sommerdecken ja immer) beiseite, atmete den leichten Schweißgeruch ein. Würde das Bett später neu beziehen. Hastig zog ein mir eine frische Unterhose und ein Shirt an, ging zum Bad, direkt gegenüber von meinem Zimmer.

Fast zwanzig Minuten stand ich unter der Dusche, als wollte ich die Beerdigung, die ganze letzte Woche wegspülen.

Hier könntest Du, wenn Du möchtest, auch mehr in die Tiefe gehen. Zeigen, wie er sich abschrubbt. Zeigen, was er denkt. Muss nicht zwingend sein, könnte ich mir aber gut vorstellen. Dadurch hätte ich als Leser gleich zu Beginn die Chance, Deinem Prota näher zu kommen.

In der Küche war niemand. Es roch nach Kaffee, in der Kanne waren noch zwei oder drei Tassen. Ich nahm eine aus dem Regal und füllte sie zur Hälfte.
Laura saß auf der Terrasse, ich sah sie durchs Fenster und ging zu ihr.

Das klingt etwas holprig.

Vorschlag: In der Küche war niemand. Es roch nach Kaffee, die Kanne war noch zu einem Drittel voll. Ich nahm eine Tasse aus dem Regal und füllte sie zur Hälfte. Während ich trank, sah ich aus dem Fenster. Laura saß auf der Terasse, ich ging zu ihr.

Schon seit zwei oder drei Jahren versuchte ich, nicht mehr darüber nachzudenken, wer dieser Mensch ist, wie er denkt und fühlt. War, dachte und fühlte, korrigierte ich mich. Dieser Mensch, mein biologischer Vater.

Hier hab ich zunächst gedacht, der Vater hätte ihn nur gezeugt, nie mit ihm zusammen gelebt. So, als wäre der Prota durch einen Seitensprung entstanden, hätte er spät erfahren, wer sein echter Vater ist. Auch im Nachhinein - jetzt, wo ich die Geschichte kenne, irritiert mich dieses Wort. Denn der Vater war trotz Gefühlskälte und Distanz ja deutlich mehr als nur ein biologischer Vater. Ich würde das Wort streichen.

Ich hielt den Atem an. Bis heute glaube ich nicht, dass Laura so etwas extra macht. Sie bekommt die Stimmung anderer einfach nicht mit. Was sie will scheint in ihren Gedanken alles andere zu verdrängen.
Mom dreht sich um und nimmt eine Papiertüte. „Aber an die Brötchen hab ich gedacht. Hier.“ Sie warf sie Laura zu, die sie überrascht gerade noch fing.

Die Szene fand ich heftig und auch glaubhaft. Die unsensible Laura. Wobei ich dann auch für mich dachte, jeder geht anders mit Trauer um. Und so wie du die Vater-Kinder Beziehung schreibst hat mich ihre Reaktion nicht unbedingt überrascht.

„Und an die Eier! Und die Milch! Und an was ich sonst noch alles denke, während du rauchst oder in der Sonne schläfst!“ Sie nahm eine der Einkaufstüten und schmiss sie Laura vor die Füße. Es klirrte, etwas war zerbrochen.
„Dein Vater ist gestorben und du …“ Moms Stimme überschlug sich, das Gesicht rot, Tränen in den Augen. Sie lief aus der Küche, stieß Laura dabei mit der Schulter an.
Erst einige Sekunden später dachte ich daran, auszuatmen. „Gut gemacht. Viel Spaß beim Aufräumen“, zischte ich meiner Schwester zu und verließ ebenfalls den Raum.

Auch diese Szene finde ich glaubhaft. Schön, dass Dein Prota Rücksicht auf die Mutter nimmt.

Obwohl es erst halb elf war, stand bereits die drückende Luft. Auch heute sollte es knapp vierzig Grad werden. Zumindest der Fahrwind kühlte etwas, als ich zunächst die Landstraße entlang und dann in den schmalen Waldweg fuhr. Ich bremste etwas ab und genoss die Stille.

Der Fahrtwind kühlte etwas ab - das klingt so, als würde der Wind abkühlen, aber Dir geht es ja darum, dass der Wind Deinem Prota etwas Kühlung verschafft.

Vorschlag: Zumindest der Fahrtwind verschaffte mir etwas Kühlung ...

Geht so, bin immer wieder wach geworden. Nach der Beerdigung war alles so unwirklich, als hätte ich Fieber oder so. Danke, dass du da warst.“

Wortwiderholung.

Vorschlag: "Mmh. Nicht so richtig. Bin immer wieder ..."

Die Freundschaft der beiden hat mich berührt. Schön, dass Dein Prota eine Vertraute hat.

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. War mir bewusst, wie ich mich fühlte? Wollte ich es überhaupt wissen? „Im Moment denke ich hauptsächlich daran, wie es nun weitergeht. Vater hat seit seinem ersten Herzanfall vor drei Jahren von einer Berufsunfähigkeitsversicherung gelebt, die nun nicht mehr zahlen wird. Er hat wohl auch eine Absicherung abgeschlossen, falls ihm etwas passiert, aber ich weiß nicht, ob es reichen wird, das Haus zu halten. Mom wird es Laura und mir wohl noch sagen.“

Das kann ich nachvollziehen. Sowohl, dass er selbst gerade nicht weiß, was er fühlt, als auch die Gedanken um das Finanzielle. Gut rübergebracht!

Ich lachte kurz. „Kann ich mir vorstellen, hätte nicht gedacht, dass es dir gelingt.“
„Sie haben wahrscheinlich irgendwann gedacht, dass ich nicht aufgebe, dabei war ich nah dran. Wirst du denn da sein?“
„Klar, warum nicht?“
Melissa antwortete nicht.

Und auch das finde ich absolut glaubhaft. Melissa kommt sehr feinfühlig rüber. Das gefällt mir.

Oder ich gehe nackt ins Wasser.“
Sie blickte mich wieder an mit einem angedeuteten Lächeln. „Ich komme vorher bei dir vorbei.“

Da musste ich Schmunzeln. Finde es schön, dass Du ein bisschen Humor eingebaut hast, trotz dem traurigen Thema :thumbsup:

Wir saßen einige Minuten schweigend und rauchend nebeneinander. Es war ein seltsames Gefühl, aber irgendwie verband es uns auch in diesem Moment.

Eine wunderbare Szene! Die Verbundenheit kommt deutlich bei mir an.

Sie drückte die Zigarette aus und zündete sich eine weitere an. Ich wollte sie fragen, wie es ihr geht, ob sie klarkommen wird. Aber dann schien es mir nicht notwendig. Wir wohnten im gleichen Haus, die Zeit würde es zeigen.

Und auch das finde ich absolut glaubhaft und nachvollziehbar.

Ich wollte die Treppe hoch, in mein Zimmer, betrachtete dann aber die Tür am Ende des Flurs. Vaters Modellbauzimmer, sein Heiligtum. Es hatte schon immer eine Aura von „Betreten verboten“, auch wenn ich als Kind trotzdem oft hineingegangen war. Bis meine Hoffnung immer weiter schwand, dass er mich an seinem ewigen Hobby teilhaben ließ, mir mal etwas darüber erzählte.

Hier bekomme ich nun einen Eindruck der Vater-Sohn-Beziehung. :thumbsup:

Lauras Musik war wie üblich im ganzen Haus zu hören, als ich auf das Zimmer zuging. Selbst jetzt, nach seinem Tod, merkte ich meine zunehmende Anspannung. Ich öffnete die Tür und trat ein.

Das klingt komisch. Entweder die Musik ist überall zu hören, oder eben nur, wenn er auf das Zimmer zugeht. Auch das mit der Anspannung liest sich seltam.

Vorschlag: Lauras Musik war wie üblich im ganzen Haus zu hören. Langsam näherte ich mich dem Zimmer. Ich spürte die zunehmende Anspannung in meinem Körper. Selbst jetzt noch, da er tot war und mich nicht mehr ausschimpfen konnte, weil ich sein Heiligtum betrat. Ich öffnete die Tür und ging in den Raum.

Wusstest du es? Sag es mir doch, sprich zu mir!“ Meine Stimme wurde lauter. „Lass mich nicht immer wie einen Idioten neben dir stehen. Unternimm mal etwas mit mir, ich bin dein Sohn, kein Fremder!“ Mit verkrampften Fingern schlug ich die Lupe mehrmals auf die Tischplatte und schrie: „Nimm mich wahr und rede!“
Nun zitterte mein ganzer Körper, ich ließ mich auf den Hocker fallen, der vor dem Tisch stand.

sprich mit mir

Die Wut kann ich verstehen. Es ist immer traurig, dass solche Gedanken oft erst kommen, wenn es zu spät ist. Warum hat er seinen Vater vorher nie drauf angesprochen?

Die Lupe fiel mir aus der Hand. Ich spürte die Tränen, wollte sie zurückhalten, aber dann kamen sie doch, liefen meine Wangen hinab.
Erst nach einigen Minuten beruhigte ich mich. Hände legten sich sanft auf meine Schultern. „Ich weiß“, sagte meine Mutter hinter mir.

Kann ich absolut nachvollziehen.
Und auch die Bindung zur Mutter bringst du wieder toll rüber.

Sieh es nicht als deine Schuld“, sagte Melissa, als wir am nächsten Montag in einer Freistunde einen Spaziergang machten. „Dein Vater wirkte immer sehr verschlossen, die Gründe werden in seiner Vergangenheit liegen. Hast du mal mit deiner Mutter darüber gesprochen?“
„Früher mal die ein oder andere Frage, aber … nein, eigentlich nicht. Ich habe es irgendwann akzeptiert, genau wie Laura. Er war fast wie ein Fremder im Haus.“
„Dann rede mal mit ihr, vielleicht ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt.“ Sie stubste mich mit dem Ellenbogen an, als ich nicht antwortete.
„Ja, sollte ich wohl mal.“
„Ich denke auch. Heute Nachmittag komme ich dich übrigens mit dem Rad abholen.“
„Ach?“
„Der See wartet. Aber ich nehme dich nur mit Badehose mit.“ Sie hakte sich bei mir ein.

Glaubhafte Szene. Ich finds toll, wie Melissa ihm Denkanstöße gibt und er sie auch aufgreift.

Wollte er uns überhaupt?“ Die letzte Frage war mir einfach so über die Lipppen gekommen.
Mom drehte sich zu mir um. „Klar wollte er euch, was denkst du denn?“

Nachvollziehbare Frage. Finde ich gut umgesetzt.

„Du weißt genau, was ich meine. Wir haben uns in seiner Gegenwart wie Geister gefühlt. Warum hat er nie mal etwas mit uns unternommen? Sich für uns interessiert, unsere Hobbys, die Schule …“ Ich wollte nicht wütend auf Mom werden, dennoch geschah es. „Fandest du sein Benehmen etwa normal? Hast du darüber mal mit ihm darüber gesprochen?“

Und auch hier absolut nachvollziehbar, was Dein Prota wissen möchte. Ich finds schade, dass auch die Mutter nicht wirklich eine Erklärung parat hat. Du deutest es zwar an, aber 100% steige ich als Leser nicht dahinter. Finde ich aber okay so.

„Sei doch froh, dass er so war“, sagte sie dann. „Hast du hier in den letzten Tagen eine Veränderung bemerkt?“ Sie setzte sich an den Tisch und nahm eins der belegten Brote.

Uff. Das ist krass, aber ich nehms ihr ohne zu zögern ab. War genau mein Gedanke weiter oben in der Küchenszene.

Ja, war ne gute Idee.“
„Siehste! Hast du mit deiner Mom gesprochen?“
„Direkt nach der Schule. Sie hat es wie immer gut auf den Punkt gebracht. Hat ihm wohl gereicht, finanziell für uns zu sorgen. Mehr wollte er nicht, auch wenn ich nie verstehen werde, wie man so über seine Kinder denken kann.“

Wortwiederholung.

Das zweite "gut" kannst Du streichen.

„Dich bei ihm bedanken. Vielleicht fällt uns eine Geste oder ein Ritual ein, ist ja nie zu spät.“ Sie trank einen Schluck und reichte mir die Flasche.
„Danke. Weiß nicht, aber … vielleicht keine schlechte Idee.“
Sie lehnte den Kopf an meine Schulter, wie schon so oft. Aber zum ersten Mal legte ich meinen Arm um sie, streichelte ihren Oberarm.

Sehr schöne Szene. Tolle Idee von Melissa. Ich mag das Mädel!
Auch dass sie sich hier noch ein wenig näher kommen, finde ich toll.

Dass er sich auf seine Weise darüber gefreut hat, wenn es Laura und mir gut ging.
„Danke“, sagte ich schließlich. „Wir sind bei dir gut aufgewachsen, du warst immer da.“ Ich stand auf und wollte mich schon abwenden, als mir noch etwas einfiel: „Aber im nächsten Leben spielen wir Fußball.“

Im letzten Abschnitt kamen mir die Tränen. Toll die Szene. Sehr rührend!

Okay.“ Ich nahm ihre Hand, als wir den Friedhof verließen.

Und auch das Ende hat mich sehr berührt.

Gern gelesen!

Ganz liebe Grüße und einen schönen Tag,
Silvita

 
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Hallo @The Dead Frog ,

danke fürs Lesen und deine Eindrücke!

Ich fand gut, dass du die Geschichte im Sommer hast spielen lassen, das Gegenüberstellen von drückender Hitze und melancholischer Stimmung hat was.
Danke! Hierüber hatte ich gar nicht so bewusst nachgedacht ... vielleicht hatte ich schon in zu vielen Geschichten graue Tage und Regen. :)
Aber es würde im Nachhinein für mich hier irgendwie nicht passen, die Handlung auch noch bei trübem Wetter spielen zu lassen.

Ebenso wie den Vater als Teil der Nachkriegsgeneration zu inszenieren. Viele übersehen, wie lange sich psychische Macken weiter tragen, wie lange der Schatten eines solchen Krieges reicht.
Es ist kein autobiografischer Text, meine Eltern leben zum Glück noch. Aber auch ich kenne, auch aus meinem Freundeskreis zur Schulzeit, eher die "Konstellation", dass der Vater etwas distanzierter ist, teilweise viel arbeitet. Und die Mutter eher die Bezugsperson. Da kommt dann auch bei mir, auch jetzt noch, immer mal wieder die Frage auf, warum das eigentlich so ist. Und meine Eltern sind definitiv sehr dankbar für alles Materielle, halten nichts für selbstverständlich, beide sind wenige Jahre vor Ende des zweiten Weltkriegs geboren.

... ich unter der Dusche, als wollte ich die Beerdigung, die letzte Woche wegspülen.
An der Aufzählung bin ich etwas hängen geblieben. Vielleicht "als wollte ich die Beerdigung und die ganze letzte Woche wegspülen." ?
Ich habe mal das Wort "ganze" ergänzt, es aber bei der Aufzählung gelassen. Ich finde es so ganz passend, da es m.E. so seine Gedanken widerspiegelt: Zuerst denkt er an die Beerdigung, dann an die vorherige Woche nach dem Tod seines Vaters.

... setzte sich neben mich. „Und wie geht’s dir? Einigermaßen geschlafen?“
Das fand ich n bisschen komisch. So als würde sie ihm fast nicht zuhören. Vielleicht könnte sie fragen, ob es wirklich an der Hitze liegt, dass er nicht schlafen kann, sie weiß ja, was passiert ist.
Stimmt, das passt nicht so ganz. Ich habe den zweiten Satz entfernt, die Frage ist ja eher überflüssig.

Mom und Vater? Also auf der Seite hinkt das, aber ich glaube, das war Absicht, um die Distanz noch deutlicher zu machen, oder?
Ja, ich fand es nicht passend, wenn er seinen Vater "Dad" nennt, das wäre mir hier zu nah und persöhnlich. Aber vielleicht macht er es ja in Gedanken nach der letzten Szene ;)

Danke für dein Feedback und viele Grüße,
Rob


Hallo @Kroko und @Silvita ,

auch euch vielen Dank für eure Kommentare! Meine Rückmeldungen folgen demnächst ...

Viele Grüße und noch einen schönen Tag,
Rob

 
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Mahlzeit @Rob F!

Sehr gut! Ganz so, wie ich es mag. Die Stille in der Betrachtung der Menschen. Action? Braucht kein Schwein. Hier entfaltet sich das, was Menschsein bedeutet. Ich kann dir nur auf die Schulter klopfen.

Obwohl es erst halb elf war, stand bereits die drückende Luft.
Hm, das ist irgendwie doppelt gemoppelt. Die Luft steht. Die Hitze ist drückend.
Fahrwind
Fahrwind ist der beim Segeln. Fahrtwind ist der Gegenwind.
Sie hab ihren Kopf wieder von meiner Schulter.
hob
dass er mich an seinem ewigen Hobby teilhaben ließ, mir mal etwas darüber erzählte.
runder empfände ich "... teilhaben ließ oder mal etwas darüber erzählte."
Hast du darüber mal mit ihm darüber gesprochen?

Also wirklich, da hast du genau meinen Geschmack getroffen. Danke. Meinen Tag auf jeden Fall verschönert.

Griasle
Morphin

 
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Hallo @Kroko ,

danke fürs Kommentieren!

In der ersten Variante wird sich der Leser nicht so stark in die Stimmung versetzen können. Weil du den Grund schon verraten hast.
Bezogen auf die Spannung gebe ich dir recht, bezogen auf die Stimmung des Prota nicht unbedingt. Wenn ich in einer Geschichte erstmal nur erfahre, dass jemand sich nicht gut fühlt, traurig ist, ohne den Grund zu kennen, warum sollte ich mich dann besser in ihn hineinversetzen können? Sehe ich eigentlich eher andersrum.

Aber spannender wäre es gewesen (meine subjektive Wahrnehmung), wenn sie vom toten Vater gekommen wäre. Da wären Emotionen hochgekommen.
Ja, es wäre emotional auf jeden Fall eine schöne Szene, wenn Lars in seiner Trauer etwas findet, das sein Vater z.B. für ihn gebastelt hat, was vielleicht noch nicht ganz fertig ist.
Das muss dann jedoch zu seinem Vater und zur Handlung passen. Sein Vater war ja immer so distanziert, also müsste es ja schon einen Anlass geben, dass er nun doch etwas Persönliches für seine Kinder macht. Er hatte zwar schon gesundheitliche Probleme, aber es war ja dennoch ein Herzinfarkt, das passt also hier für mich nicht so ganz.
Muss ich mit ein wenig Abstand nochmal schauen, ob ich noch einiges grundsätzlich ändere.

Eine schöne Beschreibung, wie sie Lars billig abtropfen lässt und ihm einen Grund für seinen Seelenfrieden gibt. Schlussendlich ist er noch jung und grün hinter den Ohren (wir dachten doch alle in dem Alter, dass wir wir die Welt verstehen). Er wird schon noch rausfinden, dass es für "er hat sich einen Dreck darum geschert" steht. Oder, vielleicht hat sie es ja auch wirklich so gemeint ...
Es ist hier zwar eine kurze Erklärung, aber sie hat es schon so gemeint. Da weiß ich hierbei nicht, woher dein Eindruck kommt. Gerade der Hinweis auf die Nachkriegsgeneration, seine persönliche Distanz und dass es ihm vor allem wichtig war, finanziell zu sorgen, ist m.E. schon passend und auch nicht unbedingt selten.

Die Geschichte ist sehr wohl überlegt und fein durch orchestriert. Aber, dass du bewusst eine zweite Ebene eingeführt hast, nehme ich dir noch nicht ab ;) (Krokos Klappe ist wieder mal groß). Entwickle dein Talent.
Ich bin nicht sicher, ob ich es zweite Ebene nennen würde, im Vordergrund sollte schon stehen, wie die Familie, vor allem Lars, mit dem Tod des Vaters zurecht kommen. Wie Lars versucht, nach seinem Tod doch noch zu verstehen, warum er immer so weit weg war, sich für kaum ihn und Laura interessiert hat.
Ich fand hierbei nur, dass noch jemand weiteres dabei sein sollte, außerhalb der Familie. Und so ist Meliisa dazugekommen, und dass sich zwischen den beiden etwas entwickelt ... hat sich halt so entwickelt! :gelb:

Ich mag Deine Geschichten und du schreibst interessant. Deshalb gibt's auch härtere Kritik von mir. Kroko ist nicht wie Laura, die nach ihrem Vater kommt.
So sieht´s aus! Dann bin ich irgendwann gespannt auf die nächste Kroko-Breitseite! :)

Danke für deine Eindrücke und Hinweise, viele Grüße,
Rob


Hallo @Silvita ,

freut mich, dass du die Geschichte gelesen hast, danke für den Kommentar!

... und gerade zu Beginn fühle ich Distanz, aber die Geschichte entwickelt sich und im letzten Abschnitt kamen mir tatsächlich kurz die Tränen. Hat mich berührt! Der Verlust eines geliebten Menschen - immer wieder ein heftiges Thema, das uns letztendlich alle betrifft. Jeder Mensch geht anders mit Trauer um. Ich danke Dir, dass Du uns mit diesem Text zeigst, wie es Dein Prota macht.
Ja, ich denke das liegt auch daran, dass kurz nacheinander vier Personen auftauchen, mit Lars, Laura, ihrer Mutter und Melissa. Und natürlich der verstorbene Vater, der im Mittelpunkt der Handlung steht. Es freut mich auf jeden Fall, wenn die Personen nach und nach greifbarer werden, und Lars "Geschenkidee" für seinen verstorbenen Vater nachvollziehbar ist.

Hier hab ich zunächst gedacht, der Vater hätte ihn nur gezeugt, nie mit ihm zusammen gelebt. So, als wäre der Prota durch einen Seitensprung entstanden, hätte er spät erfahren, wer sein echter Vater ist. Auch im Nachhinein - jetzt, wo ich die Geschichte kenne, irritiert mich dieses Wort. Denn der Vater war trotz Gefühlskälte und Distanz ja deutlich mehr als nur ein biologischer Vater. Ich würde das Wort streichen.
Hier musste ich etwas überlegen, ich wollte damit ausdrücken, dass Lars durch seine "mein biologischer Vater"-Gedanken ihn auch nur dafür hält. Er ist natürlich sein Vater, aber vom Verhalten her auch irgendwie nicht. Aber ich habe das Wort mal entfernt, so liest es sich schon besser.

Die Szene fand ich heftig und auch glaubhaft. Die unsensible Laura. Wobei ich dann auch für mich dachte, jeder geht anders mit Trauer um. Und so wie du die Vater-Kinder Beziehung schreibst hat mich ihre Reaktion nicht unbedingt überrascht.
Ja, die nach außen hin unsensible Laura. Wäre es jedoch eine längere Geschichte, würde auf jeden Fall irgendwann der Moment kommen, an dem sie es nicht mehr schafft, sich einzureden, dass sie der Tod ihres Vaters nicht berührt. Aber für diese Kurzgeschichte reicht es m.E. so.

Da musste ich Schmunzeln. Finde es schön, dass Du ein bisschen Humor eingebaut hast, trotz dem traurigen Thema
Es sollte trotz des Themas insgesamt nicht zu melancholisch werden, auch die positiven Dinge des Lebens gehen ja weiter, hoffentlich ...

Das klingt komisch. Entweder die Musik ist überall zu hören, oder eben nur, wenn er auf das Zimmer zugeht. Auch das mit der Anspannung liest sich seltam.
Ich habe die Stelle überarbeitet, danke für die Hinweise!

Die Wut kann ich verstehen. Es ist immer traurig, dass solche Gedanken oft erst kommen, wenn es zu spät ist. Warum hat er seinen Vater vorher nie drauf angesprochen?
Er wird es das ein oder andere mal versucht haben, aber wenn jemand wie sein Vater kaum reagiert und sich nicht ändert, lässt man es halt irgendwann.

... Wollte er uns überhaupt?“
Nachvollziehbare Frage. Finde ich gut umgesetzt.
Ja, auf diese Frage würde es glaube ich auch bei mir hinauslaufen, wenn sich mein Vater so benimmt.

Und auch hier absolut nachvollziehbar, was Dein Prota wissen möchte. Ich finds schade, dass auch die Mutter nicht wirklich eine Erklärung parat hat. Du deutest es zwar an, aber 100% steige ich als Leser nicht dahinter. Finde ich aber okay so.
Stimmt, wenn ich es selbst nochmal nachlese, hat auch die Mutter es wohl irgendwann so akzeptiert.

Ich habe entsprechend deiner Anmerkungen noch weitere Stellen angepasst, habe hier nur nicht alles erwähnt, danke für die Vorschläge!

Viele Grüße,
Rob


Hallo @Morphin ,

danke für deinen Besuch und das Feedback!

Sehr gut! Ganz so, wie ich es mag. Die Stille in der Betrachtung der Menschen. Action? Braucht kein Schwein. Hier entfaltet sich das, was Menschsein bedeutet. Ich kann dir nur auf die Schulter klopfen.
Danke, das freut mich sehr, da es hierbei mal weniger um die Handlung, sondern um die Personen geht. Also mal keine Handlungsverstrickungen :)

Hm, das ist irgendwie doppelt gemoppelt. Die Luft steht. Die Hitze ist drückend.
Ich habe "drückend" entfernt.

runder empfände ich "... teilhaben ließ oder mal etwas darüber erzählte."
habe ich übernommen

Auch die anderen genannten Sätze habe ich korrigiert, danke für die Hinweise!

Danke für das positive Feedback und noch einen schönen Abend!
Rob

 
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Hallo Rob F,
eine melancholische, wütende, am Ende versöhnliche Geschichte. Ich habe die sehr gerne gelesen, diese große Ernsthaftigkeit, das wirkt alles sehr echt auf mich und ich erkenne da vieles wieder aus der Nachkriegsvatergeneration. Ich glaube, dass ist bisher die Geschichte, die mir am besten von dir gefällt. Manchmal würde ich ein wenig verknappen. Denn du hast da so eindrückliche Szenen drin, die dann völlig ausreichen und eher verwässert werden. Ein Beispiel:

Ein neuer Tag, dachte ich. Das Leben geht weiter, auch nachdem jemand gestorben ist. Nur nicht mehr genauso, nicht für jeden.
Ich schob die Sommerdecke beiseite. Sie roch nach Schweiß, wie mein ganzes Bett, ich würde es später neu überziehen.
Den Einstieg finde ich insgesamt sehr gut, auch, dass gleich im ersten Satz klar wird, dass der Vater gestorben ist. Das Fettgedruckte hier ist dann eher ein Allgemeinplatz, das wäre entbehrlich. Danach, die Sommerdecke, der Schweiß, das ist wieder ganz stark.
„Heute ist aber nicht jeder Samstag. Sie möchte nicht, dass du rauchst.“
Laura antwortete nicht, sondern hielt mir die Zigarette hin. Ich nahm sie.
Schön, diese Ambivalenz.
Sein Gesicht ausdruckslos, der Blick, als würde er den Raum beobachten und kontrollieren. Und damit genauso weitermachen wie vor seinem Herzinfarkt letzte Woche.
Schon seit zwei oder drei Jahren versuchte ich, nicht mehr darüber nachzudenken, wer dieser Mensch ist, wie er denkt und fühlt. War, dachte und fühlte, korrigierte ich mich. Dieser Mensch, mein Vater.
Das Fette wäre für mich auch entbehrlich.
Ich hielt den Atem an. Bis heute glaube ich nicht, dass Laura so etwas extra macht. Sie bekommt die Stimmung anderer einfach nicht mit. Was sie will scheint in ihren Gedanken alles andere zu verdrängen.
Das wiederum finde ich interessant. Es zeigt so gut die Charaktere der Geschwister, die rebellierende Schwester, der einfühlsame, nachdenkliche Bruder.
„Ist ja gut, ich meinte nur …“, begann Laura, bevor sie lautstark unterbrochen wurde.
„Und an die Eier! Und die Milch! Und an was ich sonst noch alles denke, während du rauchst oder in der Sonne schläfst!“
Die Szene, wie die Mutter die Sachen schmeißt, ist klasse. Mir fällt jedoch in der ganzen Geschichte auf, dass der Junge sich soviel Sorgen um seine Mutter macht. Viel, viel mehr als umgekehrt. Und er hat ja schließlich seinen Vater verloren. Er scheint es als seine Aufgabe zu sehen, der Mutter Halt zu geben.
So wie die Welt sein soll, dachte ich. Alles hat seine Zeit und sein Tempo, solange der Mensch nicht eingreift.
Ist für mich hier auch ein etwas unmotivierter philosophischer Einschub.

Vater hat seit seinem ersten Herzanfall vor drei Jahren von einer Berufsunfähigkeitsversicherung gelebt, die nun nicht mehr zahlen wird. Er hat wohl auch eine Absicherung abgeschlossen, falls ihm etwas passiert, aber ich weiß nicht, ob es reichen wird, das Haus zu halten.
Die Dialoge erscheinen mir manchmal zu druckreif, aufgesagt. Außerdem hat doch dann die ganze Familie davon gelebt, oder?
Ich grinste und nahm eine. Sie hielt mir die Flamme des Feuerzeugs hin, ich entzündete die Zigarette und nahm zum ersten Mal einen Zug vor meiner Mutter.
„Du bist volljährig, also entscheide selbst, was du deiner Lunge antust.“
Er ist jetzt für sich selbst verantwortlich. Auch interessant, dass die Mutter den Kampf jetzt aufgibt, denn fürs Herz ist Rauchen ja auch nicht so toll. Ob der Vater wohl geraucht hat?
Ich wollte sie fragen, wie es ihr geht, ob sie klarkommen wird. Aber dann schien es mir nicht notwendig. Wir wohnten im gleichen Haus, die Zeit würde es zeigen.
Hier meine ich zum Beispiel. Die Rollen kehren sich um.

Auf den Wandregalen standen die Modelle, die er in endlosen Stunden zusammengebastelt hatte. Schiffe, Flugzeuge, kleine Landschaften. Alles wirkte perfekt, kein Teil auch nur einen Millimeter verschoben. Liebevoll bemalt, was für eine ruhige Hand und wie viel Geduld musste er hierfür gehabt haben?
Schönes Detail, diese Leidenschaft des Vaters, die er fürs Modellbauen, aber nicht für seine Kinder hatte. Die Geduld, die sein Sohn entbehrte.
Dein Vater wirkte immer sehr verschlossen, die Gründe werden in seiner Vergangenheit liegen.
Das finde ich auch sehr steif. Nur so als Beispiel: "Dein Vater war immer so ruhig, da kam ja gar nichts, der wirkte so zugeschnürt irgendwie. Vielleicht hat er ja was Schreckliches erlebt, in seiner Kindheit, könnte doch sein."
„Ja, aber irgendwann musste auch ich es akzeptieren. Warte!“ Sie hob die Hand, als ich antworten wollte. „Wenn du ihn verstehen möchtest, musst du dich mit seiner Vergangenheit beschäftigen. Mit deinen Großeltern, der Nachkriegszeit. Seiner großen Dankbarkeit für alles Materielle, das er haben durfte. Er hat gut für uns gesorgt.“
Und hier würde ich mir ganz dringend ein paar konkrete Details wünschen. Das ist mir zu viel Tell. Irgendetwas wird die Mutter ja auch wissen, selbst, wenn der Vater so verschlossen war.
„Ihm hat es so gereicht.“
Ich wollte weiter reden, was alles hätte sein können. Aber diese einfache Wahrheit war wie ein Schlag ins Gesicht.
Das finde ich toll. Diese Erkenntnis. Das hat wirklich Wucht.
„Sei doch froh, dass er so war“, sagte sie dann. „Hast du hier in den letzten Tagen eine Veränderung bemerkt?“ Sie setzte sich an den Tisch und nahm eins der belegten Brote.
Die Schwester ist irgendwie auch heiß. Und als Charakter gut durchgezogen.
„Danke“, sagte ich schließlich. „Wir sind bei dir gut aufgewachsen, du warst immer da.“
Es geht alles ein bisschen schnell, die Erkenntnis, die Ernüchterung und das Versöhnliche. Aber insgesamt finde ich das sehr rund. Auch die Verliebtheit, die sich abzeichnet, hast du schön eingewoben. Sehr gern gelesen.

Liebe Grüße von Chutney

 
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Hallo @Rob F ,
die erste Hälfte der Geschichte fand ich etwas klischeebeladen und die Dialoge waren so leblos und wirkten mehr wie ein Mittel zum Zweck.
Allerdings wurde es dann ab dem Punkt im Hobbyzimmer des Vaters sehr interessant. Da kam das Feuer, was ich brauchte. Das Ende, die Geste, fand ich auch sehr schön. Da hast du alles richtig gemacht. Ansonsten sehr sauber geschrieben und gut lesbar. Danke dafür.
Hab einen schönen Abend:)

 
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Hallo @Chutney ,

danke für deinen Kommentar, hat mich sehr gefreut!

... eine melancholische, wütende, am Ende versöhnliche Geschichte.
Ja, das trifft es m.E. sehr gut, vor allem aus Sicht des Protagonisten. Freut mich, wenn es so rüber kommt, vor allem da ich ja auch hierbei eine eher ruhige Erzählweise habe.

Ich glaube, dass ist bisher die Geschichte, die mir am besten von dir gefällt.
Danke! Dann merke ich mir mal für die Zukunft, mich noch mehr mit den Protagonisten und ihren Emotionen zu beschäftigen.

Den Einstieg finde ich insgesamt sehr gut, auch, dass gleich im ersten Satz klar wird, dass der Vater gestorben ist. Das Fettgedruckte hier ist dann eher ein Allgemeinplatz, das wäre entbehrlich. Danach, die Sommerdecke, der Schweiß, das ist wieder ganz stark.
Bei dem Einschub zu Beginn, die Gedanken von Lars, bin ich noch unschlüssig, Es würde den Lesefluss erhöhen, nur sind es Gedanken, die ich selber mal nach einem Todesfall vor einigen Jahren (nicht innerhalb der Familie) hatte, von daher sind sie mir auch persönlich wichtig. Muss ich nochmal überlegen, ich lasse es hier zunächst mal so.

Sein Gesicht ausdruckslos, der Blick, als würde er den Raum beobachten und kontrollieren. Und damit genauso weitermachen wie vor seinem Herzinfarkt letzte Woche.
Schon seit zwei oder drei Jahren versuchte ich ...

Das Fette wäre für mich auch entbehrlich.
Ja, es ist etwas ausführlich, ich habe zunächst mal einen Satz entfernt. Ich nutze hiermit die Ich-Perspektive, um auch den ein oder anderen Gedanken des Protagonisten einzustreuen.

Das wiederum finde ich interessant. Es zeigt so gut die Charaktere der Geschwister, die rebellierende Schwester, der einfühlsame, nachdenkliche Bruder.
Danke, es ist für mich ein guter Hinweis, dass aus dieser Perspektive auch Laura gut vorstellbar ist.

Mir fällt jedoch in der ganzen Geschichte auf, dass der Junge sich soviel Sorgen um seine Mutter macht. Viel, viel mehr als umgekehrt. Und er hat ja schließlich seinen Vater verloren. Er scheint es als seine Aufgabe zu sehen, der Mutter Halt zu geben.
Da hatte ich beim Schreiben gar nicht so bewusst drüber nachgedacht ... es liegt m.E. an der großen Distanz, die zwischen Lars und seinem Vater bestand. Er versucht ja erst jetzt, sie erneut zu verstehen, daher kommt er mit der Situation erstmal besser klar als seine Mutter. Und unterstützt sie dementsprechend, so wie er grundsätzlich charakterlich ist.

Ist für mich hier auch ein etwas unmotivierter philosophischer Einschub.
Da sind wohl versehentlich die Gedanken, die ich selbst schon mal habe, in die Geschichte gewandert :gelb: Habe es nun entfernt.

Die Dialoge erscheinen mir manchmal zu druckreif, aufgesagt. Außerdem hat doch dann die ganze Familie davon gelebt, oder?
Ich habe es geringfügig umformuliert, das mit dem vorherigen Herzinfarkt entfernt. An der ein oder anderen Stelle muss ich es m.E. hinnehmen, dass Dialogzeilen allgemein informierend klingen. Ich bin mir hierbei allerdings, auch bei diesem Hinweis zu anderen Texten nicht unbedingt sicher, ob das Gesagte tatsächlich so unnatürlich ist. Wenn jemand zuhört und ich etwas ausführlicher erklären will, würde ich es wahrscheinlich ähnlich sagen.

Er ist jetzt für sich selbst verantwortlich. Auch interessant, dass die Mutter den Kampf jetzt aufgibt, denn fürs Herz ist Rauchen ja auch nicht so toll.
Ich hatte hierbei daran gedacht, dass sei dies zumindest für den Moment macht. Sie braucht ihre Energie erstmal für andere Sachen - aber hiermit ist ja nicht gesagt, dass sie das Thema irgendwann später nicht doch nochmal aufgreift, wenn sie sich erholt hat und alles geregelt ist ;) Nach dem Motto: "Ach übrigens, das mit dem Rauchen ..."

Das finde ich auch sehr steif. Nur so als Beispiel: "Dein Vater war immer so ruhig, da kam ja gar nichts, der wirkte so zugeschnürt irgendwie. Vielleicht hat er ja was Schreckliches erlebt, in seiner Kindheit, könnte doch sein."
Danke für den Tipp, habe es etwas angepasst.

Und hier würde ich mir ganz dringend ein paar konkrete Details wünschen. Das ist mir zu viel Tell. Irgendetwas wird die Mutter ja auch wissen, selbst, wenn der Vater so verschlossen war.
Hierbei bin ich mir nicht ganz sicher, was du meinst. Es ist eher eine zusammenfassende Aussage, die m.E. aber so erstmal ganz gut zur Gesprächssituation passt. Lars ist ja eher aufgebracht und macht daher nicht unbedingt den Eindruck, dass er nun ausführliche Details hören möchte, sondern eher eine schnelle Erklärung.

Es geht alles ein bisschen schnell, die Erkenntnis, die Ernüchterung und das Versöhnliche. Aber insgesamt finde ich das sehr rund. Auch die Verliebtheit, die sich abzeichnet, hast du schön eingewoben. Sehr gern gelesen.
Ich glaube das fehlen mir im Moment ein wenig die Ideen, wie sich Lars erst langsam nach und nach damit anfreundet, wie sein Vater war und es dann auch so akzeptiert. Aber stimmt schon, es geht dann recht schnell, ich möchte nur auch den Umfang einer Kurzgeschichte beibehalten.

Danke in jedem Fall für dein ausführliches Feedback!

Viele Grüße,
Rob


Hallo @Pepe86 ,

danke für deinen Kommentar!

die erste Hälfte der Geschichte fand ich etwas klischeebeladen und die Dialoge waren so leblos und wirkten mehr wie ein Mittel zum Zweck.
Zum Teil beinhalten die Dialoge, wie es m.E. gerade zu Beginn einer Geschichte schon mal vorkommt, auch die ein oder andere Information, die ich unterbringen möchte. Die Alternative wäre, es einfach als Erzähler durch Infodump unterzubringen, was ich jedoch nicht möchte. Da versuche ich es lieber über die Dialoge.
Nicht ganz klar ist mir, was du hierbei klischeebeladen findest?

Allerdings wurde es dann ab dem Punkt im Hobbyzimmer des Vaters sehr interessant. Da kam das Feuer, was ich brauchte. Das Ende, die Geste, fand ich auch sehr schön. Da hast du alles richtig gemacht. Ansonsten sehr sauber geschrieben und gut lesbar. Danke dafür.
Gern geschehen und ebenfalls danke fürs Lesen und das positive Feedback! :gelb:
Freut mich, wenn die Geschichte trotz des Themas unterhaltsam war!

Viele Grüße und noch einen schönen Tag,
Rob

 
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08.04.2021
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26

Hallo @Rob F,
zu deiner Frage:

Nicht ganz klar ist mir, was du hierbei klischeebeladen findest?
Ich habe mich da bisschen komisch ausgedrückt. Dass die Dialoge mit wie ein Mittel zum Zweck vorkommen – damit meinte ich, dass sie genauso klingen, wie in allen anderen Geschichten mit dieser Thematik. Man weiß genau, was da jetzt kommen müsste. Deinen Punkt, damit den Infodump zu umgehen, verstehe und befürworte ich. Nur wie gesagt, klingen sie mir zu geschliffen. Daher ist es für mich zu klischeebehaftet.
Ich hoffe, du verstehst jetzt besser was ich meine. Ist natürlich Geschmackssache.
Schönes Wochenende. Gruß

 

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