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Einzelhaft

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14.11.2021
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Einzelhaft

Der Song macht etwas mit mir. Ich klicke auf Repeat, schalte das Licht aus und tanze. Ein seltenes Gefühl des Glücks breitet sich in mir aus. Die Kopfhörer lassen keinen Ton nach außen dringen. Ich verliere mich in meiner eigenen Welt.
Der Regen prasselt. Ich habe meinen Schirm vergessen. Meine Sachen und meine Haare werden nass. Tropfen rinnen über meine Brillengläser. Die Welt verschwimmt. Ich bleibe stehen, lege meinen Kopf in den Nacken und drehe mich im Kreis. Die Umgebungsgeräusche klingen wie eine Symphonie, die allein ich hören kann. Ich lächle.
»Was geht in dir vor?« fragt er mich.
Ich fühle in mich hinein, doch bleibe stumm. Wie kann ich meine Gedanken und Gefühle mit ihm teilen? Meine Versuche, die Mauern zu durchbrechen, scheitern. Meine Einzelhaft dauert an.
Die Dunkelheit hat sich wieder ausgebreitet. Ich sitze in meiner Zelle. Er legt die Tabletten vor mich auf den Tisch und stellt ein Glas Wasser daneben. Ich spüre, dass er müde ist, keine Kraft mehr hat. Er haucht mir einen Kuss auf die Stirn und verlässt die Wohnung. Ich schlucke meine Tabletten und setze mich mit angewinkelten Beinen auf die Couch. Ich umschlinge meine Knie mit meinen Armen und starre vor mich hin. Wann ist meine Haft vorbei?

 
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Hallo @Markov ,

zumindest das Thema wird deutlich, jemand ist in seiner Gedankenwelt gefangen. Ob durch eine Erkrankung oder sogar bewusst durch jemand anderen (Verabreichung der Tabletten?), war mir nach dem ersten Lesen nicht klar.

Ich empfinde dabei nur die Sprache nicht durchgängig als die des erzählenden Protagonisten. Ich würde mich viel mehr auf die Wahrnehmung des Erzählers konzentrieren. Vielleicht auch in der Form, dass ihm selbst kaum klar ist, was passiert und wie seine Situation aussieht.

Ich bin gefangen in mir selbst.
Schon den ersten erklärenden Satz finde ich nicht gut, damit legst du die Karten ja direkt auf den Tisch.

Ich bin in meiner eigenen Welt. Separiert. Ein gewohntes Gefühl.
Direkt die gleiche Erklärung noch mal ...

Der Klang der Welt. Eine Symphonie in meinem Kopf. Allein in mir. Für immer verborgen vor der Welt. Paralleluniversum.
Irgendwie wiederholst du immer die gleiche Aussage. Solche philosophischen Einschübe wirken auf mich eher künstlich und nicht passend zu einer erkennbaren Gedankenwelt des Erzählers.

Hat mir aus den genannten Gründen leider nicht gefallen, da fehlt mir eine deutlichere sprachliche und inhaltliche Linie.

Viele Grüße,
Rob

 
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Hallo @Markov

mir "gefällt" deine Flashfiction sehr gut.
Der Inhalt ist bedrückend, eine Person, die in sich selbst gefangen ist und keinen Anschluss bzw. Zugang zur Welt und sozialer Interaktion findet. Eine kleine Brücke gibt es: Die Musik, vielleicht ein Stück weit ein Tor nach außen, ein Ventil für die eigenen Gedanken, oder auch ein Spiegel, wenn Menschen in realen Begegnungen die Gefühle und Gedanken nicht verstehen.

Es wird nicht klar erklärt, an was die Person erkrankt ist - zumindest lese ich den Text so, dass es sich um eine Person handelt, die psychisch erkrankt ist. Meine Assoziationen: Depressionen, Angststörung, schizoide Züge (nicht schizophren!)

Beim Lesen bin ich zunächst unter der obigen Annahme über diese Stelle gestolpert:

Ein Gefühl des Glücks breitet sich aus. Ich will es herausschreien, doch bleibe stumm. Verschlossen bleibt das Tor.
Da hatte ich mich gefragt: "Wieso Glück?", da das Bild der Einzelhaft und das Gefangensein in meinem Kopf eine unglückliche Person gezeichnet hat. Das wird dann aber schnell relativiert mit:
Inzwischen hat sich die Dunkelheit wieder ausgebreitet.
Vielleicht könntest du trotzdem noch einen Satz spendieren was den/die Protagonisten/Protagonistin (ich denke es ist eine Frau?) glücklich macht in dem Moment draußen (oder zumindest eine Andeutung)?

Mich stört im Gegensatz zum Kommentator vor mir die Wiederholung dieses "Gefangenseins" nicht - ist ja sicher ein Gedanke, der deinem Charakter regelmäßig kommt und dieses Gefängnis ist allgegenwärtig. Für mich sind da auch mehrere Gründe für das Gefängnis im Text: Das Unvermögen sich auszudrücken, die Gefühle zu teilen und die Unfähigkeit unter Menschen zu sein. Das hab ich so aufgrund der Tore gelesen, die sich auch wiederholen. Am Ende ist das Tor für mich die Wohnungstür - das Tor hinaus in die Welt, das nicht überwunden werden kann bzw. nur in Begleitung mit dem Freund.

Fazit: Auch wenn ich nicht alles 100% zusammenbekomme, lässt mich der Text nachdenklich zurück, auf eine positive Art und Weise. Vielleicht erfahre ich ja noch, ob ich mit meinen Deutungen völlig falsch lag und etwas lese, was von dir gar nicht beabsichtig war - wäre irgendwie aber auch interessant :lol:

Grüße
-Marla

 
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Mich stört im Gegensatz zum Kommentator vor mir die Wiederholung dieses "Gefangenseins" nicht - ist ja sicher ein Gedanke, der deinem Charakter regelmäßig kommt und dieses Gefängnis ist allgegenwärtig.
Es gibt halt nur andere Möglichkeiten, als einfach platt zu schreiben: "Ich bin gefangen". Es ist ja insgesamt das Thema dieses Textes, es sollte also mE gar nicht notwendig sein, das noch mal zusätzlich zu schreiben und dann auch noch mehrfach bei einem ohnehin schon kurzen Text.
Sorry, wenn ich hier eingehakt/ meinen Kommentar ergänzt habe ...

 
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Hoffe es ist okay, dass ich auch nochmal etwas schreibe.

Es gibt halt nur andere Möglichkeiten, als einfach platt zu schreiben: "Ich bin gefangen". Es ist ja insgesamt das Thema dieses Textes, es sollte also mE gar nicht notwendig sein, das noch mal zusätzlich zu schreiben und dann auch noch mehrfach bei einem ohnehin schon kurzen Text.
Sorry, wenn ich hier eingehakt/ meinen Kommentar ergänzt habe ...
Nur zum Klarstellen: Ich wollte mit meinem Kommentar nicht sagen, dass dein Eindruck falsch ist oder keine Daseinsberechtigung hat @Rob F - sondern nur, dass ich das wohl anders wahrgenommen habe. Du findest den ersten erklärenden Satz nicht gut, ich dachte "So, aha, wieso das denn?" Für mich steht der erst mal als Feststellung da, ziemlich plain (vielleicht meinst du das mit platt?) und dann folge ich der Person durch die Gedankenwelt. Ich fand diesen Einstieg aber nicht schlecht. Das ist ja ein Flasfiction-Text und ich lese das "Ich bin gefangen in mir selbst" halt als so einen Gedankenblitz, eine Erkenntnis die die Person ereilt und dann werden wir als Lesende ein Stück mitgerissen durch diese "ungewöhnlichen" Gedanken. Dann zu den Wiederholungen: Für mich wird das Problem eindringlicher, klarer, wo überall diese Gefängnistüren sind. Das ist ja beinahe wie ein negatives Mantra, aber gerade das fand ich überzeugend, dieses ewige Gedankenkreisen. So stell ich mir das jedenfalls vor und fand es daher auch hilfreich einen besseren Zugang auf dem kurzen Textstück zu gewinnen, denn den meisten Lesenden werden solche Gedanken hoffentlich fern sein. Ich glaube wenn die Wiederholung und die erste klare Ausformulierung fehlt (+ der Rest so bleibt), dann kann man es nicht verstehen.

Zur Einordnung für @Markov: Ich schildere hier nur meine Eindrücke beim Lesen, was mir gefällt, was nicht, über das Handwerkliche will ich mir im Detail kein Urteil erlauben. Wenn also noch mehr Personen rückmelden, dass das zur erklärend ist, bzw. ein anderer Einstieg besser wäre, dann ist das sicher ein guter Hinweis. Ich kann nur "hat mir gefallen" bzw. "hat mir nicht gefallen" anbieten :)

Grüße
-Marla

 
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09.12.2019
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Hallo @Marla_D ,

Ich wollte mit meinem Kommentar nicht sagen, dass dein Eindruck falsch ist oder keine Daseinsberechtigung hat
Alles okay, hatte ich auch nicht so verstanden. Ich hatte nur im ersten Kommentar nicht erwähnt, dass es mir nicht nur um die Wiederholung geht, sondern auch die direkte Aussage/Erklärung zum Gefangensein. Klar ist es ein kurzer FF-Text, aber es nimmt dem Leser auch die Arbeit ab, selbst zu erkennen, dass der Erzähler in seiner eigenen Welt gefangen ist. Insofern habe ich das durch deinen Kommentar noch mal aufgegriffen.

Du findest den ersten erklärenden Satz nicht gut, ich dachte "So, aha, wieso das denn?"
Ist dann veilleicht eine Gratwanderung: Macht der erste Satz neugierig, oder denken sich Leser: "Okay, dann weiß ich das schon ... Lese ich diesen kurzen Text nun noch?"

Für mich steht der erst mal als Feststellung da, ziemlich plain (vielleicht meinst du das mit platt?)
Ja, das war gemeint :)

Ich glaube wenn die Wiederholung und die erste klare Ausformulierung fehlt (+ der Rest so bleibt), dann kann man es nicht verstehen.
Das ist dann wahrscheinlich der Unterschied bei unseren Meinungen. Vielleicht ist es einen Versuch wert, mal eine Version mit weniger Erklärungen zu erstellen ... Aber das entscheidet dann der Autor :gelb:

Danke für den kurzen Meinungsaustausch und viele Grüße,
Rob

 
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14.11.2021
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Hallo @Rob F und @Marla_D

danke für eure Kommentare zu meiner Geschichte. Ich werte es jetzt einfach als positiv, dass die Geschichte euch zum Diskutieren gebracht hat.

Ihr sprecht beide an, dass nicht klar wird, was die Ursache für den Zustand des Hauptcharakters ist. Das stimmt und ich weiß es zugegeben auch nicht. Ich finde das jedoch nicht schlimm und sehe keine Notwendigkeit Licht ins Dunkel zu bringen. Etwas Interpretationsspielraum schadet nicht.

Ich empfinde dabei nur die Sprache nicht durchgängig als die des erzählenden Protagonisten.
Ich werde den Text nochmal kritisch mit Blick darauf lesen.

Vielleicht auch in der Form, dass ihm selbst kaum klar ist, was passiert und wie seine Situation aussieht.
Das ist ein interessanter Vorschlag. Es würde die Geschichte allerdings evtl. zu stark verändern. Aktuell ist sich der Prota sehr wohl seiner Situation bewusst und setzt sich mit dieser in seinem Kopf auseinander. Wenn ich es so umschreibe, dass er sich seiner Situation nicht bewusst ist, würde er ja passiv und dann müsste ich auch die Innenschau streichen oder zumindest stark ändern.

Schon den ersten erklärenden Satz finde ich nicht gut, damit legst du die Karten ja direkt auf den Tisch.
Okay, der erste Satz scheint zu polarisieren. @Marla_D fand ihn interessant. Ich denke trotzdem, dass ich einen neuen suchen werde. @Marla_D fand ihn ja interessant mit der Frage
"So, aha, wieso das denn?"
Aber genau diese Frage wird im Text nicht beantwortet.

Direkt die gleiche Erklärung noch mal ...
Hier muss ich widersprechen. Zumindest verstehe ich den Text anders. Die Prämisse des Textes ist, dass jeder Mensch zunächst für sich und mit sich selbst ist. Erst durch Interaktion mit der Umwelt, zum Beispiel durch Sprache, überwindet man diese Barriere. Im ersten Absatz wird dargelegt, dass der Prota dazu nicht in der Lage ist. Dies wird vom Prota als negativ wahrgenommen, wie das Bild der Haft veranschaulicht. Im zweiten Absatz hört der Prota Musik und erlebt dabei einen seltenen Moment des Glücks. Auch in dieser Situation ist er getrennt von seiner Umwelt aber aus einem anderen Grund. Er ist einfach in Gedanken. Daher ist es nicht die gleiche Erklärung nochmal.
Ich vermute, dass dies im Text einfach nicht rüberkommt. Ich werde mir anschauen, wie ich diese Gedanken im Text klarer transportieren kann.

Irgendwie wiederholst du immer die gleiche Aussage.
Das stimmt. Geschah aber mit Absicht. Dieses Thema ist für den Prota einfach ein sehr bestimmendes Thema. Es geistert ihm die ganze Zeit durch den Kopf. Ist es nicht natürlich, dass es sich dann wiederholt? So hat es scheinbar auch @Marla_D verstanden:
ist ja sicher ein Gedanke, der deinem Charakter regelmäßig kommt
Ich schaue mir mal an, ob ich das evtl. entschärfen kann. Vielleicht habe ich es übertrieben.

da fehlt mir eine deutlichere sprachliche und inhaltliche Linie.
Das werde ich beim Überarbeiten versuchen zu verbessern. @Marla_D s Kommentar geht in dieselbe Richtung:
Auch wenn ich nicht alles 100% zusammenbekomme
Tatsächlich ist der Text etwas kryptisch formuliert. Ich gelobe Besserung.

Vielleicht könntest du trotzdem noch einen Satz spendieren was den/die Protagonisten/Protagonistin (ich denke es ist eine Frau?) glücklich macht
Ich weiß nicht, ob es eine Frau ist. Das spielt aus meiner Sicht auch keine Rolle. Glücklich macht die Musik. Ich persönlich erlebe immer wieder diese Momente des Glücks, wenn ich Musik höre. Vielleicht ist das auch nur eine Eigenart von mir. Ich werde es deutlicher formulieren.

Es ist ja insgesamt das Thema dieses Textes, es sollte also mE gar nicht notwendig sein, das noch mal zusätzlich zu schreiben und dann auch noch mehrfach bei einem ohnehin schon kurzen Text.
Ja, es ist Thema des Textes, dass sie gefangen ist in sich selbst. Es ist aber auch Thema des Textes, wie sie das wahrnimmt und das sind ihre Gedanken dazu. Hmmm ... ich muss mir Gedanken machen, wie ich damit umgehe und ob ich eine Lösung dafür finden kann.
aber es nimmt dem Leser auch die Arbeit ab, selbst zu erkennen, dass der Erzähler in seiner eigenen Welt gefangen ist.
Das ist ein interessanter Punkt dazu. Ich nehme den einfach mal mit in die Überarbeitung und schaue, wie ich das umgesetzt bekomme.

Vielleicht ist es einen Versuch wert, mal eine Version mit weniger Erklärungen zu erstellen
Ich werde es versuchen.

Vielen Dank nochmal euch beiden für die zahlreichen Hinweise zu meinem Text. Ich werde ihn nochmal überdenken und Änderungen vornehmen.

Viele Grüße
Markov

 
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14.11.2021
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Guten Morgen @Rob F und @Marla_D

ich habe den Text überarbeitet. Im Ergebnis ist er noch kürzer geworden, aber evtl. und hoffentlich auch besser.

Viele Grüße,
Markov

 
Seniors
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12.04.2007
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Zuletzt bearbeitet:

Ihr sprecht beide an, dass nicht klar wird, was die Ursache für den Zustand des Hauptcharakters ist. Das stimmt und ich weiß es zugegeben auch nicht. Ich finde das jedoch nicht schlimm und sehe keine Notwendigkeit Licht ins Dunkel zu bringen. Etwas Interpretationsspielraum schadet nicht.

schreibstu,

lieber @Markov,

an meine Vorredner,

und ich nutz dann mal den

Interpretationsspielraum
und aufgrund des einfältigen Gebrauchs des Possessivpronomen

Meine Sachen und meine Haare … meine Brillengläser … meine Gedanken und Gefühle … Meine Versuche, … Meine Einzelhaft … meiner Zelle
hatt’ ich schon einen bitterbösen Kom parat (etwa, ob da jemand Bange habe, Sachen, halt "sein" Eigen-tum wie Haar, Brillengläser, aber auch Gedanken und Gefühle zu verlieren, bis mir ein Lichtlein aufging (also noch keine volle Erleuchtung), aber kennstu das Konstrukt der „Monade“ bei Leibniz?

Es ist das Einfache, nicht zusammengesetzte Unteilbare, das in seiner Umgebung (hier die Zelle als äußere „Haut“, besser „Panzer“) verwächst wie Herr Musk derzeit mit seinen Mrd. oder wenn er mal wieder die Stratosphäre mit seinen Blechkisten vermüllen will, aber auch der Lebenslängliche Taugenichts oder Nichtsnutz, der gefangen ist in all seinen Bedeutungen.

Wobei mir der literarische Taugenichts lieber ist als der reale Tunichtgut.

Und damit schönes Wochenende vom

aus'm Pott vom

Friedel

 
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14.11.2021
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Servus lieber @Friedrichard

danke für deinen Kommentar.

Das Konstrukt der Monade bei Leibniz ist mir unbekannt. Zwar habe ich einen kurzen Blick darauf geworfen, doch brauche ich noch etwas Zeit zum Verdauen.

des einfältigen Gebrauchs des Possessivpronomen
Ich lasse dies einfach mal so stehen :)

Viele Grüße und einen schönen Sonntag noch,
Markov

 

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