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Eriko ist nicht mehr da ...

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Eriko ist nicht mehr da ...

... (Kitchen 2, Seite 130) ist vermutlich der eindringlichste Satz in „Kitchen“ von Banana Yoshimoto, erschienen im Diogenes Verlag. Denn letztlich ist es das, worum sich die drei zu einem Buch zusammengefassten Novellen drehen: Abschiednehmen.

In der Novelle „Kitchen“ ist es der Tod der Großmutter, der die Protagonstin Mikage erschüttert: Wer mit einem älteren Menschen zusammenlebt, ist ständig in Angst, diesen Menschen einmal zu verlieren (Kitchen, Seite 29). Eine Erkenntnis, die Mikage erst nach dem erschütternden Ereignis realisiert. Mutlos und desinteressiert an ihrem Studiengang begegnet sie auf der Beerdigung einem jungen Freund der Großmutter, der sie selbstlos zu sich und seiner Mutter Eriko einlädt. Nicht für einen Tag, sondern um dort zu leben. Es erscheint fast so, als hätte die Großmutter noch zu Lebzeiten in das Schicksal der Enkelin eingegriffen. Mikage findet bei Yūichi und Eriko heraus, was ihre wirkliche Leidenschaft ist und vor allem findet sie Ruhe in der Kleinfamilie, die sie wie selbstverständlich aufnimmt. Es ist mir gelungen, all das Unerträgliche mit dem Alltäglichen zu versöhnen. Zweifellos: Mein Leben ist viel erträglicher geworden (Kitchen 2, Seite 73).

Das Ende von „Kitchen“ ist so ernüchternd wie selbstverständlich, dass es nach einem „Kitchen 2“ geradezu schreit. Die zweite Novelle um das Schicksal von Mikage und Yūichi beginnt mit dem Tod von Eriko, der Mutter, die einst ein Vater war. Mikage, mittlerweile Köchin, kehrt zu ihrem Freund zurück und versucht, nun ihm Trost zu ein: Ich trocknete die Schüsseln ordentlich ab, verschloss die Gewürzgläschen sogleich nach jedem Gebrauch, und bevor ich mit dem eigentlichen Kochen anfing, ging ich in Gedanken alle nötigen Schritte in Ruhe durch (Kitchen 2, Seite 76). Wieder spielt das Kochen eine zentrale Rolle, doch letztlich ist dies nur der zusammenhaltende rote Faden zwischen Erkenntnissen von Tod und Leben: Wichtig aber war mir, nicht das Gefühl zu verlieren, dass ich einmal sterben würde. Wie hätte ich sonst fühlen können, dass ich lebe? (Kitchen 2, Seite 78); Warum nur bleibt dem Menschen so wenig Wahl? Auch wenn man geschunden wird wie ein Stück Vieh, man kocht sein Essen, isst, schläft. Die Menschen, die man liebt, sterben einem weg. Einer nach dem anderen. Und dennoch muss man weiterleben (Kitchen 2, Seite 104). Das Ende ist versöhnlich, allerdings fast so selbstverständlich offen wie auch dasjenige von „Kitchen“ oder vom echten Leben selbst.

Die dritte Novelle entführt uns in die Geschichte von Satsuki und Hiiragi, die Freund, Freundin und Bruder bei einem Autounfall verloren haben und nun auf der Suche nach Abschied sind. Während Hiiragi die Schuluniform der Geliebten trägt, um seinen Kummer kundzutun, zieht Satsuki sich zurück, hungert und kränkelt. Sie verliert den Bezug zur Wirklichkeit. Hiiragi nimmt in der Schuluniform seiner verstorbenen Freundin die Rolle eines Dritten ein. Satsuki dagegen spielt sich selbst wie sie vor dem Unfall war: Doch so weit sie auch lief, der Weg dorthin war unendlich lang, und weil ich an alles dachte, was vor mir lag fühlte ich mich schrecklich einsam (Moonlight Shadow, Seite 165). Erst das Auftauchen der mysteriösen Urara, die vielleicht existiert oder auch nicht, ermöglicht beiden, Abschied zu nehmen: Ich möchte glücklich sein, statt endlos weiter auf dem Grund des Flusses zu suchen, fühle ich mich angezogen von dem winzigen Körnchen Gold (Moonlight Shadow, Seite 183).

Die drei Novellen sind sehr berührend und enthalten Vieles, was vermutlich jeder aus eigenen Trauerphasen kennt. Vor allem aber zeigen sie, dass es einen Weg aus der Trauer gibt, auch wenn diese unvermeidlich ein Stück des Lebens bleiben wird.

Das Buch: Kitchen, Banana Yoshimoto, Diogenes Taschenbuch, 1994

 

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