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Es gibt keine Geister

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Es gibt keine Geister

Halbleeres Glas: Man könnte das menschliche Leben mit einem Hasen vergleichen, dem man einen Stock auf den Rücken gebunden hat. Der Stock überragt seinen Kopf, eine Karotte ist ans vordere Ende gebunden. Das Tier läuft und läuft, ohne das begehrte Gemüse je zu erreichen.
Entwickler: In Wirklichkeit ist es doch so, dass die Menschen in ihrem Leben Räume durchlaufen. In jedem Raum wartet etwas auf sie: Dinge, Personen, Ereignisse. Wenn sie das Ende des Raumes erreicht haben, gehen sie durch die Tür in einen neuen Raum. Die hintere Tür schließt sich. Das Spiel beginnt von Neuem auf einer anderen Ebene.
Traumtänzer: Für die Menschen sollte das Leben ein schillernder Fluss sein. Hinter jeder Biegung passiert etwas Aufregendes. Wozu sollten sie sich Gedanken über den Sinn machen. Zu existieren ist der Sinn - die Dinge zu genießen.
Halbleeres Glas lacht: Wohl eher der Karotte nachzulaufen.
Traumtänzer: So lange es ihnen Spaß macht. So lange sie einfach nur leben wollen.
Halbleeres Glas: So naiv möchte ich mal sein. Die Unerträglichkeit der Existenz auf die leichte Schulter nehmen. Habt ihr euch nie gefragt, warum die Menschen so viele Ablenkungen brauchen: Alkohol. Drogen, abartigen Sex, Sportwagen, Tabak, Actionfilme, Süßigkeiten – foltern und töten zu ihrem Vergnügen sind nicht ausgeschlossen.
Traumtänzer: Das Leben besteht nicht nur aus Pflicht und Arbeit, es gibt Schönes. Wozu ich foltern und töten aber nicht zähle.
Halbleeres Glas: All diese Irrwege. Da könnte man schon auf den Gedanken kommen, dass die Menschen sich von etwas ablenken wollen.
Entwickler: Sie sollten sich all dem enthalten, wenn sie die Räume des Lebens unbeschadet durchlaufen wollen.
Traumtänzer: Sie müssen nicht eine Sekunde ihres Lebens leiden. Können sich an jedem Tag erfreuen, müssen es einfach nur tun. Das ist das Geheimnis.
Halbleeres Glas: Deine Naivität in allen Ehren. Es gibt Krankheiten, Unfälle, Verzweiflung, die Sonnenseite des Lebens hat ihre Schattenseiten.

Draußen ist Wind aufgekommen. Er pfeift um die Fassaden und rüttelt an allem was sich bewegen lässt. Die drei schlagen ihren Mantelkragen hoch. Sie treten auf den Balkon hinaus. Auf dem Meer weit draußen zieht ein Schiff vorbei. Es ist schon halb dunkel, so dass man nur noch die Silhouette erkennt. Dahinter lauert die Nacht, um im nächsten Augenblick den Tag zu fressen.

Traumtänzer: Seht nur, die Welt um uns herum. Ist sie nicht immer schön. Egal ob die Sonne scheint oder der Mond und die Sterne am Himmel stehen, ob es schneit, regnet, warm ist und trocken, stürmt und dunkel ist oder windstill und hell.
Halbleeres Glas: Zugegeben, der Käfig ist aus Gold. Ändert das etwas am Los der Gefangenen?
Entwickler: Die Welt und das Leben sind wohlgefälliger Raum.
Halbleeres Glas: Sollen die Menschen immer fleißig der unerreichbaren Karotte hinterher rennen und sich dabei an der Schönheit ihrer Welt erfreuen?
Traumtänzer: Die Welt ist das Leben – das Leben ist die Welt.
Halbleeres Glas lacht: Die Überreste werden am Ende in eine Kiste gesteckt und ab unter die Erde. Bald schon ist alles verfault. Bald schon wird die Inschrift auf dem Grab blind. Bald schon ist man zu Staub geronnen, als hätte es einen nie gegeben.
Entwickler: Die Seele lebt weiter, woanders. Es kann ihr egal sein, was mit ihren körperlichen Überresten geschieht.
Traumtänzer: Der Fluss fließt ins Unendliche – das Unendliche ist der Fluss.
Halbleeres Glas: Das Leben ist willkürlich und sinnlos; ein entbehrliches Scheingefecht. Man könnte es genauso gut auch nicht leben.
Entwickler: Wer nicht lebt, kommt nicht vorwärts und steckt für ewig im Sumpf.
Halbleeres Glas: Fragt sich nur, zu welchem Zweck man lernen soll?
Entwickler: „Für sich, für andere, für die Welt.“
Traumtänzer: Der Weg ist das Ziel. Man genießt es zu leben, das hält einen auf dem richtigen Pfad. Ist nicht nötig darüber nachdenken.
Halbleeres Glas: Ich will aber nicht leben. Es ist mir unangenehm, zu anstrengend. Ich will nicht sein. Ich will nicht tun. Ich will nicht hören. Ich will nicht sehen. Nicht fühlen und auch nicht lernen. Ein Nichtkörper, ein Nichtgeist, eine Nichtseele will ich sein und auf ewig Frieden haben.
Halbleeres Glas steigt auf die Balkonbrüstung. Traumtänzer und Entwickler versuchen ihn davon abzuhalten.
Halbleeres Glas: War schön, eine Weile sinnlose Gespräche mit euch zu führen.
Traumtänzer: Du wirst vielleicht für einen Irrtum sterben.
Entwickler: Du wirst keinen neuen Raum erreichen, keine neue Tür wird sich dir öffnen.
Halbleeres Glas lacht: Kann sein - aber ich werde die Karotte los.

Halbleeres Glas springt. Traumtänzer und Entwickler beugen sich über die Brüstung, sehen ihm entsetzt nach. Für einen Moment sieht man Halbleeres Glas segeln. So, als würde er gleich zum Fliegen ansetzen. Für eine Sekunde täuscht dieses Bild. Dann entzerrt es sich, die Gestalt fällt wie ein Stein nach unten und schlägt hart auf. Ein Geräusch, das einem durch und durch geht. Gefolgt von bedrückende Stille.
Entwickler zitternd: Ich gehe um den Balkon, bis ich eine neue Tür zu einem neuen Raum finde.
Traumtänzer stotternd: Meine Wahrheit liegt auch da unten, aber ich will den Boden heil erreichen.
Traumtänzer nimmt das mitgebrachte Seil und knotet es am Balkongeländer fest. Dann steigt er ebenfalls auf die Brüstung, umfasst das Seil und klettert Stück für Stück nach unten. Der Weg ist das Ziel.
Entwickler sieht ihm nach: In ein paar Nächten werden wir uns alle wohlbehalten hier wieder treffen. Werden unser Spiel erneut spielen. Etwas anders, aber jeder in seiner ureigenen Rolle.

Mit dem nächsten Morgen sind Schritte im Aufgang des Turmes zu hören. Als sie oben stoppen, wird aufgeschlossen.
„Papa – guck mal, da steht ein halb volles Glas auf dem Tisch.“
Der Vater sieht in dem Moment nach dem Licht, das immer leuchten muss.
„Papa – hörst du mich nicht?“
Vater hat inzwischen das Fernglas vor den Augen und blickt hinaus aufs Meer.
„Papa – hier liegt auch eine Karotte.“
Inke hebt sie auf, läuft zu ihrem Vater und zeigt sie ihm.
Der Vater senkt das Fernglas.
„Wo war die denn?“
Inke zeigt hin: „Da - unter dem Tisch.“
Der Vater nickt und setzt erneut das Fernglas an, um weiter zu gucken.
„Ist doch komisch, oder?“, sagt er, "wir machen hier oben immer sauber, bevor wir gehen, räumen alles weg.“
„Ja – machen wir immer so.“
„Und warum steht dann ein halb volles Glas auf dem Tisch und eine Karotte liegt darunter?
Inke zuckt mit den Schultern.
„Waren heute Nacht vielleicht Geister hier?“, fragt der Vater.
Inke sieht ihn ungläubig an.
„Geister?“
„Ja“, antwortet der Vater, „die soll es hier geben.“
„Wirklich?“
Inke sieht sich im Raum um.
„Kann man die sehen?“
„Am Tag nicht.“
„Und in der Nacht?“
„Auch nicht.“
„Woher weißt du dann, dass es sie gibt?“
Der Vater setzt das Fernglas ab, lacht, beugt sich zu ihr herunter und kneift sie sanft in die Wange.
„War nur Quatsch – es gibt keine Geister.“

Entwickler: Oh, doch!

 
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Hallo @Ronnie,

ich finde es schade, dass diesen Text noch niemand kommentiert hat. Vielleicht liegt es daran, dass man als Leser schwierig hineinfindet.
Du präsentierst mehrere Weltanschauungen; mit den meisten davon kann ich persönlich leider wenig anfangen. Außerdem bleiben einige Fragen offen: Sind das hier nur philosophische Gedanken oder steckt eine Metapher dahinter? Wenn ja, was symbolisieren die Charaktere Halbleeres Glas, Entwickler und Traumtänzer?
Halbleeres Glas scheint nur deshalb zu springen, weil es keinen Sinn im Leben sieht. Das ist aber nur ein abstrakter Gedanke, echte Gründe gibt es nicht. Es ist zwar nur ein Objekt(oder?), hat aber die Gedanken eines Menschen. Dadurch entsteht bei mir der Eindruck, dass der Text Suizidgedanken auf die leichte Schulter nimmt - und das war bestimmt nicht Absicht. Das hat mich ehrlich gesagt aus der Geschichte herausgerissen ... hoffentlich liegt das nur an mir.

Den Schluss im Turm(es ist ein Leuchtturm, oder?) verstehe ich noch nicht ganz. Ich dachte, das Glas wäre zersprungen?
Ich hoffe, du kannst mit meinem Kommentar etwas anfangen.

Viele Grüße
Michael

 
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Hallo Michael,
es sind sozusagen die Geister, die die Menschen umtreiben. Ohne jegliche Wertung, was davon gut oder schlecht sein soll. Insofern kann ich auch Selbstmord nicht auf die leichte Schulter nehmen. Halbleeres Glas ist der Pessimist (halbvolles Glas wäre der Optimist) Der Schluss mit Inke und ihrem Pappa ist eher symbolisch zu sehen. Danke, dass du dir die Mühe gemacht hast, den Text zu lesen. ;)

Gruß, Ronnie

 
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Hallo Ronni,

ehrlich gesagt, kann ich gar nicht viel zu dem Text sagen. Da treffen halt drei verschiedene Arten von "Mensch" aufeinander, die sich in ihren Lebenssichtweisen voneinander unterscheiden. Ehrlich gesagt, habe ich irgendwann angefangen den Dialog zu überfliegen, nachdem klar war, was hier für welche Sichtweise steht, denn die sind mir ja bekannt und der Text bringt mir da jetzt auch keine neue Erkenntnis oder Reflektion.
Der Deprimierte stürzt sich vom Balkon, ja leider, er ist des Laufens (Leben) müde - insofern ist die Karotte schon eine gute Metapher.

Papa schreibt sich nur mit einem p ;)

„Pappa – guck mal, da steht ein halbleeres Glas auf dem Tisch.“
Inke ist ja noch ein Kind und die meisten Kids sind dem Leben doch eher positiv aufgeschlossen, von daher fände ich gut, wenn Inke dort ein halbvolles Glas stehen sieht. Der Leser weiß schon, dass es sich dabei um das halbleere handelt.

Den letzten Absatz, der klebt wirklich bisschen wie ein Fremdkörper dran. Der kann ja auch nix. Obwohl, Du schreibst:

Der Schluss mit Inke und ihrem Pappa ist eher symbolisch zu sehen.
Verstehe ich nicht? Wofür stehen die beiden denn?
Oder meinst Du es im Sinne von: Geist (wie Hirn) = Geister (weil es drei sind)?
Oder das die "Seele" des nun toten Geistes im Turm bleibt?
Oder ???
Ich weiß es wirklich nicht, was der letzte Absatz mir sagen will oder gar zu schweigen davon, dass er den Dialog zuvor in irgendeinen Kontext setzt. Aber vielleicht sehe ich das auch nur nicht.

Diesmal hast Du mich leider nicht abholen können. Ist auch eigentlich gar keine Geschichte für mich. Der Text lässt sich ja auf eine einzige Handlung zusammenfassen: Ein Glas fällt vom Balkon. Da ist jetzt auch nicht viel Spannung für den Leser drin ;).

Liebe Grüße!
Fliege

 
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Hallo Ronni,

ehrlich gesagt, kann ich gar nicht viel zu dem Text sagen. Da treffen halt drei verschiedene Arten von "Mensch" aufeinander, die sich in ihren Lebenssichtweisen voneinander unterscheiden. Ehrlich gesagt, habe ich irgendwann angefangen den Dialog zu überfliegen, nachdem klar war, was hier für welche Sichtweise steht, denn die sind mir ja bekannt und der Text bringt mir da jetzt auch keine neue Erkenntnis oder Reflektion.

Ja, der Gedanke war: Diese Geister, die in den Köpfen und Gedanken der Menschen spuken, mal bei einem Treffen in einem Turm (wo sonst) zu beobachten.

Der Deprimierte stürzt sich vom Balkon, ja leider, er ist des Laufens (Leben) müde - insofern ist die Karotte schon eine gute Metapher.
Die zutreffendste Metapher auf das Leben, denke ich mal.

Papa schreibt sich nur mit einem p
Habe ich verbessert.
„Pappa – guck mal, da steht ein halbleeres Glas auf dem Tisch.“
Inke ist ja noch ein Kind und die meisten Kids sind dem Leben doch eher positiv aufgeschlossen, von daher fände ich gut, wenn Inke dort ein halbvolles Glas stehen sieht. Der Leser weiß schon, dass es sich dabei um das halbleere handelt.
Stimmt - habe ich geändert.
Den letzten Absatz, der klebt wirklich bisschen wie ein Fremdkörper dran. Der kann ja auch nix. Obwohl, Du schreibst:

Habe versucht, die Geister (einen Geist) nochmal ins Spiel zu bringen.

Der Schluss mit Inke und ihrem Pappa ist eher symbolisch zu sehen.
Verstehe ich nicht? Wofür stehen die beiden denn?
Oder meinst Du es im Sinne von: Geist (wie Hirn) = Geister (weil es drei sind)?
Oder das die "Seele" des nun toten Geistes im Turm bleibt?
Oder ???
Ich weiß es wirklich nicht, was der letzte Absatz mir sagen will oder gar zu schweigen davon, dass er den Dialog zuvor in irgendeinen Kontext setzt. Aber vielleicht sehe ich das auch nur nicht.
In der Nacht sind die Geister im Turm - am nächsten Tag Inke und ihr Papa. Zwei Realitäten, die sich nicht berühren, obwohl sie am gleichen Ort statt finden.
Diesmal hast Du mich leider nicht abholen können. Ist auch eigentlich gar keine Geschichte für mich. Der Text lässt sich ja auf eine einzige Handlung zusammenfassen: Ein Glas fällt vom Balkon. Da ist jetzt auch nicht viel Spannung für den Leser drin ;).


Liebe Grüße!
Fliege

"Ein Glas fällt vom Balkon" - das gefällt mir. :D

Danke, dass du dir die Mühe gemacht hast.
Gruß, Ronnie

 

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