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Es ist soweit

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Anmerkungen zum Text
Ein Versuch eine Stimmung widerzugeben.

Es ist soweit

Die Tür fällt hinter ihm ins Schloss und die Treppen können gar nicht schnell genug unter seinen Füßen dahinfliegen. Seine Mutter hat er am Küchentisch sitzend zurückgelassen. Den Kopf auf die Arme gestützt blickt sie auf die Maserung des Tisches. Das Holz ist glatt und abgenutzt. Den Tisch hat ihr Vater ihrer Mutter gebaut, als sie in ihre erste gemeinsame Wohnung gezogen waren. Sie fühlt sich leer, wieder und wieder hat sie versucht an ihren Sohn heranzukommen, zu verstehen, was in ihm vorgeht. Doch je mehr sie es versuchte, desto mehr zog er sich zurück. Und jetzt war er wieder weg. So wie fast jeden Tag.

Sie seufzt, sieht aus dem Fenster und schweigt. Doch dann, das Telefonklingeln, ein Schnitt durch die Stille, ein Hall aus einer anderen Welt, der zu ihr durchdringt.

„Ja?“, sie hält den Hörer in der Hand.

Ein Schluchzen. „Er ist tot. Ich.. heute Morgen Ich bin in die Küche und er ist einfach nicht aus seinem Sessel aufgestanden. Er ist einfach nicht aufgestanden.“ Wieder das Schluchzen, doch der Hörer liegt auf dem Boden.

Ein Schrei hallt in ihrem Kopf. Eben war ein normaler Tag mit nicht verstehen, aneinander vorbeireden, schweigen und Davonlaufen. „Papa?“, ein Flüstern, eine kindische Hoffnung. „Papa?“, ein Ruf. Er kann nicht fort sein, sie braucht ihn doch! War er es nicht vor 17 Jahren, der sie geschützt hat? Der ihr den Kopf gehalten hat, wenn sie sich wieder erbrechen musste, der ihr gesagt hat, auch so würde es gehen, der ihr gesagt hat, sie sei stark genug zwei zu tragen. Ihr sagte, sie sei ganz allein stark genug und er, er sei da sie aufzufangen, falls sie nicht mehr konnte. Das dürften starke Menschen, das sei nicht verboten. Ohne Pausen kann man gar nicht stark sein, hatte er ihr erklärt ohne Pausen würde jeder Mensch irgendwann schwach. In den Minuten, da sie Atem schöpfen musste, manchmal gar nach ihm ringen musste, da war er da, hielt sie, wie er sie vom ersten Tag an gehalten hatte. Wie sollte sie ein starker Mensch bleiben ohne Pausen, wie sollte sie Atem schöpfen ohne ihn? Wie sollte sie weiterhin stark sein und zwei tragen können?

Der Schrei dringt aus ihr heraus. Der Schrei, die Teller, die auf dem Boden zerschellen, das Wehklagen. Ein Atemringen. Er wollte nicht kommen, der Atem, wie sollte sie Atmen ohne ihn. Die Küche blieb in Scherben, als sie sich zum Sofa schleppt. Kein Schreien und Wehklagen mehr. Nur Stille.

Wieder fällt die Haustür ins Schloss. Er spürt es sofort.

„Mama?“, keine Antwort. Nur Schweigen.

Er läuft durch die Wohnung.

„Wo bist du? Was ist in der Küche passiert?“, das Telefon tutet noch.

Wieder läuft er durch die Wohnung und sieht sie beinahe nicht. Wie durchsichtig liegt sie auf dem Sofa, das Kissen unter ihr nass.

„Hey“, er kniet sich zu ihr. Ihre Lippen teilen sich. „Tot“, haucht sie.

Er sieht sie an. Er weiß von wem sie spricht, denn er hat es ihm selbst gesagt. Ich spüre das Ende, hat er gesagt, aber sag ihr nichts, hörst du? Sag es meinem Mädchen nicht. Und er hatte genickt und konnte sie nicht ansehen. Je weniger er sie ansehen wollte, desto mehr bedrängte sie ihn. Jetzt ist es vorbei.

„Komm, du gehörst jetzt ins Bett“, seine Arme tragen sie beinahe, keine Kraft ist mehr in ihrem Körper. „Auch starke Menschen brauchen mal eine Pause“, er lächelt sie an. Ihre Mundwinkel zucken. Er hält sie, denn alleine kann sie jetzt keine zwei tragen.
 
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Hallo @Desiré ,

ein kurzer, aber eindringlicher Text! Schade, dass ihn bisher niemand kommentiert hat.
(du erhöhst deine Chancen hierzu, wenn du selbst andere Texte kommentierst)

Ich finde auch das Ende gelungen, du erklärst mit wenigen Sätzen die vorherige Situation zwischen Mutter und Sohn, und ihren Schmerz beschreibst du sehr emotional und nachfühlbar.

Inhaltlich gefällt mir deine Gschichte, du hast einige schöne Formulierungen, zum Beispiel:

In den Minuten, da sie Atem schöpfen musste, manchmal gar nach ihm ringen musste, da war er da, hielt sie, wie er sie vom ersten Tag an gehalten hatte.

Folgendes ist mir noch im Detail aufgefallen:

Die Tür fällt hinter ihm ins Schloss und die Treppen können gar nicht schnell genug unter seinen Füßen dahinfliegen. Seine Mutter hat er am Küchentisch sitzend zurückgelassen. Den Kopf auf die Arme gestützt blickt sie auf die Maserung des Tisches.
Die Perspektive des ersten Satzes passt nicht zum überwiegenden Teil des Textes, du schreibst ja hauptsächlich aus der Sicht der Mutter. Auch zum Ende hin verschwimmt die Perspektive, beginnend ab dem Satz:
Wieder fällt die Haustür ins Schloss. Er spürt es sofort.
Hierüber würde ich grundsätzlich nochmal nachdenken, finde ich bei einem so kurzen Text nicht so gut.

Sie fühlt sich leer, wieder und wieder hat sie versucht an ihren Sohn heranzukommen, zu verstehen, was in ihm vorgeht.
Ein Komma nach "versucht"

Doch je mehr sie es versuchte, desto mehr zog er sich zurück.
"weiter" statt dem zweiten "mehr", so klingt es etwas abwechslungsreicher

Sie seufzt, sieht aus dem Fenster und schweigt. Doch dann, das Telefonklingeln, ein Schnitt durch die Stille, ein Hall aus einer anderen Welt, der zu ihr durchdringt.
Den abschließenden Nebensatz würde ich entfernen, ist inhaltlich nicht notwendig.

„Ja?“, sie hält den Hörer in der Hand.
Ich erwähne es nur an diesem Beispiel: Nach einer wörtlichen Rede beginnst du häufig einen neuen Satz, du schreibst ja z.B. nicht "sagte sie " oder "fragte sie", wodurch ein Komma nach den abschließenden Anführungszeichen korrekt wäre. Bei einem neuen Satz ist es jedoch m.E. richtig, das Komma wegzulassen und mit einem Großbuchstaben zu beginnen. Und vor den abschließenden Anführungszeichen dann jeweils ein Satzzeichen, also ein Punkt, Ausrufe- oder Fragezeichen. Würde ich im ganzen Text mal prüfen, es gibt einige solche Stellen.

Ein Schluchzen. „Er ist tot. Ich.. heute Morgen Ich bin in die Küche und (...)
Ein Leerzeichen nach "Ich" und (grundsätzlich) drei Punkte verwenden ;
ein Punkt nach "Morgen"

Eben war ein normaler Tag mit nicht verstehen, aneinander vorbeireden, schweigen und Davonlaufen.
"es noch" nach "war" ; "Nichtverstehen" als ein Wort und groß geschrieben ; "Schweigen" wird ebenfalls groß geschrieben, bei "vorbeireden" bin ich mir nicht sicher ...

Der ihr den Kopf gehalten hat, wenn sie
Vorschlag: "Der ihren Kopf gehalten hat, wenn sie ..."

Ohne Pausen kann man gar nicht stark sein, hatte er ihr erklärt ohne Pausen würde jeder Mensch irgendwann schwach.
Punkt nach "erklärt", dann groß weiter.

Er wollte nicht kommen, der Atem, wie sollte sie Atmen ohne ihn.
Am Satzende ein Fragezeichen statt dem Punkt.

Er hält sie, denn alleine kann sie jetzt keine zwei tragen.
Ein schöner Schlusssatz!

Viele Grüße!
Rob
 
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Lieber @Rob F,
vielen Dank für dein Feedback! Ich sehe schon, meine Formalia lassen zu Wünschen übrig :)
Alles Liebe
 
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Ich sehe schon, meine Formalia lassen zu Wünschen übrig
erkennstu konsequent in der Antwort an Rob und sie beginnen bereits in der Überschrift, wenn es heißt »es ist soweit« ...

Warum? Seit urdenklichen Zeiten gibt es das Wort „soweit“ als Adjektiv, Adverb und Konjunktion und erst mit der Rechtschreibreform 1996 ff. wurde die Konjunktion von den anderen Wortarten getrennt, indem die Konjunktion in der alten Schreibweise erhalten blieb und alle anderen, eher unbestimmten Bedeutungen wie die in Deinem Titel auseinander (keine Bange, ich bin kein Pädagoge) und da ist es am einfachsten, im Zweifelsfall auseinander zu schreiben. Warum? Die Konjunktion kommt relativ selten vor (, „soweit“ ich weiß – um den Bauplan mit der Konjunktion darzustellen) und damit erst einmal

herzlich willkommen hierorts, liebe @Desiré!,

ansonsten hat @RobF schon alles gesagt, dass ich nur noch aufführe, was mir sonst so aufgefallen ist - und das ist reichlich genug.

… und die Treppen können gar nicht schnell genug unter seinen Füßen dahinfliegen.
Ist natürlich nicht falsch – aber sind des nicht doch eher die „Stufen“ der Treppen, die so „dahinfliegen“?

Den Tisch hat ihr Vater ihrer Mutter gebaut, als sie in ihre erste gemeinsame Wohnung gezogen waren. Sie fühlt sich leer, wieder und wieder hat sie versucht[,] an ihren Sohn heranzukommen, zu verstehen, was in ihm vorgeht.
Es geht hier zunächst weniger um die Verwendung von Pronomen allgemein, als vor allem die der Possessivpronomen „... ihr Vater ihrer Mutter gebaut, als sie in ihre erste gemeinsame Wohnung gezogen waren. Sie fühlt sich leer, wieder und wieder hat sie versucht an ihren Sohn ...", als bestünde eine Gefahr, jemand könnte Vater, Mutter, Sohn und Wohnung so mir nichts dir nichts wegnehmen - außer der Natur.
Gelegentlich würde m. E. ein Artikel statt des Pronomens stehen, ohne dass die Übersicht über die (Besitz-)Verhältnisse verloren geht.

Nebenbei bemerkt stolperstu in der Zeitenfolge
Den Tisch hat ihr Vater ihrer Mutter gebaut, als sie in ihre erste gemeinsame Wohnung gezogen waren.
Da die Geschichte in der Gegenwart spielt, solltestu auch die entsprechende zusammengesetzte Zeit wählen: „gezogen sind“.
(musstu alles durchschauen und ggfs. korrigieren)

Hier misslingt die Zusammenführung von Atem und ringen/Ringen
Ein Atemringen.
Das wird nach Atem gerungen und keine neue olympische Disziplin entwickelt!

Hier fehlt was
Wie durchsichtig liegt sie auf dem Sofa, das Kissen unter ihr nass.
Entweder „ist“ nass oder wenigstens statt des Verbs ein Satzzeichen wie Komma, Doppelpunkt oder auch Gedankenstrich

Kein Grund, in Panik zu verfallen oder aufzugeben! Es ist bekanntermaßen noch kein/e Meister/in vom Himmel gefallen. Was hätte er/sie auch davon - außer einem gebrochenen Genick, meint der

Friedel!
 
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