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Serie Exodus: Du sollst Lethe heißen

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Exodus: Du sollst Lethe heißen

Erster Akt

Matteo Marchese sieht in der Nachtlichtoptik die Menschen aus den westlichen Tunneleingängen kommen. Er nickt Claudio zu, der eine rote Signalrakete in den bewölkten Himmel über Genuas ehemaligen Bahnhof feuert. Das Zeichen für alle anderen von Matteos Truppe. Dutzende rote Bahnen ziehen hinauf bis unter die tief hängenden Wolken. Manche tauchen für Sekunden in die dunklen Gebilde ein, geben ihnen eine tief rötliche Gestalt und verwandeln die Gleisanlagen des Genueser Hauptbahnhofs in den Lichthof des Infernos. Die aus den Tunneln strömenden Menschen bleiben wie angewurzelt stehen und starren nach oben. Matteo nickt erneut, eine grüne Rakete folgt. Das Zeichen für Romina, die auf dem an der Mauer gelegenen Bahnsteigdach wartet und den Menschen Matteo Marcheses Botschaft mitteilt. Auf dem alten Stellwerk stehend, kann er es nur undeutlich verstehen. Doch auf Romina ist Verlass. Sie wiederholt es drei Mal. ‚Wir haben Essen für Euch! Aber nur, wenn Ihr für uns arbeitet! Wenn nicht, werden wir Euch töten! Entscheidet Euch und schickt Euren Anführer!‘ Ein Warnschuss fällt, abgefeuert von einem aus der Truppe. Matteo spürt Saras Hand auf seiner Schulter.
»Was macht dich so sicher, dass sie einen Anführer haben?«
»Wirf ein paar Menschen auf einen Haufen, und es wird sich bald ein Anführer zeigen«, entgegnet Matteo. »Das ist bei diesen Infizierten nicht anders. Ohne Anführer ist der Mensch hilflos, egal in welchem Zustand er sich befindet.«
Sara lacht. Einer der Gründe, für die er sie geheiratet hat. Ihr Lachen. »Da spricht der ehemalige Hochschulprofessor für Altgriechisch und Latein«, flüstert sie in sein Ohr. Matteo setzt die Optik ab und dreht sich zu Sara. Es knarzt im Funkgerät.
»Matteo! Da löst sich einer aus der Menge.«
»Gut, Romina! Gib ihm zu essen und lass an alle anderen ebenfalls was verteilen. Dazu ausreichend Wasser! Bring den Anführer in die Wartehalle! Ich komme runter!«
»Geht klar, Matteo!«
»Dann lass uns nach unten gehen, Professor Marchese …«, fordert Sara ihn auf. Er kann nur ihre Umrisse erkennen. Sie nimmt ihn an die Hand.

»Werde ich Sie nicht anstecken?«, fragt der Mann mit belegter Stimme und lässt die bewaffneten Frauen und Männer in der großen Bahnhofshalle nicht aus den Augen.
»Wir sind alle immun«, beruhigt Matteo ihn, deutet auf eine Bank in der Mitte der Wartehalle und setzt sich auf einen der ausgetrockneten, quadratischen Blumenkübel. Mit einem Blick streift er den hochschwangeren Bauch der im Hintergrund wartenden Sara und presst die Lippen aufeinander. »Wie darf ich Sie nennen?«, will er wissen.
»Ich heiße Guiseppe. Guiseppe Lombardi.«
»Ich bin Matteo Marchese«, sagt er, lässt seine Hand einen Kreis beschreiben, »und das ist ein Teil meiner Truppe. Frauen und Männer aus halb Norditalien. Dort hinten ist meine Frau Sara …«
»Sie ist hochschwanger, Ihre Frau«, erwidert Guiseppe ohne sich umzudrehen. Matteo grinst. Ein Anführer mit Wahrnehmung, denkt er. Um so besser …
»Guiseppe, ich mache es kurz. Wir brauchen Sie! Sie und Ihre ganze Gruppe! Wie viele sind bei Ihnen?«
»Sicherlich an die dreihundert. Wir haben viele zurückgelassen wegen …«
»Wegen der stärker werdenden Symptome. Ja, natürlich, Guiseppe. Wir müssen die Schwachen hinter uns lassen, sonst werden wir selbst es nicht schaffen. Das verstehe ich und es muss Ihnen sehr schwergefallen sein …«
Guiseppe nickt. »Viele Familien wurden getrennt«, krächzt er, hustet ein paar Mal. Matteo sieht Lombardi in die Augen. Kurz denkt er an seine Studentinnen und Studenten im Hörsaal der Universität von Bologna. Im Augenwinkel sieht er Romina hereinkommen. Sie gibt ihm ein Zeichen. Alles in Ordnung.
»Guiseppe, hier gibt es vielleicht Hoffnung. Wir geben Euch eine Unterkunft, täglich drei Mahlzeiten, Wasser und – wenn alles klappt, wie ich es mir vorstelle – auch medizinische Versorgung …«
Guiseppe Lombardi fixiert Matteo lange.
»Was müssen wir tun?«, fragt er endlich.
»Für mich arbeiten. Körperliche Arbeit, aber Ihr könnt Euch dabei abwechseln, wenn es zu schwer wird.«
Guiseppe atmet tief ein, muss sogleich wieder husten.
»Was für eine Arbeit?«
Matteo nickt. Dieser Guiseppe ist mein Mann. So viel steht fest.
»Alles, was verwertbar ist, wird abgewrackt, zerlegt. Schiffe, Container, Lokomotiven, Waggons, Metall jeglicher Art. Das ist es, was die Inselwerften benötigen.«
Guiseppe Lombardi beugt den Oberkörper ein paar Zentimeter vor, dreht den Kopf etwas, als wollte er ein Echo von Matteos Erklärung aufschnappen.
»Sie machen Geschäfte mit den Inselwerften?«
Matteo lächelt.
»Noch nicht. Aber bald, Guiseppe. Schon bald.«

Zweiter Akt

Sie sind im Untergeschoss des Einkaufszentrums unter dem Bahnhofsvorplatz. Drei Ebenen insgesamt, angelegt wie ein Atrium, alle verbunden mit dem Parkhaus westlich des Vorplatzes. Im Norden über das Treppenhaus erreichbar, das direkt in der Wartehalle mündet. Die Geschäfte sind geplündert, sehen aus wie mit Handgranaten ausgeräumt.
»Das wird unser Hauptquartier!«, ruft Matteo begeistert und breitet die Arme aus. »Es ist ideal! Geschützt vor dem Sand, den Stürmen, nur zwei Eingänge …«
»Matteo!«
Der Ruf kommt von oben. Im spärlichen Licht der Notbeleuchtung ist Claudios Kopf erkennbar, weit über die Brüstung gebeugt.
»Hier oben gibt es ein Restaurant mit einer großen, erstklassigen Küche! Haben wir einen Koch in der Mannschaft?!«
»Ich habe keine Ahnung, Claudio! Wenn nicht, organisieren wir uns einen!«
Claudio lacht und verschwindet wieder. Sara stöhnt. Matteo dreht sich ihr zu, entdeckt ihre Hände auf dem Bauch.
»Meine Schöne … setz dich hier auf die Bank!« Er führt sie zu einer verstaubten Edelstahlbank, wischt mit dem Ärmel die Fläche sauber. Ein Räuspern im Halbdunkel vor der Bank.
»Haben Sie jemand mit medizinischen Kenntnissen?«, hört er aus dem Zwielicht. Sara sitzt und Matteo nimmt neben ihr Platz, legt einen Arm um sie. Was kann ich tun? Niemand von uns hat unter diesen Umständen eine Geburt erlebt … Er schaut auf zu Guiseppe, der einen Schritt nach vorne tritt.
»Nein, Guiseppe, das ist unsere erste Geburt in der ganzen Mannschaft. Wer zu schwer verletzt war, wurde einfach zurückgelassen …«
»Eine Schwangerschaft ist keine Verletzung, aber sie kann Komplikationen mit sich bringen, und …«
»Ich weiß es!«, unterbricht Matteo harsch, senkt schnell den Kopf und springt auf. »Das ist nicht mein erstes Kind …«, setzt er leise nach. Für einen Moment ist Stille. Guiseppe geht einen Schritt zurück, wieder ins Halbdunkel. Saras Atem drängt sich in ihre Ohren. Das einzige Geräusch. Matteo reibt den rechten Nasenflügel und weiß, dass Guiseppes Hinweis korrekt ist, aber …
»Ist die Unterbringung deiner Leute erledigt?«
»Ja, Matteo. In drei Häusern oberhalb der Gleise«, bestätigt Guiseppe leise. Sara steht auf, drückt den Rücken durch, legt dann eine Hand unter ihren Bauch und die zweite oben auf die Rundung.
»Wenn wir überleben wollen, müssen wir uns vertrauen«, sagt sie mit fester Stimme und geht langsam Richtung Ausgang zum Parkhaus.
»Romina!«, ruft Matteo. »Geh mit Sara! Bring sie zu unserer Wohnung!«
Aus der Dunkelheit löst sich eine weitere Person, folgt Sara. Matteo macht zwei Schritte auf Guiseppe zu. Er kann ihn am Geruch erkennen. Sauer und süßlich zugleich.
»Komm heute Abend nach dem Essen zum alten Reiseschalter im Bahnhof. Bring zwei Leute mit, auf die du dich verlassen kannst. Jetzt geh zu Claudio. Er teilt Euch für die Arbeiten hier ein.«
Die Antwort wartet Matteo nicht ab. Er folgt Sara.

Claudio schließt die Tür zum Außenbereich des Schalterraumes. Das Geräusch des Dieselgenerators verschwindet im Hintergrund. Er setzt sich neben Romina. Matteo hat Kopfschmerzen. Seit ein paar Stunden. Was gäbe er für eine Packung Aspirin …
»Hast du den Tank aufgefüllt, Claudio?«
»Ist voll bis oben hin, Matteo.«
»Gut.«
Guiseppe kommt mit zwei jungen Männern, denen man kaum die Infektion ansieht. Er nickt Matteo und den anderen zu, schließt die Tür und wartet. Romina bedeutet ihnen Platz zu nehmen. Matteo atmet tief ein und aus. Der Kopfschmerz … aber es hilft nichts. Sara liegt auf der Couch und wir brauchen medizinische Versorgung!
»Fangen wir an«, beginnt Matteo. »Zuerst möchte ich Guiseppe Lombardi und seine Vertrauten begrüßen. Sag uns bitte ihre Namen.«
Guiseppe drückt beide mit seinen Händen von der Bank. Ihnen ist anzusehen, dass sie nur ungern aufstehen. Sie haben Angst, denkt Matteo. Das ist nützlich.
»Nicolo und Daniele«, erklärt Guiseppe. Beide sind aus Turin und haben es bis Alessandria geschafft. Dort sind sie zu uns gestoßen. Paolo …«, er zeigt auf den größeren der beiden, »war Schweißer bei Fiat und Daniele bei den Carabinieri.«
Matteo blickt zu Romina, zieht die Mundwinkel nach unten. Alessandria?
»Ihr seid von Alessandria bis hierher gelaufen?«
Guiseppe nickt.
»Alle Achtung. Das prädestiniert Euch geradezu für eine Aufgabe, die wir zu vergeben haben.«
»Für eine Heimat tun wir fast alles«, entgegnet der, den Guiseppe mit Daniele vorgestellt hat. Den Carabinieri. Matteo nickt lange und starrt auf seine Hände. Das ist es, was ich will. Seit Monaten.

»Nehmt wieder Platz. Ich erkläre Euch, was mein Plan ist.« Ein Seitenblick auf Romina und Claudio. Beide nicken und Matteo fährt fort. »Morgen Abend kommt eine Abordnung der Inselverwaltung. Ich habe sie über Funk wissen lassen, dass wir die Drecksarbeit für sie machen …« Er macht eine kurze Pause. Gespannte Gesichter vor ihm. »Auf den Inseln gibt es nicht genug Personal, um all die Ressourcen zu besorgen, die sie benötigen. Vor allem kein … kein ersetzbares Personal …«
»Jetzt habt ihr ersetzbares Personal«, unterbricht ihn Guiseppe. Matteo lächelt. Er beginnt gerade, Guiseppe zu mögen.
»Weder wir noch du und deine Leute kommen je auf so eine Insel, Guiseppe. Wir könnten sie nicht bedienen, nicht reparieren, nicht navigieren. Kommen wir ihnen zu nahe, töten sie uns. Wir müssen hier leben. Hier überleben! Sie haben etwas, das wir wollen und wir haben etwas, das sie wollen.«
»Was wollen wir?«
»Gute Frage, Guiseppe. Medizin, Lebensmittel, Energie, Wasseraufbereitung. Und sie wollen Schrott. Eine Menge Schrott. Sie bringen Waren, wir liefern ihnen Schrott. Ein einfaches Geschäft.«
»Und wenn wir allen Schrott geliefert haben? So groß ist Genua nicht.«
»Ich mag, wie du denkst, Guiseppe. Und die Lösung ist, dass wir bereits bewaffnete Mannschaften ausgesandt haben nach La Spezia, Livorno, Toulon und Marseille. Sind diese Häfen unter unserer Kontrolle, schicken wir deine Leute, Daniele und Paolo. Sie werden die Infizierten dort übernehmen und neue rekrutieren.«
Matteo lehnt sich zurück.
»Was sagst du, Guiseppe? Könnte das funktionieren?«
Paolo und Daniele starren sich gegenseitig an. Guiseppe stützt beide Hände auf deren Schultern, erhebt sich mühsam und tritt ein paar Schritte vor. Ganz langsam fängt er an zu lächeln und sieht dabei hinauf zur zerbrochenen Wanduhr.
»Das kann sogar sehr gut funktionieren.«

Dritter Akt

Matteo entdeckt einen verstaubten Kalender auf dem Boden. Darauf abgebildet das Foto einer weißen Segelyacht vor der Ligurischen Küste. In der Ferne der Leuchtturm von Portofino und im rechten oberen Eck ist ganz schwach ‚Mai 2036‘ zu lesen. Mai 2036 … welchen Monat wir wohl jetzt haben? Und welches Jahr? Matteo ist das Datum egal geworden. Er weiß nicht einmal mehr, wann und warum das geschah. Eines Tages wusste er nicht mehr, welcher Monat und welches Jahr es war. Der Sinn dafür kam ihm abhanden. Er sieht sich um. Im Hintergrund klappert es, dann fallen Töpfe auf den gefliesten Boden.
»Romina! Du weißt doch sicher, welchen Monat und Jahr wir haben!«
»Klar, Matteo! Willst du es wissen?«
»Nein. Mir genügt, wenn du es weißt.«
Sie lacht herzlich.
»Wir können die Küche wieder in Betrieb nehmen«, klärt sie Matteo auf. »Es gibt sogar einen Pausenraum neben der Kühlkammer. Ich lasse zwei Betten darin aufstellen für Lombardis Koch und einen Helfer.«
Matteo folgt Rominas Blick und geht zu dem besagten Raum, steigt drei Stufen empor. Ein heilloses Durcheinander empfängt ihn. »Er hat einen Koch?«
»Sogar einen Sternekoch! Den hat er in Asti aufgegabelt. Lombardische Küche, wie Guiseppe betonte.«
Matteo denkt an Sara und das Kind. Kann sie stillen? Und was wäre, wenn es mit der Abordnung der Inseln zu keiner Übereinkunft käme?
»Könnten wir irgendwo Gemüse anbauen, Romina? Irgendwann werden uns die Konserven ausgehen …«
Sie kommt zu Matteo in den Pausenraum, schiebt einen Berg Unrat vom Tisch und setzt sich drauf.
»Ja, das ist möglich. Guiseppe hat zwei Gärtner ausfindig gemacht. Wir schicken ein paar Trupps los, die in den Tälern der Umgebung nach Gemüsepflanzen, Kräutern und Pilzen Ausschau halten. In den Tunneln können wir mit genug Licht etwas anbauen und im dunklen Teil Pilze züchten.«
Matteo schreibt mit dem Finger auf einem der Wandregale ein Wort in den Staub. Romina sieht ihm neugierig zu. »Lethe? Was ist das?«
Matteo zuckt mit der Schulter, sein Kopf neigt sich ein wenig auf die Seite. Er betrachtet das Wort.
»Ein Begriff aus der griechischen Mythologie. Es ist ein Fluss wie der Hades. Bevor man ins Totenreich eingeht, trinkt man aus ihm und verliert die Erinnerung an das bisherige Leben, der ‚Fluss des Vergessens‘
Romina lauscht Matteos Worten, starrt auf das Regal. Sie beginnt zu weinen. Ein Schluchzen und Matteo nimmt sie in die Arme.
»Du hast noch nicht aus ihm getrunken, Romina. Du solltest es tun.«
Sie schnieft, zieht die Nase hoch.
»Warum schreibst du es auf?«
»Ich werde mein Kind so nennen.«

»Wo treffen wir die Insel-Leute? Etwa hier?«
Matteo nickt, stellt sich auf die Bordkante und klettert die Mole hinauf. »Der Anleger der Außenmole ist der Platz, der uns vorgeschlagen wurde«, erwidert er. »Es entspricht wohl ihrem Sicherheitsbedürfnis. Ich habe keine Probleme damit.« Guiseppe steht auf den schwankenden Bootsplanken und sieht zweifelnd hinauf.
»Komm, Guiseppe Lombardi, nimm meine Hand! Claudio! Schieb von unten!«
Matteo bückt sich, greift Guiseppes schmale Hand und zieht ihn mit Claudios Hilfe auf den rissigen Beton des Anlegers.
»Matteo! Denk dran! Ihre Bedingung ist, dass nur Immune kommen sollen«, erinnert Romina und klettert behände nach oben, hüpft einige Male auf und ab. »Ich bin so gerne am Meer«, sagt sie lächelnd.
»Natürlich denke ich dran. Guiseppe wird im Hintergrund bleiben, aber er gehört jetzt zu uns! Er ist Familie.«
»Trotzdem kann er uns angesteckt haben. Auch wenn wir nicht erkranken«, setzt sie nach. Matteo winkt ab.
»Sie brauchen uns, Romina. Da müssen sie sich also was einfallen lassen. Kommt! Gehen wir vor zur Signalbake!«
»Ich schätze, sie ist im neunten Monat, nicht wahr?«, wirft Guiseppe aus dem Hintergrund ein. Matteo dreht sich ihm zu, dem mehr als einen Kopf kleineren Guiseppe Lombardi mit den wenigen blauen Flecken am Hals.
»Du scheinst dich auszukennen?«
»Ich bin acht Mal Vater geworden. Man bekommt etwas Routine«, erwidert er.
»Acht Kinder?«, wiederholt Matteo erstaunt. Er will fragen, wo sie jetzt sind, beißt sich aber auf die Unterlippe. Sie wären hier, wenn … Romina zieht Matteo weg. Sie gehen alle zur Bake und suchen den Horizont ab. So viele Verluste, denkt Matteo. Es gibt gar nicht genug Wasser im Lethe, um all das zu vergessen …

Es muss um die Mittagszeit sein, denn die Sonne steht hoch über ihnen. Das Wetter ist stabil. Allerdings verspricht die schwüle Hitze über dem Wasser wieder heftige Stürme. Bald. Morgen oder übermorgen. Die Wellenbrecher sind allesamt unter dem Wasserspiegel, der schon bis anderthalb Meter an die Oberkante der Mole heranreicht. Es wird nicht mehr lange dauern, dann ist der Hafen überflutet, vermutet Matteo. Claudio reißt den Arm nach oben und stößt einen Schrei aus. Matteo sieht nichts. Die flimmernde Luft, das spiegelnde Wasser, dann steigen Luftblasen auf. Ein Schatten drängt an die Oberfläche. Ein zweiter Schrei. Die Türme dreier U-Boote heben sich aus dem Wasser, Vor- und Achterdecks. Es rauscht. In Matteos Gedanken taucht eine zerrissene Erinnerung an einen Wasserfall in Südtirol auf. Der Rest dazu fällt ihm nicht ein. Die schwarzen Ungetüme liegen in Linie. Das letzte Wasser rauscht als weiße Gischt aus den Flutöffnungen die Stahlwände hinab. Dann ist Stille.
»Meine Güte«, flüstert Claudio. »Ich bin ein bisschen neidisch …«
Auf den ersten beiden Booten öffnen sich Luken in den Türmen. Drohnen schwirren hinaus und steigen in den Himmel.

»Wir hätten uns Stühle mitnehmen sollen«, raunt Romina. Ein entferntes Zischen folgt. Auf den Decks der vorderen Boote schwenken Luken auf. Waffen werden sichtbar, dann Köpfe in Masken steckend. Dutzende Menschen quillen hervor und bilden eine Schützenreihe. Alle Waffen zielen auf Matteos Gruppe und den Rest der Mole.
»Die Inselleute sind sehr misstrauisch«, sagt Guiseppe.
»Ich wäre das auch, wenn eine Infektion meine Inselgesellschaften ausrotten kann«, erwidert Matteo und hebt beide Hände. »Zeigt ihnen, dass wir unbewaffnet sind«, fordert er seine Leute auf. Zwei Drohnen nähern sich, schweben langsam in zwei Meter Abstand vor ihren Köpfen entlang. Eine der Drohnen stoppt vor Guiseppe. Etwas an ihr knackt vernehmlich.
„Dieser Mann ist infiziert. Seine Körpertemperatur liegt bei 38,5 Grad und er hat typische Flecken. Er soll zehn Meter zurücktreten!“, hört man aus einem Lautsprecher der Drohne.
»Guiseppe, bitte tu, was sie sagen!«, ruft Matteo und beobachtet aus dem Augenwinkel Guiseppes Grinsen, dann seinen Weg zurück zum Anlegepunkt. Auf dem dritten U-Boot öffnet sich ein mannshohes Schott im Turm und vier Personen treten ins Freie. Alle in Anzüge gehüllt, Atemgeräte auf dem Rücken. Drei der Bewaffneten tragen ein Schlauchboot heraus, setzen es aufs Wasser und fahren zum Anleger herüber.
»Sie wollen uns aufs Boot holen«, stellt Claudio fest. »Das passt mir gar nicht.«
»Sie brauchen uns«, erinnert ihn Matteo. »Der ganze Aufwand, um uns da drüben zu töten? Wohl kaum. Wart’s ab. Es wird hervorragend laufen …«

Vierter Akt

Matteo spürt noch den Einstich der Nadel. Ein Antigentest. Negativ. Wie bei allen. Claudio würgt, springt auf. Bevor er reagieren kann, werden Waffen hochgerissen. Matteo sieht die Hand der Obfrau ihm gegenüber in der Luft. »Halt!«, ruft sie und dann hört er Claudio sich übergeben. Gelächter bricht los. Die leichte Dünung, das U-Boot schaukelt, nicht allen tut das gut. Matteo ist Claudio dankbar. Später wird er über dieses Lachen aller nachdenken. Rominas und seines, das der Obfrauen und Obmänner der Inselverwaltung. Vielleicht war dieses Lachen der erlösende Moment. Es gibt Stühle, zwei Tische und dazwischen etwa zwei Meter Platz. Bleich und mühsam kriecht Claudio die aufgeraute Bordwand hoch, setzt sich auf das Deck, blickt auf das Meer und würgt erneut. Die Obfrau winkt jemanden zu sich, flüstert ihm etwas zu. Augenblicke später bringt eine junge Frau ein Medikament zusammen mit einer Flasche Wasser und reicht es Claudio, der sich bedankt und mit einer Hand den Bauch hält.
»Vielen von uns erging es ebenso«, sagt Obfrau Rénard, die Verhandlungsführerin.
»Ich kann es mir gut vorstellen«, entgegnet Matteo. »Das Meer kann ein guter Freund sein, aber auch ein furchtbarer Feind.«
Sie sieht lange zu Claudio. Wohl eher durch ihn hindurch. Denkt vielleicht über das nach, was Matteo ihr angeboten hat. Und sie ist die eindeutige Anführerin, denn alle um sie herum schweigen und reagieren erst auf ihre Aufforderung. Also schweigt Matteo ebenso und hofft, die sonst so lebhafte Romina mache es ihm nach. Claudio hat das Medikament genommen und sitzt wie eine krumme Korkeiche auf dem schwarzen Stahl.

»Ich habe in unseren Datenbanken nach Ihnen suchen lassen, Matteo Marchese. Sie waren Professor für Altgriechisch und Latein an der Universität von Bologna«, bricht Rénard ihr Schweigen. »Jetzt führen Sie eine Gruppe Menschen an, Immune … und wie ich sehe, sind auch Infizierte bei Ihnen. Vermissen Sie nicht die Lehre?«
Matteo stutzt für einen Moment. Was soll diese Frage bewirken? Die Lehre vermissen … wo könnte ich noch lehren? Sei ohne Regung, hatte er sich gestern vorgenommen.
»Ich bin ehrlich, Obfrau Rénard. Ich weiß es nicht. Um sagen zu können, ob ich es vermisse, müsste ich mich daran erinnern; was ich zweifellos tue, aber nur in bruchstückhaften, emotionslosen Bildern. Sentio ergo sum kann ich nicht bestätigen. Das Vergangene ist viel zu weit weg. Als wäre dieser erste Teil meines Lebens in einem anderen Universum geschehen …«
»Sie hatten zwei Kinder, waren verheiratet …«, setzt Rénard unbeeindruckt nach. Matteo mustert sie, ihre schmalen Augen. Will sie mich testen? Prüfen, ob ich stabil bin?
»Das stimmt. Alle drei sind gestorben. Fragen Sie mich nicht, wie lange das schon her ist. Ich weiß es nicht mehr. In der Stadt wartet meine zweite Frau und in ein paar Tagen wird unser erstes Kind die Welt erblicken …«
»Sie benötigen medizinische Hilfe für die Geburt und die Zeit danach …«
Matteo hebt die Hand.
»Obfrau Rénard, verzeihen Sie, dass ich unterbreche. Wir alle, meine Leute, die infizierten Menschen, die zu uns gestoßen sind, benötigen das. Wir wollen leben! Auf die Inseln können wir nicht, das akzeptieren wir. Aber wir wollen leben! Für dieses Leben werden wir arbeiten und Ihnen das liefern, was Sie benötigen. Egal was. Wir besorgen es. Mannschaften von uns sind unterwegs zu den französischen und italienischen Mittelmeerhäfen, um genau das zu tun. Ihr Vorteil, Obfrau Rénard, liegt klar auf der Hand: Das Gewünschte risikolos abholen! Unser Vorteil ist das Partizipieren an Lebenswichtigem. Medizin, Nahrung, Energie, Wasser. Das erachte ich in unserer Situation als einen fairen und humanen Kompromiss.«
»Ich mag Ihre klare Direktheit«, antwortet sie spontan, steht auf und winkt Matteo zu sich. »Kommen Sie, Matteo Marchese, lassen Sie uns ein paar Schritte auf das Achterdeck gehen.«

Matteo spürt Rominas Hand an seinem Hosenbund. Er schüttelt den Kopf und folgt Rénard, die schon auf dem Weg ist. Bevor er sie neben dem hohen Turm des Bootes erreicht, hört er ihre Worte. »Herr Marchese, ob wir uns jemals wirklich vertrauen werden, steht in den Sternen. Aber Sie haben recht: Wir brauchen Menschen, die für uns die Drecksarbeit erledigen …«
Matteo hat sie eingeholt. Sie kommen auf das hintere Deck. Rénard winkt die Uniformierten dort auf Seite und stoppt erst, als der Stahl wieder im blauen Wasser verschwindet. Matteo sieht den bronzefarbenen Propeller und will antworten. Rénard setzt den Zeigefinger an ihren Mund.
»Ich habe etwas aufsetzen lassen, Matteo … wenn ich Sie so nennen darf. Einen Vertrag. Schon vor Tagen. Er entspricht in etwa dem, was wir besprochen haben. Eine Wasseraufbereitungsanlage, eine Entsalzungsanlage, unsere neuesten Batterien, Photovoltaik und eine mobile, medizinische Station. Unter Ihren Leuten wird es sicher medizinisch geschultes Personal geben. Wenn wir die Station liefern, werden wir diese Personen detailliert einweisen …«
Matteos Puls klopft heftig. Sein Mund ist viel zu trocken, um etwas zu sagen.
»… und erfreulicherweise sehe ich, dass Sie schon weiter gedacht haben. Ihre Pläne, die anderen Häfen ebenfalls in Ihren …«, Rénard sieht in den Himmel, »wie soll ich sagen … Herrschaftsbereich aufzunehmen, ist sehr weitsichtig.«
Sie mustert Matteos Gesicht. Fährt Zentimeter um Zentimeter jede Linie ab. Augenbrauen, Nase, die Lippen. Keine Regung zeigen, denkt Matteo.
»Wir lehren leider kein Altgriechisch und Latein mehr, Professor Marchese. Aber seien Sie versichert: ginge es nach mir, würden wir das wieder tun. Kommen Sie, wir gehen zurück.«

Auf Höhe des Turmes greift Rénard Matteos Unterarm und bleibt stehen.
»Hören Sie, dieses Boot, auf dem wir stehen, ist ein Versorger. An Bord befinden sich eine gut ausgestattete Krankenstation und zwei Ärztinnen. Tun Sie mir einen Gefallen und bringen Sie ihre Frau hierher. Wir untersuchen sie und sie kann hier gebären. Mutter und Baby bleiben eine Woche zur Beobachtung. Sie dürfen bei der Geburt dabei sein.«
Matteo schließt die Augen. Mit Wucht treffen ihn die Bilder seiner beiden verstorbenen Kinder. Keine Bruchstücke. Sogar ihre Stimmen meint er zu hören und schafft es nicht, die kleine Träne im linken Auge zurückzuhalten. Rénard geht weiter. »Wir waren alle mal Eltern«, hört er sie noch sagen. »Colin! Bringen Sie mir die beiden vorbereiteten Tablets!«, ruft sie jemandem zu. Matteo dreht sich zum Wasser, atmet ein paar Mal tief durch, dann folgt er Rénard und stellt sich neben sie.
»Ich bin einverstanden, was Sara betrifft.«
»Sara … was für ein schöner Name. Ich lasse morgen früh ein Schlauchboot an den alten Hafen kommen. Seien Sie um acht Uhr dort.«
»Danke.«
Eine Hand reicht zwei Tablets, Rénard nimmt sie ab, presst den Daumen auf die beiden Schirme.
»Bitte lesen Sie, Matteo, dann unterschreiben Sie mit Ihrem Daumen. Die Dateien sind nicht editierbar!«

Fünfter Akt

Sara liegt auf der Seite und Matteo hat den Arm um ihren Bauch gelegt. Das Baby rührt sich nicht. Langsam streicht er über die Kugel, die gespannte und doch sanfte Haut, schiebt das Laken weg und legt die Lippen auf Saras Hüfte.
»Guten Morgen, mein Kleines«, flüstert er, deckt Sara wieder zu, steht auf, zieht die Kleider an, nimmt das Tablet und geht nach unten in die Wartehalle. Romina döst am Küchentisch, einen Becher Kaffee vor sich. Matteo prüft dessen Temperatur mit dem kleinen Finger. Kalt! Sie macht Kaffee und schläft dann ein. Was für eine Verschwendung! Er trinkt den Becher auf einen Zug leer und setzt sich auf die Bank, legt das Tablet auf den Tisch. Sorgfältig liest er den Vertrag ein zweites Mal durch. Seine gestrige Überraschung wiederholt sich. Rénard hatte an alles gedacht; was ihn heute genau so stutzig macht wie am Tag zuvor. Zu perfekt. Die Liste an Waren, die er bekommen soll, ist so vollständig wie er sich das nie hätte ausdenken können. Ein starkes Funkgerät zur Kontaktaufnahme, drei Kisten mit je dreißig mobilen Funkgeräten für seine Mannschaften und eine Zusicherung, all diese aufgeführten Komponenten in ebensolcher Quantität für die anderen Häfen zu bekommen. Romina hat Blähungen, beginnt zu schnarchen und Matteo schüttelt den Kopf. Er geht hinaus, durch die Wartehalle ins Freie, sieht Claudio auf dem vorderen der langen Bahnsteige sitzen und steigt über die Gleise hinüber. Matteo wird ihn nach La Spezia schicken und das per Boot. Er hofft, dass von der Medizin gegen Seekrankheit noch etwas übrig ist.

»Romina hat gestern Abend wieder Chili gegessen«, begrüßt ihn Claudio. »Schon die ganze Nacht hat sie Blähungen.«
Matteo grinst.
»Heute muss ich leider wissen, wie viel Uhr es ist, Claudio.«
»Kurz nach sechs Uhr. Wann müsst ihr am Hafen sein?«
»Um acht.«
Claudio gähnt. »Ich fahre aber nicht mit. Das hat mir gereicht gestern. Und heute ist die See unruhig. Ich schätze, heute Abend wird es stürmisch.«
»Es genügt, wenn ich mitfahre, aber …«
Claudio steht auf und kneift ein Auge zu.
»Aber?«
»Ich werde eine zweite Mannschaft zusammenstellen für La Spezia und du sollst sie anführen.«
»Ich hoffe, wir nehmen die zweite Diesellokomotive …«
Matteo schüttelt den Kopf.
»Nein, per Tragflügelboot. Ich will keine Zeit verlieren. La Spezia hat oberste Priorität. Dort liegen die hochwertigsten Ressourcen. An die will ich zuerst.«
Aus der Tür des roten Wohnblocks vor den Tunneln kommt Geschrei. Einer von Matteos Leuten zieht drei der dort wohnenden Infizierten an den Kleidern hinter sich her. Claudio springt auf die Gleise und winkt sie zu sich.

Matteo erkennt Salvatore, Claudios kleinen Bruder. Die drei Infizierten kennt er nicht. Salvatore lässt sie auf dem Schotter knien.
»Sie haben Essen gestohlen!«, ruft er und zieht die Nase hoch. Dann ein zweites Mal und spuckt hinter sich aus. Nur der rechte der drei sieht nach oben, Matteo direkt ins Gesicht.
»Stimmt das?«, will er wissen und springt vom Bahnsteig runter auf den Schotter zwischen den Gleisen, geht vor den drei Infizierten in die Hocke, sieht sie der Reihe nach an. »Wie heißt du?«, fragt er den rechts Knienden.
»Ugo.«
»Warum hast du Essen gestohlen? Bekommt ihr nicht genug?«
Ugo sieht nach rechts.
»Sie haben gestohlen! Auch meines! Ich habe es mir nur wiedergeholt und ihres dazu. Als Strafe!«
Matteo zieht die Luft ein. Sie wird zunehmend feuchter, obwohl es noch so früh ist. Dann richtet er sich auf. Mit dem Fuß stupst er einen der beiden anderen am Knie.
»Stimmt das, was Ugo sagt?«
Nach kurzem Zögern nicken beide.
»Claudio! Hol Guiseppe! Jetzt sofort!«
»Wird erledigt, Matteo!«
»Was machen wir mit ihnen?«, fragt Salvatore. Matteo setzt sich auf den Bahnsteig.
»Warten. Wir warten bis Guiseppe kommt.«

Kann gut sein, dass es heute Abend einen Tornado gibt, denkt Matteo und sieht Claudio mit Guiseppe über die Gleise steigen. Er steht auf und geht auf Claudio zu.
»Gib mir deine Waffe.«
Claudio zieht die Waffe aus dem Hosenbund und gibt sie Matteo. Der entsichert, kontrolliert Magazin und Lauf. Warum muss ich das jetzt tun? Warum kann es nicht sein, wie damals? Matteo schießt den beiden links von Ugo in den Kopf. Sie kippen nach hinten. Guiseppe schweigt.
»Das passiert, wenn wir uns gegenseitig bestehlen«, sagt Matteo zu Ugo, der zu ihm aufsieht mit festem Blick, ohne ein Zucken im Gesicht. Vielleicht der bessere Anführer? Matteo feuert Guiseppe zweimal in die Brust. Der sackt zusammen wie ein nasses Handtuch. »Und das passiert, wenn man seine Leute nicht im Griff hat«, stellt Matteo fest.
»Ugo?«
»Ja?«
»Du hast richtig gehandelt. Dein Essen zurückgeholt, sie bestraft und den Kopf oben behalten. Ich will, dass du immer richtig handelst. Wenn ich dich zum Boss der Infizierten mache, hast du deine Leute dann im Griff?«
»Ich werde sie im Griff haben. Versprochen.«
Matteo gibt Claudio die Waffe zurück.
»Räumt hier auf! Ich gehe mit Sara zum Hafen.«

Mit Sara die vierhundert Meter zum Hafen gehen, ist keine gute Idee, so viel steht fest. Matteo verflucht sich. Die drei Uniformierten haben Atemschutzmasken auf und eine Art Schutzanzug an, der offenbar vor den Viren schützen soll. Als das Schlauchboot den alten Hafen verlässt und entlang des Kanals fährt, beginnt die Fahrt unruhig zu werden. Eine leichte Dünung lässt das Schlauchboot immer wieder aufs Wasser klatschen. Bei jedem Aufprall stöhnt Sara auf und Matteo bittet um eine Reduzierung der Geschwindigkeit. Bis zum Anleger sind es knapp vier Kilometer. Er lehnt sie mit dem Rücken gegen seine Brust, greift vorsichtig unter ihren Bauch und hält ihn fest, spürt das Rumoren darin. Vielleicht Tritte oder das Kleine boxt. Sie passieren den Ponte Eritrea, zwei Frachtschiffe sind dort festgemacht. Dann den Ponte Libia mit zwei Containerschiffen. Matteo malt sich all den Schrott aus, der dort ankert, all die Container mit Inhalten. Die Güterwaggons auf dem Verladebahnhof. Sara stöhnt, greift sich in den Schritt und Matteo sieht eine blutige Hand vor sich. Er schreit auf.

Rénards Leute handeln schnell, professionell. Matteo kommt nicht umhin, sie zu bewundern. Eine Trage steht bereit, eingehängt an einem Seilsystem. Über einen angewinkelten Schacht wird sie samt Sara ins Bootinnere hinabgelassen, direkt in die Krankenstation. Zwei Polizisten begleiten Matteo ins Schiff, führen ihn zum OP. Sara liegt unter einem weißen Gerät. Ein Stuhl wird ihm zugewiesen und er fühlt sich an einen Traum erinnert. Alles geschieht ohne sein Dazutun. Überall ist Bewegung, Anweisung. Nur er schweigt.
»Blutdruck runter auf neunzig! Puls bei sechzig!«
»Die Nabelschnur …«, hört er eine Frau sagen. Welche war es? Alle haben Masken auf.
»Wir machen einen Kaiserschnitt!«
Matteo schreckt hoch, will aufstehen. Eine kräftige Hand drückt ihn zurück. Der Polizist. San Antonio steht auf seiner Brust. San Antonio lächelt.
»Wir brauchen Konserven! Welche Blutgruppe?!«
Matteo will antworten, aber er weiß es nicht. Warum kenne ich Saras Blutgruppe nicht?! Da schwirrt nur die Blutgruppe seiner verstorbenen Frau im Kopf. Und das ist schon … ich kann mich nicht erinnern! Jemand sagt die Blutgruppe. Eine Frau kommt mit roten Beuteln. Das grelle Licht schmerzt in Matteos Augen. Das Piepsen …
»Blutdruck runter auf sechzig!«
»Arterienklammer!«
Matteo presst das Gesicht in seine Hände. Er riecht das Abfeuern der Waffe, den schwefligen Geruch. Etwas schreit. Ich erinnere mich!, denkt er. Das Krankenhaus in Bologna, der erste Schrei. Er will aufspringen. Dieses Mal drücken ihn zwei Hände zurück. Eine blaue Uniform vor ihm. Er denkt ans Töten. Wieder ein Schrei der übergeht in eine dünne, aber kräftige Stimme. Das Kind! Mein Kind!
»Defi!«, ruft jemand. »Ziehen Sie Adrenalin auf!« Dann »Achtung! Zurücktreten!« Ein Summen. Matteo sieht nur Uniform. Er atmet den Geruch des Mannes vor ihm. San Antonio. Eine Stimme schickt ihn weg und ein gewickeltes Bündel Mensch schiebt sich in Matteos Sichtfeld. »Es ist ein Junge«, sagt die Stimme. Mit zerknautschtem Gesicht und glatten, schwarzen Haaren. Es schreit. Eine Hand rutscht auf der Liege unter dem blauen Laken hervor, die Finger leicht gebogen. Saras Hand. So weiß. Ein nasser Vorhang drückt sich vor Matteos Blick und ein Krächzen in seine Ohren. Der Junge öffnet die Lider. Grüne Augen. Wie Sara, denkt er. In diesem Augenblick fällt ihm ein, warum Rénards Vertrag so perfekt ist. Weil Matteo nicht der einzige Mensch ist, der diese Idee hatte. Es wird Dutzende geben, an allen Küsten auf diesem Planeten. Dutzende Händler wie er. Er küsst die kleine Nase vor ihm.
»Du sollst Lethe heißen, mein Kleiner.«

 
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Grundlage des Kommentares bildet die ursprüngliche, mitternächtlich Fassung. Können also Abweichungen nicht ausgeschlossen werden ....

Manchmal wünschte ich, Hellene/n füllte/n Lethe in Flaschen ab und verkaufte sie (natürlich angereichert) Bierkästenweise – aber es wird nix nützen, der Club of Rome hatte bereits vor rund fünfzig Jahren gewarnt und heute fürchtet man, dass durch Corona das Wachstum (nicht also die Menge der produzierten nützlichen wie unnützen Dingen, sondern nur der Zuwachs) halbiert werden könnte. Wie bekloppt muss technologisches Denken sein? Warum will man nicht den Cournotschen Punkt* erreichen ...

Schöne Bescherung, sag ich da, bei Deinem Apocalypso,

lieber Morphin -

und haben wir nicht gerade erst die Phase überwunden, dass Noah seinen Sohn - Kanaan – (wer schlechtes dabei denkt, verdrängt die beiden anderen Söhne) verflucht, weil dieser ihn nackt gesehen hat? Ich hab gut reden, als Verweigerer selbst gegenüber dem Führerschein – weil a) kurzsichtig, b) halb taub (aber nur linksseitig, also an der gefährlichen Verkehrsseite) und wahrscheinlich aller andern Augen c) doof. Da lässt sich gut mit leben und schon der Titel

Exodus: Du sollst Lethe heißen

verbindet den alttestamentarischen, semitischen Titel (lange vor dem mosaischen, die Sintflut taucht in allen Weltgegenden auf) mit dem altgriechischen Mythos. Aber es gibt noch einiges jenseits der Dystopie zu besprechen, wobei ich die Vieldeutigkeit des Verbes „stehen“

Auf dem alten Stellwerk stehend, kann er es nur undeutlich verstehen.
hervorheben will - das ja trotz seiner vermeintlichen Standfestigkeit im Verstand flexibel ist.

»Gut, Romina! Gib ihm zu essen und lass an alle anderen ebenfalls was verteilen. Dazu ausreichend Wasser! Bring den Anführer in die Wartehalle! Ich komme runter!«
Warum die Flut an Ausrufezeichen und ausgerechnet bei den Imperativen (gib, lass) nicht? Das Ausrufezeichen als Regieanweisung für einen evtl. bellenden Tonfall?

Und wo wir gerade bei Satzzeichen sind -
klingt das nicht frag(ezeichen)würdig

»Wie darf ich Sie nennen«, will er wissen.

»Sie ist hochschwanger, ihre Frau«, erwidert Guiseppe …
Auch in der größten Not freund- und höflich bleiben „Ihre“, lieber Jupp!

Guiseppe Lombardi beugt den Oberkörper ein paar Zentimeter vor, dreht den Kopf etwas, als wollte er ein Echo von Matteos Erklärung aufschnappen.
Klappt doch ... mit dem Konj. II (dank des Modalverbes ... denk ich)

»Ihr seid von Alessandria bis hier her gelaufen?«
ich mein „hierher“ zusammengesetzt zu kennen …

Hier musstu wegen der Zeitenfolge

»Für eine Heimat tun wir fast alles«, entgegnet der, den Guiseppe mit Daniele vorstellte. Den Carabinieri. Matteo nickt lange und starrt auf seine Hände. Das war es, was er wollte, seit Monaten angestrebt hat.
noch mal ran - „entgegnen“ als Ausgangspunkt ...

Und was wäre, wenn es mit der Abordnung der Inseln zu keiner Übereinkunft käme?
Ich freu mich, dass es mit dem Konj. II klappt – kann Dir aber bestätigen, dass der Indikativ

Und was ist, wenn es mit der Abordnung der Inseln zu keiner Übereinkunft kommt [oder: kommen wird]?
es auch „täte“

Es gibt gar nicht genug Wasser im Lethe, um all das zu vergessen …
wie wahr ...

Also schweigt Matteo ebenso und hofft, die sonst so lebhafte Romina macht es ihm nach.
Hier ist tatsächlich Konj. I als indirekte Rede „Romina mache es ihm nach“ angesagt (wobei Konj. II – „Romina machte es ihm nach“ nicht ausgeschlossen ist.
Auf der sicheren Seite ist da immer ein „dass-“Konstruktion „…, dass die sonst so lebhafte Romina es ihm nachmacht.“

Sei ohne Regung, hatte er sich gestern vorgenommen.
Weniger Konj. I als Imperativ (!) denk ich. Warum nicht „bleib(e)!“?

Bevor er sie erreicht, neben dem hohen Turm des Bootes, hört er ihre Worte.
Ich meine, es geht mit der Hälfte an Kommas, was allerdings auf einer Formulierung
„Bevor er sie neben dem hohen Turm des Bootes erreicht, hört er ihre Worte“ fußt

Eine Wasseraufbereitungsanlage, eine Entsalzungsanlage, unsere neuesten Batterien, Photovoltaik und eine mobileKOMMA medizinische Station.
Die Gegenprobe mit „und“ widerspricht dem nicht

Tun Sie mir einen Gefallen und bringen Sie ihre Frau hierher.
„Ihre“

»Wir waren alle mal Eltern«, hört er Rénard sagen und sich entfernen.
„ hört er Rénard ... sich entfernen“ wirkt auf mich seltsam … besser kleinster Relativsatz „der sich entfernt“ anstelle des „und ...“

Ich habe es mir nur wiedergeholt, und ihres dazu.
Komma weg!

Matteo schießt den beiden links von Ugo eine Kugel in den Kopf.
Sehr sparsamer Umgang mit der Munition, lass die Kugel weg … wird keiner an Wattebäuschchen denken ...

»Das passiert, wenn wir uns gegenseitig bestehlen«, sagt Matteo zu Ugo, der zu ihm aufsieht, mit festem Blick, ohne ein Zucken im Gesicht.
Komma vor „mit“ weg!

Mit Sara die vierhundert Meter zum Hafen gehen, war keine gute Idee, so viel steht fest.
Zeitenfolge ... "ist"

Über einen angewinkelten Schacht wird sie samt Sara ins Bootinnere hinabgelassen, …
besser mit Fugen-s „Bootsinnere“


Er riecht das Abfeuern der Waffe, der schweflige Geruch.
„den schwefligen ...“

»Defi!«KOMMA ruft jemand.

* Ich weiß es natürlich ... und auch, warum er in Vergessenheit selbst in der fleißgsten und erfolgreichsten Betriebswirtschaft geraten ist und gerade wegen Lethe wieder auftauchen könnte ...

 
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Gruezi @Friedrichard,

und schon verbessert. Besten Dank fürs mitternächtliche(?) Lesen und den Kommentar. Langsam nähern wir uns dem Ende der Serie. Nun ist noch ein Teil in meinem Kopf. Da bin ich am graben nach Infos, nützlichen Infos. Im Roman fällt der Begriff 'Thessaloniki'. Dort scheint sich etwas abgespielt zu haben, was später große Bedeutung hat.

Ja, die Fakten, die Tatsachen sind bekannt. Viele Menschen interessiert es nicht, verlassen sich auf einen Staat, eine Regierung ... dabei ist es für nicht wenige von uns gar nicht schwierig, selbst etwas zu tun. Ausreichendes zu tun. Das 'gute Leben' leidet überhaupt nicht darunter. Im Gegenteil. Da gilt das einfache Prinzip: die Masse 'könnte' es machen - wenn sie denn wollte. So vergeht Tag um Tag und die Zündschnur wird nicht nur kürzer, sie brennt von Tag zu Tag schneller.

Andererseits ... so viele derjenigen, die ganz locker Vorbilder (materiell) sein könnten, sind es nicht. Tja, wenn die Großkopferten sich nicht dran halten, warum sollte ich dann ...

Ich bin ganz ehrlich ... ich habe ein sehr schlechtes Gewissen, meinen Kindern gegenüber; und auch denen gegenüber, die ich morgens zum Kindergarten laufen sehe. Und die ich nicht sehe.

Grüße
Morphin

 
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'Thessaloniki'.

hm, da fällt mir nix anderes als Mazedonien und die Eroberung der (damals) bekannten Welt durch die Familie Alexander des Großen ein ... und - natürlich bei meinem bekloppten Hirn - dessen Vorbild Achill & Troja ...

Klar, mit Prometheus und der Nutzbarmachung - oder besser: Handhabung - des Feuers wird die Atmosphäre jenseits des Waldbrandes und der natürlichen Darmgase mit schädigenden Gasen belastet. Ein verdammt weites Feld ...

Ich bis gespannt, wenn auch nicht wie*n Flitzebogen ...

Schon mal vorsorglich 'n schönes Wochenende ausm Pott vonnet

Dante Friedchen

 

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