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Express ins Elend

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05.03.2015
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Express ins Elend

Max ließ die kleingehackten Zwiebeln und den Knoblauch vom Plastikbrett in die Pfanne rutschen. Bei ein paar unwilligen Stückchen half er mit dem Messer nach. Es zischte und heißes Öl spritzte ihm an die Hand. Er merkte, wie hungrig er war. Seine Mitbewohnerin kam mit einer Freundin in die Küche.
„Das riecht aber gut.“
Max begrüßte die beiden kurz und widmete sich wieder seiner Sauce. Er streute Zucker, Salz und Chilipulver dazu und als sich die ersten braunen Stellen bildeten, kippte er eine große Dose Tomaten drüber. Während er umrührte, hörte er seine Mitbewohnerin mit übertriebener Überraschung in der Stimme sagen:
„Was ist überhaupt los? – Du trägst ja eine Hose!“
„Ja, ich weiß auch nicht, warum ich die überhaupt anprobiert habe. Aber als ich gesehen habe, wie sie sitzt, musste ich sie kaufen“, antwortete die Freundin.
Max schaute sich die junge Frau genauer an. Sie konnte nicht älter als Zwanzig sein. Die schwarze Jeans stand ihr tatsächlich ziemlich gut. Sie war sehr schlank, hatte aber relativ breite Schultern. Durch die Hose bekam sie ein wenig Taille.
„Gehst du sonst unten ohne oder warum ist es was Besonderes, wenn du eine Hose trägst?“, fragte Max.
„Nein, nein. Aber sonst trage ich eigentlich immer Röcke.“
„Verstehe. Die stehen dir sicherlich genauso ausgezeichnet.“
Sie errötete leicht.
„Danke dir. Du bist ja ein Charmeur.“

Max aß drei Teller Nudeln, dann ging er duschen. Bevor er das Bad verließ, warf er einen letzten Blick in den Spiegel. Er sah genauso aus, wie er aussehen wollte. Das neue Band-Shirt von Led Zeppelin spannte ein wenig über seiner Brust, die er vom Vater seiner Mutter geerbt hatte, die zwei Mal umgeschlagenen Ärmel legten seinen kompakten Bizeps frei, der gerade noch klein genug war, um nicht aufgepumpt zu wirken. Er trug die Haare drei Millimeter kurz und ließ sich an Oberlippe und Kinn einen Bart stehen. Zusammen mit den ausgewaschenen Jeans und den schlichten Adidas-Sneakern verlieh ihm dieser Look ein Auftreten, mit dem er aus dem Meer von Wuschelköpfen und Gelfrisuren an der Uni herausstach, das wusste er. Er fuhr sich mit der Hand über den Schädel und sah sich einen Moment lang in seine blassblauen Augen. Ein Gefühl von Entfremdung packte ihn, dann tauchte er in einen See voll Kraft.

Er verließ das Haus, zog sich die Kapuze seines Hoodies über den Kopf und kramte die Zigarettenschachtel aus der Innentasche seiner Lederjacke. Dann überquerte er die Straße und ging durch den Park. Bis auf die Wege und den Sportplatz war alles stockduster. Er erinnerte sich daran, wie er irgendwann mal mit seinen Freunden genau in dieser Düsternis gehockt hatte. Es war Sommer gewesen und sie hatten ein paar Tüten geraucht. Sie hatte nichts gesehen außer die rot aufglühenden Spitzen und waren umweht worden vom Geruch sich öffnender Türen. Von irgendwo war der Klang von Bongo-Trommeln zu ihnen getragen worden, verheißungsvoll und wild, aber auch bedrohlich. Plötzlich war Blaulicht aufgezuckt. Sie hatten das Gras ins Gebüsch geworfen und waren still geworden, dann hatte der unberechenbare Psycho ihrer Truppe laut gerufen: „Hier sind wir!“ Max hatte ihm eine verpasst und zugeraunt, dass er bloß die Schnauze halten soll. Irgendwann war es wieder schwarz geworden und sie hatten weitergeraucht.

Kurz vor Elf erreichte Max den Barbarossaplatz. In einem Kiosk kaufte er sich eine neue Schachtel Kippen und ein Bier. Jan kam mit der nächsten Bahn aus Rodenkirchen.
„Hello!“
„Hi, alles klar bei dir?“, fragte Max.
Die beiden großen Kerle schlugen ein und umarmten sich. Max zündete sich eine an. Die Bahn stand noch immer an der Station und Max bemerkte, wie ihn hinter der Scheibe eine Frau fixierte.
„Ich glaub, ich hab heute Mojo“, sagte er.
„Wie kommst du drauf?“, fragte Jan mit seinem Affengrinsen.
„Ist so ein Gefühl. Wie sieht’s bei dir aus?“
„Vielleicht. Kann ich noch nicht sagen. Hast du Hunger? Ich muss auf jeden Fall noch was essen.“
„Nein, ich hab grad drei Teller Nudeln gegessen.“
"Oruc?"
„Sag du es mir."
„Oruc!“

Im Imbiss drängten sich so viele Leute, dass die Scheiben beschlagen waren.
„Ich warte draußen“, sagte Max.
Er lehnte sich an ein Straßenschild und zündete sich die nächste Kippe an. Es waren viele Leute unterwegs und auch die Kneipe gegenüber war gerammelt voll. Nach etwa zehn Minuten kam Jan mit einem Dürüm wieder raus.
"Immer noch nur Fleisch mit Sauce?", fragte Max.
"Yessir", sagte Jan und biss beherzt in die unteramdicke Rolle.
„Ich glaube, heute ist ne gute Nacht. Mega viel los“, sagte Max.
„Ja, ist mir auch schon aufgefallen", schmatzte Jan und wischte sich Tsatsiki vom Kinn. "Ist irgendwas Besonderes?“
„Keine Ahnung, weiß von nichts.“
„Wahrscheinlich Zufall. Manchmal gehen einfach alle gleichzeitig raus.“

Sie liefen zurück zum Barbarossaplatz und nahmen die 18 zum Dom. Vor dem Eingang zum Club hatte sich bereits eine große Traube gebildet. Unter einigen Jacken lugten schrille Sportklamotten hervor, ein paar Frauen trugen Schweißbänder und hattten sich die Haare toupiert.

„Hier, deine Nummer“, das Mädel in der Garderobe reichte Max den Zettel heraus und lächelte ihn dabei zuckersüß an. Er lächelte zurück und wandte sich dann zu Jan:
„Dann wollnwamal.“
Jan tat so, als wollte er Max boxen, der drehte sich weg, und Jan sprang ihm auf den Rücken.
"Hör auf, Alter. Das ist ja peinlich."
Max schüttelte ihn ab und sie stiegen nacheinander die Treppe hoch. Ein hässlicher Bass warf sich ihnen entgegen und der Gesang kreischte hinterher. Körper zwängte sich an Körper, die niedrige Decke sorgte für noch mehr Enge. Auf einer Bühne heizten zwei verschwitzte Männer in viel zu knappen Trikots der Menge mit Showeinlagen und Zwischenrufen aus einem Megafon ein. Wegen diesem Wahnsinn war die Party schnell berühmt geworden.
„Ich geh uns zwei Kölsch holen“, schrie Max. Er wühlte sich zur Bar, passte einen Typen ab, der sich mit seinen Drinks vom Tresen wegdrehte, und zwängte sich in die Lücke. Auf die Ellenbogen gestützt aus der Reihe der Wartenden hervorragend verfolgte er die Barkeeper mit seinen Augen und als einer den Blick schweifen lief, fing Max ihn auf und zeigte blitzschnell das Peace-Zeichen. Der Barkeeper nickte ihm zu. Da spürte Max, wie ihn jemand in die Seite knuffte. Eine junge Frau mit offenem Gesicht deutete an, dass sie ihm etwas sagen wollte, und er beugte sich zu ihr herunter:
„Wir stehen schon länger hier!“
Max musste sich konzentrieren, um die Worte zu verstehen. Sie setzte eine beleidigte Mine auf, die bald einem Lächeln wich.
„Du warst halt zu langsam!“, gab er schnippisch zurück.
Dann lächelte er sie breit an. Sie gab ihm einen Klapps auf die Schulter und schaute böse.
„Was wollt ihr denn haben?“, fragte Max, diesmal betont höflich.
„Drei Gin Tonic.“
Der Barkeeper stellte die beiden Kölschstangen auf die Theke und Max gab ihm 4 Euro in Münzen. Dann rief er:
„Und noch drei Gin Tonic, bitte!“
Er zwinkerte der Frau zu und ließ sie dann mit ihren Freundinnen stehen. Als er sich noch einmal kurz umdrehte, fing er erneut ein Lächeln von ihr auf. Er stellte sich wieder neben Jan an die Wand und fischte eine Gauloises aus der Schachtel. Sie betrachteten die Tanzfläche.
„Nicht schlecht, oder?“, sagte Max.
„Alles andere als schlecht, würde ich sagen“, gab Jan zurück. Kurz darauf ging er die nächste Runde holen. Vor Max tanzte ein Grüppchen junger Frauen und noch ehe er sich irgendwelche Gedanken zu ihnen machen konnte, tänzelte eine zu ihm rüber:
„Ich liebe dein T-Shirt!“
Max schaute demonstrativ an sich runter.
„Danke.“

Jan kam zurück und reichte ihm ein volles Glas. Max zog den Schaum ein und ließ das kühle Bier seine Kehle hinunterlaufen. Ihm wurde plötzlich klar, dass alles für eine famose Nacht bereitet war, er musste nur noch loslassen. Er trank mehr Bier, dann auch den einen oder anderen Tequila. Seine Tanzbewegungen wurden ausladender und als eine aufblasbare Gummischildkröte bei ihm landete, führte er ein paar schlechte Walzerschritte mit ihr vor und die Umstehenden lachten über seinen Scherz. Kurz darauf kam wieder eine Frau unvermittelt auf ihn zu.
„Du siehst wirklich unfassbar gut aus!“
Die Frau war Max vorher nicht aufgefallen und er hatte keine Ahnung, warum sie ihm das einfach so sagte. Er bedankte sich und erzählte Jan, was gerade passiert war.
„Und das geht schon den ganzen Abend so.“
Jan schlug ihm vor die Brust:
„Wie’s aussieht, hast du heute wirklich Mojo.“
„Kann sein, aber das ist nicht normal. Ich komm mir vor wie ein scheiß Rockstar. Was ist hier los?“
Jan lachte. Er begriff nicht, dass das Ganze Max wirklich surreal vorkam. Er hatte Vergleichbares noch nie erlebt. Er holte mehr Bier und tanzte nun so ausgelassen, dass die Menschen neben ihm zu Schemen wurden.

Irgendwann ließ er den Blick wieder schweifen und ihm fielen drei Personen auf, die gerade den Tanzsaal betraten. In der Mitte ging ein schwarz gekleideter Mann um die Fünfzig. Er war mittelgroß, sehr schlank und glattrasiert. Seine grauen, ein wenig schütteren Haaren hatte er zu einem Pferdeschwanz gebunden. In jedem seiner Arme hatte sich eine Mittzwanzigerin eingehakt, auch sie beide ganz in Schwarz: Rechts eine schlanke Brünette, die ein kurzes Kleid und Strumpfhosen trug, links eine dralle Blondine mit zum Bob gestutzten Haaren in Jeans und hautengem Top. Beide steckten in High-Heels und hatten nicht an Make-up und Lippenstift gespart. Nicht nur Max, auch Jan fielen die drei sofort auf.
„Was wollen die denn hier?“, fragte er Max.
„Keine Ahnung, aber die passen null hierher.“
„Sieht aus wie ein Zuhälter mit zwei Call-Girls."
„Aber echt, ey!“
Die drei sahen sich kurz im Raum um, dann ging der Mann an die Bar und die Frauen steuerten eine Art Tresen neben der Tanzfläche an. Max behielt sie weiter im Auge und sah, wie der Mann mit drei Long Drinks zurückkam und zwei davon an die Frauen reichte. Sie zogen an den Strohhalmen und unterhielten sich. Nach einer Weile begannen die Frauen zu tanzen und wurden vom stampfenden Sumpf verschluckt. Max ging zu den Klos.

Als er zurückkam, blieb er zwischen Bar und Tanzfläche stehen, um nach Jan Ausschau zu halten, entdeckte ihn aber nicht. Stattdessen tauchte die schwarz gekleidete Blondine vor ihm auf und durchbohrte ihn mit einem Blick aus stechend grünen Augen. Diesen Blick konnte Max deuten, aber in dieser Intensität hatte er ihn noch nie aufgefangen. Er hielt ihm stand, machte zwei Schritte auf sie zu und packte sie, ohne ein Wort mit ihr zu wechseln. Sie erwiderte seinen Kuss und eng umschlungen standen sie eine Weile mitten in der Menschenmenge. Seine Hände gingen auf Erkundungstour und sie ließ es geschehen.
„Sollen wir rausgehen?“, fragte er sie, als er sich der unruhigen Umgebung gewahr wurde. Sie nickte.
„Ich muss aber noch kurz Tschüss sagen“, sagte sie.
Max erinnerte sich, dass sie Teil dieses seltsamen Grüppchens war. Er entdeckte Jan und ging zu ihm.
„Alter, ich bin weg.“
„Mit der Blonden?“
„Ja“, grinste Max und schaffte es nicht, den Stolz aus seiner Stimme herauszuhalten.
„Ich weiß nicht, irgendwas kommt mir da komisch vor“, sagte Jan.
„Ach, komm schon“, entgegnete Max. „Was soll da komisch sein? Glaubst du wirklich, dass das Nutten sind, oder was?“
Jan zögerte kurz, dann zuckte er mit den Schultern.
„Wahrscheinlich nicht.“
Er schlug Max auf den Rücken.
„Have fun! Und schreib mir morgen, wie’s war.“

Die Frau wartete an der Treppe auf Max. Er musterte sie noch einmal. Sie hatte eine Figur wie Sophia Loren, noch größere Brüste sogar, und dieselben vollen Lippen, sah also aus wie Fleisch gewordene Weiblichkeit. Es wirkte schon überzeichnet. Übersah er etwas? Was hatte so eine Frau an der Seite von einem schmierigen alten Sack in einem Studentenclub zu suchen? Und warum gab es gleich noch ein brünettes Gegenstück zu ihr? Und warum hatte sie sich ihm augenblicklich an den Hals geworfen, ohne jedes Spielchen? Hatte Jan etwa recht gehabt? Waren die beiden Nutten und das alles eine Falle? Max kamen Zweifel. Als er bei der Frau war, entschuldigte er sich, um erneut zu den Toiletten zu gehen. Über das Waschbecken gebeugt spritzte er sich Wasser ins Gesicht. Es wirkte alles äußerst komisch, das stand außer Frage. Aber andererseits hatten sich ihm die Frauen den ganzen Abend lang förmlich aufgedrängt, warum auch immer. Wusste der Teufel, was sie mit diesem Typen und dieser anderen aufgetakelten Frau hier zu suchen hatte. Vielleicht waren sie Nutten, hatten aber schon Feierabend. Ach, Quatsch! Wahrscheinlich schoben Jan und er sich nur einen Film. Bei Lichte betrachtet waren da doch einfach nur zwei Frauen mit einem alten Typen bei der falschen Party gelandet. War ihm doch auch schon passiert. Max blickte in den Spiegel und realisierte, dass sein Grübeln eine Scharade war. Er hatte seine Entscheidung längst getroffen. Und wenn er sich jetzt nicht allzu naiv verhielt, bestünde doch gar kein Risiko. Was sollte schon passieren? Er verließ den Toilettenraum und ging mit der Frau zur Garderobe. Das Mädchen lächelte ihm wieder zu, kaum merklich diesmal, und Max meinte eine Spur von Bedauern in ihrem Blick zu erkennen.

Sie verließen den Club und gingen über den Parkplatz, wo die Penner hinkacken und die Taxifahrer eine rauchen. Max bot der Frau seinen Arm an und sie hakte sich unter.
„Wie heißt du eigentlich?“, fragte er.
„Giulia, und du?“
„Max.“
„Bist du aus Köln?“
„Nein, aus Duisburg.“
„Ah, und was machst du hier?“
„Mit dir irgendwo hingehen ... Wo gehen wir eigentlich hin?“
„An den Rhein, hab ich gedacht.“
„Ok.“
Max drehte sich kurz um. Niemand folgte ihnen. Auch wenn er sich mittlerweile fast sicher war, dass sie keine Nutte war, so wollte er doch ein wenig Abstand zum Club gewinnen und die Uferpromenade lag ein paar hundert Meter entfernt.
„Und, was machst du so? Studieren?“, fragte er.
„Nein, ich arbeite“, antwortete sie.
„Ok. Als was?“
„Als Model“, erwiderte sie, als sei das ein Beruf wie Verkäuferin oder Lagerist.
Model? Was sollte das heißen? Das war doch ein Code-Wort für Nutte. Oder war sie Nacktmodell? Ein Laufstegmodell war sie jedenfalls nicht, mit dieser Figur. Vielleicht war sie Pornodarstellerin. Dann war die andere Frau auch eine und der Typ war ihr Manager oder ein Regisseur. Max blickte sich wieder um und sah den Dom grünlich aufschießen. Er liebte diesen Anblick, auch wenn er nicht katholisch war, ja nicht einmal getauft. Kein halbes Dutzend Mal war er in dieser Kirche gewesen, aber darum ging es nicht, denn die zwei Zacken waren schlichtweg die Leuchttürme seines ganzen Lebens gewesen. Kein Auto war mehr auf den Straßen und auch die Promenade zog sich verlassen an dem dunklen Streifen entlang, der die Stadt zerriss. Max war nicht mehr so selbstsicher wie zuvor. Die paar mit ihr gewechselten Worte hatten ihm klargemacht, dass er nichts mit der Frau zu reden hatte, und er spürte, dass sie das auch wusste. Das schmerzte ihn und es fühlte sich plötzlich falsch an, mit ihr Richtung Ufer zu gehen.

Sie lehnten sich an das Mäuerchen. Er nahm sie in die Arme und küsste sie, fuhr ihr mit einer Hand unters Top und spürte die straff sitzenden Träger ihres BHs auf. Ihre Hände glitten ganz selbstverständlich auch unter sein Shirt. Sie strich ihm über den Bauch.
„Wow, so hart!“, säuselte sie.
Max stutzte. Meinte sie das ernst? Er war ganz gut in Form, das schon. Aber er hatte keinen Waschbrettbauch. Hatte sie das gesagt, um ihm zu schmeicheln? So etwas hatte er noch nie erlebt und ihm kam wieder das Wort in den Sinn: Nutte. Er ließ den Blick schweifen, aber sie waren noch immer allein. Er spürte, wie sie ihm zart über den Hals leckte und ließ sich wieder fallen. Seine Hand fuhr in ihre Jeans, zwischen ihre Pobacken. Sie stöhnte auf, während er das tat, doch als er seine Hand vorne in die Hose rutschen lassen wollte, hielt sie ihn auf.
„Das geht heute nicht.“
Max zog seine Hand zurück. Hatte sie ihre Tage? Oder wollte sie nicht so weit gehen? Er murmelte:
„‘Tschuldigung“.
„Konntest du ja nicht wissen“, sagte sie. Es klang arglos wie von einem Kind gesprochen. Dann sagte sie im selben Tonfall:
„Aber ich kann dir einen blasen, wenn du willst.“
„Klar will ich!“, hörte Max sich zustimmen, bevor er ihren Satz verarbeitet hatte. Jan hatte recht gehabt! Er ging einer Masche auf den Leim wie der letzte Dorftrottel. So verhielten Frauen sich nicht, schon gar nicht unter der Hohenzollernbrücke. Das war ein Set-Up. Das war hundert Pro ein Set-Up! Sie packte in seinen Schritt. Aber es wusste doch überhaupt niemand, wo sie waren. Sie begann, seine Hose aufzuknöpfen. Wie sah die Falle aus? Sie hatte doch niemandem geschrieben.
„Warte! Nicht hier“, sagte er.
Sie hielt inne.
„Lass uns da rüber gehen.“
Er nickte zum Büdchen, wo man tagsüber Tickets für Rheinfahrten kaufen konnte. Die zum Fluss hin liegende Rückseite lag im Schatten der Laternen. Dort würden sie kaum zu sehen sein.

„Sag mir Bescheid, bevor du kommst“, bat sie.
„Ok.“
Wieder wunderte sich Max über ihren Tonfall. Sie ging in die Hocke, öffnete seine Hose, zog sie herunter und begann. Max verschränkte seine Arme hinter dem Kopf, nur um sie sogleich wieder herunterzunehmen und in die Seiten zu stemmen. Auf der anderen Flussseite leuchtete es grün von der Spitze des Messeturms: „koeln“. Er blickte zu ihr herunter. Sie lutschte und saugte so beherzt wie keine vor ihr. Dabei sah sie auffordernd zu ihm hoch. Es wirkte alles nicht echt, dachte Max. Es wirkte … professionell. Genau in diesem Moment erfasste ein Lichtkegel den kleinen Raum zwischen Bude und Geländer.
„Scheiße“, stieß Max hervor und zog die Frau schnell hoch, sodass sie ihn verdeckte.
„Was ist los?“
Schon standen sie wieder im Dunklen und Max starrte den Rücklichtern eines Straßenkehrfahrzeugs hinterher, die ein gutes Stück die Promenade runter glühten. Es musste kurz aufgeblendet und dann gewendet haben.
„Ich dachte, da käme jemand.“
„Wäre das schlimm?“
„Ich steh hier mit heruntergelassener Hose.“
„Soll ich aufhören?“
„Auf keinen Fall!“
Max küsste sie und zog Top und BH unter ihre Brüste. Er streichelte sie, vergrub dann sein Gesicht zwischen ihnen. Ihm war jetzt egal, wer noch abkassieren käme. Er biss ihr heftig in den Hals, während sie es mit der Hand beendete. Es tropfte zwischen ihnen aufs Pflaster.

Max zog seine Hose hoch.
„Danke, das war toll“, sagte er.
„Hat mir auch Spaß gemacht“, sagte sie.
Er sah sie an. So stark geschminkt war sie gar nicht. Sie legte den Kopf an seine Brust, fragte:
„Und jetzt?“
„Ich weiß nicht … Sollen wir nach einem Kiosk suchen und uns noch was zu trinken holen?“
„Hat denn jetzt noch was auf?“
„Irgendwas hat immer auf.“
„Ok, ich folge dir.“
Sie lachte und drückte den Kopf noch etwas fester an ihn. Max war das unangenehm. Er wollte sie nicht so nah an sich haben.

Sie machten sich im Bahnhof auf die Suche nach einem Kiosk. Im hellen Licht der Passagen merkte Max, wie erschöpft sie aussah. Und als sie die Domtreppe hinaufstiegen, schwankte sie. Er reichte ihr die Hand, um ihr zu helfen. Sie griff danach und ihre Jacke ging auf. Max sah, dass ihre Brüste noch freilagen.
„Ähm …“
Er deutete auf den Bereich.
„Ups … Oh Gott!“, sie lachte und zog ihr Top hoch.

Sie setzten sich auf die Stufen vor dem Hauptportal. Ihr Kopf sank auf seine Schulter und Max legte den Arm um sie. Er begann sich elend zu fühlen. Er nahm einen Schluck und starrte das Café vor ihnen an.
„Die haben guten Kuchen.“
„Was?“
„Die haben guten Kuchen“, wiederholte er.
„Wer?“
„Na, das Café.“
Sie öffnete die Augen.
„Ja?“
„Ja. Gehen alle Omas hin. Die kennen sich aus.“
Sie lächelte matt und schloss die Augen wieder.
Max starrte weiter das Café an. Er war nie selbst drin gewesen.
„Zu Hause wartet mein Freund“, sagte sie irgendwann.
Max war geschockt.
„Zu Hause wartet dein Freund?“
„Ja.“
Er rieb sich die Stirn, setzte dann wieder die Flasche an. Einige Zeit verstrich, keiner von beiden sagte etwas. Er zündete sich eine an.
„Seid ihr schon lange zusammen?“
„Drei Jahre.“
„Und ihr wohnt zusammen?“
„Ja.“
Sie schwiegen wieder.

Die Kälte der Steinplatten begann Max zu schmerzen. Er dachte: Gleich wird es hässlich. Er stand auf.
„Ich glaube, es wird Zeit, nach Hause zu gehen. Sonst holen wir uns hier den Tod.“
Sie sah ihn aus glanzlosen Augen an. Max hielt ihr die Hand hin und sie stand unsicher auf.
„Weißt du, welchen Zug du nehmen musst?“
„Den nach Duisburg.“
„Alles klar … Finden wir schon.“

Er führte sie bis zum Gleis. In fünf Minuten kam der Regionalexpress Richtung Ruhrgebiet. Max atmete durch. Was für ein Glück!
„Gibst mir deine Nummer?“, fragte sie.
Max verstand nicht.
„Aber dein Freund?“
„Ist doch egal. Gibst du sie mir?“
„Klar.“
Er kramte sein Handy raus.
„Sag du mir deine, dann lass ich anklingeln“ sagte er.
„Ok.“
Sie begann die Zahlen herunterzubeten.
„Warte kurz, ich muss noch eben …“
Er tippte auf dem Gerät herum und seufzte:
„Moment noch.“
Sie stand regungslos da.
„Alles klar, jetzt kannst du.“
Sie diktierte ihm ihre Nummer.
„Aber du gibst mir deine Nummer auch, oder?“, fragte sie.
Der Zug schlich durch die Eisenbögen der Brücke langsam heran.
„Natürlich. Aber lass uns vorher kurz konzentrieren. Ist das dein Zug?“
Er zeigte hoch zur Anzeigetafel, wo neben der Zugnummer die Ziele standen: Düsseldorf, Duisburg, Essen, Dortmund.
Sie schaute zur Tafel.
„Glaub schon.“
Der Zug hatte das Gleis erreicht und kam behutsam zum Stehen.
„Gibst du mir jetzt deine Nummer?“
„Ja, gleich.“
Die Türen öffneten sich und Max schob die Frau sachte in ihre Richtung.
„Du musst jetzt einsteigen, sonst verpasst du deinen Zug. Ich lass dann gleich direkt anklingeln.“
„Wirklich?“
„Ja.“
Sie stieg ein.
„War ein schöner Abend“, sagte Max.
„Ja“, erwiderte sie und beugte sich zu ihm.
Er drückte ihr einen Kuss auf und machte einen Schritt zurück.
„Ciao.“
„Ciao."
Sie winkte. Auch er hob die Hand zu einem letzten Gruß. Die Tür schloss sich und Max blickte auf den Knutschfleck an ihrem Hals.

Giulia schlug die Augen auf und starrte in kaltes Licht und ein leeres Abteil. Wo war der junge Mann? War er Tickets kaufen gegangen? Ach nein, das ging ja in diesen Zügen gar nicht. Sie dachte nach und sah ihn zu einer Treppe gehen. War er gar nicht eingestiegen? Rolf! Natürlich nicht. Ach du Scheiße, Rolf! Wo waren Natalie und Tommy? Ein dunkler Raum tauchte vor ihr auf und Nebel stieg ihr in die Nase. Sie küsste Natalie auf die Wange. Richtig, sie hatte die beiden im Club stehen gelassen, um mit diesem jungen Mann mitzugehen. Ein schwarzer Fluss. War das der Rhein? Max, so hieß er doch. Sie schmeckte noch das nussige Salz. Wie frei er gewirkt hatte, wie höflich er gewesen war. Sie fasste nach ihrem Handy. Drei SMS. Später. Sie drückte sich durch die Kontakte. Nichts. Auch keine unbekannte Nummer. Nur immer wieder: Rolf – und ein paar Mal Natalie. Ihre Brust zog sich zusammen. Aber er hatte es ihr doch versprochen. Vielleicht würde er ja noch … Nein, er würde nicht mehr anrufen, sie wusste es doch. Es war wie immer.

Dass ihr kein weißer Ritter die Hand reichen würde, um sie aus der ganzen Scheiße rauszuholen, hatte Giulia schon früh begriffen. Nach dem Tod ihrer Mutter war sie öfter mal nach der Schule bei ihrem Vater mitgefahren und hatte dabei beobachtet, dass ihm so gut wie keiner der einsteigenden Leute auch nur mal ein Hallo entgegenbrachte. Selbst in einer Stadt wie Duisburg war er Luft für die Menschen. Eine Zeit lang war er den 937er gefahren, der bei der Gegend beim Zoo vorbeikam, dann auch mal den 940er ganz im Süden durch Hüttenheim und Huckingen, wo die wirklich reichen Leute wohnten. Stiegen dort Jungs zu, beachteten sie Giulia gar nicht, anders als auf Fahrten durch Hochfeld oder Meiderich, wo sie dauernd angemacht worden war, auch von älteren Männern. Sie war damals Elf, Zwölf gewesen. Einmal hatte ihr Vater es mitbekommen und den Bus angehalten, obwohl sie mitten zwischen zwei Haltestellen gewesen waren. Dann war er mit einem „Du, Wichser!“ auf den Typen los, hatte ihn gepackt und so heftig zur Tür herausgestoßen, dass dieser auf dem Bürgersteig aufgeschlagen war. Obwohl sie in diesem Moment vor Stolz auf ihren Vater geplatzt war, war ihr die Szene auch unbeschreiblich unangenehm gewesen, denn im Gesicht einer alten Frau in einem guten Mantel hatte sie pure Abscheu gesehen. Später war sie dann nicht mehr bei ihrem Vater mitgefahren und als sie die ersten Jungs getroffen hatte, hatte sie ihm nichts davon erzählt. Für ihn war sie dann immer bei einer Freundin und er hatte nie dort angerufen, um das zu überprüfen.

Sie öffnete die oberste SMS. Sie kam von Tommy:
„Süße wo bist du? Rolf hat angerufen. Bin nicht ran und hab mein Handy ausgemacht. Meld dich, Natalie“

Giulia kannte Natalie von der Ausbildung zur Textilreinigerin, die sie nach der Hauptschule anderthalb Jahre gemacht hatte, bis sie den Geruch nicht mehr ertrug. Sie hatten sich auf Anhieb gut verstanden und in der Berufsschule jede Pause zusammen verbracht, JPS rauchend und Kapselkaffee vom Kiosk im Durchgang trinkend. Giulia hatte erfahren, dass Natalies Mutter unter Multipler Sklerose litt und schon seit Jahren im Rollstuhl saß. Vielleicht war das der Grund dafür, dass sie so eine starke Verbindung zu ihr spürte. Nachdem Giulia die Ausbildung abgebrochen hatte, waren sie in Kontakt geblieben, und auch als Natalie in ihrem dritten Lehrjahr mit Tommy zusammengekommen war, war das Band zwischen ihnen nicht gerissen. Tommy betrieb in Ratingen ein American Diner, das Sunset Blvd. Es war schnell zu einer lokalen Institution geworden, weil er die einzigen handgemachten Burger im ganzen Landkreis anbot. Auf die Idee mit dem Diner war er nach einer Trailertour durch "die Staaten" gekommen, wie er neuen Gäste erzählte, während er sich auf ihren Tisch stützte, um ihnen auch gleich seinen Ring mit dem Adler zu präsentieren: Die Route 66 rückwärts, von LA nach "Tschikago", so sprach er es aus, "Tschikago". Natalie arbeitete mittlerweile auch im Restaurant. Tommy sagte den Leuten sogar, sie würden es zusammen betreiben, aber das machte er nur, um nett zu sein. Natalie war nicht beteiligt. Trotzdem beneidete Giulia ihre Freundin. Sie waren ein Stückchen Weg gemeinsam gegangen, doch dann hatte sich das Schicksal Natalie gegenüber gnädig gezeigt, während sie richtig in die Scheiße geraten war. Natalie war sogar dabei gewesen, als Giulia Rolf getroffen hatte. Drei Jahre war das jetzt her. Sie hatten als Hostessen auf der Autoshow in Essen gejobbt, am Stand einer Felgenfirma. Den Namen wusste Giulia nicht mehr, aber an das Logo konnte sie sich erinnern: ein Löwenkopf. Es war leicht verdientes Geld gewesen: Sie mussten sich Hotpants und hohe Schuhe anziehen und die Besucher anquatschen, ob sie nicht bei einem Gewinnspiel mitmachen wollten. Fünfzehn Euro hatte es dafür die Stunde gegeben. Für Natalie, die damals noch in der Wäscherei arbeitete, war es ein nettes Zubrot gewesen, für Giulia hatten es einen sorgenfreien Monat bedeutet. Rolf war mit den Jungs aus seinem Club auf der Messe gewesen, alle in Kutte. Damals ging das noch. Während die anderen am Stand vorbeiliefen, war er stehengeblieben. Giulia hatte ihm eine von den Karten gegeben, wo man seine Telefonnummer und Adresse hinterlassen musste, wenn man an dem Gewinnspiel teilnehmen wollte, und er hatte nur seine Nummer draufgeschrieben und gesagt:
„Die ist für dich!“
„Ach, ja?“, hatte sie ihn gefragt, „Und von wem ist die?“
„Von Rolf.“
Sein Bart hatte sich zu einem Lächeln verzogen und er war weitergangen. Sie hatte ihm nachgeblickt und die Aufnäher auf seinem Rücken betrachtet. Er war der einzige in der Gruppe gewesen, der keine Glatze getragen hatte. Als sie Natalie in der Pause von der Begegnung erzählt hatte, war diese wütend geworden.
„Vergiss das direkt, meine Kleine, bitte!“
Natalie hatte verstanden, was sie meinte, aber Rolf hatte sie nicht mehr losgelassen. Nach fünf Tagen hatte sie ihn angerufen und sie hatten sich in einem Café verabredet, das ein Kumpel von ihm betrieb. Giulia war etwas zu früh gewesen und hatte vor dem Eingang gewartet, als Rolf auf seiner Harley angedonnert war. Ein Kribbeln war ihren ganzen Oberkörper hochgestiegen und nach einem Kaffee und zwei Rum-Cola zwischen Topfpflanzen und einem Spielautomaten war sie hinter ihm auf die Maschine geklettert. Einen Helm für sie hatte er schon dabeigehabt. Sie hatte zum ersten Mal seinen steinharten Brustkorb umklammert. Damals hatte sie noch nichts von den Spritzen und Pillen verstanden, die in seinem Kleiderschrank lagen. Sie hatte das gleichförmige Kreuz auf seinem Nacken angesehen und seine dünne, hühnerhafte Haut. Bevor er das Motorrad zum Leben erweckte, hatte er ihr zugeraunt:
„Komm nicht an den Auspuff, der wird heiß.“
Drei Wochen später war sie zu ihm in die Zweizimmerwohnung in Nord-Marxloh gezogen, auch wenn Natalie alles versucht hatte, sie davon abzubringen. Seitdem hörte Giulia jede Nacht die A59 rauschen – auch bei geschlossenen Fenstern.

Sie schrieb Natalie an Tommys Nummer zurück:
„Ja ales ok. Binim Zug“
Sie las die anderen beiden Nachrichten. Rolf:
„Wo bist du?“
Noch einmal Rolf:
„Schreib mir sofort wo du bist!“
Giulia steckte das Handy weg und lehnte sich ans Fenster. Verlassene Fußballfelder schossen vorbei, dann nichts als tiefstes Schwarz. Sie nickte ein.

„Düsseldorf Hauptbahnhof.“
Die Durchsage weckte sie. Draußen erhoben sich tote Häuserfronten, dann ein riesiger Kasten mit rot schimmernden Fenstern. Mitten drin saß eine schwarze Frau mit pinkem BH und starrte zu Giulia hinunter. Ob sie vor Rolf zu Hause sein würde? Sie sah auf die Uhr. 4:19. Noch eine Viertelstunde bis Duisburg. Dann noch die Fahrt zur Wohnung. Bis dahin war er sicher da. Sollte sie zu Papa? Ach, was würde das schon bringen? Dort würde Rolf als erstes nach ihr suchen. Sie konnte nirgends hin. Rolf kannte ganz Duisburg.

Der Zug erreichte den Düsseldorfer Flughafen. Ein älteres Paar stieg zu und schob zwei Trolleys durch den Gang. Sie grüßten Giulia und setzten sich ein paar Plätze hinter ihr hin. Wo sie wohl gerade herkamen? Vielleicht aus Amerika? Giulia erinnerte sich an den ersten Sommer mit Rolf. Sie waren zu seinem fetten Kumpel nach Mallorca geflogen, auf dessen Finca. Immer wenn Rolf im Haus und sie mit dem Fettsack allein am Pool war, hatte der sie angeglotzt und fies gelächelt. Aber als sie Rolf davon berichtet hatte, hatte der nur gemeint:
„Lass gut sein.“
Die beiden Männer hatten nichts anderes getan, als den ganzen Tag mit rotem Kopf auf der Terrasse zu lümmeln und Bier in sich hineinzuschütten, ein Cerveza nach dem anderen. Sie hatte stumm dabeigesessen oder sich in die Sonne gelegt, auch wenn das hieß, dass der Scheißköter mit ihr mitlief und sie mit seinem Blick aufspießte. Jede Nacht hatte Rolf sich in diesem Urlaub über sie gewälzt und sie hatte seinen schweren Körper nur von sich runter bekommen, indem sie mitspielte. Einmal hatte er gefragt, ob sein Kumpel dabei sein durfte, aber sie hatte Nein gesagt. Gott sei Dank, hatte Rolf das damals akzeptiert. Sie war sich sicher, dass er heute anders handeln würde. Nie wieder würde sie mit ihm nach Mallorca fahren!

Giulia wurde es ganz schlecht bei diesen Erinnerungen und sie wischte sie weg. Was sollte sie tun? Es würde ihr nichts anderes übrigbleiben, als ihm geradewegs ins Gesicht zu lügen. Sie musste sich jetzt eine Geschichte zurechtlegen. Nach dem Konzert waren sie über die Brücke mit den ganzen Schlössern in eine Bar gegangen, die Tommy kannte. Sie hatte irgendwo hinterm Bahnhof gelegen, es sah dort aus wie in Duisburg. Wie hieß die noch? Sie dachte nach. Da war diese Wand aus echtem Eis gewesen, in der die ganzen Flaschen standen. Sie kam nicht drauf. War ja auch egal, wie sie hieß. Von da hatte sie Rolf geschrieben. Sie schaute sich die SMS an:
„Schatzi,gehe noch in einem Club.“
„Gehen tommy und natalie auch mit?“
„Ja“
„Ok. Aber schreib mir in einer stunde wider.“
„Mach ich. Kussi!“

Das war um 1:34 Uhr gewesen. Zwischen 2:54 Uhr und 3:02 Uhr hatte Rolf drei Mal angerufen und dann die erste Nachricht geschrieben, auf die sie nicht geantwortet hatte:
„Wo bist du?“
Zwischen 3:14 Uhr und 3:25 Uhr hatte er dann weitere fünf Mal angerufen und danach die zweite Nachricht geschrieben:
„Schreib mir sofort wo du bist!“
Wie sollte sie ihm ihr Schweigen nur erklären? Es war unmöglich. Diesmal würde er sie umbringen. Es zog ihr die Kehle zu und sie begann zu schluchzen.

„Junge Frau. Geht es Ihnen gut?“
Der grade erst zugestiegene Mann beugte sich zu ihr herunter, seine Frau stand mit besorgter Mine hinter ihm. Giulia schwieg und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.
„Können wir irgendwas für Sie tun?“
Diesmal sprach die Frau. Giulia merkte, wie trocken ihr Mund war.
„Haben Sie vielleicht etwas Wasser?“
Die Frau kramte eine noch verschlossene Halbliterflasche hervor.
„Hier, die können Sie haben.“
„Vielen Dank.“
„Können wir Ihnen sonst noch irgendwie helfen?“, fragte der Mann.
„Nein, geht schon.“
„Wo müssen Sie denn hin?“
„Nach Duisburg.“
„Da sind sie ja gleich da. Holt sie jemand ab?“
„Ja, mein Freund“, sagte Giulia.
„In Ordnung“, sagte der Mann, „Aber wenn was ist, wir sitzen da drüber, ja?“
„Ok, danke.“
Die beiden kehrten auf ihre Plätze zurück und Giulia trank mehr von dem Wasser.

Sie stand auf und schaute zu dem Paar rüber.
„Machen Sie es gut“, sagte der Mann.
Seine Frau schaute besorgt:
„Alles Gute.“
„Tschüss“, hauchte Giulia und verließ den Zug.

Im McDonald’s bestellte sie sich einen großen Kaffee und eine Kirschtasche. Sie wurde ruhiger. Es musste doch irgendeinen Ausweg geben. Rolf war misstrauisch und hatte einen guten Instinkt, was Menschen anging, aber sie glaubte nicht, dass er ihr wehtun wollte. Wenn sie ihm doch nur eine glaubhafte Geschichte erzählen könnte. Sie nippte am Kaffee und ging alles noch einmal durch. Rolf hatte Natalie einmal angerufen, dann hatte die ihr Handy ausgemacht. Natalie könnte ihm also morgen sagen, dass ihr Akku leer gewesen war. Und den Anruf zuvor hatte sie in der lauten Disco einfach nicht gehört. Das klang zwar unwahrscheinlich, aber es war denkbar. Manchmal passierten solche Dinge doch. Aber was war mit ihr selbst? Wie sollte Giulia erklären, dass sie stundenlang nicht auf Rolfs Nachrichten und Anrufe reagiert hatte? Sie sah auf ihr Handy und ihr fiel etwas ein: Weil im Club ihre Tasche geklaut worden ist. Das war doch auch möglich: Ihre Tasche ist geklaut worden und daher konnte sie nicht auf seine Nachrichten reagieren. Und weil Natalies Handy leer war, konnte sie ihn damit nicht anrufen. Und Tommys Handy hatte ihr auch nichts genützt, denn weil Rolf ja dauernd neue Prepaid-Karten kaufte, kannte sie seine Nummern nie auswendig. Ein warmes Gefühl erfasste Giulia. Es gab zumindest eine kleine Chance. Sie sah auf die Uhr. Fast Fünf. Jetzt fiel ihr noch etwas auf: Rolf hatte sich nicht mehr gemeldet. Das konnte bedeuten, dass er eingeschlafen war. Bestimmt hatte er sich eine ganze Flasche vorgenommen, wie er es immer tat, wenn er richtig wütend war. Bitte, bitte, bitte lass ihn eingeschlafen sein, flehte Giulia für sich. Sie sah ihn genau vor sich, wie er mit seinem kolossalen Körper auf der Couch hing, nackt bis auf diese scheußliche Schlabberjogginghose mit dem Skelettbeinaufdruck, vor sich den letzten Rest Whiskey und drei leere Pötte Hüttenkäse. Und überall dieser beschissene kleine Mexikaner, auf dem Poster, auf dem Feuerzeug, auf der Kutte überm Stuhl, ja sogar auf der Kaffeetasse, die seit Tagen auf dem Tischchen stand. Er musste einfach eingeschlafen sein! Sie würde dann gleich behaupten, sie stünde schon länger vor der Tür, er aber habe ihr Klingeln nicht gehört. Dann würde sie ihm direkt von der geklauten Tasche erzählen. Und wenn er nach Natalies Handy fragte, würde sie ihm erzählen, dass sie natürlich erst mal überall die Tasche gesucht hätten, auch in der Bar. Und als ihr dann eingefallen sei, dass sie ihm ja mal schreiben sollte, sei Natalies Handy leer gewesen.

Sie ging alles wieder und wieder durch, bis sie sich sicher fühlte, jede seiner Fragen ohne Zögern beantworten zu können. Am Taxistand nahm sie 20 Euro aus ihrem Portemonnaie und zerknickte ihre Bankkarte. Das Geld steckte sie sich in die Gesäßtasche. Dann schaltete sie das Handy aus und stopfte die ganze Tasche in einen Mülleimer. Sie stieg hinten in ein Taxi ein.
„In die Wilhelmstraße, bitte.“
Der Fahrer nickte und manövrierte das Fahrzeug aus der Einbuchtung. Er war noch jung und vermutlich Türke.
„Kommst aus Marxloh?“, fragte er und warf ihr über den Rückspiegel einen Blick zu.
Ihr war nicht nach Reden zumute.
„Nein.“
„Aber aus Duisburg?“
„Ja.“
Er ließ nicht locker.
„Welche Gegend?“
„Neudorf“, log sie.
In Wahrheit war sie in Hochfeld aufgewachsen, im zweiten Stock eines Eckhauses an einem kleinen Park. Ohne das Einkommen der Mutter hatte ihr Vater es schwer gehabt, die Wohnung zu halten, doch er hatte es irgendwie geschafft. Die Kneipe im Erdgeschoss war schon sein zweites Wohnzimmer gewesen, als Giulias Mutter noch gelebt hatte. Am Wochenende war auch sie nach unten gegangen, wenn sie Giulia ins Bett gebracht hatte. Der Wirt hatte immer ein nettes Wort und eine Fanta für Giulia parat gehabt, und auch die meisten Gäste kannten sie, doch Giulia hatte das Leben in dem Haus nie ein Gefühl von Heimat vermittelt. Ab und zu war sie wieder aufgestanden, nachdem die Mutter runter zum Vater gegangen war, und hatte dann lange die Umrisse des Turms der Stadtwerke im Nachthimmel angestarrt. Kurz nachdem er grün beleuchtet zum neuen Markenzeichen der Stadt geworden war, war sie ausgezogen.

Der Fahrer erzählte ihr, dass seine Schwester auch in Neudorf wohnen würde, dann ließ er sie in Ruhe. In der ersten Dämmerung fuhren sie auf die Autobahn und Giulia kamen wieder die Tränen.

„Hier kannst du mich rauslassen“, wies sie den Fahrer an. Er stoppte vor der Trinkhalle mit dem Sinalco-Schild, wo Rolf an Werktagen fast jeden Morgen um kurz nach Sechs einen Kaffee trank, wenn er von seiner Tour zurückkam. Er sagte, der würde ihn müde machen, und tatsächlich schlief er für gewöhnlich schnell ein. Sie ging die paar Schritte zum Haus und atmete tief ein. Ihr Leben hing an ihrer Geschichte. Sie drückte den Knopf.

Der Summer ertönte. Giulia stieg die schwarz-weiß gesprenkelten Terrazzostufen hoch und klopfte an die Wohnungstür, genau so, wie er es ihr eingeimpft hatte: Erst ein und dann zwei Mal. Sie hörte ihn durch den Flur gehen. Die Tür öffnete sich und Rolf blickte auf den Knutschfleck an ihrem Hals.

 
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Hallo @A. Martin & @G. Husch,

ich antworte euch mal gemeinsam. Vielen Dank für eure Kommentare, über die ich mich gerade als Paar sehr gefreut habe, denn der/die eine schreibt:

Ich konnte mich in Max, Deinen ersten Protagonisten, recht gut einfühlen, seine unternehmungslustigen, nicht ganz uneitlen Charakterzüge sind für mich gut greifbar beschrieben

„Giulia schlug die Augen auf und starrte in kaltes Licht und ein leeres Abteil. (…)
Hier wechselst Du ziemlich abrupt die Erzählperspektive. Leider kam ich da nicht mehr hinterher und habe erst mal die Lust am Weiterlesen verloren. Ich persönlich finde Geschichten, die konsistent aus einer Perspektive geschrieben sind, grundsätzlich glaubwürdiger, kann aber auch mehrspektivisches Erzählen verkraften. Nur kam hier der Wechsel sehr unvermittelt.
Vielleicht kannst Du den/die Leser/in ja besser auf diesen Schwenk vorbereiten, indem Du schon vorher Interesse an Gulias Innenleben weckst?

Und der/die andere:

Nun, er hat mir gefallen und vor allem Giulia... sie ist für mich die Person die Konsistenz besitzt und eigentlich in den Vordergrund gehört und nicht der schnöde Student Max... er hat die Aufmerksamkeit nicht verdient, denn er ist für mich ein Student wie hundert andere auch, nur heute besonders erfolgreich bei den Frauen.

Max fehlt es an Persönlichkeit, ja, zumindest so wie du ihn darstellst ist er (eben meiner Meinung nach Platt) und nur ein gutes altes Trittbrett um zu Giulia in ihren Zug der Zeit zu steigen und ihr Leben zu erfahren. Da beginnt für mich der spannende Teil und ich habe mit interesse mehr über Herkunft und ihre Erfahrungen erfahren. Diesen Teil finde ich dann richtig gut und nicht zu ausführlich geschildert sondern gerade richtig, in Form und Farbe.

Ihr beide mögt vor allem einen Teil der Story, aber wenn ich es richtig lese, ist das bei dem/der einen der erste und bei dem/der anderen der zweite :-D

Auch wenn ich mir natürlich wünsche, dass die Geschichte als ganze verfängt, freue ich mich über dieses Feedback, denn ich wollte hier zwei Geschichten schreiben, die sich nur kurz berühren.

Nur kam hier der Wechsel sehr unvermittelt.

Das war also Absicht. Ich habe bewusst im ersten Teil nur Max' Perspektive beschrieben, darum wird Giulia darin auch nie beim Namen genannt.

Wo ihr beide übereinstimmt in eurem Urteil:

Deine Dialoge schildern zwar anschaulich den Szenenjargon, transportieren aber zum Teil wenig Inhalt. Hier zwei Beispiele:
"Immer noch nur Fleisch mit Sauce?", fragte Max.
"Yessir", sagte Jan und biss beherzt in die unteramdicke Rolle.
„Ich glaube, heute ist ne gute Nacht. Mega viel los“, sagte Max.
„Ja, ist mir auch schon aufgefallen", schmatzte Jan und wischte sich Tsatsiki vom Kinn. "Ist irgendwas Besonderes?“
„Keine Ahnung, weiß von nichts.“
„Sie betrachteten die Tanzfläche.
„Nicht schlecht, oder?“, sagte Max.
„Alles andere als schlecht, würde ich sagen“, gab Jan zurück. Kurz darauf ging er die nächste Runde holen.
Das ist trotz aller Authentizität doch ein wenig arg flach und könnte meiner Meinung nach stark gekürzt werden.

Und der/die andere:

Ich schließe mich also der Kritik von Lakita an (soweit ich sie gelesen habe), der erste Teil muss meiner Meinung nach gestrafft werden, der Anfang kann nur im Club sein, denn Max fehlt es an Persönlichkeit, ja, zumindest so wie du ihn darstellst ist er (eben meiner Meinung nach Platt) und nur ein gutes altes Trittbrett um zu Giulia in ihren Zug der Zeit zu steigen und ihr Leben zu erfahren.

Der erste Teil ist für euch zu weitschweifig beschrieben, doch vielleicht - ohne ausschliessen zu wollen, dass er wirklich zu weitschweifig ist - schlägt sich hier nieder, dass ihr die Geschichte eben nicht als die Einheit auffasst, die sie für mich eben doch auch ist.

Denn der ersten Kritik ("Deine Dialoge schildern zwar ...") möchte ich antworten, dass ich genau zeigen wollte, dass Max sich in einer anderen Welt bewegt als Giulia. Sie ist "friedlicher", "normaler", "naiver" (?). Um das deutlich zu machen, habe ich auch doch entgegen meinem ersten Entwurf in der WG angesetzt: Am Anfang der Story steht ein harmloser Flirt und ein Abend wie jeder andere, am Ende sind wir tief in einem Milieu und es geht um alles.

Der zweiten Kritik ("Ich schliesse mich also der Kritik ...") möchte ich antworten, dass es Max tatsächlich in der vorliegenden Version etwas an Persönlichkeit fehlt. Drei längere Passagen mit mehr Hintergrund wurden gestrichen, da sie - so wurde hier kritisiert - die Handlung nicht voranbringen würden. Vielleicht war das ein Fehler und ich hätte meiner ersten Intuition vertrauen sollen. Ich wollte eigentlich Max' Leben dem von Giulia noch stärker direkt gegenüberstellen - inklusive weiterer Parallelen, die es gibt. Jan und Natalie waren bzw. sind als best friends Teil dieses Vergleichs, der eigentlich was Max betrifft vom Club aus im Rückblick erzählt wurde.

Das Problem an dieser Idee war für mich, dass sie eben mehr tell als show war, darum habe ich versucht, diese Infos - so gut es ging - in die nun früher ansetzende Handlung zu integrieren. Vielleicht hat das der Story einen Bärendienst erwiesen, denn keinesfalls soll Teil 1 eine blosse Rampe sein. Er sollte vielmehr klarmachen, warum die Begegnung überhaupt möglich war und Fragen stellen, die Teil 2 dann (teilweise) auflöst.

Soweit mal, ich habe ja oben schon viel zu allem geantwortet. Eure Feedbacks haben mir auf alle Fälle sehr weitergeholfen!

VG, HK

 
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Denn der ersten Kritik ("Deine Dialoge schildern zwar ...") möchte ich antworten, dass ich genau zeigen wollte, dass Max sich in einer anderen Welt bewegt als Giulia. Sie ist "friedlicher", "normaler", "naiver" (?). Um das deutlich zu machen, habe ich auch doch entgegen meinem ersten Entwurf in der WG angesetzt: Am Anfang der Story steht ein harmloser Flirt und ein Abend wie jeder andere, am Ende sind wir tief in einem Milieu und es geht um alles. Der zweiten Kritik ("Ich schliesse mich also der Kritik ...") möchte ich antworten, dass es Max tatsächlich in der vorliegenden Version etwas an Persönlichkeit fehlt. Drei längere Passagen mit mehr Hintergrund wurden gestrichen, da sie - so wurde hier kritisiert - die Handlung nicht voranbringen würden. Vielleicht war das ein Fehler und ich hätte meiner ersten Intuition vertrauen sollen. Ich wollte eigentlich Max' Leben dem von Giulia noch stärker direkt gegenüberstellen -
Hey @Henry K.

Du hast einen interessanten Mix aus und gemacht...und deinen Stellungnahmen zeigen mir was Du wolltest... Du leuchtest ein...

Ich fand das spiel sehr amüsant was Du mit den Kommentaren spieltest... ja intelligent, wollte mich dafür nur kurz heute morgen bedanken... bevor es in die A. geht...

Liebe Grüße aus B.

G.

 
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Hallo @Henry K.,

vielen Dank für die Geschichte. Ich fand sie spannend, aber sie hat mich nicht ganz abgeholt. Da schon sehr viel geschrieben wurde, will ich aber nur folgende Punkte (die bisher noch nicht angesprochen wurden) anbringen:

Du schreibst, dass sich Max zwischen den Welten bewegt. Das verstehe ich als Ansatz, aber das in einen Club gehen reicht da in meinen Augen nicht aus. Sehr viele „ganz normale“ Menschen gehen in Clubs – und dass dort Männer in engen Shirts auf der Bühne tanzen, macht den Club auch nicht berüchtigt oder berühmt; das ist ein Standart-Club-Ding. Etwas, was mich schon eher überzeugen würde, wäre, wenn Max sich im Club Koks oder so kauft und Guilia darauf einlädt :)

Kurze Haare und ein Led-Zeppelin-Shirt sind jetzt auch nicht (mehr?) ungewöhnlich unter Studenten.

One-Night-Stands und ähnliche Dinge kommen jetzt vielleicht nicht ständig vor, sind aber auch nicht ungewöhnlich und sagen auch nichts über Klassen oder Probleme aus; manche Clubs haben ja auch gleich Dark-Rooms mit drin. Dass Max bei seiner Erfahrung gleich an Prostitution denkt, macht ihn in meinen Augen eher zu einem „normalen“ Studenten; aber vielleicht passt das auch, das ist in Köln vielleicht ein bisschen präsenter :)

Ich musste auch erst mal Googlen, wer Sofia Loreen ist :D Vielleicht sagt das etwas über Max Gebildetheit aus; aber würde sich Max, wenn er – ich drücke es jetzt mal so aus – in erotischen Gedanken schwelgt und über „heiße Frauen“ nachdenkt, einen Vergleich zu einer sehr alten Person ziehen? Das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Aber vielleicht spielt die Geschichte auch gar nicht im Hier und Jetzt?

Also das sind einfach mal meine Gedanken dazu, vielleicht sind sie ja hilfreich :) Wenn nicht, dann ignoriere sie einfach.

Liebe Grüße

M.

 
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Hallo @Moog,

vielen Dank für deinen Kommentar, dessen Punkte mir alle plausibel scheinen, wenn man jünger (unter 30?) ist.

Also der Text spielt so kurz nach der Jahrtausendwende, im Grunde ist das aber nur am Einsatz der SMS und an den Bierpreisen ersichtlich. Zumindest für Leute meines Alters aufwärts ist Sophia Loren noch ein Name, denke ich - auf die Idee, dass man sie nicht mehr kennt, wäre ich tatsächlich nie gekommen. Interesting. Hatte eigentlich noch den Zusatz "Sophia Loren oder eine andere klassische Filmdiva" drin und hab ihn extra wegen Redundanz gestrichen. Ich wollte hier die "offiziell" weiblichste aller Frauen nennen - und da fiel früher immer der Name Sophia Loren. Vielleicht aber könnte man hier auch Monica Bellucci nehmen. Kennst du die? :-D

Kurze Haare und ein Led-Zeppelin-Shirt sind jetzt auch nicht (mehr?) ungewöhnlich unter Studenten.

Tatsächlich war es damals noch nicht so wie heute, dass Marketing-Abteilungen und Social Media übernommen hatten. Nach einem ausgefallenerem T-Shirt musste man noch suchen und man hat damit durchaus Aufsehen erregt. Ich war ja geschockt (und enttäuscht), als vor ein paar Jahren Metallica, Guns 'n' Roses und Co. bei H&M hingen :-(

One-Night-Stands und ähnliche Dinge kommen jetzt vielleicht nicht ständig vor, sind aber auch nicht ungewöhnlich und sagen auch nichts über Klassen oder Probleme aus; manche Clubs haben ja auch gleich Dark-Rooms mit drin. Dass Max bei seiner Erfahrung gleich an Prostitution denkt, macht ihn in meinen Augen eher zu einem „normalen“ Studenten; aber vielleicht passt das auch, das ist in Köln vielleicht ein bisschen präsenter :)

Also One-Night-Stands gab es wohl schon immer, aber an Dark Rooms in "normalen" Clubs war damals nicht zu denken. Es gab Schmuddel-Läden im Schwulendistrikt und einmal im Monat eine "frivole" Party-Reihe in einem gängigen Club, wo man jetzt als 0-8-15-Student aber eher nicht hin ist - das war's.

Max als Figur ist absolut ein "normaler Student" - aber irgendwas hat er, was ihn trotzdem abhebt. Darum beschreibt ja der ganze erste Teil, warum er trotz seines Backgrounds mit dieser Frau zusammentrifft. Hier stand für mich mehr die Frage im Raum, warum sie ihn auswählt und nicht andersrum. Alle Typen wären mit der mit gegangen, aber sie hat sich nur für ihn interessiert. Insofern ist nicht der One-Night-Stand die "Sensation", sondern dass er zwischen diesen beiden Personen stattfindet.

Sehr viele „ganz normale“ Menschen gehen in Clubs – und dass dort Männer in engen Shirts auf der Bühne tanzen, macht den Club auch nicht berüchtigt oder berühmt; das ist ein Standart-Club-Ding. Etwas, was mich schon eher überzeugen würde, wäre, wenn Max sich im Club Koks oder so kauft und Guilia darauf einlädt :)

Also die Party, die hier beschrieben wird, hat ein reales Vorbild und war damals der heisseste Scheiss, ist dann sogar durch Deutschland getourt, soweit ich weiss. Und da waren dann später auch teilweise bekannte Musiker mit auf der Bühne. Vielleicht hat sie ja den Grundstein dafür gelegt, dass es ein "Standard-Club-Ding" wurde? Bin jetzt auch kein Party-Experte. Weiss nur, da ist man damals hin, weil es immer so eskaliert ist.

Koks oder Party-Drogen sind mir hingegen damals nicht begegnet - auch weil Elektro ja keinerlei Rolle gespielt hat. Das lief entweder in der Grossraum-Disse vor den Toren der Stadt, wo die ganzen Bauern und Asis hin sind, und vl. noch in ein, zwei Underground-Läden im Innenstadtbereich. Ich weiss noch, wie krass ich es mit Zwanzig fand, als ich in Barcelona hab Leute im Club koksen sehen oder als ich später in Berlin gesehen hab, wie vor den Klokabinen Leute Schlange standen. Das gab's im beschaulichen Kölle nicht. Wie es heute ist, weiss ich nicht.

Insofern: Ja, andere Zeiten wohl ;-) Werde den Zeitbezug von Texten aber künftig noch stärker im Auge behalten, das nehme ich von deinem Feedback mit. Danke dafür!

VG, HK

 
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Hallo @Henry K.,

mit der zeitlichen Eingrenzung erschließt sich mir die Geschichte schon viel mehr! Der SMS-Hinweis hätte mir auch auffallen können, besser wäre ein Hinweis gleich zum Textanfang. Dann fallen ja viele meiner Anmerkungen weg. Auch die von der fast-fashion okkupierten Band-Shirts :)

Da bleibt mir also nur noch etwas zu dem Vergleich zu sagen, den Max zieht:
Sicherlich bin ich nicht die beste Vergleichsgruppe für Namen. Aber die Wahl sagt einiges über Max aus. Wenn ich einen Menschen, der um die zwanzig Jahre alt ist, danach fragen würde, wird sich diese Person wahrscheinlich überwiegend auf Persönlichkeiten aus Filmen und Serien beziehen, die aktuell oder in der Pubertätszeit veröffentlicht wurden, denke ich.
Für die Jahrtausendwende könnte das vielleicht Angelina Jolie sein, die damals mit Tomb Raider viel Eindruck gemacht hat. Monica Belucci passt aber auch gut. Heutzutage würden viele wahrscheinlich Scarlett Johansson nennen. Das ist aber nur meine Einschätzung.
Ich finde, das ist eine schöne Möglichkeit, um mehr über Max zu erfahren. Wenn ich Freunde so etwas frage und ihre Antwort höre, gibt mir das immer gleich einen bestimmten Eindruck von ihnen (Nennen sie die Person mit den größten Brüsten oder einem besonders durchtrainierten Körper? Wählen Sie genau das Gegenteil? Nennen Sie eine Person aus Nicht-Mainstream Filmen? usw.)

Liebe Grüße
M.

 

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