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Falsches Gold

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Falsches Gold

Mein Vater trank Küppers Kölsch. Vierundzwanzig Flaschen Braunglas sind ein Kasten. Auf den Etiketten ein Köbes, der einen Kranz frisch gezapftes Bier in den Händen trägt. Der Schriftzug KÜPPERS KÖLSCH vor leuchtend hellgelbem Hintergrund. Schmale, elegante Buchstaben. Immer wenn ich an dieses Bier denke, muss ich auch an eine Nachmittagssonne denken, die durch die Küchenfenster scheint und den Linoleumboden weich macht. Die Genossenschaftshäuser am Stallberg – schwarzer Schimmel an den Außenwänden, Elke am Fenster mit Zigarette, der polnische Witwer im UG, der sein Leben lang bei Dynamit in der Fertigung gearbeitet hatte und immer noch nach Chemie stank. Die Kronkorken, die auf und unter dem Tisch lagen, sammelte ich in einer alten Zigarrenkiste. Der geriffelte Rand scharf an den Fingerspitzen, und das Gefühl, wenn das Weißblech nachgibt, sich nach kräftigem Druck in der Mitte zusammenfaltet. Die Kiste versteckte ich im Bettkasten.

Auf der Straße sagten die Leute: Pennerbier. In meinem dunklen Zimmer hörte ich das Lachen und die Stimmen von Männern, die nach dem zweiten Frühstück auf Baustellen und in Werkstätten tranken, Selbstgedrehte im Mund, einen Pfiff für die schönen Mädchen auf den Lippen. Gläserklirren, dann das Öffnen der Flaschen – ein kurzes Zischen, fast wie ein Faustschlag. Der Moment des Trinkens, stets in Gleichzeitigkeit, einem bestimmten Rhythmus folgend – der Durst, das Verlangen nach Rausch und die Stille, in der kein Wort mehr gesprochen wurde, in der nur die Kehlen arbeiteten. Der blaue Montag rettete.

Meine Mutter schmiss die Kiste mit den Kronkorken irgendwann fort. In den hellglühenden Sommertagen, wenn die Hitze den Verstand lähmt und die Zeit verlangsamt, saß ich im Schatten einer Zimmerecke. Auf den Straßen duftete es nach Zimt, über den geöffneten Fensterläden hing Wäsche zum Trocknen. Männer schleppten Mehlsäcke auf ihren Schultern, Kinder ließen Murmeln aus buntem Glas über den Asphalt springen. Manchmal ging ich runter in den Garten und legte mich unter die alte Linde, den Kopf an die Backsteinmauer gelehnt. Der Himmel war Flucht. Endlose Weite. Ich träumte.

Heute sehe ich kaum noch Küppers Kölsch in den Regalen der Geschäfte. Männer wie mein Vater und meine Onkel sind verschwunden. Manche von ihnen sind vom Dach gefallen und einfach liegen geblieben. Manche sind in Maschinen geraten und haben Gliedmaßen verloren. Der blaue Montag verschwand. Die alte Linde. Die Genossenschaftshäuser. Auf den Brachen steht jetzt ein großes Schild: Neubauwohnungen. Zwischen Birken und schwarzem Holunder fand ich eine Scherbe aus braunem Glas. Aber nein, dachte ich, das kann nicht sein, es ist einfach nur eine Scherbe. Trotzdem habe ich sie mitgenommen und auf das Grab meines Vaters gelegt. In den Nächten danach habe ich von den Kronkorken geträumt. Ich sah sie vor mir, wie sie in der Zigarrenkiste liegen, funkeln und leuchten. Warum ich angefangen habe, sie zu sammeln, weiß ich gar nicht mehr. Vieles geht auf dem Weg verloren und kommt nie wieder. Am Ende hat fast nichts mehr Bedeutung. Wir alle werden verschwinden.

 
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Hallo @jimmysalaryman ,

gefällt mir gut, dein weiteres Stück Vater - und Milieugeschichte. Kurz und prägnant und doch beredt.
Wenn ich nachfolgend einige Punkte vielleicht anders formulieren würde, dann sind das, aber das weißt du ja, nur Angebote. Ich weiß ja, dass du selbst feilst und feilst.

Immer wenn ich an dieses Bier denke, muss ich auch an eine heiße Nachmittagssonne denken, die durch die Küchenfenster scheint und den Linoleumboden weich macht.
Klingt mir ein wenig zu umständlich, wie wäre es so: Immer, wenn ich an dieses Bier denke sitze ich in der heißen Nachmittagssonne, die durch das Küchenfenster scheint und den ....
und immer noch nach Chemie stank.
wirklich "noch"?
sammelte ich in einer alten Zigarrenkiste.
Ausgediente Zigarrenkiste vielleicht? Alt klingt so schematisch. Vielleicht gibtst du ihr noch ein bisschen mehr Bedeutung. Als ich klein war, waren Zigarrenkisten hoch begehrt, ich hab auf dem Schulheimweg manchmal in den Zigarrenläden regelrecht gebettelt, also gefragt, ob sie eine leere für mich haben. Vielleicht tut dein Protagonist es ähnlich? Also nicht nur der Inhalt, sondern auch die Hülle hat Bedeutung und gibt damit dem Inhalt auch eine besondere Wertigkeit. Und denke dran, wie sie fein rochen, diese ausgedienten Kisten. Diese Mischung aus Holz und Tabak war einzigartig. Vielleicht also auch noch den Geruch dazu?
das Öffnen geschlossener Flaschen –
geschlossener würde ich streichen
Der blaue Montag rettete.
Genialer Satz. Sagt alles!
Der Himmel war Flucht.
Nochmal so ein Treffer. Besser kann man es nicht sagen.
Manche von ihnen fielen vom Dach und blieben einfach liegen.
Das ist wirklich der erste Satz, mit dem ich gar nicht klar komme. Das klingt nicht rund. Es wirkt so, als würden die da heute noch liegen. Manche rutschten aus und fielen vom Dach. Vielleicht so?

Der blaue Montag verschwand. Die alte Linde verschwand. Die Genossenschaftshäuser verschwanden.
Mir zuviel Wiederholung. Wie wärs: Der blaue Montag verschwand, die alte Linde und die Genossenschaftshäuser.
Ich sah sie alle vor mir, wie sie in der Zigarrenkiste liegen,
Ich sah sie vor mir in der Zigarrenkiste.
Am Ende hat fast nichts mehr Bedeutung.
hm...das ist für mich ein bisschen too much, vielleicht ganz weglassen?


Lieben Gruß

lakita

 
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Hallo @lakita,

Klingt mir ein wenig zu umständlich, wie wäre es so: Immer, wenn ich an dieses Bier denke sitze ich in der heißen Nachmittagssonne, die durch das Küchenfenster scheint und den ....

Die Erinnerung ist ja zusammengefasst. Er denkt nicht nur an das eine, sondern immer auch an beides, bzw wenn er an das Bier denkt, dann auch an ... Deswegen steht dieses auch da. Das impliziert ja auch noch einen anderen Subtext: Am frühen Nachmittag Bier trinken etc.
wirklich "noch"?
Allerdings. Diejenigen, die im Tor 3 gearbeitet haben und bis ins Rentenalter überlebt haben, berichten, dass ihre Haut nach dem Schwitzen immer noch einen chemischen Geruch verbreite, verströme.

Ausgediente Zigarrenkiste vielleicht? Alt klingt so schematisch. Vielleicht gibtst du ihr noch ein bisschen mehr Bedeutung. Als ich klein war, waren Zigarrenkisten hoch begehrt, ich hab auf dem Schulheimweg manchmal in den Zigarrenläden regelrecht gebettelt, also gefragt, ob sie eine leere für mich haben. Vielleicht tut dein Protagonist es ähnlich? Also nicht nur der Inhalt, sondern auch die Hülle hat Bedeutung und gibt damit dem Inhalt auch eine besondere Wertigkeit. Und denke dran, wie sie fein rochen, diese ausgedienten Kisten. Diese Mischung aus Holz und Tabak war einzigartig. Vielleicht also auch noch den Geruch dazu?
Verstehe ich nicht, wieso klingt alt schematisch? Welches Schema meinst du denn? Und inwiefern ist ausgedient in diesem Zusammenhang weniger schematisch? Ist so, hier geht es eher um den Inhalt, die Kronkorken stehen ja für etwas. Die könnten auch in einer leeren PERSIL-Box liegen, das war mir nicht so wichtig, Zigarrenkiste war einfach naheliegend. Und feiner Geruch - naja, wer Küppers trank, hat sicher nicht in Zedernholz gewickelte Montecristo geraucht, so eine Kiste Dannemann oder Bremer Senatoren riecht nicht so super, wenn du mich fragst.

Das ist wirklich der erste Satz, mit dem ich gar nicht klar komme. Das klingt nicht rund. Es wirkt so, als würden die da heute noch liegen. Manche rutschten aus und fielen vom Dach. Vielleicht so?
Hier ist ja etwas anderes gemeint: Sie blieben liegen meint, dass sie gestorben, das sie tot sind. Das ist eher eine Übertragung, eine Metapher.

Mir zuviel Wiederholung. Wie wärs: Der blaue Montag verschwand, die alte Linde und die Genossenschaftshäuser.
Ja, verstehe ich, ich mag das Rhythmische, weil es es auch nachhaltig betont, was alles verschwunden ist.

Ich sah sie vor mir in der Zigarrenkiste.
Das alle ist schon wichtig, weil ja jeder einzelne Kronkorken für etwas steht, eine einzelne, separierte Erinnerung vielleicht, das sagt der Text nicht, aber jedenfalls mehr als die Summe aller Teile, es ist nicht nur eine Gesamtheit.

hm...das ist für mich ein bisschen too much, vielleicht ganz weglassen?
Ich weiß, ist hart an der Grenze. Mal sehen, ich bin mir noch nicht sicher. Warten wir mal ab.

Ja, hey, danke dir für deinen Kommentar und deine Zeit, ich weiß gar nicht, ich habe den Text schon was länger in Bearbeitung, ich bastel an so einer kleinen Anthologie mit Texten, die nicht länger als 500 Wörter werden sollen, das ist einer davon, keine Ahnung, was ich damit vorhabe, es ist einfach, um mein Gehirn flexibel zu halten (hoffe ich!).

Gruss, Jimmy

 
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Ich nochmals kurz.

Verstehe ich nicht, wieso klingt alt schematisch? Welches Schema meinst du denn? Und inwiefern ist ausgedient in diesem Zusammenhang weniger schematisch? Ist so, hier geht es eher um den Inhalt, die Kronkorken stehen ja für etwas. Die könnten auch in einer leeren PERSIL-Box liegen, das war mir nicht so wichtig, Zigarrenkiste war einfach naheliegend. Und feiner Geruch - naja, wer Küppers trank, hat sicher nicht in Zedernholz gewickelte Montecristo geraucht, so eine Kiste Dannemann oder Bremer Senatoren riecht nicht so super, wenn du mich fragst.
Mir absolut klar, dass es dir um den Inhalt geht. Aber ein Inhalt kann eine Aufwertung erhalten, wenn er eine bedeutende Verpackung erhält. Es geht mir bei den Gerüchen z.B. gar nicht um das Edle, sondern, dass es eben nicht einfach nur Kisten waren, sondern sie hatten auch einen Geruch. Das könnte ich von einer normalen Blechdose, wo mal Kekse oder so drin waren, nicht behaupten. Die ist ziemlich unergiebig geruchsmäßig. Die Kronkorken stehen für was. Richtig! Aber auch die Tatsache, dass der Erzähler sie aufbewahrt. Und da kommt dann eine Befassung mit der Verpackung durchaus ins Spiel aus meiner Sicht.
Und mit schematisch meine ich, dass es immer alte ausgediente Zigarrenkisten sind. Ausgedient ist da auch nicht besser, das stimmt. Das ist nicht wirklich eine verbale Verbesserung, aber warum überhaupt ein Adjektiv? Wäre es eine frische neue, würde man es erwähnen müssen. Aber man muss auf der anderen Seite keinen Zusatz "alt" bei einer normalen Zigarrenkiste wählen. Die ist immer schon gebraucht worden. Mir fällt es schwer, dir den Geruch von Zigarrenkisten zu beschreiben, einmal losgelöst vom Tabak, der dort drin aufbewahrt wurde. Sie riechen immer ein wenig nach ganz trockenem Holz und ein bisschen so, als hätte sich durch die Hitze es Zuschneidens ein wenig Harz erhitzt und haftet nun zusammen mit dem leichten Brenngeruch am Holz. Wie gesagt, ich hab den Geruch in der Nase, aber ihn dir schildern, fällt mir schwer.
Eigentlich möchte ich was sagen, eine Zigarrenkiste riecht wie eine Zigarrenkiste. So wie eine Apfelsine wie eine Apfelsine riecht, da könnte man ausser, dass sie zitronige Note haben kann und vielleicht eine blumige on top auch nicht viel mehr erklären.
Aber was ich sagen wollte war, dass du dem Behälter durchaus mehr Bedeutung zukommen lassen kannst, der Junge legt diese Kronkorken ja als etwas Besonderes weg und hamstert sie, versteckt sie sogar. Auch, wenn ihm nicht klar ist, was er damit so genau will und weshalb er es tut, sie bedeuten ihm etwas, indem er sie in einen Behälter tut.

Lieben Gruß

lakita

 
Wortkrieger-Team
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Mahlzeit @jimmysalaryman,

ich habe nichts anzumerken, außer: Astrein. Es startet wie ein Film. Bild um Bild. Es braucht noch nicht mal einen Off-Sprecher. Es kam leider kein Held und gab allem einen Sinn, damals. So blieb vieles sinnlos und bekommt ihn erst heute, wenn diese Bilder in Worte fließen.
Eines fiel mir auf:

Der blaue Montage rettete
... weil du ja mehrere meintest, denke ich.

Du bist ein guter Schriftsteller.

Grüße
Morphin

 
Monster-WG
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Hey @jimmysalaryman

Auf wenig Platz viel gezeigt und noch mehr angetippt. Von der Erzählstruktur und aufgrund einiger Marker ein Text, der droht, Vergangenheit zu verklären, der das aber geschickt bricht und in Frage stellt. Ein Text auch, der viele Räume öffnet, da ist einiges, dem man nachspüren kann, die Beziehung zum Vater zum Beispiel oder die Leerstelle Mutter, deren einzige Handlung es bezeichnenderweise ist, die Kiste mit den Kronkorken wegzuwerfen. Sehr sinnlicher Text, wieder einmal. Ganz nach meinem Geschmack.

Der Schriftzug KÜPPERS KÖLSCH vor leuchtend hellgelbem Hintergrund, aus Versalien gesetzt.
Drei Probleme: Müsste es erstens nicht heissen: in Versalien gesetzt? Zweitens: Entstammt der Ausdruck "Versal" dem richtigen Sprachregister? Weshalb nicht "Grossbuchstaben"? (Verdacht: Weil sich das sonst beim nächsten Satz doppeln würde). Drittens: Weshalb steht das überhaupt da, du hast den Schriftzug ja in Grossbuchstaben gesetzt, das reicht, finde ich.
muss ich auch an eine heiße Nachmittagssonne denken, die durch die Küchenfenster scheint und den Linoleumboden weich macht.
Eine Eigenschaft durch die Wirkung zeigen (Linoleumboden wird weich), ist toll gelöst. Macht das "heisse" vielleicht entbehrlich oder Platz für ein spezifischeres Adjektiv.
– eine weit entfernte Erinnerung.
Hätte es hier für mich nicht gebraucht. Das doppelte "ich denke", ich denke" oben fand ich sehr gut, das führt in die Erinnerung ein und da brauche ich das nicht noch einmal gesagt zu bekommen. Klar, du hast da noch das weit entfernt drin. Wäre natürlich klasse, wenn du das in die Erinnerung selbst einbauen könntest.
Als sie voll war, habe ich mit dem Sammeln aufgehört.
Bin mir nicht sicher, aber weshalb der Wechsel der Zeitform und nicht: "Als sie voll war, hörte ich mit dem Sammeln auf."?
Auf der Straße hörte ich die Leute sagen: Pennerbier. In meinem dunklen Zimmer hörte ich laute Musik
Absicht? Für mich klingt es eher nach einem unnötigen Doppler. (Trippler, wenn man das "aufgehört" vom vorherigen Abschnitt mitzählt)
In meinem dunklen Zimmer hörte ich laute Musik und Lachen aus der Küche. Die Stimmen der Männer, Gläserklirren, das Öffnen geschlossener Flaschen – das kurze Zischen, fast wie ein Faustschlag. Der Moment des Trinkens, stets in Gleichzeitigkeit, einem bestimmten Rhythmus folgend – der Durst, das Verlangen nach Rausch und die Stille, in der kein Wort mehr gesprochen wurde, in der nur die Kehlen arbeiteten.
Das fand ich schwierig, du bist ja noch in der akustischen Wahrnehmung drin - und immerhin läuft da laute Musik dazu, wie du oben schreibst. Ich dachte also, okay, da gleitest du aus der Wahrnehmung in die Vorstellung. Aber danach kommt wieder die Stille, in der kein Wort gesprochen wird, also eher wieder eine Wahrnehmung. Ich empfinde die Passage diesbezüglich als nicht ganz sauber.
wenn die Hitze den Verstand lähmt und die Zeit verlangsamt, saß ich im kühlen Schatten einer Zimmerecke.
Kann vielleicht weg, ist ja klar.
Kinder ließen Murmeln aus buntem Glas über den Asphalt springen.
Du hast einige "Standbilder" im Text, die rauchende Frau, der Mann, der nach Chemikalien riecht, die Mehlsäcke auf den Schultern von Männern. Ich finde die alle stimmig und gut, nur hier hatte ich den Eindruck, dieses Bild hätte ich schon das eine oder andere Mal gesehen / gelesen.
Männer, die nach dem zweiten Frühstück auf Baustellen und in Werkstätten tranken, Selbstgedrehte im Mund, ein Pfiff auf den Lippen für die schönen Mädchen.
Das empfand ich so, als müsstest du hier noch einmal Anlauf holen. Der erste Teil ist klar im Damals verortet, der zweite im Danach und Heute. Insofern gehört dieser Satz eigentlich in den ersten Teil. Dann müsstest du hier nur noch erzählen, was aus den Männern, die wir bereits kennengelernt haben, geworden ist. Wäre cleaner, meiner Meinung nach.
Aber nein, dachte ich, das kann nicht sein, es ist einfach nur eine Scherbe. Trotzdem habe ich sie mitgenommen und auf das Grab meines Vaters gelegt.
Wunderbare Stelle!
wie sie in der Zigarrenkiste liegen, funkeln und leuchten wie falsches Gold.
Greift den Titel auf. Was, wenn man den Titel mitarbeiten lassen und den expliziten Bezug hier weglassen würde? Bin mir nicht sicher, man soll ja auch nicht am Titel herumrätseln.

Lieber Gruss
Peeperkorn

 
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Hallo Jimmy!

Ich hab inhaltlich nix anzumerkeln. Hat mir gut gefallen, deine bildreiche Milieuschilderung. Ja, du bist ein guter Schriftsteller, wie bereits weiter oben geschrieben wurde.
Nur vom letzten Satz würde ich etwas amputieren:

Eine Sache weiß ich genau: Wir alle werden verschwinden.
Gern gelesen! :)

 
Seniors
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Aber man muss auf der anderen Seite keinen Zusatz "alt" bei einer normalen Zigarrenkiste wählen. Die ist immer schon gebraucht worden.

Ja, das ist vollkommen korrekt. Ich weiß, was du meinst. Natürlich klingt das in so einem Text extra verfänglich, weil der ganze Mood schon etwas retro ist, da muss man das nicht noch überbetonen, das kann dann schnell zu viel werden, stimmt. Muss ich mir was überlegen. Ich arbeite dran. Danke für deinen erneuten Kommentar.

@Morphin

Es startet wie ein Film. Bild um Bild. Es braucht noch nicht mal einen Off-Sprecher.
Ja, ich bin an so einer Serie dran, auch einfach um mich ein wenig abzulenken, auch um die Sinne zu schärfen, gerade bei so kurzen, komprimierten Sachen sieht man ja, wie jedes Wort gilt. Danke dir für deine Zeit und deinen Kommentar.

@Peeperkorn,

Danke dir für deinen Komm, Peter, hat mich sehr gefreut. Hab vieles mal direkt übernommen bzw gekürzt, man wird echt blind vor Augen, alles, was du sagst klingt logisch. Das Bild mit den Murmeln finde ich aber geil, das hatte ich noch nicht! :D

Dann müsstest du hier nur noch erzählen, was aus den Männern, die wir bereits kennengelernt haben, geworden ist. Wäre cleaner, meiner Meinung nach.
Gebe ich dir Recht. Aber ich beantworte es ja auch irgendwo, oder findest du nicht: Sie fallen von Dächern oder haben ihre Gliedmaßen verloren. Das sind ja wirklich Relikte aus der Vergangenheit. Ich kann mich erinnern, so 1995, im Betrieb meines Onkels, der Dachdecker ist, da haben echt alle hart gesoffen, vor allen Dingen die Elektriker. So etwas geht heute gar nicht mehr, undenkbar. Also insofern sollte es so ein kurzer, unsentimentaler Abgesang sein, diese Männer sind verschwunden, weil es klar war, dass sie verschwinden müssen, wer so lebt, wird die Konsequenz dafür zahlen - so in diesem Sinne. Ich weiß nicht, wie ich das anders ausdrücken kann. Auch mit dem Pfiff nach den Mädchen, so was geht ja heute nicht mehr, aber damals eben schon, und so verschwinden eben die positiven wie die negativen Dinge einer solchen Welt.

Falsches Gold, stimmt. Ich wollte den Text zuerst Küppers Kölsch nennen, wäre vielleicht richtiger und besser, was meinst du? Mich stört das falsche Gold auch irgendwie.

@Manuela K.

Danke auch dir für deinen Kommentar. Ich versuche, besser zu werden. Demut ist immer angebracht. Den letzten Satz habe ich mit der Rasierklinge amputiert! :D

Gruss, Jimmy

 
Monster-WG
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Hey @jimmysalaryman

Aber ich beantworte es ja auch irgendwo, oder findest du nicht: Sie fallen von Dächern oder haben ihre Gliedmaßen verloren.
Ja, klar. Ich habe das anders gemeint: Dann könntest du dich hier darauf beschränken, zu zeigen, was aus ihnen geworden ist, und müsstest nicht noch zeigen, was das für Männer sind. Ich würde also nur die Passage mit den Selbstgedrehten im Mund etc. nach oben schieben. Ist aber nur ein winziges Detail, man muss ja auch darauf achten, die Organik des Textes nicht zu zerstören.
Falsches Gold, stimmt. Ich wollte den Text zuerst Küppers Kölsch nennen, wäre vielleicht richtiger und besser, was meinst du? Mich stört das falsche Gold auch irgendwie.
Was mich intuitiv und unmittelbar daran gestört hat, ist die Bewertung die im "falsch" liegt. Ich assoziiere automatisch, dass das irgendwie auch falsche Erinnerungen sind oder Erinnerungen an etwas Wertloses. Aber das sind sie ja nicht. Heute erscheint alles in einem anderen Licht, klar, aber der Begriff "falsches Gold" zielt für mein Empfinden in Richtung Entwertung der Vergangenheit und das willst du ja nicht, nehme ich mal an. Für mich hält der Text die Balance zwischen Erinnerung an schlimme Zeiten und Erinnerung an gute Zeiten, beides und gleichzeitig irgendwie, und da gibt mir das "falsche Gold" im Titel vielleicht tatsächlich zu viel Gewicht auf die eine Waagschale. Küppers Kölsch wäre mir auf der anderen Seite etwas zu prosaisch. Würde vielleicht auch falsche Erwartungen wecken. Es bilden ja schon die Kronkorken und ihr Glitzern das symbolische Zentrum des Textes und nicht das Bier. Insofern ist Falsches Gold schon nahe dran am Geist des Textes, finde ich.

Lieber Gruss
Peeperkorn

 
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Ja, klar. Ich habe das anders gemeint: Dann könntest du dich hier darauf beschränken, zu zeigen, was aus ihnen geworden ist, und müsstest nicht noch zeigen, was das für Männer sind. Ich würde also nur die Passage mit den Selbstgedrehten im Mund etc. nach oben schieben. Ist aber nur ein winziges Detail, man muss ja auch darauf achten, die Organik des Textes nicht zu zerstören.

Ich verstehe. Ich habe jetzt mal diese Details in die Vergangenheit gesetzt. Es heißt jetzt:
Manche von ihnen sind vom Dach gefallen und einfach liegen geblieben. Manche sind in Maschinen gerieten und haben Gliedmaßen verloren.
Dadurch ist irgendwie auch der Anschluss besser, die Verbindung zur Gegenwart, wie ich finde. Was sagst du? Falsches Gold, ja, da bin ich auch echt unsicher - ich denke, ich werde die umbenennen, in Küppers Kölsch, so plump wie das klingt, es erscheint mir richtiger und wahrer.
Danke für deine erneute Rückmeldung.

Gruss, Jimmy

 
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Ich verstehe. Ich habe jetzt mal diese Details in die Vergangenheit gesetzt. | Manche sind in Maschinen gerieten und haben Gliedmaßen verloren.
geraten

Schön, wie wir aneinander vorbeireden. :D Mich hat nur gestört, dass du an dieser Stelle erzählst, was das für Männer waren. Was ich hier also gerne gelesen hätte, ist Folgendes:

Heute sehe ich kaum noch Küppers Kölsch in den Regalen der Geschäfte. Es verschwand, wie mein Vater verschwand, wie meine Onkel verschwanden: Männer, die nach dem zweiten Frühstück auf Baustellen und in Werkstätten tranken, Selbstgedrehte im Mund, ein Pfiff auf den Lippen für die schönen Mädchen. Manche von ihnen sind vom Dach gefallen und einfach liegen geblieben. Manche sind in Maschinen gerieten und haben Gliedmaßen verloren. Der blaue Montag verschwand.
vielleicht: "... meine Onkel und die anderen Männer verschwanden: ..." Ich empfände den Abschnitt dann als kompakter. Die gestrichene Info dafür weiter oben.

Gruss
Peeperkorn

 
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Mensch, siehste. JETZT habe ich es verstanden. Habs mal geändert. Wirkt runder, strukturierter, geordneter. Danke dir! @Peeperkorn


Neiiiiiin! Ich überlege mir was.

Während ich das schreibe, merke ich allerdings, dass man das dann so lesen könnte: Die Bierflaschen sind auf die selbe Art verschwunden wie mein Vater und meine Onkel: Es ist vom Dach gefallen.

 
Monster-WG
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Hehe, wir arbeiten in Echtzeit. Schon wieder haben wir uns überschnitten :D Aber jetzt kommt's gut.

Lieber Gruss
Peeperkorn

 
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Ich habe den Satz vorher auch geändert, es wirkt jetzt nicht mehr so verfänglich. Hoffe ich!

 
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Hallo @jimmysalaryman,

das ist auf jeden Fall ein echt guter Text. Liest sich sehr geschliffen und durchdacht. Diese Aneinanderreihung von Bildern aus der Erinnerung lässt die Handlung wie ein Schwelgen in Gedanken wirken.

Mir sind einige wenige Sachen aufgefallen, die ich mal so in den Raum werfe. Vielleicht kannst du ja was damit anfangen.

der polnische Witwer im UG, der sein Leben lang bei Dynamit in der Fertigung gearbeitet hatte und immer noch nach Chemie stank.
Vielleicht wäre hier der Effekt größer, wenn du betonen würdest, dass der Mann schon lange nicht mehr dort arbeitet? Z.B. sowas wie: "[...] der Witwer, der bis vor 20 Jahren bei Dynamit gearbeitet hatte [...]"
Das steckt hier schon implizit in deiner Formulierung drin, aber mit einer Zeitangabe könnte es noch ein bisschen klarer werden mE.

Manche von ihnen sind vom Dach gefallen und einfach liegen geblieben.
Sehr gutes Bild.

Der blaue Montag verschwand. Die alte Linde verschwand. Die Genossenschaftshäuser verschwanden.
Auch Männer wie mein Vater und meine Onkel sind verschwunden.
Ist das Absicht, dass es dreimal "verschwand" und einmal "sind verschwunden" heißt? Machst du das, um dieses Sprachbild "xy verschwand" aufzuweichen?

Zwischen Birken und schwarzem Holunder fand ich eine Scherbe aus braunem Glas.
Hier hat es mich im ersten Moment gewundert, dass du die Gegenwart mit Natur charakterisierst, weil ja diese Naturelemente zentral für die Erinnerung waren. Eigentlich finde ich es aber cool, weil so ein Stück Erinnerung ins Hier und Jetzt gezogen wird.

Hab die Geschichte sehr gerne gelesen.

Grüße
Klamm

 
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@jimmysalaryman
Hm, da sieht man, wie unterschiedlich Wahrnehmung und dann auch 'Geschmäcker' sind, denn "Falsches Gold" empfand ich als korrekt. Was sich - aus meiner Sicht - nicht nur auf das wunderschön gelbe Etikett bezog, auch der Inhalt und das, was man darin zu finden hoffte ... all das, war für mich das falsche Gold. Ein lyrischer Titel, der sich erst erschließt, wenn man den Text eingeatmet hat.

Er hat in mir eine Erwartung geweckt. Falsches Gold ... und diese Erwartung wurde erfüllt durch den Text. Es ist okay, "mechanische Sichtweisen" umzusetzen, als Handwerkszeug fürs Schreiben oder Verdichten, aber ich ziehe tatsächlich mehr daraus, wenn - zumal in so kurzen Texten - mehr Lyrisches enthalten ist. Poesie.

Natürlich ist Poesie in so einer Beschreibung von verschwundenem "Arbeitermilieu" auch und immer nachträgliche Verklärung, ein Stück weit, aber gerade die Poesie bringt die Tragik - manchmal auch die Tragikomödie - wieder zurück. Die Poesie schafft erst das Drama.

Falsches Gold empfand ich als Poesie. Weil auch immer was von Eldorado mitschwingt.

Grüße
Morphin

 
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Hallo @Morphin

Es ist okay, "mechanische Sichtweisen" umzusetzen, als Handwerkszeug fürs Schreiben oder Verdichten,

Ist jetzt glaub das dritte oder vierte Mal, dass du mir, ohne meinen Namen zu nennen, eine "mechanische Sichtweise" aufs Schreiben unterstellst. Es tut mir wirklich leid, wenn dich meine Kommentare triggern, aber es fördert meine Kommentierlust nicht besonders, wenn ich jedes Mal, nachdem ich mir Gedanken zu einem Text mache, eine halbe Stunde später lesen muss, wie verkopft und daneben und unlyrisch meine Herangehensweise doch ist. Hier bei diesem Text kann ich zumindest sagen, dass du meine Erwägungen nicht im Geringsten verstanden hast.

Lieber Gruss
Peeperkorn

 
Wortkrieger-Team
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@Peeperkorn
Ja, du hast recht. Ich habe falsch gelesen. Ich hing bei Jimmysalarymans erstem Zweifel ob des Titels und habe dann meinen sehr schlechten Tag dazu benutzt, die anderen Kommentare nur noch halb zu lesen. Das sollte man nicht tun. Als ich dann den neuen Titel las, fragte ich mich, warum er ihn jetzt gewechselt hat und hab dann - ohne weiteres Lesen der anderen Kommentare - meinen verfasst. Ich sehe, du warst dem ersten Titel 'Falsches Gold' ebenfalls nicht abgeneigt. Für mich war der Titel hier wichtig, Küppers Kölsch zu banal, dem was der Text transportiert nicht angemessen. Tut mir leid, dass ich es unnötigerweise aus dem Kontext gerissen habe.

Falls du noch die anderen Stellen weißt, bei der ich 'mechanische Sichtweisen' erwähnte, dann lese ich sie gerne noch mal durch und schreib dir eine PN dazu.

Grüße
Morphin

 
Monster-WG
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@Morphin

Danke dir für die Klärung und das Angebot. Ich schreibe dir eine PN. Bühne wieder frei für Textarbeit ...

 
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Hallo, @Sebastian79MS

Das Bier erzählt sozusagen eine ganze Geschichte.
So sollte es sein. Eine kleine Kulturgeschichte. Küppers Kölsch gibt es übrigens wieder, aber nur als Lohnbräu, schade.

Vielleicht wäre hier der Effekt größer, wenn du betonen würdest, dass der Mann schon lange nicht mehr dort arbeitet? Z.B. sowas wie: "[...] der Witwer, der bis vor 20 Jahren bei Dynamit gearbeitet hatte [...]"

Ich weiß, was du meinst. Aber im ganzen Text wird das nicht so konkret benannt, der schwebt ja im Grunde, zeitlich nicht so verortet, da steht nicht 1988 oder 1992, und das auch ganz bewußt, der soll nicht so direkt auf eine Zeit festgelegt sein, ruhig etwas schwammig in der Chronologie.

Hier hat es mich im ersten Moment gewundert, dass du die Gegenwart mit Natur charakterisierst, weil ja diese Naturelemente zentral für die Erinnerung waren. Eigentlich finde ich es aber cool, weil so ein Stück Erinnerung ins Hier und Jetzt gezogen wird.
Ist ein guter Punkt, ja. Ich denke, Holunder und Birke sind Pionierpflanzen, Holunder ist auch einer der mythisch aufgeladenen Pflanzen mit einer hohen Symbolkraft, germanische Göttin Holla etc, das spielt jetzt nicht direkt eine Rolle, aber vielleicht subtil. Die Linde ist ja der eigentlich deutsche Baum, unter der Linde spielte sich das gesellschaftliche Leben ab, und den Holunder benutzt man zum Beispiel in der Walpurgisnacht, um böse Kräfte abzuwehren - klingt was völkisch, ist aber nicht so gemeint, es sind alte Riten, die halt fast niemand mehr kennt. Manchmal baue ich das ganz gerne in Texte ein, um sie für mich selbst auch etwas satter zu gestalten.

@Morphin @Peeperkorn

Ich habe den Titel noch mal geändert. Ich bin da hin und hergerissen, weil "Falsches Gold" schon auch passt, das kann auch als Metapher dienen. Vielleicht nehme ich es dann im Text raus, so dass es ein wenig dem Leser überlassen ist, wie er und mit was er den Titel assoziiert.

Dankt euch allen für eure Zeit!
Gruss, Jimmy

 

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