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Frühlingsglanz

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17.07.2020
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Frühlingsglanz

Ich kann das nicht mehr sehen. Seit zwanzig Minuten starre ich nun schon auf den Fernseher und verfolge die Nachrichten, aber es geht nicht mehr. Ich muss hier raus. „Chris, kannst du bitte ausmachen?“ Mein Pfleger drückt auf die Fernbedienung und das Bild erlischt. „Was hast du jetzt vor?“, fragt er mich und legt die Fernbedienung auf den Tisch.
„Ich fahre spazieren“, antworte ich und rolle zur Haustür.
Er öffnet die Tür. „Brauchst du dein Handy?“
„Nein, bloß nicht“, sage ich knapp.

Es ist ein warmer Märztag und eine Brise weht durch meine Haare. Ich fahre auf der Asphaltstraße, die von Eichen und aneinandergereihten Einfamilienhäusern gesäumt wird. Der Himmel ist wolkenlos und der Geruch nach frischen Blumen steigt mir in die Nase. Meine Gedanken kreisen. Oh Mann! Ich habe so eine Angst vor dem Virus. Ich möchte nicht sterben. Die ganzen Informationen machen mich noch fertig. Hör auf damit, du Idiot, ermahne ich mich selbst. Es wird alles gut. Mein Rollstuhl rattert über den Asphalt. Sonst ist alles still. Es sind kaum Menschen unterwegs. Hin und wieder sehe ich Paare, die einen Spaziergang machen, oder einsame Jogger. Ich weiche gekonnt den möglichen Infizierten aus.

An der nächsten Einfahrt biege ich in den Weg ein, der durch den Park führt. Ich komme an einer Bank vorbei, auf der ein älterer Mann sitzt. Als er mich sieht, lächelt er. Ich halte, schaue ihn an und lächle zurück. Sein graues Haar glänzt im Sonnenlicht. Er wirkt zufrieden.
„Hey, junger Mann, was schaust du mich so an?“
Ich fahre näher zu ihm rüber. „Sie wirken so zufrieden.“
„Warum auch nicht? Das Wetter ist herrlich und ich bin in der Natur. Was möchte man mehr?“
„Haben sie denn keine Angst vor dem Virus?“, frage ich.
„Nenn mich einfach Karl. Das Sie klingt so, als wäre ich hundert Jahre alt. Und jetzt zu deiner Frage: Klar habe ich Angst zu erkranken, aber ich versuche, mich nicht verrückt zu machen. Wir dürfen nicht den Fehler begehen und aufhören zu leben. Aber natürlich sollte man aufpassen.“
„Die Einschränkungen nerven mich. Ich möchte wieder ins Kino oder mit meinen Freunden in einen Club.“
Karl zündet sich eine Zigarette an und nimmt einen tiefen Zug. „Wir müssen unsere Lebensgewohnheiten ein bisschen verändern. Trotz Einschränkungen haben wir noch genügend, was wir machen können. Zum Beispiel ein gutes Buch lesen oder einen Spaziergang unternehmen, die Natur genießen und sie bewusster wahrnehmen. Wir müssen wieder lernen, mit Kleinigkeiten zufrieden zu sein, und diese mehr wertschätzen.“
„Wie kann ich die Natur bewusster wahrnehmen?“, frage ich.
Karl schmunzelt und sagt: „Du hast doch Augen im Kopf. Das sollte ausreichen. Schau und hör genauer hin.“
„Ich heiße übrigens Michael. Ich kann dir leider nicht die Hand geben, da ich sie nicht hochheben kann.“
„Soll man ja sowieso nicht. Mit dem Fuß geht auch“, sagt Karl und berührt meinen Fuß mit seinem. Wir müssen beide lachen.
„Dann werde ich mal weiterfahren.“
Er nickt mir zu. „Mach das, Michael. Genieße den Tag.“

Wenig später rolle ich auf eine alte Holzbrücke und halte an. Ich schaue nach unten auf den Teich. Ok, schau genauer hin. Du kannst das. Ich scanne ein paar Sekunden die Umgebung, bis ich plötzlich etwas sehe. Drei grüne Frösche hüpfen am Ufer herum, als würde der Teich ihnen gehören. Sie wirken entspannt und nehmen mich nicht wahr. Ich lasse den Blick weiter schweifen. Zwei Enten sitzen auf einer Bank und fressen genüsslich die letzten Toaststücke. Die warme Frühlingssonne scheint mir ins Gesicht und ich schließe für einen Moment die Augen. Amseln trällern in der Nähe.

Ein paar Minuten später komme ich wieder an der Straße an. Auf einmal huscht ein Eichhörnchen auf die Straße und bleibt auf halber Strecke sitzen, um eine Nuss zu verspeisen. Seelenruhig sitzt es da. Sein rotbraunes Fell glänzt.

Die Natur macht unbeeindruckt weiter. Sie überlässt uns Menschen unserem Schicksal und lacht uns dabei spöttisch ins Gesicht.
 

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