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Fratzen

Bas

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Fratzen

Am Anfang war das Licht und sonst nicht viel. Ein bisschen Schädelbrummen, ein wenig Unwohlsein, ein paar Gedanken. Ja, jetzt hatte man also einen Menschen umgebracht, jetzt lag man mit einer Leiche im Bett und wusste nicht, wohin mit ihr und wohin mit sich selbst. Wie lange, bis sie anfängt zu riechen? Kann man sich wieder hinlegen, den Kater ausschlafen, oder klopft es dann schon an der Tür, weil es im Gang nach Tod stinkt?
Wie löst man einen Kadaver auf? Mehr Alkohol vielleicht, mehr Vergessen. Mehr Säure, um ihn zu zersetzen, aber wo ist das Regal mit der Säure und wie würde es wirken, danach zu fragen, wie viel Aufmerksamkeit würde man dadurch auf sich ziehen?
Die ersten schauen schon. Starren. Konturlose Fratzen, weit aufgerissene Mäuler und zerlaufene Augen, mehr Augenhöhle als Auge selbst: schwarz, tief, leer. Und mittendrin die Oberfratze, und wieder kommt mir die kalte Kotze, als ich sie sehe.

Manchmal, sagt meine Mutter, habe ich den Eindruck, mit dir stimmt etwas nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Mit wem stimmt schon alles, sage ich, den will ich mal sehen. Sie sagt: Mit deinem Bruder zum Beispiel: Frau, Kind, Beruf. Und du: nichts davon. Geh mir nicht auf die Eier, denke ich, sag’s aber nicht, sage aber: Sébastien ist minderbemittelt, ein Kleingeist, ein verklemmter Degenerierter, ein Inzestuöser, ein – und die Ohrfeige sitzt. Warum, warum muss es mit dir immer ausarten. Vielleicht hast du tatsächlich etwas falsch gemacht, denke ich und gebe ihr einen Kuss auf die Stirn, der mehr sitzt als die Ohrfeige.

Ich sitze an der Hotelbar und wenn jemand meinen Gedanken folgen könnte, würde er sich verlaufen. Meine Gedanken sind ein Labyrinth und auf den Hecken liegt Stacheldraht, den ich selbst dort angebracht habe.
Ihr Kaffee, sagt die Fratze, und ich beachte sie nicht, ich trinke den Kaffee in einem Zug aus und verbrenne mir Lippen, Gaumen und Rachen mit boshafter Absicht. Wenn ich mich auflöse, nach und nach, dann bin ich unsichtbar, dann kann ich unter ihnen leben wie ein Geist. Wenn ich ein Stück Eisen in das offene Feuer halte, bis es glüht, bis es zischt, wenn ich es unter Wasser halte – was ich nicht mache –, könnte ich es schlucken und die Glut in mir löschen.
Die Fratze mustert mich und kurz schwebe ich über den Dingen, um dann Besitz zu ergreifen. Ich sehe durch ihre Augenhöhlen und ich sehe …
Einen Hut, und darunter zwei Augen, müde Augen, tote Augen, aber Augen. Lebendige Augen, Augen, die Funken sprühen, die Pfeile verschießen, und darunter eine Nase, gebogen, erst nach links und dann nach rechts. Eine Nase wie eine Bergstraße, zick und zack und hin und her, hässlich anzusehen und unmöglich wegzusehen. Wenn die Temperaturen sinken, nässt sie und wenn sie steigen, pfeift sie und wenn ich meine dreckigen Finger reinstecke, fördere ich braune Kruste zutage.
Sébastien über mir.
Sébastien mit geweiteten Augen, Sébastiens Faust, die mein Nasenbein bricht, Sébastien, der mich anschreit: Siehst du, was du machst? Siehst du, was du uns antust?
Gedankendonner, ich geh in die Knie, Glas fällt, Glas bricht, die Fratze stutzt und der Geist schwebt ängstlich zurück, zieht den Hut tiefer ins Gesicht, weil er das Gefühl hat, beobachtet zu werden.

Ich stehe im Gang und Sébastien fragt: Was willst du hier, ich sage: Geld! Was sonst! Gib mir Geld oder ich haue dir eine runter, ich erzähle deiner Frau, dass du alten Männern die Kimme leckst und erzähle deiner Tochter, dass du Kinder fickst! Du machst mich krank, sagt Sébastien und spuckt aus, während er mir das Geld reicht.

Ich kaufe mir Säure, Batteriesäure, ich nehme nacheinander sechzehn Batterien in den Mund und spüle sie mit kochendem Wasser den Rachen herunter. Ich kaufe mir ein Teppichmesser und setze es an meinem hässlichen Auge an, dort, wo Ober- und Unterlid aufeinandertreffen und sich begegnen wie zwei Fremde, ich ziehe einen senkrechten Graben zum Mundwinkel und stecke meine Hand in die klaffende Hauttasche, laufe über die Straßen mit meinem Zweispitz auf dem Kopf und nenne mich Napoléon, um nicht mehr ich zu sein.

Napoléon und wie weiter, fragt die Fratze am Schalter, und ich sage Bonaparte. Napoléon Bonaparte, murmelt die Fratze und blickt kurz hoch und hebt die Braue, und wenn sie jetzt noch die andere hebt, schlage ich ihr die Zähne aus. Aber die Augenbraue bleibt, wo sie ist.
Jetzt habe ich wieder ein Dach über dem Kopf. Zimmer Sieben-Null-Vier, ich bin telefonisch wieder erreichbar und kaum trete ich ein, schrillt der Apparat.
Monsieur Bonaparte.
Madame Soundso.
Möchten Sie empfangen?
Möchte ich? Ich sehne mich nach Nähe, nach einem Gespräch, aber gleichzeitig fürchte ich die Nähe und das Gespräch und was sie zutage fördern werden: Mehr braune Kruste, mehr Erinnerungen.
Schick sie rauf, und zwei Sekunden später klopft es an der Tür.

Olivier.
Soll ich mich tot stellen oder ihr öffnen,
Mach auf.
mich ihr öffnen, sie in den Arm nehmen und ihr sagen, wie sehr sie mir fehlt,
Ich bin’s.
wie sehr es mir fehlt, dass sie mir zuhört, mich versteht,
Bitte.
oder macht mich das angreifbar,
Olivier!
wird es ausarten,
Mach auf!
werde ich ausrasten
neben ihr aufwachen
nie mehr aufwachen

Ich stelle mich tot.

Ich bin tot, und meine Mutter und mein Bruder stehen am Sarg und tuscheln. Ich kann nicht verstehen, was sie sagen, aber ich kann sehen, wie seine Hand unter ihrer Kleidung über den Rücken wandert, kann sehen, wie sie die Augen schließt und das Kinn nach oben reckt.
Sébastien sagt: Jetzt hat er seine Ruhe, aber Sébastien meint: Jetzt sind wir ihn los.
Meine Mutter sagt: Ja.
Sébastien sagt: Jetzt können wir leben.
Sébastien sagt: Jetzt musst du nicht mehr gebeugt gehen, jetzt sollten wir feiern, und Sébastien flüstert: Komm. Sébastien hakt sie unter, Sébastien führt sie ins Hotel, meine Mutter sitzt mit im Schoß verschränkten Händen auf der Bettkante und Sébastien zieht langsam sein Hemd aus.

Gedankenblitze und Gedankensturm, der Hirnkessel pfeift und kocht über, ich reiße mir die Haare raus und stehe auf dem Fensterbrett und von unten starren die Fratzen herauf, skandieren undeutliche Worte, brabbeln Alphabetbrei und kotzen im Zahlenstrahl, Bonaparte!, Bonaparte Null-Vier-Sieben!, und ich springe mit Dornen an den Füßen in die Menge und trete ihnen im Flug in ihre Fressen

Am Ende war das Licht und sonst nicht viel. Und jetzt stehe ich wieder am Anfang.
Wie mein Name ist?
Olivier.
Familienname?
Soundso. Egal.
Wie es mir geht?
Besser, vermutlich.
Warum vermutlich?
Weil nicht mehr viel da ist vom Davor.
Das ist gut.
Ja.
Mach auf.
Leises Donnern.
Vermutlich sollte ich schlafen.
Und vermutlich ist morgen alles besser.

 
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Diese Geschichte wurde von einem Autor geschrieben, der hier im Forum angemeldet ist, es für diese Geschichte aber bevorzugt hat, eine Maske zu tragen.
Der Text kann, wie jeder andere Text im Forum, kommentiert werden, nach zehn Tagen wird die Identität des Autors enthüllt.

Als Kritiker kann man bis dahin Vermutungen über die Identität des Autors anstellen. Damit man anderen mit einem schlüssigen Rateversuch nicht den Spaß raubt, sind Spekulationen und Vermutungen bitte in Spoiler-Tags (oben im Menü) zu setzen.
Da dies jedoch kein Ratespiel ist, sind Beiträge ohne Textarbeit, also reine „Vermutungen“, nicht erwünscht.

Viel Spaß beim Kommentieren und Raten!

Dieser Maskenball endet am 25.07.

 
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Hey Maske, es geht los : )

ein interessanter Text. Darüber kann man sprechen. Ich mag den Rhythmus, den das hat, die Wortverliebtheit und auch die Art der Gedankenführung (will ich das mal nennen). Der Text kann was. Trotzdem werde ich da persönlich nicht satt. Aber ich jammere auch gerne, wenn ich das Gemachte zu erkennen meine und fühle, ich kann die Illusion, dass das kein Text, sondern ein Film ist, der sich abspult, nicht aufrecht erhalten. Erst will ich aber nochmal loben. Mir gefällt die Sprache wirklich gut und ich finde auch, dass Vieles hier sehr geschickt gemacht ist und das auch nicht eben eine billige Fingerübung, sondern schon eine Herausforderung darstellt. Der Text funktioniert für mich dann, wenn ich einiges, aber nicht zu viel über die Gedanken hinter den kranken Verhaltensweisen des Protagonisten weiß. Denn die Gedanken zu kennen (bzw. das, was der Autor als diese ausgibt), überzeugt mich nicht. Ich denke: so denkt der doch nicht. Selbst wenn er das tatsächlich tut. Das ist mir zu vertraut, da vermute ich, das ist die Erfahrungswelt des Autors, keine wirkliche Fremdperspektive. Aber wenn ich eben nicht alles weiß, funktioniert es. Das ist wie beim Film "Joker" mit Joaquin Phoenix. Der Typ verhält sich auch super schräg, aber das Innenleben kann ich nur erahnen und davon lebt es auch ein Stück weit. Eine kleine, steile Hypothese: Vielleicht wolltest du zu sehr sichergehen beim Schreiben, dass die Figuren-Motivation stimmt und von den Lesern abgenickt wird. Aber ich glaube, in geordneten Narrationen, deren Sprache wie hier nicht einmal hochgradig idiosynkratisch ist, erscheint es mir beinahe unmöglich, einen Einblick in die Motivation so eines Charakters zu geben ohne die Form aufzulösen.

Am Anfang war das Licht und sonst nicht viel

schöner Satz, fand ich

Ja, jetzt hatte man also einen Menschen umgebracht, jetzt lag man mit einer Leiche im Bett und wusste nicht, wohin mit ihr und wohin mit sich selbst.

Dieses Verharren in der unpersönlichen Form dritter Person mag ich als Stilmittel. Das bringt eben auf den Punkt, dass da jemand vom Ich abstrahiert. Den Grund kann man sich denken.

Kann man sich wieder hinlegen, den Kater ausschlafen, oder klopft es dann schon an der Tür, weil es im Gang nach Tod stinkt?

Insgesamt ein super spannender, erster Absatz. Damit hattest du, finde ich, eigentlich alles richtig gemacht.

Mehr Säure, um die Leiche zu zersetzen

Dann ein ziemliches Cliché auch wenn das vielleicht so praktiziert wird. Hier braucht es unbedingt etwas anderes finde ich, oder eine Brechung.

Konturlose Fratzen

Und dann wird früh sehr klar, woher dieser Titel rührt. Das ist die ordnende Hand des Autors.

und wieder kommt mir die kalte Kotze

schön.

Kaffeesmaragden

das auch :-)

Für mich ein Text mit Qualitäten, dem seine Gemachtheit in die Sätze eingeimpft ist, worunter er leidet.

Grüße von
Carlo

Ich habe, um ehrlich zu sein, nicht wirklich einen Schimmer. Ins Blaue würde ich Bas, Sisorus oder einen extrem ausreißenden AWM vermuten (Letzteres eher nicht oder eigentlich ziemlich sicher nicht). Also ich stochere im Dunkeln und bin gespannt :D

 
Wortkrieger-Team
Monster-WG
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Liebe Maske

ich finde den Text schwierig. Anfangs finde ich es noch interessant, diesen verrückten Gedanken zu folgen, mir wird es aber irgendwann zu anstrengend. Ich habe das Gefühl, es kann alles und nichts passieren, es gibt keine Grenzen mehr, weil Realität und Wirklichkeit nicht mehr auseinander zu halten sind. Und das finde ich dann langweilig. Das hat etwas von einem Traum und Träume mag ich auch nicht lesen. Klar, wirkt sich der Wahn hier auch auf die Realität aus, aber für die Leserin ist eben schwierig, da noch unterscheiden zu können.

Fratzen
Den Titel finde ich relativ nichts sagend. Da hätte ich mir etwas spezielleres gewünscht, etwas das den Charakter des Textes widerspiegelt.

Am Anfang war das Licht und sonst nicht viel.
Ja, irgendwie ist der erste Satz schön, aber er wirkt auch sehr künstlich .

Ja, jetzt hatte man also einen Menschen umgebracht, jetzt lag man mit einer Leiche im Bett und wusste nicht, wohin mit ihr und wohin mit sich selbst. Wie lange, bis sie anfängt zu riechen? Kann man sich wieder hinlegen, den Kater ausschlafen, oder klopft es dann schon an der Tür, weil es im Gang nach Tod stinkt?
Das ist schon sehr flapsig formuliert. Noch weiß man nicht in welche Richtung sich der Text entwickelt. Ich hatte erwartet, dass es eine Komödie wird, in der jemand versucht eine Leiche loszuwerden.
Vielleicht wäre hier ein nüchterner Ton passender gewesen und hätte die Situation noch verstärkt. Der lockere Ton nimmt ihr die Schärfe, die aber gut zu dem Text passen würde.

Aber der Reihe nach. Jetzt stehe ich im Laden. Was wollte ich hier?
Nee, mit diesem lockeren Erzählton kann ich mir hier nicht anfreunden.

Manchmal, sagt meine Mutter, habe ich den Eindruck, mit dir stimmt etwas nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Mit wem stimmt schon alles, sage ich, den will ich mal sehen. Sie sagt: Mit deinem Bruder zum Beispiel: Frau, Kind, Job. Und du: nichts davon. Geh mir nicht auf die Eier, denke ich, sag’s aber nicht, sage aber: Sébastien ist minderbemittelt, ein Kleingeist, ein verklemmter Degenerierter, ein Inzestuöser, ein – und die Ohrfeige sitzt. Warum, warum muss es mit dir immer ausarten. Vielleicht hast du wirklich etwas falsch gemacht, denke ich und gebe ihr einen Kuss auf die Stirn, der mehr sitzt als die Ohrfeige.
Ich glaube, dieser Abschnitt gefällt mir am besten. Ich mag es, dass du die wörtliche Rede nicht kennzeichnest. Hier tritt der Protagonist mit einer realen Person in Kontakt. Ich habe den Eindruck, dass diese Szene wirklich so passiert ist, was mir wertvolle Informationen liefert, die mir helfen die Person einzuschätzen.

Ich sitze in einem Café und wenn jemand meinen Gedanken folgen könnte, würde er sich verlaufen. Meine Gedanken sind ein Labyrinth und auf den Hecken liegt Stacheldraht, den ich selbst dort angebracht habe.
Auch diese Metapher, die wirkt irgendwie so erzwungen. Klar, das Bild ist schön und verständlich, mir aber zu deutlich.

Einen Hut, und darunter zwei Augen, müde Augen, tote Augen, aber Augen. Lebendige Augen, Augen, die Funken sprühen, die Pfeile verschießen, und darunter eine Nase, gebogen, erst nach links und dann nach rechts, ein einziger Faustkampf in siebenundzwanzig Lebensjahren, zu wenig für die Hölle, zu viel für meine schwachen Knochen. Eine Nase wie eine Bergstraße, zick und zack, hin und her, hässlich anzusehen und unmöglich wegzusehen. Wenn die Temperaturen sinken, nässt sie und wenn sie steigen, pfeift sie und wenn ich meine dreckigen Finger reinstecke, fördere ich braune Kruste zutage. Der Mund ist unbeschreiblich. Eine Höhle, wieder eine Höhle, ein verlassenes Bergwerk mit verschütteten, gelben Edelsteinen, mit Kaffeesmaragden und Nikotinrubinen, bewacht von der schleimigen Midgardschlange, die sich Zunge nennt.
Und der Geist schwebt ängstlich zurück und zieht den Hut tiefer ins Gesicht, weil er das Gefühl hat, beobachtet zu werden.
Hier hast du mich verloren. Da fehlt mir einfach der Bezug, die Interpretationsmöglichkeit. Vielleicht bin ich auch einfach zu müde, um das richtig zu deuten. Aber ich sehe hier nicht, wohin mich dieser Text führen soll.

Ich musste mich leider etwas zwingen weiter zu lesen.

Am Ende dann:

Vermutlich war die Leiche ich selbst.
Olivier.
Vermutlich ist meine Mutter keine Hexe und vermutlich hat mein Bruder ihr nicht die Fotze geleckt.

Kein Traum, sondern eine psychische Erkrankung. Aber trotzdem weiß man als Leserin am Ende eigentlich nichts. Wie gesagt, man kann nicht erkennen, was wahr war und was Wahn.

Ich glaube, dass solche Text generell sehr schwierig sind. Auf der einen Seite will man ja diese Unsicherheit schaffen. Man möchte ja, dass die Leserin sich nicht mehr sicher ist, ob das Geschriebene stimmt oder nicht. Auf der anderen Seite braucht man doch noch etwas, woran man sich entlang hangeln kann. Eine kleine Richtung, in die es gehen soll.
Ich persönlich hätte mir das einfach etwas mehr Orientierung gewünscht.

Ich rate mal: Putrid Palace? Ich finde die Sprache passt irgendwie.
Besonders dieser erste Satz aus einer anderen Geschichte hat mich irgendwie getriggert:
Ein Bett ist kein Ort für Träume, wenn es keinen Ausweg daraus gibt.
Diese Einleitung ähnelt in ihrer Allgemeingültigkeit doch sehr dem ersten Satz in diesem Text.

Ansonsten hab ich keine Ahnung. :D

Viele Grüße,
NGK

 
Monster-WG
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Hallo @Maskenball :-)

ich finde den Text richtig gut. Rhythmus trägt den Text, der Charakter der Sprache und die Darstellung verzerrten Denkens. Ich lese hier von einem Ich-Erzähler, der Reize aus der Umwelt aufnimmt, sie ins Wahnhafte verarbeitet und schaurig assoziiert. Vielleicht nicht Selbsthass, sondern eine morbide Sicht auf das eigene Ich als Kadaver. Verbunden mit dem Drang, sich selbst aufzulösen. Aus meiner Sicht tragen diese Zerrbilder, die bildhaften Prozesse des Denkens, den Text. Was Wahn und was Nicht-Wahn ist braucht für mich keine Unterscheidung und lässt sich für den Ich-Erzähler auch nicht unterscheiden, dementsprechend konsistent bleibt der Text. Beispiel:

Ich kaufe mir Säure, Batteriesäure, ich nehme nacheinander sechzehn Batterien in den Mund und spüle sie mit kochendem Wasser den Rachen herunter.
Das sind so Sätze, an denen Präferenzen scheiden. Plot-Puristen lesen hier Sprachverliebtheit, Freunde assoziativer Sprache freuen sich.

Als inkonsistenten Teil deines Textes lese ich den ersten Absatz. Obwohl dein Text an vielen Stellen das wahnhafte Denken in sehr konkrete Bilder ausdrückt, setzt er immer wieder Ankerpunkte, an denen ich als Leser über den Ort informiert werde: Hier im Cafe, hier im Bett neben mir. Der Anfang suggeriert das tatsächliche Vorhandensein einer Leiche, das Denken des Ichs ist als Reaktion auf die Leiche deutbar. Auch wenn du das zum Ende auflöst - das Ich scheint ja die Leiche zu sein, er hat sich quasi anfangs als Leiche dissoziiert - könnte der Anfang weniger situativ und stattdessen mentaler gestaltet sein. Also nicht: Hier im Bett neben mir, sondern: Wie löse ich einen Kadaver auf? Keine Ortsangabe also.

Das Denken deines Ich-Erzählers wird in konkrete Bilder vergegenständlicht.

Und mittendrin die Oberfratze, und wieder kommt mir die kalte Kotze, als ich sie sehe.
Meine Gedanken sind ein Labyrinth und auf den Hecken liegt Stacheldraht, den ich selbst dort angebracht habe.
Gefällt mir sehr.
Wenn ich ein Stück Eisen in das offene Feuer halte, bis es glüht, bis es zischt, wenn ich es unter Wasser halte – was ich nicht mache –, könnte ich es schlucken und mich von innen heraus auflösen.
"Auflösen" und "Feuer" hätte ich nicht assoziiert.
Wenn die Temperaturen sinken, nässt sie und wenn sie steigen, pfeift sie und wenn ich meine dreckigen Finger reinstecke, fördere ich braune Kruste zutage
Der Rhythmus, der Rhythmus, du hast ein sehr gutes Sprachgefühl.
Napoléon.
Es sind die kleinen Akzente.
Manchmal, sagt meine Mutter, habe ich den Eindruck, mit dir stimmt etwas nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Mit wem stimmt schon alles, sage ich, den will ich mal sehen. Sie sagt: Mit deinem Bruder zum Beispiel: Frau, Kind, Job. Und du: nichts davon. Geh mir nicht auf die Eier, denke ich, sag’s aber nicht, sage aber: Sébastien ist minderbemittelt, ein Kleingeist, ein verklemmter Degenerierter, ein Inzestuöser, ein – und die Ohrfeige sitzt.
Hier greifst du die Frage nach dem Warum auf. Warum liegt im Bett überhaupt eine Leiche? Mit dem Ende des Textes schien mir der Absatz schlüssig. Eine Kindheit der Ausgrenzung, aus der sich das Ich als minderbemittelt und abnormal empfindet. Kein besonders neues Motiv, andererseits eines, das psychologisch einleuchtend wirkt.
Am Ende war das Licht und sonst nicht viel. Und jetzt stehe ich wieder am Anfang, sitze vielmehr, aufrecht, und mir gegenüber sitzt ein Mensch, ein Gesicht, und spricht zu mir. Hört mir zu, wenn ich antworte.
Wie mein Name ist?
Olivier.
Familienname?
Soundso. Egal.
Wie es mir geht?
Ich finde es sehr gut, wie du diese Dissonanz, diese Abspaltung des Ichs, zum Ende hin aufnimmst. Während des Lesens vermisste ich die Leiche. Mit dem Ende führst du diese Fäden wieder zusammen. Der Text wirkt dadurch strukturierter.

Liebe(r) @Maskenball,

bitte nehme meine Hinweise auf das auf, was sie sind: Ausdruck subjektiven Geschmacks. Kann mir vorstellen, dass für viele der Text zu unklar bleibt.

Aber eine Ahnung, eine Ahnung habe ich überhaupt nicht. Bas? Putrid Palace? linktofink? Sisorus? Keine konkreten Ideen sondern spontan Vorstellungen

Lg aus Leipzig
kiroly

 
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Hallo @Maskenball ,

deine Geschichte hat mich hauptsächlich durch den Sprachrhythmus mitgezogen, finde ich durchgängig gut formuliert. Und du bringst die Gedankenwelt des Protagonisten sehr eindringlich rüber, seinen Hass auf die Welt, auf andere Menschen (Fratzen), aber auch seine Hilflosigkeit.

Alles stark fokussiert auf seine Vorstellung, er habe jemanden umgebracht. Den Satz am Ende "Vermutlich war die Leiche ich selbst" finde ich als Erklärung zu deutlich, vielleicht kannst du irgendwie subtiler andeuten, dass er eigentlich niemanden umgebracht hat. Die Idee finde ich jedoch ziemlich gut, dass es eigentlich um seine eigene "Zerstörung" ging.

Interessanter Text, gerne gelesen!

Noch ein paar Details:

Kann man sich wieder hinlegen, den Kater ausschlafen, oder klopft es dann schon an der Tür, weil es im Gang nach Tod stinkt?
Ein in dieser Situation völlig abstruser Gedankengang, aber auch deswegen irgendwie total nachvollziehbar!

Mehr Säure, um die Leiche zu zersetzen, aber wo ist das Regal mit der Säure und wie würde es wirken, danach zu fragen, wie viel Aufmerksamkeit würde man dadurch auf sich ziehen?
Du bist zuvor schon zu "ich" übergeganen, würde ich dann hier auch so halten.

Ich sitze in einem Café und wenn jemand meinen Gedanken folgen könnte, würde er sich verlaufen. Meine Gedanken sind ein Labyrinth und auf den Hecken liegt Stacheldraht, den ich selbst dort angebracht habe.
ggf. "Sie" statt erneut "Meine Gedanken"

Wenn ich ein Stück Eisen in das offene Feuer halte, bis es glüht, bis es zischt, wenn ich es unter Wasser halte – was ich nicht mache –, könnte ich es schlucken und mich von innen heraus auflösen.
Die markierten Worte sind m.E. nicht notwendig.

Einen Hut, und darunter zwei Augen, müde Augen, tote Augen, aber Augen.
"und" streichen

Eine Nase wie eine Bergstraße, zick und zack, hin und her, hässlich anzusehen und unmöglich wegzusehen
Toller Satz! :thumbsup:

Ich kaufe mir ein Teppichmesser und setze es an meinen hässlichen Auge an, an der Stelle ...
meinem

und irgendwo schlummert noch immer die Midgardschlange mit ihrer gespaltenen Zunge
Hier würde ich den Satz mit nur einem Punkt beenden.

Durch den Sprachrhythmus habe ich zumindest eine Vermutung:

@jimmysalaryman in geheimer Mission

Viele Grüße,
Rob

 
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Monster-WG
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Hurra, ein Maskenball! Und was für einer! Da probiert jemand etwas aus, etwas, was er/sie (obwohl ich irgendwie eher einen Mann sehe) sonst nicht schreibt, rein inhaltlich. Aber so fehlerfrei, so einen guten Rythmus und so wundervolle Bilder - da ist jemand sehr routiniertes am Werk. Ich muss noch ein bisschen denken, obwohl ich wirklich nicht viel beizutragen habe.

Am Anfang war das Licht und sonst nicht viel. Ein bisschen Schädelbrummen, ein wenig Unwohlsein, ein paar Gedankenblitze. Ja, jetzt hatte man also einen Menschen umgebracht, jetzt lag man mit einer Leiche im Bett und wusste nicht, wohin mit ihr und wohin mit sich selbst. Wie lange, bis sie anfängt zu riechen? Kann man sich wieder hinlegen, den Kater ausschlafen, oder klopft es dann schon an der Tür, weil es im Gang nach Tod stinkt?
Dein Einstieg ist Klasse. nein , einfach machst Du es dem Leser nicht, es ist viel offen und ungewohnt, aber es macht unglaublich neugierig.

Aber der Reihe nach. Jetzt stehe ich im Laden.
Ich bin jetzt beim dritten, nein vierten Mal Lesen (beim ersten Mal habe ich mich gegruselt udn abgebrochen). Aber ich hackelt es (für mich). Wenn Du schreibst, "Der Reihe nach" - deutet das nicht einen Rückblick an? Dann passt für mich das "Jetzt" nicht. "Ich stand im Laden?" vielleicht? Ode rlese ich es völlig falsch?

st jetzt vorher oder danach? Gedankendonner, mir knackt’s im Schädel und ich gehe in die Knie, zwischen Dosenravioli und kreischenden Embryonen kommt die Oberfratze näher, fasst mich an, zieht mich ins Dunkel ihrer Augenhöhlen und spießt mich auf, brät mich über offenem Feuer, bis die Haut schön kross ist.
Okay, da hat jemand sehr große Problem. Die kreischenenden Embryonen erschleißen sich mir nicht, kann ich aber mit leben. Mit kommt er sehr selbstzerstörerisch vor.

Manchmal, sagt meine Mutter, habe ich den Eindruck, mit dir stimmt etwas nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Mit wem stimmt schon alles, sage ich, den will ich mal sehen.
Hier empfinde ich den fetten Satz als zu "brav"/"Harmlos". Die Wortwiederholung ist ein wunderbarer Rhythmus, aber "falsch gemacht ist bieder" - leider fällt mir kein Vorschlag ein, irgendwas schräges ...

ich trinke den Kaffee in einem Zug aus und verbrenne mir Lippen, Gaumen und Rachen mit boshafter Absicht.
sehr cool

Stück Eisen in das offene Feuer halte, bis es glüht, bis es zischt, wenn ich es unter Wasser halte – was ich nicht mache –, könnte ich es schlucken und mich von innen heraus auflösen.
heißes Eisen und auflösen? Das ist ein schiefes Bild ... Verbrennen, in Asche zerfallen, in Funken zerstieben, verkohlen ...

Ich sehe durch ihre Augenhöhlen und ich sehe …
Einen Hut, und darunter zwei Augen, müde Augen, tote Augen, aber Augen. Lebendige Augen, Augen, die Funken sprühen, die Pfeile verschießen, und darunter eine Nase, gebogen, erst nach links und dann nach rechts, ein einziger Faustkampf in siebenundzwanzig Lebensjahren, zu wenig für die Hölle, zu viel für meine schwachen Knochen. Eine Nase wie eine Bergstraße, zick und zack, hin und her, hässlich anzusehen und unmöglich wegzusehen.
Meine Lieblingsstelle, eine Klasse "Selbstwahrnehmung"

ich nehme nacheinander sechzehn Batterien in den Mund und spüle sie mit kochendem Wasser den Rachen herunter. Ich kaufe mir ein Teppichmesser und setze es an meinen hässlichen Auge an, an der Stelle, wo Ober- und Unterlid aufeinandertreffen, sich begegnen wie zwei Fremde, ich ziehe einen senkrechten Graben zum Mundwinkel und stecke meine Hand in die klaffenden Hauttaschen, laufe über die Straßen mit meinem Zweispitz auf dem Kopf und nenne mich Napoléon.
Das ist sooo gruselig. Eigentlich muss es also ein Horrorschreiber sein? Ich denke aber eher, das hier jemand sonst nicht so schreibt ...

Frau Soundso. Möchten Sie empfangen?
Möchte ich? Ich sehne mich nach Nähe, nach einem Gespräch, aber gleichzeitig fürchte ich die Nähe und das Gespräch und was sie zutage fördern werden
Der Haupttwist?

Ja.
Vermutlich.
Und vermutlich sollen die Tabletten mir helfen und vermutlich sollte ich sie schlucken.
Bei dieser Stelle hakelt für mich die Sprecherzuordnung, mag aber absolut subjektiv sein. Vielleicht wäre aber eine kleine Zuordnung, nur irgendwo mitten im Dialog, Leserfreundlich?

Und vermutlich ist morgen alles besser.
Das glaube ich nicht. So positiv es klingt, das hört sich trotzdem nicht nach einem Happyend an, und das würde auch nicht passen.

Gern gelesen wäre glatt gelogen, aber wirklich interessant. Ich bin gespannt wer hier der Autor, die Autorin ist und was es für Hintergrundinfos gibt.

reines Rätselraten und ich höre die Lacher schon, aber mir geht Pepperkorn durch den Kopf ...

Auf alle Fälle Danke für den interessanten Beitrag
Beste Wünsche witch

 
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21.05.2010
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Hallo Maske,

ich schleiche schon ein paar Tage um Deine Geschichte herum. Eine schizophrene Innensicht, die zum Teil verstörend wirkt, was sie sicher auch soll. Dennoch, die einzelnen Absätze hinterlassen sehr unterschiedliche Eindrücke bei mir. Der erste hat etwas von Ingrid Noll. Eine beinahe praktische Problembetrachtung. Mochte ich sehr gern als Einstieg.

Dann kam dies:

Aber der Reihe nach. Jetzt stehe ich im Laden. Was wollte ich hier? Mehr Alkohol vielleicht, mehr Vergessen. Mehr Säure, um die Leiche zu zersetzen,
Dieser Zeitschlenker wirft mich raus. Nicht, dass er plötzlich im Laden steht, sondern die Vorbemerkung "Aber der Reihe nach.". Vielleicht willst Du dem Leser damit zeigen, dass der Protagonist diese Reihe eben nicht mehr hat. Leider habe ich sie in dem Moment auch nicht mehr, weil meine Gedanken an dieser Bemerkung hängenbleiben.

Dann dieser Absatz:

Konturlose Fratzen, weit aufgerissene Mäuler und zerlaufene, verklebte Augen, mehr Augenhöhle als Auge selbst: schwarz, tief, leer. Und mittendrin die Oberfratze, und wieder kommt mir die kalte Kotze, als ich sie sehe. Ist jetzt vorher oder danach? Gedankendonner, mir knackt’s im Schädel und ich gehe in die Knie, zwischen Dosenravioli und kreischenden Embryonen kommt die Oberfratze näher, fasst mich an, zieht mich ins Dunkel ihrer Augenhöhlen und spießt mich auf, brät mich über offenem Feuer, bis die Haut schön kross ist.
Hier verlierst Du mich. Das liest sich für mich, als ob auf Ekeleffekte gesetzt würde.

Und hier hast Du mich wieder:

Manchmal, sagt meine Mutter, habe ich den Eindruck, mit dir stimmt etwas nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Mit wem stimmt schon alles, sage ich, den will ich mal sehen. Sie sagt: Mit deinem Bruder zum Beispiel: Frau, Kind, Job. Und du: nichts davon. Geh mir nicht auf die Eier, denke ich, sag’s aber nicht, sage aber: Sébastien ist minderbemittelt, ein Kleingeist, ein verklemmter Degenerierter, ein Inzestuöser, ein – und die Ohrfeige sitzt. Warum, warum muss es mit dir immer ausarten. Vielleicht hast du wirklich etwas falsch gemacht, denke ich und gebe ihr einen Kuss auf die Stirn, der mehr sitzt als die Ohrfeige.
Ein toller Absatz.

Genau wie dies hier:

Ich sitze in einem Café und wenn jemand meinen Gedanken folgen könnte, würde er sich verlaufen. Meine Gedanken sind ein Labyrinth und auf den Hecken liegt Stacheldraht, den ich selbst dort angebracht habe.

Danach kommt wieder eine Passage mit Beschreibungen, die mir zwar an sich gefallen, die mir aber nicht zu der Figur zu passen scheinen. Für jemanden, der gerade einen Schub erlebt, halte ich die Sprache für zu verspielt:

Der Mund ist unbeschreiblich. Eine Höhle, wieder eine Höhle, ein verlassenes Bergwerk mit verschütteten, gelben Edelsteinen, mit Kaffeesmaragden und Nikotinrubinen, bewacht von der schleimigen Midgardschlange, die sich Zunge nennt.

Der Absatz, der das Aufeinandertreffen mit dem Bruder beschreibt, gefällt mir wieder, lässt den Protagonisten aber wiederum sehr kontrolliert erscheinen. Dass Du dann später ausgerechnet Napoleon als seinen Wahnnamen nimmst, nun ja, braucht es das wirklich?

Insgesamt hätte ich gern mehr von der Figur und ihrer Geschichte erfahren, nicht nur die Wahnvorstellungen miterlebt. Vielleicht haben mir deshalb auch die Passagen am besten gefallen, die einen Bezug zur Wirklichkeit zu haben scheinen.

Lieben Gruß
Sabine

Ich würde ja raten, aber ich war so lange nicht hier, dass ich keine Idee habe.

 

CoK

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24.08.2020
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Zuletzt bearbeitet:

Mein erster Besuch auf einem Maskenball.

Am Anfang war das Licht und sonst nicht viel. Ein bisschen Schädelbrummen, ein wenig Unwohlsein, ein paar Gedankenblitze. Ja, jetzt hatte man also einen Menschen umgebracht, jetzt lag man mit einer Leiche im Bett und wusste nicht, wohin mit ihr und wohin mit sich selbst. Wie lange, bis sie anfängt zu riechen? Kann man sich wieder hinlegen, den Kater ausschlafen, oder klopft es dann schon an der Tür, weil es im Gang nach Tod stinkt?
Hier dachte ich, dass es sich um einen schizophrenen Menschen handelt, der einen Teil von sich zum Schweigen gebracht hat.
Ist jetzt vorher oder danach? Gedankendonner, mir knackt’s im Schädel und ich gehe in die Knie, zwischen Dosenravioli und kreischenden Embryonen kommt die Oberfratze näher, fasst mich an, zieht mich ins Dunkel ihrer Augenhöhlen und spießt mich auf, brät mich über offenem Feuer, bis die Haut schön kross ist.
Grausam, wie sehr er leidet.
Sie sagt: Mit deinem Bruder zum Beispiel: Frau, Kind, Job. Und du: nichts davon. Geh mir nicht auf die Eier, denke ich, sag’s aber nicht, sage aber: Sébastien ist minderbemittelt, ein Kleingeist, ein verklemmter Degenerierter, ein Inzestuöser, ein – und die Ohrfeige sitzt. Warum, warum muss es mit dir immer ausarten. Vielleicht hast du wirklich etwas falsch gemacht, denke ich und gebe ihr einen Kuss auf die Stirn, der mehr sitzt als die Ohrfeige.
Hier sind wir in der Realität angekommen.
Ein Kuss nach einer Ohrfeige gefällt mir.
Meine Gedanken sind ein Labyrinth und auf den Hecken liegt Stacheldraht, den ich selbst dort angebracht habe.
Gefällt mir.
Einen Hut, und darunter zwei Augen, müde Augen, tote Augen, aber Augen. Lebendige Augen, Augen, die Funken sprühen, die Pfeile verschießen, und darunter eine Nase, gebogen, erst nach links und dann nach rechts, ein einziger Faustkampf in siebenundzwanzig Lebensjahren, zu wenig für die Hölle, zu viel für meine schwachen Knochen.
Für mich ist nicht klar Fiktion oder Fakt kämpft er oder ist es imaginiert.
Ich kaufe mir Säure, Batteriesäure, ich nehme nacheinander sechzehn Batterien in den Mund und spüle sie mit kochendem Wasser den Rachen herunter. Ich kaufe mir ein Teppichmesser und setze es an meinen hässlichen Auge an, an der Stelle, wo Ober- und Unterlid aufeinandertreffen, sich begegnen wie zwei Fremde, ich ziehe einen senkrechten Graben zum Mundwinkel und stecke meine Hand in die klaffenden Hauttaschen, laufe über die Straßen mit meinem Zweispitz auf dem Kopf und nenne mich Napoléon.
Wie sehr muss er sich hassen, wenn er sich auf so grausame Weise umbringen will.
(Napoleon war auch grausam.)


Für mich ein Text von jemand geschrieben, der mit Sprache umzugehen weiß.

Liebe Grüße CoK


Meuvind

 
Monster-WG
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Hallo Maske

Das ist einer dieser Texte, die mich zweifeln lassen, ob ich nicht doch irgendwie falsch gewickelt bin, eingeschränkt durch ein naives Verständnis dessen, was Literatur sein kann und soll. Denn mir ist das zu wenig. Du bist also jemand, der ausgesprochen gut schreiben kann, elegant zu formulieren versteht, Rhythmus entwickelt. Und du schaffst es, eine durchaus interessante Figur zu erschaffen und dies in einem Feld, das ja doch reichlich abgeernetet erscheint - innere Zerrissenheit, Auflösungsfantasien, Aggression gegen innen und (hier etwas weniger) gegen aussen markieren heutzutage ja eher den Normalfall. Also, ich bin da durchaus mitgegangen und hab interessiert gelesen. Aber wo ist die verdammte Geschichte? Ich habe schon vielfach erlebt, dass Autor*innen grossartige Figuren kreieren und dann nichts mit ihnen anzufangen wissen und das scheint mir auch hier der Fall zu sein.

Ja, ich weiss, Plot wird überbewertet. Stimmungsbilder. Ausschnitte. Flash Fiction. Und ich will ja auch nicht, dass dein Prot eine Bank überfällt oder Amok läuft. Und dennoch: Während plotarme Texte, wenn sie gut gemacht sind, vielleicht eher von einer vertrauten Umgebung ausgehen und dann leise etwas Unbekanntes einsickern lassen, etwas, das aufmerken lässt und zum weiterdenken und -fühlen einlädt, während also der plotarme Text, wie ich ihn mir vorstelle, sich eher vor einem vertrauten Hintergrund abspielt, Landschaften beschreibt, Stimmungen, Orte, Beziehungen, zu denen ich Zugang finden kann, ohne viel Text zu brauchen, der aber dann den einen oder anderen Akzent setzt, ist hier in diesem Text alles Akzent. Du klatscht mir diese krasse Figur vor die Füsse wie einen toten Fisch und ich weiss einfach nicht, was ich damit anfangen soll. Wenn das jetzt lediglich die Exposition einer Figur wäre und das Ding ginge weiter, und ich könnte tiefer dringen in die Figur, könnte sehen, wie sie interagiert, wie sie sich entwickelt, ob sie Erlösung erfährt oder noch tiefer fällt, würde ich den Text ziemlich feiern. So aber bleibt das eine Art Blitzlicht, das mich durchaus beeindruckt, aber eben auch dieses Gefühl der Leere hinterlässt, gerade auch angesichts deiner unbestrittenen Fähigkeiten. Was könnte man mit dieser Figur nicht alles anstellen!
Konkret fand ich die beiden Abschnitte, in denen meines Erachtens wirklich etwas erzählt wird, das Gespräch mit der Mutter und dasjenige mit dem Bruder sehr gut. Davon hätte ich gerne mehr gehabt. Dafür hätten die Autoagressionsfantasien ruhig etwas weniger Raum einnehmen dürfen, das war mir in der Menge etwas zu sehr auf Effekt getrimmt und es gab da den einen oder anderen Moment, wo ich mir gedacht hab, ja, ich hab's verstanden, die Haut wird kross und tote Augen und das kalte Kotzen und Batteriesäure und alle Menschen sind Fratzen. Gern gelesen habe ich es aber trotzdem, denn es ist, ich wiederhole mich, richtig gut geschrieben.


Lieber Gruss
Peeperkorn

 
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Darf ich bitten? Auf einen letzten Tanz?

Morgen ist vorbei, morgen fällt die Maske. Aber wer steckt denn nun darunter? Herr je, wenn ich das nur endlich wüsste :D

 

Bas

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Ich wars :schiel:

Ich bin ehrlich gesagt immer ein wenig gehektikt, wenn ich hier etwas einstelle: Hier kommt ein guter Hinweis und da ein toller Vorschlag und ich möchte alles am liebsten auf der Stelle umsetzen und früher oder später verzettele ich mich, Kommentare überschneiden sich oder gehen in ganz unterschiedliche Richtungen, und am Ende weiß ich selbst nicht mehr, was ich eigentlich wollte.

Dementsprechend war das hier eine spannende, sehr empfehlenswerte Erfahrung – die Maske gibt eine wunderbar bequeme Distanz, öffentlich bearbeiten lässt sich der Text ja erstmal eh nicht, also kann man’s auch ganz ruhig angehen und im stillen Kämmerlein werkeln … Und mit ganz viel Ruhe habe ich eure Anregungen teilweise auch schon umsetzen können und der Geschichte so einen neuen Anstrich gegeben. Also dann, wenn ich sie wieder bearbeiten kann.

Hallo @Carlo Zwei,

ha, erste Vermutung und direkt ein Treffer, ist das jetzt gut oder schlecht?

Trotzdem werde ich da persönlich nicht satt. Aber ich jammere auch gerne, wenn ich das Gemachte zu erkennen meine

Das hat gesessen. Weil auch das ein Treffer war. Einer, der es mir schwierig macht, anzusetzen: Du empfindest die Gedanken des Protagonisten als „zu vertraut“, gleichzeitig ist der Text im Ganzen ja auch irgendwie total unvertraut und fremd, hat etwas traum-/rauschhaftes, wie @Nichtgeburtstagskind das genannt hat, und wenn ich da jetzt noch mehr Vertrautheit kappen würde, wäre das … nur noch wirr. Oder?

Eine kleine, steile Hypothese: Vielleicht wolltest du zu sehr sichergehen beim Schreiben, dass die Figuren-Motivation stimmt und von den Lesern abgenickt wird. Aber ich glaube, in geordneten Narrationen, deren Sprache wie hier nicht einmal hochgradig idiosynkratisch ist, erscheint es mir beinahe unmöglich, einen Einblick in die Motivation so eines Charakters zu geben ohne die Form aufzulösen.

Ein Gedanke, den ich einerseits wahnsinnig schätze, der mir aber andererseits fast den Schreibboden unter den Füßen wegzieht. Ja, du hast natürlich recht. Aber was ist die Lösung? Experiment als gescheitert abnicken? Nee. Das Innenleben des Protagonisten noch mehr verdunkeln, ihn also mehr handeln und dafür weniger denken lassen? Vielleicht. Das war jedenfalls so ein bisschen mein Weg bei der Überarbeitung: Ein Ticken mehr „äußere Handlung“. Würde mich sehr interessieren, ob das für dich gefruchtet hat, falls du noch mal drüberlesen magst.

Tausend Dank fürs Vorbeischauen, hat Spaß gemacht und weitergebracht!

Hallo @Nichtgeburtstagskind,

auch dir tausend Dank, und auch deine Gedanken konnte ich sehr gut nachvollziehen. Ich habe mich während deines Kommentars fast gefragt, welcher Teufel mich geritten hat, diesen Text zu schreiben, ich selbst kann „solchen Texten“ nämlich oftmals ähnlich viel oder wenig abgewinnen wie du …

Ich habe das Gefühl, es kann alles und nichts passieren, es gibt keine Grenzen mehr, weil Realität und Wirklichkeit nicht mehr auseinander zu halten sind. Und das finde ich dann langweilig.

Das! In einem geordneten Kontext mal so ein Einschub, okay, aber ein ganzer Text? Schwierig. Gleichzeitig kann ich aber sehr plotgetriebenen Texten kaum etwas abgewinnen und freue mich riesig, wenn sprachlich aufgesprengt wird, deshalb habe ich mich wohl auch hierauf eingelassen.

Ich glaube, dass solche Text generell sehr schwierig sind. Auf der einen Seite will man ja diese Unsicherheit schaffen. Man möchte ja, dass die Leserin sich nicht mehr sicher ist, ob das Geschriebene stimmt oder nicht. Auf der anderen Seite braucht man doch noch etwas, woran man sich entlang hangeln kann. Eine kleine Richtung, in die es gehen soll.
Ich persönlich hätte mir das einfach etwas mehr Orientierung gewünscht.


Ich habe deine Gedanken jedenfalls insofern in die Überarbeitung einfließen lassen, dass ich ein bisschen mehr „Hand“ gegeben habe, nicht zu sehr, das hätte nicht gepasst, aber zum Beispiel, indem ich sprachlich ganz verspielte Passagen, die, die wirklich nur auf Rhythmusspielereien abzuzielen scheinen, zumindest ein bisschen gerafft habe. Ich denke und hoffe, das hat dem Text gut getan, daher vielen Dank für deine Hinweise!

Hallo @kiroly,

du und dieser Text sind so ein bisschen wie Topf und Deckel, vermute ich. Auch deine Texte sind ja in aller Regel eher … ab der Norm, oftmals assoziativ. Daher lese ich deine Gedanken hier auch sehr gerne, finde sie spannend.
Der Großteil der Kommentatoren ist glaube ich mittlerweile auf der pro-„Realität“-Passagen-Seite, während du eher die „Wahn“-Passagen bevorzugst. Mir wäre es natürlich am liebsten, wenn beide miteinander harmonieren, vielleicht finde ich da noch die richtige Balance.

Als inkonsistenten Teil deines Textes lese ich den ersten Absatz. Obwohl dein Text an vielen Stellen das wahnhafte Denken in sehr konkrete Bilder ausdrückt, setzt er immer wieder Ankerpunkte, an denen ich als Leser über den Ort informiert werde: Hier im Cafe, hier im Bett neben mir. Der Anfang suggeriert das tatsächliche Vorhandensein einer Leiche, das Denken des Ichs ist als Reaktion auf die Leiche deutbar. Auch wenn du das zum Ende auflöst - das Ich scheint ja die Leiche zu sein, er hat sich quasi anfangs als Leiche dissoziiert - könnte der Anfang weniger situativ und stattdessen mentaler gestaltet sein. Also nicht: Hier im Bett neben mir, sondern: Wie löse ich einen Kadaver auf? Keine Ortsangabe also.

Ja, das leuchtet ein. Und ich habe das die letzten … fünf Tage dann auch so gehandhabt, leider konnte mich das aber nicht überzeugen. Ich glaube, so ein Ankerpunkt ist für den Anfang nicht unwichtig. Wenn da von Beginn an nur Hirngewaber stattfindet, steigt der Großteil womöglich ganz schnell wieder aus.

Aber ich habe einen Kompromiss gefunden, mit dem ich ganz zufrieden bin: Das Bett ist zwar noch da, zumindest der Laden wird jetzt aber nicht mehr explizit erwähnt, und so wabert es dann doch ein bisschen mehr, ist also „mentaler“, wie du das nennst. Glaube ich, hoffe ich.

"Auflösen" und "Feuer" hätte ich nicht assoziiert.

Ja, guter Hinweis, heißt jetzt:

Wenn ich ein Stück Eisen in das offene Feuer halte, bis es glüht, bis es zischt, wenn ich es unter Wasser halte – was ich nicht mache –, könnte ich es schlucken und die Glut in mir löschen.

Es sind die kleinen Akzente.

Die finde ich nicht. Tipp?

Hier greifst du die Frage nach dem Warum auf. Warum liegt im Bett überhaupt eine Leiche? Mit dem Ende des Textes schien mir der Absatz schlüssig. Eine Kindheit der Ausgrenzung, aus der sich das Ich als minderbemittelt und abnormal empfindet. Kein besonders neues Motiv, andererseits eines, das psychologisch einleuchtend wirkt.

Psychologisch einleuchtend freut mich. Ich habe versucht, in der Überarbeitung noch ein bisschen mehr psychologische Tiefe zu erreichen, weiß aber noch nicht recht, ob das geglückt ist oder ob dieses kurze Blitzlicht, das du da zitiert hast, schon ausreichend und stark genug war. Ob es jetzt möglicherweise … überstrapaziert wurde. Mal sehen.

Zwischenzeitlich hatte ich auch die Überlegung, in die Küchenpsychologieschublade zu greifen und den guten alten Kindheitsrückblick auszupacken, habe das dann aber bleiben lassen. Aber mal sehen, wie sich die Geschichte noch entwickelt.

Auch dir vielen Dank fürs Vorbeischauen und Mitraten!

Bas

 
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Aber was ist die Lösung?

Weniger wollen.

So kurz, knapp und sicher falsch für viele. Hier fehlt mir der Bas. Keine Sorge, du hast sicher nichts verlernt und solche Texte sind wichtig. Für mich ein Fall von Schuster bleib bei deinen Leisten, so blöd das klingt. Deine Leisten, um bei diesem seltsamen Wort zu bleiben, sind ja gerade diese abgedrehten Welten. Aber die kommen bei dir normalerweise natürlich und nicht wie hier planmäßig inszeniert. Das hast du gar nicht nötig, um es mit Jimmys Lieblingssatz zu sagen (okay, er sagt eigentlich immer: das hat der Text nicht nötig).
Du wolltest hier einen Schritt in Richtung Kontrolle gehen, aber das hat (zumindest für mein Empfinden) nicht geklappt. Also zurück zum ungebändigten Bas (bzw. seinen genuinen Techniken) – oder eben: zweiter Anlauf auf die Gefahr, sich vielleicht nochmal hinzupacken, dafür wieder was zu lernen. (Alles nur mein Senf. Bleib dran!)

 

Bas

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oder eben: zweiter Anlauf auf die Gefahr, sich vielleicht nochmal hinzupacken, dafür wieder was zu lernen.

Lieber das, @Carlo Zwei, die überarbeitete Version ist jetzt jedenfalls online. Zumindest, was die übetriebenen Rauschbilder angeht, habe ich dein "weniger wollen" da umgesetzt, denke ich. Weniger Midgardschlange, weniger Nikotinsmaragde, mehr Inhalt, im besten Fall. Aber gut möglich, dass ich mich so auf andere Weise "hingepackt" habe, mal schauen :D

 

Bas

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Hallo @Rob F,

gerade eben noch beim Rasenmähermann, jetzt schon wieder hier ...

deine Geschichte hat mich hauptsächlich durch den Sprachrhythmus mitgezogen, finde ich durchgängig gut formuliert. Und du bringst die Gedankenwelt des Protagonisten sehr eindringlich rüber, seinen Hass auf die Welt, auf andere Menschen (Fratzen), aber auch seine Hilflosigkeit.

Schön, dass das für dich funktioniert hat.

Den Satz am Ende "Vermutlich war die Leiche ich selbst" finde ich als Erklärung zu deutlich, vielleicht kannst du irgendwie subtiler andeuten, dass er eigentlich niemanden umgebracht hat.

Das habe ich zum Anlass genommen, den gesamten letzten Absatz zu hinterfragen, der ja alles irgendwie eingeordnet hat: Aha, die Leiche war er selbst, das war alles nur Wahn, dagegen bekommt er jetzt Tabletten. Im Nachhinein hat mir das nicht mehr ganz zugesagt, das war ein bisschen: Okay, falls dus nicht kapiert hast, hier mal noch die Erklärung.

Interessanter Text, gerne gelesen!

Das freut mich, so als Fazit, denn nach deinem Kommtar unter "Brand" habe ich eigentlich vermutet, dass du womöglich auch hier so deine Schwierigkeiten haben könntest. Gut, dass dem nicht so war.

Einige deiner Vorschläge habe ich übernommen, andere nicht und über andere denke ich noch nach, hilfreich waren sie aber alle, daher vielen Dank dafür!

Ach, und deinen Guess fand ich auch spannend. Ich kann @jimmysalaryman s "Stimme" nicht beurteilen, dafür kenne ich noch zu wenig von ihm, aber vor einer Weile habe ich sein "Falsches Gold" gelesen und dabei gedacht, hey, in irgendeiner Parallelwelt hätte ich vielleicht etwas ähnliches geschrieben. Besonders im Rhythmus habe ich mich wohl gefühlt.

Hallo @greenwitch,

freut mich sehr, dass du vorbeischaust. Ich erinnere mich noch, wie du vor langer Zeit mal eine mittlerweile gelöschte Geschichte von mir kommentiert hast, das war ein echt langer (und rückblickend mäßig guter) Text, du hast ihn dir damals ausgedruckt, um ihn in der Wanne zu lesen und dich in der zusammengesponnen Welt wunderbar wohl gefühlt - das hat mich riesig gefreut.

Jetzt hast du dich also zu den Fratzen verirrt.

Ich bin jetzt beim dritten, nein vierten Mal Lesen (beim ersten Mal habe ich mich gegruselt udn abgebrochen). Aber ich hackelt es (für mich). Wenn Du schreibst, "Der Reihe nach" - deutet das nicht einen Rückblick an? Dann passt für mich das "Jetzt" nicht. "Ich stand im Laden?" vielleicht? Ode rlese ich es völlig falsch?

Ja, das war Absicht, ich wollte da auf zeitliche Verwirrung setzen, zeigen, wie wirr der Protagonist denkt. Der Reihe nach sagen, später dann aber etwas bringen, was eigentlich davor war. Aber zu viel Verwirrung ist auch nicht gut, vor allem dann, wenn sie nicht gut umgesetzt ist. Habe ich jetzt also gestrichen, danke für den Hinweis.

Die kreischenenden Embryonen erschleißen sich mir nicht, kann ich aber mit leben.

Habe ich trotzdem gestrichen.

Hier empfinde ich den fetten Satz als zu "brav"/"Harmlos". Die Wortwiederholung ist ein wunderbarer Rhythmus, aber "falsch gemacht ist bieder" - leider fällt mir kein Vorschlag ein, irgendwas schräges ...

Hm, ich weiß, was du meinst, noch stört es mich aber nicht zu sehr bzw. noch fällt mir nichts besseres ein. Behalte es aber im Hinterkopf.

heißes Eisen und auflösen? Das ist ein schiefes Bild ... Verbrennen, in Asche zerfallen, in Funken zerstieben, verkohlen ...

Geändert, heißt jetzt:
könnte ich es schlucken und die Glut in mir löschen.

Das glaube ich nicht. So positiv es klingt, das hört sich trotzdem nicht nach einem Happyend an, und das würde auch nicht passen.

Ja. Vermutlich. :shy:

Auch deinen Guess fand ich spannend. Zum Lachen fand ich ihn nicht, gleichzeitig dachte ich aber auch: Was @Peeperkorn davon wohl hält? Weil ich selbst den Text wahnsinnig ... unpeeperkörnig finde. Der hätte das ganz anders aufgezogen, denke ich. Beschweren tu ich mich aber ganz sicher nicht, gibt nämlich eindeutig Schlimmeres, als für Peeperkorn gehalten zu werden.

Danke für deinen Kommentar, greenwitch!

Bas

 
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Hallo @Bas , mutiger Text. Ich bin hin und her gerissen. Manche Passagen sind wunderbar, manche total wirr (was sie auch sein sollen, aber das wurde mir irgendwann zu viel). In Sachen Sprache, Rhythmus und Atmosphäre (ich hatte immer eine düstere Umgebung vor Augen) ist es klasse.

Sie sagt: Mit deinem Bruder zum Beispiel: Frau, Kind, Beruf. Und du: nichts davon
Oh ja. Wer nach diesem Lebensmodell lebt, ist grundsätzlich immer der Bessere. Danke dafür. Ätzend😤danke dafür
Wenn ich ein Stück Eisen in das offene Feuer halte, bis es glüht, bis es zischt, wenn ich es unter Wasser halte – was ich nicht mache –, könnte ich es schlucken und die Glut in mir löschen
Das ist klasse. Schön wuchtig.

 

Bas

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Hallo @SabineK,

Dieser Zeitschlenker wirft mich raus. Nicht, dass er plötzlich im Laden steht, sondern die Vorbemerkung "Aber der Reihe nach.". Vielleicht willst Du dem Leser damit zeigen, dass der Protagonist diese Reihe eben nicht mehr hat. Leider habe ich sie in dem Moment auch nicht mehr, weil meine Gedanken an dieser Bemerkung hängenbleiben.

Ja, genau das war die Absicht, aber wie schon im Kommentar zuvor erwähnt: Ist wohl nicht ganz gelungen, war vielleicht nicht ideal umgesetzt, ist deshalb rausgeflogen.

Hier verlierst Du mich. Das liest sich für mich, als ob auf Ekeleffekte gesetzt würde.

Ja, kann ich nachvollziehen, dass du das so liest, warst wohl auch nicht die Einzige, der das so ging. Ich habe das jetzt zumindest ein bisschen ausgedünnt, keine Dosenravioli, keine kreischenden Embryonen, keine krosse Haut. Ich glaube, der Text hat auch so noch genug von dieser Art Bildern.

Ein toller Absatz.

Ja, und auch da gehst du mit der „Masse“, würde ich behaupten, das ist der einzige Absatz, auf den sich offensichtlich jeder einigen kann. Ich möchte den Text hier nicht als gescheitert ansehen, aber als Gesamtfazit aus den Rückmeldungen nehme ich auf jeden Fall mit, dass ich mich in Zukunft wieder in … realistischere Gefilde begeben möchte. @zigga hatte mir das schon unter meinem letzten Text geschrieben: Ganz nett, diese … ich glaube, er hat sie surrealistische Spielereien genannt, aber auch schön, wenn es nicht so ist. Bleibt vielleicht mehr haften.

Danach kommt wieder eine Passage mit Beschreibungen, die mir zwar an sich gefallen, die mir aber nicht zu der Figur zu passen scheinen. Für jemanden, der gerade einen Schub erlebt, halte ich die Sprache für zu verspielt:

Auch hier gehe ich mit, da hat eindeutig der Schwurbler in mir überhand genommen :D Ist bereinigt.

Insgesamt hätte ich gern mehr von der Figur und ihrer Geschichte erfahren, nicht nur die Wahnvorstellungen miterlebt.

Das habe ich mir bei der Überarbeitung zu Herzen genommen, auch wenn ich mit großer Wahrscheinlichkeit auch da wieder zu bruchstückhaft, zu kryptisch verblieben bin, um jedem Leser genug Halt zu geben. Das habe ich mir jetzt aber zumindest für die nächste Geschichte auf die Agenda geschrieben.

Vielen Dank für deinen Kommentar, Sabine!

Hallo @CoK,

und gut, dass ich jetzt noch mal deinen Kommentar lese, da fällt mir nämlich wieder ein, dass ich unbedingt noch herausfinden wollte, was es mit deiner Judenhaus-Serie auf sich hat. Ich habe nur Häppchen davon aufgeschnappt und wittere Besonderes.

Du hast mir hauptsächlich einen Leseeindruck dagelassen, das ist immer interessant zu lesen, wie ordnet wer was ein. Offenbar hast du Gefallen an der Sprache gefunden – das freut mich – und warst ähnlich hin- und hergerissen wie der Protagonist – das war erwünscht. Demzufolge kann ich mich eigentlich nur noch bedanken, dass du vorbeigeschaut hast – danke! Und bis bald.

Hallo @Peeperkorn,

Das ist einer dieser Texte, die mich zweifeln lassen, ob ich nicht doch irgendwie falsch gewickelt bin, eingeschränkt durch ein naives Verständnis dessen, was Literatur sein kann und soll.

Ein vielversprechender Kommentareinstieg :D Ich stehe dem Text hier ja selbst zwiegespalten gegenüber, das habe ich schon erwähnt, deshalb verstehe ich auch gut, wenn du sagst, dass dir das zu wenig ist. @Carlo Zwei meinte, ich habe hier zu viel gewollt, ich glaube eher, das Gegenteil ist der Fall – ich habe mich doch sehr auf den Rhythmus und die eleganten Formulierungen, wie du das nennst, verlassen. Und ich vermute auch, dass da auch der Bärenanteil deiner Unverständnis herrührt: Der Text ist von keinem blutigen Anfänger verfasst, aber es gibt eine große Inhalt-/Sprache-Schere. Und so fragt man sich: Warum macht der das so, absichtlich? Das ginge doch auch besser!

Du sagst: In dem Text ist alles Akzent. Ja. Na ja, nein, ganz würde ich da nicht zustimmen, aber doch wahrscheinlich zu viel.

Konkret fand ich die beiden Abschnitte, in denen meines Erachtens wirklich etwas erzählt wird, das Gespräch mit der Mutter und dasjenige mit dem Bruder sehr gut. Davon hätte ich gerne mehr gehabt. Dafür hätten die Autoagressionsfantasien ruhig etwas weniger Raum einnehmen dürfen, das war mir in der Menge etwas zu sehr auf Effekt getrimmt und es gab da den einen oder anderen Moment, wo ich mir gedacht hab, ja, ich hab's verstanden, die Haut wird kross und tote Augen und das kalte Kotzen und Batteriesäure und alle Menschen sind Fratzen.

Das geht in eine ganz ähnliche Richtung wie der Kommentar von Sabine und ich habe mir das zu Herzen genommen und möchte das für meinen nächsten Text auch unbedingt tun. Hier habe ich einige dieser Bilder aus dem Text genommen, weil ich eingesehen habe, dass er doch sehr überladen war, sehr effekthascherisch daherkam und stattdessen ein paar mehr Szenen eingearbeitet, die zumindest einen Bezug zur Realität haben, nicht komplett im luftleeren Raum hängen.

Aber, das will ich noch mal klarstellen, ich möchte den Text hier nicht als gescheitert abstempeln. Ich weiß noch nicht genau, wie ich ihn in eine befriedigendere Richtung lenken kann, halte ihn mir aber auf jeden Fall warm. Und dein sehr deutliches Aufzeigen der Schwachstellen hat mir ja zumindest schon mal eine Richtung vorgegeben, und dafür danke ich dir!

Wenn das jetzt lediglich die Exposition einer Figur wäre und das Ding ginge weiter, und ich könnte tiefer dringen in die Figur, könnte sehen, wie sie interagiert, wie sie sich entwickelt, ob sie Erlösung erfährt oder noch tiefer fällt, würde ich den Text ziemlich feiern.

Das schreibe ich mir noch mal hinter die Ohren, ich vermute, genau da liegt der Hund begraben.

Hallo @Pepe86,

danke für deine Rückmeldung - schön, dass die Atmosphäre bei dir angekommen ist wie erhofft.

Bas

 
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Viel besser, finde ich. Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher, ob du mir nicht auch die alte Version hättest vorsetzen können. Genau den Finger drauflegen kann ich nämlich nicht, nur sagen, dass es mir jetzt besser gefällt. Die Form wirkt aufgelöster, die Absätze sind kürzer, fragmenthafter. Und gefühlt hast du auch die von Peeperkorn zurecht monierten vielen behaupteten Innenansichten rausgenommen und sie fehlen nicht.

Über ein Wort habe ich sinnfälliger Weise nachgedacht. "Kellnerfratzen". Da dachte ich mir, warum nennt er sie zuerst einfach Fratze, die ihm Kaffee serviert, und dann nochmal Kellnerfratze, um es mir zu erklären, damit ich auch ja weiß, wer gemeint ist. Es ist aber schon so, dass dieser Erzähler sich verständlich machen will und gerade das Unverstehen seiner Zuhörer antizpiert und darauf eigenwillig reagiert.

Also es funktionier viel besser für mich.

 
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Salut @Bas,

ohne Kommentare zu lesen gelesen. Hat mir gut, ja, sehr gut gefallen. Ich fange an mit ...

Hecken liegt Stacheldraht, den ich selbst dort angebracht habe
Hier würde ich den Fachausdruck nehmen. Weil es konzentrierter klingt als 'selbst dort oben angebracht habe', also: ... Hecken liegt Stacheldraht. (Mit Lust) (s)Selbst gezogen.
und setze es an meinem hässlichen Auge an, an die Stelle, wo Ober- und Unterlid
3 x 'an' ... hm, vielleicht so? ... setze es an mein hässliches Auge. Die Stelle, wo ...
Ich kaufe mir ein Teppichmesser und setze es an meinem hässlichen Auge an, an die Stelle, wo Ober- und Unterlid aufeinandertreffen und sich begegnen wie zwei Fremde, ich ziehe einen senkrechten Graben zum Mundwinkel und stecke meine Hand in die klaffende Hauttasche, laufe über die Straßen mit meinem Zweispitz auf dem Kopf und nenne mich Napoléon, um nicht mehr ich zu sein.
Ich entschließe mich, Napoléon zu werden, kaufe ein Teppichmesser, setze es an mein hässliches Auge. Die Stelle, wo Ober- und Unterlid aufeinandertreffen, sich begegnen wie zwei Fremde, ziehe einen senkrechten Graben zum Mundwinkel und stecke die Hand in die klaffende Hauttasche. Als der Bonaparte, laufe ich über die Straßen, mit dem Zweispitz auf dem Kopf (grüßend und französischen Singsang von mir gebend).
Napoléon Bonaparte[Komma] murmelt die Fratze

Olivier.
Soll ich mich tot stellen oder ihr öffnen,
Mach auf.
mich ihr öffnen, sie in den Arm nehmen und ihr sagen, wie sehr sie mir fehlt,
Ich bin’s.
wie sehr es mir fehlt, dass sie mir zuhört, mich versteht,
Bitte.
oder macht mich das angreifbar?
Olivier!
Ich stelle mich tot.
Einmal den Satz klein bzw. groß begonnen. Vielleicht die Antworten groß und in Kursiv oder in Klammern und kursiv.

Na, jedenfalls hat mir dein Text wirklich gut gefallen. So ein Borderline-Typ. Aggressiv, selbstzerstörerisch, superverletzlich ... und am Ende das Drama dahinter, in bester griechischer Tragödienmanier.

Griasle
Morphin

 

Bas

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Hallo @Carlo Zwei,

ach, super, dass du dich noch mal meldest. Ich hatte bis eben keinerlei Vorstellung, was ich mit der Überarbeitung verzapft hab, da hilft mir dein Kommentar sehr.

Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher, ob du mir nicht auch die alte Version hättest vorsetzen können.

:D Ich kann dir versichern, dass ich einiges geändert habe, viele Kleinigkeiten gestrichen, die ein oder andere Ergänzung hinzugefügt.

Und gefühlt hast du auch die von Peeperkorn zurecht monierten vielen behaupteten Innenansichten rausgenommen und sie fehlen nicht.

Ja, und auch das.

Über ein Wort habe ich sinnfälliger Weise nachgedacht. "Kellnerfratzen". Da dachte ich mir, warum nennt er sie zuerst einfach Fratze, die ihm Kaffee serviert, und dann nochmal Kellnerfratze, um es mir zu erklären, damit ich auch ja weiß, wer gemeint ist. Es ist aber schon so, dass dieser Erzähler sich verständlich machen will und gerade das Unverstehen seiner Zuhörer antizpiert und darauf eigenwillig reagiert.

Guter Einwand, das ist wirklich sehr leserorientiert. Und ein bisschen natürlich auch mit Blick auf die Wiederholungen, Fratze, Fratze, Fratze, ich war zwischenzeitlich schon am überlegen, den Titel auszutauschen ... Ich schau mir noch mal an, wie ich das handhabe.
Zum zweiten Teil, das ist ja auch ein bisschen das, was du ursprünglich kritisiert hattest: Der Protagonist scheint sich seiner Rolle als Protagonist bewusst zu sein und beantwortet so quasi schon im Voraus aufkommende Fragen und dadurch ist er ... vielleicht weniger spannend?
Du hast als Gegenentwurf den Joker genannt (den ich immer noch nicht gesehen habe, shame on me), ich musste ein bisschen an Gustaf denken, den du ja auch gelesen hast und mochtest, da handhabe ich das anders, der tut Dinge und man muss sich als Leser selbst seinen Reim darauf machen, warum er die tut. Da ist kein Ich-Erzähler, der die Motivation aufbröselt und erklärt, und ja, ich glaube, das ist die spannendere Variante. Ihre Daseinsberechtigung haben wohl beide Herangehensweisen.

Wie gesagt, hat mir sehr geholfen, dein erneuter Kommentar.

(Kleiner Hinweis noch: Deine letzte Geschichte hast du im März eingestellt, jetzt naht der August, das wären dann fünf Monate, und das ist fast ein halbes Jahr. Und das geht eigentlich gar nicht. Also bis ganz bald unter deiner nächsten Geschichte :thumbsup:)

Bas

 

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