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Geh einfach

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Geh einfach

Er stellt sich in den Hauseingang, um dem eiskalten Wind zu entkommen. Hoffentlich ist das Taxi schnell hier, denkt er, als er die Sporttasche neben sich ablegt. Zumindest genügend Klamotten für ein paar Tage konnte er einpacken. So aufgebracht hat er sie selten erlebt, die Worte „geh einfach“ umso häufiger. Auch diesmal wegen einer Kleinigkeit. Aber Schuld sind all die Kleinigkeiten, die ihr immer wieder zeigen, wie wenig er an ihre Bedürfnisse denkt. Zu Recht ist er draußen in der Dunkelheit, in der Kälte und sie in der warmen Wohnung.

„Wo soll’s hingehen?“, fragt der Taxifahrer, nachdem er eingestiegen ist.
„Kennen Sie ein günstiges Hotel, am besten nahe dem Zentrum, falls ich abends raus will?“
Der Fahrer überlegt kurz. „Ja, denke schon. Eine kleine Pension, nicht weit vom Hauptbahnhof, in einer ruhigen Seitenstraße.“
„Okay, hört sich gut an.“
Er blickt aus dem Seitenfenster, zu ihrer gemeinsamen Wohnung. Sie hat das Licht gedimmt, ist an keinem Fenster zu sehen.

Das Zimmer der Pension liegt im dritten Stock. Spartanisch eingerichtet in weiß und hellbraun. Das Bett ordentlich gemacht, alles an seinem Platz.
Wie sehr sie es hasst, nach der Arbeit nach Hause zu kommen und die bei ihm übliche Unordnung vorzufinden. Hat er nie etwas daran geändert, weil es ihm egal ist? Oder um sie herauszufordern, ihr seinen Willen entgegenzusetzen? „Hätten wir mal darüber gesprochen“, sagt er leise.
Ein dezenter Vanilleduft liegt in der Luft. Nicht Lavendel, den sie so liebt. Er stellt die Tasche neben dem Bett ab und geht zum Fenster. Es hat leicht zu schneien begonnen. Am Ende der Seitenstraße sieht er eine blaue Neonschrift, nicht lesbar von hier aus. Vielleicht eine Bar oder ein Club, denkt er und legt sich aufs Bett.

Er betrachtet das leuchtende Schild über dem Eingang: dream lounge. Es ist kurz nach zweiundzwanzig Uhr, verrät ihm ein Blick auf sein Smartphone. Kein Anruf von ihr. Aber auch keiner von ihm.
Die Eingangstür steht einen Spalt offen. Er geht hinein, lässt die kalte Winterluft hinter sich. Drinnen ist alles in angenehmes, gedimmtes Licht getaucht. Am Ende des großen Raums befindet sich eine kleine, blau beleuchtete Bühne. Eine junge Frau sitzt dort auf einem Barhocker und spielt auf einer Akustikgitarre. Er erkennt das Lied, als er nach links zur Bar geht: just hold me von Maria Mena. Sie singt mit leiser, rauer Stimme.
Der Barkeeper kommt zu ihm. „Was darf’s sein?“
„Ein Pils.“
Er sieht sich im Raum um. Nur wenige der kleinen Tische sind besetzt, hauptsächlich durch einsame Besucher wie ihn. Am anderen Ende der Bar sitzt ein junges Paar Händchen haltend einander zugewandt. Der Mann hält sein Glas umklammert, seine Partnerin erzählt lebhaft.
Die junge Frau auf der Bühne spielt die letzten Akkorde, beugt sich nach unten und trinkt aus einer kleinen Wasserflasche. Ihr Blick wandert durch den Raum, von Gast zu Gast, schließlich auch zu dem Pärchen und zu ihm. Dann schließt sie die Augen und stimmt ein weiteres Lied an.

Not gonna hold my breath
Not gonna fear what´s next
But what´s next?
Er kennt das Lied nicht, aber durch die ruhigen Klänge und raue Stimme bekommt er Gänsehaut. Seine Augen werden glasig, als er an die unnötigen Streitereien denkt. Der Barkeeper stellt das Pils vor ihm ab, er trinkt einen großen Schluck.
Just leave, trust me
Only when it´s done, we can try to restart
It´s better that we heal than be broken apart
Das junge Paar sitzt mittlerweile schweigend nebeneinander. Sie blicken zur Bühne und nippen an ihren Cocktails. Redet miteinander, denkt er. Fangt früh damit an.

Er sitzt im Frühstücksraum und sieht erneut nach. Noch immer kein Anruf von ihr, keine Nachricht.
Einen Tisch weiter sitzt ein älterer Mann, trinkt Kaffee und blickt immer wieder auf seine Armbanduhr. Nach einigen Minuten kommt eine Frau im ungefähr gleichen Alter herein, legt ihm kurz ihre Hand auf die Schulter und setzt sich. Während des Frühstücks sprechen sie kein Wort miteinander. Sie wischt ihm mit einer Serviette etwas Marmelade vom Mundwinkel. Er legt für einige Sekunden seine Hand auf ihre. Immer wieder blicken sie sich mit einem angedeuteten Lächeln an.
Erst als sein Kaffee fast kalt ist, merkt er, dass er das ältere Paar schon längere Zeit beobachtet. Ihre stille Verbundenheit. Und überlegt, endlich anzurufen. Stattdessen verlässt er den Raum.

Es hat aufgehört zu schneien, eine dünne Schneeschicht bedeckt den Boden vorm Hauptbahnhof. Er betritt die Bahnhofshalle. Menschen eilen an ihm vorbei. Einige telefonieren, reden mit oder zu jemandem. Die große Informationstafel zeigt ihm unzählige Reisemöglichkeiten. Als stünde er auf einer Lichtung, von der Wege in alle Himmelsrichtungen führen. Er muss sich nur entscheiden, niemand würde ihn aufhalten.
Er lächelt, als er an das ältere Paar beim Frühstück denkt.
Mittlerweile ist er sich sicher, dass sie das gleiche macht wie er. Sich Fragen stellt, darüber nachdenkt, anzurufen. Immer wieder prüft, ob er sich gemeldet hat.
„Noch gehe ich nicht“, flüstert er mit einem letzten Blick auf die Informationstafel. Und dreht sich um, verlässt den Bahnhof und geht zum Taxistand.
„Wo geht’s hin?“, fragt ihn der Fahrer, als er die Tür geschlossen hat.
Er nennt die Adresse. „Nach Hause.“
„Okay.“

 
Wortkrieger-Team
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Salü @Rob F,

als ich nach langer Zeit mal wieder hier auftauchte, habe ich erst gar nicht geschnallt, dass es "Flash Fiction" gibt, und wunderte mich über die vielen "kurzen" Geschichten. Dann hab ich die Kategorie durch Zufall entdeckt und mir ging ein Lichtlein auf. Also eine "Kürzestgeschichte" sozusagen. Ja, und wie oft sich der Inhalt wiederholt, täglich, geht sicher auf keine Kuhhaut. Erkenntnis kommt oft spät. Manchmal aber nicht zu spät. Über eines bin ich gestolpert:

Er blickt aus dem Seitenfenster, als er an ihrer gemeinsamen Wohnung vorbeigefahren wird
Er steht ja schon unten im Hauseingang, geht schnurstracks zum Taxi und guckt dann wohl noch mal hoch, so dachte ich.

ungefähr gleichen Alter hinein
"herein" empfände ich hier als besser.

Er lächelt, als er an das ältere Paar beim Frühstück denkt. Sie macht das Gleiche wie er, da ist er sich mittlerweile sicher.
Da dachte ich erst, du meinst mit "Sie macht" die Dame des älteren Paars, bis mir klar wurde, er meint seine Frau/Freundin. Vielleicht würde ein Absatz helfen oder tatsächlich einen Namen vergeben, was aber natürlich die Distanz verkürzt zur Person.

Alt und jung betrachtend. Die Jungen wissen noch nicht, was da so alles auf sie zurollt ... okay, das war gemein. Eine schöne, kurze Geschichte.

Griasle
Morphin

 
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Hallo @Morphin ,

so unterschiedlich die Menschen auch sind, so sind es dann ja doch oft ähnliche Stationen:

Eine sich anbahnende Beziehung in jungen Jahren, vielleicht die erste. Sie gehen noch fest davon aus, dass alles harmonisch verläuft. :sealed:
Irgendwann eine für beide schwer aufrechtzuerhaltende Beziehung, beide stellen sich wie hier der Protagonist immer mehr die Frage: Kehre ich nach Hause zurück, oder nehme ich doch irgendwann den Zug?
Und das ältere Ehepaar, beide wissen, dass sie auch ihre weiteren Jahre miteinander verbringen werden. Sie sitzen ruhig beieinander, können Stille aushalten.

Mehr sollte es auch nicht sein, also m.E. schon passend für den Bereich flash fiction.

Die von dir genannten Stellen habe ich angepasst, danke für die Hinweise!

Viele Grüße,
Rob

 

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