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Gewichtige Weihnachten

Bin

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10.12.2016
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Gewichtige Weihnachten

Ich esse gerne und ich habe immer gerne gegessen. Klingt einfach und konstant. Dahinter stehen aber Talfahrten und Abgründe. Konnte ich als Kind unbeschwert essen? Soweit ich mich erinnere ja. Darum war ich immer etwas pumelig. Ich ass einfach. Ich ass, was man mir angeboten hat. Der Begriff Allesesser trifft zu. Und wenn ich das Gemüse doch nicht wirklich gerne hatte, dann habe ich es einfach so schnell wie möglich runtergeschluckt. Das Gemüse war Pflicht am Mittagstisch. Meine Geschwister verstanden das nicht so. Regelmässig stritten sie sich deshalb mit der Mutter und regelmässig gewannen sie den Kampf. Mit der Zeit kann ich den Ausgang des Gesprächs sowieso. Mich hat es einfach nur gestresst. Das Essen beruhigte mich.
Im Verlauf der Zeit oder als ich meiner Mutters Vorstellung von Dünnsein nicht mehr entsprach, haben die Zurechtweisungen angefangen, als ich mir das Essen ein zweites Mal schöpften wollte. Warum war es plötzlich falsch, wo ich früher doch nicht einfach einen Bissen habe stehen lassen dürfen? Ich war noch nicht satt, auch wenn meine Mutter anderer Meinung war. Die Folge waren Gewissensbisse, wenn ich dennoch weiter ass.
Dass Mutter eine Essstörung hat, habe ich erst Jahre später realisiert. Dennoch habe ich es unbewusst viel früher mitbekommen. Ich habe Erinnerungen daran, dass ich gegessen habe um meiner Mutter aufzuzeigen, dass sie nicht Angst vor dem Essen haben musste und essen soll. Es hat funktioniert. Wenn ich das Doppelte ass, getraute sie sich mehr zu essen. Der Mechanismus hat sie später übernommen. Sie animierte mich zum Süssigkeiten essen, damit sie selber welche essen konnte. Natürlich in reduzierter Form. Sicher nicht so wie ich! Ihre eigenen Schuldgefühle waren beruhigt. Sie hatte mich als eine Ko-Abhängige.
Das Resultat dieser Jahre war, dass ich das Gefühl bekommen habe, dass ich ein Schwergewicht sei. Effektiv habe ich auch in meinen dicksten Phasen nie den BMI einer Normalgewichtigen überschritten. Als dann das Weihnachtsgeschenk vom Vater eine Personenwaage unter dem Weihnachtsbaum lag, war es im wahrsten Sinne des Wortes eine Bescherung. Einer nach dem anderen musste auf die Waage stehen. Ich war die Schwerste. Die Worte, die folgten und trösten sollten, waren furchtbar. Übersetzt kamen sie nämlich so an. Du bist zwar fruchtbar dick, aber es ist nicht so schlimm. Ich beschloss noch an diesem Abend abzunehmen und verzichtete auf den darauffolgenden Nachtisch.
Die nächsten Tage ass ich einfach weniger von dem, was als Ungesund galt. Das war mein Abnehmrezept. Die Bemerkung, dass, wenn man abnehmen will, weniger als tausend Kalorien essen sollte, führte mich in den Abgrund. Ich war oft müde und hatte schnell kalt. Meine Schulkollegen lobten mich hingegen für meine neue Figur. Plötzlich war ich jemand.
Ein paar Wochen später war mir einmal so kalt, dass ich meine Hände nicht mehr spürte, was mir Angst machte. Ich fing an zu weinen. ,,Selber schuld, wenn du so wenig isst’’, schrie meine Mutter mich zusammen. Also hatte ich wieder alles falsch gemacht. Die Tatsache, dass an jenem Tag Minustemperaturen geherrscht haben und ich während Stunden draussen gewesen bin, wurde ignoriert. Essen sollte ich also nun wieder, was ich tat. Unkontrolliert und grosse Mengen. Der nächste Tadel kam dann auch umgehend. Den ganzen Kühlschrank leerzuessen! Es war eine masslose Übertreibung, aber ich hatte Hunger und Appetit. Hinterher habe ich einmal versucht zu erbrechen, so wie Mutter es mir einst gelehrt hatte, als mir übel war: Ich solle mir den Finger in den Hals stecken. Woher wusste sie das so genau, wenn sie es nicht selber schon gemacht hatte? Aber nach dem einen Versuch liess ich es sein, respektiv ich verbot es mir. Die körperlichen Schäden wären zu gross.
Darauf folgten Jahre im Wechselbad. Ich hatte einen Anteil, der eher zu wenig ass, und einen anderen Anteil, der das einfach nachholen musste. Bis sich diese beiden Seiten zu einem Essen nach Lust und Laune entwickelt hatte, brauchte Zeit. Weihnachten steht bevor: Ich entscheide alleine was und wie ich essen werde!

 

Hej Bin,

da ist wieder gleich Weihnachten und du bist auch zurück. ;)

Die Retrospektive deiner Protagonistin ist deprimierend und dennoch schwingt ein humorvoller Unterton mit. Schon im Titel klingt er an. Und der passt gut zum Verlauf, denn im Grunde scheint sie mit sich selbst zufrieden zu sein und reflektiert bloß dauernd ihre Familie.
Sehr gut gefällt mir das Familiäre Muster, diese Spiegel und Wechselwirkungen. Ja, Familie ist nicht nur ein Segen.

Darum war ich immer etwas pumelig.

pummelig

Mit der Zeit kann ich den Ausgang des Gesprächs sowieso.

Hier stimmt was nicht. ;)

als ich mir das Essen ein zweites Mal schöpften wollte.

schöpfen oder doch nachfüllen :shy:

Ich war noch nicht satt, auch wenn meine Mutter anderer Meinung war. Die Folge waren Gewissensbisse, wenn ich dennoch weiter ass.

Hier schwingt der Humor wieder, obwohl mir das Lachen im hals stecken bleibt, wenn ich an das arme Ding denke, wie es hungrig und dafür voll von Gewissensbissen ist. :(

Der Mechanismus hat sie später übernommen.

den Mechanismus ...

Das Resultat dieser Jahre war, dass ich das Gefühl bekommen habe, dass ich ein Schwergewicht sei.

Dieser Satz hat sie etwas vermurkst an. Vielleicht kannst du darüber nachdenken, ihn umzustellen.

Effektiv habe ich auch in meinen dicksten Phasen nie den BMI einer Normalgewichtigen überschritten.

das sagt mir jetzt zum Glück nix, aber hört sich eher normalgewichtig als übergewichtig an. :hmm:

Einer nach dem anderen musste auf die Waage stehen.

Der klingt auch ein bißchen spröde und es müsste ... musste auf der Waage stehen oder auf die Waage gehenheißen.

Übersetzt kamen sie nämlich so an.

ein Doppelpunkt würde sinnvoll sein.

Die nächsten Tage ass ich einfach weniger von dem, was als Ungesund galt.

kleine ungesund

Ich war oft müde und hatte schnell kalt.

Das hört sich für mich ungewöhnlich an. Kalt sein ist mir geläufiger.

Ein paar Wochen später war mir einmal so kalt, dass ich meine Hände nicht mehr spürte, was mir Angst machte. Ich fing an zu weinen. ,,Selber schuld, wenn du so wenig isst’’, schrie meine Mutter mich zusammen. Also hatte ich wieder alles falsch gemacht. Die Tatsache, dass an jenem Tag Minustemperaturen geherrscht haben und ich während Stunden draussen gewesen bin, wurde ignoriert. Essen sollte ich also nun wieder, was ich tat. Unkontrolliert und grosse Mengen. Der nächste Tadel kam dann auch umgehend. Den ganzen Kühlschrank leerzuessen!

Ein Teufelskreis für die freundliche Protagonistin mit einer Engelsgeduld. Ich leide mit ihr.

Hinterher habe ich einmal versucht zu erbrechen, so wie Mutter es mir einst gelehrt hatte, als mir übel war: Ich solle mir den Finger in den Hals stecken. Woher wusste sie das so genau, wenn sie es nicht selber schon gemacht hatte? Aber nach dem einen Versuch liess ich es sein, respektiv ich verbot es mir. Die körperlichen Schäden wären zu gross.

Das ist thematisch ein großer Sprung, denn hatte sie solange alle Höhen und Tiefen klaglos überwunden, wehrt sie sich an dieser Stelle mit dem Hintergrundwissen der Bulämie ihrer Mutter und den Schäden.
Der letzte Satz ist gar nicht notwendig und hört sich nach einem medizinischen Text an.

Bis sich diese beiden Seiten zu einem Essen nach Lust und Laune entwickelt hatte, brauchte Zeit. Weihnachten steht bevor: Ich entscheide alleine was und wie ich essen werde!

Das kommt jetzt zwar ein bißchen hopplahopp, aber besser als gar nicht, denn ich bin froh und dankbar, dass sie es so sieht und lebt.

Das war mein Eindruck. Ich bin nicht so der Fehlerfuchs, möglich dass noch einige versteckt geblieben sind.

Freundlicher Gruß, Kanji

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo Kanji

Dass du dich an mich erinnerst, freut mich! Merci, sowohl für die positive als auch die kritische Rückmeldung. Ich werde gleich im Original Korrekturen vornehmen.

 

Hallo Bin,

ich kann in allen Punkten meiner Vorredner mitgehen.
Für mich liest sich das noch nicht nach einer Geschichte. Das ist mehr ein Bericht. Das Problem mit Berichten ist, dass nicht berühren. Dabei gäbe dein Thema eine MengeKonfliktstoff für eine Geschichte her.
Du musst szenisch werden, also klare Bilder hervorrufen, in denen das erlebbar wird, was du in deinem Text behauptest.
Im Ansatz hast du das schon drin mit den kalten Händen und als die Mutter sie anschreit. Direkte Rede, da passiert etwas, man kann es erleben.
Davon braucht der Text dringend mehr. Zeige deine beiden Figuren, lass sie miteinander reden, streiten, sich anschreien und sich anschweigen.

Ich werde gleich im Original Korrekturen vornehmen.
weiß ja nicht, was du das Original nennst, aber über den Bearbeiten-Button kommst du in den Editor, um die Geschichte hier auf der Seite zu verändern.
Es wäre schön, wenn du uns an deinen Änderungen teilhaben lässt :)

Eine "leckere" Weihnachtszeit

grüßlichst
weltenläufer

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo Bea

In der Schweiz gibt es die Unterscheidung zwischen scharfem und weichem S nicht.

 

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