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Grenzgänger des Patriarchats

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06.07.2022
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Grenzgänger des Patriarchats

„Wach?“, er liegt mit gestütztem Ellbogen vor mir und grinst mich auf die Weise an, als wisse er etwas über mich, das mir nie bewusst war oder werden würde. Ich reibe mir die Augen und versuche mich zu orientieren. Unglücklicherweise hält mich das Brett vor dem Kopf in das Kissen gedrückt. Ich bräuchte ein paar Minuten, kläre ich ihn auf. Er verdreht die Augen. Was soll das bedeuten?
„Ich geh‘ Kaffee besorgen.“, ich höre wie die Haustür zufällt
Welcher normale Mensch hat keine Kaffeemaschine in seiner Wohnung, denke ich, bevor ich mich ähnlich einem alten Mann aus dem Bett aufrappele. Es ist wieder passiert. Ein Anfall von Manie, Euphorie oder was auch immer dieses Mal meine kognitive Welt zu beeinflussen vermochte.
Ich brauche Wasser. Dringend.
Ich tappe ins Badezimmer und halte den Mund unter den Wasserhahn. Es ist völlig irrelevant, dass meine Haare in diesem Moment etwas nass werden. Die Hauptsache ist gerade, dass mein Kreislauf nicht den Geist aufgibt. Ich schaue in den Spiegel und starre auf die Tropfen die aus ein paar Haarsträhnen tropfen. Denken die Leute ich sei verrückt? Was ist gestern passiert? Warum kennt das Ding in meinem Kopf nur schwarz und weiß. Wie geht grau eigentlich?
Die Fragen stürzen auf mich ein wie ein schlecht konstruierter Jenga-Turm. Ich drücke meine Handballen auf meine Schläfen und schüttle meinen Kopf. Kurz Ruhe.
„Wie lang willst du da drin bleiben?“ Hä, seit wann ist der wieder da? Wie lange war ich in diesem immer wieder kehrenden Monolog gefangen? Was soll ich antworten? Wer ist der Kerl?
Fuck. Wieder diese Fragen. Reiß dich zusammen.
Ich husche an ihm vorbei zum Bett und ziehe meinen Rock an. „Hör mal, ich, ich muss dringend zur Arbeit.“ Das war eine Lüge.
„Ich kann dich fahren.“
„Nein.“ Das kam zu forsch. Ich kann nicht klar denken. „Danke für das Angebot aber ich gehe lieber.“ Ich glaube ich bin noch nie so schnell ein Treppenhaus hinuntergesprintet. Während jeder einzelnen Stufe höre ich nur „Fuck. Fuck. Fuck. Fuck...“
Eigentlich musste ich nicht zur Arbeit aber die meisten Höflichkeiten werden ohne Nachdruck angenommen. Das ist oft mein Glück.
Ich sehe ein großes Plakat mit einer Frau darauf. Lange braune glatte Haaren, volle Lippen, orangefarbene Dahlien umrahmen ihr feminines Gesicht. Lange Wimpern und Augen wie zartbitter- Schokolade. Alles an diesem Bildnis verspricht die Erfüllung aller Sehnsüchte, von denen die großen Poeten berichten. Aber da spricht nur der Mann aus mir. Der sogenannte „Male Gaze“ ist in jeder Frau innewohnend ohne dass die meisten es merken. Wir verteidigen diese Sicht auf die Frau allesamt. Die Frau auf dem Plakat ist die gesellschaftliche Motivation und wir lieben sie mit allem was wir haben. Ich liebe sie so sehr, dass ich in meinen tiefsten Augenblicken zu ihr werde. In solchen Momenten fühle ich mich ausgefüllt und geborgen. Und gleichzeitig geht all meine Substanz verloren.
So wie gestern Nacht, sage ich leise vor mich hin.
Der flüssige Wachmacher, den mir der unbekannte Typ vorhin in die Hand drückte, ist mittlerweile kalt und schmeckt nach Kaffeesatz.
Die Frau von dem großen Billboard erscheint wieder in meiner Gedankensphäre und lacht mich auf einmal höhnisch aus.
Lisa, du bist keine Other Woman, du bist langweilig. Und seltsam obendrein.
Was soll überhaupt so toll daran sein die andere Frau zu verkörpern, kontere ich. Sie hat Zeit für all die schönen Dinge im Leben, die den Schein machen uns mit Substanz zu bereichern. Aber während wir ihrem Vorbild vertrauen und folgen, verlieren wir das was jedes Individuum ausmacht. Frauen sind Individuen. Jede kommt mit ihrem eigenen intrinsischen Geschenk auf diese Erde. Wir packen dieses Geschenk jedoch selten aus und versuchen es zu einer nicht erkennbaren Form zu pressen. Umhüllt von Schleifen, Glitzer und Glamour erkennen wir nicht mehr was darunter versucht zu atmen. Oder soll ich sagen, nach Luft zu ringen. Ehefrauen haben Angst oder empfinden Hass gegenüber der Other Woman. Ohne es zu wissen bleibt ihnen jedoch ihre gesamte Substanz erhalten.
„Gute Frau!“, sie winkeln meine Beine an, damit ich wieder zu Bewusstsein komme. „Rufen Sie den Krankenwagen.“ „Nein, danke. Mir war nur schwindelig.“ Ich gestikuliere eine Abwehrbewegung und gehe ein paar Schritte. Das wäre der Frau auf dem Plakat nicht passiert, denke ich laut.

 

Welcher normale Mensch hat keine Kaffeemaschine in seiner Wohnung, denke ich, bevor ich mich ähnlich einem alten Mann aus dem Bett aufrappele.

Ich drücke meine Handballen auf meine Schläfen und schüttle meinen Kopf.

Warum wählt der jetzt die beiden Sätze als Eingangszitate, magstu Dich fragen,

liebe Victoria Petry,

und ich will es Dir sofort sagen: Zum ersten, weil das mir anvertraute Weib für eine Kaffeemaschine gesorgt hat und somit wir nach Deiner Aussage (leidlich) „normale“ Menschen sind, und zum zwoten zitiere ich einen Satz, der das Personalpronomen „ich“ bevorzugt in seinem 2. Fall (meine/n), Genitiv verwendet, als hätte da jemand Furcht, Besitzstände – der Genitiv weist zumeist auf Besitz hin (meines Vaters/meiner Mutter Sohn u. v. A, mehr), was mir eine auf sich selbst bezogene Person verraten will.

Alles nix Schlimmes, aber bereits wird fröhlich im ersten Satz

„Wach?“, er liegt mit gestütztem Ellbogen vor mir und grinst mich auf die Weise an, als wisse er etwas über mich, das mir nie bewusst war oder werden würde.
Indikativ und Konjunktiv (liegt, grinst vs. wisse, würde) miteinander vermengt und vor allem die Zeitenfolge nicht eingehalten (liegt, grinst, war, werden). Nicht unbedingt ein guter Start, der nur durch gelingendere Folgesätze gerettet werden kann (was dann auch zwo kürzere Sätze lang gelingt, die natürlich die Frage aufkommen lassen: Warum lange Satzfolgen, wennn deren Zerschlagung wahrscheinlich ein besseres Gelingen verspricht.)

Aber ach, der Konjunktiv wird auf den Gipfel getrieben!

Ich bräuchte ein paar Minuten, kläre ich ihn auf.
wobei die Aufklärung nun darin besteht, den unnötigen Konjunktiv bei einem Modalverb das in die Rolle eines Vollverbs schlüpft abzuschaffen und den Indikativ „brauche“ zu wählen. (der Konj. II hat zudem die unangenehme Eigenschaft, dass er Zweifel - in dem Fall an der zeitl. Aussage von ein paar Minuten sät ...)

Womit wir in der trivialeren, reinen Flusenlese stranden

„Ich geh‘ Kaffee besorgen.“, ich höre wie die Haustür zufällt
korrekter: »„Ich geh‘ Kaffee besorgen.“ Ich höre, wie die Haustür zufällt.«

Ich schaue in den Spiegel und starre auf die TropfenKOMMA die aus ein paar Haarsträhnen tropfen. Denken die LeuteKOMMA ich sei verrückt?

Wie lange war ich in diesem immer wieder kehrenden Monolog gefangen?
„wiederkehren“ ein Wort

Lange Wimpern und Augen wie zartbitter- Schokolade.
Zartbitterschokolade oder zartbittere Schokolade

Alles kein Beinbruch und bekanntermaßen ist bisher weder ein Meister oder seine Frau oder eine Meisterin nebst ihrem angetrauten/geliebten Menschen vom Himmel gefallen. Was hätten sie auch davon -
außer einem gebrochenen Genick.

In diesem Sinne

welcome 2 the pleasuredome,

dear @Victoria Petry!

 

@Friedrichard Vielen Dank für das genaue Zerpflücken meiner Arbeit. Ich gebe Dir bei allen Punkten recht und kann nun mit dem Verbessern beginnen.
Liebe Grüße!

 

Ah - ich muss auch wieder mal beim ids reinschauen, vor allem, um nicht immer in die Mitte der 60er zurückzufallen (wiewohl die Anekdote zu Sonnen- und dem Mondschein doch ganz schön schön ist).

Tschüss & ein schönes Wochenende aus'm Pott

vonnet Dante Friedchen

 

Hallo @Victoria Petry

herzlich willkommen hier im Forum! Ich fand deine Geschichte sehr interessant.
Ein paar Sachen die mir aufgefallen sind.

Ich bräuchte ein paar Minuten, kläre ich ihn auf.
Umständlich formuliert. Vielleicht willst du hier doch einfach direkte Rede nehmen?

„Ich geh‘ Kaffee besorgen.“, ich höre wie die Haustür zufällt
Das mit dem Komma hat ja Friedrichard schon angemerkt. Ich hätte aber auch einen Absatz gemacht. Den Satz sagt er, die Tür Zufallen hört sie.

„Wie lang willst du da drin bleiben?“ Hä, seit wann ist der wieder da? Wie lange war ich in diesem immer wieder kehrenden Monolog gefangen?
Absatz nach seiner Aussage. Er spricht, sie denkt.

Other Woman
Was genau meinst du hier mit "Other Woman"? Mir ist das nicht so ganz klar geworden. Ich dachte immer die OW wäre die Frau mit der ein Mann seine Ehefrau betrügt? Aber ich glaube in deinem Text meinst du mehr mit OW? Ich fand den Begriff in dem Text irgendwie befremdlich. Meinst du es würde etwas fehlen, wenn du den einfach raus nimmst?

Ehefrauen haben Angst oder empfinden Hass gegenüber der Other Woman. Ohne es zu wissen bleibt ihnen jedoch ihre gesamte Substanz erhalten.
Das habe ich auch nicht wirklich verstanden :susp: Den ersten Teil ja, aber das mit der Substanz?!

„Gute Frau!“, sie winkeln meine Beine an, damit ich wieder zu Bewusstsein komme. „Rufen Sie den Krankenwagen.“ „Nein, danke. Mir war nur schwindelig.“ Ich gestikuliere
Absatz nach Krankenwagen.

Das wäre der Frau auf dem Plakat nicht passiert, denke ich laut.
Hat mir sehr gut gefallen :herz:

So, das sind meine Eindrücke/Vorschläge. Nichts davon musst du übernehmen, es liegt bei dir. Mir hat deine sehr direkte Erzählweise gut gefallen, auch das viel weggelassen ist und viel nicht genau erklärt ist, man es aber trotzdem versteht. Das fand ich sehr spannend beim Lesen.

Ich habe deinen Text gerne gelesen und freue mich auf das, was noch so von dir kommt.

Gruß

Mary

 

Hallo Victoria,

gut! Ohne Wenn und Aber. Anstatt aus dem Bett aufrapple würde ich schreiben aus dem Bett schäle ... aber ansonsten beschreibt es prächtig gefühlvoll die Situation. Immer diese Selbstliebe, die dann wie ein zerrissenes Kleid hinter einem herschleift ... manchmal denke ich, es sei nur eine Erfahrung von uns alten Graureihern, aber es tröstet, dass es auch noch nicht vollständig bei der Jugend angekommen ist.
Gern gelesen - LG Detlev

 
Zuletzt bearbeitet:

Hey Victoria,

gleich im Titel ein Reizwort für alte, weiße Männer: Das würde ich ja niemals(TM) machen. (gelogen^^).
So, okay, hier das Pferd von hinten aufgezäumt:
Die Protagonistin ist also mit einem (wohl älteren, verheirateten) Mann abgestürzt, wohl nicht zum ersten Mal. Sie hatten eine "gute Nacht", (hoffentlich^^) mit Alkohol, mit Sex. Und am nächsten Tag flieht sie, in der Gewissheit, dass sie eben die "Other Woman" ist oder doch sein könnte, wenn sie wollte; die zwar eine nette Abwechslung, aber eben nicht Nr.1 ist - und auch niemals sein wird.
Unten, verkatert, vergleicht sie sich mit dem weiblichen Ideal auf dem Billboard: So schön! Aber so schön fühlt sie sich eben nicht ... sie fühlt sie "ungenügend"; zu wenig, um den Mann, den sie liebt, für sich zu behalten. Richtig?
Und falls ich richtig liege: Was zum Geier hat das mit "Patriarchat" zu tun? Das ist doch eine ganz persönliche, eigene, weibliche(!) Sichtweise.

Der Dante

EDIT: Ach, sie kennt den Kerl gar nicht! Also bloß ein gesichtsloser One-Night-Stand? Aber wieso dann der Gedankensprung zu diesem - sagen wir - "dualem Konzept" der Ehefrau vs. Other Woman. Und der Titel wird mir auch nicht klarer ... vielleicht so, dass sie mehr oder weniger freiwillig, in (von der Männerwelt) vordefinierte weibliche Rollenbilder schlüpft, sie also nicht sie selbst ist oder sein kann? Sie macht also das Patriachat für ihre ständigen "Abstürze" verantwortlich? Hm.

 

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